Von der Würde des Glaubens

Wäre der Wahrheitsgehalt einer Glaubensüberzeugung von Ehre, Anerkennung und Wohlergehenen abhängig, so wären Lehrmeister wie Sokrates, Jesus, Meister Eckhart, Jan Hus, Giordano Bruno, Baruch Spinoza usw. der Unglaubwürdigkeit überführt.

Der letzte, ultimative Vorstoß, um den Verkünder einer unerwünschten Lehrmeinung, zum Einlenken zu bewegen, für unglaubwürdig zu erklären oder ganz zum Schweigen zu bringen, geschieht durch Bedrohung seiner körperlichen Existenz. Über die menschliche Schwäche und körperliche Verletzbarkeit meint man selbst gültige Überzeugungen jederzeit schwächen, verletzen oder vernichten zu können.

Entwürdigung, oder: Die Schaffung von Unglaubwürdigkeit durch Entzug der Würde

Als man Jesus ans Kreuz schlug und er dort einen würdelosen Verbrechertod starb, schien damit für viele der Beweis erbracht, dass dieser Mensch ein Hochstapler gewesen sein muss. Kurz zuvor hatte sich eben dieser Jesus noch als König feiern lassen und war in der Vollmacht des Gottessohnes aufgetreten. Hier am Kreuz zeigte sich nun, dass er doch nur ein gewöhnlicher Sterblicher war. In welch offensichtlichem Widerspruch stand sein Privileg der Gotteskindschaft nun zu seinem kläglichen Scheitern am Kreuz? Insofern war die Kreuzigung für die Feinde Jesu die Stunde der Wahrheit. Hier zeigte sich für sie, was seine Lehre und sein Anspruch, mit dem er aufgetreten war wert waren. Dementsprechend waren auch die Kommentare der Pharisäer und der Schriftgelehrten während der Hinrichtung:

„Anderen hat er geholfen, aber sich selber kann er offenbar nicht helfen. Wenn er wirklich der König Israels wäre, so könnte er doch vom Kreuz heruntersteigen, und wir würden ihm glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er wirklich Interesse an ihm hat; denn er hat ja selbst gesagt: Ich bin Gottes Sohn.…“. 

Mt 27, 42

Warum führe ich diese Geschichte an? Weil sie als Beispiel für eine heuchlerische Beweisführung steht. Heuchlerisch deshalb, weil hier der Wahrheitsgehalt einer Aussage an Äußerlichkeiten und an menschlichen Schwächen einer Person gemessen wird. Als Beweis für die Unglaubwürdigkeit einer Überzeugung genügt dann der Entzug der Würde und der Hinweis auf das menschliche Scheitern. Unterliegt ein Mensch äußerlich, so wird dies auch als schlüssiger Beweis für die Haltlosigkeit seiner inneren Überzeugung verstanden.

Die Unveränderbarkeit des Wahren und Guten

Folgt man dieser Argumentation konsequent, so dürfte kein Mensch jemals irgendetwas Wahres äußern können, da kein Mensch frei ist von menschlichen Schwächen. Tatsächlich verhält es sich so, dass jeder Mensch – ganz unabhängig von seinen Schwächen –  in der Lage ist, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden. Mit anderen Worten, Wahrheit wird nicht zur Unwahrheit, indem eine Person, die sie ausspricht, offiziell zum Lügner oder Übeltäter erklärt wird, und Wahrheit endet auch nicht durch Bestrafung oder Vernichtung ihres Überbringers. Ein Gleichnis aus dem Philippus-Evangelium verdeutlicht diesen Sachverhalt bildhaft:

„Wenn die Perle in den Schmutz hinabgeworfen wird, wird sie dadurch nicht minderwertiger, noch wird sie wertvoller, wenn man sie mit Balsam salbt, vielmehr behält sie immer den gleichen Wert bei ihrem Besitzer.“

Philippus-Evangelium Spruch 48

Die Unerfüllbarkeit geistiger Ideale

Wie wir aus den Evangelienberichten wissen, verkündete Jesus kein System weltlicher Stärke oder äußerer Überlegenheit, sondern die Achtung und Wertschätzung geistiger Ideale. Gleichzeitig machte er deutlich, dass all jene, die ihm darin nachfolgen, in dieser Welt nicht siegen oder triumphieren werden, sondern scheitern und unterliegen. Der Sieg der Wahrheit stand für ihn im Gegensatz zum Sieg der Welt. Der Sieg der Welt ist ein scheinbarer, zeitgebundener und vergänglicher. Der Sieg der Wahrheit jedoch ist ein grundlegender, ideeller und zeitloser.

Wahrheit ist eine Größe, die unabhängig von unserer vergänglichen Existenz besteht. Dennoch ist jemand, der geistige Werte vertritt, nicht verloren in dieser Welt, nur weil er unterliegt. Der Trost, den Jesus seinen Nachfolgern vermittelt, beruht auf der Gewissheit, dass unsere innere Unversehrtheit grundlegend und von zeitloser Qualität ist, da Wahrheit als ein innerer und ideeller Wert unvergänglich ist.

Sterben wir um der Wahrheit willen, so werden wir auch leben um der Wahrheit willen.

Die äußere Unversehrtheit hingegen, ist scheinbar, zeitgebunden und vergänglich, wie Jesus verdeutlicht:

Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

Mt 16, 25-26

Leben wir um der Äußerlichkeit willen, so werden wir auch sterben um der Äußerlichkeit willen.

Dennoch sind die Ansprüche, die Jesus an seine Jünger stellt so hoch, dass ihnen niemand vollkommen gerecht werden kann. Das bedeutet aber nicht, dass seine Lehre deshalb weltfremd oder lebensfern wäre. Im Gegenteil, die Kraft der christlichen Lehre besteht eben gerade in der Einsicht in die eigene menschliche Schwäche. Das mag paradox klingen, ist es aber nicht, wie im Beitrag “Schuld und Vergebung” ausführlich dargelegt. Da wir als Menschen der Vergänglichkeit unterworfen und unseren menschlichen Schwächen ausgeliefert sind, können wir der Lehre Jesu zwar nicht in allen äußeren Handlungen gerecht werden, aber auf eine innere Weise können wir sie erfüllen. Sie auf innere Weise erfüllen bedeutet, dass wir unsere Distanz zu ihr (der Lehre Jesu) erkennen, und diesen Zustand innerlich bedauern. Einerseits werden wir uns also immer wieder eingestehen müssen, dass wir an der Umsetzung der christlichen Ideale scheitern. Andererseits können wir die Inhalte dieser Botschaft dennoch für richtig und für wahr anerkennen, können sie wertschätzen und lieben. Diese innere „Wertschätzung“ bildet das Herz der christlichen Glaubenslehre.

Die Wertschätzung der christlichen Ideale ist das, was Jesus als den Begriff „Glaube“ vermittelt, der lebendig und gerecht macht.

Sind wir im Zustand dieser inneren Wertschätzung, kann uns die Entfernung zu unseren Idealen nicht hindern, an ihnen teilzuhaben. Ja mehr noch, durch diese innere Wertschätzung werden wir eins mit den Idealen, die wir lieben. In dieser Gesinnung sind wir bereits dort, wo wir uns innerlich hingezogen fühlen.

Der christliche Glaube – was ist das?

Zu glauben bedeutet, die Botschaft Jesu für wahr halten – es bedeutet, den Worten Jesu zu vertrauen. Ich werde mich im Rahmen dieses Beitrags lediglich auf solche Worte Jesu beschränken, die unsere äußere Existenz betreffen: Jesus lehrte beispielsweise, darauf zu vertrauen, dass Gott weiß, was wir zum täglichen Leben benötigen, noch bevor wir ihn darum bitten. (Mt 6,8) Er lehrte auch, dass wir uns nicht sorgen sollen um Essen, Trinken, Kleidung. (Mt 6,25), auch nicht um unsere Zukunft – nicht einmal um den morgigen Tag sollen wir uns sorgen. (Mt 6, 34) Und selbst wenn man uns verkauft und ausliefert wie Sperlinge, so sind wir vor Gott dennoch nicht verloren. (Mt 10,29) Auch sollen wir uns gewiss sein, dass selbst unsere Haare auf dem Kopf alle gezählt sind. (Mt 10, 30). Und hätten wir nur so viel Glauben wie ein Senfkorn, so könnten wir Berge versetzen. ( Lk 17, 20) Doch selbst wenn ich davon überzeugt bin, dass ich im Vertrauen auf die Worte Jesu niemals sterben kann, auch wenn man mich tötet, (Mt 10, 28 und Joh 11,25-26), so bleibe ich dennoch ein Mensch mit all meinen menschlichen Schwächen – ein kleingläubiger Mensch, der an dieser Botschaft doch immer wieder zweifelt.

Das Paradoxon: Obwohl ich einerseits den Worten Jesu glaube, ja ihnen sogar zutiefst vertraue, wird mein Glaube doch immer wieder erschüttert werden: Komme ich in eine Notsituation, so handle ich aus menschlicher Angst und Vertrauenslosigkeit. In meiner Befangenheit suche ich dann nach menschlichen Sicherheiten. Geht es um die Erfüllung meiner Ideale, klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander: So verleugnete Petrus seinen Meister aus Angst vor der eigenen Verhaftung dreimal in derselben Nacht und weinte danach bitterlich über seine menschliche Schwäche. Doch eben diese Einsicht, dieses Bedauern der eigenen menschlichen Schwäche, ist ein wesentlicher und grundlegender Aspekt der Botschaft Jesu. Denn das, was ich als meine Schwäche erkannt habe, das versuche ich nicht vor mir selbst zu rechtfertigen und werde mich deshalb innerlich davon distanzieren. Nun könnte man hier einwenden: Ja, aber Jesus hatte doch keine menschlichen Schwächen, zumindest nicht in den Augen gläubiger Christen! Aber das stimmt nicht, im Gegenteil, die Verurteilung und Hinrichtung Jesu, zeigen uns ein sehr menschliches Bild von ihm. Er war schwach, verletzlich und sterblich, wie jeder andere Mensch auch. Stark war er in seiner Bereitschaft, die grausamen Konsequenzen seiner Geisteshaltung auf sich zu nehmen. Schwach war er als geborener Mensch. Ungeachtet seiner körperlichen Schwäche hat er an seinen Idealen festgehalten und war bereit, dafür die Schmach des äußersten menschlichen Scheiterns auf sich zu nehmen.

