Ungeliebtes

Wie oft ist man zutiefst enttäuscht von sich
und weiß mit dieser Einsicht wenig anzufangen.
So hält man solches Sinnen schlicht für ärgerlich
fühlt ausgeliefert sich dem Fragen und dem Bangen.
 

Man kann die Fragen stellen oder nicht
und selbst das Bangen lässt sich ignorieren,
bis eines Tages etwas tief in uns zerbricht
aus Angst, das Unerkannte zu verlieren.
 

Das ungeliebte, mangelhafte Leben,
das tief verborgen harrt in dunklen Räumen,
stirbt unversehens einfach mal soeben,
während wir andre, bessre Leben träumen.
 

So unterschlägt man, dass das Ungeliebte,
das man bereit war einfach aufzugeben,
dereinst den Hochmut und den Stolz besiegte,
um unsre Unbestechlichkeit zu heben.
 

Was sind wir unsrem Wesen nach denn nun?
Sind wir das Glatte, Schöne, Makellose?
Hängt unser Wert tatsächlich ab vom Tun,
von einer äuß‘ren Haltung oder Pose?
 

Getäuschte sind wir und Beraubte,
und doch gewinnen wir uns dabei neu
Beständig spricht zu uns das Totgeglaubte
und trennt in uns die Früchte von der Spreu.

Dresden am 5. Februar 2024

Die Sünde und der Sündenfall

Der alttestamentliche Mythos vom Sündenfall schildert die Folgen, die das Essen vom Baum der Erkenntnis von gut und böse für den Menschen hatte. Doch diese Folgen waren nicht ausschließlich negativ. Die Schlange versprach Eva, sie würden wie Gott sein und erkennen, was gut und böse ist, wenn sie die Frucht vom Baum essen würden. Ebendiese verlockende Aussicht ließ Eva die Frucht als schön und genießbar erscheinen.

Was ist Sünde?

Was unter dem biblischen Begriff der Sünde und dem sogenannten Sündenfall genau zu verstehen ist, dazu gibt es sehr unterschiedliche und teilweise auch widersprüchliche Meinungen innerhalb der Kirchen und Konfessionen. Aber ohne eine klare Vorstellung vom Begriff der Sünde, des Sündigens und des Sünders, können sich uns Sinn und Bedeutung der Botschaft Jesu nicht erschließen, da die Sünde und der Sünder darin eine ganz zentrale Rolle einnehmen.

Die Geschichte des Sündenfalls

Der älteste biblische Bezug zu dem, was die jüdisch-christlichen Religionen als Sünde bezeichnen, findet sich in der alttestamentlichen Erzählung vom sogenannten „Sündenfall“ in dem Adam und Eva unerlaubterweise vom Baum der Erkenntnis von gut und böse essen. Auch wenn Jesus selbst den Begriff „Sündenfall“ so weder gekannt noch verwendet hat, ist er doch im Laufe der Religionsgeschichte für Juden und Christen gleichermaßen zu einer festen Vorstellung geworden.

Der alttestamentliche Mythos vom Sündenfall schildert die Folgen, die das Essen vom Baum der Erkenntnis für den Menschen hatte. Doch diese Folgen waren nicht ausschließlich negativ. Die Schlange versprach Eva, sie würden wie Gott sein und erkennen, was gut und böse ist, wenn sie die Frucht vom Baum essen würden. Ebendiese verlockende Aussicht ließ Eva die Frucht als schön und genießbar erscheinen.

Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte.

Genesis 3,6

Und dieses Versprechen der Schlange erfüllte sich dann auch tatsächlich, wie Gott am Ende selbst bestätigend feststellte:

Und Gott der JHWH sprach: Siehe, der Mensch ist nun geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist.

Genesis 3,22

Doch auch die negative Seite, die Gott zuvor warnend angekündigt hatte, welche die Schlange jedoch in Abrede stellte, erfüllte sich: Der Mensch wurde sterblich.

Von allen Bäumen im Garten kannst du nach Belieben essen; aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, wirst du des Todes sterben.

Genesis 2,17

Die zwei Aspekte des Sündenfalls

Versteht man die Sünde als Ungehorsam gegenüber dem göttlichen Gebot, so ist immer auch diese Zweiseitigkeit zu beachten. Das heißt, die Sünde, der Sünder oder das sündige Verhalten des Menschen ist nicht ausschließlich etwas Schlechtes, sondern es verleiht uns zugleich eine Eigenschaft, die nur Götter besitzen, nämlich die Fähigkeit, Gegensätzliches erkennen zu können:

Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren …

Genesis 3,7

Ich habe wohl gesagt: “Ihr seid Götter und allzumal Kinder des Höchsten …”

Psalm 82,6

Gut und böse, Tod und Leben, nackt und bekleidet, verborgen und offenbar, hell und dunkel, krank und gesund, jung und alt etc. Durch die Erkenntnisfähigkeit wurde dem Menschen die Welt der Gegensätze bewusst, die er vorher nicht wahrgenommen hatte. Doch ohne die Erkenntnisfähigkeit könnte uns auch die erlösende Botschaft Jesu nicht erreichen. Dass Erkenntnisfähigkeit die Grundlage für die Rettung des Menschen ist, daran lässt Jesus keinen Zweifel:

Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.

Johannes 17,3

Wehe euch Gesetzesgelehrten! Denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen; ihr selbst seid nicht hineingegangen, und die hineingehen wollten, habt ihr gehindert.

Matthäus 23,13

Wenn nun die Sünde Grund und Ursache dafür ist, dass wir überhaupt erkennen können, so kommt der Sünde damit eine ganz grundlegende und elementare Bedeutung zu. Tatsächlich wird Sünde, wenn wir sie im Sinne Jesu betrachten, zu einer Notwendigkeit, ohne die wir weder Heil noch Erlösung erfahren könnten.

Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Umkehr.

Lukas 5,32

Nicht die Gesunden, Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken.

Matthäus 9,12


Amen, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr.

Matthäus 21,31

Die Folgen der Sünde

Bevor ich diesen Gedanken weiter vertiefe, noch einmal zurück zur eingangs gestellten Frage: Was ist überhaupt unter Sünde zu verstehen? Einmal abgesehen davon, was sie an uns bewirkt hat und bis heute bewirkt, nämlich unsere Sterblichkeit und unsere Erkenntnisfähigkeit.

Der Begriff Sünde beschreibt eine Unabhängigkeit und ein Getrenntsein von Gott, wobei der Begriff „Gott“, im biblischen Sinn, mit Leben und Geist gleichzusetzen ist.

Der Mythos vom Sündenfall beschreibt diese beiden Phänomene. Zum einen, die von Gott „unabhängige“ Handlung im Sinnbild des unerlaubten Essens vom Baum der Erkenntnis. Und zum anderen die Folge dieser Unabhängigkeit, nämlich das „Getrenntsein“ von Gott, das in Tod und Sterben seinen Ausdruck findet. Setzen wir den Begriff „Gott“ mit „Leben“ gleich, so wird deutlich, dass die Folge der Sünde das Gegenteil Gottes ist, was dann notwendigerweise der „Tod“ sein muss. Folgen wir hier inhaltlich der Lehre Jesu, so ist das Gegenteil Gottes nicht dauerhaft möglich. Sünde und Tod sind zeitliche Phänomene, die wiederum durch Gott, der als zeitlose Größe zu verstehen ist, überwunden werden. Überwunden werden sie, indem Gott jegliche Trennung, alles Gegensätzliche und Widersprüchliche in sich vereint, wodurch es aufgehoben und jeglicher Streit befriedet ist.

Der Lehre Jesu nach, beruht unsere Empfindung der Trennung und des Getrenntseins in dieser Welt auf einem Irrtum – dem Irrtum, dass das, was wir gewöhnlich unter „Leben“ verstehen, begrenzt und vergänglich sei. Desgleichen, dass das, was wir “Leben” nennen, sich in seiner äußerlichen und zeitlich begrenzten Erscheinung erschöpft. Dem gegenüber stehen die Aussagen Jesu, wie auch die vieler Philosophen, dass das Leben unbedingt „mehr“ sei als das Äußere, Begrenzte und Dingliche:

Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?

