Was ist christlicher Glaube?

Alle Kirchen reden vom „Glauben“, als wäre jedem sofort klar, was damit gemeint ist. Das ist umso erstaunlicher, als sich die Konfessionen an zentralen Punkten fundamental widersprechen – und doch berufen sich alle auf denselben Jesus.

Einswerden mit Gott

Eine Rückbesinnung auf die Worte Jesu

In diesem Beitrag möchte ich bewusst zurückgehen zu den Worten Jesu selbst und zeigen, wie der Begriff „Glaube“ laut seinen Aussagen zu verstehen ist. Ohne dogmatische Brille, einfach und direkt.

Grundsätzliches zum Glaubensbegriff

Glauben heißt, nicht wissen. Stimmt das?

Tatsächlich wird der Begriff Glaube im Deutschen auf zweierlei Weise verwendet:

  • Als Mutmaßung: „Ich glaube, dass morgen schönes Wetter wird.“
  • Als Vertrauensbekundung: „Dem Zeugen, der mir den Hergang geschildert hat, glaube ich.“

Betrachtet man den Zusammenhang, in welchem Jesus vom Glauben spricht, so ist der christliche Glaubensbegriff der zweiten Kategorie zuzuordnen. Insofern verfehlt der Spruch „Glauben heißt nicht wissen“ die Bedeutung des christlichen Glaubensbegriffs. Jesus sieht sich selbst und jene, die um die geistige Dimension dieses Daseins wissen, als Teilhaber einer übergeordneten Wirklichkeit. Was sie dort „gesehen“ haben, macht sie zu unmittelbaren Zeugen dieser Wirklichkeit. Einer Wirklichkeit, die über das Vordergründige hinausweist.

Amen, amen, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben, und ihr nehmt unser Zeugnis nicht an. ( Joh 3,11)

Glaube bedeutet: die Lehre Jesu für wahr halten

Eine erste, ganz klare Definition des Glaubens lautet schlicht: Glaube bedeutet, die Lehre Jesu für wahr zu halten. Diese Bestimmung ist so grundlegend, dass sie von fast allen Christen – unabhängig von der Konfession – akzeptiert wird. Und sie folgt unmissverständlich aus den Worten Jesu selbst:

„Wenn ihr an meinen Worten festhaltet, dann seid ihr wirklich meine Jünger. Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen!“ (Joh 8,31)

Doch was genau folgt aus diesen Worten Jesu? Tatsächlich ist die Lehre, die sich unmittelbar aus seinen Worten ergibt, sehr einfach und schlicht. Sie lässt sich in wenigen Hauptpunkten zusammenfassen.

Glaube ist Liebe zu Gott

Das klingt auf den ersten Blick banal und für viele abgedroschen. Um zu verstehen, was Jesus wirklich meint, müssen wir zuerst klären, was er überhaupt unter „Gott“ versteht. Auf die Frage eines Pharisäers nach dem höchsten Gebot antwortet Jesus:

„Höre Israel, unser Gott ist ein einiger Gott.“
„Höre Israel, unser Gott ist nur einer.“
„Höre, Israel, unser Gott ist ein einziger.“

Alle diese Lesarten sind hier möglich. Und weiter:

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und erste Gebot.“ (Mk 12,29 bzw. 5. Mose 6,4)

Diese Aussage über Gott stimmt mit anderen biblischen Gotteserklärungen überein:

„Ich bin der JHWH, und sonst keiner mehr, kein Gott ist außer mir.“ (Jes 45,5
„Ich bin der JHWH, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ (2. Mose 20,2-3)

Glaube bezeichnet insofern Liebe zu einem Gottesbild, in dem weder Teilung, noch Trennung noch Widerspruch, noch Konkurrenz noch ein Gegenpart oder Gegenspieler zu Gott existieren.

