Die Überwindung der Welt

Angesichts seiner bevorstehenden Verhaftung und Hinrichtung spricht Jesus erstmals von der Überwindung der Welt. Aber was meinte er als er sagte, dass er den Namen des Vaters verherrlichen werde wenn er das Leid, das seine Feinde über ihn verhängt hatten, auf sich nehmen und am Kreuz sterben würde. Worin konkret bestand für ihn die Überwindung der Welt? Bestand sie im Scheitern seiner Mission am Kreuz?

Wie kann die Welt überhaupt überwunden werden, wenn sie doch augenscheinlich obsiegt? Erfreut sich Gott etwa am Leid des Menschen? Um diese Aspekte der Botschaft Jesu soll es in dem folgenden Beitrag gehen.

Was bedeutet Überwindung?

Unter Überwindung der Welt verstand Jesus einen Weg, das menschliche Schicksal zu meistern. In seiner Passion vermittelte er diesen Weg, den er nicht nur lehrte, sondern den er am Kreuz selbst beispielhaft gegangen ist.
Damit wurde er selbst zum Prinzip dessen was er zuvor verkündete und so konnte er von sich sagen:
„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.. Joh 14,6

In seiner Passion zeigte er auf wie der Mensch den beschwerlichen und leidvollen Seiten seines Menschseins begegnen soll, damit sie verstanden, getragen und letztlich geistig überwunden werden können. Dabei besteht der Weg Jesu in einer außerordentlichen, inneren Einstellung den ungerechten, beschwerlichen und leidvollen Geschehnissen gegenüber. Wir sehen in Jesus Christus den Allerersten, dem es durch unerschütterliches Vertrauen in alle Lebensumstände gegeben war, den Willen Gottes durch Unrecht, Leid und Tod hindurch zu erkennen. Diese Geisteshaltung hat ihn frei gemacht von Gedanken der Schuld, der Anklage und der Vergeltung gegenüber seinen Feinden. Durch sein unerschütterliches Vertrauen und sein Wissen um den Sinn (Gott) im Sinnlosen (Gottlosen) war er davor bewahrt, an den schicksalhaften Geschehnissen seines Leidens und Sterbens zu zerbrechen, sodass er sterbend am Kreuz rufen konnte:

„Vater vergib ihnen denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Luk 23, 34

Leidend und sterbend am Kreuz machte Jesus deutlich, dass dieses neue Lebensverständnis, selbst von Geschehnissen, die äußerlichen Schaden und sogar den Tod bedeuten, unberührt und somit unzerstörbar bleibt.

Überwindung der Welt bedeutet im Sinne Jesu, die geistige Fähigkeit zu erlangen, frei von jeglicher, menschlicher Befangenheit, denken und handeln zu können. Auf dieser unbestechlichen Handlungsweise in vollkommener Freiheit, beruht die Verherrlichung Gottes – beruht die Verklärung des Geistes, wie Jesus es vor seiner Verhaftung gegenüber seinen Jüngern verdeutlichte:

„Ich habe dich (Vater) verherrlicht auf Erden und vollendet das Werk, das du mir gegeben hast, dass ich’s tun sollte. Und nun verkläre mich du, Vater, bei dir selbst mit der Klarheit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.“  Joh 17,5

Eben, weil Jesus sich der transzendenten Bedeutung seines Lebens bewusst war, konnte er sein Leben bereitwillig hingeben und konnte in seiner Passion konsequent im Sinne seiner Botschaft handeln, die er zuvor lehrte: „Liebet eure Feinde…“ Mat 5, 44

Metanoia – Ändert euren Sinn

Ein weiterer, essentieller Gedanke liegt der Lehre von der Überwindung der Welt zu Grunde und dieser beruht auf der Änderung der Gesinnung unserem Leben gegenüber. Mit dem Aufruf zur Änderung unserer Sichtweise knüpfte Jesus nahtlos an die Predigt Johannes des Täufers an, der den Menschen zurief: Metanoia!  „Ändert euren Sinn!“ Ein Wort, das in den meisten Bibeln etwas einseitig mit „Tuet Buße“ wiedergegeben wird.

Metanoia bedeutet aber, dass wir unser gesamtes Leben auf völlig neue Weise betrachten und bewerten sollen, nicht dem äußeren Augenschein nach, sondern nach dem Verständnis der Lehre Jesu. Dieses Verständnis besagt folgendes:

Alles, was in dieser Welt mit uns und um uns geschieht hat das Potential, im Einklang mit dem Willen Gottes zu stehen, sofern wir bereit sind nach dem Sinn und der Bedeutung leidvoller Geschehnisse zu suchen – sofern wir bereit sind, den Willen Gottes darin zu suchen.

Denn der Wille Gottes ist untrennbar verbunden mit Geist und Sinn:

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.… Mat 7,7

Was nicht im Einklang mit dem Willen Gottes steht, das muss unser Dasein  behindern, beschädigen und vernichten. Gott aber ist das Leben selbst. Würde das Leben sich selbst behindern, beschädigen oder vernichten, so könnte es nicht existieren. Leben ist aber geradezu ein Synonym für Existenz, Realität, Wirklichkeit und Wahrheit.

In der Natur und in Wahrheit existiert kein sinnloses Unterliegen, Niedergehen und Sterben; alles Sterben dient neuem Leben. Daher, indem unser eigenes Sterben Sinn erfährt, ist der Tod überwunden denn Leben ist ein Synonym für Sinn und Bedeutung.

In Christus und das bedeutet, in unserer Suche nach dem Sinn im Sinnlosen, werden Leid und Tod – wird die Welt überwunden.

Ob also im Ungerechten, Beschwerlichen und Leidvollen der Wille Gottes an uns geschieht oder nicht, das hängt durch Jesus Christus nun nicht mehr von den Geschehnissen an sich ab, sondern es hängt allein ab von unserer inneren Haltung diesen Geschehnissen gegenüber – es hängt ab von unserer Einwilligung in den Willen Gottes. In Jesus Christus offenbart sich Gott als jene universelle Kraft, die ihre Herrlichkeit mit jeder Kreatur teilt, die seinen Willen in allen Geschehnissen sucht und findet. So gelangen wir durch Jesus Christus zu dem tiefen Verständnis, dass der Wille Gottes, sofern er zu unserem Besten geschehen soll, vollkommen abhängig ist, von unserer persönlichen Einwilligung in den Willen Gottes. Diese Theologie steht in vollkommener Übereinstimmung mit der Auffassung Jesu, der vor seiner Verhaftung bat:

Und ging hin ein wenig, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!“  Mat 26,39

“Dein Reich komme. Dein Wille geschehe…” Mat 6,10

In Jesus Christus sind wir aufgefordert den Willen Gottes in allen Geschehnissen zu suchen, wodurch allein er gefunden werden kann und muss. In seiner Passion lehrte er die Überwindung der Welt durch die vertrauensvolle Erkenntnis des göttlichen Willens in ausnahmslos allen Geschehnissen.

In der Welt habt ihr Angstaber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.” Joh. 16, 33



Missverstandener Opfertod Jesu

Angeblich habe Gott eine Wiedergutmachung des einstigen Sündenfalls gefordert. Gemäß dem Prinzip von Schuld und Vergeltung habe Gott die Menschen bestrafen wollen. Jesus habe dann durch seine grausamen Hinrichtung am Kreuz, Gott endlich die gewünschte Genugtuung bereitet.
So oder ähnlich lautet die verkürzte, missverständliche und letztlich irrtümliche Lesart zur Bedeutung der Passion Jesu. In diesem Zusammenhang hört man auch die Meinung, dass durch den Opfertod Jesu bzw. durch seine Hingabe am Kreuz, automatisch menschliche Schuld vergeben sei. Dies sei einfach zu glauben, und nicht zu hinterfragen. Welcher Bedeutung der Hingabe Jesu – entsprechend seiner eigenen Lehre – für uns tatsächlich zukommt, das möchte ich in dem folgenden Beitrag aufzeigen. Einleitend sei dazu der folgende Gedanke vorangestellt:

Gott überwindet das Leid der Welt in dem Moment, da er davon „berührt“ wird. Da Gott selbst nicht leiden kann, erreicht er durch Jesus Christus die notwendige Berührung mit dem Leid der Welt. Jesus bewirkt diese “Berührung” indem er sein Leid in der Gewissheit auf dessen Sinn und Bedeutung, auf sich nimmt und trägt – uns zum Vorbild. Dass Jesus durch seinen Opfertod am Kreuz unsere Schuld beglichen hat ist ausschließlich im Sinne seiner Botschaft zu verstehen. Der missverstandene Opfertod Jesu rührt aus einer wörtlichen Deutung der Passion Jesu, losgeslöst von den Inhalten seiner Lehre.

Der schachernde Gott

Im Grunde genommen entspricht die eingangs beschriebene Auffassung der Praxis antiker Opferkulte; denn das Opferverständnis der Antike war ein mythologisches bzw. ein magisches. Dabei wurde göttliche Gnade als ein gerechter Ausgleich oder als eine Art Automatismus verstanden. Oder Gott wurde quasi als Händler in den Bereich des Käuflichen gerückt. So brachte der Mensch der Antike seine Opfer dar, um von Gott etwas ganz Konkretes zurückzuerwarten: Wohlstand, Gesundheit, Reichtum, Macht etc. Ein Gottesverständnis – gegen das Jesus, bei der Tempelreinigung mit äußerster Vehemenz vorging, wie uns die Schriften berichten:

Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen. Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus, und ihre Tische stieß er um. Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zum Kaufhaus. Joh. 2. 13,25. 

Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb hinaus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus. Mt 21, 12-13

Das antike Opferverständnis basierte gewissermaßen auf der Logik eines Tauschgeschäfts oder eines magischen Aktes. Der christliche Glaube hingegen ist seinem Inhalt nach, das Gegenteil von Kalkül und Berechnung. Denn sowohl in seiner Lehre als auch in seiner Hingabe am Kreuz, zeigte Jesus, dass er absolut nichts für sich selbst wollte. Vielmehr war er bereit, all das bereitwillig auf- und hinzugeben, was der Mensch mit Glück und mit Wohlergehen verbindet.

Grund und Ursache der Hingabe Jesu

Zunächst möchte ich aufzeigen inwiefern die Passion Jesu und der Aspekt der Erlösung nicht als ein „Tauschgeschäft“ mit Gott, sondern entsprechend den Inhalten seiner Botschaft, zu verstehen ist. Tatsächlich vermittelt uns Jesus in seiner Lehre eine ganz bestimmte Geisteshaltung, die dem, der sie annimmt die Identität des Christus verleiht. Diese Identität nennt Jesus Gotteskindschaft. Kraft dieser Identität werden wir Christus gleich, werden wir vollkommen eins mit ihm. Im vertrauensvollen Annehmen dieser neuen Identität, liegt die Erlösung des Menschen begründet. In dieser Identität sind wir erlöst, weil diese Identität die einzige Existenzform darstellt, die frei ist von menschlicher Befangenheit.

Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Joh 15, 5

Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. Joh 14,6

Das Unsagbare – was nur „getan“ werden konnte

In seiner Passion vermittelt Jesus auf nonverbale Weise den unaussprechlichen und essentiellsten Aspekt seiner Botschaft: den individuellen Umgang mit menschlicher Schwäche und Schuld. In seiner Hingabe an seine Feinde zeigt er eine Haltung vollkommener Unbestechlichkeit, angesichts äußerer Bedrohung durch Unrecht, Leid und Tod. All das, was er zuvor in Worten und Gleichnissen ausgedrückt hatte, das setzte er in seiner Passion konsequent um. Dabei ist seine Handlungsweise genau genommen ein tatenloses Handeln, es ist ein Geschehen lassen, in welchem Gott selbst zum Handelnden wird – zum Handelnden werden muss. Denn in einer Geisteshaltung grenzenloser Integration dem Ungerechten und Leidvollen gegenüber, macht Jesus Gott zum Urheber von Schuld, Unrecht, Leid und Tod.  Da aber in Gott weder Leid noch Unrecht existieren können, überwindet Gott in Jesus Christus diese Bereiche, indem er in diese Geschehnissen gewissermaßen Geist und Sinn hineinträgt. Was Sinn gefunden hat, das ist zu einem Teil Gottes geworden. Was aber ein Teil Gottes geworden ist, das ist auch lebendig geworden. Auf dieser Ursächlichkeit beruht das „Gesetz“ der Auferstehung Jesu.