Matthäus 6,25

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Aristoteles

Euch aber, meinen Freunden, sage ich: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, euch aber sonst nichts tun können.

Lukas 12,4

Insofern ist auch unter dem Begriff Sünde nicht so sehr ein bestimmtes Tun und Handeln an sich zu verstehen.

Sünde ist jenes Handeln, das aus dem Irrtum rührt, dass das Leben an sich begrenzt, unwägbar und unbeständig sei.

Dieser Irrtum führt dazu, dass wir dem Leben misstrauen. Ferner, dass wir allen unerwünschten Geschehnissen ablehnend gegenüberstehen, und dies, obwohl sie doch ein unabänderlicher Bestandteil unseres menschlichen Daseins sind und wir diesen Geschehnissen letztlich nicht entgehen können. Dies betrifft alles Beschwerliche und Ungerechte wie auch Krankheit, Sterben, Leid und Tod. Solche Geschehnisse halten wir für nicht lebenswert und nennen sie daher unser Unglück. Und da wir unser Unglück aus unserem Leben ausschließen, werden wir es unter allen Umständen zu verhindern suchen, selbst wenn dies zum Nachteil für unsere Mitmenschen wäre. Das Wesen der Sünde ist also weniger eine böse Tat an sich als vielmehr die irrtümliche Überzeugung, in der wir böses Handeln zu rechtfertigen versuchen.

Sünde ist die Rechtfertigung des Bösen – allerdings eine Rechtfertigung, die auf einem Irrtum beruht.

Die Sünde und der Zorn Gottes

Im Sinnzusammenhang mit dem Begriff der Sünde ist in der Bibel auch vom Zorn Gottes die Rede, der als Folge der Sünde verstanden wird. Das heißt, dass wir sterben, ist die Konsequenz dessen, dass wir Getäuschte sind und aus Täuschung und Irrtum handeln. Der Apostel Paulus bringt diesen Gedanken wie folgt auf den Punkt: 

… der Tod ist der Sünde Sold … 

Römer 6,23

Mit anderen Worten: Sterben und Tod sind Folgen einer falschen Vorstellung von dem, was wir unter dem Leben verstehen. Diese Konsequenz bezeichnet die Bibel als »Zorn Gottes«. Dabei darf der Begriff Zorn Gottes, nicht im menschlichen Sinne aufgefasst werden. Gott ist eben nicht zornig, wie ein Mensch zornig oder launisch ist. Was unter einem zornigen Gott zu verstehen ist, möchte ich in Stichpunkten kurz ausführen:

Wenn wir den Begriff Gott mit den Eigenschaften und Prinzipien gleichsetzen, durch welche ihn die Bibel beschreibt, so repräsentiert Gott Wahrheit, Liebe, Leben, Geist, Licht, Gerechtigkeit, Ewigkeit, Barmherzigkeit, Erbarmen etc. Folgen wir den Aussagen Jesu, so beruht Gottes Zorn darauf, dass jegliche Abweichung von Gottes Wesenheit, seinen „Zorn“ hervorruft. Gottes Zorn ist demnach nichts anderes als die Konsequenz eines irrtümlichen Denkens oder Handelns, das den zeitlos-ewigen, d. h. den göttlichen Prinzipien widerspricht:

Ist Gott Wahrheit, so kann in ihm keine Unwahrheit sein. Ist Gott Leben, so kann in ihm kein Tod sein. Ist Gott Liebe, so kann in Ihm kein Hass sein. Ist Gott Geist, so kann in ihm keine Geistlosigkeit sein. Ist Gott Licht der Erkenntnis, so können in ihm weder Dunkelheit noch Unwissenheit sein. Ist Gott Gerechtigkeit, so kann in ihm keine Ungerechtigkeit sein. Ist Gott Ewigkeit und Zeitlosigkeit, so kann in ihm weder zeitliche Begrenzung noch irgendeine Beschränkung sein. Ist Gott Barmherzigkeit, so kann in ihm keine Unbarmherzigkeit sein. Ist Gott Gnade, so kann in ihm keine Gnadenlosigkeit sein. Ist Gott Erbarmen, so kann in ihm keine Erbarmungslosigkeit sein. Hieraus folgt:

Soweit uns das Gegenteil von Gott anhaftet, soweit sind wir unter seinem Zorn.

Gottes Zorn – Die Konsequenz des Widerspruchs gegen Gott

So gilt im Sinne der Botschaft Jesu: Dort, wo wir entgegen dem Wesen Gottes denken oder handeln, sind wir unter dem Zorn Gottes. Nicht etwa, weil Gott uns bestrafen wollte, wie ein Mensch einen Menschen straft, sondern weil es sich bei Gottes Zorn um die Konsequenz eines Widerspruchs gegen ein universelles Prinzip handelt:

Halten wir fest an Täuschung und Lüge, werden wir bloßgestellt, sobald wir mit der Wahrheit konfrontiert werden. Die Aufdeckung des Irrtums und die Peinlichkeit unserer Bloßstellung ist der Zorn Gottes.

Bewerten wir Vergängliches höher als Unvergängliches, so werten wir damit auch die eigene ideelle Existenz ab. Wut und Trauer angesichts der Vergänglichkeit unserer Existenz ist der Zorn Gottes.

Verbreiten wir Lieblosigkeit und Verzweiflung unter unseren Mitmenschen, so ist unsere eigene Verzweiflung angesichts erfahrener Lieblosigkeit Gottes Zorn.

Leben und handeln wir geistlos, das heißt willkürlich, unbegründet und beliebig an unserem Mitmenschen, werden wir ebenda mit Geistlosigkeit konfrontiert, wo wir selbst der Willkür, dem Zufall und der Sinnlosigkeit zum Opfer fallen – eben das ist Gottes Zorn.

Verhindern wir Erkenntnis, indem wir anstelle innerer Einsichten Glaubensrezepte vertreten, werden wir die Erkenntnislehre Jesu nicht fassen können, nach welcher Gott ausnahmslos alle Dinge wirkt, darin er gesucht wird. Ungläubigkeit gegenüber dem Unglaublichen und Fassungslosigkeit gegenüber dem Unfassbaren ist der Zorn Gottes.

Handeln wir ungerecht unserem Mitmenschen gegenüber, müssen wir angesichts einer Ungerechtigkeit, die uns selbst widerfährt, ungetröstet bleiben. Die Empfindung von Verlorenheit und Trostlosigkeit ist der Zorn Gottes.

Betrachten wir ideelle und zeitlose Werte für wert- und bedeutungslos, werden wir mit dem Verlust äußerer Werte alles uns Wertvolle preisgeben und verlieren. Die Verzweiflung darüber, dass sich das, was wir für wertvoll erachteten als wert- und bedeutungslos erweist, ist der Zorn Gottes.

Betrachten wir das Leben als begrenzt, werden wir selbst ein begrenztes Leben vorfinden. Unser Schmerz über die Grenzen, die uns das Dasein setzt, ist Gottes Zorn.

Handeln wir unbarmherzig, erbarmungslos und gnadenlos gegenüber den Irrtümern, Fehlern und Schwächen unserer Mitmenschen, werden wir selbst zerbrechen an einer unbarmherzigen und gnadenlosen Wirklichkeit. Das ist der Zorn Gottes.

Sünde, Leid und Tod

Wenn ich hier sage, dass jegliches Unglück, das uns in dieser Welt trifft, eine Konsequenz unserer Sünde ist, so wird man dagegenhalten, dass das doch nicht sein könne, da der Mensch ja nicht immer direkter Verursacher seines Unglücks ist. Oft trifft ihn auch nachweislich gar keine Schuld an seinem Unglück. So beispielsweise, bei höherer Gewalt oder wenn schicksalhafte Ereignisse über ihn hereinbrechen. Inwiefern ist denn da die Schuld des Menschen beteiligt, wenn der Mensch Opfer höherer Gewalt oder menschlicher Willkür wird?

