Patti Smith und die Dogmatik

Patti-Smith

Über die negative Wirkung starrer und unreflektierter Glaubensformeln.

Neulich fiel mir ein Zeitungsartikel über ein Rockkonzert in die Hand, in dem die Unverständlichkeit einer Aussage Jesu thematisiert wurde. In dem Bericht ging es um die Ansichten der Popmusikerin Patti Smith, die in einem streng gläubigen Elternhaus (Zeugen Jehovas) aufgewachsen ist und die den christlichen Grundgedanken, dass Jesus für unsere Sünden gestorben sei, mit folgenden Worten in Frage stellt: „ Jesus ist für unsere Sünden gestorben, aber nicht für meine!“ Dabei kam mir der Gedanke, dass Jesus die Menschen ohne Dogmatik von seiner Sicht der Dinge, zu überzeugen versuchte. Das zeigt schon allein die Vielzahl und die Unterschiedlichkeit seiner Gleichnisse. Vertrauen sollte auf einer Überzeugung des Für-wahr-haltens seiner Botschaft beruhen. Die Gleichnisse waren Interpretationsversuche einer grundlegenden, hintergründigen Wahrheit, die Jesus erkannt und geschaut hatte. Die Gleichnisse sind insofern Zeugnisse seines inneren Ringens, um seinen Zuhörern die Hintergründe seines Wirklichkeitsverständnisses verständlich zu machen, damit das, was Relevanz hat, für wahr erkannt werden kann. Erkennen und Vertrauen bedingen hier einander. Viele christliche Religionsgemeinschaften tun aber genau das Gegenteil. Sie verlangen das sture Anerkennen von Glaubenssätzen, die nicht hinterfragt werden dürfen. Mit der Forderung, dass bestimmte biblische Aussagen, ohne dass sie verinnerlicht oder verstanden werden, einfach geglaubt werden müssen, haben sich viele christliche Religionsgemeinschaften einen Bärendienst erwiesen. Insofern ist es den Skeptikern nicht zu verdenken, keinen Sinn in solchen Aussage Jesu zu sehen. Eigentümlich finde ich aber doch, dass die aufgeklärten Zweifler sich den Texten nicht selbstständig nähern, sondern, dass sie das Programm ihrer kirchlichen Prägung als ein Dogma annehmen, das keine andere Interpretation zulässt, um es dann getrost in das Land der Märchen zu verbannen. Während also Jesus versuchte, seine Sicht auf die hintergründige Wirklichkeit (Reich Gottes) seinen Zuhörern möglichst transparent zu machen, ziehen die Dogmatiker ihren undurchsichtigen Vorhang davor. Da kommt mir unwillkürlich der Gedanke vom zerrissenen Vorhang im Tempel in den Sinn… Derart von den inhaltlichen Grundlagen getrennt, konnten Kreuzestod und Abendmahl als magische Handlungen missverstanden bzw. umgedeutet werden. Weshalb der ursächliche Zusammenhang von Kreuzestod und Sündenvergebung nicht gesehen bzw. vermittelt wird, bleibt für mich rätselhaft. Die Vergebung von Schuld beruht nach dem Verständnis Jesu eben nicht auf einer magischen Heilshandlung, sondern ausschließlich auf der Annahme der Geisteshaltung Jesu, der die Ungerechtigkeit, die man ihm angetan hatte, als eine höhere Art der Gerechtigkeit neu interpretierte. Auf diese Weise wurde das alte Verständnis von Anklage und Schuld, in welchem Jesus als ein Opfer der Böswilligkeit seiner Feinde verstanden werden konnte, durch ein neues Wirklichkeitsverständnis überwunden. Kraft dieser Erkenntnis opfert sich Jesus also einem neuen, universellen Lebensverständnis, in welchem nun allem was uns wiederfährt, eine Relevanz und Notwendigkeit zukommt. Innerhalb eines solchen Verständnisses ist kein Platz mehr für Anklage und Schuld, da hier auch derjenige, der an mir schuldig wird, zu einem Teil des göttlichen Willens wird. Die Ursache für die Vergebung von Schuld liegt dabei in der persönlichen und individuellen Einwilligung in das bisher „Ungerechte“, wie Jesus es selbst verstand als er sagte: „Vater wenn es möglich ist, dann lass diesen Kelch an mir vorübergehen, jedoch nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Indem Jesus sein eigenes Leiden und Sterben zum Willen Gottes machte, wurde dieser notgedrungen zur Ursache von Schuld, Leid und Tod. Weil aber in Gott weder Schuld noch Leid noch Tod existieren, müssen alle Klagen und Anklagen aufhören. Hieraus folgt auch der Gedanke, dass derjenige der diesem Verständnis Jesu Christus folgt zum Glücksfall für seine Feinde wird….

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