Schuld und Vergebung

Über den unterschiedlichen Umgang mit menschlicher Schwäche und Schuld

Wohl kaum ein Aspekt der christlichen Botschaft hat je eine größere Pervertierung erfahren, als die neutestamentlichen Aussagen über Schuld und Vergebung. Dabei beschränkt sich dieser Missbrauch keineswegs nur auf Religionen oder Glaubensgemeinschaften. Tatsächlich kultivieren fast alle gesellschaftliche Systeme das Narrativ von Schuld und Strafe – also das Schuldigwerden und die Sanktionierung von Schuld. Kein Mittel scheint geeigneter, um Menschen willfährig zu machen, oder sie einfach zur Kasse zu bitten. Künstliche Schuldkonstrukte waren und sind aber auch von jeher ein Mittel, um bestimmte Gruppen zu stigmatisieren, sie auszugrenzen oder zu Sündenböcken zu erklären. Letztlich geht es bei dieser Praxis immer darum, weltliche Machtstrukturen zu etablieren, sie zu festigen und zu erweitern.
Um jedoch die Unterschiede und vor allem, um die Unvereinbarkeit einer künstlich geschaffenen Schuld gegenüber dem Schuld- und Sühneverständnis Jesu zu verdeutlichen, möchte ich im Folgenden die betreffenden Inhalte seiner Botschaft näher betrachten.

Das Verhältnis von Schuld und Macht

Wer die neutestamentlichen Reden Jesu über Schuld und Sühne liest wird unschwer feststellen, dass es diesem Lehrmeister nicht um die Errichtung einer Gesellschaftsordnung und damit verbundener Machtansprüche ging. Tatsächlich kehrt Jesus jedes menschliche Hierarchiedenken komplett um, wenn er lehrt, dass derjenige in der geistigen Hierarchie am höchsten steht, der sich als ein Diener seines Mitmenschen versteht. Diesen Grundsatz äußerte er klar und unmissverständlich:

„Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so soll es bei euch nicht sein; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ Markus 10, 43-45

Der Dienst, den Jesus den Menschen selbst erweist, klingt im letzten Satz seiner Rede bereits an. Dieser Dienst besteht – im weiteren Kontext – in einer konkreten geistigen Hilfe, durch die wir die Bedeutung der beschwerlichen und leidvollen Seiten unseres Daseins erkennen und verstehen lernen, um unser Leben in einer neuen, vertrauensvollen Betrachtungsweise zu meistern, wodurch das Böse überwunden wird.

Überwindung bedeutet im Sinne Jesu, dass das, was wir bisher für sinnlos gehalten haben, einen individuellen Sinn erfährt.

Will man daher von einem Machtanspruch Jesu reden, so muss man auf dieser gedanklichen Ebene noch einen Schritt weitergehen. Allmacht ist in den Augen Jesu ein Potential, das in der völligen Ohnmacht des Menschen begründet liegt. Das mag paradox klingen, doch folgen wir der Definition Jesu, dann liegt tatsächlich in der Ohnmacht des Menschen die Allmacht Gottes verborgen. Also dort, wo die Macht des Menschen aufhört, eben dort beginnt die Macht Gottes.  Um diese Kernaussage seiner Lehre zu verdeutlichen und diesen Gedanken weiter zu vertiefen, möchte ich ein eindrückliches Zitat aus dem Johannesevangelium anführen. Wahrscheinlich handelt es sich bei dieser Äußerung Jesu um eine Erklärung, die er angesichts seiner bevorstehenden Verhaftung äußerte.

Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand nimmt es gegen meinen Willen, sondern ich gebe es freiwillig hin. Ich habe die Macht, es hinzugeben, und ich habe die Macht, es wieder zu nehmen. Das ist das Gesetz, das ich von meinem Vater empfangen habe. Johannes. 10. 18

Soviel wird hier deutlich; da will einer nichts für sich und daher ist seine Definition von Macht auch nicht mit weltlichen Machtansprüchen vergleichbar und sie sind insofern auch nicht korrumpierbar.

Schuld – Chance zur Selbsterkenntnis

Eine Begebenheit, die uns die Unvereinbarkeit von weltlichem und christlichem Schuldverständnis verdeutlicht, schildert uns der Bericht von Jesus und jener Ehebrecherin, die öffentlich gesteinigt werden soll.

Um die Brisanz der Situation zu verstehen, in die Jesus da hineingeraten ist, muss man wissen, dass es den jüdischen Behörden zur Zeit Jesu untersagt war, selbstständig Todesurteile zu verhängen. Die Gerichtsbarkeit lag in solchen Fällen bei den römischen Behörden.

Frühmorgens aber kam Jesus wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Rabbi, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu?  Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen.
Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.  Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.  Als sie das hörten, gingen sie hinaus, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.  Da richtete Jesus sich auf und sprach zu ihr: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr. Johannes 8, 3-11

In dieser, für die Ankläger völlig unerwarteten, Reaktion Jesu auf die provozierende und hinterlistige Frage, wie denn die angezeigte Schuld nun rechtmäßig zu bestrafen sei, wird die christliche Haltung bezüglich menschlicher Schuld und Sühne exemplarisch deutlich. Denn in der Antwort, die Jesus gibt, löst er die Gruppe der Ankläger auf, indem er jeden Einzelnen auf sich selbst zurückwirft – indem er ihn ganz persönlich mit dessen eigener menschlicher Unvollkommenheit konfrontiert.
Diese Haltung ist bezeichnend und grundlegend für die Botschaft Jesu und tatsächlich ruht die gesamte christliche Lehre auf dieser gedanklichen Basis. Immer gründet sie sich auf der Frage nach dem Sinn und der Bedeutung des menschlichen Daseins mit seinen Schwächen und Unzulänglichkeiten: Scheitern, Schwäche, Krankheit, Irrtum, Täuschung, Ungerechtigkeit, Leid oder Tod – explizit diese Bereiche des Menschseins stehen im Fokus der Theologie Jesu.

