Kategorie: Theologie

  • Patti Smith und die Dogmatik

    Patti Smith und die Dogmatik

    Über die negative Wirkung starrer und unreflektierter Glaubensformeln.

    Dabei kam mir der  Gedanke, dass Jesus die Menschen ohne Dogmatik von seiner Sicht der  Dinge, zu überzeugen versuchte. Das zeigt schon allein die Vielzahl und die Unterschiedlichkeit seiner Gleichnisse. Vertrauen sollte auf  einer Überzeugung des Für-wahr-haltens seiner Botschaft beruhen. Die  Gleichnisse waren Interpretationsversuche einer grundlegenden, hintergründigen Wahrheit, die Jesus erkannt und geschaut hatte. Die Gleichnisse sind insofern Zeugnisse seines inneren Ringens, um seinen Zuhörern die Hintergründe seines Wirklichkeitsverständnisses verständlich zu machen, damit das, was Relevanz hat, für wahr erkannt werden kann. Erkennen und Vertrauen bedingen hier einander. Viele  christliche Religionsgemeinschaften tun aber genau das Gegenteil. Sie verlangen das sture Anerkennen von Glaubenssätzen,  die nicht hinterfragt werden dürfen. Mit der Forderung, dass bestimmte  biblische Aussagen, ohne dass sie verinnerlicht oder verstanden werden, einfach geglaubt werden müssen, haben sich viele  christliche Religionsgemeinschaften einen Bärendienst erwiesen. Insofern ist es den Skeptikern nicht zu verdenken, keinen Sinn in solchen Aussage Jesu zu sehen. Eigentümlich finde ich aber doch,  dass die aufgeklärten Zweifler sich den Texten nicht selbstständig  nähern, sondern, dass sie das Programm ihrer kirchlichen Prägung als ein Dogma annehmen, das keine andere Interpretation  zulässt, um es dann getrost in das Land der Märchen zu verbannen.  Während also Jesus versuchte, seine Sicht auf die hintergründige  Wirklichkeit (Reich Gottes) seinen Zuhörern möglichst transparent zu  machen, ziehen die Dogmatiker ihren undurchsichtigen Vorhang davor.   Da kommt mir unwillkürlich der Gedanke vom zerrissenen  Vorhang im Tempel in den Sinn… Derart von den inhaltlichen Grundlagen  getrennt, konnten Kreuzestod und Abendmahl als magische Handlungen missverstanden bzw. umgedeutet werden. Weshalb der ursächliche Zusammenhang von Kreuzestod und Sündenvergebung nicht gesehen bzw. vermittelt wird, bleibt für mich rätselhaft.  Die Vergebung von Schuld beruht nach dem Verständnis Jesu eben nicht auf  einer magischen Heilshandlung, sondern ausschließlich auf der Annahme  der Geisteshaltung Jesu, der die Ungerechtigkeit, die man ihm angetan hatte, als eine höhere Art der Gerechtigkeit neu  interpretierte. Auf diese Weise wurde das alte Verständnis von Anklage und Schuld, in welchem Jesus als ein Opfer der Böswilligkeit seiner Feinde verstanden werden konnte, durch ein  neues Wirklichkeitsverständnis überwunden. Kraft dieser Erkenntnis  opfert sich Jesus also einem neuen, universellen Lebensverständnis, in welchem nun allem was uns wiederfährt, eine Relevanz und Notwendigkeit zukommt. Innerhalb eines solchen Verständnisses ist kein  Platz mehr für Anklage und Schuld, da hier auch derjenige, der an     mir schuldig wird, zu einem Teil des göttlichen Willens wird. Die  Ursache für die Vergebung von Schuld liegt dabei in der persönlichen und individuellen Einwilligung in das bisher „Ungerechte“,  wie Jesus es selbst verstand als er sagte: „Vater wenn es möglich ist, dann lass diesen Kelch an mir vorübergehen, jedoch nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Indem  Jesus sein eigenes Leiden und Sterben zum Willen Gottes machte, wurde  dieser notgedrungen zur Ursache von Schuld, Leid und Tod.  Weil aber in Gott weder Schuld noch Leid noch Tod existieren, müssen  alle Klagen und Anklagen aufhören. Hieraus folgt auch der Gedanke, dass  derjenige der diesem Verständnis Jesu Christus folgt zum Glücksfall für seine Feinde wird….