Einwilligung in alle Geschehnisse – die Universalität des Geistes

Es ist dieses bewusste Einwilligen in das Geistlose und Böse, wodurch Christus die dunkle Wirklichkeit des Menschseins mit solcher Vehemenz auf Gott (den Urheber jeglicher Wirklichkeit) zurückwirft, dass dieser zum Schöpfer einer neuen, hellen und guten Wirklichkeit werden muss – einer Wirklichkeit, die über alles Vordergründige und Vergängliche hinausgeht. Ich sage, dass Gott zum Schöpfer werden muss, weil innerhalb Gottes weder Leid noch Tod existieren können. Die bewusste Hingabe an eine böse und feindliche Wirklichkeit, ist die Ursache für die Auferstehung Jesu, die als eine Auferstehung zeitloser und unvergänglicher Sphären verstanden werden muss. So hat uns Christus in seiner Passion einen Weg zu einem neuen, transzendenten Lebensverständnis aufgezeigt. Eben diese Ursächlichkeit verdeutlicht er vor seiner Gefangennahme seinen Jüngern mit den Worten:

Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wieder nehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es freiwillig. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wieder zu nehmen. Dieses Gesetz habe ich empfangen von meinem Vater. Joh 10, 17

Erlösung durch Vergebung und Vergebung durch Sinnfindung

Einen weiteren, grundlegenden Gedanken, der aus dieser Geisteshaltung Jesu folgt und den er im Zusammenhang mit seiner Passion lehrte, ist, dass durch seine Hingabe am Kreuz den Menschen Erlösung zuteil und Schuld vergeben wird:

Wer der Vornehmste unter euch sein will, der sei euer Knecht, gleichwie des Menschen Sohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern dass er diene und sein Leben gebe zu einer Erlösung für viele. Mt 20, 27-28

Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinkt alle daraus; das ist mein Blut des neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden. Mt 26, 27-28

Allmacht in äußerster Ohnmacht

Um eine zusammenhängende Betrachtung dieser beiden Gedanken geht es hier: so die bereitwillige Hinnahme von Leid und Tod auf der einen und die Vergebung von Schuld auf der anderen Seite, mit anderen Worten: Macht inmitten äußerster Ohnmacht und Schuldlosigkeit angesichts größter Verfehlung gegenüber der Wahrheit.

Der Zusammenhang dieser beiden Aspekte scheint nicht ohne weiteres erkennbar, und doch ist er folgerichtig und insofern grundlegend für die Botschaft Jesu. Im erstgenannten Gedanken vermittelt Jesus, dass er durch seine vertrauensvolle Hingabe an die ungerechte und leidvolle Wirklichkeit dieser Welt die Macht hat, sein hingegebenes Leben wieder zu nehmen.

Gott liebt jede Hingabe an die Wahrheit, insbesondere aber an jene, die uns wie das Ende oder das Gegenteil der Wahrheit erscheinen – eben weil Gott darin zum Schöpfer neuer Kreaturen und Welten werden kann. Denn dem Verständnis Jesu nach, wird uns jede harte Lebensgrenze, an die wir zuversichtlich und vertrauensvoll rühren, neue ungeahnte Lebensräume eröffnen:

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.… Mat 7,7-8

Die Immunität Gottes

Aber welche Gesetzmäßigkeit bzw. welches „Gesetz“ könnte dem zugrunde liegen, wie Jesus es hier darlegt?  Die Voraussetzung für das Verständnis dieses Gedankens, liegt in der Fähigkeit zu erkennen, dass Gott die Ursache jedweder Wirklichkeit ist und dass alle Wirklichkeit, die Gott wirkt, immer nur einem Zweck dient, nämlich unaufhörlich neues Leben hervorzubringen.

Das Wesen Gottes besteht in einem Hervorbringen seiner selbst, und was Gott hervorbringt, das kann nicht zum Schaden seiner selbst sein, sonst wäre er nicht Gott. Und da Gott ohnehin niemals irgendeinen Schaden erleiden kann, müssen ihm alle Geschehnisse zur Hervorbringung und zur Förderung seiner selbst dienen, selbst ungerechte, beschwerliche und leidvolle – also auch Geschehnisse, die wir Menschen mit dem Gegenteil von Wahrheit, Leben, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit verbinden. Dieses geistige Prinzip hat uns Jesus in seiner Passion verdeutlicht. In eben dieser Gewissheit handelte er, als er sein Leben für uns hingab. Am Kreuz vermittelt er eine Geisteshaltung, in welcherBestrafung, Vergeltung, Unrecht, Erniedrigung, Leid und Tod – keine Existenzberechtigung mehr haben, da in dieser Geisteshaltung alle Geschehnisse nun einer neuen Schöpfung dienen: dem der auf dieses universelle Gesetz vertraut. Der Auferstandene Christus, ist ein Bild der Unzerstörbarkeit der Wahrheit, eine völlig neue Kreatur – das erste neue Geschöpf einer gänzlich neuen Schöpfung, so wie es der Apostel Paulus beschreibt:

Darum, ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden! 2. Kor 5,17

Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt, als Erstling derer die entschlafen sind. 1. Kor 15,20

Denn welche er zuvor erwählt hat, die hat er auch dazu bestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Ebenbild seines Sohnes, auf dass derselbe der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.  Röm 8, 29

Das christliche Prinzip der Transzendenz des Bösen

Deshalb: Fassen wir unser eigenes Leid so auf, wie Jesus sein Leid auffasste, so leiden wir nicht mehr um unserer selbst willen, sondern wir leiden um Gottes, also um der Wahrheit willen. Leiden wir aber um der Wahrheit willen, so ist eben dieses Leid der Grund und Anlass für eine neue Schöpfung, da in Gott kein Leid existieren kann. Gott überwindet Leid, in dem Moment, wo er davon „berührt“ wird. Jesus Christus erreicht am Kreuz die Berührung Gottes mit dem Leid der Welt, da er es im Glauben an einen tiefen Sinn (Geist) auf sich nahm und trug. Gott kann nur von jenem Leid berührt werden, das als sinnstiftend erkannt und angenommen wird, eben darum, weil in Gott allen Geschehnissen Sinnstiftendes zukommt. Deshalb bat Jesus angesichts seiner Passion:

Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst. Mat 26,39

Schöpfung bedeutet, dass allem unter Begrenzung Leidenden, neuer unbegrenzter Lebensraum zuteil wird. Allein das Vertrauen in dieses universelle Gesetz, verändert alle Wirklichkeit grundlegend. Leiden wir um Gottes willen, so erhält unser Leid eine Bedeutung und einen Sinn, da Gott ein Synonym für Geist und Sinn ist. Und so wie Jesus einen Sinn in seinem eigenen Leid erkannte, und es deshalb auf sich nahm und dadurch gedanklich überwand, so wird auch unser eigenes Leid einen Sinn erfahren können, wenn wir es im Geist Jesu auf uns nehmen und tragen.

Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, so sie daran lügen. Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel wohl belohnt werden. Denn also haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind. Mt 5, 11-12

Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen:Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.   Mk 8, 34-35

Der Sinn, den Jesus in seinem eigenen Kreuz sah, war -für ihn- die Erlösung des Menschen und die Vergebung von Schuld, und eben diese Einsicht machte seine Passion sinnvoll. Eine Erlösung, die all jenen zuteilwerden sollte, die seinem Beispiel gedanklich folgen wollen.

Damit berühre ich den zweiten Gedanken, der die Frage aufwirft: Wie kann das Leid eines Menschen für andere Menschen Erlösung sein, und wie ist es möglich, dass Schuld dort vergeben wird, wo Menschen einem unschuldigen Menschen Leid zufügen? Ein Widerspruch in sich, wie es scheint.

Die erste Antwort auf diese Frage findet sich bereits in dem oben Gesagten, dass alle Geschehnisse dem dienen, der Gott bedingungslos vertraut, so wie es der Apostel Paulus im Römerbrief beschreibt: 

Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Röm 8,28

Selbsterkenntnis – die Grundlage echter Vergebung

Eine weitere Antwort, die konsequent an diesen Gedanken anknüpft, findet sich in der Aufforderung Jesu – Einsicht in die eigene Schuld und Schwäche zu üben, um dadurch gnädig und barmherzig mit den Schwächen anderer zu verfahren. Denn wenn uns jetzt tatsächlich alle Dinge zum Besten dienen, wie Paulus sagt, dann konsequenterweise auch Schwäche, Schuld, Leid und Tod. Und dabei ist es völlig unerheblich, woher diese Mangelhaftigkeit rührt, ob von uns selbst, von unserem Nächsten oder von widrigen Lebensumständen.


Darum vermittelt uns Jesus die Einsicht, dass wir durch Betrachtung unserer menschlichen Schwäche und Mangelhaftigkeit frei werden können von einer Verurteilung unseres Nächsten. Mit anderen Worten, das was bisher Sünde war, das ist in dieser neuen Betrachtungsweise überwunden, denn es ist in dieser Geisteshaltung gut geworden. Derart frei geworden vom Gedanken der Vergeltung, erreichen wir vor Gott „Nichtverurteilbarkeit“. Denn Gott (die Wahrheit) wird uns nur soweit verurteilen können, solange uns Gedanken von Schuld und Vergeltung anhaften. Daher gilt es, frei zu werden von einer Verurteilung anderer, wozu uns wiederum die Einsicht in die eigene menschliche Schwäche dienen und helfen soll. Wir sehen – eben dadurch erhält unsere menschliche Schwäche und Fehlbarkeit (Sünde) eine tiefe Bedeutung, indem sie uns dazu verhilft, uns selbst in unserer Mangelhaftigkeit zu erkennen:

Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit dem Maßstab, den ihr bei anderen anlegt, werdet ihr selbst gemessen werden. Warum starrst du auf den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken! Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen! Mt 7, 1-5

Das Jüngstes Gericht – Ende allen Widerspruchs

Am jüngsten Tag wird Gott jegliche Verurteilung verurteilen, denn Gott wird dort allem Widerspruch ein Ende setzen. Eben darum, dass in Gott alles dient, ist in ihm kein Raum für Widerspruch und Verurteilung. Deshalb sollen wir bereits hier und jetzt alles daran setzen, frei zu werden von jeglicher Verurteilung. Bei allem was am Tag des Jüngsten Gerichts an Gedanken der Verurteilung gefunden wird, das wird verurteilt werden, um der Verurteilung willen, die ihm anhaftet. Denn nach dem Gesetz der Gnade Gottes, muss eines Tages alle Verurteilung ein Ende finden.

Dieser Ursächlichkeit nach sind alle Aussagen Jesu zu verstehen, in denen er darlegt, dass durch seine Hingabe am Kreuz vielen Menschen ihre Schuld vergeben werden wird, nämlich all denen, die seiner Botschaft Glauben schenken und die seinem Beispiel der Vergebung inhaltlich folgen wollen:

Ein Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr tut, wie ich euch getan habe. Joh. 13, 15

Wir sehen, im Kreuzestod Jesu liegt kein Automatismus. Die Hingabe Jesu ist gewissermaßen eine Tür, eine enge Pforte, die uns gewiesen wurde; hindurchgehen kann nur jeder einzelne selbst.

Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der hinab zur Verurteilung führt; und es sind viele, die darauf gehen. Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind es, die ihn finden. Mat 7, 13-14

Amen, Amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen. Joh 5, 24

Vergebung durch Wissen – Nur der Wissende kann vergeben

Die Auffassung, mir sei meine Schuld vergeben, weil ja Jesus am Kreuz für mich gestorben sei, ist nicht vollständig, solange wir Sinn und Bedeutung – solange wir den Beweggrund für seine Hingabe am Kreuz nicht erkennen und verstehen wollen. Denn glauben wir den Worten Jesu, so endet Schuld dort, wo wir selbst aktiv vergeben, so wie Jesus seinen Feinden am Kreuz vergeben hat:

Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun! Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los um sein Gewand. Luk 23,34

Erst wenn wir den Worten Jesu Glauben schenken, nämlich dass in allen Geschehnissen ein tiefer Sinn und eine Bedeutung verborgen liegt und wir seinem Beispiel folgen, werden wir die Welt (den Gedanken der Schuld und Vergeltung) grundlegend überwinden können. Nehmen wir diese Geisteshaltung Jesu nicht an, so bewirkt auch sein Tod am Kreuz für uns nichts. Das Bild vom Opfertod, wonach Gott durch das Sühneopfer seines Sohnes mit der Menschheit versöhnt wurde, kann daher nicht losgelöst von der Bereitschaft zur eigenen inneren Auseinandersetzung mit der Welt – der Sinnsuche und der Sinnfindung allen Geschehnissen gegenüber – verstanden werden.