Man könnte jetzt noch weitere ähnliche Aussagen Jesu anführen. Ich beschränke mich auf den folgenden Text der ebenso exemplarisch für die Lösung der Schuldfrage steht:

Richtet niemanden, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr selbst gerichtet werden und nach dem Maß, mit dem ihr messt, werdet ihr gemessen werden. Warum starrst du auf den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken! Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!“ Matthäus 7, 1-5

In diesem Gleichnis erfahren wir einen weiteren elementaren Grundgedanken der Lehre Jesu, nämlich die Ursächlichkeit von Schuld. Aus der Sicht Jesu liegt die Ursache unserer Schuld nicht nur in einem Unrecht, das wir vorsätzlich begangen haben, sondern auch dort, wo wir einen Makel unseres Mitmenschen aufzeigen, um diesen durch einen Eingriff korrigieren zu wollen.

Dabei sollen wir bedenken, dass jede Korrektur, die wir an unserem Mitmenschen vornehmen wollen, vor dem Hintergrund unserer eigenen menschlichen Fehlbarkeit bestehen können muss.

Tut sie das nicht, so handeln wir unrecht, weil wir uns der Heuchelei also der Unaufrichtigkeit, der Befangenheit und damit der Amtsanmaßung schuldig machen. Die Aufforderung Jesu, zuerst den Balken aus dem eigenen Auge zu ziehen, zeigt die fast unmögliche Aufgabe schonungslos geübter Selbstkritik. Nur derjenige, der sich in solcher Selbstkritik übt, der sich die eigene Schwäche und Befangenheit stets vor Augen hält, ist authentisch, und nur der authentische Mensch ist fähig, angemessen Kritik zu üben. Und noch etwas: Werden wir durch freiwillige Einsicht in uns selbst frei von Verurteilung anderer, so existiert keine Grundlage mehr, die uns schuldig sprechen kann. Dies ist eine Folgerichtigkeit, die sich aus der christlichen Vergebungstheologie ergibt.

In dem Gebet, das Jesus lehrte vermittelt er diese Ursächlichkeit und Folgerichtigkeit von Schuld und Vergebung :

Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben denen, die sich an uns schuldig gemacht haben.Matthäus 6, 9

Damit zeigt Jesus die einzige Möglichkeit auf, durch die Schuld objektiv vergeben werden kann, und zwar durch subjektiv geübte Vergebung desjenigen, dem ein Unrecht widerfahren ist, gegenüber demjenigen, der es an ihm begangen hat.

Der objektive Wille – also Gott – liegt somit in der subjektiven Vergebungsbereitschaft des Menschen begründet.

Aber noch etwas Grundlegendes wird hier deutlich: Jede Vergebung, die wir in dieser Überzeugung üben, ist gleichbedeutend mit der Vergebung, die wir durch Gott erfahren. Ja mehr noch; Gottes Vergebung ist vollkommen abhängig von der Vergebung, die wir selbst bereit sind zu üben. Mit anderen Worten: Vergeben wir nicht, so kann auch Gott nicht vergeben.
Vergeben wir im Sinne Jesu, so muss Gott vergeben – er kann nicht anders.

An keinem Ort der Welt – als allein in uns selbst – findet sich jene Instanz, die eine objektive Vergebung bewirkt.

Schuld macht Sinn

Aber warum sollte ein Unrecht überhaupt vergeben werden? Mit der Beantwortung dieser Frage kommen wir zum Sinn und zur Bedeutung der menschlichen Schuld . Alle Formen von menschlicher Schwäche, Irrtum und Schuld sind der Botschaft Jesu nach, nicht etwa entbehrlich oder überflüssig – ganz im Gegenteil, sie sind unabdingbare und notwendige Begleiter unseres menschlichen Daseins, denn ohne Schuld keine Vergebung, ohne Vergebung keine Gnade und insofern auch keine Barmherzigkeit. Jesus fasst diesen Gedanken in folgendem Kernsatz zusammen.

Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen zu rufen die Sünder zur Buße, und nicht die Gerechten.“ Lukas 5, 31-32

Unsere menschliche Schwäche und das Eingeständnis der eigenen Unvollkommenheit sind die Grundlage und die Voraussetzung für unsere Heilung und Erlösung, ja mehr noch, sie sind unabdingbar notwendig, um über unseren temporären und mangelhaften Zustand hinauszugelangen, um diese Welt zu transzendieren. Insofern ist jede Form von menschlichem Versagen, Schwäche und Schuld unser größtes Potential überhaupt, sofern wir es im Sinne Jesu auffassen und annehmen.

Während in weltlichen Gesellschaftssystemen, Schwäche und Schuld als ein Instrument zur Demütigung oder Unterdrückung der Menschen dient, verhält es sich in der Botschaft Jesu – in der geistigen Sphäre – anders. 

Je mehr der Mensch sich in seiner Schwäche selbst erkennt, desto mehr Wahrhaftigkeit kann er daraus gewinnen.

