Nachruf auf Sabina Vogel, geborene Heppenheimer
Geboren am 8. Februar 1930, verstorben am 4. August 2025 in Ansbach
Liebe Freunde, liebe Verwandte, liebe Bekannte,
herzlichen Dank, dass ihr heute hier seid, um unserer Mutter Sabina Vogel die letzte Ehre zu erweisen. Lasst uns gemeinsam an sie erinnern – an die Frau, die sie war, an die Spuren, die sie in unseren Herzen hinterlassen hat, und an die Art, wie sie jeden von uns auf ihre einzigartige Weise berührt und geprägt hat. Den folgenden Nachruf auf Sabina, werde ich auch auf meinem Blog veröffentlichen und mit entsprechenden Fotos illustrieren. So bleibt er allen Interessierten zugänglich. Denn es war immer der Wunsch meiner Mutter, ihre interessante und bewegte Lebensgeschichte publik zu machen. „Das könnt ihr alles mal nach meinem Tod veröffentlichen.“ Leider ist es ihrerseits bei unveröffentlichten Textfragmenten geblieben.
Eine musikalische Erinnerung
Das Musikstück, das wir gerade gehört haben, war „Song of India“ (hier auf: Spotify), basierend auf einem Thema aus Rimski-Korsakows Oper Sadko. Durch Tim Dorseys Big-Band-Arrangement wurde es ab 1937 als Popsong weltberühmt. Meine Mutter liebte dieses Stück. In den 40er und 50er Jahren trat sie zu dieser Musik gemeinsam mit ihrer Schwester Sybilla als Artistin in Varietés auf.
Ein Leben voller Farben und Kontraste

Sabina Vogel, geborene Heppenheimer, kam am 8. Februar 1930 in Lichtentanne bei Zwickau zur Welt – nicht weil ihre Familie dort lebte, sondern weil der Zirkus Heppenheimer gerade dort gastierte. Erst nach der Wiedervereinigung besuchte sie diesen Ort erneut und konnte ihren Geburts- und Taufeintrag im Kirchenbuch selbst sehen.

Eine ganz besondere Mischung
Unsere Mutter pflegte manchmal zu sagen: „Wir sind eine ganz besondere Mischung.“ Um zu verstehen, was damit gemeint war, ein kleiner Blick in die Familienverhältnisse von Sabina:
Sabinas Mutter, Hedwig Heppenheimer, geborene Balke, stammte aus einer Lehrer- und Beamtenfamilie, die in Calau, Niederlausitz, ansässig war. Hugo Balke, der Großvater meiner Mutter, hatte dort das Amt des Obersteuerinspektors inne.

Dass meine Mutter ihre Großeltern mütterlicherseits (Henriette und Hugo Balke) allerdings nie kennengelernt hat, hängt damit zusammen, dass ihre Mutter Hedwig mit ihren Eltern aufgrund der Strenge, die sie in ihrem Elternhaus erfuhr, gebrochen hatte. Auslöser war wohl letztlich ein Scherz, den sich Sabinas Mutter als Internatsschülerin einer höheren Töchterschule gegenüber einer Ordensschwester leistete. Mit einer Sicherheitsnadel heftete sie den Rock der Ordensfrau hinter deren Rücken nach oben, sodass zur Belustigung aller deren Unterwäsche zu sehen war.
Die Bestrafung, die daraufhin folgte, war dann wohl der Anlass für Sabinas Mutter, mit ihrem Elternhaus zu brechen. So schloss sie sich zunächst als junge Frau einer Artistentruppe an, erlernte Drahtseilakrobatik und ungarischen Tanz, nannte sich Hedy Hasson und heiratete schließlich …


… den Sohn eines Zirkusbesitzers, den Kunstreiter Karl Heppenheimer, meinen Großvater, geboren 1882 in Temes, dem heutigen Rumänien.So prallten in Sabina bürgerliche Wurzeln und Zirkusleben aufeinander – eine Mischung, die sie prägte.
Kindheit im Zirkus
Sabinas Kindheit verlief unkonventionell. Die Familie zog mit einem eigenen kleinen Zirkus im Wohnwagen, dem „Futschinellkasten“, wie sie ihn liebevoll nannte, durchs Land, gezogen von einem Brennabor-Pkw. Sie erzählte von ihrem Leben mit dem Affen „Mungo“, der als Entfesselungskünstler arbeitete und gerne Bier trank, von akrobatischen Auftritten mit ihrem Vater auf öffentlichen Plätzen, Jahrmärkten, Volksfesten oder in Biergärten – dem sogenannten „Ständeln“ – und davon, wie glücklich sie trotz einfachster Verhältnisse waren.