Überwindung des Bösen durch Vertrauen in den Sinn (Gott)

In seiner Hingabe am Kreuz verdeutlichte Jesus die Notwendigkeit der menschlichen Schwäche: Was wir das Böse nennen, wird – in seinem Geist getragen – aufhören, unser Schaden zu sein – ausnahmslos dient nun alles, auch die Sünde und das Böse. Jesus lehrte und verkörperte durch sein Beispiel den einzig möglichen Weg, durch den objektive Vergebung, also Vergebung durch Gott möglich ist. Denn das, was Jesus Glaube nannte, ist jenes tiefe Vertrauen, dass demjenigen alle Dinge zum Besten dienen, welcher Gott bedingungslos vertraut. Wer dem Leben (Gott) misstraut, bleibt sterblich, denn der Tod ist nichts anderes als unser Misstrauen gegenüber dem Leben, das immer Förderung erfährt, selbst wenn es augenscheinlich scheitert und unterliegt. Also hat Jesus in seiner Geisteshaltung verdeutlicht, dass wir – so wie er – durch vertrauensvolle Preisgabe unserer menschlichen Existenz, neues, unvergängliches Leben annehmen werden.

Missverständnis und Bedeutung des Opfertodes Jesu

Damit uns diese Botschaft erreicht, dafür hat Jesus sein Leben am Kreuz hingegeben. Jede andere, von dieser Botschaft losgelöste Kreuzestheologie, geht am Geist und damit am Inhalt der Botschaft Jesu vorbei. Insbesondere betrifft dies verkürzte Lesarten wie: „Gott hätte nach einem Opfer für den einstigen Sündenfall verlangt.“ – Gott hätte die Menschen strafen wollen.“ und „Jesus habe durch Erduldung seiner grausamen Hinrichtung am Kreuz – Gott eine Genugtuung bereitet.“ Sündenvergebung meint jedoch, dass Sinn- und Geistloses unverhofft Sinn erfährt. Wer die tiefe Bedeutung dieser Lehre nicht versteht, dem wird das als zu wenig erscheinen, denn er meint, das Kreuzesopfer Jesu müsse die Vergebung von Schuld ganz unabhängig von uns leisten. Sündenvergebung durch die Hingabe Jesu besagt aber eben genau das, nämlich dass Sinn- und Geistloses (Sünde) unverhofft Sinn erfährt, sobald wir es wie er – im Vertrauen auf seinen Sinn – auf uns nehmen und tragen.

Es ist auch nicht so, dass Gott einer Laune folgt, dass er durch irgendein menschliches Tun oder Handeln um- oder milde gestimmt werden könnte. Gott ist die Gnade selbst, und dort wo er Gnade findet, da findet er sich selbst. Findet nun Gott sich selbst in uns, so macht er uns sich gleich. Das heißt er erkennt sich in uns und uns in sich. Das ist das Prinzip der Gnade, gegen welches Gott nicht handeln kann. Das heißt, Gott kann nicht anders, als demjenigen Gnade erweisen, der die Gnade schätzt, sucht, lebt und übt. Gott kann nicht gegen sich selbst handeln. Dort wo wir gnädig und barmherzig handeln, dort handelt Gott selbst durch, mit und in uns.

Sündenvergebung bedeutet, dass Jesus das Unrecht, das man ihm antat, aus der Hand Gottes entgegennahm. Indem er dieses Geschehen als einen Dienst an uns und als Anlass zu einer neuen Schöpfung auffasste, hat er das Böse durch das Gute (Geist und Sinn) überwunden.

Geburt aus Wasser und Geist

Unser Leben in dieser Welt gleicht einem Sinnbild des Untergangs im luftlosen, geistlosen Element, dem Wasser. Die Sehnsucht nach Geist treibt uns nach oben. Man muss hinauf gelangen, die Oberfläche durchbrechen, um neuen Atem – um Geist zu schöpfen.

Durch vertrauensvolles Eintauchen in das Spannungsfeld der Dualität dieser Welt geschieht unsere neue Geburt aus Wasser und Geist

Die tiefsinnigsten Reden Jesu finden sich zweifellos im Johannesevangelium. Eine davon in Form eines Zwiegesprächs, das Jesus dort mit dem jüdischen Geistlichen Nikodemus führt, einem Pharisäer. Nikodemus war offensichtlich ein heimlicher Bewunderer Jesu, doch öffentlich zu ihm bekennen wollte er sich nicht. Nikodemus kommt wohl aus diesem Grund in der Dunkelheit der Nacht zu Jesus und sucht das Gespräch mit ihm. Doch Jesus gibt sich distanziert. Auf die Äußerungen und Fragen des Geistlichen antwortete er ausschließlich in Sinnbildern, die um das Thema Geburt aus Wasser und Geist kreisen. Die Antworten, die Nikodemus sich von Jesus erhoffte, erhält er definitiv nicht und bleibt am Ende verwirrt zurück.

Ein Wort vorab

Im Folgenden werde ich auf den Sinngehalt der Antworten Jesu eingehen. Dazu gebe ich den Text aus dem Johannesevangelium abschnittsweise wieder. Nach jedem Abschnitt folgt zunächst ein kurzer Hinweis auf Besonderheiten zum Urtext und danach die entsprechende Auslegung.
Vorab sei noch darauf hingewiesen, dass der Symbolgehalt von Sinnbildern nie vollkommen und endgültig ausgeschöpft werden kann, da sie immer einen Bedeutungsüberschuss aufweisen. Dies betrifft im besonderen Maße sämtliche Sinnbilder und Gleichnisse, die Jesus verwendete, und das ist beabsichtigt. Seine Bilder und Gleichnisse sind gewissermaßen „Zeitkapseln“, die seine Botschaft unverändert durch die Zeiten hindurch transportieren. Durch jede, auf das jeweilige Zeitgeschehen bezugnehmende Interpretation, erwachen diese Sinnbilder zu neuem Leben und eröffnen uns ein Stück weit die zeitlosen Inhalte der Botschaft Jesu. 

„Ein Pharisäer namens Nikodemus, der zur jüdischen Führungsschicht gehörte, kam eines Nachts zu Jesus und bekannte: „Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, der von Gott kommt. Denn wer solche Wunder wirkt wie du, der muss schon mit Gott zu tun haben.
“Jesus antwortete: „Amen, amen, ich sage dir: Nur einer der noch einmal von oben her geboren wird, kann Gottes Reich sehen.“

Johannes 3, 1-3

Hinweis zum Urtext:
Das griechische Adverb ἄνωθεν, ánothen  (“von neuem”) fasst Nikodemus nicht als “von oben her” auf, obwohl das dem Wort nach möglich wäre, sondern er versteht es als erneute bzw. nochmalige Geburt, wie der nachfolgende Vers deutlich macht, da Nikodemus von der erneuten Rückkehr eines Menschen in den Mutterleib spricht. Aufgrund dieser Mehrdeutigkeit habe ich das Adverb im Text nach seinem doppelten Sinn wiedergegeben.

Vordergründiges und hintergründiges Sehen

Die Erklärung Jesu auf das freimütige Bekenntnis des Nikodemus wirkt im ersten Moment deplatziert, da dieser ihn ja gar nicht nach dem Reich Gottes gefragt hatte, doch das ist sie nicht. Nikodemus erklärt Jesus, man würde ihn wegen seiner Wunder, die er in der Öffentlichkeit wirkt, als von Gott gesandt anerkennen. Doch Jesus gibt ihm zu verstehen, dass das, was er gesehen hat (nämlich die Wunder), nicht das ist, was er gekommen ist offenbar zu machen. Er sei gekommen, um das Reich Gottes auf Erden sichtbar zu machen. Die Heilungen sind äußerliche Zeichen. Wer die Mission Jesu am äußerlich Sichtbaren festmacht, bleibt blind für das Eigentliche und hintergründige seiner Mission, das in seiner Botschaft vom Reich Gottes liegt. Insofern ist die Antwort Jesu auch Ausdruck einer gewissen Enttäuschung darüber, dass Nikodemus sein Bekenntnis an äußeren Erscheinungen festmacht – dass ein führender geistlicher Lehrer sich mehr von Wundertaten, als von den Worten seiner Lehre beeindruckt zeigt. Jesus war gekommen, eine Botschaft zu vermitteln, durch die der Mensch ein geistig Sehender wird, um das Reich Gottes in allen Geschehnissen sehen zu können. Die Enttäuschung darüber, dass die Aufmerksamkeit der Menschen auf das Vordergründige fixiert ist, bringt Jesus aber auch gegenüber seinen Jüngern unmissverständlich zum Ausdruck:

“Habt ihr denn keine Augen, um zu sehen und keine Ohren, um zu hören?“  Markus 8, 18

Daraufhin fragte Nikodemus: „Und wie kann jemand geboren werden, wenn er schon älter ist? Kann er etwa wieder in den Mutterleib zurückkehren und noch einmal geboren werden?“
Jesus antwortete: „Amen, amen, ich sage dir: Nur wer aus Wasser und Geist geboren wird, kann in das Reich Gottes hineingelangen. Fleischgeborene bringen Fleischgeborene hervor und Geist gebiert Geist. Sei nicht verwundert darüber, dass ich dir gesagt habe, ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Rauschen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wo er hingeht. So ergeht es jedem, der aus dem Geist geboren ist. Nikodemus antwortete und sagte zu ihm: Wie ist so etwas möglich? 

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist der Lehrer des Volkes Israel und weißt das nicht? Amen, amen ich sage dir: Was (Johannes) der Täufer und ich wissen, das verkünden wir, und wir bezeugen, was wir geschaut haben. Ihr aber wollt unser Zeugnis nicht hören. Wenn ihr schon nicht glaubt, was ich über Irdisches sage, wieviel weniger werden ihr dann glauben, wenn ich euch vom Himmel sage.

Johannes 3, 4-12

Hinweis zum Urtext:
Das griechische Wort für “Geist” und “Wind” ist identisch: πνεῦμα, pneuma. Ebenso auch das hebräische und aramäische Wort רוח ruach bzw. ruch, das neben Wind auch Atem oder Hauch bedeuten kann. Der Begriff „Heiliger Geist“ beispielsweise, kann im Hebräischen auch als „Heiliger Atem“ oder „Atem Gottes“ gelesen werden.

Menschliche und göttliche Geburt

Auf die Frage von Nikodemus, was es mit dieser neuen Geburt von oben auf sich hat und ob der Begriff Geburt hier im wörtlichen Sinne zu verstehen sei, erklärt Jesus zunächst, welche Voraussetzung erfüllt sein muss, um in das Reich Gottes gelangen zu können. Damit lenkt er die Aufmerksamkeit von Nikodemus nochmals vom vordergründigen auf das hintergründige Geschehen um das Reich Gottes. Danach folgt der Hinweis Jesu auf zweierlei Geburten, unterschiedlicher Art, nämlich einer fleischlichen und einer geistigen.

