ATMAN

Ich atme den Sinn deiner Worte,
wie salzgeschwängerte Luft,
die mir Bilder und Orte,
aus alter Erinnerung ruft.

Dort finde ich viele Sphären,
in sanfter, zarter Kontur,
die ihre Erfüllung begehren,
als grenzenlose Natur.

In unerklärlicher Schau,
harrt Kreatur und Welt,
bis klarer Morgentau,
in jede Einsicht fällt.

Dresden 19. April 2020 Elmar Vogel 

Welt der Gnade

Welt der Gnade, komm herbei,
stille mein Verlangen.
Böses wie auch Gutes sei
liebevoll umfangen.

Wandelbar ist alles dem,
der fest auf dich vertraut,
der, wenn harte Winde gehn,
auf neue Sphären schaut.

Darin harret alles Glück,
in der Einsicht Stille,
dass das ärgste Missgeschick,
sich mit Sinn erfülle.

Und wer sucht in Zuversicht, 
Geist und Sinn zu finden,
das, woran es ihm gebricht,
wie das Licht dem Blinden,

wird nun sehend im Verstand,
dass kein unnütz Treiben,
und was hier noch unerkannt,
kann es dort nicht bleiben.

Seht, die Zeit steht stille nun,
da der Grund gefunden.
Dort wo alle Dinge ruhn,
wird die Welt gesunden.

19. Juli 2020 Elmar Vogel

Zwei schwarze Schwäne

Rätselhafter Traum – 1996

Zu meiner Rechten,
hoch am grauen Himmel fechten
im Flug zwei schwarze Schwäne.
Im Kampf die Hälse hart verschränkt,
gleich einem Wappentier verbunden –
vom Kampf geschunden und gekränkt.
Der eine löst sich, flieht zur mir auf festen Grund,
berührt den Weg, nimmt menschliche Gestalt an und
-in enger schwarzer Tracht und glänzendem Gewand-
hat mir den Rücken zugewandt,
setzt seinen Weg rasch fort –
der Weg, auf dem ich selber stehe.
Ich blicke ihm verwundert nach und sehe,
wie er am Rücken klaffend wund,
dort, wo der eine Flügel stand,
rinnt eine rote Träne.

Elmar Vogel am 3. Februar 2021

Schrödingers Katze

Schrödingers Katze
Als ich geboren wurde
erwachte die Welt.
Sie schließt ihre Augen
mit mir.
Jeder meiner Wimpernschläge
eine Belichtung der Wirklichkeit.
In der Dunkelkammer der Möglichkeiten schlummert,
was das Licht nur enthüllt.

Elmar Vogel am 27. März 2020

Black Hole

Weshalb könnt ihr sie nicht tragen?
Alle Unvereinbarkeit
werft auf mich in dunklen Tagen.
Macht euch frei von allem Streit.

Wer kann alles auf sich nehmen,
ohne etwas preiszugeben:
Allen Irrtum, alles Schämen,
wer erweckt's zu neuem Leben?

Weshalb setzt ihr eine Grenze,
die der Kosmos doch nicht kennt?
Seht der Sterne Kreiseltänze,
um ein Zentrum, das verbrennt.

Sein Gesetz ist die Verzehrung,
steter Wandel sein Gebot.
Selbst die finsterste Entbehrung
wirft ein Licht auf Sturz und Tod.

Abertausend Sonnenmassen
speien in den Raum hinein.
Doch das Auge kanns nicht fassen,
unsichtbar sein Wiederschein.

Engster Raum und dunkle Masse
setzt den tiefsten Todespunkt.
Dennoch schafft es eine Trasse,
die hinausweist aus dem Schlund.

Er, der alles lassen kann,
der wird einst auch alles nehmen;
und wer alles tragen kann,
der wird alte Räume dehnen.

Elmar Vogel am 23. März 2020

Baukunst – Lebenskunst

Den rauen Stein behauen
sei unsre erste Pflicht.
mit Lot und Winkel schauen,
ob er dem Zweck entspricht.

Der Zweck ist Harmonie,
da fügt sich Stein an Stein.
Denn es vermag nur sie,
im Grossen ganz zu sein.

Bleibt unbedacht der Zweck,
ist alle Kunst vergebens.
Denn fällt die Absicht weg,
fällt auch der Bau des Lebens.

Elmar Vogel Oktober 2019

Am offnen Fenster

Am offnen Fenster ging in kühler Abendstunde
ein Frühlingshauch durch meine Kammer ein und aus.
Betörend alle meine Sinne, brachte er stille Kunde
und eine ungekannte Sehnsucht zog meine Seele weit in dunkle Feld
und Flur hinaus.

Elmar Vogel 10. Mai 2019

Der Ohnmächtige

– Frei nach Eugen Roth –

Ein Mensch wollt‘ Herr der Lage sein,
die scheinbar aus dem Ruder lief.
Der Grund dafür war klitzeklein;
ein altes Virus, ganz aktiv.

Das machte ihm das Leben schwer
drum schmiedete er einen Plan:
Ich rüste auf zur Gegenwehr,
und fasse einfach nichts mehr an!

Gesagt getan, die Krise ging
vorbei, und alles blieb beim Alten.
Doch was an seidnem Faden hing
vermochte er nicht aufzuhalten.

Elmar Vogel 26. März 2020

Sommerleid

Dies ist der Sommer, der die Frucht ersterben lässt
weit wirft er seine Lohe in den Herbst hinein
wenn auch der Schnitter eilig noch zur Ernte bläst
Entbehrung wird des Winters Antlitz sein.

Und doch sind Kummer und Entbehrung keine Strafe der Natur
unendlich groß und weit gewoben ist des Universums Tuch
das Übel liegt in unserm eigenen Urteil immer nur
im Zweifeln, im Verzagen liegt der Fluch.

Denn wenn der Tod in unsern Räumen
aus und eingeht, wie ein ungebetner Gast
wenn er uns hochfahrn lässt aus seichten Träumen
so zeigt er doch ganz zart
was jenseits unsres Zustands harrt
– zeigt doch wie sanft das Dasein jede Kreatur umfasst.

Elmar Vogel / Oktober 2018

Einst

  Wenn alle Sinne endlich ruhn
 und aller Tränenfluss versiegt,
 die Welt geeint wird in ein Nun
 und jeder Widerspruch besiegt,

 Wenn jeder Ruf nach Licht und Raum
 verhallt in einem Augenblick,
 wenn er zergeht wie Gischt und Schaum,
 wenn nur noch Hin und kein Zurück,

 Dann leg ich ab, was ich nicht bin
 und was ich bin, wird offenbar;
 Was ich nicht sein will, geht dahin
 und Unvergängliches wird klar.

 Wo jenes Licht, das in mich fällt,
 das mir die Maske offenbart,
 die ich stets trage vor der Welt,
 wo es mich trifft im Herzen hart,

 Wo es erleuchtet meinen Sinn,
 der dunkel, eitel und blasiert,
 wo mir bewusst wird, was ich bin,
 wenn sich das Scheinbare verliert,

 Dort leg ich ab, was ich nicht bin
 was zeitlich ist und arm und schwach;
 Was ich nicht sein will, geht dahin
 und was im Schlummer lag wird wach. 


 Elmar Vogel  8. April 2020