Glaube an Gott ist Glaube an die Wahrheit

Für Jesus war „Gott“ aber auch ein anderes Wort für den Begriff der Wahrheit und das Leben selbst. Das wird besonders deutlich in seiner Aussage vor Pilatus:

„Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“ (Joh 18,37

Jesus hätte hier genauso gut sagen können: „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich von Gott Zeugnis ablege. Wer aus Gott ist, der hört meine Stimme.“ Der Inhalt wäre identisch. Doch hätte er „Gott“ gesagt, so hätte Pilatus vermutlich gefragt: „Von welchem der vielen Götter sprichst du?“ Jesus vermeidet diese Relativierung bewusst. Sein Gottesverständnis ist ja universal: Gott und Wahrheit sind für ihn Synonyme.

Inwiefern gleichen sich Gott und Wahrheit?

Die Aussage, dass Gott und Wahrheit Synonyme sind, schließt nahtlos an die vorherige Definition an, nämlich dass Gott einzig, eins, ungeteilt und unteilbar ist. Ebenso trifft das auch auf die Wahrheit zu. Wahrheit ist definitionsgemäß das Gegenteil von Unwahrheit. Unwahrheit stellt aber keine echte Alternative oder Bedrohung für die Wahrheit dar. Die Wahrheit lässt sich durch Widerspruch nicht schwächen, verletzen oder vernichten. Genau das gilt auch für Gott. In diesem Sinn schreibt der Apostel Paulus:

„Denn wir können nichts gegen die Wahrheit, sondern (nur) für die Wahrheit.“ (2. Kor 13,8)

Glaube bedeutet demnach: Liebe zur Wahrheit, worin die Liebe zu Gott eingeschlossen ist, wie wir oben gesehen haben.

Glaube ist Liebe zur Wahrheit – und zu unserem Nächsten

Gottes- und Nächstenliebe sind für Jesus nicht zwei getrennte Dinge, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Auf die Frage nach dem höchsten Gebot antwortet er:

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt 22,37–40)

Glaube ist Liebe zu unserem Nächsten – ob Freund oder Feind.

Die Aufforderung, Gott und den Nächsten zu lieben, bedeutet nichts anderes als die radikale Annahme unserer gesamten, ungeteilten Wirklichkeit. Also auch jener Bereiche, die nicht nur Angenehmes und Freudvolles für uns bereithalten, sondern ebenso Leidvolles, Beschwerliches und Bedrohliches.

Wenn Jesus uns auffordert, auch das zu lieben, was uns hasst, dann meint er damit nichts Geringeres, als anzuerkennen, dass Gott alle Geschehnisse ins Dasein ruft – die „guten“ wie die „schlechten“. Das zeigt sich besonders klar in der Bergpredigt:

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.‘ Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für diejenigen, die euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel; denn er lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. … Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ (Mt 5,43-48)

Genau hier liegt wohl die zentralste Aussage der Lehre Jesu:

Ganzheit und Vollkommenheit entstehen durch die Annahme der Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit.

Warum? Weil Gott und Wirklichkeit unteilbar sind.

Glaube ist das Vertrauen, dass Gott uns in ausnahmslos allen Geschehnissen begegnet, und das heißt, dass Gott auch in unseren Feinden, in Ungerechtigkeit, Leid und Tod gegenwärtig ist, soweit wir fähig sind, das zu fassen. Dieser Glaube ist es, der die Welt allein dadurch verändert, dass wir unsere Sichtweise den Dingen gegenüber grundlegend ändern.

Der Glaube an die Erlösungstat Jesu

Dass Jesus für unsere Sünden am Kreuz gestorben ist, wird in allen christlichen Kirchen gleichermaßen als Glaubensgrundlage gelehrt, aber was genau soll man darunter verstehen?

Der Glaube an die Erlösungstat Jesu folgt konsequent und schlüssig aus dem oben Gesagten. Er folgt sowohl aus dem, was Jesus lehrte, als auch aus dem, wie Jesus angesichts von Unrecht, Leid und Tod handelt.