  • Zu meiner Person

    Elmar Wieland Vogel

    Steinmetzmeister, Bildhauer, Steintechniker, Autor, Lyriker, Liedermacher

    Elmar Wieland Vogel

    Geboren und aufgewachsen im mittelfränkischen Ansbach. Vater: Bildhauer, Mutter: Zirkusartistin. Kindheit und Jugend waren geprägt durch ein unkonventionelles, kreatives und weltoffenes Elternhaus. Neben vielfältigen musischen Neigungen entwickelte ich in meiner Kindheit ein großes Interesse für die biblischen Geschichten, besonders für die Gestalt Jesus. Von jeher fasziniert war ich von seinem Anspruch, seinen Worten und von den Inhalten seiner Botschaft, die ich zunehmend als universell verstand und auch heute für mich so deute.

    Die Faszination der Botschaft Jesu

    Als Jugendlicher erfuhr ich beim Lesen der „Guten Nachricht“ ein unerwartet neues, intuitives und undogmatisches Verständnis der Lehre Jesu. Durch die zeitgleiche berufliche Auseinandersetzung mit Kunstgeschichte, Bildsprache und Symbolik – durch freie bildkünstlerische Arbeiten für den sakralen Bereich, durch individuelle und personenbezogene Grabmalgestaltung, aber auch durch die tägliche, berufsbedingte Konfrontation mit der Thematik Trauer und Tod gewannen für mich ethische und philosophische Themen und die Frage nach den letzten Dingen zunehmend an Bedeutung.

    Theologisches Verständnis und Prägung

    Neben dem Studium der biblischen Schriften des Alten und Neuen Testaments wurde mein theologisches Verständnis unter anderem geprägt und bestätigt durch Schriften von: Lao-Tse, Meister Eckhart, Johannes Tauler, Martin Luther, die Theologia Deutsch, Baruch de Spinoza, Simone Weil , Viktor Frankl , Humberto Maturana und Francisco Varela.

    Berufliches

    Gemeinsam mit meinem Bruder führe ich einen kleinen Handwerksbetrieb an den Standorten Ansbach und Dresden in der siebenten Generation. Näheres dazu unter: vogel-bildhauer.de. Neben meiner beruflichen Tätigkeit bin ich aktives Mitglied der Freimaurerloge „Zum goldenen Apfel“ in Dresden. Ich mache Musik, schreibe eigene Lieder, die ich teilweise hier oder bei Youtube veröffentliche. Hier blogge ich und verfasse lyrische Texte, wobei mich vor allem das Denken in Metaphern bewegt.


    Beitrag im Magazin: Discover Germany November 2025

    The Creative Minds of the German-speaking Book Scene
    Kreative Köpfe der deutschsprachigen Buchszene


    Beitrag aus dem Magazin: Leben in der Frauenkirche Dresden Januar- April 2023

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    Lebensstationen:

    1977-1979Ausbildung zum Steinmetz und Steinbildhauer bei Roland E. Vogel
    1979Arbeitsaufenthalt in den USA bei Harold C. Vogel + 2011
    1981Volontariat bei dem Bildhauer Reinhart Fuchs in Georgensgmünd + 2009
    1982Praktikum in einer Kunstgießerei in Aschaffenburg und Tätigkeit als Steinmetz- und Bildhauergeselle in Dinkelsbühl
    1983Kriegsdienstverweigerung in II. Instanz
    1984-86Zivildienst im Internat des Windsbacher Knabenchores
    1986-88 Weiterbildung zum Steinmetz- und Steinbildhauermeister und staatl. gepr. Steintechniker an einer staatlichen Fachschule
    1987Auszeichnung bzw. Preis der Benno und Therese Danner’schen Stiftung
    1988Heirat – Geburt meines Sohnes
    1989 Eintritt in die Freimaurerloge Alexander zu den drei Sternen
    1990 Arbeitsaufenthalt in der Schweiz/Basel
    1991Geburt meiner Tochter
    1992Wechsel nach Dresden. Übernahme der Dombauhütte der Kathedrale-Dresden und Mitwirkung am Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche
    2006Vorstandsmitglied der Freimaurerstiftung Dresden
    2009Buchveröffentlichung: ESSENZEN – Die Botschaft Jesu
    2019 CHRISTOPHILOS Beiträge zur christlichen Philosophie