Solche Auftritte waren im Dritten Reich als Kinderarbeit verboten, weshalb die Kinder vorsichtig sein mussten. Statt „Hunger“ mussten sie „Butlak“ sagen, und bei Gefahr hieß es: „Der Gritsch natscht, schnell vergibrachen.“
Bildung und Selbstbewusstsein
Schulbesuche erfolgten für Sabina und ihre Schwester Sybilla eher sporadisch, doch ihre Mutter förderte ihre Liebe zum Lesen. Sabina begeisterte sich in ihrer Jugend für Friedrich den Großen und las alles, was sie über ihn finden konnte. Einmal verblüffte sie einen Lehrer in Prizwalk mit ihrem Wissen – trotz ihres sonst eher ungewöhnlichen Auftretens. Ihre laute, selbstbewusste Art, geprägt vom Zirkus, machte sie in der Schule zu einer Exotin. Belustigt erzählte sie, wie sie dem Lehrer einmal immer wieder zurief: „Jetzt passen Sie mal auf, Herr Lehrer!“, worauf er schließlich entgegnete: „Wer ist denn hier der Schüler, der aufpassen soll, du oder ich?“ Oder wie sie ihren Mitschülerinnen weismachte, Zarah Leander sei ihre Mutter.
Herausforderungen im Krieg
Anfang der Vierzigerjahre erhielt Sabinas Vater dann eine letzte Anstellung als Pferdwirt im Tattersall in Leipzig. Das war ein Unternehmen zur Pflege fremder Pferde sowie zur Vermietung und zum Verkauf von Pferden. Wenig später verstarb Karl Heppenheimer am 22. Oktober 1942.
Mutige Mutter in schwierigen Zeiten
Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, nahm Hedwig Heppenheimer nach dem Tod ihres Mannes eine Stelle in einem Leipziger Verlag an. Dabei kam es eines Tages zu folgender Situation: Sie betrat das Verlagshaus mit den Worten „Guten Morgen“ und wurde zurechtgewiesen, dass sie mit dem deutschen Gruß „Heil Hitler“ hereinzukommen habe, worauf sie wohl antwortete: „Der Hitler, der kann mich mal …“ Es folgte ein Strafprozess, in dem Hedwig Heppenheimer zu einer neunmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde.
Pflegefamilien und Trennung
Die Töchter wurden während Hedwigs Inhaftierung in Pflegefamilien untergebracht. Der Bruder Karli kam zur Familie Heppenheimer, bei der er dann auch verblieb. Sabina wurde bei Familie Devrient aufgenommen, die in Leipzig seit 1882 eine typografische Anstalt betrieb (Gieseke & Devrient). Ein Unternehmen, das übrigens bis heute Banknoten druckt. Auf diese Weise kam Sabina nach Tilsit in Ostpreußen, wo die Familie ihren Urlaub verbrachte. Eine Zeit, die für sie prägend war und die sie in positiver Erinnerung behielt. Die Pflegefamilie von Sibylla bat Hedwig Heppenheimer nach der Entlassung aus dem Gefängnis dringend darum, das Kind bei ihnen zu lassen, da es schulisch so hochbegabt sei und entsprechend gefördert werden müsse. Hedwig überließ diese Entscheidung jedoch ihrer damals 16-jährigen Tochter, die sich schließlich für einen Verbleib bei ihrer Mutter und ihren Geschwistern entschied.
Kriegserlebnisse und Flucht
Die letzten Kriegsjahre erlebte Sabina in Leipzig-Connewitz direkt an der Pleiße im Wohnwagen. In diese Zeit fällt die Geschichte von einem entlaufenen Armeepferd, das ihre Mutter Hedwig einfing und bei einem Bauern für einen halben Liter Milch eintauschte. Kurz vor Kriegsende führte der Weg mit dem Wohnwagen zunächst nach Pritzwalk bei Berlin. Dort erlebten sie am 15. April 1945 die Detonation von V2-Sprengkörpern, durch die auch der Wohnwagen in Mitleidenschaft gezogen wurde und aussah, als wäre er „schwanger“ geworden. Bei dieser Explosion starben mehrere Hundert Menschen, unter anderem war ein voll besetzter Kinosaal am Bahnhof betroffen.