Der belächelte, kindliche Glaube

Nun gibt es Menschen, die ungeachtet ihrer menschlichen Zweifel und Schwächen, dennoch zuversichtlich in die Botschaft Jesu vertrauen. Auf geradezu kindliche Weise halten sie daran fest, dass ihnen nichts geschehen kann, was nicht im Willen Gottes liegt. Diese Menschen glauben unerschütterlich, dass Jesus Christus der Heiland ist, der alle Krankheit der Welt zu heilen vermag. Sie glauben, dass dieser Jesus der Christus ist, der durch seine Auferstehung selbst den Tod überwunden hat. Solche Menschen sind sogar bereit, für ihren „kindlichen“ Glauben Anfeindung, Hass und Ausgrenzung auf sich zu nehmen.

Auf der anderen Seite melden sich aktuell Kirchenvertreter zu Wort, die solch ein „naives Glaubensverständnis“ für falsch, verantwortungslos ja sogar für allgemeingefährlich halten. Sie verkünden Kraft ihres Amtes, dass diese oder jene Krankheit so gefährlich sei, dass hier weder Jesus, noch Gott und auch kein Beten helfen kann. Sie erklären daher, dass gerade Christen sich den offiziell verordneten Maßnahmen zu unterziehen hätten. Täten sie das nicht, so seien sie gar keine wirklichen Christen. Sie sind der Auffassung, dass selbst Jesus diese Maßnahmen befürworten würde – dass er sich ihnen selbstverständlich selbst unterzogen hätte, würde er heute leben.
Halten die kindlich Glaubenden hier dagegen, dass sie kein Vertrauen in die verordneten Maßnahmen haben und dass sie in dieser Sache lieber auf Gott vertrauen wollen, dann geben solche Kirchenvertreter ihnen zu verstehen, dass solch ein Verständnis von christlichem Glauben falsch, unhaltbar ja absurd sei.

Die Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit

Der letzte und ultimative Angriff, eine unliebsame Überzeugung zu diskreditieren, richtet sich immer gegen die Unversehrtheit des Körpers. Über die äußerliche Verletzbarkeit eines Menschen meint man auch die Wertlosigkeit seiner christlichen Überzeugung beweisen zu können. So scheint der Nachweis für die Absurdität einer Glaubensauffassung auch dann erbracht, wenn der Glaubende bei körperlichen Gebrechen einen Arzt aufsucht und nicht etwa auf Gott vertraut. Dann hält man ihm vor: „Siehst du, damit hast du dich als gewöhnlicher Mensch erwiesen. Das ist der Beweis dafür wie weltfremd, falsch und absurd deine Glaubensvorstellungen doch sind.“ Doch die so reden sind im Irrtum. Sie unterschlagen die Grundlage des christlichen Glaubens als eine aufrichtige, innere Wertschätzung von Idealen, unabhängig davon ob man diesen gerecht wird oder nicht.

Man kann Ideale glauben und wertschätzen, obwohl man ihnen als Mensch nicht gerecht zu werden vermag.

Fazit: Der aus tiefer innerer Überzeugung Glaubende wird den Ansprüchen dieser Welt nicht gerecht werden: Bleibt er standhaft, bleibt er seiner Überzeugung treu, so riskiert er Verfolgung, Ausgrenzung und Sanktionierung. Durch öffentlichen Entzug seiner Würde scheint der Beweis seines Irrtums erbracht.
Zeigt er sich hingegen menschlich, furchtsam und schwach, lenkt er aus Angst vor leidvollen Konsequenzen ein, so wird man seine Glaubensüberzeugung eben deshalb für abwegig und irrig erklären.

“Das Böse ist immer die Zerstörung sinnlicher Dinge, in denen das Gute wirklich gegenwärtig ist. Das Böse wird von denen verübt, die von dieser wirklichen Gegenwart keine Kenntnis haben.”

Simone Weil – Schwerkraft und Gnade

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Der Verlust der Transzendenz

Die Angst vor dem Tod macht uns korrumpierbar und bereit, jedes nur erdenkliche Verbrechen gegenüber unseren Mitmenschen zu rechtfertigen
oder es sogar selbst zu verüben.

Ist das christliche Verständnis von der Transzendenz unseres menschlichen Daseins noch Grundlage kirchlichen Glaubens?

Zunehmend rufen Kirchenvertreter dazu auf, Menschen auszugrenzen, religiöse Gemeinschaft nur noch für „sichere“ Personen zu gestatten und die „Unsicheren“ auszuschließen. Der Grund für ihre Forderung ist zum einen Teil sicher Opportunismus, zum anderen Teil aber ist es Angst – die allzu menschliche Angst vor Unsicherheit, Krankheit und Tod. Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich für mich die Frage nach der Bedeutung der Transzendenz, die dem christlichen Glauben doch zu Grunde liegen sollte. Konkret: Ist der Gedanke, von der Transzendenz unseres Daseins für die Kirchen noch relevant?

Ein Freund der Kranken und Ausgestoßenen

Aus den Evangelienberichten wissen wir, dass Jesus von Nazareth, auf den die Kirchen sich berufen, ganz bewusst Gemeinschaft pflegte mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft standen, selbst Begegnungen mit Kranken und sogar Aussätzigen scheute er nicht und er sagte den Menschen: Wer zu mir kommt den werde ich nicht abweisen.” Johannes. 6,37.

Nun haben wir es hier, verglichen mit der Situation Jesu, nicht mit wirklich kranken Menschen zu tun, sondern mit Gesunden, die für “potentiell” krank erklärt wurden. Aber ist dies nun tatsächlich eine Ausnahmesituation im Sinne einer Pestilenz? Keineswegs, denn der Mensch, als potentiell Kranker und Totgeweihter ist so alt ist wie die Menschheit selbst und keine Arznei der Welt kann ihn vor dieser Realität schützen oder bewahren.

Krankheit und Tod sind notwendige Begleiter unseres Daseins, die uns zu dem machen, was wir sind: Menschen.


Insofern bewirken die Forderungen nach Ausgrenzung vor allem eines; dass sich Menschen gedanklich entzweien, dass ein Klima des Misstrauens entsteht und dass Gemeinschaften zerbrechen. Doch was haben diese Forderungen mit dem Vorbild gemein, das Jesus den Menschen gegeben hat? Nicht das Geringste! Sowohl die Forderung nach Ausgrenzung, als auch das Verbot der Gemeinschaft, zeigt die Unvereinbarkeit mit der Lehre Jesu: Seiner Lehre nach, ist weder unsere menschliche Existenz noch unsere Gesundheit unser menschliches Verdienst, sondern Gnade. Wer den Menschen im Namen Jesu sagt, dass die Berechtigung ihrer Existenz von einer bestimmten Kur oder einer Arznei abhängig sei, hat den Bezug zur christlichen Gnadenlehre grundlegend verloren. Die Folge einer solchen Ideologie wird ein System der Gnadenlosigkeit sein.

Der Gedanke der Transzendenz

Der Gedanke der Transzendenz „des Übersteigens oder Hindurchdringens“ geht von der Möglichkeit der gedanklichen Durchdringung unserer endlichen Erfahrungswelt aus, hin zu einem übergeordneten, immateriellen und geistigen Grund von zeitloser Gültigkeit. Auf diesen Gedanken gründet sich der christliche Glaube. Es ist ein Glaube an unsere eigentliche und ewige Existenz, die in Gott begründet ist.

Der Gedanke der Transzendenz unseres Lebens bildet gewissermaßen die Grundlage der Botschaft Jesu, denn seiner Lehre nach liegt unsere eigentliche und grundlegende Existenz in Gott. Das heißt, sie besteht auf einer geistigen Ebene. Diese Existenz ist zeitlos und insofern unsterblich. Sie ist es jedoch nur in dem Maße, wie wir uns dieser Wahrheit nähern wollen, d. h. soweit wir diese Wirklichkeit suchen, ersehnen und wünschen, dass sie uns bewusst werde. Suchen und ersehnen wir unsere Existenz in Gott nicht, so haben wir auch keinen Anteil an ihr. Erkennen wir jedoch unsere Existenz in Gott als unsere eigentliche, so wird sie dadurch zu unserer neuen und unvergänglichen Wirklichkeit. In dieser Erkenntnis werden wir auch unser Dasein neu verstehen lernen. Das eine ist jedoch nicht möglich ohne das andere:

„Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird dem einen anhängen und den andern hintergehen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“  Matthäus 6, 24

Jesus Christus ist gekommen, damit wir uns unserer transzendenten, d. h. unserer geistigen Existenz bewusst werden; und dazu war er bereit, seine eigene zeitliche Existenz hinzugeben.

In seiner Passion hat er deutlich gemacht, dass unsere geistige Existenz über der stofflichen steht. Er hat ferner aufgezeigt, dass die geistige Existenz die Grundlage jeglicher Existenz ist und wir daher alle unsere Kräfte aufwenden sollen, uns unsere geistige Existenz zu bewahren, selbst wenn unsere äußere Existenz dadurch Schaden nehmen sollte. 

„Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“     Matthäus 16,25-26

Profanierung des Menschen – der Ausverkauf der Seele

Nicht nur in seiner Botschaft, auch durch die bewusste Einwilligung in seine Passion vermittelte Jesus, dass uns nur der Glaube an unsere ewige und zeitlose Existenz in Gott frei machen kann. Frei von einem Dasein, dessen Handlungen von Angst und Befangenheit bestimmt sind. Sei es die Angst vor Krankheit, vor Ausgrenzung, vor Ächtung, vor Ungerechtigkeit, vor Leid oder vor dem Tod. Wo immer solche Ängste unser Tun und Handeln bestimmen, und wir der Illusion erliegen, Leid und Tod entgehen oder ausschließen zu können, sind wir getäuscht und korrumpierbar – das heißt wir sind käuflich. Als “Gekaufte” werden wir auch bereit sein, all das zu verkaufen und zu verraten, was geistig-ideellen Wert besitzt. Man nennt das den Ausverkauf der Seele. Denn was wir auf diese Weise verraten und preisgegeben haben, darauf haben wir auch willentlich jeden Anspruch aufgegeben. Von daher führt jede Schwächung des Geistes unweigerlich zu einer profanen und sinnentleerten Existenz – einem geistlosen Lebensverständnis, das in letzter Konsequenz hinausgeschüttet und zertreten werden wird, wie es Jesus in seinem Gleichnis von der Wirkkraft des Salzes verdeutlichte: 

„Ihr seid das Salz der Erde. Wo nun das Salz kraftlos wird, womit soll man’s salzen? Es ist hinfort zu nichts nütze, als dass man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten.“ Matthäus 5, 13

Ein profaniertes Lebensverständnis, bedeutet die Reduktion des Menschen auf seine reine Äußerlichkeit, die nun um jeden Preis erhalten werden muss.

Der Preis, der dafür bezahlt werden muss scheint für viele schon akzeptiert: Trennung, Ausgrenzung, Entrechtung, Wut und Hass gegenüber unserem Nächsten, der unser korrumpiertes Lebensverständnis nicht teilt. Doch da solche Sanktionen gegen unseren Mitmenschen offiziell und ideologisch begründet werden – dürfen und sollen sie ausdrücklich geübt werden. Da selbst korrumpiert, fördern solche “Seelsorger” ein Milieu der Angst, des Misstrauens, der Unversöhnlichkeit und der Feindseligkeit. Dabei wären Sie in Namen Jesu aufgerufen das Gegenteil zu tun, nämlich Frieden zu stiften:

„Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Töchter und Söhne Gottes genannt werden“ Matthäus 5,9.

Den Feind hassen heißt, ihm berechtigt Nachteile zu wünschen 

Das Liebesgebot bildet zweifellos das Kernstück der Botschaft Jesu. Seine Aufforderung, auch den Feind zu lieben, erscheint dabei selbst manchen „Christen“ unzumutbar, oder zumindest kaum praktikabel. Umso dringender stellt sich gerade in unserer aktuellen Situation die Frage, was es mit diesem außerordentlichen Liebesgebot auf sich hat.

Warum sollen wir unsere Feinde lieben, ihnen Gutes tun, für sie beten usw. wie es Jesus fordert? Die Antwort ist einfach und erschütternd zugleich: Wir sollen unsere Feinde lieben, weil diese ein wesentlicher Teil unseres Daseins sind. Weil, dem Verständnis Jesu nach, uns kein Mensch von ungefähr begegnet. Auch unser Feind ist unser Nächster, der uns nach dem Willen Gottes begegnen muss und den wir darum ebenso lieben sollen wie uns selbst. So hat Jesus auch den Menschen vergeben, die hinterhältig und ungerecht an ihm gehandelt haben. Und heute bemühen Theologen seinen Namen, um Menschen ohne böse Absichten auszugrenzen und zu sanktionieren.

Das Leben in seiner Gänze annehmen

Unsere Vorstellung von dem, was wir „Leben“ nennen, kann nur vollständig sein, wenn auch Leid und Tod darin inbegriffen sind. Das heißt, unsere menschliche Existenz kann nur ganz und heil werden, wenn wir auch die herbe Erfahrung der Ablehnung, der Ausgrenzung und der Ungerechtigkeit, in unser Leben mit einschließen. Erst in der Liebe gegenüber unserem Feind und all dem was dieser über uns verhängen mag, wird unser Leben vollständig. Nur das Vollständige ist das Ungeteilte und das Göttliche, dem Unsterblichkeit und Zeitlosigkeit zukommt.

Dabei geht es keineswegs darum, ob unser Feind sich im Unrecht befindet und wir im Recht oder umgekehrt. Nein, der Botschaft Jesu nach beruht jeder Gedanke der Feindschaft und des Hasses, den wir gegenüber unseren Nächsten hegen, auf einem folgenschweren Irrtum.

Jeglicher Hass beruht auf dem Irrglauben, dass die Welt gegen den Willen unseres Mitmenschen gebessert werden kann und muss.

Menschlicher Hass beruht aber auch auf dem Irrtum, dass eine geteilte Welt am Ende immer noch eine bessere, da eine sicherere Welt sei. Doch das Gegenteil davon ist wahr. Was im Streit mit sich selbst liegt, kann nicht dauerhaft Bestand haben. Was geteilt ist, hat seine “Ganzheit” bereits verloren und muss zu Grunde gehen. Darum ist es notwendig, dass wir auch in unserem Feind und in dessen Handlungen gegen uns, den Willen Gottes erkennen.

„Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, kann nicht bestehen.“ Matthäus 12. 25

Unser Weltbild kann nur von Bestand sein und bleiben, wenn wir unser Leben in seiner Gänze annehmen. Eben darin war uns Jesus Christus Vorbild, indem er auch das Beschwerliche, die Widerstände, ja sogar Leid und Tod aus der Hand Gottes bereitwillig angenommen hat.

Die größte menschliche Befangenheit rührt aus der Angst vor dem Tod, dem aber doch niemand von uns entgehen kann.

So, wie die Angst vor dem Tod uns befangen macht, macht sie uns auch verführbar und bereit, jedes nur erdenkliche Verbrechen gegenüber unseren Mitmenschen zu rechtfertigen oder es sogar selbst zu verüben. Dieser Grundwahrheit sollten wir uns angesichts der aktuellen Entwicklung vor Augen halten, um auch den Menschen verzeihen zu können, die solchen Ängsten bedingungslos erliegen.

Der Feind, das ist der Andersdenkende

Die absurdeste Form des Feindbildes rührt aus dem Glauben, dass der andere mein Leben gefährdet, ohne etwas konkret böses getan zu haben. Allein durch seine, Gott gegebene Existenz, bedroht er die Existenz anderer. Wir kennen dieses Szenario aus der Geschichte: Ob die Christen im alten Rom, die Juden, die über Jahrhunderte hinweg die Schuldigen waren, ob die Ketzer, die eine andere Meinung vertraten als die Amtskirche, die Hexen und Hexer, die schuld waren an Missernten usw., die Protestanten, die Hugenotten und all die Glaubensflüchtlinge und Exulanten des 30-jährigen Krieges. Es genügte, wenn man Teil einer Gruppe war, die hochoffiziell zu Gefährdern erklärt wurde, um zum Feind der übrigen Gesellschaft zu werden. War man einmal offiziell als Feind des Systems benannt worden, dann war es auch erlaubt oder sogar heilige Pflicht, diesen Menschen zu verfolgen, auszugrenzen, zu entrechten, zu schädigen oder gar zu töten.

Unsere Geborgenheit in Gott 

Der Angst vor dem Feind, der unser Leben bedroht, setzt Jesus das Vertrauen in Gott entgegen. Gott, der alle Geschehnisse wirkt und der all jene Menschen in ihrer Not bedenkt und aufrichtet, die in seine Allmacht vertrauen. Selbst wenn man uns „verkauft“ oder ausliefert, wie man es ja mit Jesus gemacht hat, so sind wir von Gott doch nicht vergessen.

„Verkauft man nicht fünf Sperlinge um zwei Pfennige? Dennoch ist vor Gott nicht einer vergessen. Aber selbst die Haare auf eurem Haupt sind alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.“ Lukas 12, 6-7

Auch Jesus wurde offiziell einem Feindbild zugeordnet, weil seine Ansichten sich nicht mit dem „offiziellen“ Religionsverständnis deckten und weil er zudem dessen Missstände offen und vehement anprangerte. Auch bei seiner Verurteilung spielte die menschliche Angst vor einer drohenden Gefahr – dem militärischen Eingreifen Roms – eine entscheidende Rolle. Selbst wenn diese „Gefahr“ letztlich nur ein politischer Vorwand war und Jesus ein willkommenes Bauernopfer:

Einer aber unter ihnen, Kaiphas, der in jenem Jahre Hoherpriester war, meldete sich zu Wort und sprach: Ihr habt ja keine Ahnung, ihr bedenkt die Konsequenzen nicht; es ist immer noch besser wenn ein einzelner Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht. Johannes 11, 49-50

Und doch war Jesus gekommen, um den Irrtum jeglichen Hasses aufzudecken, und dafür war er bereit, selbst zum Objekt des Hasses zu werden. Sein Ruf am Kreuz; „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ ( Lukas 23, 34)  zeigt, dass er seiner Botschaft bis zum Ende treu geblieben ist, indem er sterbend noch für seine Feinde bat. In dieser Geisteshaltung wird die Transzendenz seiner Botschaft deutlich, die uns folgende geistige Wahrheit vermittelt:

Soweit wir das Böse, das uns unser Feind antut, im Vertrauen auf uns nehmen, dass uns in allen Geschehnissen Gott selbst begegnet und wir insofern auch unseren Feind von Schuld freisprechen müssen, soweit stellen wir uns unter den Willen Gottes, der ausnahmslos alle Dinge wirkt. Doch Gott wirkt diese Dinge nicht umsonst.