Die Antwort, die Jesus Christus auf diese Frage gibt, lautet: Sündiges Denken und Handeln beruht auf einem Irrtum des Menschen über das Wesen Gottes und dieser Irrtum ist die Ursache für unser Elend. Uns von diesem Irrtum zu erlösen, ist Jesus Christus gekommen. Erlöst hat er uns von unserem Irrtum in seiner Botschaft und durch seine Passion am Kreuz.  Wie ist das möglich?  Ich habe oben gesagt:

Sünde ist die Rechtfertigung des Bösen – allerdings eine Rechtfertigung, die auf einem Irrtum beruht. Nun sage ich:

Erlösung beruht auf der Vergebung unserer Schuld. Vergebung geschieht, indem unsere Schuld und unser Elend eine Bedeutung und der Sünder dadurch Rechtfertigung erfährt.

Und ganz konkret beruht die Rechtfertigung des Sünders darauf, dass Jesus Christus allem menschlichen Elend (Sünde, Schuld, Unrecht, Leid und Tod) am Kreuz einen tiefen Sinn verliehen hat.
Dies gilt Unabhängig davon, ob es sich dabei um ein direktes Verschulden des Menschen oder um höhere Gewalt handelt, da Gott in ausnahmslos allen Geschehnissen wirkt, worin er gesucht und erkannt wird.

Denn indem Jesus seine Passion nach dem Willen Gottes auf sich nahm, trug er Sinn ins Sinnlose, Geist ins Geistlose, Gott ins Gottlose, Recht ins Unrecht, Leben in den Tod. Oder wie es der Apostel Paulus formulierte:

Denn Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit finden würden, die vor Gott gilt.

2. Korinther 5,21

Jesus wusste, dass dem Willen Gottes niemand und nichts widerstehen kann und dass unsere Erlösung nur darauf beruhen kann, in den Willen Gottes einzuwilligen, selbst wenn er Leid und Tod bedeuten sollte. Denn dort, wo wir eins werden mit dem Willen Gottes, werden wir auch eins mit Gott, dem alle Dinge dienen. Sind wir aber mit Gott eins geworden, so dient uns alles ebenso, wie es Gott von jeher dient.

Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen …

Römer 8,28

In diesem Einswerden liegt unsere zeitlose Existenz begründet.

Das Mysterium der Erlösung durch das Kreuz Christi beruht darauf, dass Gott ausnahmslos alle Geschehnisse, die dem Wesen Gottes widersprechen (Elend, Unrecht, Leid und Tod) zu Gott „macht“.

Zu Gott werden sie dort, wo ein Mensch bereit ist, auch solche Geschehnisse nach dem Willen Gottes auf sich zu nehmen, die ihn behindern oder schaden. Dieser Mensch ist in Jesus Christus zu uns gekommen. Er hat uns diesen Weg des Einswerdens mit Gott als einzige Möglichkeit gewiesen:

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Johannes 14,6

Und er hat diesen Weg in seiner Passion selbst beschritten, damit nun auch wir ihn gehen können.

Simon Petrus zu Jesus: Herr, wo gehst du hin? Jesus antwortete ihm: Wo ich hingehe, kannst du mir jetzt nicht folgen; aber du wirst mir später folgen.

Johannes 13, 34

Und wo ich hingehe, das wisst ihr, und den Weg wisst ihr auch.

Johannes 14, 4

Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.

 Lukas 9,23

In seiner Passion zeigte Jesus auf, dass Gott alle Dinge nur aus “einem” Grund wirkt, nämlich, um sich selbst (Leben und Geist) hervorzubringen. Und indem wir seine Botschaft vom Kreuz annehmen und unser Elend so auffassen und auf uns nehmen, wie Jesus es aufgefasst und angenommen hat, haben wir den Irrtum überwunden. Jenen folgenschweren Irrtum, dass Gott in der Sünde (Unrecht, Leid und Tod) nicht gefunden werden und nicht darin wirken könne. Doch Gott kann durch Jesus Christus nun überall dort gefunden werden, wo wir ihn sehnsuchtsvoll suchen. Auch das ist eine grundlegende und zentrale Grundaussage seiner Lehre:

Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.

Lukas 11, 9

Durch den Gekreuzigten finden wir zu der Erkenntnis, dass Gott in ausnahmslos allen Geschehnissen wirkt, sofern wir ihn nur vertrauensvoll darin suchen. Durch diesen Glauben sind wir erlöst und durch dieses Vertrauen in Gott, werden wir auch fähig grundlegend zu vergeben. In der Passion Jesu erkennen wir, dass selbst ungerechte, leidvolle, bedauerliche und böse Geschehnisse nicht mehr zu unserem Schaden sind, sondern dass Gott in ausnahmslos allen Geschehnissen gegenwärtig ist. Hier gilt der Satz des Apostels Paulus:

Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Römer 8, 38–39

Der gute Aspekt der Sünde

Oben habe ich ausgeführt, dass der Grund und die Ursache für unsere Erkenntnisfähigkeit die Sünde ist, ferner, dass ohne die Sünde, uns das Heil Gottes in Jesus Christus gar nicht erreichen könnte.

Die negativen Seiten der Sünde erfahren wir dort, wo unser Denken und Handeln auf Irrtum und Täuschung beruht. Irrtum und Täuschung sind jene falsche Lebensgrundlage, auf der nichts Dauerhaftes “gebaut” werden kann, aus der uns nichts Gutes “erwächst”, wie Jesus in den Gleichnissen vom Bauen auf Sand (Matthäus 7,24) und vom faulen Baum (Matthäus 7,17) ausdrückt. Somit sind Irrtum und Täuschung auch die wahre Ursache unserer menschlichen Unfreiheit, wie Jesus darlegt:

Soweit ihr euch an meiner Lehre orientiert, seid ihr wirklich meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Da antworteten sie ihm: Wir sind doch Abrahams Nachkommen, und nie jemandes Knecht gewesen; weshalb sagst du also: “Ihr sollt frei werden“? Jesus antwortete ihnen und sprach: Amen, amen ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht.

Johannes 8, 32–34

Der positive Aspekt der Sünde ist, dass Gott (Geist) es vermag, der Sünde Sinn und Bedeutung zu verleihen.

Solange Sünde, Unrecht, Leid und Tod – solange dem Bösen in der Welt kein Sinn zukommt, muss es sinnlos und böse bleiben, wodurch es umsonst und vergebens geschieht.

Damit sollen Unrecht, Leid und Tod keineswegs relativiert oder schöngeredet werden. Unser menschliches Elend besteht zweifellos darin, dass uns Unrecht, Leid und Tod widerfahren. Aber das größere Elend, woran wir ungetröstet zerbrechen und sterben müssen, beruht auf dem Irrtum, dass das, was der Mensch in dieser Welt erleidet, letztlich sinnlos sei und vergeblich geschehe – dass der Mensch also gänzlich umsonst leide.

Darum habe ich euch gesagt, dass ihr in euren Sünden sterben werdet; denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, so werdet ihr in euren Sünden sterben.

Johannes 8,24

Jesus Christus ist gekommen, damit alles Leiden und Sterben Sinn erfährt, damit es aufhören kann, vergeblich zu geschehen. Genauso wie in der Natur kein Leiden und Sterben ohne Sinn und Bedeutung geschieht. Dieser Sinn ist Gott. Und so, wie Christus in all dem Bösen und Ungerechten, das man ihm angetan hatte, den Willen Gottes erkannte, sind nun auch wir aufgerufen, in allem, was uns an Bösem begegnet und anhaftet, den Willen Gottes zu suchen. Denn der Wille Gottes kann nur dort an uns geschehen und wirken, wo wir ihn als solchen erkennen und in ihn einwilligen. Geschieht der Wille Gottes jedoch gegen unseren Willen, wenn das Leben uns mit Unrecht, Leid und Tod konfrontiert, so sind wir von Gott getrennt und können nicht leben, denn Gott ist ja das Leben schlechthin. Geschieht aber der Wille Gottes an uns und mit uns, so werden wir immer auch getröstet sein, wenn wir Schwäche, Unrecht, Leid und Tod ausgesetzt sind.

Aber ich sage euch die Wahrheit: es ist euch gut, dass ich hingehe. Denn so ich nicht hingehe, so kommt der Tröster nicht zu euch; so ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.