Vor der herannahenden Roten Armee flüchteten sie zunächst nach Westen bis zur Elbe. Dort gab es eine Art Grenze. Die Amerikaner setzten die Flüchtlinge mit Booten ans andere Ufer über, doch Gepäck durfte nicht mitgenommen werden. Als sie an der Reihe waren, hieß es, nur die beiden jungen Mädchen dürften übersetzen, nicht jedoch die alte Frau. Das Angebot wurde abgelehnt. Am Ufer lagen massenhaft Koffer, aus denen unter anderem ein teurer Leopardenmantel mitgenommen wurde, bevor sie sich auf den Rückweg machten.
Geistesgegenwart in der Gefahr
Um zu verdeutlichen, wie wichtig geistesgegenwärtiges Handeln in Gefahrensituationen ist, erzählte uns Sabina einmal ein eindrückliches Erlebnis aus dieser Zeit. Auf der Flucht kamen sie in einen Ort und wollten dort übernachten. Sie wurden in ein Haus einquartiert, in dem auch befreite niederländische Kriegsgefangene untergebracht waren. Kurz nach ihrer Einquartierung trafen plötzlich auch russische Soldaten ein. Um die Frauen vor Übergriffen zu schützen, wurden sie schnell versteckt: Die Schwester Sibylla in einem Mehlkasten, Sabina zwischen zwei niederländischen Kriegsgefangenen, die das Mädchen unter einer Decke versteckten. Die Niederländer rieten ihnen, möglichst früh aufzubrechen und den Ort zu verlassen, solange die Soldaten noch betrunken seien, was auch geschah. Als die Gruppe das Haus verließ, stand plötzlich ein russischer Soldat mit einem Pferd vor ihnen und machte ein böses Gesicht. In dieser Situation ging Sabina auf das Pferd zu, streichelte es und sagte auf Russisch: „Ein gutes Pferd“, worauf der russische Soldat lächelte und sie ziehen ließ.
Artistin und Akrobatin

Anfang der 40er Jahre wurden meine Mutter und ihre Schwester zu Akrobatinnen ausgebildet. Sabina lernte damals in Konstanz Jonglieren, Drahtseilakt, Kugellaufen sowie Boden- und Tischakrobatik. Danach traten die beiden Schwestern regelmäßig in Varietés auf.
Nachkriegszeit und künstlerische Karriere
Nach Kriegsende lebte Sabina mit ihrer Schwester und ihrer Mutter in Berlin, wo das Duo gemeinsam regelmäßig Auftritte in den Varietés der Alliierten und der Sowjets hatte. Von dieser Zeit erzählte sie immer mit großer Begeisterung und sagte: „Da herrschte Aufbruchstimmung, überall war etwas los.“ Auf unseren Einwand, dass Berlin 1945 doch vollkommen zerbombt gewesen sei, antwortete sie: „Kann sein, aber das haben wir nicht gesehen.“ Dort lernte Sabina erstmals ihre Verwandten mütterlicherseits kennen: Cousine Gisela Glaser sowie die Tanten Annemarie und Margarete. Letztere pflegten mit uns eine lebenslange, herzliche Verbindung. Tante Grete, wie wir sie liebevoll nannten, schickte uns während der DDR-Zeit (sie wohnte in Frankfurt/Oder) regelmäßig Kinder-, Jugend- und Märchenbücher, die wir alle mit großer Begeisterung lasen.

Tournee in den Nahen Osten

Anfang der 50er Jahre erhielten die beiden Artistinnen von einer Künstleragentur das Angebot, an einer organisierten Tournee mit verschiedenen Varietékünstlern im Nahen Osten teilzunehmen. Diese Tournee führten Sabina und Sibylla zunächst in die Türkei. Sie hatten Auftritte in Istanbul, Ankara, Adana, Izmir, Mersin und Beirut. Das Duo trat unter dem Künstlernamen Tanagra Sisters auch später in Deutschland, Belgien und Luxemburg auf.