  • Das überkonfessionelle Blog mit geistigen Impulsen aus der Botschaft Jesu

    Das überkonfessionelle Blog mit geistigen Impulsen aus der Botschaft Jesu

    Die Botschaft Jesu als Weisheitslehre

    Was wäre, wenn die Lehre Jesu nicht nur religiöse Dogmen, sondern eine zeitlose Weisheitslehre für alle Menschen bietet? Christophilos lädt zu einer freien, philosophischen und überkonfessionellen Auseinandersetzung und zum offenen Dialog ein.

    Christophilos versteht sich als ein unabhängiges, überkonfessionelles Blog, das sich mit den geistigen Inhalten der Botschaft Jesu befasst. Egal, ob du Christ*in bist, spirituell suchend oder einfach neugierig – dieser Blog lädt dich ein, die Weisheit Jesu neu zu entdecken.

    Ich bin überzeugt, dass die Botschaft Jesu tiefgründig und universell ist. Meine Auslegungen sind klar, nachvollziehbar und folgen einer inneren Logik.

    Gleichwohl sind meine Auslegungen intuitiver und kreativer Natur, was meiner Auffassung nach aber nicht im Widerspruch zur philosophischen Praxis steht. Im Gegenteil; so wie das kreative und schöpferische Element nicht als etwas Willkürliches oder Beliebiges verstanden werden kann, ist auch jede ernsthafte philosophische Auseinandersetzung Form eines geistigen Ausdrucks, der ohne den kreativen und schöpferischen Aspekt unvollständig bleiben muss.

    Überkonfessionelle Perspektive

    Ich beschäftige mich nicht mit kirchlichen Unterschieden, sondern mit dem Kern der Botschaft Jesu. Im Kern ist die Botschaft Jesu eine Lehre der Vernunft, die auf Folgerichtigkeit basiert. Das Evangelium vermittelt eine Sichtweise, die alle Menschen eint und verbindet, ob Freund oder Feind. Dabei ist die Botschaft Jesu leicht verständlich, sie ist schlicht, schlüssig und plausibel. Dass sie wahr ist, bedeutet, sie ist weder erfunden noch willkürlich noch beliebig. Unterläge sie der Willkür oder der Beliebikeit, so könnte man nicht in ihrem Sinne argumentieren. Daher ist mein Ansatz undogmatisch und offen für alle Fragen – offen für alle, die nach zeitloser Weisheit und Erkenntnis suchen.

    Philosophischer Ansatz

    Jesu Botschaft der Liebe und Gewaltlosigkeit findet sich auch in anderen Traditionen, wie den Lehren des Taoismus, die dazu auffordert sich verdrängen zu lassen oder der stoischen Suche nach innerer Ruhe.

    In einem steten Suchen nach adäquatem Ausdruck bediene ich mich der alten, urchristlichen Tradition des freien Nachdenkens und Philosophierens über die Worte Jesu im besten Sinne des Wortes: „Philos-Sophia“, nämlich als Freundschaft zur Weisheit.

    Eine Praxis, wie sie bereits in den Briefen des neuen Testaments, den sogenannten Episteln, lebendig bezeugt wird. Diese Praxis steht in einer Tradition, in welcher die Botschaft Jesu von jeher als eine Weisheits- und Erkenntnislehre aufgefasst wurde, wie es unter anderem der Apostel Paulus in seinem Brief an die Kolosser verdeutlicht:

    „In Christus verborgen liegen alle Schätze, der Weisheit und der Erkenntnis.“

    Kolosser 2,1–5

    Christliche Philosophie, d. h. die Weisheitslehre Jesu, sucht nicht das Trennende, sondern das Gespräch, den Dialog und den geistigen Austausch. Jedwede Ausgrenzung oder Sanktionierung Andersdenkender oder die Forderung: „Das musst du glauben!“, ist dem christlichen Anspruch fern und fremd.