Johannes 16,7

Das ist das göttliche Prinzip, dass Gottes Wille ungeteilt ist: Dort, wo er geschieht, da endet auch alle Verneinung, alle Abwehr und aller Widerspruch. In unserer Einwilligung mit dem Willen Gottes werden wir eins mit Gott und Gott wird eins mit uns. Gott löscht den Geist nicht aus.

Die Gerechtigkeit des Sünders

Ein gerechter Sünder ist jener Mensch, der sich seiner menschlichen Schwächen bewusst ist. Der gerechte Sünder weiß, dass es nicht möglich ist, sich der menschlichen Schwächen aus eigener Kraft zu entledigen. Der gerechte Sünder lebt in der Einsicht, dass der Mensch fehlbar, schwach und sterblich ist, und erkennt daher alles Schwache und Sündhafte als notwendigen Teil seiner menschlichen Wirklichkeit an, den es auf sich zu nehmen gilt. Doch warum ist das so? Die Antwort auf diese Frage lautet:

Dem gerechten Sünder werden die eigenen Schwächen zum Anlass, anderen deren Schwächen zu vergeben, wodurch ihm die eigene Sünde zum Guten dient – eben darin ist sie überwunden.

So wie Jesus seine leibliche Schwäche und das Böse, das man ihm antat, bereitwillig auf sich nahm, um das Gute zu wirken, sollen auch wir unsere eigene Schwäche in seinem Sinne auf uns nehmen, um das Gute zu wirken. Eben darin erweist das Schwache seine Stärke, dass es das Kreuz der Sünde auf sich zu nehmen vermag, um das Gute hervorzubringen.

So wird auch das Falsche nur in der Wahrheit erkannt, der Mangel im Gebrechen, die Verneinung in der Bejahung. So leuchtet also das Gute im Bösen, das Wahre im Falschen, das Haben im Gebrechen [ … ] das Licht leuchtet in der Finsternis; denn die Tugend leuchtet und erscheint in Widerwärtigkeiten und Gegensätzen, die Kraft wird in der Schwachheit vollendet. Nur aus der Anfechtung kommt Vollkommenheit. Wie Sankt Paulus spricht: „die Tugend vollendet sich in der Schwachheit”.

Meister Eckhart

Durch Jesus Christus haben sich alle Dinge grundlegend geändert. Das, was uns vorher daran hinderte zu Gott zu kommen, nämlich die Sünde, das dient uns nun dazu, den Weg zu Gott zu finden.

Von dort wird er kommen, zu richten …

Wenn Vergebung der Dreh- und Angelpunkt der Botschaft Jesu ist, wozu dann ein Jüngstes Gericht und inwiefern werden wir dann gerichtet? Eine erste Antwort darauf lautet: Weil alle Entzweiung mit Gott begrenzt ist. Das Begrenzte ist aber nicht das Ewige und Zeitlose. Die Sphäre des Geistes (Gottes) ist die zeitlose und unbegrenzte und außerhalb dieser existiert nichts Bleibendes. Das Begrenzte endet eines Tages, das Ewige und Zeitlose hingegen ist das Immerwährende. Soweit wir begrenzt denken und handeln, werden wir selbst ein Ende finden müssen.

Das Jüngste-Gericht – Was ist das?

English version

Jesus redete vom Jüngsten Gericht, daran besteht kein Zweifel.
Im Apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es: Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Doch was darunter zu verstehen ist, wird von vielen eher nach menschlichen Vorstellungen gedeutet und verfehlt damit den Geist der Botschaft Jesu. Um den drohenden und unerbittlichen Charakter des Jüngsten Gerichts zu unterstreichen, bedient man sich vielfach der Schilderungen aus dem Buch der Offenbarung. Dass es sich bei der Bildsprache der Offenbarung um eine mystische Schau von Visionen handelt, deren Sinnbilder einer Interpretation – wie übrigens auch die Gleichnisse Jesu – bedürfen, ist dabei den wenigsten bewusst, weshalb viele sie wortwörtlich nehmen. Was uns Jesus mit seinen Hinweisen auf das Jüngste Gericht verdeutlichen wollte, erschließt sich uns erst aus dem inhaltlichen Zusammenhang seiner Lehre und aus den Umständen seiner Passion. Das bedeutet, alle Inspiration und Interpretation, die uns die Apostel in ihren Schriften hinterlassen haben, können nur auf Grundlage der Worte und der Handlungsweise Jesu eine schlüssige Deutung erfahren. Jede Darstellung, die nicht den inhaltlichen Aussagen der Botschaft Jesu Rechnung trägt, verfehlt den Geist des Evangeliums.


Gott – die unteilbare Einheit

Das Evangelium, oder die gute Nachricht, wie es übersetzt heißt, besagt, dass Gott alle Schuld vergeben „will“. Warum ist das so? Weil Gott die Vergebung selbst ist, und das bedeutet, dass „in“ Gott so etwas wie Schuld und Strafe nicht existieren. Würden in Gott Schuld und Strafe existieren, so wäre Gott geteilt, nämlich in einen guten und einen schlechten – in einen schuldigen und einen unschuldigen Teil. Gott aber ist in und mit sich selbst eins, das heißt Gott ist ungeteilt und ohne Widerspruch. Und was immer zu Gott gelangen will, das muss selbst eins werden und sein. Denn Gott ist ja die Wahrheit selbst und diese ist unteilbar, wie dies auch die biblischen Texte verdeutlichen:

Höre, Israel, der JHWH, unser Gott, ist ein einiger Gott.

5. Mose 6

Und Jesus unterstreicht diese Aussage in einer gegenteiligen Metaphorik:

Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, wird nicht bestehen.

Matthäus 12,26

Und in eben diesem Sinne verdeutlicht Jesus, dass Gott selbst nicht richtet:

Denn der Vater richtet niemand, sondern hat alles Gericht dem Sohn übergeben.

Johannes 5,22

Das ist die Konsequenz des oben Gesagten, nämlich, dass Gott nur in Relation zum Sohn überhaupt richten kann. Warum ist das so?

Gott selbst ist nondual, aber im Sohn hat er die Welt der Dualität und Teilung betreten, um sie mit Gott wieder zu vereinen.

Daher müssen wir auf den Sohn „blicken“, um das Wesen des Jüngsten Gerichts zu verstehen. Und in diesem Sinne erklärt Jesus, er tue nur das, was er den Vater tun „sieht“:

Amen, amen, ich sage euch: Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht; denn was dieser tut, das tut in gleicher Weise auch der Sohn.

Johannes 5, 19

Doch welches Tun des Sohnes sehen wir, woraus wir schließen können, was der Vater tut? Die Antwort ist schlicht: Wir sehen in Jesus Christus jenen Sohn, der dazu auffordert, bedingungslos zu vergeben, um dem Wesen eines einigen Gottes gerecht zu werden:

Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebet, so wird euch vergeben.

Matthäus 7,1

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Matthäus 6, 12

Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Matthäus 6, 14-15

Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden, auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; dass auch sie in uns eins seien, auf dass die Welt glaube, du habest mich gesandt. Und ich habe ihnen gegeben die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, dass sie eins seien, gleichwie wir eins sind.

Johannes 17,20-22

Doch Jesus fordert diese Bereitschaft nicht nur von uns, sondern er kommt dieser Forderung selbst konsequent nach, indem er sterbend am Kreuz seinen Feinden vergibt. Das ist es, was der Sohn den Vater „tun“ sieht und daher kann auch der Sohn nur so handeln, nämlich bedingungslos vergeben. Diese Geisteshaltung ist es, durch die wir (wo wir sie annehmen) zu Gott gelangen. Das ist unser Weg zu Gott. Eine andere Möglichkeit existiert nicht, wie Jesus verdeutlicht:

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Johannes 14,6

Denn in der Gewissheit, dass dem, der in diese Einheit vertraut, alles dienen muss, konnte der Sohn allumfassend Vergebung üben und vom Kreuz herab verkünden:

Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun!

