Abschied vom Opfertod

Der katholische Theologe Dr. Meinrad Limbeck 1934-2021 trennt in seinem Buch die Predigt Jesu vom Reich Gottes kategorisch von seiner Passion, wodurch notwendigerweise auch der transzendente Gedanke entfällt.

Das Christentum neu denken

Eine Rezension zum Buch “Abschied vom Opfertod – Das Christentum neu denken” erschienen 2012 im Matthias-Grünewald- Verlag Ostfildern

Eine Theologie ohne Transzendenz

Der Autor Dr. Meinrad Limbeck bricht mit der urchristlichen Glaubensvorstellung, die in der Ablehnung, Verurteilung und Hinrichtung Jesu einen göttlichen Willen sieht. Dass Jesus seine Hinrichtung am Kreuz bewusst selbst verursacht und gewollt haben könnte, verneint er. Zur Untermauerung seiner These stellt er eine Vielzahl biblischer Bezüge her. Er vernachlässigt dabei jedoch, die zentrale Aussage der Evangelien, nach der Jesus seinen Leidensweg selbst für notwendig und für unumgänglich erachtete. Auch übersieht der Autor die bewusste Einwilligung Jesu in den Willen Gottes, den er in seiner Passion (für sich) so erkannt hatte. Dass diese Überzeugung Jesus letzlich dazu befähigte, selbst Unrecht, Leid und Tod auf sich zu nehmen, um diese Bereiche geistig zu überwinden, findet in der Theologie dieses Buches keine Entsprechung.

Von der Zeit an begann Jesus seinen Jüngern zu erklären, wie er müsste hin nach Jerusalem gehen und viel leiden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen.

Matthäus 16, 22

Und ging hin ein wenig, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!

Matthäus 26,39

Jetzt ist meine Seele betrübt. Und was soll ich sagen? Vater, hilf mir aus dieser Stunde! Doch darum bin ich in die Welt gekommen.

Johannes 12, 27

Der Autor verneint, dass in der Passion Jesu ein tiefer Sinn, ja, dass in ihr überhaupt irgendetwas Gutes liegt, wobei er auch hier zentrale Aussagen der Evangelien außer Acht lässt, in denen Jesus diesen Sachverhalt seinen Jüngern explizit in diesem Sinne verdeutlicht:

Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.

Johannes 12, 24

Und wie Mose in der Wüste eine Schlange erhöht hat, also muss des Menschen Sohn erhöht werden, auf das alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Johannes 13, 14-15

Nun aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand unter euch fragt mich: Wo gehst du hin? Sondern weil ich solches geredet habe, ist euer Herz voll Trauerns geworden. Aber ich sage euch die Wahrheit: es ist euch “gut”, dass ich hingehe. Denn so ich nicht hingehe, so kommt der Tröster nicht zu euch …

Johannes 16, 5-7

Der Autor verneint den Glauben, in welchem die Vergebung menschlicher Schuld ursächlich etwas mit der Passion Jesu zu tun hat. Diese Theologie führt er als unrichtig auf den Apostel Paulus zurück. Auch diese These untermauert er durch eine Vielzahl biblischer Verweise. Doch auch hier übergeht er die zentralen Aussagen der Evangelien, in denen Jesus selbst diesen Zusammenhang in dieser Weise erklärt und darlegt:

Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.

Matthäus 20, 28

Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet und reichte ihn den Jüngern mit den Worten: Trinkt alle daraus; das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.

Matthäus 26, 27-28

Der Autor verneint die Existenz eines allmächtigen Gottes. Die Erklärung Jesu in Joh. 10, 17-18, wonach göttliche Macht selbst im Zustand äußerster menschlicher Ohnmacht ihren Ausdruck findet, thematisiert der Autor nicht. Dadurch erfährt auch das allgemeine transzendente Verständnis, in welchem Jesus seine Passion auf sich nahm und welches er auch in seinen Predigten und Erklärungen verdeutlichte, in diesem Buch keinerlei Würdigung.

Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.