Doch wenden wir uns zunächst der Bedingung zu, die Jesus nennt, ohne die kein Eingang in das Reich Gottes möglich ist – der Geburt aus Wasser und Geist. Bedenkt man allein die Mehrdeutigkeit und die Bedeutungsvielfalt des Begriffs Geist im Urtext, so drängt sich ein Sinngehalt sofort auf, und dieser liegt in der Gegensätzlichkeit der beiden Begriffe:

Auf der einen Seite ist da der Geist als Element der Luft, des Windes, des Atems und auf der anderen Seite das Wasser, als das geistlose bzw. das luftlose Element. Zugleich ist aber der Wind (Geist) auch ein Element des Himmels – der Höhe, das von oben kommt und dort wirkt. Sein Gegensatz ist das Wasser, das niedere, irdische und dunkle Element, das mit dem Abgründigen, also mit dem Begriff der Tiefe in Verbindung gebracht wird. Damit lässt sich nicht von ungefähr eine direkte Parallele zum alttestamentlichen Schöpfungsmythos ziehen, wo es heißt:

Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. 1. Mose 1,2

Vom Wesen der Geistgeborenen

Die erneute Geburt, von der Jesus hier spricht, beschreibt insofern einen neuen Schöpfungsakt. Es geht um die Geburt neuer Geschöpfe, die in eine neue Welt hineingeboren werden, nämlich in das Reich Gottes. Aus dem Element Wasser sind alle Menschen bereits geboren, entsprechend ihres fleischlichen Ursprungs von “unten”. Doch auch das Potential der hohen, geistigen Geburt ist in allen Menschen angelegt, die bereits „hören“, dass etwas Hintergründiges in dieser Welt vor sich geht. Diese Menschen sind jene, die „Ohren haben, um zu hören.“ Jesus verdeutlicht dieses Phänomen in dem Satz:

Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Rauschen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wo er hingeht. So ergeht es jedem, der aus dem Geist geboren ist.“

Was heißt das?  Es besagt, dass all jene aus dem Geist Geborene sind, die nach dem Woher und dem Wohin des menschlichen Daseins fragen und suchen, die innerlich von der Frage bewegt werden; woher kommen wir, und wohin gehen wir? Diese Menschen sind es, die das Raunen des Geistes schon vernehmen, aber es nicht deuten können. Wegen dieser Menschen ist Jesus gekommen, um ihnen den Weg in das Reich Gottes zu weisen. Denn Christus ist jener, der von sich sagen kann:

Ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe; ihr aber wisst nicht, woher ich komme und wohin ich gehe.“ Johannes 8,14

Hier sind die beiden Beschaffenheiten, die notwendig sind und die uns fähig machen, in das Reich Gottes zu gelangen. Doch damit ist die Deutung der Sinnbilder „Wasser und Geist“ keineswegs ausgeschöpft. Bisher haben wir beide Sinnbilder getrennt betrachtet und gedeutet.  Von viel  grundlegenderer Bedeutung ist aber ihre Bedingtheit und Abhängigkeit zu einander. Jesus sagt ja nicht, dass man zuerst aus Wasser und danach aus Geist geboren werden müsse, um in das Reich Gottes zu gelangen, sondern er sagt:

Nur wer aus Wasser und Geist geboren wird, kann in das Reich Gottes gelangen.“

Das Sinnbild der Geburt

Um den tiefen Sinn, der in dieser Metaphorik liegt, zu verstehen, müssen wir uns zunächst dem Sinnbild der Geburt zuwenden und es deuten, damit sich uns die Bedeutung der Gegensätzlichkeit der Begriffe, Wasser und Geist erschließt. Was also ist in diesem Zusammenhang bezeichnend für den Vorgang der Geburt? Geburt ist ein schmerzvoller Akt und steht damit auch für einen Zustand der Ausweglosigkeit, der, wenn er zu einem guten Ende kommen soll, nur einen Ausgang kennt, nämlich das Geborenwerden eines neuen Menschen. Geburt wird von dem, der geboren werden muss, als lebensbedrohliche Einengung empfunden, wie es die sinkende Herzfrequenz des Kindes während einer Wehe bezeugt. Jesus verwendet eben dieses Sinnbild von der Geburt als beängstigenden und schmerzvollen Vorgang noch einmal an einer anderen Stelle:

„Wenn eine Frau gebiert, so hat sie Traurigkeit, weil ihre Stunde gekommen ist; wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst, um der Freude willen, dass ein Mensch in die Welt geboren ist.“  Johannes 16, 21

Aus der Dualität zur Einheit des Geistes

Das Leben in dieser Welt gleicht einem Sinnbild des Untergangs im luftlosen, geistlosen Element, dem Wasser. Die Sehnsucht nach Geist treibt uns nach oben. Man muss hinauf gelangen, die Oberfläche durchbrechen, um neuen Atem – um Geist zu schöpfen. Was heißt das? Im Spannungsfeld der Dualität dieser Welt geschieht jene neue Geburt aus Wasser und Geist, und in diesem Sinne müssen wir von neuem, d. h. von oben geboren werden. Unten im Alten, Vergänglichen ist für uns Geistgeborene kein Raum mehr. Für uns ist das Alte bereits vergangen, weil es als vergänglich erkannt wurde und aus geistiger Sicht nicht mehr erhaltbar ist. Das Neue, Unvergängliche und Zeitlose ist noch nicht offenbar, aber wir wissen darum und indem wir auf die Macht des Geistes vertrauen, werden wir aus den Tiefen des Wassers nach oben gezogen. Doch der Weg dorthin ist bedrohlich, beängstigend und nimmt uns den Atem. Das bedeutet, jede Einengung, jede Beschwerlichkeit, die wir in dieser Welt erfahren gleicht einer Wehe, die uns in das Reich Gottes hinein gebären will.

Geburt aus Wasser und Geist

Jede Erfahrung und Konfrontation mit Krankheit, Hass, Ungerechtigkeit, Schwäche (eigener wie fremder), Leid und Tod, gleicht unserem Untergang in abgründigen Tiefen dunkler Wasser.

Das Wasser als ein Symbol des luft- und geistlosen Elements versinnbildlicht jede Erfahrung in dieser Welt, die uns geistlos, sinnlos, böse und bedeutungslos erscheint.
Doch der Geist verharrt nicht in diesem Zustand, er strebt nach oben zu sich selbst: Geist sucht seinesgleichen – Geist gebiert Geist. Die Sehnsucht nach dem Geist, nach dem Atem, zieht uns nach oben. Und jedes Mal, wenn wir die Oberfläche – das Oberflächliche – durchbrechen, schöpfen wir neuen Atem, den Geist Gottes, der uns erkennend und zu neuen Kreaturen macht. Jede Überwindung durch den Geist ist ein Hindurchdringen vom Tod zum Leben, im Geist der Botschaft Jesu. Jedes neue Auftauchen aus dem Wasser und Aufnehmen von Geist – ist eine Geburt aus Wasser und Geist.

Geburt aus Wasser und Geist, ist insofern kein einmaliger oder ultimativer Akt, sondern ein immer wieder erneutes Handeln in einer bestimmten Geisteshaltung. Jener Geisteshaltung, in der auch Jesus Christus seine eigene Passion auf sich genommen hat. Indem er sie im Vertrauen auf den Geist auf sich genommen hat, hat er sie bedeutsam gemacht. Denn allein der Geist vermag das Sinnlose mit Sinn zu erfüllen, wodurch es gewandelt und überwunden ist.

In der Welt habt ihr Angst, aber seid getröstet, denn ich habe die Welt überwunden.” Johannes 16, 33

Von der Würde des Glaubens

Wäre der Wahrheitsgehalt einer Glaubensüberzeugung von Ehre, Anerkennung und Wohlergehenen abhängig, so wären Lehrmeister wie Sokrates, Jesus, Meister Eckhart, Jan Hus, Giordano Bruno, Baruch Spinoza usw. der Unglaubwürdigkeit überführt.

Der letzte, ultimative Vorstoß, um den Verkünder einer unerwünschten Lehrmeinung, zum Einlenken zu bewegen, für unglaubwürdig zu erklären oder ganz zum Schweigen zu bringen, geschieht durch Bedrohung seiner körperlichen Existenz. Über die menschliche Schwäche und körperliche Verletzbarkeit meint man selbst gültige Überzeugungen jederzeit schwächen, verletzen oder vernichten zu können.

Entwürdigung, oder: Die Schaffung von Unglaubwürdigkeit durch Entzug der Würde

Als man Jesus ans Kreuz schlug und er dort einen würdelosen Verbrechertod starb, schien damit für viele der Beweis erbracht, dass dieser Mensch ein Hochstapler gewesen sein muss. Kurz zuvor hatte sich eben dieser Jesus noch als König feiern lassen und war in der Vollmacht des Gottessohnes aufgetreten. Hier am Kreuz zeigte sich nun, dass er doch nur ein gewöhnlicher Sterblicher war. In welch offensichtlichem Widerspruch stand sein Privileg der Gotteskindschaft nun zu seinem kläglichen Scheitern am Kreuz? Insofern war die Kreuzigung für die Feinde Jesu die Stunde der Wahrheit. Hier zeigte sich für sie, was seine Lehre und sein Anspruch, mit dem er aufgetreten war wert waren. Dementsprechend waren auch die Kommentare der Pharisäer und der Schriftgelehrten während der Hinrichtung:

„Anderen hat er geholfen, aber sich selber kann er offenbar nicht helfen. Wenn er wirklich der König Israels wäre, so könnte er doch vom Kreuz heruntersteigen, und wir würden ihm glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er wirklich Interesse an ihm hat; denn er hat ja selbst gesagt: Ich bin Gottes Sohn.…“. 

Mt 27, 42

Warum führe ich diese Geschichte an? Weil sie als Beispiel für eine heuchlerische Beweisführung steht. Heuchlerisch deshalb, weil hier der Wahrheitsgehalt einer Aussage an Äußerlichkeiten und an menschlichen Schwächen einer Person gemessen wird. Als Beweis für die Unglaubwürdigkeit einer Überzeugung genügt dann der Entzug der Würde und der Hinweis auf das menschliche Scheitern. Unterliegt ein Mensch äußerlich, so wird dies auch als schlüssiger Beweis für die Haltlosigkeit seiner inneren Überzeugung verstanden.

Die Unveränderbarkeit des Wahren und Guten

Folgt man dieser Argumentation konsequent, so dürfte kein Mensch jemals irgendetwas Wahres äußern können, da kein Mensch frei ist von menschlichen Schwächen. Tatsächlich verhält es sich so, dass jeder Mensch – ganz unabhängig von seinen Schwächen –  in der Lage ist, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden. Mit anderen Worten, Wahrheit wird nicht zur Unwahrheit, indem eine Person, die sie ausspricht, offiziell zum Lügner oder Übeltäter erklärt wird, und Wahrheit endet auch nicht durch Bestrafung oder Vernichtung ihres Überbringers. Ein Gleichnis aus dem Philippus-Evangelium verdeutlicht diesen Sachverhalt bildhaft:

„Wenn die Perle in den Schmutz hinabgeworfen wird, wird sie dadurch nicht minderwertiger, noch wird sie wertvoller, wenn man sie mit Balsam salbt, vielmehr behält sie immer den gleichen Wert bei ihrem Besitzer.“

Philippus-Evangelium Spruch 48

Die Unerfüllbarkeit geistiger Ideale

Wie wir aus den Evangelienberichten wissen, verkündete Jesus kein System weltlicher Stärke oder äußerer Überlegenheit, sondern die Achtung und Wertschätzung geistiger Ideale. Gleichzeitig machte er deutlich, dass all jene, die ihm darin nachfolgen, in dieser Welt nicht siegen oder triumphieren werden, sondern scheitern und unterliegen. Der Sieg der Wahrheit stand für ihn im Gegensatz zum Sieg der Welt. Der Sieg der Welt ist ein scheinbarer, zeitgebundener und vergänglicher. Der Sieg der Wahrheit jedoch ist ein grundlegender, ideeller und zeitloser.

Wahrheit ist eine Größe, die unabhängig von unserer vergänglichen Existenz besteht. Dennoch ist jemand, der geistige Werte vertritt, nicht verloren in dieser Welt, nur weil er unterliegt. Der Trost, den Jesus seinen Nachfolgern vermittelt, beruht auf der Gewissheit, dass unsere innere Unversehrtheit grundlegend und von zeitloser Qualität ist, da Wahrheit als ein innerer und ideeller Wert unvergänglich ist.

Sterben wir um der Wahrheit willen, so werden wir auch leben um der Wahrheit willen.

Die äußere Unversehrtheit hingegen, ist scheinbar, zeitgebunden und vergänglich, wie Jesus verdeutlicht:

Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

Mt 16, 25-26

Leben wir um der Äußerlichkeit willen, so werden wir auch sterben um der Äußerlichkeit willen.

Dennoch sind die Ansprüche, die Jesus an seine Jünger stellt so hoch, dass ihnen niemand vollkommen gerecht werden kann. Das bedeutet aber nicht, dass seine Lehre deshalb weltfremd oder lebensfern wäre. Im Gegenteil, die Kraft der christlichen Lehre besteht eben gerade in der Einsicht in die eigene menschliche Schwäche. Das mag paradox klingen, ist es aber nicht, wie im Beitrag “Schuld und Vergebung” ausführlich dargelegt. Da wir als Menschen der Vergänglichkeit unterworfen und unseren menschlichen Schwächen ausgeliefert sind, können wir der Lehre Jesu zwar nicht in allen äußeren Handlungen gerecht werden, aber auf eine innere Weise können wir sie erfüllen. Sie auf innere Weise erfüllen bedeutet, dass wir unsere Distanz zu ihr (der Lehre Jesu) erkennen, und diesen Zustand innerlich bedauern. Einerseits werden wir uns also immer wieder eingestehen müssen, dass wir an der Umsetzung der christlichen Ideale scheitern. Andererseits können wir die Inhalte dieser Botschaft dennoch für richtig und für wahr anerkennen, können sie wertschätzen und lieben. Diese innere „Wertschätzung“ bildet das Herz der christlichen Glaubenslehre.