Lukas 23,34

Vergebung durch Einsicht in das Wesen Gottes

Jesus Christus ist gekommen, zu verkünden und durch seine Passion zu verdeutlichen, dass in der Sphäre des Geistes (in Gott) kein Grund zur Verurteilung oder Bestrafung existieren kann. Daher sollen wir unser eigenes Leben so auffassen, wie Jesus sein Leben verstanden und aufgefasst hat. Aber wie hat Jesus sein eigenes Leben denn aufgefasst und verstanden? Jesus war es gegeben, in der Sinnlosigkeit und Geistlosigkeit des an ihm verübten Unrechts, seiner Verleumdung, Anklage, Verurteilung, Folter und Hinrichtung den Willen Gottes zu finden, wodurch diese Geschehnisse eine Bedeutung finden mussten.

Solange wir Unrecht, Leid und Tod auf ein böses Schicksal oder auf unsere Feinde zurückführen, werden wir Schaden nehmen.

Schaden nehmen wir insofern, als wir an einer Wirklichkeit, mit der wir entzweit sind, innerlich zerbrechen müssen. Was wir aber nach dem Willen Gottes auf uns nehmen, das muss gut werden, da aus Gott nur Gutes, nur Leben fließt. Jesus Christus ist gekommen, damit sich der Grund und die Ursache unseres Leides ändern.

Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

Matthäus 16,25

Das ist die inhaltliche und geistige Konsequenz, die aus der Passion Jesu folgt.

Jesus sah sich in der Lage, den Willen Gottes in Unrecht, Leid und Tod zu erkennen, wodurch er diese Bereiche des Menschseins überwand, damit sie gut werden konnten, uns zum Vorbild und Trost.

Und ging hin ein wenig, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst.

Markus 14,36

In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Johannes 16,33

Selbst die Haare auf eurem Kopf sind alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht …

Lukas 12,7

Und ihr werdet gehasst sein von jedermann um meines Namens willen. Und doch soll nicht ein Haar von eurem Haupte umkommen.

Lukas 21,17

Wir sehen, das Lebensverständnis, das Jesus in seiner Botschaft verkündete, ist ein allumfassendes und vollkommenes – ein Lebensverständnis, in welchem ausnahmslos allen Dingen eine Bedeutung zukommt, sobald wir unsere Zuversicht auf die Kraft des Geistes setzen, der uns alle Dinge zum Besten dienen lässt, wenn wir ihm nur ganz und gar darin vertrauen.

Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen …

Römer 8, 28

Der Jüngste Tag – die geeinte Wirklichkeit

Jüngstes Gericht und Jüngster Tag sind der Sache nach eins, nur aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Der Jüngste Tag ist das Offenbarwerden jener zeitlosen Wirklichkeit, die Jesus in seiner Botschaft verkündete und deren Wesen er uns in seiner Passion verdeutlicht hat. Aber was für eine Wirklichkeit ist das? Es ist die Wirklichkeit des Gerechten, der Gerechtigkeit schafft ohne Anklage, ohne Strafe, ohne Vergeltung, sondern durch Annahme aller Geschehnisse aus der Hand Gottes, wodurch allein sie gut werden können. In dieser Gewissheit empfängt Jesus ausnahmslos alles nach dem Willen Gottes und erfüllt es auf diese Weise mit Geist und Sinn. Dies betrifft insbesondere alle geistlosen und sinnlosen Bereiche unseres Menschseins.

Weil Gott durch nichts eingeschränkt, verletzt, behindert oder beeinträchtigt werden kann, muss ihm alles dienen.

Wer sein Leben auf diese Weise in Gott neu erkennt, dem muss von nun an alles so dienen, wie es Jesus gedient hat. Um uns diese Grundwahrheit aufzuzeigen, ist Jesus Christus gekommen und hat in seiner Passion die Abgründe des Menschseins auf sich genommen. Er ist gekommen, um die ungerechten, die bösen, dunklen und niederträchtigen Geschehnisse, durch den Geist (durch Gott) zu überwinden, wodurch sie nun dienen konnten, so wie er es am Vorabend seiner Gefangennahme seinen Jüngern erklärte:

Hättet ihr mich lieb, so würdet ihr euch freuen, dass ich gesagt habe: “Ich gehe zum Vater”; denn der Vater ist größer als ich.

Johannes 14, 27

Aber weil ich solches geredet habe, ist euer Herz voll Trauerns geworden. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch gut, dass ich hingehe. Denn so ich nicht hingehe, so kommt der Tröster nicht zu euch; so ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.

Johannes 16,7

Das Jüngste Gericht – die geteilte Wirklichkeit

Jetzt wird man fragen: Wenn doch Vergebung der Dreh- und Angelpunkt des Evangeliums ist, wozu dann ein Jüngstes Gericht und inwiefern werden wir dann gerichtet? Eine erste Antwort darauf lautet: Weil alle Entzweiung mit Gott begrenzt ist. Das Begrenzte ist aber nicht das Ewige und Zeitlose. Die Sphäre des Geistes (Gottes) ist die zeitlose und unbegrenzte und außerhalb dieser existiert nichts Bleibendes. Das Begrenzte endet eines Tages, das Ewige und Zeitlose hingegen ist das Immerwährende.

Soweit wir begrenzt denken und handeln, werden wir selbst ein Ende finden müssen. Das ist das Gericht, dass eines Tages alle Begrenzung endet – unausweichlich.

Unser menschliches Denken in Kategorien der Strafe und Vergeltung ist ein begrenztes, da es einem geteilten Wirklichkeitsverständnis entspringt. Um das Ewige, das Zeitlose zu gewinnen, muss das Begrenzte und Zeitgebundene gedanklich überwunden werden, denn in der Überwindung des Begrenzten endet auch jegliche Teilung und Entzweiung – endet auch alle Schuld und Anklage. Das Jüngste Gericht ist nichts anderes als ein Offenbarwerden unserer Entzweiung mit Gott, in dem alle Dinge von jeher eins sind. Eines Tages muss alle Entzweiung enden, eben weil sie begrenzt ist. Genauso wie die Macht einer Lüge endet, wenn die Wahrheit ans Licht kommt, so endet auch alles Begrenzte und Zeitliche, wenn es mit der Wirklichkeit des Zeitlosen und Grenzenlosen in Berührung kommt oder eben damit konfrontiert wird. Das Grenzenlose und Zeitlose ist aber nicht ausschließlich etwas Zukünftiges, denn was zeitlos ist, das gilt schon immer, denn es ist ja ohne Anfang und ohne Ende. Das heißt, es gilt sowohl innerhalb der Zeit als auch darüber hinaus. Daher lehrte Jesus: 

Es kommt die Zeit, ja sie ist schon da, dass die Toten die Stimme des Gottessohnes hören. Wer auf sie hört, wird leben.

Johannes 5, 25

Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.
Denn sehet, das Reich Gottes ist in euerer Mitte.
Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.

Lukas 17, 22

Insofern beruht das Wesen des Jüngsten Gerichts nicht auf einer Laune, einem Gutdünken oder Abwägen eines Urteils durch eine Richterperson, wie es sich manche Menschen gerne vorstellen, sondern es beruht auf der unausweichlichen Folgerichtigkeit des Geistes, der allem gibt, wonach es bittet und ruft: Wer Gnade und Barmherzigkeit wertschätzt, übt und sie erbittet, empfängt Gnade, wer auf Verurteilung und Vergeltung setzt und sucht, empfängt ein Urteil.

Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.  