    Damit steht christliche Philosophie auf der Grundlage der toleranten Geisteshaltung Jesu, der immer bemüht war, auf ernst gemeinte und interessierte Fragen (auch die seiner Gegner), umfassende und tiefgründige Antworten zu geben. Der Begriff „Verantwortung“ meint ursprünglich, eine Antwort geben zu können. Eine Kirche, die keine Antworten gibt oder geben will, handelt verantwortungslos.

    Kompetenz vor Hierarchie

    Die Botschaft Jesu ist frei von menschlichem Hierarchie- und Elitedenken. Macht ist der Lehre Jesu nach eine Folge wirklicher Kompetenz, was anders ja gar nicht möglich ist. In diesem Sinne hat die Botschaft Jesu nichts Knechtisches, was besonders in den Abschiedsworten Jesu zum Ausdruck kommt:

    „Ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut …//… Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid …//… Niemand hat größere Liebe als derjenige, der sein Leben für seine Freunde lässt.“

    Johannes 15, 5-23 (Altgriechisch: philos=Freund)

    Ein idealistisches Projekt

    Christophilos ist kein kommerzielles Projekt. Als rein private Initiative wird es von keiner religiösen Gruppe oder kirchlichen Institution unterstützt, vereinnahmt oder getragen. Es ist individueller Ausdruck eines aufrichtigen Interesses an einer freien und geistig-kreativen Auseinandersetzung mit den Inhalten der Lehre Jesu.

    Soziale Netzwerke

    Wer mir auf Facebook oder Twitter folgen möchte, findet mich dort:

  • Geistige Verwandtschaft

    Geistige Verwandtschaft

    Eine Betrachtung zu Lukas 14,25–27

    Es ging aber eine große Menge mit ihm; und er wandte sich um und sprach zu ihnen:
    „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein. Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“ (Lukas 14,25–27)

    Die Szene – ein Gleichnis in sich

    Die kurze Notiz des Evangelisten ist von einer stillen Schönheit:

    „…und er wandte sich um und sprach zu ihnen.“

    Man spürt die Menschenmenge, die Jesus hinterherläuft, die seine Ausstrahlung förmlich aufsaugt, die Nähe sucht – körperlich, emotional, fast greifbar. Genau an diesem Punkt setzt Jesus an. Er greift das tief menschliche Bedürfnis nach Nähe, nach Bindung, nach Zugehörigkeit, nach Familie und Gemeinschaft auf und dreht es radikal um.

    Äußerliche Nähe ist nicht echte Nähe. Wer Jesus buchstäblich hinterherläuft, steht ihm deshalb noch lange nicht nahe. Die vielen, die ihm folgten, waren physisch ganz dicht bei ihm – und doch warnt er sie: Wer nicht bereit ist, alles zu „hassen“, was ihn bisher ausgemacht hat, der kann sein Jünger nicht sein. Damit sagt er: Echte Nachfolge entsteht nicht durch räumliche oder familiäre Nähe, sondern allein durch innere, geistige Verbundenheit mit seiner Botschaft. Erst diese Verbundenheit schafft die wahre Gemeinschaft, die er meint.

    Eine neue, universelle Verwandtschaft

    Je ernsthafter jemand diese geistige Verbindung zu Jesus und seiner Sicht der Welt sucht, desto enger erscheinen plötzlich alle rein menschlichen, familiären oder konventionellen Bindungen. Sie werden als einengend empfunden, weil eine ganz neue Art von Verwandtschaft entsteht – eine universelle Geschwisterlichkeit, die keine Blutsbande mehr kennt und deshalb über jede bisherige Grenze hinausreicht. Diese neue Verwandtschaft steht nicht im Widerspruch zur Nächstenliebe – im Gegenteil: Sie ist deren radikale Erfüllung. Nur wer sich von der Enge familiärer oder gruppenbezogener Vorlieben löst, kann jeden Menschen vorbehaltlos als Bruder, als Schwester, als Nächsten erkennen und lieben.