Die Wertschätzung der christlichen Ideale ist das, was Jesus als den Begriff „Glaube“ vermittelt, der lebendig und gerecht macht.

Sind wir im Zustand dieser inneren Wertschätzung, kann uns die Entfernung zu unseren Idealen nicht hindern, an ihnen teilzuhaben. Ja mehr noch, durch diese innere Wertschätzung werden wir eins mit den Idealen, die wir lieben. In dieser Gesinnung sind wir bereits dort, wo wir uns innerlich hingezogen fühlen.

Der christliche Glaube – was ist das?

Zu glauben bedeutet, die Botschaft Jesu für wahr halten – es bedeutet, den Worten Jesu zu vertrauen. Ich werde mich im Rahmen dieses Beitrags lediglich auf solche Worte Jesu beschränken, die unsere äußere Existenz betreffen: Jesus lehrte beispielsweise, darauf zu vertrauen, dass Gott weiß, was wir zum täglichen Leben benötigen, noch bevor wir ihn darum bitten. (Mt 6,8) Er lehrte auch, dass wir uns nicht sorgen sollen um Essen, Trinken, Kleidung. (Mt 6,25), auch nicht um unsere Zukunft – nicht einmal um den morgigen Tag sollen wir uns sorgen. (Mt 6, 34) Und selbst wenn man uns verkauft und ausliefert wie Sperlinge, so sind wir vor Gott dennoch nicht verloren. (Mt 10,29) Auch sollen wir uns gewiss sein, dass selbst unsere Haare auf dem Kopf alle gezählt sind. (Mt 10, 30). Und hätten wir nur so viel Glauben wie ein Senfkorn, so könnten wir Berge versetzen. ( Lk 17, 20) Doch selbst wenn ich davon überzeugt bin, dass ich im Vertrauen auf die Worte Jesu niemals sterben kann, auch wenn man mich tötet, (Mt 10, 28 und Joh 11,25-26), so bleibe ich dennoch ein Mensch mit all meinen menschlichen Schwächen – ein kleingläubiger Mensch, der an dieser Botschaft doch immer wieder zweifelt.

Das Paradoxon: Obwohl ich einerseits den Worten Jesu glaube, ja ihnen sogar zutiefst vertraue, wird mein Glaube doch immer wieder erschüttert werden: Komme ich in eine Notsituation, so handle ich aus menschlicher Angst und Vertrauenslosigkeit. In meiner Befangenheit suche ich dann nach menschlichen Sicherheiten. Geht es um die Erfüllung meiner Ideale, klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander: So verleugnete Petrus seinen Meister aus Angst vor der eigenen Verhaftung dreimal in derselben Nacht und weinte danach bitterlich über seine menschliche Schwäche. Doch eben diese Einsicht, dieses Bedauern der eigenen menschlichen Schwäche, ist ein wesentlicher und grundlegender Aspekt der Botschaft Jesu. Denn das, was ich als meine Schwäche erkannt habe, das versuche ich nicht vor mir selbst zu rechtfertigen und werde mich deshalb innerlich davon distanzieren. Nun könnte man hier einwenden: Ja, aber Jesus hatte doch keine menschlichen Schwächen, zumindest nicht in den Augen gläubiger Christen! Aber das stimmt nicht, im Gegenteil, die Verurteilung und Hinrichtung Jesu, zeigen uns ein sehr menschliches Bild von ihm. Er war schwach, verletzlich und sterblich, wie jeder andere Mensch auch. Stark war er in seiner Bereitschaft, die grausamen Konsequenzen seiner Geisteshaltung auf sich zu nehmen. Schwach war er als geborener Mensch. Ungeachtet seiner körperlichen Schwäche hat er an seinen Idealen festgehalten und war bereit, dafür die Schmach des äußersten menschlichen Scheiterns auf sich zu nehmen.

Der belächelte, kindliche Glaube

Nun gibt es Menschen, die ungeachtet ihrer menschlichen Zweifel und Schwächen, dennoch zuversichtlich in die Botschaft Jesu vertrauen. Auf geradezu kindliche Weise halten sie daran fest, dass ihnen nichts geschehen kann, was nicht im Willen Gottes liegt. Diese Menschen glauben unerschütterlich, dass Jesus Christus der Heiland ist, der alle Krankheit der Welt zu heilen vermag. Sie glauben, dass dieser Jesus der Christus ist, der durch seine Auferstehung selbst den Tod überwunden hat. Solche Menschen sind sogar bereit, für ihren „kindlichen“ Glauben Anfeindung, Hass und Ausgrenzung auf sich zu nehmen.

Auf der anderen Seite melden sich aktuell Kirchenvertreter zu Wort, die solch ein „naives Glaubensverständnis“ für falsch, verantwortungslos ja sogar für allgemeingefährlich halten. Sie verkünden Kraft ihres Amtes, dass diese oder jene Krankheit so gefährlich sei, dass hier weder Jesus, noch Gott und auch kein Beten helfen kann. Sie erklären daher, dass gerade Christen sich den offiziell verordneten Maßnahmen zu unterziehen hätten. Täten sie das nicht, so seien sie gar keine wirklichen Christen. Sie sind der Auffassung, dass selbst Jesus diese Maßnahmen befürworten würde – dass er sich ihnen selbstverständlich selbst unterzogen hätte, würde er heute leben.
Halten die kindlich Glaubenden hier dagegen, dass sie kein Vertrauen in die verordneten Maßnahmen haben und dass sie in dieser Sache lieber auf Gott vertrauen wollen, dann geben solche Kirchenvertreter ihnen zu verstehen, dass solch ein Verständnis von christlichem Glauben falsch, unhaltbar ja absurd sei.

Die Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit

Der letzte und ultimative Angriff, eine unliebsame Überzeugung zu diskreditieren, richtet sich immer gegen die Unversehrtheit des Körpers. Über die äußerliche Verletzbarkeit eines Menschen meint man auch die Wertlosigkeit seiner christlichen Überzeugung beweisen zu können. So scheint der Nachweis für die Absurdität einer Glaubensauffassung auch dann erbracht, wenn der Glaubende bei körperlichen Gebrechen einen Arzt aufsucht und nicht etwa auf Gott vertraut. Dann hält man ihm vor: „Siehst du, damit hast du dich als gewöhnlicher Mensch erwiesen. Das ist der Beweis dafür wie weltfremd, falsch und absurd deine Glaubensvorstellungen doch sind.“ Doch die so reden sind im Irrtum. Sie unterschlagen die Grundlage des christlichen Glaubens als eine aufrichtige, innere Wertschätzung von Idealen, unabhängig davon ob man diesen gerecht wird oder nicht.

Man kann Ideale glauben und wertschätzen, obwohl man ihnen als Mensch nicht gerecht zu werden vermag.

Fazit: Der aus tiefer innerer Überzeugung Glaubende wird den Ansprüchen dieser Welt nicht gerecht werden: Bleibt er standhaft, bleibt er seiner Überzeugung treu, so riskiert er Verfolgung, Ausgrenzung und Sanktionierung. Durch öffentlichen Entzug seiner Würde scheint der Beweis seines Irrtums erbracht.
Zeigt er sich hingegen menschlich, furchtsam und schwach, lenkt er aus Angst vor leidvollen Konsequenzen ein, so wird man seine Glaubensüberzeugung eben deshalb für abwegig und irrig erklären.

“Das Böse ist immer die Zerstörung sinnlicher Dinge, in denen das Gute wirklich gegenwärtig ist. Das Böse wird von denen verübt, die von dieser wirklichen Gegenwart keine Kenntnis haben.”

Simone Weil – Schwerkraft und Gnade

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Als Bethlehem im Dunkel lag

(Ein Weihnachtslied)

Als Bethlehem im Dunkel lag
und Hirten hielten stille Wacht,
da ward es plötzlich heller Tag;
ein Licht erstrahlt in tiefster Nacht.
Und Klarheit, hoch von oben her,
verklärt nun Trauer, Leid und Tod;
Was ungeliebt und hart und schwer
– notwendig wird jetzt alle Not.

Als Dunkelheit die Welt umfing
und Blindheit alle Augen schlug
als Gottes Sohn am Kreuzstab hing,
den er hinauf zum Richtplatz trug.
Da hat erhellt den dunklen Sinn,
der uns in Not und Angst gebracht,
sein Wort, das schon vor Anbeginn,
durchdrungen hat die finstre Nacht.

So hat der Sohn uns kundgetan,
wie alles Leben ewig währt,
nahm auf sich Tadel, Schuld und Scham,
hat neu zu sterben uns gelehrt.
So nehmt, in seinem Geist und Sinn,
das eigene Kreuz nun täglich auf,
Denn Gottes Sohn ist der Ichbin*,
der führt die Welt zum Licht hinauf.

*2. Mose 3,14 bzw. Joh. 8,24

Klaviereinspielung von Peter Kitzing

© Elmar Vogel 2. Dezember 2020

Der Verlust der Transzendenz

Die Angst vor dem Tod macht uns korrumpierbar und bereit, jedes nur erdenkliche Verbrechen gegenüber unseren Mitmenschen zu rechtfertigen
oder es sogar selbst zu verüben.

Ist das christliche Verständnis von der Transzendenz unseres menschlichen Daseins noch Grundlage kirchlichen Glaubens?

Zunehmend rufen Kirchenvertreter dazu auf, Menschen auszugrenzen, religiöse Gemeinschaft nur noch für „sichere“ Personen zu gestatten und die „Unsicheren“ auszuschließen. Der Grund für ihre Forderung ist zum einen Teil sicher Opportunismus, zum anderen Teil aber ist es Angst – die allzu menschliche Angst vor Unsicherheit, Krankheit und Tod. Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich für mich die Frage nach der Bedeutung der Transzendenz, die dem christlichen Glauben doch zu Grunde liegen sollte. Konkret: Ist der Gedanke, von der Transzendenz unseres Daseins für die Kirchen noch relevant?

Ein Freund der Kranken und Ausgestoßenen

Aus den Evangelienberichten wissen wir, dass Jesus von Nazareth, auf den die Kirchen sich berufen, ganz bewusst Gemeinschaft pflegte mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft standen, selbst Begegnungen mit Kranken und sogar Aussätzigen scheute er nicht und er sagte den Menschen: Wer zu mir kommt den werde ich nicht abweisen.” Johannes. 6,37.

Nun haben wir es hier, verglichen mit der Situation Jesu, nicht mit wirklich kranken Menschen zu tun, sondern mit Gesunden, die für “potentiell” krank erklärt wurden. Aber ist dies nun tatsächlich eine Ausnahmesituation im Sinne einer Pestilenz? Keineswegs, denn der Mensch, als potentiell Kranker und Totgeweihter ist so alt ist wie die Menschheit selbst und keine Arznei der Welt kann ihn vor dieser Realität schützen oder bewahren.

Krankheit und Tod sind notwendige Begleiter unseres Daseins, die uns zu dem machen, was wir sind: Menschen.


Insofern bewirken die Forderungen nach Ausgrenzung vor allem eines; dass sich Menschen gedanklich entzweien, dass ein Klima des Misstrauens entsteht und dass Gemeinschaften zerbrechen. Doch was haben diese Forderungen mit dem Vorbild gemein, das Jesus den Menschen gegeben hat? Nicht das Geringste! Sowohl die Forderung nach Ausgrenzung, als auch das Verbot der Gemeinschaft, zeigt die Unvereinbarkeit mit der Lehre Jesu: Seiner Lehre nach, ist weder unsere menschliche Existenz noch unsere Gesundheit unser menschliches Verdienst, sondern Gnade. Wer den Menschen im Namen Jesu sagt, dass die Berechtigung ihrer Existenz von einer bestimmten Kur oder einer Arznei abhängig sei, hat den Bezug zur christlichen Gnadenlehre grundlegend verloren. Die Folge einer solchen Ideologie wird ein System der Gnadenlosigkeit sein.

Der Gedanke der Transzendenz

Der Gedanke der Transzendenz „des Übersteigens oder Hindurchdringens“ geht von der Möglichkeit der gedanklichen Durchdringung unserer endlichen Erfahrungswelt aus, hin zu einem übergeordneten, immateriellen und geistigen Grund von zeitloser Gültigkeit. Auf diesen Gedanken gründet sich der christliche Glaube. Es ist ein Glaube an unsere eigentliche und ewige Existenz, die in Gott begründet ist.