Alles was Gott wirkt, das wirkt er, um das Leben zu fördern, dessen Ursprung er selbst ist.

Darum, sind wir in Gott, so kann uns nichts hindern. Sind wir nicht in Gott, so hindert uns alles. In diesem Sinne lehrte einst Meister Eckhart:

“Du selbst bist die Ursache aller deiner Hindernisse. Hüte dich vor dir selbst und du hast wohl gehütet.”

Und der Apostel Paulus schrieb:

„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ Römerbrief 8, 28

„Wenn Gott für uns ist, wer will dann gegen uns sein?“ Römerbrief 8,31 

An den Früchten erkennt man den Baum

Wo wir im Vertrauen auf Gott anfangen, auch unseren Feind zu lieben, rufen wir Gott herbei und ermächtigen ihn, alle Dinge zu unserem Besten zu wenden. Durch unser Vertrauen, dass Gott alles in allem ist und dass da nichts ist, wo Gott nicht wirken könnte, rufen wir Gott ins Ungerechte, in das Böse ja, selbst in unseren Tod und allein durch unser Vertrauen, wird Gott es wandeln, sodass aus Tod Leben und aus Trauer Freude werden wird. 

Dadurch wird jeder Mensch, der in die Botschaft Jesu vertraut, auch in seinem Feind und in dessen böswilligen Handlungen den Willen Gottes finden können, weil er auf den Sinn und die Bedeutung aller Geschehnisse vertraut, die ihm begegnen. So wie Jesus Christus, der in der Anfeindung, im Hass und schließlich in Leid und Tod, das man ihm antat, den Willen Gottes erkannte. In unerschütterlichem Vertrauen hat er damit Gott zum Vater aller Geschehnisse gemacht und hat alle, die ihm gedanklich darin folgen wollen, frei gemacht vom Gedanken der Vergeltung. Das ist der gute Baum, der gute Frucht hervor bringt.

Wer nicht in die Botschaft Jesu vertraut, wird diese Lehre für absurd und unsinnig halten. Und so wird er “triftige” Gründe finden Ausgrenzung, Entrechtung, Wut und Hass gegenüber seinem Nächsten zu rechtfertigen. Der Vertrauenslose wird seinen Nächsten zum rechtmäßigen Feind erklären, der kein Erbarmen verdient. Das ist der faule Baum, der schlechte Frucht hervorbringt.

“Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben ernten von den Dornen oder etwa Feigen von den Disteln? Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte.…” Matthäus 7, 15-17

Eine kritische Zuschrift hierzu und meine Antwort darauf finden Sie auf Poeten.de

Zeiten

Es gibt Zeiten, die mir sagen, wann ich reden muss
und dem kann ich mich nicht einfach widersetzen.
Da hör ich mich in meinem eignen Redefluß,
und höre wie sie ihre Klingen wetzen.

Refrain:
Es liegt ein dichter Nebel auf den Straßen,
und die Erde auf den Feldern atmet schwer.
Was aufgenommen hat in Übermaßen,
es bleibt am Ende dennoch tot und leer.

Es gibt Zeiten, die mir sagen, wann ich schweigen muss
und dem kann ich mich nicht einfach widersetzen.
Da hör ich leere Worte bis zum Überdruß,
und sehe sie in ihren eignen Netzen.

Refrain
Es liegt ein dichter Nebel auf den Straßen,
und die Erde auf den Feldern atmet schwer.
Was aufgenommen hat in Übermaßen,
es bleibt am Ende dennoch tot und leer.


Es gibt Zeiten, die mir sagen, wann ich lieben muss,
und dem kann ich mich nicht einfach widersetzen.
Denn die Liebe gibt sich stets im Überfluss,
und wer liebt, den kann sie nicht verletzen.

Refrain
Es liegt ein dichter Nebel auf den Straßen,
und die Erde auf den Feldern atmet schwer.
Was aufgenommen hat in Übermaßen,
es bleibt am Ende dennoch tot und leer.


Es gibt Zeiten, die mir sagen, wann ich gehen muss,
und dem kann ich mich nicht einfach widersetzen.
Und ist es auch ein Fortgang ohne Abschiedsgruß,
so weiß ich doch um jene, die mich schätzen.

Refrain
Es liegt ein dichter Nebel auf den Straßen,
und die Erde auf den Feldern atmet schwer.
Was aufgenommen hat in Übermaßen,
es bleibt am Ende dennoch tot und leer.


Es gibt Zeiten, die mir sagen, wann ich sterben muss,
und dem kann ich mich nicht einfach widersetzen,
und so setz ich immer wieder meinen Fuß,
in die Erde, ohne mich hetzen.

Refrain
Es liegt ein dichter Nebel auf den Straßen,
und die Erde auf den Feldern atmet schwer.
Was aufgenommen hat in Übermaßen,
es bleibt am Ende dennoch tot und leer.


Elmar Vogel - Oktober 2019

Schuld und Vergebung

Wohl kaum ein Aspekt der christlichen Botschaft hat je eine größere Pervertierung erfahren, als die neutestamentlichen Aussagen über Schuld und Vergebung.

Tatsächlich kultivieren fast alle gesellschaftlichen Systeme den Narrativ von Schuld und Strafe – also das Schuldigwerden und die Sanktionierung von Schuld. Kein Mittel scheint geeigneter, um Menschen willfährig und abhängig zu machen, oder sie einfach zur Kasse zu bitten.

Der schuldige Untertan

Künstliche Schuldkonstrukte waren von jeher ein Mittel, um bestimmte Gruppen zu stigmatisieren, auszugrenzen oder schlicht zu Sündenböcken zu erklären. Letztlich geht es bei dieser Praxis immer darum, weltliche Machtstrukturen zu etablieren, sie zu festigen und zu erweitern.
Um die Unterschiede und die Unvereinbarkeit einer künstlich geschaffenen Schuld gegenüber dem Schuld- und Sühneverständnis Jesu zu verdeutlichen, möchte ich im Folgenden die spezifischen Inhalte seiner Botschaft näher betrachten.

Das Verhältnis von Schuld und Macht

Wer die neutestamentlichen Reden Jesu über Schuld und Sühne liest wird unschwer feststellen, dass es diesem Lehrmeister nicht um die Errichtung einer Gesellschaftsordnung und damit verbundener Machtansprüche ging. Tatsächlich kehrt Jesus jedes menschliche Hierarchiedenken komplett um, wenn er lehrt, dass derjenige in der geistigen Hierarchie am höchsten steht, der sich als ein Diener seines Mitmenschen versteht. Diesen Grundsatz äußerte er klar und unmissverständlich:

„Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so soll es bei euch nicht sein; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ Markus 10, 43-45

Der Dienst, den Jesus den Menschen selbst erweist, klingt im letzten Satz seiner Rede bereits an. Dieser Dienst besteht – im weiteren Kontext – in einer konkreten geistigen Hilfe, durch die wir die Bedeutung der beschwerlichen und leidvollen Seiten unseres Daseins erkennen und verstehen lernen, um unser Leben in einer neuen, vertrauensvollen Betrachtungsweise zu meistern, wodurch das Böse überwunden wird.

Überwindung bedeutet im Sinne Jesu, dass das, was wir bisher für sinnlos gehalten haben, einen individuellen Sinn erfährt.

Will man daher von einem Machtanspruch Jesu reden, so muss man auf dieser gedanklichen Ebene noch einen Schritt weitergehen. Allmacht ist in den Augen Jesu ein Potential, das in der völligen Ohnmacht des Menschen begründet liegt. Das mag paradox klingen, doch folgen wir der Definition Jesu, dann liegt tatsächlich in der Ohnmacht des Menschen die Allmacht Gottes verborgen. Also dort, wo die Macht des Menschen aufhört, eben dort beginnt die Macht Gottes.  Um diese Kernaussage seiner Lehre zu verdeutlichen und diesen Gedanken weiter zu vertiefen, möchte ich ein eindrückliches Zitat aus dem Johannesevangelium anführen. Wahrscheinlich handelt es sich bei dieser Äußerung Jesu um eine Erklärung, die er angesichts seiner bevorstehenden Verhaftung äußerte.

Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand nimmt es gegen meinen Willen, sondern ich gebe es freiwillig hin. Ich habe die Macht, es hinzugeben, und ich habe die Macht, es wieder zu nehmen. Das ist das Gesetz, das ich von meinem Vater empfangen habe. Johannes. 10. 18

Soviel wird hier deutlich; da will einer nichts für sich und daher ist seine Definition von Macht auch nicht mit weltlichen Machtansprüchen vergleichbar und sie sind insofern auch nicht korrumpierbar.

Schuld – Chance zur Selbsterkenntnis

Eine Begebenheit, die uns die Unvereinbarkeit von weltlichem und christlichem Schuldverständnis verdeutlicht, schildert uns der Bericht von Jesus und jener Ehebrecherin, die öffentlich gesteinigt werden soll.

Um die Brisanz der Situation zu verstehen, in die Jesus da hineingeraten ist, muss man wissen, dass es den jüdischen Behörden zur Zeit Jesu untersagt war, selbstständig Todesurteile zu verhängen. Die Gerichtsbarkeit lag in solchen Fällen bei den römischen Behörden.