    Jesus und seine leibliche Familie

    Die Evangelien zeigen immer wieder, wie Jesus selbst diese Grenze zieht:

    • Mit zwölf Jahren im Tempel:

      Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Lukas 2,49
    • Als man ihm meldet, seine Mutter und Brüder warteten draußen:

      Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? … Wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“ Markus 3,33–35
    • Sogar seine Verwandten hielten ihn für verrückt und wollten ihn nach Hause zurückholen:

      Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen.“  Markus 3,21.

    Jesus lebt vor, was er fordert: Die geistige, hintergründige Bindung steht über der familiären, leiblichen und vordergründigen.

    Hass als Befreiung von alten Kategorien

    Das Thomasevangelium formuliert den Gedanken noch schärfer:

    „Wer nicht seinen Vater und seine Mutter hasst wie ich, der kann mir nicht Schüler sein. Und wer nicht seinen Vater und seine Mutter liebt wie ich, der kann mir nicht Schüler sein.“ (Spruch 101)

    „Hassen“ bedeutet hier nicht Gefühlshass gegen Personen, sondern die kompromisslose Ablehnung aller kleinlichen, übernommenen Kategorien und Bewertungen – aller Schubladen, in die wir Menschen (und uns selbst uns) stecken. Es ist der Hass auf das alte, enge Denken in „meine“ und „fremde“ Menschen. Jesus stellt mit seiner Aufzählung (Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern … und sich selbst!) jede Form blutsverwandtschaftlicher oder egozentrischer Festlegung radikal in Frage.

    Selbsthass als Weg zur Demut

    Der Satz endet mit dem Schockierendsten: „…und dazu sich selbst“. Hier wird klar: Wir sind nicht nur Gefangene unserer Familienrollen und gesellschaftlichen Erwartungen, sondern vor allem Gefangene unseres eigenen kleinen Ichs. „Sich selbst hassen“ heißt deshalb: sich die eigene Befangenheit, die menschliche Kleinkariertheit und Ohnmacht schonungslos einzugestehen. Nur diese ehrliche Betroffenheit schafft echte Demut – und nur Demut öffnet den Raum für eine tiefere Wandlung. Gleichzeitig birgt dieser „Selbsthass“ eine große Sehnsucht: frei zu werden von allen vordergründigen Abhängigkeiten, frei für die universale Liebe.

    Das Kreuz täglich tragen.

    Deshalb der zweite Satz:
    „Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“

    Das Kreuz ist hier nicht primär das Leiden um des Leidens willen, sondern das tägliche Berühren und Tragen all dessen, was uns peinlich, unangenehm und beschämend ist – unsere Schwerfälligkeit, die Einsicht unserer Unfreiheit, unsere Befangenheit, Fehlbarkeit und Schuld. Wer das nicht aushält und auf sich nimmt, bleibt in der Illusion eigener menschlicher Größe stecken.

    Freiheit durch das Eingeständnis der Ohnmacht

    Wer jedoch seine menschliche Begrenztheit mit innerem Bedauern und dem Glauben an deren Sinnhaftigkeit auf sich nimmt und trägt, gewinnt paradoxerweise Distanz zu sich selbst. Diese Distanz macht frei. Und genau in dieser Freiheit wird Großzügigkeit gegenüber anderen möglich – und damit die Erfahrung von Gottes Barmherzigkeit uns selbst gegenüber. Willst du, dass das Leben dir gnädig begegnet, so übe selbst Gnade:

    „Selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Matthäus 5,7

    Das Geheimnis der Wandlung

    Äußere Veränderung kann man nicht machen – sie geschieht oder geschieht nicht. Echte Wandlung ist immer Frucht einer inneren Auseinandersetzung:

    „Nehmt einen guten Baum, so wird auch seine Frucht gut sein.“ Matthäus 12,33

    Wir verwandeln uns nicht selbst durch Willenskraft. Wir werden verwandelt – dort, wo wir die Geisteshaltung Jesu annehmen und unser Kreuz (unsere Wahrheit über uns selbst) täglich tragen.