Der Gedanke der Transzendenz unseres Lebens bildet gewissermaßen die Grundlage der Botschaft Jesu, denn seiner Lehre nach liegt unsere eigentliche und grundlegende Existenz in Gott. Das heißt, sie besteht auf einer geistigen Ebene. Diese Existenz ist zeitlos und insofern unsterblich. Sie ist es jedoch nur in dem Maße, wie wir uns dieser Wahrheit nähern wollen, d. h. soweit wir diese Wirklichkeit suchen, ersehnen und wünschen, dass sie uns bewusst werde. Suchen und ersehnen wir unsere Existenz in Gott nicht, so haben wir auch keinen Anteil an ihr. Erkennen wir jedoch unsere Existenz in Gott als unsere eigentliche, so wird sie dadurch zu unserer neuen und unvergänglichen Wirklichkeit. In dieser Erkenntnis werden wir auch unser Dasein neu verstehen lernen. Das eine ist jedoch nicht möglich ohne das andere:

„Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird dem einen anhängen und den andern hintergehen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“  Matthäus 6, 24

Jesus Christus ist gekommen, damit wir uns unserer transzendenten, d. h. unserer geistigen Existenz bewusst werden; und dazu war er bereit, seine eigene zeitliche Existenz hinzugeben.

In seiner Passion hat er deutlich gemacht, dass unsere geistige Existenz über der stofflichen steht. Er hat ferner aufgezeigt, dass die geistige Existenz die Grundlage jeglicher Existenz ist und wir daher alle unsere Kräfte aufwenden sollen, uns unsere geistige Existenz zu bewahren, selbst wenn unsere äußere Existenz dadurch Schaden nehmen sollte. 

„Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“     Matthäus 16,25-26

Profanierung des Menschen – der Ausverkauf der Seele

Nicht nur in seiner Botschaft, auch durch die bewusste Einwilligung in seine Passion vermittelte Jesus, dass uns nur der Glaube an unsere ewige und zeitlose Existenz in Gott frei machen kann. Frei von einem Dasein, dessen Handlungen von Angst und Befangenheit bestimmt sind. Sei es die Angst vor Krankheit, vor Ausgrenzung, vor Ächtung, vor Ungerechtigkeit, vor Leid oder vor dem Tod. Wo immer solche Ängste unser Tun und Handeln bestimmen, und wir der Illusion erliegen, Leid und Tod entgehen oder ausschließen zu können, sind wir getäuscht und korrumpierbar – das heißt wir sind käuflich. Als “Gekaufte” werden wir auch bereit sein, all das zu verkaufen und zu verraten, was geistig-ideellen Wert besitzt. Man nennt das den Ausverkauf der Seele. Denn was wir auf diese Weise verraten und preisgegeben haben, darauf haben wir auch willentlich jeden Anspruch aufgegeben. Von daher führt jede Schwächung des Geistes unweigerlich zu einer profanen und sinnentleerten Existenz – einem geistlosen Lebensverständnis, das in letzter Konsequenz hinausgeschüttet und zertreten werden wird, wie es Jesus in seinem Gleichnis von der Wirkkraft des Salzes verdeutlichte: 

„Ihr seid das Salz der Erde. Wo nun das Salz kraftlos wird, womit soll man’s salzen? Es ist hinfort zu nichts nütze, als dass man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten.“ Matthäus 5, 13

Ein profaniertes Lebensverständnis, bedeutet die Reduktion des Menschen auf seine reine Äußerlichkeit, die nun um jeden Preis erhalten werden muss.

Der Preis, der dafür bezahlt werden muss scheint für viele schon akzeptiert: Trennung, Ausgrenzung, Entrechtung, Wut und Hass gegenüber unserem Nächsten, der unser korrumpiertes Lebensverständnis nicht teilt. Doch da solche Sanktionen gegen unseren Mitmenschen offiziell und ideologisch begründet werden – dürfen und sollen sie ausdrücklich geübt werden. Da selbst korrumpiert, fördern solche “Seelsorger” ein Milieu der Angst, des Misstrauens, der Unversöhnlichkeit und der Feindseligkeit. Dabei wären Sie in Namen Jesu aufgerufen das Gegenteil zu tun, nämlich Frieden zu stiften:

„Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Töchter und Söhne Gottes genannt werden“ Matthäus 5,9.

Den Feind hassen heißt, ihm berechtigt Nachteile zu wünschen 

Das Liebesgebot bildet zweifellos das Kernstück der Botschaft Jesu. Seine Aufforderung, auch den Feind zu lieben, erscheint dabei selbst manchen „Christen“ unzumutbar, oder zumindest kaum praktikabel. Umso dringender stellt sich gerade in unserer aktuellen Situation die Frage, was es mit diesem außerordentlichen Liebesgebot auf sich hat.

Warum sollen wir unsere Feinde lieben, ihnen Gutes tun, für sie beten usw. wie es Jesus fordert? Die Antwort ist einfach und erschütternd zugleich: Wir sollen unsere Feinde lieben, weil diese ein wesentlicher Teil unseres Daseins sind. Weil, dem Verständnis Jesu nach, uns kein Mensch von ungefähr begegnet. Auch unser Feind ist unser Nächster, der uns nach dem Willen Gottes begegnen muss und den wir darum ebenso lieben sollen wie uns selbst. So hat Jesus auch den Menschen vergeben, die hinterhältig und ungerecht an ihm gehandelt haben. Und heute bemühen Theologen seinen Namen, um Menschen ohne böse Absichten auszugrenzen und zu sanktionieren.

Das Leben in seiner Gänze annehmen

Unsere Vorstellung von dem, was wir „Leben“ nennen, kann nur vollständig sein, wenn auch Leid und Tod darin inbegriffen sind. Das heißt, unsere menschliche Existenz kann nur ganz und heil werden, wenn wir auch die herbe Erfahrung der Ablehnung, der Ausgrenzung und der Ungerechtigkeit, in unser Leben mit einschließen. Erst in der Liebe gegenüber unserem Feind und all dem was dieser über uns verhängen mag, wird unser Leben vollständig. Nur das Vollständige ist das Ungeteilte und das Göttliche, dem Unsterblichkeit und Zeitlosigkeit zukommt.

Dabei geht es keineswegs darum, ob unser Feind sich im Unrecht befindet und wir im Recht oder umgekehrt. Nein, der Botschaft Jesu nach beruht jeder Gedanke der Feindschaft und des Hasses, den wir gegenüber unseren Nächsten hegen, auf einem folgenschweren Irrtum.

Jeglicher Hass beruht auf dem Irrglauben, dass die Welt gegen den Willen unseres Mitmenschen gebessert werden kann und muss.

Menschlicher Hass beruht aber auch auf dem Irrtum, dass eine geteilte Welt am Ende immer noch eine bessere, da eine sicherere Welt sei. Doch das Gegenteil davon ist wahr. Was im Streit mit sich selbst liegt, kann nicht dauerhaft Bestand haben. Was geteilt ist, hat seine “Ganzheit” bereits verloren und muss zu Grunde gehen. Darum ist es notwendig, dass wir auch in unserem Feind und in dessen Handlungen gegen uns, den Willen Gottes erkennen.

„Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, kann nicht bestehen.“ Matthäus 12. 25

Unser Weltbild kann nur von Bestand sein und bleiben, wenn wir unser Leben in seiner Gänze annehmen. Eben darin war uns Jesus Christus Vorbild, indem er auch das Beschwerliche, die Widerstände, ja sogar Leid und Tod aus der Hand Gottes bereitwillig angenommen hat.

Die größte menschliche Befangenheit rührt aus der Angst vor dem Tod, dem aber doch niemand von uns entgehen kann.

So, wie die Angst vor dem Tod uns befangen macht, macht sie uns auch verführbar und bereit, jedes nur erdenkliche Verbrechen gegenüber unseren Mitmenschen zu rechtfertigen oder es sogar selbst zu verüben. Dieser Grundwahrheit sollten wir uns angesichts der aktuellen Entwicklung vor Augen halten, um auch den Menschen verzeihen zu können, die solchen Ängsten bedingungslos erliegen.

Der Feind, das ist der Andersdenkende

Die absurdeste Form des Feindbildes rührt aus dem Glauben, dass der andere mein Leben gefährdet, ohne etwas konkret böses getan zu haben. Allein durch seine, Gott gegebene Existenz, bedroht er die Existenz anderer. Wir kennen dieses Szenario aus der Geschichte: Ob die Christen im alten Rom, die Juden, die über Jahrhunderte hinweg die Schuldigen waren, ob die Ketzer, die eine andere Meinung vertraten als die Amtskirche, die Hexen und Hexer, die schuld waren an Missernten usw., die Protestanten, die Hugenotten und all die Glaubensflüchtlinge und Exulanten des 30-jährigen Krieges. Es genügte, wenn man Teil einer Gruppe war, die hochoffiziell zu Gefährdern erklärt wurde, um zum Feind der übrigen Gesellschaft zu werden. War man einmal offiziell als Feind des Systems benannt worden, dann war es auch erlaubt oder sogar heilige Pflicht, diesen Menschen zu verfolgen, auszugrenzen, zu entrechten, zu schädigen oder gar zu töten.

Unsere Geborgenheit in Gott 

Der Angst vor dem Feind, der unser Leben bedroht, setzt Jesus das Vertrauen in Gott entgegen. Gott, der alle Geschehnisse wirkt und der all jene Menschen in ihrer Not bedenkt und aufrichtet, die in seine Allmacht vertrauen. Selbst wenn man uns „verkauft“ oder ausliefert, wie man es ja mit Jesus gemacht hat, so sind wir von Gott doch nicht vergessen.

„Verkauft man nicht fünf Sperlinge um zwei Pfennige? Dennoch ist vor Gott nicht einer vergessen. Aber selbst die Haare auf eurem Haupt sind alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.“ Lukas 12, 6-7

Auch Jesus wurde offiziell einem Feindbild zugeordnet, weil seine Ansichten sich nicht mit dem „offiziellen“ Religionsverständnis deckten und weil er zudem dessen Missstände offen und vehement anprangerte. Auch bei seiner Verurteilung spielte die menschliche Angst vor einer drohenden Gefahr – dem militärischen Eingreifen Roms – eine entscheidende Rolle. Selbst wenn diese „Gefahr“ letztlich nur ein politischer Vorwand war und Jesus ein willkommenes Bauernopfer:

Einer aber unter ihnen, Kaiphas, der in jenem Jahre Hoherpriester war, meldete sich zu Wort und sprach: Ihr habt ja keine Ahnung, ihr bedenkt die Konsequenzen nicht; es ist immer noch besser wenn ein einzelner Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht. Johannes 11, 49-50

Und doch war Jesus gekommen, um den Irrtum jeglichen Hasses aufzudecken, und dafür war er bereit, selbst zum Objekt des Hasses zu werden. Sein Ruf am Kreuz; „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ ( Lukas 23, 34)  zeigt, dass er seiner Botschaft bis zum Ende treu geblieben ist, indem er sterbend noch für seine Feinde bat. In dieser Geisteshaltung wird die Transzendenz seiner Botschaft deutlich, die uns folgende geistige Wahrheit vermittelt:

Soweit wir das Böse, das uns unser Feind antut, im Vertrauen auf uns nehmen, dass uns in allen Geschehnissen Gott selbst begegnet und wir insofern auch unseren Feind von Schuld freisprechen müssen, soweit stellen wir uns unter den Willen Gottes, der ausnahmslos alle Dinge wirkt. Doch Gott wirkt diese Dinge nicht umsonst.

Alles was Gott wirkt, das wirkt er, um das Leben zu fördern, dessen Ursprung er selbst ist.

Darum, sind wir in Gott, so kann uns nichts hindern. Sind wir nicht in Gott, so hindert uns alles. In diesem Sinne lehrte einst Meister Eckhart:

“Du selbst bist die Ursache aller deiner Hindernisse. Hüte dich vor dir selbst und du hast wohl gehütet.”

