Kategorie: Theologie

  • Die Überwindung der Welt

    Die Überwindung der Welt

    Wie kann die Welt überhaupt überwunden werden, wenn sie doch augenscheinlich obsiegt? Erfreut sich Gott etwa am Leid des Menschen? Um diese Aspekte der Botschaft Jesu soll es in dem folgenden Beitrag gehen.

    Was bedeutet Überwindung?

    In seiner Passion zeigte er auf wie der Mensch den beschwerlichen und leidvollen Seiten seines Menschseins begegnen soll, damit sie verstanden, getragen und letztlich geistig überwunden werden können. Dabei besteht der Weg Jesu in einer außerordentlichen, inneren Einstellung den ungerechten, beschwerlichen und leidvollen Geschehnissen gegenüber. Wir sehen in Jesus Christus den Allerersten, dem es durch unerschütterliches Vertrauen in alle Lebensumstände gegeben war, den Willen Gottes durch Unrecht, Leid und Tod hindurch zu erkennen. Diese Geisteshaltung hat ihn frei gemacht von Gedanken der Schuld, der Anklage und der Vergeltung gegenüber seinen Feinden. Durch sein unerschütterliches Vertrauen und sein Wissen um den Sinn (Gott) im Sinnlosen (Gottlosen) war er davor bewahrt, an den schicksalhaften Geschehnissen seines Leidens und Sterbens zu zerbrechen, sodass er sterbend am Kreuz rufen konnte:

    „Vater vergib ihnen denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Luk 23, 34

    Leidend und sterbend am Kreuz machte Jesus deutlich, dass dieses neue Lebensverständnis, selbst von Geschehnissen, die äußerlichen Schaden und sogar den Tod bedeuten, unberührt und somit unzerstörbar bleibt.

    Überwindung der Welt bedeutet im Sinne Jesu, die geistige Fähigkeit zu erlangen, frei von jeglicher, menschlicher Befangenheit, denken und handeln zu können. Auf dieser unbestechlichen Handlungsweise in vollkommener Freiheit, beruht die Verherrlichung Gottes – beruht die Verklärung des Geistes, wie Jesus es vor seiner Verhaftung gegenüber seinen Jüngern verdeutlichte:

    „Ich habe dich (Vater) verherrlicht auf Erden und vollendet das Werk, das du mir gegeben hast, dass ich’s tun sollte. Und nun verkläre mich du, Vater, bei dir selbst mit der Klarheit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.“  Joh 17,5

    Eben, weil Jesus sich der transzendenten Bedeutung seines Lebens bewusst war, konnte er sein Leben bereitwillig hingeben und konnte in seiner Passion konsequent im Sinne seiner Botschaft handeln, die er zuvor lehrte: „Liebet eure Feinde…“ Mat 5, 44

    Metanoia – Ändert euren Sinn

    Ein weiterer, essentieller Gedanke liegt der Lehre von der Überwindung der Welt zu Grunde und dieser beruht auf der Änderung der Gesinnung unserem Leben gegenüber. Mit dem Aufruf zur Änderung unserer Sichtweise knüpfte Jesus nahtlos an die Predigt Johannes des Täufers an, der den Menschen zurief: Metanoia!  „Ändert euren Sinn!“ Ein Wort, das in den meisten Bibeln etwas einseitig mit „Tuet Buße“ wiedergegeben wird.

    Metanoia bedeutet aber, dass wir unser gesamtes Leben auf völlig neue Weise betrachten und bewerten sollen, nicht dem äußeren Augenschein nach, sondern nach dem Verständnis der Lehre Jesu. Dieses Verständnis besagt folgendes:

    Alles, was in dieser Welt mit uns und um uns geschieht hat das Potential, im Einklang mit dem Willen Gottes zu stehen, sofern wir bereit sind nach dem Sinn und der Bedeutung leidvoller Geschehnisse zu suchen – sofern wir bereit sind, den Willen Gottes darin zu suchen.

    Denn der Wille Gottes ist untrennbar verbunden mit Geist und Sinn:

    Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.… Mat 7,7

    Was nicht im Einklang mit dem Willen Gottes steht, das muss unser Dasein  behindern, beschädigen und vernichten. Gott aber ist das Leben selbst. Würde das Leben sich selbst behindern, beschädigen oder vernichten, so könnte es nicht existieren. Leben ist aber geradezu ein Synonym für Existenz, Realität, Wirklichkeit und Wahrheit.

    In der Natur und in Wahrheit existiert kein sinnloses Unterliegen, Niedergehen und Sterben; alles Sterben dient neuem Leben. Daher, indem unser eigenes Sterben Sinn erfährt, ist der Tod überwunden denn Leben ist ein Synonym für Sinn und Bedeutung.

    In Christus und das bedeutet, in unserer Suche nach dem Sinn im Sinnlosen, werden Leid und Tod – wird die Welt überwunden.

