Der Verlust der Transzendenz

Die Angst vor dem Tod macht uns korrumpierbar und bereit, jedes nur erdenkliche Verbrechen gegenüber unseren Mitmenschen zu rechtfertigen
oder es sogar selbst zu verüben.

Zunehmend rufen Kirchenvertreter dazu auf, Menschen auszugrenzen, religiöse Gemeinschaft nur noch für „sichere“ Personen zu gestatten und die „Unsicheren“ auszuschließen. Der Grund für ihre Forderung ist zum einen Teil sicher Opportunismus, zum anderen Teil aber ist es Angst – die allzu menschliche Angst vor Unsicherheit, Krankheit und Tod. Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich für mich die Frage nach der Bedeutung der Transzendenz, die dem christlichen Glauben doch zu Grunde liegen sollte. Konkret: Ist der Gedanke, dass unserem Daseins eine transzendente Bedeutung zukommt, für die Kirchen noch relevant?

Ein Freund der Kranken und Ausgestoßenen

Aus den Evangelienberichten wissen wir, dass Jesus von Nazareth, auf den die Kirchen sich berufen, ganz bewusst Gemeinschaft pflegte mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft standen, selbst Begegnungen mit Kranken und sogar Aussätzigen scheute er nicht und er sagte den Menschen: Wer zu mir kommt den werde ich nicht abweisen.“ Johannes. 6,37.

Nun haben wir es hier, verglichen mit der Situation Jesu, nicht mit wirklich kranken Menschen zu tun, sondern mit Gesunden, die für „potentiell“ krank erklärt wurden. Aber ist dies nun tatsächlich eine Ausnahmesituation im Sinne einer Pestilenz? Keineswegs, denn der Mensch, als potentiell Kranker und Totgeweihter ist so alt ist wie die Menschheit selbst und keine Arznei der Welt kann ihn vor dieser Realität schützen oder bewahren.

Krankheit und Tod sind notwendige Begleiter unseres Daseins, die uns zu dem machen, was wir sind: Menschen.


Insofern bewirken die Forderungen nach Ausgrenzung vor allem eines; dass sich Menschen gedanklich entzweien, dass ein Klima des Misstrauens entsteht und dass Gemeinschaften zerbrechen. Doch was haben diese Forderungen mit dem Vorbild gemein, das Jesus den Menschen gegeben hat? Nicht das Geringste! Sowohl die Forderung nach Ausgrenzung, als auch das Verbot der Gemeinschaft, zeigt die Unvereinbarkeit mit der Lehre Jesu: Seiner Lehre nach, ist weder unsere menschliche Existenz noch unsere Gesundheit unser menschliches Verdienst, sondern Gnade. Wer den Menschen im Namen Jesu sagt, dass die Berechtigung ihrer Existenz von einer bestimmten Kur oder einer Arznei abhängig sei, hat den Bezug zur christlichen Gnadenlehre grundlegend verloren. Die Folge einer solchen Ideologie wird ein System der Gnadenlosigkeit sein.

Der Gedanke der Transzendenz

Der Gedanke der Transzendenz „des Übersteigens oder Hindurchdringens“ geht von der Möglichkeit der gedanklichen Durchdringung unserer endlichen Erfahrungswelt aus, hin zu einem übergeordneten, immateriellen und geistigen Grund von zeitloser Gültigkeit. Auf diesen Gedanken gründet sich der christliche Glaube. Es ist ein Glaube an unsere eigentliche und ewige Existenz, die in Gott begründet ist.

Der Gedanke der Transzendenz unseres Lebens bildet gewissermaßen die Grundlage der Botschaft Jesu, denn seiner Lehre nach liegt unsere eigentliche und grundlegende Existenz in Gott. Das heißt, sie besteht auf einer geistigen Ebene. Diese Existenz ist zeitlos und insofern unsterblich. Sie ist es jedoch nur in dem Maße, wie wir uns dieser Wahrheit nähern wollen, d. h. soweit wir diese Wirklichkeit suchen, ersehnen und wünschen, dass sie uns bewusst werde. Suchen und ersehnen wir unsere Existenz in Gott nicht, so haben wir auch keinen Anteil an ihr. Erkennen wir jedoch unsere Existenz in Gott als unsere eigentliche, so wird sie dadurch zu unserer neuen und unvergänglichen Wirklichkeit. In dieser Erkenntnis werden wir auch unser Dasein neu verstehen lernen. Das eine ist jedoch nicht möglich ohne das andere:

„Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird dem einen anhängen und den andern hintergehen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“  Matthäus 6, 24

Jesus Christus ist gekommen, damit wir uns unserer transzendenten, d. h. unserer geistigen Existenz bewusst werden; und dazu war er bereit, seine eigene zeitliche Existenz hinzugeben.