Ein heute geläufigeres Wort für Wahrhaftigkeit ist Authentizität. Soviel Authentizität wir erlangen, so viel Göttlichkeit haftet uns an. Und in diesem Sinne lehrt Jesus:

„Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“ Matthäus 5, 8

Auch dieser Lehrsatz wurde und wird immer wieder dahingehend missdeutet, dass ein guter Christ frei sein müsse von „unreinen“ Gedanken. Doch das ist zu kurz gegriffen, der Mensch soll die Unreinheit seiner Gedanken genau betrachten. Reinheit des Herzens ist ein Sinnbild dafür, dass wir uns in unserem Innersten (Herzen) genau so sehen, wie wir in Wahrheit sind: überheblich, unvollkommen, schwach, irrend, zweifelnd, fehlbar und sterblich. Die ungeschminkte und reine Einsicht in uns selbst ist jene Schau Gottes in unserem Herzen. Denn sehen wir uns so, wie wir in Wahrheit sind, so sehen wir nichts anderes als die Wahrheit, die wiederum Gott selbst ist. Und nur diese innere Einsicht kann uns nun dazu befähigen, die Schwäche und Unvollkommenheit unseres Mitmenschen zu verstehen und diese zu vergeben. Hierin liegt übrigens die einzig sinnvolle und geistvolle Konsequenz, die wir aus unserer menschlichen Schwäche überhaupt ziehen können, nämlich Angesichts eigener Unvollkommenheit, die Unvollkommenheit unserer Mitmenschen zu verzeihen. Auf diese Weise kann das Kranke, das Falsche, das Schwache und das Sterbliche eine neue Bedeutung erfahren, wodurch allein es grundlegend überwunden wird.

Hat unsere menschliche Unvollkommenheit und Schwäche auf diese Weise eine Notwendigkeit und eine grundlegende Bedeutung erfahren, so kann uns nichts mehr anklagen. Daher beinhaltet der christliche Vergebungsgedanke das Ende jeglicher Anklage und Verurteilung.  Zur Vertiefung dieses Gedankens eine weitere Darlegung Jesu:

Da kam Petrus auf ihn zu und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Darum gleicht das Himmelreich einem König, der mit seinen Knechten abrechnen woll­te. Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig. Da er’s nun nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und seine Kin­der und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen. Da fiel ihm der Knecht zu Füßen und flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s alles bezahlen. Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei, und die Schuld erließ er ihm auch. Da ging dieser Knecht hinaus und traf einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Silbergroschen schuldig; und er packte und würgte ihn und sprach: Bezahle, was du mir schuldig bist! Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s bezahlen. Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war. Als aber seine Mitknechte das sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten bei ihrem Herrn alles vor, was sich begeben hatte. Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast; hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? Und sein Herr wurde zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war. So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder. Matthäus 18,21-35

Der schachernde Gott

Hinsichtlich der Ursächlichkeit von Schuld und Vergebung trifft man in manchen christlichen Kreisen auch immer wieder den Gedanken des sogenannten Sühneopfers an. Dabei wird der Kreuzestod Jesu als eine Art Automatismus oder als ein Handel mit Gott verstanden, wodurch sein Zorn besänftigt wurde und nun jeder Mensch, der an diesen Handel glaubt, auf wundersame Weise erlöst sei. Oft wird ein Gottesbild gezeichnet, das nach einem grausamen Opfer des eigenen Sohnes verlangte, wodurch dieser Gott schließlich besänftigt werden konnte.
Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Dieses Narrativ an sich ist nicht grundlegend falsch, wohl aber ist es die verkürzte Darstellung. Tatsächlich ist der Erlösungsgedanke in der Lehre Jesu kein undurchsichtiges Mysterium, sondern er beruht auf einer geistigen Folgerichtigkeit und diese Folgerichtigkeit, besteht auf Grundlage einer bestimmten gedanklichen Konsequenz.

Die Überwindung der Schuld

Anknüpfend an die Bedeutung der beschwerlichen, peinlichen und leidvollen Seiten unseres menschlichen Daseins, wie ich sie oben bereits ausgeführt habe, ergibt sich als gedankliche Konsequenz, dass ausnahmslos allen Erscheinungen in unserem Dasein eine Bedeutung innewohnt – ein tiefer Sinn, der von uns gesucht und gefunden werden will, wie es Jesus mehrfach postuliert:

„Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Lukas 11, 9-10

Würden wir ausschließlich den positiven, förderlichen und angenehmen Seiten unseres Daseins eine Bedeutung beimessen und alles andere verwerfen, so handelten wir auch hier wieder aus menschlicher Befangenheit heraus. Denn blicken wir zeitlich zurück, so waren es oft gerade die beschwerlichen und schicksalhaften Geschehnisse, die uns viel grundlegender geformt und geprägt haben als die oberflächlichen und leichten.


Ein Mensch, der die Geisteshaltung Jesu annimmt, wird ein universeller und neuer Mensch sein, einer der nichts verwirft, was ihm begegnet – ferner ein Geschöpf, das aus der Gewissheit lebt, dass ihm nichts Bedeutungsloses widerfährt, dass ihm in allen Dingen niemand anderer begegnet als Gott selbst. Und dies insbesondere in den schicksalhaften, leidvollen und beschwerlichen Geschehnissen. Auf dieser inneren Einsicht beruht sowohl der Vergebungs- als auch der Erlösungsgedanke der Botschaft Jesu.

Werfen wir noch einmal einen Blick auf zwei elementare Aussagen, die den Erlösungsgedanken Jesu thematisieren. Angesichts seiner bevorstehenden Hinrichtung äußert sich Jesus mehrfach in dieser und ähnlicher Weise:

…und wer da will der Vornehmste sein, der sei euer Knecht, gleichwie des Menschen Sohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“  Matthäus 20, 27-28
 „…das ist mein Blut des neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ Matthäus 26, 28

Im ersten Moment scheinen diese Aussagen wenig schlüssig. Wie kann das Leid oder das vergossene Blut eines Einzelnen bei anderen Menschen irgend etwas Positives bewirken? Wie kann es den Menschen Vergebung oder gar Erlösung bringen?  Betrachtet man jedoch diese Aussagen auf Basis der oben ausgeführten Gedanken so ergibt sich folgende, ungeheure gedankliche Konsequenz: Jesus sah sich in der Lage in allen Geschehnissen, die ihm begegneten eine Bedeutung zu finden. Nicht nur seine Anhänger und Freunde waren ihm lieb und teuer, sondern eben auch seine Feinde. Nicht nur das Gute, das man ihm tat, war für ihn bedeutungsvoll, sondern auch das Böse, das die Menschen an ihm verübten. Daher auch seine kompromisslose Aufforderung zur Feindesliebe:

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr nur liebt, die auch euch lieben, welchen Lohn erwartet ihr dafür? Tun nicht dasselbe auch die Steuereintreiber? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Gottlosen? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist. Matthäus 5, 43-48

Die vollkommene Liebe schließt niemanden und nichts aus, und in der Annahme aller Geschehnisse, auch jener leidvollen, die unsere Feinde über uns verhängen mögen, wirkt Gott, jedoch nur in demjenigen, der bereit ist, diesen Gedanken zu fassen. Diese Wirkung universeller Liebe ist wechselseitig. Was heißt das? Sehen wir uns in der Lage auch in den unschönen, beschwerlichen und leidvollen Geschehnissen eine Bedeutung zu finden, so tragen wir – eben durch diese Zuversicht – Sinn und Bedeutung in solche Geschehnisse hinein. Mit anderen Worten, wir selbst sind es, die wir in der Geisteshaltung Jesu Sinn ins Sinnlose tragen. Denn keine Frage: Nüchtern betrachtet, war die Hinrichtung Jesu ein sinnloser, barbarischer und menschenverachtender Akt. Für Jesus selbst hingegen, der an die Bedeutung seines schicksalhaften Scheiterns am Kreuz glaubte, war es der Sinn und Zweck seiner Mission. Allein seine veränderte Betrachtungsweise – den leidvollen und beschwerlichen Geschehnissen gegenüber – änderte für ihn das Geschehen am Kreuz, und in dieser geistigen Haltung wollte und will er ein Beispiel und Vorbild für alle Menschen sein. Doch worin liegt nun der Unterschied? Ein Leid, dessen Sinn und Bedeutung wir erkennen und einsehen, wird dadurch tragbar. Aber mehr noch, jedes Leid, das wir im Vertrauen auf seine Sinnhaftigkeit auf uns nehmen, das nimmt eben dadurch erst neuen Sinn an, und indem es neuen Sinn annimmt nimmt es Gott an, und indem es Gott annimmt, nimmt sich Gott selbst des Leid’s an.
Nimmt sich aber Gott des menschlichen Leid’s an, so kann es überwunden werden. Mit anderen Worten, tragen wir unser Leid – wie Jesus – in der Gewissheit seiner Bedeutung, so trägt es Gott selbst, da Gott die Bedeutung selbst ist.  Trägt aber Gott unser Leid, so muss es überwunden werden, da in Gott kein Leid bleiben kann. Durch unerschütterliches Vertrauen in den Sinn des vermeintlich Sinnlosen überwindet der Geist das Geistlose, überwindet der Sinn das bis dahin Sinnlose. Eine andere Möglichkeit zur Überwindung des Sinnlosen existiert nicht, daher sagte Jesus:

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. Johannes 14,6

Durch mich, heißt hier, durch meine Geisteshaltung. Durch seine Geisteshaltung am Kreuz zeigte Jesus der Welt den einzig möglichen Weg, wie Böses gut, Ungerechtes gerecht, Sinnloses sinnvoll und Totes wieder lebendig werden kann. Das Geheimnis des Glaubens besteht in einer Wechselwirkung, die wir allein durch unsere geänderte geistige Haltung bewirken: Sehen wir uns angesichts des Bösen in der Lage, die Geisteshaltung Jesu anzunehmen, so übt sie auch Gott an uns: Vergeben wir, so vergibt Gott, lieben wir, so liebt Gott. Das Eine ist Inbegriff des anderen. Tatsächlich können wir diese Kausalität auch umkehren: Weil Gott uns bereits vergeben hat, sollen auch wir vergeben. Weil er durch seine Liebe alles erlöst hat, sollen auch wir durch unsere Liebe alles erlösen, denn erlösen bedeutet, innerlich frei zu werden von aller äußeren Anhaftung.

Die missbrauchte Schuld

Ganz anders verhält es sich dagegen bei weltlich auferlegter Schuld, sie kann nur durch entsprechende Sanktionierung oder Strafe getilgt werden.
Während der christliche Geist uns zur Einsicht in die eigenen menschlichen Schwächen aufruft, mit dem Ziel, dass wir dadurch bewegt werden, Schuld ohne Gegenleistung zu tilgen, geht es bei weltlichen Schuldrechnungen um ein ständig neues Erschaffen von Schuld mit dem Ziel, Abhängigkeiten zu erzeugen. Diese Form der Schulderzeugung ist willkürlich, ihre perfideste Form ist jene, die Menschen allein durch ihre Geburt und Existenz, also ohne ein Verbrechen begangen zu haben, zu Schuldigen macht. Wer hier das eine vom anderen nicht unterscheiden kann, steht diesem Schuldvorwurf hilflos gegenüber, da sich Schuld hier nicht mehr auf ein Verhalten sondern auf die Existenz bezieht. Das Mittel zur Sühne halten jene parat, die diese künstliche Schuld erdachten: Die Veränderung der Existenz gegen den Willen. Die Welt bedient sich von jeher des Werkzeugs der Schuld, um Abhängigkeiten, Hierarchien und Machtgefälle zu erzeugen oder um bestimmten Gruppen die Existenzberechtigung abzusprechen, indem man sie zur Bedrohung oder zur öffentlichen Gefahr erklärt. Das christliche Schuldverständnis hingegen dient dem konsequenten und grundlegenden Freiwerden von Schuld. Es ist frei vom Gedanken der Gegenleistung, der Vergeltung oder der Verurteilung.