Gemäß dem Gottesbild Jesu, das ein unteilbares, einiges, einziges und widerspruchsfreies ist, folgt, dass außer Gott nichts existiert. Hieraus wiederum folgt, dass Gott allmächtig ist und ihm absolut nichts widerstehen, bedrohen, verletzen oder vernichten kann. In dieser Glaubensgewissheit willigt Jesus in seine Passion ein, und er bezeichnet diese Einwilligung in seine Passion als das Einswerden mit Gott.

„Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, dass sie eins seien, gleichwie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen ineins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, gleichwie du mich liebst.“ (Joh 17,22–23)

Glauben heißt, eins werden mit Gott

Die Ursächlichkeit von Schuld und Vergebung beruht auf einer der tiefgründigsten und konsequentesten geistigen Gesetzmäßigkeiten in der Lehre Jesu. Um vor Gott gerecht zu werden, bedarf es keiner äußeren Tadellosigkeit oder der rigiden Erfüllung eines Gesetzeskatalogs. Wahre Gerechtigkeit entspringt paradoxerweise gerade der schonungslosen Einsicht in unsere eigene Unvollkommenheit.

Unsere menschliche Schwäche, unsere Fehlbarkeit und unsere Schuld sind keine bloßen Betriebsunfälle der Schöpfung, sondern sie besitzen einen tiefen, transzendenten Sinn.

Gott hat uns als Sünder geschaffen, damit wir durch unsere eigene Unvollkommenheit Barmherzigkeit lernen.

Erst die aufrichtige Selbsterkenntnis, dass wir selbst bedürftig, schwach und auf Gnade angewiesen sind, befähigt uns dazu, die Schwächen und Irrtümer unseres Mitmenschen nicht unbarmherzig zu verurteilen, sondern ihm zu vergeben.

Hierin offenbart sich die zwingende Ursächlichkeit der göttlichen Vergebung: Der objektive Wille Gottes zur Vergebung liegt unmittelbar in der subjektiven Vergebungsbereitschaft des Menschen begründet. Jesus bringt dies im Vaterunser unmissverständlich zum Ausdruck:

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

Gottes Vergebung ist vollkommen abhängig von der Vergebung, die wir selbst bereit sind zu üben. Vergeben wir unserem Nächsten aus der Einsicht unserer eigenen Mangelhaftigkeit heraus, so muss Gott uns vergeben – er kann nicht anders, da wir in diesem Akt der Barmherzigkeit das Wesen Gottes angenommen haben und Gott selbst in uns und durch uns handelt.

Durch die geübte Vergebung verliert die eigene Schuld ihren schädlichen Charakter; sie hat uns dazu gedient, barmherzig zu werden, und ist damit im Geist überwunden.

Genau in dieser Einsicht und inneren Wandlung (Metanoia) wird der Mensch vor Gott gerecht.

Inwiefern korrespondiert diese Auffassung mit dem Begriff „Glaube“? Glaube im Sinne Jesu ist kein blindes Abnicken kirchlicher Dogmen oder ein unreflektierter Gehorsam gegenüber Institutionen. Was ist der Glaube anderes, als die Liebe zur Wahrheit?

Christlicher Glaube ist das unerschütterliche Vertrauen darauf, dass Gott ausnahmslos alle Dinge wirkt und dass uns selbst das Ungerechte, Leidvolle und unsere eigene Sündhaftigkeit zum Besten dienen, wenn wir bereit sind, den Willen Gottes darin zu suchen und zu erkennen.

Zu glauben bedeutet, darauf zu vertrauen, dass durch unsere innere Einwilligung und unsere Bereitschaft zur Vergebung das scheinbar Sinnlose und Böse unverhofft Geist und Sinn erfährt.