Frühmorgens aber kam Jesus wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Rabbi, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu?  Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen.
Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.  Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.  Als sie das hörten, gingen sie hinaus, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.  Da richtete Jesus sich auf und sprach zu ihr: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr. Johannes 8, 3-11

In dieser, für die Ankläger völlig unerwarteten, Reaktion Jesu auf die provozierende und hinterlistige Frage, wie denn die angezeigte Schuld nun rechtmäßig zu bestrafen sei, wird die christliche Haltung bezüglich menschlicher Schuld und Sühne exemplarisch deutlich. Denn in der Antwort, die Jesus gibt, löst er die Gruppe der Ankläger auf, indem er jeden Einzelnen auf sich selbst zurückwirft – indem er ihn ganz persönlich mit dessen eigener menschlicher Unvollkommenheit konfrontiert.
Diese Haltung ist bezeichnend und grundlegend für die Botschaft Jesu und tatsächlich ruht die gesamte christliche Lehre auf dieser gedanklichen Basis. Immer gründet sie sich auf der Frage nach dem Sinn und der Bedeutung des menschlichen Daseins mit seinen Schwächen und Unzulänglichkeiten: Scheitern, Schwäche, Krankheit, Irrtum, Täuschung, Ungerechtigkeit, Leid oder Tod – explizit diese Bereiche des Menschseins stehen im Fokus der Theologie Jesu.

Man könnte jetzt noch weitere ähnliche Aussagen Jesu anführen. Ich beschränke mich auf den folgenden Text der ebenso exemplarisch für die Lösung der Schuldfrage steht:

Richtet niemanden, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr selbst gerichtet werden und nach dem Maß, mit dem ihr messt, werdet ihr gemessen werden. Warum starrst du auf den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken! Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!“ Matthäus 7, 1-5

In diesem Gleichnis erfahren wir einen weiteren elementaren Grundgedanken der Lehre Jesu, nämlich die Ursächlichkeit von Schuld. Aus der Sicht Jesu liegt die Ursache unserer Schuld nicht nur in einem Unrecht, das wir vorsätzlich begangen haben, sondern auch dort, wo wir einen Makel unseres Mitmenschen aufzeigen, um diesen durch einen Eingriff korrigieren zu wollen.

Immer müssen wir bedenken, dass jede Korrektur, die wir an unserem Mitmenschen vornehmen wollen, vor dem Hintergrund unserer eigenen menschlichen Fehlbarkeit bestehen können muss.

Tut sie das nicht, so handeln wir unrecht, weil wir uns der Heuchelei also der Unaufrichtigkeit, der Befangenheit und damit der Amtsanmaßung schuldig machen. Die Aufforderung Jesu, zuerst den Balken aus dem eigenen Auge zu ziehen, zeigt die fast unmögliche Aufgabe schonungslos geübter Selbstkritik. Nur derjenige, der sich in solcher Selbstkritik übt, der sich die eigene Schwäche und Befangenheit stets vor Augen hält, ist authentisch, und nur der authentische Mensch ist fähig, angemessen Kritik zu üben. Und noch etwas: Werden wir durch freiwillige Einsicht in uns selbst frei von Verurteilung anderer, so existiert keine Grundlage mehr, die uns schuldig sprechen kann. Dies ist eine Folgerichtigkeit, die sich aus der christlichen Vergebungstheologie ergibt.

In dem Gebet, das Jesus lehrte vermittelt er diese Ursächlichkeit und Folgerichtigkeit von Schuld und Vergebung :

Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben denen, die sich an uns schuldig gemacht haben.Matthäus 6, 9

Damit zeigt Jesus die einzige Möglichkeit auf, durch die Schuld objektiv vergeben werden kann, und zwar durch subjektiv geübte Vergebung desjenigen, dem ein Unrecht widerfahren ist, gegenüber demjenigen, der es an ihm begangen hat.

Der objektive Wille – also Gott – liegt somit in der subjektiven Vergebungsbereitschaft des Menschen begründet.

Aber noch etwas Grundlegendes wird hier deutlich: Jede Vergebung, die wir in dieser Überzeugung üben, ist gleichbedeutend mit der Vergebung, die wir durch Gott erfahren. Ja mehr noch; Gottes Vergebung ist vollkommen abhängig von der Vergebung, die wir selbst bereit sind zu üben. Mit anderen Worten: Vergeben wir nicht, so kann auch Gott nicht vergeben.
Vergeben wir im Sinne Jesu, so muss Gott vergeben – er kann nicht anders.

An keinem Ort der Welt – als allein in uns selbst – findet sich jene Instanz, die eine objektive Vergebung bewirkt.

Schuld macht Sinn

Aber warum sollte ein Unrecht überhaupt vergeben werden? Mit der Beantwortung dieser Frage kommen wir zum Sinn und zur Bedeutung der menschlichen Schuld . Alle Formen von menschlicher Schwäche, Irrtum und Schuld sind der Botschaft Jesu nach, nicht etwa entbehrlich oder überflüssig – ganz im Gegenteil, sie sind unabdingbare und notwendige Begleiter unseres menschlichen Daseins, denn ohne Schuld keine Vergebung, ohne Vergebung keine Gnade und insofern auch keine Barmherzigkeit. Jesus fasst diesen Gedanken in folgendem Kernsatz zusammen.

Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen zu rufen die Sünder zur Buße, und nicht die Gerechten.“ Lukas 5, 31-32

Unsere menschliche Schwäche und das Eingeständnis der eigenen Unvollkommenheit sind die Grundlage und die Voraussetzung für unsere Heilung und Erlösung, ja mehr noch, sie sind unabdingbar notwendig, um über unseren temporären und mangelhaften Zustand hinauszugelangen, um diese Welt zu transzendieren. Insofern ist jede Form von menschlichem Versagen, Schwäche und Schuld unser größtes Potential überhaupt, sofern wir es im Sinne Jesu auffassen und annehmen.

Während in weltlichen Gesellschaftssystemen, Schwäche und Schuld als ein Instrument zur Demütigung oder Unterdrückung der Menschen dient, verhält es sich in der Botschaft Jesu – in der geistigen Sphäre – anders. 

Je mehr der Mensch sich in seiner Schwäche selbst erkennt, desto mehr Wahrhaftigkeit kann er daraus gewinnen.

Ein heute geläufigeres Wort für Wahrhaftigkeit ist Authentizität. Soviel Authentizität wir erlangen, so viel Göttlichkeit haftet uns an. Und in diesem Sinne lehrt Jesus:

„Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“ Matthäus 5, 8

Auch dieser Lehrsatz wurde und wird immer wieder dahingehend missdeutet, dass ein guter Christ frei sein müsse von “unreinen” Gedanken. Doch das ist zu kurz gegriffen, der Mensch soll die Unreinheit seiner Gedanken genau betrachten. Reinheit des Herzens ist ein Sinnbild dafür, dass wir uns in unserem Innersten (Herzen) genau so sehen, wie wir in Wahrheit sind: überheblich, unvollkommen, schwach, irrend, zweifelnd, fehlbar und sterblich. Die ungeschminkte und reine Einsicht in uns selbst ist jene Schau Gottes in unserem Herzen. Denn sehen wir uns so, wie wir in Wahrheit sind, so sehen wir nichts anderes als die Wahrheit, die wiederum Gott selbst ist. Und nur diese innere Einsicht kann uns nun dazu befähigen, die Schwäche und Unvollkommenheit unseres Mitmenschen zu verstehen und diese zu vergeben. Hierin liegt übrigens die einzig sinnvolle und geistvolle Konsequenz, die wir aus unserer menschlichen Schwäche überhaupt ziehen können, nämlich Angesichts eigener Unvollkommenheit, die Unvollkommenheit unserer Mitmenschen zu verzeihen. Auf diese Weise kann das Kranke, das Falsche, das Schwache und das Sterbliche eine neue Bedeutung erfahren, wodurch allein es grundlegend überwunden wird.

Hat unsere menschliche Unvollkommenheit und Schwäche auf diese Weise eine Notwendigkeit und eine grundlegende Bedeutung erfahren, so kann uns nichts mehr anklagen. Daher beinhaltet der christliche Vergebungsgedanke das Ende jeglicher Anklage und Verurteilung.  Zur Vertiefung dieses Gedankens eine weitere Darlegung Jesu:

Da kam Petrus auf ihn zu und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Darum gleicht das Himmelreich einem König, der mit seinen Knechten abrechnen woll­te. Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig. Da er’s nun nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und seine Kin­der und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen. Da fiel ihm der Knecht zu Füßen und flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s alles bezahlen. Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei, und die Schuld erließ er ihm auch. Da ging dieser Knecht hinaus und traf einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Silbergroschen schuldig; und er packte und würgte ihn und sprach: Bezahle, was du mir schuldig bist! Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s bezahlen. Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war. Als aber seine Mitknechte das sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten bei ihrem Herrn alles vor, was sich begeben hatte. Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast; hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? Und sein Herr wurde zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war. So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder. Matthäus 18,21-35

Der schachernde Gott

Hinsichtlich der Ursächlichkeit von Schuld und Vergebung trifft man in manchen christlichen Kreisen auch immer wieder den Gedanken des sogenannten Sühneopfers an. Dabei wird der Kreuzestod Jesu als eine Art Automatismus oder als ein Handel mit Gott verstanden, wodurch sein Zorn besänftigt wurde und nun jeder Mensch, der an diesen Handel glaubt, auf wundersame Weise erlöst sei. Oft wird ein Gottesbild gezeichnet, das nach einem grausamen Opfer des eigenen Sohnes verlangte, wodurch dieser Gott schließlich besänftigt werden konnte.
Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Dieses Narrativ an sich ist nicht grundlegend falsch, wohl aber ist es die verkürzte Darstellung. Tatsächlich ist der Erlösungsgedanke in der Lehre Jesu kein undurchsichtiges Mysterium, sondern er beruht auf einer geistigen Folgerichtigkeit und diese Folgerichtigkeit, besteht auf Grundlage einer bestimmten gedanklichen Konsequenz.