Ich schließe mit einem Wort des Apostels Paulus, in dem er die positive Bedeutung aller Geschehnisse wie folgt zusammenfasst:

Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Willen berufen sind. /… / daß sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohnes, auf daß derselbe (Christus) der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.“ Römer 8, 28-29

Patti Smith und die Dogmatik

Über die negative Wirkung starrer und unreflektierter Glaubensformeln.

Neulich fiel mir ein Zeitungsartikel über ein Rockkonzert in die Hand, in dem die Unverständlichkeit einer Aussage Jesu thematisiert wurde. In dem Bericht ging es um die Ansichten der Popmusikerin Patti Smith, die in einem streng gläubigen Elternhaus (Zeugen Jehovas) aufgewachsen ist und die den christlichen Grundgedanken, dass Jesus für unsere Sünden gestorben sei, mit folgenden Worten in Frage stellt: „ Jesus ist für unsere Sünden gestorben, aber nicht für meine!“ Dabei kam mir der Gedanke, dass Jesus die Menschen ohne Dogmatik von seiner Sicht der Dinge, zu überzeugen versuchte. Das zeigt schon allein die Vielzahl und die Unterschiedlichkeit seiner Gleichnisse. Vertrauen sollte auf einer Überzeugung des Für-wahr-haltens seiner Botschaft beruhen. Die Gleichnisse waren Interpretationsversuche einer grundlegenden, hintergründigen Wahrheit, die Jesus erkannt und geschaut hatte. Die Gleichnisse sind insofern Zeugnisse seines inneren Ringens, um seinen Zuhörern die Hintergründe seines Wirklichkeitsverständnisses verständlich zu machen, damit das, was Relevanz hat, für wahr erkannt werden kann. Erkennen und Vertrauen bedingen hier einander. Viele christliche Religionsgemeinschaften tun aber genau das Gegenteil. Sie verlangen das sture Anerkennen von Glaubenssätzen, die nicht hinterfragt werden dürfen. Mit der Forderung, dass bestimmte biblische Aussagen, ohne dass sie verinnerlicht oder verstanden werden, einfach geglaubt werden müssen, haben sich viele christliche Religionsgemeinschaften einen Bärendienst erwiesen. Insofern ist es den Skeptikern nicht zu verdenken, keinen Sinn in solchen Aussage Jesu zu sehen. Eigentümlich finde ich aber doch, dass die aufgeklärten Zweifler sich den Texten nicht selbstständig nähern, sondern, dass sie das Programm ihrer kirchlichen Prägung als ein Dogma annehmen, das keine andere Interpretation zulässt, um es dann getrost in das Land der Märchen zu verbannen. Während also Jesus versuchte, seine Sicht auf die hintergründige Wirklichkeit (Reich Gottes) seinen Zuhörern möglichst transparent zu machen, ziehen die Dogmatiker ihren undurchsichtigen Vorhang davor. Da kommt mir unwillkürlich der Gedanke vom zerrissenen Vorhang im Tempel in den Sinn… Derart von den inhaltlichen Grundlagen getrennt, konnten Kreuzestod und Abendmahl als magische Handlungen missverstanden bzw. umgedeutet werden. Weshalb der ursächliche Zusammenhang von Kreuzestod und Sündenvergebung nicht gesehen bzw. vermittelt wird, bleibt für mich rätselhaft. Die Vergebung von Schuld beruht nach dem Verständnis Jesu eben nicht auf einer magischen Heilshandlung, sondern ausschließlich auf der Annahme der Geisteshaltung Jesu, der die Ungerechtigkeit, die man ihm angetan hatte, als eine höhere Art der Gerechtigkeit neu interpretierte. Auf diese Weise wurde das alte Verständnis von Anklage und Schuld, in welchem Jesus als ein Opfer der Böswilligkeit seiner Feinde verstanden werden konnte, durch ein neues Wirklichkeitsverständnis überwunden. Kraft dieser Erkenntnis opfert sich Jesus also einem neuen, universellen Lebensverständnis, in welchem nun allem was uns wiederfährt, eine Relevanz und Notwendigkeit zukommt. Innerhalb eines solchen Verständnisses ist kein Platz mehr für Anklage und Schuld, da hier auch derjenige, der an mir schuldig wird, zu einem Teil des göttlichen Willens wird. Die Ursache für die Vergebung von Schuld liegt dabei in der persönlichen und individuellen Einwilligung in das bisher „Ungerechte“, wie Jesus es selbst verstand als er sagte: „Vater wenn es möglich ist, dann lass diesen Kelch an mir vorübergehen, jedoch nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Indem Jesus sein eigenes Leiden und Sterben zum Willen Gottes machte, wurde dieser notgedrungen zur Ursache von Schuld, Leid und Tod. Weil aber in Gott weder Schuld noch Leid noch Tod existieren, müssen alle Klagen und Anklagen aufhören. Hieraus folgt auch der Gedanke, dass derjenige der diesem Verständnis Jesu Christus folgt zum Glücksfall für seine Feinde wird….

Das Gleichnis vom Krieg und Frieden

Aus Angst vor den Unwägbarkeiten des Dasein, meinen wir das Leben (be)zwingen zu müssen. Doch führen wir damit einen Krieg gegen einen Gegner, der uns immer überlegen sein wird.