In seiner Passion hat er deutlich gemacht, dass unsere geistige Existenz über der stofflichen steht. Er hat ferner aufgezeigt, dass die geistige Existenz die Grundlage jeglicher Existenz ist und wir daher alle unsere Kräfte aufwenden sollen, uns unsere geistige Existenz zu bewahren, selbst wenn unsere äußere Existenz dadurch Schaden nehmen sollte. 

„Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“     Matthäus 16,25-26

Profanierung des Menschen – der Ausverkauf der Seele

Nicht nur in seiner Botschaft, auch durch die bewusste Einwilligung in seine Passion vermittelte Jesus, dass uns nur der Glaube an unsere ewige und zeitlose Existenz in Gott frei machen kann. Frei von einem Dasein, dessen Handlungen von Angst und Befangenheit bestimmt sind. Sei es die Angst vor Krankheit, vor Ausgrenzung, vor Ächtung, vor Ungerechtigkeit, vor Leid oder vor dem Tod. Wo immer solche Ängste unser Tun und Handeln bestimmen, und wir der Illusion erliegen, Leid und Tod entgehen oder ausschließen zu können, sind wir getäuscht und korrumpierbar – das heißt wir sind käuflich. Als „Gekaufte“ werden wir auch bereit sein, all das zu verkaufen und zu verraten, was geistig-ideellen Wert besitzt. Man nennt das den Ausverkauf der Seele. Denn was wir auf diese Weise verraten und preisgegeben haben, darauf haben wir auch willentlich jeden Anspruch aufgegeben. Von daher führt jede Schwächung des Geistes unweigerlich zu einer profanen und sinnentleerten Existenz – einem geistlosen Lebensverständnis, das in letzter Konsequenz hinausgeschüttet und zertreten werden wird, wie es Jesus in seinem Gleichnis von der Wirkkraft des Salzes verdeutlichte: 

„Ihr seid das Salz der Erde. Wo nun das Salz kraftlos wird, womit soll man’s salzen? Es ist hinfort zu nichts nütze, als dass man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten.“ Matthäus 5, 13

Ein profaniertes Lebensverständnis, bedeutet die Reduktion des Menschen auf seine reine Äußerlichkeit, die nun um jeden Preis erhalten werden muss.

Der Preis, der dafür bezahlt werden muss scheint für viele schon akzeptiert: Trennung, Ausgrenzung, Entrechtung, Wut und Hass gegenüber unserem Nächsten, der unser korrumpiertes Lebensverständnis nicht teilt. Doch da solche Sanktionen gegen unseren Mitmenschen offiziell und ideologisch begründet werden – dürfen und sollen sie ausdrücklich geübt werden. Da selbst korrumpiert, fördern solche „Seelsorger“ ein Milieu der Angst, des Misstrauens, der Unversöhnlichkeit und der Feindseligkeit. Dabei wären Sie in Namen Jesu aufgerufen das Gegenteil zu tun, nämlich Frieden zu stiften:

„Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Töchter und Söhne Gottes genannt werden“ Matthäus 5,9.

Den Feind hassen heißt, ihm berechtigt Nachteile zu wünschen 

Das Liebesgebot bildet zweifellos das Kernstück der Botschaft Jesu. Seine Aufforderung, auch den Feind zu lieben, erscheint dabei selbst manchen „Christen“ unzumutbar, oder zumindest kaum praktikabel. Umso dringender stellt sich gerade in unserer aktuellen Situation die Frage, was es mit diesem außerordentlichen Liebesgebot auf sich hat.