Matthäus 5,7

Nicht etwa, dass Gott selbst verurteilen würde – nein, in Gott existiert keine Verdammnis. Aber soweit in uns jener Irrtum herrscht, der uns glauben lässt, durch Teilung und das heißt, durch Rache, Vergeltung und Strafe, könne die Welt oder der Mensch gebessert werden, soweit sind wir nicht in Gott. Sind wir aber nicht eins mit jener Kraft, die ausnahmslos alle Dinge wirkt, können uns die beschwerlichen und leidvollen Dinge auch nicht zum Guten dienen, wie es der Apostel Paulus im Römerbrief darlegt:

Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen …

Römer 8, 28

Der Jüngste Tag – die Bestimmung des Menschen

Eine weitere Antwort auf die oben gestellte Frage möchte ich wie folgt geben: Die menschliche Sehnsucht und den Wunsch nach unbegrenztem Leben empfinden wir nicht von ungefähr. Denn intuitiv wissen wir um den ideellen und zeitlosen Kern unseres Daseins. Der Beweis ist unsere Trauer über die Endlichkeit des menschlichen Lebens und die Sehnsucht nach „mehr“. Wir alle tragen eine Ahnung in uns, dass das Ganze „mehr“ ist als die Summe seiner Teile, wie Aristoteles sagte. Und indem wir dieser Sehnsucht folgen, gehen wir unserer wahren Bestimmung entgegen. Diese Ursehnsucht nach Leben gilt es nun, im Sinne Jesu zu deuten, denn er ist gekommen, damit wir unser Leben in einem neuen, größeren und zeitlosen Rahmen verstehen und erkennen, wodurch es mit Geist erfüllt wird. Der Jüngste Tag, wie auch das Jüngste Gericht, ist nichts anderes, als die Erfüllung unserer Sehnsucht nach Leben und Geist – allerdings in einem unbegrenzten, ungeteilten und bedingungslosen Sinne. Da jegliche Beschränkung, Teilung und Trennung des Lebens durch Unrecht, Irrtum, Krankheit, Schwäche, Leid und Tod zeitlich bedingt ist, wird sie mit der Zeit enden müssen. Soweit wir unser Leben in einem rein zeitlichen Sinne verstehen, sind wir sterblich und daher müssen wir am Jüngsten Tag enttäuscht werden, wenn alles Begrenzte endet. Die Enttäuschung darüber, dass das, was wir für das Leben hielten, etwas gänzlich anderes ist, werden wir als Gericht empfinden.

Wir können und werden nur sein, was wir von Herzen lieben. Nicht weniger und nicht mehr.

Da in Gott kein Gegenteil und insofern auch kein Unwille existiert, werden wir an jenem Tag nur das empfangen können, was wir hier von ganzem Herzen lieben, wertschätzen und wollen. Soweit unsere Hoffnung, unsere Liebe und Wertschätzung auf etwas gerichtet ist, das eines Tages endet, wird dieser “Gegenstand” ein Ende finden müssen. Der Jüngste Tag ist der Anbruch eines zeitlosen und unbegrenzten Lebensverständnisses in uns. Ein Leben, zu dem wir, durch seine Botschaft, bereits hier in dieser Welt finden sollen. Denn nur dieses Verständnis wird sich am Jüngsten Tag als ein gültiges und tragfähiges bewahrheiten – dann, wenn alles Zeitgebundene endet. Verstehen wir unser Leben im Geist Jesu, gewinnt unser Leben diesen Zustand der Zeitlosigkeit. Dieser Zustand wird uns einst, wenn das Zeitliche endet, über alles Zeitliche erheben und tragen, so wie die Arche in den Zeiten Noahs.

Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.

Johannes 5, 24

Jüngster Tag und Jüngstes Gericht in den Gleichnissen Jesu

In vielen Gleichnissen thematisiert Jesus das Wesen des Jüngsten Gerichts. Dabei beleuchtet jedes Gleichnis auf seine eigene, besondere Weise das Prinzip der Teilung und Trennung, das wir in uns tragen und wie es uns am Jüngsten Tag daran hindern wird, in ein neues, geeintes Leben einzugehen. Denn neues, unvergängliches Leben kann nur empfangen, wer das ungeteilte Prinzip des Lebens in sich trägt und verkörpert. Selbstverständlich transportieren die im Folgenden beschriebenen vier Gleichnisse noch weitaus mehr Inhalte. Hier beleuchte ich jeweils nur die Schlusssequenzen, in denen Jesus die unfreiwillige und schmerzhafte Trennung, Enttäuschung und Entzweiung und die Empfindung des Zurückgesetztwerdens thematisiert. Jedes einzelne Szenario vermittelt ein Gefühl für den Anbruch des Gottesreiches und kann damit auch als eine Beschreibung der “Umstände” am Jüngsten Tag bzw. am Jüngsten Gericht betrachtet werden.

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn
(Lukas 15,11–32)

Göttliches und menschliches Privilegverständnis

Am Schluss des Gleichnisses vom verlorenen Sohn lässt der Vater für den heimgekehrten jüngeren Sohn, der sein väterliches Erbe auf unredliche Weise durchgebracht hat, ein Fest ausrichten. Der ältere Sohn ist fassungslos und entzweit sich mit dem Vater über dessen großmütige Geste. Sein Unwille ist so groß, dass er sich weigert, am Fest teilzunehmen. Das Gleichnis zeigt, wie ein Leben in vermeintlicher Tadellosigkeit und Privilegdenken uns das Ziel verfehlen lässt. Nicht der Vater (Gott) ist es, der den älteren Bruder ausschließt, sondern der ältere Sohn verweigert sich selbst der Einheit mit dem Vater (Gott) und dem Bruder (Sohn).

Das Gleichnis von den zehn Brautjungfern (Matthäus 5, 1-13)

Die Wertschätzung des Unentbehrlichen – zur richtigen und zur falschen Zeit

In diesem Gleichnis geht es um den Erwerb der Grundlage des Lichtes, das hier als ein Sinnbild für ein Leben aus dem Geist steht. Die Metapher hier das Lampenöl, das am Tag d.h. während dieses Lebens (zur rechten Zeit) erworben und gewonnen werden soll. In der Schlusssequenz des Gleichnisses schlafen alle zehn Jungfrauen ein, was als Sinnbild für den Tod steht. Bei ihrem Wiedererwachen, nämlich der Auferstehung, eröffnet sich für die eine Gruppe die Möglichkeit des unmittelbaren Eintritts zum Hochzeitsfest. Die zweite Gruppe ohne Lampenöl findet eine geteilte Wirklichkeit vor. Die Tür zum Fest öffnet sich zwar für alle, aber nicht alle können daran teilnehmen. Dabei liegt die Bedingung zur Teilnahme am Fest nicht in der Einladung begründet, sondern in einer fehlenden Voraussetzung der zweiten Gruppe, nämlich dass jeder sein Licht zur Feier mitbringt. Licht ist hier die Voraussetzung für die Durchführung der nächtlichen Feier. Der Mangel an Lampenöl wird von der zweiten Gruppe schmerzlich empfunden, weshalb sie sich mitten in der Nacht (zur falschen Zeit) aufmacht, um Öl zu erwerben. Doch wird ihnen bei ihrer Rückkehr kein Einlass mehr gewährt, da der Bräutigam die Gesellschaft für vollständig erklärt.

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20, 1-16)

Aufwertung und Abwertung durch unerwartete Wertschätzung

Bei diesem Gleichnis empfinden die ersten gedungenen Arbeiter, die bereits frühmorgens mit der Arbeit begonnen haben, eine Ungleichbehandlung gegenüber jenen Arbeitern, die nach und nach während des Tages gedungen wurden und später hinzukamen. Der Weinbergsbesitzer hält sich an seine Zusage, einen angemessenen Tageslohn zu bezahlen. Aber bei den Arbeitern, die den vollen Tag gearbeitet haben, löst es Verärgerung aus, als bei der Auszahlung auch diejenigen, die viel später hinzugekommen sind, den vollen Tageslohn erhalten. Auch hier liegt die Ursache für den Verdruss der Ersten nicht in einer böswilligen Zurücksetzung durch den Weinbergsbesitzer – im Gegenteil, die Auszahlung ist insgesamt großzügig. Aber die Erwartung der Ersten, es müsse ihnen mehr zustehen, lässt ihre Bezahlung plötzlich minderwertig erscheinen, wodurch sie ihren Lohn selbst entwerten. Auch hier ist es das Privilegdenken der Ersten, wodurch sie sich am Ende zurückgesetzt fühlen.