Welcher König will sich auf einen Krieg einlassen gegen einen andern König und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob er mit Zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit Zwanzigtausend? Wenn nicht, so schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden. So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.  Lukas 14,31-33

Jesus sah seine Mission vor allem darin, dass der Mensch ein neues, freundschaftliches Verhältnis zu seinem Leben finden könnte, doch dazu muss er sich von allem vermeintlich Sicheren distanzieren. Der christliche Erlösungsgedanke besteht darin, dass der Mensch in einem neuen Bewusstsein den erbitterten und aussichtslosen Kampf gegen das „ungerechte“ Leben nicht mehr zu kämpfen braucht. Denn dort wo wir uns nicht in der Lage sehen, auch in den Unannehmlichkeiten des Lebens Sinn und Bedeutung zu finden, wo wir uns also entschieden abwenden von den Schattenseiten unseres Daseins, wo wir das Unliebsame nicht sehen wollen, leben wir nicht im Einklang mit unserem Dasein.
Indem wir nur einen bestimmten Teil unseres Lebens akzeptieren und den anderen für unbrauchbar erklären, liegen wir im Krieg mit dem entscheidenden Bereich unseres Daseins, und es bleibt nur abzuwarten, wann der Zeitpunkt erreicht ist und das Leben mit allem verdrängten Leid anklopft und über uns hereinbricht.
Jesus hält uns hier eine ungewohnte Realität vor Augen und hinterfragt in diesem Gleichnis jenes Realitätsverständnis, das wir im Laufe unseres Lebens irgendwann einmal übernommen haben. So geht es ihm darum, den Krieg gegen das eigene Leben wieder ins menschliche Bewusstsein zu rufen. Rat halten, bedeutet hier abwägen, das heißt, man soll sich selbst ehrlich befragen, ob man sich tatsächlich gegen alle Unannehmlichkeiten – die das Leben uns entgegenhält – absichern oder sie wirkungsvoll ausschließen kann. Wenn wir uns diese Frage stellen, können wir sie letztlich nur mit „Nein“ beantworten. Das Leben ist uns übermächtig; es behält in seiner scheinbaren Teilnahmslosigkeit die Oberhand. Gerade dann, wenn man meint, man hätte alle Dinge für sich geregelt, wirft uns igendetwas plötzlich und unerwartet zurück. Gegen diese Übermacht antreten, heißt, seine Chancen in diesem Kampf nicht realistisch abgeschätzt zu haben. Sieht man solche Übermacht auf sich zukommen, bleibt im Grunde genommen gar keine andere Wahl, als den Kontakt mit dem Gegner zu suchen und um Frieden zu bitten. Tut man das, so wird man nun seine ganze Kraft darauf verwenden, mit dem vermeintlichen Feind Frieden zu schließen.
Konsequent ist daher auch hier der Nachsatz Jesu:  „So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.“ (Lukas 14, 33) Damit gibt er zu bedenken, dass uns die Bürde des Menschseins durch Vordergründiges und Kurzlebiges nicht genommen werden kann. Der einzig gangbare Weg kann nur in einer Akzeptanz der ganzen Wahrheit liegen – also nicht im Ausweichen und durch Flucht in eine konstruierte Wirklichkeit. Erst auf Basis dieses Bewusstseins und Eingeständnisses gelingt uns das Annehmen aller Unannehmlichkeiten wie:  Schwäche, Unvermögen, Verlust, Krankheit, Verrat, Ungerechtigkeit und Tod.

Nun geht es darum, nichts, aber auch absolut gar nichts, auszuklammern, sondern alles „Schwere“ in das Denken und Handeln mit einzubeziehen. Exakt in dem Moment, in dem wir beginnen, nach Sinn und Bedeutung der Lebenssituationen zu suchen, die uns so sehr widerstreben, stehen wir in einer fruchtbaren Verhandlung mit dem vermeintlichen Gegner. Dieses Vertrauen in den bisherigen Feind führt dazu, dass uns das Leben in völlig neuer und freundschaftlicher Weise begegnen wird. Allem Unschönen, Peinlichem und allem Leid entgegenzugehen, um Frieden darin und damit zu finden, heißt im Grunde ja nichts anderes, als Selbsterkenntnis zu üben, da diese Dinge mit niemand anderem als mit uns selbst zu tun haben.

Das Gleichnis vom Turmbau

Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen, – damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann’s nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten, und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann’s nicht ausführen?    Lukas 14, 28-30

Ausdruck des Lebens ist das Streben nach „oben“. Im Streben nach oben versuchen wir uns „Freiräume“ zu verschaffen, in denen uns nichts „Niedriges“ mehr berühren kann. Mit dem Gleichnis vom Turmbau, drückt Jesus das menschliche Verlangen nach Erhabenheit aus, den Wunsch, sich über die beschwerlichen und feindlichen Seiten dieses Daseins zu erheben.

Einen Turm bauen wollen, bedeutet im Sinne des Gleichnisses, die Dinge von einer höheren Warte aus – die Welt mit Distanz betrachten zu wollen. Damit steht der Turm als ein Gleichnis für Erhabenheit, für den Wunsch nach Ruhe, Sicherheit, Unerreichbarkeit und Unberührbarkeit. So ist jeder auf seine eigene Weise bemüht, sich einen Ort zu schaffen, an dem ihm das Leid dieser Welt nichts mehr anhaben kann.

So symbolisiert der Turmbau unser Streben nach Individualität und Erhabenheit, aber auch nach Entzug und Rückzug. Der Wunsch nach Erhabenheit ist nichts Schlechtes an sich, er wird jedoch auf ganz unterschiedliche Weise umgesetzt: Aus rein menschlicher und vordergründiger Sicht läuft es meist darauf hinaus, sich den Status des „Turmes“ durch Äußerlichkeiten zu verschaffen – beispielsweise durch Familienbande, durch Beziehungen, durch Geld, durch Besitz, durch den gesunden oder den schönen Körper, durch materielle Absicherung, durch persönlichen Erfolg, durch gesellschaftliche Anerkennung, durch Machtausübung, durch Unterdrückung anderer, aber auch durch Drogenkonsum und durch Todessehnsucht.