    Vom Turmbau und der Illusion menschlicher Planung

    Im anschließenden Gleichnis vom Turmbau und vom König, der in den Krieg zieht, zeigt Jesus, wie lächerlich jede rein menschliche Sicherheits- und Perfektionsstrategie wird, wenn wir ehrlich sind und unserer menschlichen Realität ins Auge sehen. Jede noch so durchdachte Lebensplanung ist im Grunde eine Trotzgebärde gegen die Wirklichkeit unserer Ohnmacht. Wer das erkennt, hört auf, sein Leben krampfhaft kontrollieren zu wollen – und gewinnt gerade dadurch jene Freiheit, die Jesus meint.

    Fazit: Die Geburt der wahren Geschwisterlichkeit

    Erst wenn wir bereit sind, unsere alten Bindungen und unser altes Selbstbild loszulassen – nicht durch äußere Trennung, sondern durch inneres „Hassen“ der Enge – entsteht Raum für die eine, universale Familie:

    „…alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.“ Friedrich Schiller – Ode an die Freude

    In dieser Geisteshaltung werden wir wirklich frei – und erkennen unsere wahre Verwandtschaft in Christus.

  • Krieg und Frieden

    Krieg und Frieden

    Aus Angst vor den Unwägbarkeiten des Daseins, meinen wir das Leben (be)zwingen zu müssen. Doch führen wir damit einen Krieg gegen einen Gegner, der uns immer überlegen sein wird.

    Welcher König will sich auf einen Krieg einlassen gegen einen andern König und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob er mit Zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit Zwanzigtausend? Wenn nicht, so schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden. So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.  Lukas 14,31-33

    Jesus sah seine Mission vor allem darin, dass der Mensch ein neues, freundschaftliches Verhältnis zu seinem Leben finden könnte, doch dazu muss er sich von allem vermeintlich Sicheren distanzieren. Der christliche Erlösungsgedanke besteht darin, dass der Mensch in einem neuen Bewusstsein den erbitterten und aussichtslosen Kampf gegen das „ungerechte“ Leben nicht mehr zu kämpfen braucht. Denn dort wo wir uns nicht in der Lage sehen, auch in den Unannehmlichkeiten des Lebens Sinn und Bedeutung zu finden, wo wir uns also entschieden abwenden von den Schattenseiten unseres Daseins, wo wir das Unliebsame nicht sehen wollen, leben wir nicht im Einklang mit unserem Dasein.
    Indem wir nur einen bestimmten Teil unseres Lebens akzeptieren und den anderen für unbrauchbar erklären, liegen wir im Krieg mit dem entscheidenden Bereich unseres Daseins, und es bleibt nur abzuwarten, wann der Zeitpunkt erreicht ist und das Leben mit allem verdrängten Leid anklopft und über uns hereinbricht.
    Jesus hält uns hier eine ungewohnte Realität vor Augen und hinterfragt in diesem Gleichnis jenes Realitätsverständnis, das wir im Laufe unseres Lebens irgendwann einmal übernommen haben. So geht es ihm darum, den Krieg gegen das eigene Leben wieder ins menschliche Bewusstsein zu rufen. Rat halten, bedeutet hier abwägen, das heißt, man soll sich selbst ehrlich befragen, ob man sich tatsächlich gegen alle Unannehmlichkeiten – die das Leben uns entgegenhält – absichern oder sie wirkungsvoll ausschließen kann. Wenn wir uns diese Frage stellen, können wir sie letztlich nur mit „Nein“ beantworten. Das Leben ist uns übermächtig; es behält in seiner scheinbaren Teilnahmslosigkeit die Oberhand. Gerade dann, wenn man meint, man hätte alle Dinge für sich geregelt, wirft uns igendetwas plötzlich und unerwartet zurück. Gegen diese Übermacht antreten, heißt, seine Chancen in diesem Kampf nicht realistisch abgeschätzt zu haben. Sieht man solche Übermacht auf sich zukommen, bleibt im Grunde genommen gar keine andere Wahl, als den Kontakt mit dem Gegner zu suchen und um Frieden zu bitten. Tut man das, so wird man nun seine ganze Kraft darauf verwenden, mit dem vermeintlichen Feind Frieden zu schließen.
    Konsequent ist daher auch hier der Nachsatz Jesu:  „So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.“ (Lukas 14, 33) Damit gibt er zu bedenken, dass uns die Bürde des Menschseins durch Vordergründiges und Kurzlebiges nicht genommen werden kann. Der einzig gangbare Weg kann nur in einer Akzeptanz der ganzen Wahrheit liegen – also nicht im Ausweichen und durch Flucht in eine konstruierte Wirklichkeit. Erst auf Basis dieses Bewusstseins und Eingeständnisses gelingt uns das Annehmen aller Unannehmlichkeiten wie:  Schwäche, Unvermögen, Verlust, Krankheit, Verrat, Ungerechtigkeit und Tod.