Warum sollen wir unsere Feinde lieben, ihnen Gutes tun, für sie beten usw. wie es Jesus fordert? Die Antwort ist einfach und erschütternd zugleich: Wir sollen unsere Feinde lieben, weil diese ein wesentlicher Teil unseres Daseins sind. Weil, dem Verständnis Jesu nach, uns kein Mensch von ungefähr begegnet. Auch unser Feind ist unser Nächster, der uns nach dem Willen Gottes begegnen muss und den wir darum ebenso lieben sollen wie uns selbst. So hat Jesus auch den Menschen vergeben, die hinterhältig und ungerecht an ihm gehandelt haben. Und heute bemühen Theologen seinen Namen, um Menschen ohne böse Absichten auszugrenzen und zu sanktionieren.

Das Leben in seiner Gänze annehmen

Unsere Vorstellung von dem, was wir „Leben“ nennen, kann nur vollständig sein kann, wenn auch Leid und Tod darin inbegriffen sind. Das heißt, unsere menschliche Existenz kann nur ganz und heil werden, wenn wir auch die herbe Erfahrung der Ablehnung, der Ausgrenzung und der Ungerechtigkeit, in unser Leben mit einschließen. Erst in der Liebe gegenüber unserem Feind und all dem was dieser über uns verhängen mag, wird unser Leben vollständig. Nur das Vollständige ist das Ungeteilte und das Göttliche, dem Unsterblichkeit und Zeitlosigkeit zukommt.

Dabei geht es keineswegs darum, ob unser Feind sich im Unrecht befindet und wir im Recht oder umgekehrt. Nein, der Botschaft Jesu nach beruht jeder Gedanke der Feindschaft und des Hasses, den wir gegenüber unseren Nächsten hegen, auf einem folgenschweren Irrtum.

Jeglicher Hass beruht auf dem Irrglauben, dass die Welt gegen den Willen unseres Mitmenschen gebessert werden kann und muss.

Menschlicher Hass beruht aber auch auf dem Irrtum, dass eine geteilte Welt am Ende immer noch eine bessere, da eine sicherere Welt sei. Doch das Gegenteil davon ist wahr. Was im Streit mit sich selbst liegt, kann nicht dauerhaft Bestand haben. Was geteilt ist, hat seine „Ganzheit“ bereits verloren und muss zu Grunde gehen. Darum ist es notwendig, dass wir auch in unserem Feind und in dessen Handlungen gegen uns, den Willen Gottes erkennen.

„Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, kann nicht bestehen.“ Matthäus 12. 25

Unser Weltbild kann nur von Bestand sein und bleiben, wenn wir unser Leben in seiner Gänze annehmen. Eben darin war uns Jesus Christus Vorbild, indem er auch das Beschwerliche, die Widerstände, ja sogar Leid und Tod aus der Hand Gottes bereitwillig angenommen hat.

Die größte menschliche Befangenheit rührt aus der Angst vor dem Tod, dem aber doch niemand von uns entgehen kann.

So, wie die Angst vor dem Tod uns befangen macht, macht sie uns auch verführbar und bereit, jedes nur erdenkliche Verbrechen gegenüber unseren Mitmenschen zu rechtfertigen oder es sogar selbst zu verüben. Dieser Grundwahrheit sollten wir uns angesichts der aktuellen Entwicklung vor Augen halten, um auch den Menschen verzeihen zu können, die solchen Ängsten bedingungslos erliegen.

Der Feind, das ist der Andersdenkende

Die absurdeste Form des Feindbildes rührt aus dem Glauben, dass der andere mein Leben gefährdet, ohne etwas konkret böses getan zu haben. Allein durch seine, Gott gegebene Existenz, bedroht er die Existenz anderer. Wir kennen dieses Szenario aus der Geschichte: Ob die Christen im alten Rom, die Juden, die über Jahrhunderte hinweg die Schuldigen waren, ob die Ketzer, die eine andere Meinung vertraten als die Amtskirche, die Hexen und Hexer, die schuld waren an Missernten usw., die Protestanten, die Hugenotten und all die Glaubensflüchtlinge und Exulanten des 30-jährigen Krieges. Es genügte, wenn man Teil einer Gruppe war, die hochoffiziell zu Gefährdern erklärt wurde, um zum Feind der übrigen Gesellschaft zu werden. War man einmal offiziell als Feind des Systems benannt worden, dann war es auch erlaubt oder sogar heilige Pflicht, diesen Menschen zu verfolgen, auszugrenzen, zu entrechten, zu schädigen oder gar zu töten.