Und der Apostel Paulus schrieb:

„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ Römerbrief 8, 28

„Wenn Gott für uns ist, wer will dann gegen uns sein?“ Römerbrief 8,31 

An den Früchten erkennt man den Baum

Wo wir im Vertrauen auf Gott anfangen, auch unseren Feind zu lieben, rufen wir Gott herbei und ermächtigen ihn, alle Dinge zu unserem Besten zu wenden. Durch unser Vertrauen, dass Gott alles in allem ist und dass da nichts ist, wo Gott nicht wirken könnte, rufen wir Gott ins Ungerechte, in das Böse ja, selbst in unseren Tod und allein durch unser Vertrauen, wird Gott es wandeln, sodass aus Tod Leben und aus Trauer Freude werden wird. 

Dadurch wird jeder Mensch, der in die Botschaft Jesu vertraut, auch in seinem Feind und in dessen böswilligen Handlungen den Willen Gottes finden können, weil er auf den Sinn und die Bedeutung aller Geschehnisse vertraut, die ihm begegnen. So wie Jesus Christus, der in der Anfeindung, im Hass und schließlich in Leid und Tod, das man ihm antat, den Willen Gottes erkannte. In unerschütterlichem Vertrauen hat er damit Gott zum Vater aller Geschehnisse gemacht und hat alle, die ihm gedanklich darin folgen wollen, frei gemacht vom Gedanken der Vergeltung. Das ist der gute Baum, der gute Frucht hervor bringt.

Wer nicht in die Botschaft Jesu vertraut, wird diese Lehre für absurd und unsinnig halten. Und so wird er “triftige” Gründe finden Ausgrenzung, Entrechtung, Wut und Hass gegenüber seinem Nächsten zu rechtfertigen. Der Vertrauenslose wird seinen Nächsten zum rechtmäßigen Feind erklären, der kein Erbarmen verdient. Das ist der faule Baum, der schlechte Frucht hervorbringt.

“Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben ernten von den Dornen oder etwa Feigen von den Disteln? Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte.…” Matthäus 7, 15-17

Eine kritische Zuschrift hierzu und meine Antwort darauf finden Sie auf Poeten.de

Die Heilung durch den Geist

Jesus heilte die Menschen durch den Geist ohne dafür irgendeine Gegenleistung zu erwarten. Eine Praxis, die von der Schulmedizin heute eher beargwöhnt wird.

Über den Wert und die Bedeutung der Heilhandlungen Jesu

Die wissenschaftliche Medizin betrachtet den Kranken und seine Krankheit als Objekt und weist ihm beinahe verächtlich die Rolle absoluter Passivität zu; er hat nichts zu fragen und nichts zu sagen, nichts zu tun, als den Anordnungen des Arztes gehorsam und sogar gedankenlos zu folgen und sich selbst möglichst aus der Behandlung auszuschalten. In diesem Wort >>Behandlung<< liegt der Schlüssel. Denn während in der wissenschaftlichen Medizin der Kranke als Objekt >>behandelt<< wird, verlangt die seelische Heilkur vom Kranken vor allem, dass er selbst seelisch handle, dass er als Subjekt, als Träger und Hauptvollbringer der Kur, die höchste ihm mögliche Aktivität gegen die Krankheit entfalte. In diesem Aufruf an den Kranken, sich selbst seelisch aufzuraffen, sich zur Willenseinheit zusammenzufassen und diese Ganzheit seines Wesens der Ganzheit der Krankheit entgegenzuwerfen, besteht das eigentliche und einzige Medikament aller psychischen Kuren, und meist beschränkt sich der Hilfsakt ihrer Meister auf nichts anderes als auf das gesprochene Wort.”

Stefan Zweig


Dieser Text aus Stefan Zweigs Schrift: „Die Heilung durch den Geist“ scheint heute aktueller denn je und ist mir so aus dem Herzen gesprochen, dass ich hier die Personen, die er in seinem Buch exemplarisch als geistige Heiler porträtiert, um eine Person erweitern möchte: Jesus Christus.

Privileg des Krankseins

Die Gesundheit ist für uns Menschen das Gute und das Richtige, Krankheit hingegen das Falsche und Schlechte. Der Lehre Jesu nach, kommt aber gerade der Krankheit eine wichtige Bedeutung zu. Ist es doch gerade die Krankheit, die es vermag, uns innehalten zu lassen, die wir als stumme Aufforderung verstehen können, unsere bisherige Lebensweise zu hinterfragen und die uns so ein transzendentes Denken ermöglichen kann.

Ich sage ganz bewusst “kann” weil eben dieses Potential, das im Zustand der Krankheit liegt, oft nicht als solches erkannt wird. Tatsächlich wurde Jesus von der Mehrheit seiner Zeitgenossen eher als Arzt betrachtet und weniger als spiritueller Lehrer. Das zeigt u. a. die Kritik von jüdischer Seite, er würde den Sabbat missachten, weil er am Feiertag seiner Arbeit nachgehe bzw.  Menschen am Sabbat gesund mache.

Jesus selbst verwendet den Begriff Krankheit aber immer im doppelten Sinne; nämlich als körperliches und als seelisches Gebrechen. So antwortet er auf den Vorwurf, er würde mit Sündern und Volksverrätern Umgang pflegen: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken!“ Dabei versuchte er deutlich zu machen, dass die geistige Gesundheit an erster Stelle stehen muss.

Steht der Mensch in seiner geistigen Gesundheit, so überwindet er jede Mangelsituation und alle menschlichen Gebrechen – durch den Geist überwindet er die Krankheit der Welt.

Glaube macht Krankheit


Jesus zeigte auf, dass das, was wir für krank bzw. schlecht oder für gesund bzw. gut halten, seinen Ursprung in unserem persönlichen Urteil den Dingen und den Geschehnissen gegenüber hat. von Natur aus sind jedoch die Dinge weder gut noch schlecht. Daher liegt nicht in den Dingen oder Geschehnissen selbst, sondern in unserem persönlichen Urteil, unserer Einschätzung den Geschehnissen gegenüber, die Ursache für unser Heil oder Unheil.  Was uns ungerecht, leidvoll und beschwerlich erscheint, betrachten wir gewöhnlich als schlecht, das Stärkende, Fördernde und Angenehme hingegen als gut. Jesus aber verleiht den Dingen eine völlig neue Bedeutung: Der Reiche, Wohlhabende und Mächtige ist in die vielen Dinge dieser Welt verstrickt und so warnt er:

Eher geht ein Ankertau durch ein Nadelöhr als ein Reicher in Gottes neue Welt.“

Hingegen aus der Gruppe der Armen, Schwachen und Kranken, derer, denen Unrecht widerfahren ist, die am Rande der Gesellschaft stehen, die nichts zu verlieren haben, erwächst die Sehnsucht nach Heilung, nach Erleichterung und nach ausgleichender Gerechtigkeit. Und weil eben diese Sehnsucht genau dem entspricht, was Jesus zu geben hat, verkündet er:

„So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten”

Die Heilung, die Jesus an den Menschen vollbringt, ist immer eine geistige, auch wenn er „nur“ ihre körperlichen Gebrechen heilt. Immer wieder erklärt er den Geheilten, dass ihr Glaube und ihre feste Überzeugung, er (Jesus) könne ihre Gebrechen heilen, ihre Gesundung letztlich bewirkt hat:

Dein Glaube hat dir geholfen“ – „Dein Glaube hat dich gerettet“, – „Dein Glaube hat dich gesund gemacht“, sind dann seine Worte.

Auch hier steht die feste innere Überzeugung – nämlich die geistige Stärke über den Zustand der Krankheit hinaus zu denken – über der Krankheit selbst. Nur diese eine Einsicht, nämlich, dass alle äußere und sichtbare Welt auf einer geistigen Grundlage besteht, wird den Glauben an eine Heilung durch den Geist rechtfertigen können. Oder wie Aristoteles sagte:

„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“.

Besteht aber unsere äußere Erscheinungswelt auf Grundlage des Geistes, so liegt in allen äußeren Erscheinungen auch ein tiefer Sinn und eine Bedeutung verborgen. Dass sich uns Sinn und Bedeutung des Leidvollen, des Beschwerlichen und des Umstandes, dass wir sterben müssen, erschließen, dass wir den Grund aller Dinge, die uns widerfahren erkennen und verstehen, will ersehnt, gesucht und gefunden werden. Denn der Begriff “Geist” ist ein Synonym für eine Sinnhaftigkeit, die über die rein äußere Erscheinung der Dinge hinausgeht. Somit ist die Suche nach dem Sinn, ist die Suche nach Geist, ist die Suche nach Gott, letztlich die Suche nach unserer heilen, eigentlichen und zeitlosen Existenz. Unsere Sehnsucht nach dem Geist ist dabei die Grundlage dieser Heilung:

„Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.…“ Lukas 11,9

Die Heilung durch den Geist vermag viel mehr, als “nur” die Heilung von körperlichen Gebrechen, denn sie fußt auf der Erkenntnis, dass jede Heilung, alles Gute, ja dass das Leben selbst auf einer geistigen Basis ruht. Kraft dieser Erkenntnis, betreten wir diese Basis und vermögen damit alles, was auch der Geist vermag, der Ursprung und Ursache aller äußeren Erscheinungen ist. In dieser Erkenntnis sehen wir uns aber auch in der Lage, alle äußeren Dinge zu entbehren, da wir die Grundlage des Lebens auf seiner geistigen Basis erkannt und gefunden haben. Dieser Fund macht uns zu Teilhabern des Geistes, der uns wiederum mit allem notwendig Äußerem bedenkt.

Eine weitere, grundlegende Aussage, die uns insbesondere die Passion Jesu lehrt, ist diese: Alle Krankheit, alles Beschwerliche, ja selbst erlittenes Unrecht, Leid und Tod werden einen persönlichen und individuellen Sinn erfahren, wo wir beginnen, ihren Ursprung im Geist, also in Gott zu suchen. Weil alle Erscheinungen ihren Ursprung im Geist haben, muss ihnen auch Sinn und Bedeutung innewohnen. Doch dieser Sinn ist uns in dem Moment, wo wir erschrecken, dunkel und verborgen, er will aber von uns gesucht und gefunden werden, denn dieser Sinn ist Gott selbst.   Daher das immer wiederkehrende Postulat Jesu:  „suchet, so werdet ihr finden…“

Ohne Sehnsucht keine Heilung

Die Überwindung des Leidvollen und vermeintlich Sinnlosen durch den Sinn geschieht, indem wir das Beschwerliche in der Geisteshaltung Jesu vertrauensvoll auf uns nehmen, so wie auch er bewusst Unrecht, Leid und Tod auf sich genommen und getragen hat, in der Gewissheit, dass auch in diesen Bereichen Gott wirken wird, sofern er von uns darin gesucht wird. Wer auf diese Weise Gott in allen Erscheinungen sucht, der wird ihn in allen Dingen finden – selbst im eigenen Tod. Unser unerschütterliches, kindliches Vertrauen in den Geist veranlasst Gott zur Sinnschöpfung über das Starre und Leblose hinaus, denn alle Schöpfung Gottes ist die Kreation von Geist und Sinn alles bis dahin Geist- und Sinnlosen. Insofern liegt bereits ein grundlegender Sinn in unseren äußeren Gebrechen, denn sie fördern unsere Sehnsucht nach Geist. Die Heilung durch den Geist geschieht dabei in jeder gewonnenen Einsicht, in der wir uns der grundlegenden Bedeutung der Botschaft Jesu bewusst werden. Erst wenn wir nichts anderes mehr wünschen und begehren, als die Hinwendung zu den geistigen Belangen unseres Daseins, jenen, welche die Grundlage unserer inneren Vollkommenheit und somit auch die unserer äußeren Unversehrtheit sind, können und werden wir die grundlegendste aller Heilungen überhaupt erfahren: Unsterblichkeit.

Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt. Und wer da lebt und an mich glaubt, wird unsterblich.   Johannes. 11, 25

Wer die geistigen Belange über alles Äußere stellt, gewinnt dadurch die Grundlage allen Lebens und somit alle äußerlich notwendige Unversehrtheit hinzu.

Überwindung der Geistlosigkeit – die grundlegendste Krankheit der Welt


Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen.” Matthäus 6, 33

Jesus ist gekommen, damit wir durch diese Botschaft auf unserer geistigen, d. h. auf einer zeitlosen Basis Heilung erfahren, also jener, die alles äußerlich Notwendige in sich einschließt. Unsere innere Heilung, durch die wir zu unsere zeitlose Existenz finden, ist die eigentliche Heilung im Sinne Jesu. Durch die Heilung von körperlichen Gebrechen hat Jesus die Kraft des Geistes für uns nur sichtbar gemacht, denn eine Heilung von körperlichen Krankheiten, muss nicht zwingend die geistige Heilung des Menschen einschließen.