Der Glaube ist somit die innere Gewissheit, dass in dem Moment, in dem wir die Geisteshaltung Jesu annehmen und auf Verurteilung verzichten, die Welt überwunden ist. Wer auf diese geistige Gesetzmäßigkeit vertraut und danach handelt, übt wahren Glauben aus und findet darin seine Erlösung.

Der Glaube an die Auferstehung

Wenn wir das Wunder der Auferstehung Jesu betrachten, suchen viele Menschen nach historischen Beweisen, nach leeren Gräbern oder Augenzeugenberichten. Doch der wahre christliche Glaube an die Auferstehung bedarf solcher äußerer, zeitgebundener Krücken nicht. Er beruht vielmehr auf einer tiefen geistigen Folgerichtigkeit – auf der Erkenntnis, dass die Wahrheit, welche sich in aller Wirklichkeit ausdrückt, zeitlos und ewig ist.

Wie lässt sich dieses Prinzip der Auferstehung schlüssig und plausibel jenseits von kirchlichen Dogmen erklären? Der Schlüssel liegt im Verständnis der Passion. Jesus willigte in seinem Leiden vollkommen in die Wirklichkeit ein, selbst in ihre zutiefst ungerechten, beschwerlichen und leidvollen Aspekte. Er nahm dieses Schicksal im unerschütterlichen Vertrauen auf Gott an und fand den göttlichen Willen genau dort, wo der menschliche Verstand nur Sinnlosigkeit und Grausamkeit vermutet. Und genau hier geschieht das Wesentliche:

Weil Jesus durch seine bereitwillige Einwilligung eins wurde mit aller Wirklichkeit, wurde er eins mit Gott, der die Ursache aller Wirklichkeit ist und der alle Dinge wirkt.

Daraus ergibt sich für den Erkennenden die unabänderliche geistige Konsequenz: Wer auf diese Weise eins mit Gott geworden ist, kann im eigentlichen Sinne nicht sterben.

Alles, was dem göttlichen Willen vollkommen unterliegt und worin Gottes Wirken erkannt wird, erfährt einen tiefen, unzerstörbaren Sinn. Wer so eins geworden ist mit Gott, dessen scheinbarer Niedergang wird zu einem Teil der Wirklichkeit, die Gott selbst ist. Und da Gott reines Leben und reiner Geist ist, muss dieser Niedergang zwingend zum Auftakt neuen Lebens werden.

Darauf beruht das Prinzip der Schöpfung aller zeitlosen Wirklichkeit. Die Wirklichkeit selbst überdauert alle Zeit. Wäre es anders – wäre die Wirklichkeit gegen sich selbst gerichtet –, so könnte so etwas wie die Wirklichkeit weder fortdauern noch überhaupt existieren. Aber Gott und Wirklichkeit sind unteilbar eins, das heißt, Gott steht nicht im Widerspruch zu sich selbst. Die Auferstehung ist demnach kein unbegreiflicher magischer Akt, sondern die vollkommene, geistige Logik der bedingungslosen Hingabe. Was einen derart tiefen Sinn gefunden hat, ist lebendig geworden und bleibt es in Ewigkeit.

Wer diese geistige Gesetzmäßigkeit begreift, der hat das Prinzip der Auferstehung nicht nur verstanden, sondern er fängt an, selbst daran teilzuhaben:

„Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.“ Joh 5, 24

Fazit

Christlicher Glaube nach Jesus ist keine komplizierte Dogmatik und kein kirchliches Bekenntnis. Er ist die einfache, mutige Entscheidung, die Wahrheit zu lieben – auch dort, wo sie wehtut. Er ist die Bereitschaft, die ganze unabänderliche Wirklichkeit anzunehmen, um darin Gott selbst zu erkennen und Barmherzigkeit üben zu können. Wer so glaubt, wird frei. Nicht weil das Leben plötzlich leicht wird, sondern weil er inmitten aller Widersprüche in der einen, unteilbaren Wahrheit ruht.

Elmar Wieland Vogel
Elmar Vogel

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