Unsere Geborgenheit in Gott 

Der Angst vor dem Feind, der unser Leben bedroht, setzt Jesus das Vertrauen in Gott entgegen. Gott, der alle Geschehnisse wirkt und der all jene Menschen in ihrer Not bedenkt und aufrichtet, die in seine Allmacht vertrauen. Selbst wenn man uns „verkauft“ oder ausliefert, wie man es ja mit Jesus gemacht hat, so sind wir von Gott doch nicht vergessen.

„Verkauft man nicht fünf Sperlinge um zwei Pfennige? Dennoch ist vor Gott nicht einer vergessen. Aber selbst die Haare auf eurem Haupt sind alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.“ Lukas 12, 6-7

Auch Jesus wurde offiziell einem Feindbild zugeordnet, weil seine Ansichten sich nicht mit dem „offiziellen“ Religionsverständnis deckten und weil er zudem dessen Missstände offen und vehement anprangerte. Auch bei seiner Verurteilung spielte die menschliche Angst vor einer drohenden Gefahr – dem militärischen Eingreifen Roms – eine entscheidende Rolle. Auch wenn diese „Gefahr“ letztlich nur ein politischer Vorwand war und Jesus ein willkommenes Bauernopfer:

Einer aber unter ihnen, Kaiphas, der in jenem Jahre Hoherpriester war, meldete sich zu Wort und sprach: Ihr habt ja keine Ahnung, ihr bedenkt die Konsequenzen nicht; es ist immer noch besser wenn ein einzelner Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht. Johannes 11, 49-50

Und doch war Jesus gekommen, um den Irrtum jeglichen Hasses aufzudecken, und dafür war er bereit, selbst zum Objekt des Hasses zu werden. Sein Ruf am Kreuz; „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ ( Lukas 23, 34)  zeigt, dass er seiner Botschaft bis zum Ende treu geblieben ist, indem er sterbend noch für seine Feinde bat. In dieser Geisteshaltung wird die Transzendenz seiner Botschaft deutlich, die uns folgende geistige Wahrheit vermittelt:

Soweit wir das Böse, das uns unser Feind antut, im Vertrauen auf uns nehmen, dass uns in allen Geschehnissen Gott selbst begegnet und wir insofern auch unseren Feind von Schuld freisprechen müssen, soweit stellen wir uns unter den Willen Gottes, der ausnahmslos alle Dinge wirkt. Doch Gott wirkt diese Dinge nicht umsonst.

Alles was Gott wirkt, das wirkt er, um das Leben zu fördern, dessen Ursprung er selbst ist.

Darum, sind wir in Gott, so kann uns nichts hindern. Sind wir nicht in Gott, so hindert uns alles. In diesem Sinne lehrte einst Meister Eckhart:

„Du selbst bist die Ursache aller deiner Hindernisse. Hüte dich vor dir selbst und du hast wohl gehütet.“

und der Apostel Paulus schrieb:

„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ Römerbrief 8, 28

„Wenn Gott für uns ist, wer will dann gegen uns sein?“ Römerbrief 8,31 

An den Früchten erkennt man den Baum

Wo wir im Vertrauen auf Gott anfangen, auch unseren Feind zu lieben, rufen wir Gott herbei und ermächtigen ihn, alle Dinge zu unserem Besten zu wenden. Durch unser Vertrauen, dass Gott alles in allem ist und dass da nichts ist, wo Gott nicht wirken könnte, rufen wir Gott ins Ungerechte, in das Böse ja, selbst in unseren Tod und allein durch unser Vertrauen, wird Gott es wandeln, sodass aus Tod Leben und aus Trauer Freude werden wird. 

So wird jeder Mensch, der in die Botschaft Jesu vertraut, auch in seinem Feind und in dessen böswilligen Handlungen den Willen Gottes finden können, weil er auf den Sinn und die Bedeutung aller Geschehnisse vertraut, die ihm begegnen. So wie Jesus Christus, der in der Anfeindung, im Hass und schließlich in Leid und Tod, das man ihm antat, den Willen Gottes erkannte. In unerschütterlichem Vertrauen hat er damit Gott zum Vater aller Geschehnisse gemacht und hat alle, die ihm gedanklich darin folgen wollen, frei gemacht vom Gedanken der Vergeltung. Das ist der gute Baum, der gute Frucht hervor bringt.