Wie auch immer, man möchte unerreichbar und unberührbar sein gegenüber dem Leid der Welt, möchte in „Sicherheit“ leben und über das Unkalkulierbare herrschen.  Im Gleichnis vom Turmbau gibt Jesus zu bedenken, dass alle Versuche, das Unkalkulierbare und Unangenehme abzuwenden, immer unzureichend sein werden, solange sie auf irgendwelche Äußerlichkeiten d. h. solange sie auf Vordergründigem basieren, denn alles Äußerliche – wie es auch heißen mag – unterliegt der Schwächung, dem Verfall, und in allem Hiesigen liegt bereits der Niedergang. Das Unkalkulierbare jedoch ist das Unabwendbare. Es ist Leid, Tod, Niederlage, Schmach, Verrat und Verlust. Diese Dinge nicht in seine Lebensplanung einzukalkulieren, bedeutet, sich zu verkalkulieren.

Welches Taufverständnis hatte Jesus?

Über die Bedeutung des menschlichen Scheiterns und Unterliegens und die Wiederauferstehung zeitloser Werte im Sinnbild der christlichen Taufe.

In den Urtexten des Neuen Testaments lautet das altgriechische Wort für „taufen“  baptízein (βαπτίζειν) und das für „Taufe“ baptein. Die Bedeutung des Begriffs reicht von „ein- oder  untertauchen“ bis hin zu „tränken und färben“.

In der ersten germanischen Bibelübersetzung, der gotischen Bibel von Wulfila aus dem 4. Jahrhundert, wird baptizein mit daupjan übersetzt, das ebenso wie das griechische Wort „tauchen“, „eintauchen“ bedeutet. Wie das gotische Wort daupjan gehen das altnordische deypa, das altenglische dyppan (s. a. dippen) und das althochdeutsche toufen, auf ein Wort zurück,  das im Neuhochdeutschen mit „tief“ wiedergegeben wird.  Quelle Wikipedia

Nun war die Muttersprache Jesu aber nicht das Altgriechische, sondern das Aramäische, denn er lehrte das Volk in der damaligen Landessprache. Im Aramäischen lautet das Wort für Taufe mamodita, das sich vom hebräischen amad ableitet und „aufstehen“ bedeutet. Die Wurzeln des Verbs amad wiederum gehen zurück auf den hebräischen Begriff amuda = Pfeiler. Vor diesem Hintergrund ist Taufe eher als ein Untergangs- bzw. Auferstehungsritual aufzufassen. Das heißt, neben dem Aspekt des Reinwerdens geht es auch um die innere Bereitschaft zu unterliegen (zu fallen und zu sterben) um danach erneut aufzustehen – um wieder aufgerichtet zu werden.

Damit wird deutlich, dass der Begriff der Taufe viel weiter gefasst werden muss, als wir ihn aus dem kirchlichen Rahmen kennen. Man vermutet heute, dass die große jüdische Täuferbewegung zur Zeit Jesu auf die Essener zurückgeht, die damals neben den Gruppierungen der Pharisäer und Sadduzäer eine besondere Form des Judentums vertrat. Stark für diese Vermutung sprechen die großen Wasserbecken mit Treppenanlagen zu beiden Seiten, wie sie bei den archäologischen Ausgrabungen des essenischen Wüstenklosters am Toten Meer zum Vorschein kamen. Hier war erstmals ein Untertauchen des ganzen Körpers möglich. Hinsichtlich des vollständigen Untertauchens unterschied sich dieser Ritus von den religiösen Waschungen des alten Testaments. Es ist anzunehmen, dass auch Johannes der Täufer in der Tradition der  Essener stand, später aber eigene Wege ging.  So setzte er gegenüber der Essenertaufe weitere, neue Akzente: das Untertauchen in „lebendigem“ Wasser und die öffentliche Taufe für jedermann – d. h. sein Taufbegriff war frei vom essenischen Elitegedanken. Der Begriff Lebendiges Wasser hat in der Sprache des Neuen Testaments eine doppelte Bedeutung. So bezeichnete man fließende (frische) Gewässer allgemein als lebendiges Wasser.  Wohl aus diesem Grund taufte Johannes die Menschen, die zu ihm kamen, auch in  einem Fluss, dem  Jordan. Auch Jesus verwendet den Begriff lebendiges Wasser jedoch bereits in einem übertragenen Sinne, wie aus dem Dialog mit der Samaritanerin hervorgeht, die den Begriff im herkömmlichen Sinne als fließendes bzw. frisches Wasser (im Gegensatz zu stehendem, abgestandenem Wasser) auffasst:

Dort war ein Brunnen, der Jakobsbrunnen, an den sich Jesus setzte, ermüdet von der langen Wanderung. Es war gegen 12 Uhr. Da kam eine samarische Frau zum Wasserschöpfen. Jesus sagte zu ihr: „Hast du auch etwas zu trinken für mich?“ Seine Jünger waren ins Dorf gegangen um etwas zu essen zu kaufen. Die samarische Frau sagte: „ Wie kannst du als Jude mich, die Samaritanerin, um etwas zu trinken bitten?“ (Die Juden halten sich nämlich von Samaritanern fern) Jesus antwortete ihr:  Wenn du wüsstest was Gott gibt und wer ich bin, dann hättest du mich um lebendiges Wasser gebeten, und ich hätte es dir gereicht.  Die Frau entgegnete: „Herr, du hast kein Schöpfgefäß und der Brunnen ist tief. Woher willst du das lebendige Wasser nehmen? Kannst du etwa mehr als Jakob unser Vater? Er hat uns nämlich den Brunnen geschenkt und selbst daraus getrunken, wie auch seine Kinder und seine Herde“ Jesus erwiderte: „ Jeder der von diesem Wasser trinkt, wird danach doch wieder durstig werden. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, der wird nie mehr Durst haben. Vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm selbst zu einer Quelle werden, die bis in das ewige Leben sprudelt.“ Da sagte die Frau: „Herr gib mir von diesem Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen…                           Johannes 4,6-15