Die Überwindung der Schuld

Anknüpfend an die Bedeutung der beschwerlichen, peinlichen und leidvollen Seiten unseres menschlichen Daseins, wie ich sie oben bereits ausgeführt habe, ergibt sich als gedankliche Konsequenz, dass ausnahmslos allen Erscheinungen in unserem Dasein eine Bedeutung innewohnt – ein tiefer Sinn, der von uns gesucht und gefunden werden will, wie es Jesus mehrfach postuliert:

„Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Lukas 11, 9-10

Würden wir ausschließlich den positiven, förderlichen und angenehmen Seiten unseres Daseins eine Bedeutung beimessen und alles andere verwerfen, so handelten wir auch hier wieder aus menschlicher Befangenheit heraus. Denn blicken wir zeitlich zurück, so waren es oft gerade die beschwerlichen und schicksalhaften Geschehnisse, die uns viel grundlegender geformt und geprägt haben als die oberflächlichen und leichten.


Ein Mensch, der die Geisteshaltung Jesu annimmt, wird ein universeller und neuer Mensch sein, einer der nichts verwirft, was ihm begegnet – ferner ein Geschöpf, das aus der Gewissheit lebt, dass ihm nichts Bedeutungsloses widerfährt, dass ihm in allen Dingen niemand anderer begegnet als Gott selbst. Und dies insbesondere in den schicksalhaften, leidvollen und beschwerlichen Geschehnissen. Auf dieser inneren Einsicht beruht sowohl der Vergebungs- als auch der Erlösungsgedanke der Botschaft Jesu.

Werfen wir noch einmal einen Blick auf zwei elementare Aussagen, die den Erlösungsgedanken Jesu thematisieren. Angesichts seiner bevorstehenden Hinrichtung äußert sich Jesus mehrfach in dieser und ähnlicher Weise:

…und wer da will der Vornehmste sein, der sei euer Knecht, gleichwie des Menschen Sohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“  Matthäus 20, 27-28
 „…das ist mein Blut des neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ Matthäus 26, 28

Im ersten Moment scheinen diese Aussagen wenig schlüssig. Wie kann das Leid oder das vergossene Blut eines Einzelnen bei anderen Menschen irgend etwas Positives bewirken? Wie kann es den Menschen Vergebung oder gar Erlösung bringen?  Betrachtet man jedoch diese Aussagen auf Basis der oben ausgeführten Gedanken so ergibt sich folgende, ungeheure gedankliche Konsequenz: Jesus sah sich in der Lage in allen Geschehnissen, die ihm begegneten eine Bedeutung zu finden. Nicht nur seine Anhänger und Freunde waren ihm lieb und teuer, sondern eben auch seine Feinde. Nicht nur das Gute, das man ihm tat, war für ihn bedeutungsvoll, sondern auch das Böse, das die Menschen an ihm verübten. Daher auch seine kompromisslose Aufforderung zur Feindesliebe:

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr nur liebt, die auch euch lieben, welchen Lohn erwartet ihr dafür? Tun nicht dasselbe auch die Steuereintreiber? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Gottlosen? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist. Matthäus 5, 43-48

Die vollkommene Liebe schließt niemanden und nichts aus, und in der Annahme aller Geschehnisse, auch jener leidvollen, die unsere Feinde über uns verhängen mögen, wirkt Gott, jedoch nur in demjenigen, der bereit ist, diesen Gedanken zu fassen. Diese Wirkung universeller Liebe ist wechselseitig. Was heißt das? Sehen wir uns in der Lage auch in den unschönen, beschwerlichen und leidvollen Geschehnissen eine Bedeutung zu finden, so tragen wir – eben durch diese Zuversicht – Sinn und Bedeutung in solche Geschehnisse hinein. Mit anderen Worten, wir selbst sind es, die wir in der Geisteshaltung Jesu Sinn ins Sinnlose tragen. Denn keine Frage: Nüchtern betrachtet, war die Hinrichtung Jesu ein sinnloser, barbarischer und menschenverachtender Akt. Für Jesus selbst hingegen, der an die Bedeutung seines schicksalhaften Scheiterns am Kreuz glaubte, war es der Sinn und Zweck seiner Mission. Allein seine veränderte Betrachtungsweise – den leidvollen und beschwerlichen Geschehnissen gegenüber – änderte für ihn das Geschehen am Kreuz, und in dieser geistigen Haltung wollte und will er ein Beispiel und Vorbild für alle Menschen sein. Doch worin liegt nun der Unterschied? Ein Leid, dessen Sinn und Bedeutung wir erkennen und einsehen, wird dadurch tragbar. Aber mehr noch, jedes Leid, das wir im Vertrauen auf seine Sinnhaftigkeit auf uns nehmen, das nimmt eben dadurch erst neuen Sinn an, und indem es neuen Sinn annimmt nimmt es Gott an, und indem es Gott annimmt, nimmt sich Gott selbst des Leid’s an.
Nimmt sich aber Gott des menschlichen Leid’s an, so kann es überwunden werden. Mit anderen Worten, tragen wir unser Leid – wie Jesus – in der Gewissheit seiner Bedeutung, so trägt es Gott selbst, da Gott die Bedeutung selbst ist.  Trägt aber Gott unser Leid, so muss es überwunden werden, da in Gott kein Leid bleiben kann. Durch unerschütterliches Vertrauen in den Sinn des vermeintlich Sinnlosen überwindet der Geist das Geistlose, überwindet der Sinn das bis dahin Sinnlose. Eine andere Möglichkeit zur Überwindung des Sinnlosen existiert nicht, daher sagte Jesus:

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. Johannes 14,6

Durch mich, heißt hier, durch meine Geisteshaltung. Durch seine Geisteshaltung am Kreuz zeigte Jesus der Welt den einzig möglichen Weg, wie Böses gut, Ungerechtes gerecht, Sinnloses sinnvoll und Totes wieder lebendig werden kann. Das Geheimnis des Glaubens besteht in einer Wechselwirkung, die wir allein durch unsere geänderte geistige Haltung bewirken: Sehen wir uns angesichts des Bösen in der Lage, die Geisteshaltung Jesu anzunehmen, so übt sie auch Gott an uns: Vergeben wir, so vergibt Gott, lieben wir, so liebt Gott. Das Eine ist Inbegriff des anderen. Tatsächlich können wir diese Kausalität auch umkehren: Weil Gott uns bereits vergeben hat, sollen auch wir vergeben. Weil er durch seine Liebe alles erlöst hat, sollen auch wir durch unsere Liebe alles erlösen, denn erlösen bedeutet, innerlich frei zu werden von aller äußeren Anhaftung.

Der Missbrauch des Schuldkomplexes

Ganz anders verhält es sich dagegen bei weltlich auferlegter Schuld, sie kann nur durch entsprechende Sanktionierung oder Strafe getilgt werden.
Während der christliche Geist uns zur Einsicht in die eigenen menschlichen Schwächen aufruft, mit dem Ziel, dass wir dadurch bewegt werden, Schuld ohne Gegenleistung zu tilgen, geht es bei weltlichen Schuldrechnungen um ein ständig neues Erschaffen von Schuld mit dem Ziel, Abhängigkeiten zu erzeugen. Diese Form der Schulderzeugung ist willkürlich, ihre perfideste Form ist jene, die Menschen allein durch ihre Geburt und Existenz, also ohne ein Verbrechen begangen zu haben, zu Schuldigen macht. Wer hier das eine vom anderen nicht unterscheiden kann, steht diesem Schuldvorwurf hilflos gegenüber, da sich Schuld hier nicht mehr auf ein Verhalten sondern auf die Existenz bezieht. Das Mittel zur Sühne halten jene parat, die diese künstliche Schuld erdachten: Die Veränderung der Existenz gegen den Willen. Die Welt bedient sich von jeher des Werkzeugs der Schuld, um Abhängigkeiten, Hierarchien und Machtgefälle zu erzeugen oder um bestimmten Gruppen die Existenzberechtigung abzusprechen, indem man sie zur Bedrohung oder zur öffentlichen Gefahr erklärt. Das christliche Schuldverständnis hingegen dient dem konsequenten und grundlegenden Freiwerden von Schuld. Es ist frei vom Gedanken der Gegenleistung, der Vergeltung oder der Verurteilung.

Ich schließe mit einem Wort des Apostels Paulus, in dem er die positive Bedeutung aller Geschehnisse wie folgt zusammenfasst:

Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Willen berufen sind. /… / daß sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohnes, auf daß derselbe (Christus) der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.” Römer 8, 28-29

Die Heilung durch den Geist

Jesus heilte die Menschen durch den Geist ohne dafür irgendeine Gegenleistung zu erwarten. Eine Praxis, die von der Schulmedizin heute eher beargwöhnt wird.

Über den Wert und die Bedeutung der Heilhandlungen Jesu

Die wissenschaftliche Medizin betrachtet den Kranken und seine Krankheit als Objekt und weist ihm beinahe verächtlich die Rolle absoluter Passivität zu; er hat nichts zu fragen und nichts zu sagen, nichts zu tun, als den Anordnungen des Arztes gehorsam und sogar gedankenlos zu folgen und sich selbst möglichst aus der Behandlung auszuschalten. In diesem Wort >>Behandlung<< liegt der Schlüssel. Denn während in der wissenschaftlichen Medizin der Kranke als Objekt >>behandelt<< wird, verlangt die seelische Heilkur vom Kranken vor allem, dass er selbst seelisch handle, dass er als Subjekt, als Träger und Hauptvollbringer der Kur, die höchste ihm mögliche Aktivität gegen die Krankheit entfalte. In diesem Aufruf an den Kranken, sich selbst seelisch aufzuraffen, sich zur Willenseinheit zusammenzufassen und diese Ganzheit seines Wesens der Ganzheit der Krankheit entgegenzuwerfen, besteht das eigentliche und einzige Medikament aller psychischen Kuren, und meist beschränkt sich der Hilfsakt ihrer Meister auf nichts anderes als auf das gesprochene Wort.”