Wer nicht in die Botschaft Jesu vertraut, wird diese Lehre für absurd und unsinnig halten. Und so wird er „triftige“ Gründe finden Ausgrenzung, Entrechtung, Wut und Hass gegenüber seinem Nächsten zu rechtfertigen. Der Vertrauenslose wird seinen Nächsten zum rechtmäßigen Feind erklären, der kein Erbarmen verdient. Das ist der faule Baum, der schlechte Frucht hervorbringt.

„Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben ernten von den Dornen oder etwa Feigen von den Disteln? Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte.…“ Matthäus 7, 15-17

Eine kritische Zuschrift hierzu und meine Antwort darauf finden Sie auf Poeten.de

Als Bethlehem im Dunkel lag

(Ein Weihnachtslied)

Als Bethlehem im Dunkel lag
und Hirten hielten stille Wacht,
da ward es plötzlich heller Tag;
ein Licht erstrahlt in tiefster Nacht.
Und Klarheit, hoch von oben her,
verklärt nun Trauer, Leid und Tod;
Was ungeliebt und hart und schwer
– notwendig wird jetzt alle Not.

Als Dunkelheit die Welt umfing
und Blindheit alle Augen schlug
als Gottes Sohn am Kreuzstab hing,
den er hinauf zum Richtplatz trug.
Da hat erhellt den dunklen Sinn,
der uns in Not und Angst gebracht,
sein Wort, das schon vor Anbeginn,
durchdrungen hat die finstre Nacht.

So hat der Sohn uns kundgetan,
wie alles Leben ewig währt,
nahm auf sich Tadel, Schuld und Scham,
hat neu zu sterben uns gelehrt.
So nehmt, in seinem Geist und Sinn,
das eigene Kreuz nun täglich auf,
Denn Gottes Sohn ist der Ichbin*,
der führt die Welt zum Licht hinauf.

*2. Mose 3,14 bzw. Joh. 8,24

Midi Datei Klavierauszug

© Elmar Vogel 2. Dezember 2020

Zum Taufverständnis Jesu

Der Auffassung Jesu nach, muss der Begriff der Taufe viel weiter gefasst werden, als wir ihn aus dem kirchlichen Rahmen kennen.

Über die Bedeutung des menschlichen Scheiterns und Unterliegens und die Wiederauferstehung zeitloser Werte im Sinnbild der christlichen Taufe.

In den Urtexten des Neuen Testaments lautet das altgriechische Wort für „taufen“  baptízein (βαπτίζειν) und das für „Taufe“ baptein. Die Bedeutung des Begriffs reicht von „ein- oder  untertauchen“ bis hin zu „tränken und färben“.

In der ersten germanischen Bibelübersetzung, der gotischen Bibel von Wulfila aus dem 4. Jahrhundert, wird baptizein mit daupjan übersetzt, das ebenso wie das griechische Wort „tauchen“, „eintauchen“ bedeutet. Wie das gotische Wort daupjan gehen das altnordische deypa, das altenglische dyppan (s. a. dippen) und das althochdeutsche toufen, auf ein Wort zurück,  das im Neuhochdeutschen mit „tief“ wiedergegeben wird.  Quelle Wikipedia

Nun war die Muttersprache Jesu aber nicht das Altgriechische, sondern das Aramäische, denn er lehrte das Volk in der damaligen Landessprache. Im Aramäischen lautet das Wort für Taufe mamodita, das sich vom hebräischen amad ableitet und „aufstehen“ bedeutet. Die Wurzeln des Verbs amad wiederum gehen zurück auf den hebräischen Begriff amuda = Pfeiler. Vor diesem Hintergrund ist Taufe eher als ein Untergangs- bzw. Auferstehungsritual aufzufassen. Das heißt, neben dem Aspekt des Reinwerdens geht es auch um die innere Bereitschaft zu unterliegen (zu fallen und zu sterben) um danach erneut aufzustehen – um wieder aufgerichtet zu werden.