Die erste große Liebe

Es muss über eine Verbindung zum Kammersänger Hopf in München gewesen sein, bei dem Sibylla angestellt war, wodurch Sabina auf ihre erste große Liebe traf: den norwegischen Opernsänger Jon Otnes, der damals auch in der Filmbranche aktiv war. „Die ganze Welt singt nur Amore“ ist eines seiner Filmzeugnisse, in dem er auf YouTube zu sehen ist. Aus dieser Verbindung, die für Sabina allerdings leider nicht von Dauer war, ging ihr erster Sohn Sigurd hervor, zu dem wir als unseren großen Bruder wegen seiner Eloquenz, seiner Belesenheit, seiner originellen Einfälle, seines Allgemeinwissens und seiner Sangeskunst aufschauten.
Ein neuer Weg an der Kunstakademie
Nachdem Sibylla geheiratet hatte, lebte Sabina mit ihrer Mutter und ihrem Sohn Sigurd in München in einem Wohnwagen. In unmittelbarer Nähe wohnte eine Professorin, die an der Akademie der Bildenden Künste unterrichtete. Sie sprach meine Mutter darauf an, ob sie nicht als Aktmodell an der Akademie arbeiten wolle, da ihre Figur prädestiniert sei und dies angemessen bezahlt werde. Als meine Mutter von den Bedingungen hörte, lehnte sie zunächst brüsk ab. Die Professorin konnte sie jedoch überzeugen und erklärte, dass es nichts Anrüchiges sei und es hier ausschließlich um Kunst gehe. Nach reiflicher Überlegung entschloss sich meine Mutter zunächst zu Einzelsitzungen bei Meisterschülern.
Familiengründung in Ansbach
Während ihrer Zeit an der Kunstakademie lernte meine Mutter dort dann den jungen Studenten Roland Ernst Vogel aus Ansbach kennen. Die beiden heirateten 1959, gründeten in Ansbach eine Familie und führten von 1968 bis 1989 gemeinsam das Steinmetzgeschäft.