Stefan Zweig


Dieser Text aus Stefan Zweigs Schrift: „Die Heilung durch den Geist“ scheint heute aktueller denn je und ist mir so aus dem Herzen gesprochen, dass ich hier die Personen, die er in seinem Buch exemplarisch als geistige Heiler porträtiert, um eine Person erweitern möchte: Jesus Christus.

Privileg des Krankseins

Die Gesundheit ist für uns Menschen das Gute und das Richtige, Krankheit hingegen das Falsche und Schlechte. Der Lehre Jesu nach, kommt aber gerade der Krankheit eine wichtige Bedeutung zu. Ist es doch gerade die Krankheit, die es vermag, uns innehalten zu lassen, die wir als stumme Aufforderung verstehen können, unsere bisherige Lebensweise zu hinterfragen und die uns so ein transzendentes Denken ermöglichen kann.

Ich sage ganz bewusst “kann” weil eben dieses Potential, das im Zustand der Krankheit liegt, oft nicht als solches erkannt wird. Tatsächlich wurde Jesus von der Mehrheit seiner Zeitgenossen eher als Arzt betrachtet und weniger als spiritueller Lehrer. Das zeigt u. a. die Kritik von jüdischer Seite, er würde den Sabbat missachten, weil er am Feiertag seiner Arbeit nachgehe bzw.  Menschen am Sabbat gesund mache.

Jesus selbst verwendet den Begriff Krankheit aber immer im doppelten Sinne; nämlich als körperliches und als seelisches Gebrechen. So antwortet er auf den Vorwurf, er würde mit Sündern und Volksverrätern Umgang pflegen: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken!“ Dabei versuchte er deutlich zu machen, dass die geistige Gesundheit an erster Stelle stehen muss.

Steht der Mensch in seiner geistigen Gesundheit, so überwindet er jede Mangelsituation und alle menschlichen Gebrechen – durch den Geist überwindet er die Krankheit der Welt.

Glaube macht Krankheit


Jesus zeigte auf, dass das, was wir für krank bzw. schlecht oder für gesund bzw. gut halten, seinen Ursprung in unserem persönlichen Urteil den Dingen und den Geschehnissen gegenüber hat. von Natur aus sind jedoch die Dinge weder gut noch schlecht. Daher liegt nicht in den Dingen oder Geschehnissen selbst, sondern in unserem persönlichen Urteil, unserer Einschätzung den Geschehnissen gegenüber, die Ursache für unser Heil oder Unheil.  Was uns ungerecht, leidvoll und beschwerlich erscheint, betrachten wir gewöhnlich als schlecht, das Stärkende, Fördernde und Angenehme hingegen als gut. Jesus aber verleiht den Dingen eine völlig neue Bedeutung: Der Reiche, Wohlhabende und Mächtige ist in die vielen Dinge dieser Welt verstrickt und so warnt er:

Eher geht ein Ankertau durch ein Nadelöhr als ein Reicher in Gottes neue Welt.“

Hingegen aus der Gruppe der Armen, Schwachen und Kranken, derer, denen Unrecht widerfahren ist, die am Rande der Gesellschaft stehen, die nichts zu verlieren haben, erwächst die Sehnsucht nach Heilung, nach Erleichterung und nach ausgleichender Gerechtigkeit. Und weil eben diese Sehnsucht genau dem entspricht, was Jesus zu geben hat, verkündet er:

„So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten”

Die Heilung, die Jesus an den Menschen vollbringt, ist immer eine geistige, auch wenn er „nur“ ihre körperlichen Gebrechen heilt. Immer wieder erklärt er den Geheilten, dass ihr Glaube und ihre feste Überzeugung, er (Jesus) könne ihre Gebrechen heilen, ihre Gesundung letztlich bewirkt hat:

Dein Glaube hat dir geholfen“ – „Dein Glaube hat dich gerettet“, – „Dein Glaube hat dich gesund gemacht“, sind dann seine Worte.

Auch hier steht die feste innere Überzeugung – nämlich die geistige Stärke über den Zustand der Krankheit hinaus zu denken – über der Krankheit selbst. Nur diese eine Einsicht, nämlich, dass alle äußere und sichtbare Welt auf einer geistigen Grundlage besteht, wird den Glauben an eine Heilung durch den Geist rechtfertigen können. Oder wie Aristoteles sagte:

„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“.

Besteht aber unsere äußere Erscheinungswelt auf Grundlage des Geistes, so liegt in allen äußeren Erscheinungen auch ein tiefer Sinn und eine Bedeutung verborgen. Dass sich uns Sinn und Bedeutung des Leidvollen, des Beschwerlichen und des Umstandes, dass wir sterben müssen, erschließen, dass wir den Grund aller Dinge, die uns widerfahren erkennen und verstehen, will ersehnt, gesucht und gefunden werden. Denn der Begriff “Geist” ist ein Synonym für eine Sinnhaftigkeit, die über die rein äußere Erscheinung der Dinge hinausgeht. Somit ist die Suche nach dem Sinn, ist die Suche nach Geist, ist die Suche nach Gott, letztlich die Suche nach unserer heilen, eigentlichen und zeitlosen Existenz. Unsere Sehnsucht nach dem Geist ist dabei die Grundlage dieser Heilung:

„Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.…“ Lukas 11,9

Die Heilung durch den Geist vermag viel mehr, als “nur” die Heilung von körperlichen Gebrechen, denn sie fußt auf der Erkenntnis, dass jede Heilung, alles Gute, ja dass das Leben selbst auf einer geistigen Basis ruht. Kraft dieser Erkenntnis, betreten wir diese Basis und vermögen damit alles, was auch der Geist vermag, der Ursprung und Ursache aller äußeren Erscheinungen ist. In dieser Erkenntnis sehen wir uns aber auch in der Lage, alle äußeren Dinge zu entbehren, da wir die Grundlage des Lebens auf seiner geistigen Basis erkannt und gefunden haben. Dieser Fund macht uns zu Teilhabern des Geistes, der uns wiederum mit allem notwendig Äußerem bedenkt.

Eine weitere, grundlegende Aussage, die uns insbesondere die Passion Jesu lehrt, ist diese: Alle Krankheit, alles Beschwerliche, ja selbst erlittenes Unrecht, Leid und Tod werden einen persönlichen und individuellen Sinn erfahren, wo wir beginnen, ihren Ursprung im Geist, also in Gott zu suchen. Weil alle Erscheinungen ihren Ursprung im Geist haben, muss ihnen auch Sinn und Bedeutung innewohnen. Doch dieser Sinn ist uns in dem Moment, wo wir erschrecken, dunkel und verborgen, er will aber von uns gesucht und gefunden werden, denn dieser Sinn ist Gott selbst.   Daher das immer wiederkehrende Postulat Jesu:  „suchet, so werdet ihr finden…“

Ohne Sehnsucht keine Heilung

Die Überwindung des Leidvollen und vermeintlich Sinnlosen durch den Sinn geschieht, indem wir das Beschwerliche in der Geisteshaltung Jesu vertrauensvoll auf uns nehmen, so wie auch er bewusst Unrecht, Leid und Tod auf sich genommen und getragen hat, in der Gewissheit, dass auch in diesen Bereichen Gott wirken wird, sofern er von uns darin gesucht wird. Wer auf diese Weise Gott in allen Erscheinungen sucht, der wird ihn in allen Dingen finden – selbst im eigenen Tod. Unser unerschütterliches, kindliches Vertrauen in den Geist veranlasst Gott zur Sinnschöpfung über das Starre und Leblose hinaus, denn alle Schöpfung Gottes ist die Kreation von Geist und Sinn alles bis dahin Geist- und Sinnlosen. Insofern liegt bereits ein grundlegender Sinn in unseren äußeren Gebrechen, denn sie fördern unsere Sehnsucht nach Geist. Die Heilung durch den Geist geschieht dabei in jeder gewonnenen Einsicht, in der wir uns der grundlegenden Bedeutung der Botschaft Jesu bewusst werden. Erst wenn wir nichts anderes mehr wünschen und begehren, als die Hinwendung zu den geistigen Belangen unseres Daseins, jenen, welche die Grundlage unserer inneren Vollkommenheit und somit auch die unserer äußeren Unversehrtheit sind, können und werden wir die grundlegendste aller Heilungen überhaupt erfahren: Unsterblichkeit.

Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt. Und wer da lebt und an mich glaubt, wird unsterblich.   Johannes. 11, 25

Wer die geistigen Belange über alles Äußere stellt, gewinnt dadurch die Grundlage allen Lebens und somit alle äußerlich notwendige Unversehrtheit hinzu.

Überwindung der Geistlosigkeit – die grundlegendste Krankheit der Welt


Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen.” Matthäus 6, 33

Jesus ist gekommen, damit wir durch diese Botschaft auf unserer geistigen, d. h. auf einer zeitlosen Basis Heilung erfahren, also jener, die alles äußerlich Notwendige in sich einschließt. Unsere innere Heilung, durch die wir zu unsere zeitlose Existenz finden, ist die eigentliche Heilung im Sinne Jesu. Durch die Heilung von körperlichen Gebrechen hat Jesus die Kraft des Geistes für uns nur sichtbar gemacht, denn eine Heilung von körperlichen Krankheiten, muss nicht zwingend die geistige Heilung des Menschen einschließen.