Damit wird deutlich, dass der Begriff der Taufe viel weiter gefasst werden muss, als wir ihn aus dem kirchlichen Rahmen kennen. Man vermutet heute, dass die große jüdische Täuferbewegung zur Zeit Jesu auf die Essener zurückgeht, die damals neben den Gruppierungen der Pharisäer und Sadduzäer eine besondere Form des Judentums vertrat. Stark für diese Vermutung sprechen die großen Wasserbecken mit Treppenanlagen zu beiden Seiten, wie sie bei den archäologischen Ausgrabungen des essenischen Wüstenklosters am Toten Meer zum Vorschein kamen. Hier war erstmals ein Untertauchen des ganzen Körpers möglich. Hinsichtlich des vollständigen Untertauchens unterschied sich dieser Ritus von den religiösen Waschungen des alten Testaments. Es ist anzunehmen, dass auch Johannes der Täufer in der Tradition der  Essener stand, später aber eigene Wege ging.  So setzte er gegenüber der Essenertaufe weitere, neue Akzente: das Untertauchen in „lebendigem“ Wasser und die öffentliche Taufe für jedermann – d. h. sein Taufbegriff war frei vom essenischen Elitegedanken. Der Begriff Lebendiges Wasser hat in der Sprache des Neuen Testaments eine doppelte Bedeutung. So bezeichnete man fließende (frische) Gewässer allgemein als lebendiges Wasser.  Wohl aus diesem Grund taufte Johannes die Menschen, die zu ihm kamen, auch in  einem Fluss, dem  Jordan. Auch Jesus verwendet den Begriff lebendiges Wasser jedoch bereits in einem übertragenen Sinne, wie aus dem Dialog mit der Samaritanerin hervorgeht, die den Begriff im herkömmlichen Sinne als fließendes bzw. frisches Wasser (im Gegensatz zu stehendem, abgestandenem Wasser) auffasst:

Dort war ein Brunnen, der Jakobsbrunnen, an den sich Jesus setzte, ermüdet von der langen Wanderung. Es war gegen 12 Uhr. Da kam eine samarische Frau zum Wasserschöpfen. Jesus sagte zu ihr: „Hast du auch etwas zu trinken für mich?“ Seine Jünger waren ins Dorf gegangen um etwas zu essen zu kaufen. Die samarische Frau sagte: „ Wie kannst du als Jude mich, die Samaritanerin, um etwas zu trinken bitten?“ (Die Juden halten sich nämlich von Samaritanern fern) Jesus antwortete ihr:  Wenn du wüsstest was Gott gibt und wer ich bin, dann hättest du mich um lebendiges Wasser gebeten, und ich hätte es dir gereicht.  Die Frau entgegnete: „Herr, du hast kein Schöpfgefäß und der Brunnen ist tief. Woher willst du das lebendige Wasser nehmen? Kannst du etwa mehr als Jakob unser Vater? Er hat uns nämlich den Brunnen geschenkt und selbst daraus getrunken, wie auch seine Kinder und seine Herde“ Jesus erwiderte: „ Jeder der von diesem Wasser trinkt, wird danach doch wieder durstig werden. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, der wird nie mehr Durst haben. Vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm selbst zu einer Quelle werden, die bis in das ewige Leben sprudelt.“ Da sagte die Frau: „Herr gib mir von diesem Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen…                           Johannes 4,6-15

Obwohl Johannes der Täufer eine neue, populärere Form der Taufe schuf, ahnte er doch, dass die Taufe als reines Wasserritual noch nicht zu ihrer eigentlichen Bedeutung gefunden hatte. So erklärt er freimütig:

Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber einer, der ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen.                    Lukas 3,16

Tatsächlich interpretiert Jesus den Taufbegriff für sich selbst bereits nicht mehr im Sinne Johannes des Täufers, sondern vielmehr im ursprünglichen Sinne des Wortes mamodita.  Und wie von Johannes dem Täufer angekündigt, kommt bei Jesus ein neuer transzendenter Aspekt hinzu: Taufe als bewusste Einwilligung in die leidvolle Konfrontation mit dieser Welt und damit als Akt der geistigen Überwindung von Leid und Tod. So bezieht Jesus den Begriff Taufe ganz konkret auf seine eigene Verurteilung und  Hinrichtung am Kreuz, wie in folgenden Aussagen deutlich wird:

Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?   Markus 10,38

Aber ich muss mich zuvor taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollbracht ist! Lukas 12,50