Obwohl Johannes der Täufer eine neue, populärere Form der Taufe schuf, ahnte er doch, dass die Taufe als reines Wasserritual noch nicht zu ihrer eigentlichen Bedeutung gefunden hatte. So erklärt er freimütig:

Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber einer, der ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen.                    Lukas 3,16

Tatsächlich interpretiert Jesus den Taufbegriff für sich selbst bereits nicht mehr im Sinne Johannes des Täufers, sondern vielmehr im ursprünglichen Sinne des Wortes mamodita.  Und wie von Johannes dem Täufer angekündigt, kommt bei Jesus ein neuer transzendenter Aspekt hinzu: Taufe als bewusste Einwilligung in die leidvolle Konfrontation mit dieser Welt und damit als Akt der geistigen Überwindung von Leid und Tod. So bezieht Jesus den Begriff Taufe ganz konkret auf seine eigene Verurteilung und  Hinrichtung am Kreuz, wie in folgenden Aussagen deutlich wird:

Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?   Markus 10,38

Aber ich muss mich zuvor taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollbracht ist! Lukas 12,50

Dennoch bleibt die eigentliche und ursprüngliche Symbolik des Untertauchens im hintergründigen Sinne erhalten. Das heißt, Taufe ist in den Augen Jesu Sinnbild für ein temporäres Untergehen, Scheitern, Unterliegen, Leiden und Sterben, damit das zeitlose Element (der Geist) umso kraftvoller wieder auferstehen kann. Hier ist es nun das Bild vom aufgerichteten Kreuzespfeiler (Pfeiler = amuda), das mit dem ursprünglichen Taufbegriff zusammen geht, das Jesus für sich so interpretiert:

Und  wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.        Johannes 3,14

Hier bezieht er sich auf ein Geschehen aus dem 4. Buch Mose, das er als Hinweis auf die transzendente Bedeutung seiner eigenen Kreuzigung und insofern als Erfüllung der Schrift versteht:

Da sprach der JHWH zu Mose: Mache dir eine eiserne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. 4. Mose 21, 8

Auch wenn in den Evangelien davon die Rede ist, dass Jesus getauft wurde, und dass er taufte, so erfahren wir in einem Nebensatz des Evangelisten Johannes, dass er selbst nicht taufte, dass es vielmehr seine Jünger waren,  die den johannäischen Ritus weiter pflegten, worin Jesus sie gewähren ließ:

Als nun Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war, dass er mehr zu Jüngern machte und taufte als Johannes – obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger –  verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa.    Johannes 4,1-3

Derselbe Evangelist Johannes schildert noch eine weitere Begebenheit, die uns das transzendente Taufverständnis Jesu verdeutlicht. Es ist der Bericht von der sog. Fußwaschung, am Vorabend seiner Verhaftung und Hinrichtung:

da stand er vom Abendessen auf, legte sein Obergewand ab, nahm eine Schürze und band sie sich um. Danach goss er Wasser in ein Becken und fing an den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, den er sich umgebunden hatte. Da kam die Reihe an Simon Petrus; der jedoch sprach zu ihm: Herr, du willst mir die Füße waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber zu einem späteren Zeitpunkt  erfahren. Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, dann nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle.  Johannes 13,4-17

Dass es Jesus hier weniger um körperliche Reinheit ging, wird aus dem Kontext deutlich. Und Jesus präzisiert seinen Begriff der Reinheit schon wenige Sätze später in seinem Gleichnis vom Weinstock:

Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.       Johannes 15,3

Doch selbst der Jünger Petrus missdeutet die Handlung Jesu und betrachtet sie als eine besondere Form der Wassertaufe, daher seine Bitte, Jesus möge ihm auch den Kopf und die Hände waschen.

Somit ist Taufe entsprechend dem Verständnis Jesu der Beginn einer  vertrauensvollen Haltung, in der wir jedes Scheitern, Unterliegen, selbst das eigene Sterben, tragen und somit dem Leid, verursacht durch eigenes Versagen oder durch höhere Gewalt, eine neue Qualität verleihen. Alles Leid, alle Ächtung oder Strafe, die wir in der Geisteshaltung Jesu tragen, hat aufgehört, Strafe Gottes zu sein. Im Geist Jesu wird alles Unterliegen und Scheitern zum Auftakt einer neuen Schöpfung. Hierin finden wir zu jener geistigen Taufe, in der Jesus sein eigenes Leid begriff. In einer Haltung, die nichts für sich selbst will, weil sie sich ihres unvergänglichen Wertes bewusst geworden ist, gibt es kein wirkliches Unterliegen. Unterliegen wird nur das, was seinen wahren Wert nicht gefunden hat, und deshalb irrtümlicherweise für wertlos erachtet wurde. Was seinen zeitlos-gültigen Wert erkannt hat, kann nicht endgültig zu Grunde gehen. Hier ist die Grundlage des Auferstehungsgedankens: Eben, weil Jesus die Konsequenz dieses Gedankens in seiner ganzen Tiefe erkannt hatte, war er bereit, das Äußerste auf sich zu nehmen und sein Leben hinzugeben. Diese Form der Hingabe ist die eigentliche Taufe im Sinne Jesu. Was heißt das? Die Preisgabe unserer selbst, d. h. das Opfer der äußeren Form ist sinnbildlich gesprochen, ein Untertauchen in das Luftlose – ein Hinabsteigen in die geistlosen Bereiche dieser Welt.  Weil das göttliche Element weder behindert noch ausgelöscht werden kann, wird es alles Geist- und Sinnlose mit Geist erfüllen und wird in einer neuen kraftvollen Form wiederkehren.