Jesus Christus ist gekommen, damit wir Zugang zu grundlegender Heilung und Unversehrtheit finden können, und diese liegt im Gewinn unserer zeitlosen Existenz, die in Gott liegt. In unserer zeitlosen Existenz sind wir unsterblich. In unserer zeitlosen Unversehrtheit, der des Geistes, werden wir fähig, alles Äußere zu entbehren, so wie Jesus in der Lage war, alle Dinge zu entbehren sei es Anerkennung, Gesundheit, Freiheit, Ehre und Leben. Durch sein Vorbild und Beispiel wollte er aufzeigen, dass all das, was wir in seiner Geisteshaltung willig preisgeben und verlieren, in Gott wiedergefunden werden muss, da es hierin einen tiefen Sinn erfährt. Wird uns im Geiste Jesu die äußere Unversehrtheit genommen, so werden wir auch in das Schicksalhafte und das Leidvolle einwilligen können, ohne daran zu zerbrechen.

Somit liegt die grundlegendste Heilung aller unserer Gebrechen im Bewußtwerden unserer zeitlosen Existenz.

In unserer geistigen Existenz sind wir zeitlos, unverwundbar und unzerstörbar. In unserer zeitlosen Existenz sind wir ewige Geschöpfe und das bedeutet wir waren bereits, bevor wir hier in diesem Leben wurden. Diese Grundwahrheit versuchte Jesus den Menschen zu verdeutlichen – oftmals vergebends:

Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hält, der wird den Tod nicht sehen in Ewigkeit. Da sprachen die Juden zu ihm: Jetzt erkennen wir, dass du verrückt bist. Abraham ist gestorben und die Propheten, und du sagst: Wer mein Wort hält, der wird den Tod nicht schmecken in Ewigkeit. Bist du etwa mehr als unser Vater Abraham, der gestorben ist? Und selbst die Propheten sind gestorben. Was machst du hier aus dir selbst? Jesus antwortete: Wenn ich mich selber ehre, so ist meine Ehre nichts. Es ist aber mein Vater, der mich ehrt, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott. Und ihr kennt ihn nicht, ich aber kenne ihn. Und wenn ich sagen würde: Ich kenne ihn nicht, wäre ich ein Lügner wie ihr. Aber ich kenne ihn und halte sein Wort. Abraham, euer Vater, wurde froh, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich. Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht mal fünfzig Jahre alt und willst Abraham gesehen haben? Jesus sprach zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ehe Abraham wurde, bin ich. Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen. Aber Jesus verbarg sich und ging zum Tempel hinaus.                Johannes. 8, 52-58

Eine Vertiefung dieser Aussage Jesu findet sich bei Meister Eckhart:

In jenem Sein Gottes nämlich, wo Gott über allem Sein und über aller Unterschiedenheit ist, dort war ich selber, da wollte ich mich selber und erkannte mich selber, (willens) diesen Menschen zu schaffen. Und darum bin ich Ursache meiner selbst meinem Sein nach, das ewig ist, nicht aber meinem Werden nach, das zeitlich ist. Und darum bin ich ungeboren, und nach der Weise meiner Ungeborenheit kann ich niemals sterben. Nach der Weise meiner Ungeborenheit bin ich ewig gewesen und bin ich jetzt und werde ich ewiglich bleiben. Was ich nach meiner hiesigen Geborenheit nach bin, das wird sterben und zunichte werden, denn es ist sterblich; darum muss es (zusammen) mit der Zeit verderben. In meiner (ewigen) Geburt aber wurden alle Dinge geboren, und ich war die Ursache meiner selbst und aller Dinge, und hätte ich gewollt, so wäre weder ich noch wären alle Dinge, wäre aber ich nicht, so wäre auch Gott nicht: Dass Gott, Gott ist, dafür bin ich die Ursache; wäre ich nicht so wäre Gott nicht Gott.                Meister Eckhart  Predigt 52

Licht und Schatten

In allem Dunkel liegt ein Sehnen,
darin die Herzen klopfend schlagen.
und Schlag um Schlag ein stilles Nehmen,
und ein Verlangen und ein Fragen:
Wo sind die hohen hellen Stätten,
die uns die Führer einst verhießen,
wo wir die Leiber sicher betten,
wo sie des Nachts die Tore schließen?

Doch fällt ein Schatten all der Lasten,
die an mir haften Nacht für Nacht,
die stumm nach meinem Herzschlag tasten,
und mich berühren zart und sacht,
in jenen Grund, der ohne Gründe,
die Welt aus Dunkelheiten wirkt,
wo jeder Schatten, jede Sünde,
das Licht des Geistes in sich birgt.

In der Geburt der lichten Sphären,
in der Erkenntnis meines Grundes,
dort wird sich Licht von Licht ernähren
wo es berührt vom Saum des Mundes,
dessen, der vollbringt und der vollbracht.
Und Finsternisse werden fallen,
und was gebeugt von dunkler Macht,
wird aufrecht stehn in lichten Hallen.

Dresden 4. 9. 2020

Patti Smith und die Dogmatik

Über die negative Wirkung starrer und unreflektierter Glaubensformeln.

Neulich fiel mir ein Zeitungsartikel über ein Rockkonzert in die Hand, in dem die Unverständlichkeit einer Aussage Jesu thematisiert wurde. In dem Bericht ging es um die Ansichten der Popmusikerin Patti Smith, die in einem streng gläubigen Elternhaus (Zeugen Jehovas) aufgewachsen ist und die den christlichen Grundgedanken, dass Jesus für unsere Sünden gestorben sei, mit folgenden Worten in Frage stellt: „ Jesus ist für unsere Sünden gestorben, aber nicht für meine!“ Dabei kam mir der Gedanke, dass Jesus die Menschen ohne Dogmatik von seiner Sicht der Dinge, zu überzeugen versuchte. Das zeigt schon allein die Vielzahl und die Unterschiedlichkeit seiner Gleichnisse. Vertrauen sollte auf einer Überzeugung des Für-wahr-haltens seiner Botschaft beruhen. Die Gleichnisse waren Interpretationsversuche einer grundlegenden, hintergründigen Wahrheit, die Jesus erkannt und geschaut hatte. Die Gleichnisse sind insofern Zeugnisse seines inneren Ringens, um seinen Zuhörern die Hintergründe seines Wirklichkeitsverständnisses verständlich zu machen, damit das, was Relevanz hat, für wahr erkannt werden kann. Erkennen und Vertrauen bedingen hier einander. Viele christliche Religionsgemeinschaften tun aber genau das Gegenteil. Sie verlangen das sture Anerkennen von Glaubenssätzen, die nicht hinterfragt werden dürfen. Mit der Forderung, dass bestimmte biblische Aussagen, ohne dass sie verinnerlicht oder verstanden werden, einfach geglaubt werden müssen, haben sich viele christliche Religionsgemeinschaften einen Bärendienst erwiesen. Insofern ist es den Skeptikern nicht zu verdenken, keinen Sinn in solchen Aussage Jesu zu sehen. Eigentümlich finde ich aber doch, dass die aufgeklärten Zweifler sich den Texten nicht selbstständig nähern, sondern, dass sie das Programm ihrer kirchlichen Prägung als ein Dogma annehmen, das keine andere Interpretation zulässt, um es dann getrost in das Land der Märchen zu verbannen. Während also Jesus versuchte, seine Sicht auf die hintergründige Wirklichkeit (Reich Gottes) seinen Zuhörern möglichst transparent zu machen, ziehen die Dogmatiker ihren undurchsichtigen Vorhang davor. Da kommt mir unwillkürlich der Gedanke vom zerrissenen Vorhang im Tempel in den Sinn… Derart von den inhaltlichen Grundlagen getrennt, konnten Kreuzestod und Abendmahl als magische Handlungen missverstanden bzw. umgedeutet werden. Weshalb der ursächliche Zusammenhang von Kreuzestod und Sündenvergebung nicht gesehen bzw. vermittelt wird, bleibt für mich rätselhaft. Die Vergebung von Schuld beruht nach dem Verständnis Jesu eben nicht auf einer magischen Heilshandlung, sondern ausschließlich auf der Annahme der Geisteshaltung Jesu, der die Ungerechtigkeit, die man ihm angetan hatte, als eine höhere Art der Gerechtigkeit neu interpretierte. Auf diese Weise wurde das alte Verständnis von Anklage und Schuld, in welchem Jesus als ein Opfer der Böswilligkeit seiner Feinde verstanden werden konnte, durch ein neues Wirklichkeitsverständnis überwunden. Kraft dieser Erkenntnis opfert sich Jesus also einem neuen, universellen Lebensverständnis, in welchem nun allem was uns wiederfährt, eine Relevanz und Notwendigkeit zukommt. Innerhalb eines solchen Verständnisses ist kein Platz mehr für Anklage und Schuld, da hier auch derjenige, der an mir schuldig wird, zu einem Teil des göttlichen Willens wird. Die Ursache für die Vergebung von Schuld liegt dabei in der persönlichen und individuellen Einwilligung in das bisher „Ungerechte“, wie Jesus es selbst verstand als er sagte: „Vater wenn es möglich ist, dann lass diesen Kelch an mir vorübergehen, jedoch nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Indem Jesus sein eigenes Leiden und Sterben zum Willen Gottes machte, wurde dieser notgedrungen zur Ursache von Schuld, Leid und Tod. Weil aber in Gott weder Schuld noch Leid noch Tod existieren, müssen alle Klagen und Anklagen aufhören. Hieraus folgt auch der Gedanke, dass derjenige der diesem Verständnis Jesu Christus folgt zum Glücksfall für seine Feinde wird….