Jesus Christus ist gekommen, damit wir Zugang zu grundlegender Heilung und Unversehrtheit finden können, und diese liegt im Gewinn unserer zeitlosen Existenz, die in Gott liegt. In unserer zeitlosen Existenz sind wir unsterblich. In unserer zeitlosen Unversehrtheit, der des Geistes, werden wir fähig, alles Äußere zu entbehren, so wie Jesus in der Lage war, alle Dinge zu entbehren sei es Anerkennung, Gesundheit, Freiheit, Ehre und Leben. Durch sein Vorbild und Beispiel wollte er aufzeigen, dass all das, was wir in seiner Geisteshaltung willig preisgeben und verlieren, in Gott wiedergefunden werden muss, da es hierin einen tiefen Sinn erfährt. Wird uns im Geiste Jesu die äußere Unversehrtheit genommen, so werden wir auch in das Schicksalhafte und das Leidvolle einwilligen können, ohne daran zu zerbrechen.

Somit liegt die grundlegendste Heilung aller unserer Gebrechen im Bewußtwerden unserer zeitlosen Existenz.

In unserer geistigen Existenz sind wir zeitlos, unverwundbar und unzerstörbar. In unserer zeitlosen Existenz sind wir ewige Geschöpfe und das bedeutet wir waren bereits, bevor wir hier in diesem Leben wurden. Diese Grundwahrheit versuchte Jesus den Menschen zu verdeutlichen – oftmals vergebends:

Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hält, der wird den Tod nicht sehen in Ewigkeit. Da sprachen die Juden zu ihm: Jetzt erkennen wir, dass du verrückt bist. Abraham ist gestorben und die Propheten, und du sagst: Wer mein Wort hält, der wird den Tod nicht schmecken in Ewigkeit. Bist du etwa mehr als unser Vater Abraham, der gestorben ist? Und selbst die Propheten sind gestorben. Was machst du hier aus dir selbst? Jesus antwortete: Wenn ich mich selber ehre, so ist meine Ehre nichts. Es ist aber mein Vater, der mich ehrt, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott. Und ihr kennt ihn nicht, ich aber kenne ihn. Und wenn ich sagen würde: Ich kenne ihn nicht, wäre ich ein Lügner wie ihr. Aber ich kenne ihn und halte sein Wort. Abraham, euer Vater, wurde froh, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich. Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht mal fünfzig Jahre alt und willst Abraham gesehen haben? Jesus sprach zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ehe Abraham wurde, bin ich. Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen. Aber Jesus verbarg sich und ging zum Tempel hinaus.                Johannes. 8, 52-58

Eine Vertiefung dieser Aussage Jesu findet sich bei Meister Eckhart:

In jenem Sein Gottes nämlich, wo Gott über allem Sein und über aller Unterschiedenheit ist, dort war ich selber, da wollte ich mich selber und erkannte mich selber, (willens) diesen Menschen zu schaffen. Und darum bin ich Ursache meiner selbst meinem Sein nach, das ewig ist, nicht aber meinem Werden nach, das zeitlich ist. Und darum bin ich ungeboren, und nach der Weise meiner Ungeborenheit kann ich niemals sterben. Nach der Weise meiner Ungeborenheit bin ich ewig gewesen und bin ich jetzt und werde ich ewiglich bleiben. Was ich nach meiner hiesigen Geborenheit nach bin, das wird sterben und zunichte werden, denn es ist sterblich; darum muss es (zusammen) mit der Zeit verderben. In meiner (ewigen) Geburt aber wurden alle Dinge geboren, und ich war die Ursache meiner selbst und aller Dinge, und hätte ich gewollt, so wäre weder ich noch wären alle Dinge, wäre aber ich nicht, so wäre auch Gott nicht: Dass Gott, Gott ist, dafür bin ich die Ursache; wäre ich nicht so wäre Gott nicht Gott.                Meister Eckhart  Predigt 52

Patti Smith und die Dogmatik

Neulich fiel mir ein Zeitungsartikel über ein Rockkonzert in die Hand, in dem die  Unverständlichkeit einer Aussage Jesu thematisiert wurde. In dem Bericht  ging es um die Ansichten der Popmusikerin Patti Smith,  die in einem streng gläubigen Elternhaus (Zeugen Jehovas) aufgewachsen ist und die den christlichen Grundgedanken, dass Jesus für  unsere Sünden gestorben sei, mit folgenden Worten in Frage stellt: „ Jesus ist für unsere Sünden gestorben, aber nicht für meine!“

Über die negative Wirkung starrer und unreflektierter Glaubensformeln.

Dabei kam mir der  Gedanke, dass Jesus die Menschen ohne Dogmatik von seiner Sicht der  Dinge, zu überzeugen versuchte. Das zeigt schon allein die Vielzahl und die Unterschiedlichkeit seiner Gleichnisse. Vertrauen sollte auf  einer Überzeugung des Für-wahr-haltens seiner Botschaft beruhen. Die  Gleichnisse waren Interpretationsversuche einer grundlegenden, hintergründigen Wahrheit, die Jesus erkannt und geschaut hatte. Die Gleichnisse sind insofern Zeugnisse seines inneren Ringens, um seinen Zuhörern die Hintergründe seines Wirklichkeitsverständnisses verständlich zu machen, damit das, was Relevanz hat, für wahr erkannt werden kann. Erkennen und Vertrauen bedingen hier einander. Viele  christliche Religionsgemeinschaften tun aber genau das Gegenteil. Sie verlangen das sture Anerkennen von Glaubenssätzen,  die nicht hinterfragt werden dürfen. Mit der Forderung, dass bestimmte  biblische Aussagen, ohne dass sie verinnerlicht oder verstanden werden, einfach geglaubt werden müssen, haben sich viele  christliche Religionsgemeinschaften einen Bärendienst erwiesen. Insofern ist es den Skeptikern nicht zu verdenken, keinen Sinn in solchen Aussage Jesu zu sehen. Eigentümlich finde ich aber doch,  dass die aufgeklärten Zweifler sich den Texten nicht selbstständig  nähern, sondern, dass sie das Programm ihrer kirchlichen Prägung als ein Dogma annehmen, das keine andere Interpretation  zulässt, um es dann getrost in das Land der Märchen zu verbannen.  Während also Jesus versuchte, seine Sicht auf die hintergründige  Wirklichkeit (Reich Gottes) seinen Zuhörern möglichst transparent zu  machen, ziehen die Dogmatiker ihren undurchsichtigen Vorhang davor.   Da kommt mir unwillkürlich der Gedanke vom zerrissenen  Vorhang im Tempel in den Sinn… Derart von den inhaltlichen Grundlagen  getrennt, konnten Kreuzestod und Abendmahl als magische Handlungen missverstanden bzw. umgedeutet werden. Weshalb der ursächliche Zusammenhang von Kreuzestod und Sündenvergebung nicht gesehen bzw. vermittelt wird, bleibt für mich rätselhaft.  Die Vergebung von Schuld beruht nach dem Verständnis Jesu eben nicht auf  einer magischen Heilshandlung, sondern ausschließlich auf der Annahme  der Geisteshaltung Jesu, der die Ungerechtigkeit, die man ihm angetan hatte, als eine höhere Art der Gerechtigkeit neu  interpretierte. Auf diese Weise wurde das alte Verständnis von Anklage und Schuld, in welchem Jesus als ein Opfer der Böswilligkeit seiner Feinde verstanden werden konnte, durch ein  neues Wirklichkeitsverständnis überwunden. Kraft dieser Erkenntnis  opfert sich Jesus also einem neuen, universellen Lebensverständnis, in welchem nun allem was uns wiederfährt, eine Relevanz und Notwendigkeit zukommt. Innerhalb eines solchen Verständnisses ist kein  Platz mehr für Anklage und Schuld, da hier auch derjenige, der an     mir schuldig wird, zu einem Teil des göttlichen Willens wird. Die  Ursache für die Vergebung von Schuld liegt dabei in der persönlichen und individuellen Einwilligung in das bisher „Ungerechte“,  wie Jesus es selbst verstand als er sagte: „Vater wenn es möglich ist, dann lass diesen Kelch an mir vorübergehen, jedoch nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Indem  Jesus sein eigenes Leiden und Sterben zum Willen Gottes machte, wurde  dieser notgedrungen zur Ursache von Schuld, Leid und Tod.  Weil aber in Gott weder Schuld noch Leid noch Tod existieren, müssen  alle Klagen und Anklagen aufhören. Hieraus folgt auch der Gedanke, dass  derjenige der diesem Verständnis Jesu Christus folgt zum Glücksfall für seine Feinde wird….

Zu meiner Person

Elmar Wieland Vogel

Steinmetzmeister, Bildhauer, Steintechniker, Autor, Lyriker, Liedermacher

Portaitfoto Elmar  Wieland Vogel
Elmar Wieland Vogel

Geboren und aufgewachsen im mittelfränkischen Ansbach. Vater: Bildhauer, Mutter: Zirkusartistin. Kindheit und Jugend waren geprägt durch ein unkonventionelles, kreatives und weltoffenes Elternhaus. Bereits in meiner Kindheit entwickelte ich ein großes Interesse für die biblischen Geschichten, besonders für die Gestalt Jesus. Fasziniert von seinem Anspruch, seinen Worten und von den Inhalten seiner Botschaft, die ich zunehmend als universell verstand und auch heute für mich so deute.

Faszination der Botschaft Jesu

Als Jugendlicher erfuhr ich beim Lesen der “Guten Nachricht” einen unerwartet neuen, intuitiven und undogmatischen Zugang zum Verständnis der Botschaft Jesu. Durch die spätere berufliche Auseinandersetzung mit Kunstgeschichte, Bildsprache und Symbolik – durch freie bildkünstlerische Arbeiten für den sakralen Bereich, durch individuelle und personenbezogene Grabmalgestaltung, aber auch durch die tägliche, berufsbedingte Konfrontation mit der Thematik Trauer und Tod gewannen für mich ethische und philosophische Themen und die Frage nach den letzten Dingen zunehmend an Bedeutung.

Theologisches Verständnis und Prägung

Neben dem Studium Neutestamentlicher Literatur wurde mein theologisches Verständnis unter anderem geprägt durch Schriften von: Lao-Tse, Meister Eckhart, Johannes Tauler, Martin Luther, die Theologia Deutsch, Baruch de Spinoza, Simone Weil , Viktor Frankl , Humberto Maturana und Francisco Varela.

Aktuelle Situation

Gemeinsam mit meinem Bruder führe ich einen kleinen Handwerksbetrieb an den Standorten Ansbach und Dresden in der siebenten Generation. Näheres dazu unter: vogel-bildhauer.de . Neben meiner beruflichen Tätigkeit bin ich aktives Mitglied der Freimaurerloge “Zum goldenen Apfel” in Dresden. Ich mache Musik, schreibe eigene Lieder, die ich teilweise auch hier oder bei Youtube veröffentliche. Hier blogge ich und verfasse hin und wieder lyrische Texte wobei mich vor allem das Denken im Metaphern bewegt.

Lebensstationen:

1977 Schulabschluss
1977-1979 Ausbildung zum Steinmetz und Steinbildhauer bei Roland E. Vogel
1979 Arbeitsaufenthalt in den USA bei Harold C. Vogel
1981 Volontariat bei dem Bildhauer Reinhart Fuchs
1982 Praktikum in einer Kunstgießerei in Aschaffenburg
1983Kriegsdienstverweigerung in II. Instanz
1984Zivildienst im Internat des Windsbacher Knabenchores
1986 Weiterbildung zum Steinmetz- und Steinbildhauermeister und staatl. gepr. Steintechniker an einer staatlichen Fachschule
1987Auszeichnung bzw. Preis der Benno und Therese Danner’schen Stiftung
1988 Heirat – Geburt meines Sohnes
1989 Eintritt in die Freimaurerloge Alexander zu den drei Sternen
1990 Arbeitsaufenthalt in der Schweiz/Basel
1991Geburt meiner Tochter
1992Wechsel nach Dresden. Übernahme der Dombauhütte der Kathedrale-Dresden und Mitwirkung am Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche
2006Vorstandsmitglied der Freimaurerstiftung Dresden
2009Buchveröffentlichung: ESSENZEN – Die Botschaft Jesu
2011 erschienen bei Kamphausen-Media
2019CHRISTOPHILOS Beiträge zur christlichen Philosophie