Heilung durch Christus
Bis zu ihrem 47. Lebensjahr litt meine Mutter unter wiederkehrenden schweren Depressionen, von denen sie sich schließlich durch eine Szene aus dem Film Jesus von Nazareth (Franco Zeffirelli, 1977) endgültig geheilt fühlte. In dieser Zeit wandte sie sich dem Neuen Testament zu. Durch Gespräche mit ihr aus jener Zeit begann auch ich, mich zunehmend für die Inhalte der Lehre Jesu zu interessieren.
Ein neues Kapitel mit Walter
Nach der Trennung meiner Eltern fand Sabina in Walter Treffer einen liebenswerten Lebensgefährten, mit dem sie sich viele alte Wünsche erfüllen konnte. Dazu gehörten gemeinsame Bahnfahrten in der 1. Klasse nach München, Nürnberg und Dresden mit dem Foxterrier „Maxl“ sowie Besuche von Opern und Varietéveranstaltungen. Walter starb leider viel zu früh, bereits im Jahr 2005.
Eine unkonventionelle Mutter
Soviel in aller Kürze zum Leben Sabinas, die wir Kinder als eine gute, lebenskluge, geradlinige, resolute, lebenslustige, kreative, vielseitige und unkonventionelle Mutter erlebt haben. Eine Mutter, der klare Verhältnisse wichtig waren und bei der nichts unausgesprochen im Raum stehen durfte. „Wir wollen keine unnötigen Spannungen in der Familie“, war dann ihr Credo. Eine Mutter, die mit Apfelsinen und Schneebällen jonglierte und uns in Diskussionen herausforderte. Waren unsere Argumente zu schwach, gab es Punktabzug, wie sie es nannte.
Improvisation statt Konvention
Wenn wir uns darüber beklagten, dass wir nicht wie andere Familien in Urlaub fuhren oder zum Skifahren, oder nicht die gewünschte Kleidung hatten, sagte sie: „Wir sind aber nicht die anderen!“ Was wir nicht hatten, wurde improvisiert. Unsere Sommerurlaube bestanden aus Badeausflügen an den Dambacher Weiher. Autofahrten waren Zeiten zum gemeinsamen Singen und Teekesselraten. Da meine Mutter keinen großen Wert auf schulische Leistungen legte, verbrachten wir als Kinder viel Zeit im Wald, töpferten, batikten, modellierten oder bastelten. Waren jemand unzufrieden mit seiner Lebenssituation, so sagte Sabina: „Man braucht immer eine gute Lebensphilosophie.“
Philosophische Gedanken
Ich glaube, dieser kurze Rückblick auf Sabinas Leben zeigt deutlich, vor welchen schicksalhaften Erlebnissen und Einflüssen sie stand – und vor welchen letztlich auch jeder von uns steht. Meist sind es die unbeabsichtigten, unfreiwilligen, beschwerlichen und leidvollen Prägungen, denen wir uns nicht entziehen können, an denen wir menschlich jedoch oft mehr wachsen als an den erfreulichen und angenehmen – sofern wir diesen Gedanken zulassen. Rückblickend sollten wir idealerweise sagen können: Es war eine problematische Erfahrung, die wir im Nachhinein aber doch nicht missen möchten.
Die Notwendigkeit des Unabänderlichen
So sind wir alle den unabänderlichen Geschehnissen dieser Welt gleichermaßen ausgeliefert. Auch unser Tod ist ein solches unabänderliches Ereignis, dem sich niemand entziehen kann. Betrachtet man es genau, ist jedes Aufbegehren gegen das Unabänderliche letztlich ein Aufbegehren gegen die Wirklichkeit – ein Nichtwahrhabenwollen unserer menschlichen Realität. Wenden wir uns gegen die Realität, leben wir in einer Illusion.
Einerseits wissen wir, dass in der Natur ohne Sterben kein Leben möglich ist; andererseits stellen wir uns gegen dieses universelle Prinzip. Deshalb glaube ich, dass wir hier sind, um zu verstehen, dass der Tod eine grundlegende Erneuerung ermöglicht. Kosmisch betrachtet wissen wir, dass ohne das Prinzip des Werdens und Vergehens unsere Welt nicht entstanden wäre.
Die Bausteine unseres Körpers stammen aus Asche verbrannter Sonnen, wir selbst sind aus Sternenstaub geworden. So ist das, was wir Wirklichkeit nennen, das Ergebnis von Folgerichtigkeiten. Allen Prozessen im Universum liegt eine Folgerichtigkeit zugrunde, der eine unabänderliche Notwendigkeit innewohnt.
Der christliche Gedanke der Einwilligung
Es ist der christliche Gedanke, der uns wie kein anderer die Notwendigkeit des menschlichen Scheiterns und Sterbens als Folgerichtigkeit deutlich macht. Entweder steckt in allen unabänderlichen Geschehnissen ein verborgener Sinn, oder aber alles Geschehen im Universum ist beliebig, willkürlich und sinnlos – was ich persönlich nicht glaube.
Aus unserer menschlichen Angst und Befangenheit neigen wir dazu, Hinderliches, Beschwerliches und Leidvolles als willkürlich, sinnlos und beliebig zu betrachten. Doch dieses Urteil ist nicht objektiv – es entspringt unserer Angst und Befangenheit. Deshalb benennen wir erfahrene Ungerechtigkeit, Scheitern, Sterben und Tod oft als böse, während Gerechtigkeit, Freude, Gesundheit, Erfolg und Ehre als gut gelten. Und doch wissen wir, dass diese Dinge einander bedingen und das eine ohne das andere nicht existieren könnte.