Das Gleichnis von der Rangordnung der Gäste (Lukas 14, 7-14)

Zurücksetzung durch Hochmut – Ehrung durch Demut

Nach Beobachtung der Gäste und Gastgeber bei einem Hochzeitsfest, zu dem Jesus selbst eingeladen war, zieht er Parallelen zum Wesen des Gottesreiches. In diesem Gleichnis thematisiert er die Situation, in der Gäste sich selbst nahe beim Gastgeber platzieren, ihnen dann aber gesagt werden muss, dass dieser Platz für einen anderen Gast reserviert sei, sodass sie unter den Augen der Öffentlichkeit einen entfernteren Platz an der Tafel einnehmen müssen. Jesus beschreibt hier das Szenario einer Zurücksetzung und Demütigung unter den Augen der Öffentlichkeit. Auch hier ist es die hohe Meinung, die man von sich selbst hat, die an jenem Tag offenbar wird, wodurch man sich dann peinlich zurückgesetzt fühlt. Dabei darf die „Zurücksetzung“ nicht als ein Akt der Bestrafung missdeutet werden. Vielmehr folgt sie aus der Notwendigkeit der Organisation des Gastgebers. Jesus ruft daher zu Demut und aufrichtiger Selbsteinschätzung auf, damit der Jüngste Tag nicht als ein Tag der Zurücksetzung empfunden wird, sondern als ein Tag des Aufrückens, hin zum Zentrum des Festgeschehens – hin zu Gott.

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Einst
Was jenseits allen Sinnes
Als die Zeit noch reichlich
Unzeit-Unort
Welt der Gnade

Titelbild: Aus drei Bildern generiert durch Midjourney, gefügt und bearbeitet mit Adobe-Photoshop.

Versuchung und Erlösung

Eine grundlegende Einsicht und Erkenntnis, die wir aus der Botschaft Jesu gewinnen können, ist diese: Gott führt in Versuchung, solange wir nicht um Erlösung bitten. Ohne Bitten können wir nichts erwarten und empfangen und ohne das Böse auch keine Erlösung davon. Dabei ist es allein unsere menschliche Sehnsucht nach Erlösung, die Gott zum gebenden, die ihn für uns zum Vater werden lässt.

Führt uns Gott in Versuchung?

Das Gebet, das Jesus lehrte, als seine Jünger ihn darum baten, enthält eine bemerkenswerte Bitte, die da lautet:

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Matthäus 6,13

Hier sollen wir an Gott die Bitte richten, uns nicht in Versuchung zu führen. Manche Theologen können und wollen nicht glauben, dass Gott in Versuchung führen kann. So stellen sie die durchaus berechtigte Frage: Ist es nun der Teufel, der uns in Versuchung führt, oder ist es Gott selbst? Oder anders gefragt, liegt die Versuchung des Menschen in Gottes Zuständigkeitsbereich oder liegt sie woanders?

Wie also wäre die Frage nach der Zuständigkeit der menschlichen Versuchung abschließend zu beantworten? Schlüssige Antworten zu dieser Frage findet sich im Kontext der Botschaft Jesu.

Vom anonymen Gott zum gebenden Vater

Eine grundlegende Einsicht und Erkenntnis, die wir aus der Botschaft Jesu gewinnen können, ist diese: Gott führt in Versuchung, solange wir nicht um Erlösung bitten. Ohne Bitten können wir nichts erwarten und empfangen und ohne das Böse auch keine Erlösung davon. Dabei ist es allein unsere menschliche Sehnsucht nach Erlösung, die Gott zum gebenden, die ihn für uns zum Vater werden lässt. Solange wir von Gott nicht alles erdenklich Gute und Notwendige ersehnen, um Beschwerliches und Leidvolles zu überwinden, bleibt Gott für uns eine namenlose, anonyme Größe. Bitten wir aber im Sinne Jesu: “Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.” Matthäus 6,13 So wird uns Gott, eben durch diese Bitte zum Vater und wir zu seinen Kindern.

Im Geist Jesu bitten wir um die Fähigkeit, Gott in allen Geschehnissen suchen und finden zu können, weil dies seinem Wesen entspricht. Ohne sehnsuchtsvolles Bitten können wir nichts empfangen und ohne die innere Auseinandersetzung mit den Erscheinungen des Bösen keine Erlösung.

Es ist unsere Suche und unser sehnsüchtiges Bitten, wodurch wir Gott zum gebenden und damit zu unserem Vater machen.

Ganz in diesem Sinn ist auch das folgende Jesuswort zu verstehen:

Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan …

Matthäus 7, 7-8

Worin liegt der Sinn der Versuchung?

Erst dort, wo wir im Sinne Jesu, Gott als Ursache ausnahmslos aller Geschehnisse verstehen, die uns begegnen, empfangen wir alles aus der Hand Gottes, wodurch die Dinge für uns gut werden können. Bedenken wir in diesem Zusammenhang, dass Jesus in seiner Passion selbst Unrecht, Leid und Tod aus der Hand Gottes entgegengenommen hat. Und bedenken wir weiter, dass auch Jesus versucht wurde, wie uns die Evangelien berichten. Diese Geschehnisse hatten für Jesus eine grundlegende Bedeutung, denn aus seiner Haltung gegenüber seiner Passion und seiner Versuchung, können wir wiederum geistige Erkenntnisse gewinnen, die uns andernfalls nicht erreicht hätten. Daraus folgt: Passion und Versuchung Jesu hatten einen tiefen Sinn und in gleicher Weise soll (im Geist Jesu) auch unsere eigene Versuchung einen Sinn finden, worauf allein sich unsere Erlösung vom Bösen begründet. Erlösung bedeutet, dass Geist und Sinnloses unverhofft Geist und Sinn erfährt und Sinnfindung bedeutet Gott finden. Und Gott finden ist wiederum gleichbedeutend mit unserem Gefunden-werden durch Gott.

Versuchung und Erlösung – zwei Zustände

Versuchung und Erlösung sind zwei unterschiedliche innere Zustände der Wahrnehmung unseres Daseins. Diese Zustände formen unsere inneren Überzeugung. Versuchung ist eine Minderung unserer Wirklichkeit, Erlösung hingegen deren Vermehrung.

Im Zustand der Versuchung verstehen wir unsere Existenz aus uns selbst heraus. Das heißt, hier finden wir alles Lebenswerte, das wir suchen, wünschen und ersehnen als etwas sinnlich Erfahrbares, äußerlich Verfügbares oder durch uns selbst Herstellbares. Alles für uns Lebenswichtige und Mögliche befindet sich nach diesem Verständnis in dieser Welt, nichts kommt von „außerhalb“. Versuchung ist ein Zustand, in dem der Transzendenz des menschlichen Daseins keine Bedeutung zukommt. Der Mensch ist das, als was er seiner Äußerlichkeit nach erscheint, nicht weniger und nicht mehr. Insofern ist dies ein Zustand der Geistlosigkeit, der Profanität, der Banalität und der Sinnlosigkeit des Daseins. Leben wir in dieser Überzeugung, so reduzieren wir unsere menschliche Existenz auf die irdische, zeitgebundene und vergängliche Erscheinung. In diesem Zustand können und werden wir hinderlichen, leidvollen und beschwerlichen Situationen keine Bedeutung beimessen können. Dies ist der Zustand, in dem wir „in“ Versuchung sind, da wir gedanklich eins geworden sind mit der Versuchung, denn wir nehmen alles Äußere für bare Münze.

Der Zustand der Erlösung hingegen ist ein suchender, ein bittender, ein sehnsuchtsvoller, der die Überwindung aller menschlichen Hindernisse im Geist, also in Gott erkennt. In diesem Zustand erkennen wir unseren Wesenskern als ideell, zeitlos und unvergänglich. Drei Zitate mögen diesen Gedanken verdeutlichen:

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.              

Aristoteles

Gut ist, was Wesen und Dingen ein Mehr an Wirklichkeit verleiht, böse, was ihre Wirklichkeit mindert. 

Simone Weil

Ist nicht das Leben mehr als Essen und Trinken und der Leib mehr als die Kleidung?  

Matthäus 6, 25

Erlösung macht uns fähig, alle Hindernisse dieses Dasein zu transzendieren, und das bedeutet, sie gedanklich zu überwinden. In diesem Zustand verstehen wir unsere gesamte Existenz in Gott und aus Gott. In der Überzeugung, die uns dieser Zustand verleiht, erkennen wir Gott als die Ursache aller Dinge, die uns begegnen und anhaften; Versuchung wie Erlösung gleichermaßen. Wann immer wir uns in diesem Zustand befinden, erkennen wir die Notwendigkeit menschlicher Versuchungen und wir werden fähig und mächtig, Gott um etwas zu bitten, das dieser uns nicht verwehren kann. Hier ist es die konkrete Bitte, dass unsere Versuchung der Erlösung dient.