Dennoch bleibt die eigentliche und ursprüngliche Symbolik des Untertauchens im hintergründigen Sinne erhalten. Das heißt, Taufe ist in den Augen Jesu Sinnbild für ein temporäres Untergehen, Scheitern, Unterliegen, Leiden und Sterben, damit das zeitlose Element (der Geist) umso kraftvoller wieder auferstehen kann. Hier ist es nun das Bild vom aufgerichteten Kreuzespfeiler (Pfeiler = amuda), das mit dem ursprünglichen Taufbegriff zusammen geht, das Jesus für sich so interpretiert:

Und  wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.        Johannes 3,14

Hier bezieht er sich auf ein Geschehen aus dem 4. Buch Mose, das er als Hinweis auf die transzendente Bedeutung seiner eigenen Kreuzigung und insofern als Erfüllung der Schrift versteht:

Da sprach der JHWH zu Mose: Mache dir eine eiserne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. 4. Mose 21, 8

Auch wenn in den Evangelien davon die Rede ist, dass Jesus getauft wurde, und dass er taufte, so erfahren wir in einem Nebensatz des Evangelisten Johannes, dass er selbst nicht taufte, dass es vielmehr seine Jünger waren,  die den johannäischen Ritus weiter pflegten, worin Jesus sie gewähren ließ:

Als nun Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war, dass er mehr zu Jüngern machte und taufte als Johannes – obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger –  verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa.    Johannes 4,1-3

Derselbe Evangelist Johannes schildert noch eine weitere Begebenheit, die uns das transzendente Taufverständnis Jesu verdeutlicht. Es ist der Bericht von der sog. Fußwaschung, am Vorabend seiner Verhaftung und Hinrichtung:

da stand er vom Abendessen auf, legte sein Obergewand ab, nahm eine Schürze und band sie sich um. Danach goss er Wasser in ein Becken und fing an den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, den er sich umgebunden hatte. Da kam die Reihe an Simon Petrus; der jedoch sprach zu ihm: Herr, du willst mir die Füße waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber zu einem späteren Zeitpunkt  erfahren. Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, dann nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle.  Johannes 13,4-17

Dass es Jesus hier weniger um körperliche Reinheit ging, wird aus dem Kontext deutlich. Und Jesus präzisiert seinen Begriff der Reinheit schon wenige Sätze später in seinem Gleichnis vom Weinstock:

Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.       Johannes 15,3

Doch selbst der Jünger Petrus missdeutet die Handlung Jesu und betrachtet sie als eine besondere Form der Wassertaufe, daher seine Bitte, Jesus möge ihm auch den Kopf und die Hände waschen.

Somit ist Taufe entsprechend dem Verständnis Jesu der Beginn einer  vertrauensvollen Haltung, in der wir jedes Scheitern, Unterliegen, selbst das eigene Sterben, tragen und somit dem Leid, verursacht durch eigenes Versagen oder durch höhere Gewalt, eine neue Qualität verleihen. Alles Leid, alle Ächtung oder Strafe, die wir in der Geisteshaltung Jesu tragen, hat aufgehört, Strafe Gottes zu sein. Im Geist Jesu wird alles Unterliegen und Scheitern zum Auftakt einer neuen Schöpfung. Hierin finden wir zu jener geistigen Taufe, in der Jesus sein eigenes Leid begriff. In einer Haltung, die nichts für sich selbst will, weil sie sich ihres unvergänglichen Wertes bewusst geworden ist, gibt es kein wirkliches Unterliegen. Unterliegen wird nur das, was seinen wahren Wert nicht gefunden hat, und deshalb irrtümlicherweise für wertlos erachtet wurde. Was seinen zeitlos-gültigen Wert erkannt hat, kann nicht endgültig zu Grunde gehen. Hier ist die Grundlage des Auferstehungsgedankens: Eben, weil Jesus die Konsequenz dieses Gedankens in seiner ganzen Tiefe erkannt hatte, war er bereit, das Äußerste auf sich zu nehmen und sein Leben hinzugeben. Diese Form der Hingabe ist die eigentliche Taufe im Sinne Jesu. Was heißt das? Die Preisgabe unserer selbst, d. h. das Opfer der äußeren Form ist sinnbildlich gesprochen, ein Untertauchen in das Luftlose – ein Hinabsteigen in die geistlosen Bereiche dieser Welt.  Weil das göttliche Element weder behindert noch ausgelöscht werden kann, wird es alles Geist- und Sinnlose mit Geist erfüllen und wird in einer neuen kraftvollen Form wiederkehren.