Jesu Lehre der Annahme
In diesem philosophischen Sinn lehrte Jesus die vertrauensvolle Einwilligung in alles Unabänderliche unserer menschlichen Wirklichkeit und bezeichnete dieses Einwilligen als Einswerden mit der gesamten Wirklichkeit, unter der wir Gott verstehen sollen, wodurch wir vollkommen werden. Diese Einwilligung in das Ungerechte, Hinderliche und Leidvolle ist der einzige gangbare Weg, durch den Böses überhaupt gut werden kann – nämlich durch die Einsicht, dass allem Unabänderlichen Notwendigkeit zukommt, sobald wir es für uns so erkennen und darin einwilligen können. In diesem Sinne lehrte er:
„Liebt eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen, segnet die, die euch verfluchen. Was tut ihr denn Außergewöhnliches, wenn ihr nur diejenigen liebt, die auch euch lieben? Das ist nichts Besonderes, denn dasselbe tun auch gemeine und ungerechte Menschen. Vielmehr müsst ihr so vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. Denn er lässt seine Sonne auf Gerechte und Ungerechte scheinen, er lässt es regnen über gute und böse Menschen. Vergebt, so wird euch vergeben. „Seid barmherzig und ihr werdet Barmherzigkeit finden.“
Eben diese Haltung lehrte Jesus und lebte sie selbst konsequent, als man ihn anklagte, zum Tod verurteilte und am Kreuz hinrichtete. Aber er empfängt dieses Urteil eben nicht nach dem Willen seiner Feinde, sondern er erkennt auch in dieser Folgerichtigkeit den Willen Gottes darin, wissend, dass dort, wo immer der Wille Gottes geschieht, eben weil er als solcher erkannt wurde, nur Gutes geschehen kann. So wie es auch der Apostel Paulus im Römerbrief schrieb:
„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ (Röm 8, 28)
Eine stoische Perspektive
Allein durch seine Einwilligung in erfahrenes Unrecht, in Leid und in Tod ändert sich für ihn die Bedeutung dieser Dinge grundlegend. In dieser Geisteshaltung entspricht Jesus jenem selbstlosen und universellen Gedanken, wie wir ihn auch bei den Stoikern finden:
„Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen, die wir von den Dingen haben.“ (Epiktetos)
Ein Wunsch für uns alle
In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir fähig werden, in das Unabänderliche einzuwilligen und es zu akzeptieren, ehe es geschieht, damit wir innerlich nicht daran zerbrechen müssen, wenn es geschieht.
Dank an Reinhard
Abschließend möchte ich meinem Bruder Reinhard von ganzem Herzen danken. Er war es, der die größte Bürde der Aufsicht und Pflege meiner Mutter über Jahre hinweg in einem Akt der Mitmenschlichkeit getragen hat, und Sabina in den letzten acht Wochen intensiv begleitete und pflegte, als sie ans Bett gefesselt war. Hätte er als Zivildienstleistender nicht zufällig eine Ausbildung in der Altenpflege absolviert, wäre er dazu nicht in der Lage gewesen. Aber Zufälle gibt es meines Erachtens nicht. Ein weiterer Dank geht an meine Schwiegereltern Dietger und Herta Hartmann, die Sabina regelmäßig zu sich einluden, um Reinhard zu entlasten, und nicht zuletzt an unseren Tilman, der Sabina regelmäßig Gesellschaft leistete und viele Fahrdienste bereitwillig übernommen hat.
Ich schließe mit einem eigenen Gedicht:
Die Toten leben in uns fort
in vielerlei Gebärde
und manch gesagtem Wort.
Auch in des Ackers Erde,
fällt sinnlos nichts hinab.
In dem Vertrauen lassen,
dass aus dem dunklen Grab,
wir neues Leben fassen.
Rolands Nachruf anlässlich der Trauerfeier am 22.8.2025 in Ansbach
Obwohl ich mich nach ca. 30 Jahren trennte, so ist doch diese Zeit mit Sabina für mich eine große Lebensbereicherung gewesen. Ich schätzte ihre souveräne, unkonventionelle Art, ihre Lebensklugheit und Kritikfähigkeit. Oft sagte sie: „Wer keine Kritik verträgt, ist nicht entwicklungsfähig …“
Mit ihrer direkten Art machte sie sich natürlich bei manchen „Privatleuten“ (so nennen die Zirkusleute alle, die nicht vom Zirkus sind) nicht immer Freunde! Doch gerade diese Art war es, die mich als junger Mensch besonders anzog! Eine diesbezügliche kleine Anekdote möchte ich noch erwähnen: Sie erzählte z. B., wenn Ehefrauen oft ihre spät heimkommenden Männer vorwurfsvoll und verächtlich beschimpfen – dann stellte sie den Vergleich mit Familienhunden her …—diese zeigen sich ja immer, zu welcher Zeit ein Familienmitglied auch heimkommt, mit freudigem Entgegenkommen – (ein Tipp für manche, dies ebenso umzusetzen!) Für die guten Ansichten und Gene, die sie weitergab, möchte ich hiermit meine Dankbarkeit und Hochachtung ausdrücken. Roland Ernst
Das Musikstück, das wir am Schluss hören werden, hat meine Mutter gerne gehört, wenn sie Briefe schrieb. „Das hat so etwas Meditatives – da kann man wunderbar nachdenken.“ „Suzanne“ von Leonard Cohen (hier auf Spotify)