Johannes 10, 17-18

Auch jenen großartigen christlichen Gedanken, nach welchem die Macht der Wahrheit, selbst im Zustand menschlicher Ohnmacht niemals geschmälert werden kann, sucht man in der Theologie des Autors vergebens. Daher fehlt dieser Theologie auch der tröstliche Aspekt der Botschaft Jesu, wonach wir selbst in ungerechten, leidvollen und beschwerlichen Geschehnissen Förderung und Bestätigung erfahren müssen, wenn wir diese im Geist Jesu auf uns nehmen und bereitwillig tragen.

Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und allerlei Böses gegen euch reden und dabei doch lügen.

Matthäus 10,22


… sehet zu und erschreckt euch nicht … Alsdann werden sie euch überantworten in Trübsal und werden euch töten. Und ihr müsst gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern.

Matthäus 24, 6 + 9-10

Die Vernachlässigung dieses doch zentralen Gedankens der Bergpredigt verwundert, ist es doch ebendieser Gedanke, der den Glauben an die Auferstehung Jesu und damit die Auferstehung aller zeitlosen Wahrheit bestätigt und rechtfertigt.

Der Autor trennt Jesu Predigt vom Reich Gottes kategorisch von seiner Passion, wodurch notwendigerweise auch der transzendente Gedanke entfällt. Insofern definiert der Autor den Begriff vom Reich Gottes auch eher diesseitig. Konkret wird diese Auffassung in seiner Aufzählung verschiedener erfolgreicher karitativer Projekte, die der Autor selbst erfahren oder begleitet hat und die, seiner Ansicht nach als eine Verwirklichung des Reiches Gottes betrachtet werden können.

Abgesehen von den oben genannten Ansichten des Autors, die ich für mich persönlich als eine Fehlinterpretation der Botschaft Jesu erachte, enthält das Buch aber auch interessante theologische Ansätze und wertvolle Informationen, sodass sich die Lektüre für mich persönlich dennoch etwas gelohnt hat.

Eine weitere, vertiefende Betrachtung zum Thema Opfertod Jesu finden Sie hier auf Christophilos auch in dem folgenden Blogbeitrag: Missverstandener Opfertod Jesu

Dresden am 6. März 2023

Autor: Elmar Wieland Vogel

Autor, Bildhauer, Liedermacher, Lyriker. Hier blogge ich zu den Themen: Theologie, Christologie, Philosophie und christliche Mystik.

2 Gedanken zu „Abschied vom Opfertod“

  1. Ich habe schon immer Probleme damit. Ein Kind unschuldig geboren soll für die Sünde der Welt sterben. Aber trotzdem glaube ich nicht das man es trennen kann.

    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar liebe Marie, den ich leider erst jetzt entdeckt habe.

      Um zu verstehen, was damit gemeint ist, dass Jesus die Sünde/Schuld der Welt auf sich genommen hat, muss man einen Blick auf die Natur werfen: In der Natur stirbt nichts sinnlos. Alles Sterben dient dort als Grundlage für neues Leben. Das Sterben in der Natur hat absolut nichts mit Strafe oder Bestrafung zu tun, sondern es stellt immer eine Förderung des Lebens an sich dar. So verhält es sich auch mit Gott: Weshalb sollte Gott jemanden bestrafen, wenn er stirbt? Jesus hat gelehrt und gezeigt, dass unser menschliches Sterben (genauso wie in der Natur) einen Sinn und eine Bedeutung erfahren muss. Erkennen wir Sinn und Bedeutung von Unrecht, Schwäche, Leid und Tod, so erfahren diese Bereiche für uns eine Notwendigkeit. Wer Unrecht, Leid und Tod in diesem Sinne versteht und auf sich nimmt, der erfährt keine Strafe mehr, selbst dann nicht, wenn Menschen etwas als Strafe über ihn verhängen, sondern er erfährt eine Förderung seiner Existenz in allen Geschehnissen: Das ist das Prinzip der Auferstehung. Eben deshalb, weil Jesus seine Passion nicht als Strafe verstand, sondern um Gottes Wirken in allen Geschehnissen wusste, konnte er das, was Menschen als Strafe über ihn verhängten, bereitwillig auf sich nehmen – wissend, dass dem, der Gott liebt und Gottes Wirken in allen Geschehnissen erkennt, alle Dinge zum Besten dienen:

      Amen, amen ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Joh 12, 20-24

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