    Nun geht es darum, nichts, aber auch absolut gar nichts, auszuklammern, sondern alles „Schwere“ in das Denken und Handeln mit einzubeziehen. Exakt in dem Moment, in dem wir beginnen, nach Sinn und Bedeutung der Lebenssituationen zu suchen, die uns so sehr widerstreben, stehen wir in einer fruchtbaren Verhandlung mit dem vermeintlichen Gegner. Dieses Vertrauen in den bisherigen Feind führt dazu, dass uns das Leben in völlig neuer und freundschaftlicher Weise begegnen wird. Allem Unschönen, Peinlichem und allem Leid entgegenzugehen, um Frieden darin und damit zu finden, heißt im Grunde ja nichts anderes, als Selbsterkenntnis zu üben, da diese Dinge mit niemand anderem als mit uns selbst zu tun haben.

  • Das Gleichnis vom Turmbau

    Das Gleichnis vom Turmbau

    Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen, – damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann’s nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten, und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann’s nicht ausführen?    Lukas 14, 28-30

    Ausdruck des Lebens ist das Streben nach „oben“. Im Streben nach oben versuchen wir uns „Freiräume“ zu verschaffen, in denen uns nichts „Niedriges“ mehr berühren kann. Mit dem Gleichnis vom Turmbau, drückt Jesus das menschliche Verlangen nach Erhabenheit aus, den Wunsch, sich über die beschwerlichen und feindlichen Seiten dieses Daseins zu erheben.

    Einen Turm bauen wollen, bedeutet im Sinne des Gleichnisses, die Dinge von einer höheren Warte aus – die Welt mit Distanz betrachten zu wollen. Damit steht der Turm als ein Gleichnis für Erhabenheit, für den Wunsch nach Ruhe, Sicherheit, Unerreichbarkeit und Unberührbarkeit. So ist jeder auf seine eigene Weise bemüht, sich einen Ort zu schaffen, an dem ihm das Leid dieser Welt nichts mehr anhaben kann.

    So symbolisiert der Turmbau unser Streben nach Individualität und Erhabenheit, aber auch nach Entzug und Rückzug. Der Wunsch nach Erhabenheit ist nichts Schlechtes an sich, er wird jedoch auf ganz unterschiedliche Weise umgesetzt: Aus rein menschlicher und vordergründiger Sicht läuft es meist darauf hinaus, sich den Status des „Turmes“ durch Äußerlichkeiten zu verschaffen – beispielsweise durch Familienbande, durch Beziehungen, durch Geld, durch Besitz, durch den gesunden oder den schönen Körper, durch materielle Absicherung, durch persönlichen Erfolg, durch gesellschaftliche Anerkennung, durch Machtausübung, durch Unterdrückung anderer, aber auch durch Drogenkonsum und durch Todessehnsucht.

    Wie auch immer, man möchte unerreichbar und unberührbar sein gegenüber dem Leid der Welt, möchte in „Sicherheit“ leben und über das Unkalkulierbare herrschen.  Im Gleichnis vom Turmbau gibt Jesus zu bedenken, dass alle Versuche, das Unkalkulierbare und Unangenehme abzuwenden, immer unzureichend sein werden, solange sie auf irgendwelche Äußerlichkeiten d. h. solange sie auf Vordergründigem basieren, denn alles Äußerliche – wie es auch heißen mag – unterliegt der Schwächung, dem Verfall, und in allem Hiesigen liegt bereits der Niedergang. Das Unkalkulierbare jedoch ist das Unabwendbare. Es ist Leid, Tod, Niederlage, Schmach, Verrat und Verlust. Diese Dinge nicht in seine Lebensplanung einzukalkulieren, bedeutet, sich zu verkalkulieren.