In Gott sein oder in Versuchung sein

Ist Versuchung nun notwendig, oder soll sie vermieden werden? Beides! Wenn Jesus lehrt zu bitten: „Und führe uns nicht in Versuchung“ so ist in diesem Wort „in“ das Wesentliche dieser Bitte ausgedrückt. Denn so, wie wir durch Christus „in“ Gott gelangen, um vollkommen mit ihm eins zu werden, so können wir auch „in“ Versuchung geführt werden, wodurch wir eins werden mit der Versuchung. Dieses Einswerden mit der Versuchung ist es, wovon wir um Erlösung bitten sollen, wodurch es geschieht. Wir bitten nicht darum, dass unser Leben ohne Versuchung sein soll, sondern dass wir nicht eins werden mit der Versuchung. Diesen Ausdruck des Einswerdens mit einer Sache verwendet Jesus mehrfach an anderer Stelle:

An dem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch … // … damit sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; dass auch sie in uns eins seien … 

Johannes 14, 20-21

Wer aber die Wahrheit tut, der kommt an das Licht, damit seine Werke offenbar werden; denn sie sind in Gott getan.

Johannes 3, 21

Das Einswerden mit der Versuchung ist es, das Gott verhindert, sofern wir ihn darum bitten, denn erst dort, wo wir gedanklich eins werden mit der Versuchung, sind wir tatsächlich „in“ Versuchung geführt worden.

Die Distanz gegenüber sich selbst

In Versuchung geführt zu sein bedeutet, dass wir dem Schein der Dinge erliegen, dass wir Irrtum und Täuschung für Wahrheit und Wirklichkeit halten. Solange wir Versuchung als solche erkennen, sind wir der Versuchung zwar ausgesetzt, aber nicht „in“ Versuchung geführt worden, denn wir wissen um die Falschheit unserer Gedanken und Handlungen, so wie es auch der Apostel Paulus formulierte:

Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber etwas tue, was ich nicht will, so tue ich dasselbe nicht; sondern die Sünde, die in mir wohnt …

Römer 7, 19-20

Dass wir versucht werden, das ist unvermeidlich, ja es ist sogar ein wesentlicher und notwendiger Teil unserer Existenz, damit wir erkennen können und wir Sehnsucht zu Gott gewinnen.

Die Bitte um Geist

Die einzige Bitte, der sich Gott nicht verschließen kann, ist die Bitte um Geist – ist die Bitte um Gott selbst. Gott kann nur sich selbst geben, da außerhalb Gottes nichts ist, was gegeben werden könnte. Wer Gott nicht entbehrt, der wird immer das Unwesentliche, das Zeitgebundene und das Entbehrliche entbehren und vermissen. Darin liegt die Versuchung, dass wir glauben, Gott entbehren zu können. Dieser Irrtum entfremdet uns von allem Wesentlichen, wie; Leben, Liebe, Geist und Sinn.  Durch diesen Irrtum werden wir selbst unwesentlich und ein Opfer der Beliebigkeit. Jedoch durch unsere Bitte und Sehnsucht, nicht in Versuchung geführt zu werden, treffen wir ins Zentrum der „Sehnsucht“ Gottes. Denn in gleicher Weise, wie wir uns nach einem Zustand sehnen, der frei ist von Täuschung und Illusion (Versuchung), sehnt Gott sich danach, uns von Täuschung und Illusion zu befreien, wodurch wir mit ihm eins werden.

Freier Wille

Der freie Wille ist ein Ideal,
Ist weder Regel noch Gesetz in dieser Welt
Denn jeder handelt wie es ihm gefällt;
Beliebigkeit kennt keine freie Wahl.

Fest gebunden liegt der freie Wille,
an dem Gebot der Liebe und Wahrhaftigkeit
Und jenseits diesem liegt nur Krieg und Streit;
Freiheit bleibt dort eine taube Hülle.

Nur Einsicht in die tiefste Unfreiheit,
Und Distanz zu eig‘nem Denken oder Handeln
Wird befang‘nen Willen dort verwandeln,
Wo er zum Abgang und zum Tod bereit.


Dresden am  10. Juli 2020
Audiodatei: Freier Wille

Der Blog zur christlichen Philosophie

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Der überkonfessionelle Blog

Eine philosophische und undogmatische Interpretation der Botschaft Jesu als zeitlose und universelle Weisheitslehre

Christophilos ist ein überkonfessioneller Blog, der sich den Inhalten der Botschaft Jesu widmet. Überkonfessionell und gleichzeitig undogmatisch interpretiere ich die Inhalte des Neuen Testaments als eine universelle Weisheitslehre von zeitloser Gültigkeit. Auf dieser Grundlage entstanden das Buch: Essenzen – Die Botschaft Jesu sowie die hier veröffentlichten Beiträge, Gedichte, Lieder und Impulse. In diesem Sinne verfolge ich stets den philosophischen Aspekt des Fundierten, Plausiblen und Folgerichtigen. Dennoch sind meine Auslegungen intuitiver und kreativer Natur. Dies steht meiner Auffassung nach jedoch nicht im Widerspruch zum philosophischen Denken. Tatsächlich betrachte ich die Philosophie als eine geistige Disziplin bei der auch der kreative und schöpferische Ausdruck grundlegend ist.

Warum überkonfessionell und undogmatisch?

Mit geht es hier nicht um Konfessionelles, nicht um kirchlich Trennendes, sondern um das rein Inhaltliche der Botschaft Jesu. Das heißt, das Geistige, das Relevante, das Zentrale, das Einende, das alle christliche Konfessionen verbindet ist Gegenstand meines Nachdenkens. Vor diesem Hintergrund kann mein Ansinnen ja nur ein überkonfessionelles und undogmatisches sein und im weitesten Sinne ist es damit auch religionsübergreifend. Denn der Anspruch, den Jesus für sich selbst und für seine Weisheitslehre erhebt, ist meiner Überzeugung nach letztlich ein universeller. Insofern ist dieser Blog auch als ein Beitrag zum interreligiösen Dialog aufzufassen.

Was heißt christlich – philosophisch?

Auf der Suche nach adäquatem Ausdruck bediene ich mich der alten, urchristlichen Tradition des freien, undogmatischen Nachdenkens und Philosophierens über die Worte Jesu im besten Sinne des Wortes: „Philos-Sophia“, nämlich als Freundschaft zur Weisheit. Eine Praxis, wie sie bereits in den Briefen des neuen Testaments, den sogenannten Episteln, lebendig bezeugt wird. Und damit steht sie in einer Tradition, welche die Botschaft Jesu von jeher als eine Weisheits- und Erkenntnislehre ausweist, wie es der Apostel Paulus in seinem Brief an die Kolosser verdeutlicht:

“In Christus verborgen liegen alle Schätze, der Weisheit und der Erkenntnis.”

Kolosser 2,1–5

Die Philosophie, d. h. die Weisheitslehre Jesu sucht nicht das Trennende, vielmehr sucht sie bewusst das Gespräch, den Dialog. Jedwede Ausgrenzung oder Sanktionierung Andersdenkender oder die Forderung: “Das musst du glauben!”, ist der christlichen Weisheitslehre fremd.
Damit steht christliche Philosophie auf der Grundlage der toleranten Geisteshaltung Jesu, der selbst stets bemüht war, auf ernst gemeinte und interessierte Fragen, umfassende und tiefgründige Antworten zu geben.

Kompetenz vor Hierarchie

Die Botschaft Jesu ist frei von Hierarchie- oder Elitedenken. Das heißt, sie hat nichts Knechtisches, was insbesondere in den Abschiedsworten Jesu zum Ausdruck kommt:

“Ein Knecht weiß nicht was sein Herr tut …//… Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid …//… Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben lässt für seine Freunde.”

Joh 25, 5-23 (Altgriechisch: philos=Freund)

Ein idealistisches Projekt

Christophilos ist kein kommerzielles Projekt. Als rein private Initiative wird es von keiner Gruppierung oder religiösen Gemeinschaft unterstützt, vereinnahmt oder getragen. Es ist individueller Ausdruck eines aufrichtigen, inneren Interesses an einer freien und geistig-kreativen Auseinandersetzung mit den Inhalten der Botschaft Jesu.

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