    Ob also im Ungerechten, Beschwerlichen und Leidvollen der Wille Gottes an uns geschieht oder nicht, das hängt durch Jesus Christus nun nicht mehr von den Geschehnissen an sich ab, sondern es hängt allein ab von unserer inneren Haltung diesen Geschehnissen gegenüber – es hängt ab von unserer Einwilligung in den Willen Gottes. In Jesus Christus offenbart sich Gott als jene universelle Kraft, die ihre Herrlichkeit mit jeder Kreatur teilt, die seinen Willen in allen Geschehnissen sucht und findet. So gelangen wir durch Jesus Christus zu dem tiefen Verständnis, dass der Wille Gottes, sofern er zu unserem Besten geschehen soll, vollkommen abhängig ist, von unserer persönlichen Einwilligung in den Willen Gottes. Diese Theologie steht in vollkommener Übereinstimmung mit der Auffassung Jesu, der vor seiner Verhaftung bat:

    „Und ging hin ein wenig, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!“  Mat 26,39

    „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe…“ Mat 6,10

    In Jesus Christus sind wir aufgefordert den Willen Gottes in allen Geschehnissen zu suchen, wodurch allein er gefunden werden kann und muss. In seiner Passion lehrte er die Überwindung der Welt durch die vertrauensvolle Erkenntnis des göttlichen Willens in ausnahmslos allen Geschehnissen.

    In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Joh. 16, 33


  • Missverstandener Opfertod Jesu

    Missverstandener Opfertod Jesu

    Audiodatei: Missverstandener Opfertod Jesu

    Gott überwindet das Leid der Welt in dem Moment, da er davon „berührt“ wird. Da Gott selbst nicht leiden kann, erreicht er durch Jesus Christus die notwendige Berührung mit dem Leid der Welt. Jesus bewirkt diese „Berührung“ indem er sein Leid in der Gewissheit auf dessen Sinn und Bedeutung, auf sich nimmt und trägt – uns zum Vorbild. Dass Jesus durch seinen Opfertod am Kreuz unsere Schuld beglichen hat ist ausschließlich im Sinne seiner Botschaft zu verstehen. Der missverstandene Opfertod Jesu rührt aus einer wörtlichen Deutung der Passion Jesu, losgelöst von den Inhalten seiner Lehre.

    Der schachernde Gott

    Im Grunde genommen entspricht die eingangs beschriebene Auffassung der Praxis antiker Opferkulte; denn das Opferverständnis der Antike war ein mythologisches bzw. ein magisches. Dabei wurde göttliche Gnade als ein gerechter Ausgleich oder als eine Art Automatismus verstanden. Oder Gott wurde quasi als Händler in den Bereich des Käuflichen gerückt. So brachte der Mensch der Antike seine Opfer dar, um von Gott etwas ganz Konkretes zurückzuerwarten: Wohlstand, Gesundheit, Reichtum, Macht etc. Ein Gottesverständnis – gegen das Jesus, bei der Tempelreinigung mit äußerster Vehemenz vorging, wie uns die Schriften berichten:

    Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen. Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus, und ihre Tische stieß er um. Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zum Kaufhaus.

    Joh. 2. 13,25

    Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb hinaus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.

    Mt 21, 12-13

    Das antike Opferverständnis basierte gewissermaßen auf der Logik eines Tauschgeschäfts oder eines magischen Aktes. Der christliche Glaube hingegen ist seinem Inhalt nach, das Gegenteil von Kalkül und Berechnung. Denn sowohl in seiner Lehre als auch in seiner Hingabe am Kreuz, zeigte Jesus, dass er absolut nichts für sich selbst wollte. Vielmehr war er bereit, all das bereitwillig auf- und hinzugeben, was der Mensch mit Glück und mit Wohlergehen verbindet.

    Grund und Ursache der Hingabe Jesu

    Zunächst möchte ich aufzeigen inwiefern die Passion Jesu und der Aspekt der Erlösung nicht als ein „Tauschgeschäft“ mit Gott, sondern entsprechend den Inhalten seiner Botschaft, als geistige Folgerichtigkeit zu verstehen ist. Tatsächlich vermittelt uns Jesus in seiner Lehre eine ganz bestimmte Geisteshaltung, die dem, der sie annimmt die Identität des Christus verleiht. Diese Identität nennt Jesus Gotteskindschaft. Kraft dieser Identität werden wir Christus gleich, werden wir vollkommen eins mit ihm. Im vertrauensvollen Annehmen dieser neuen Identität, liegt die Erlösung des Menschen begründet. In dieser Identität sind wir erlöst, weil diese Identität die einzige Existenzform darstellt, die frei ist von menschlicher Befangenheit.

    Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

    Joh 15, 5

    Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

    Joh 14,6

    Das Unsagbare – was nur „getan“ werden konnte

    In seiner Passion vermittelt Jesus auf nonverbale Weise den unaussprechlichen und essentiellsten Aspekt seiner Botschaft: den individuellen Umgang mit menschlicher Schwäche und Schuld. In seiner Hingabe an seine Feinde zeigt er eine Haltung vollkommener Unbestechlichkeit, angesichts äußerer Bedrohung durch Unrecht, Leid und Tod. All das, was er zuvor in Worten und Gleichnissen ausgedrückt hatte, das setzte er in seiner Passion konsequent um. Dabei ist seine Handlungsweise genau genommen ein tatenloses Handeln, es ist ein Geschehen lassen, in welchem Gott selbst zum Handelnden wird – zum Handelnden werden muss. Denn in einer Geisteshaltung grenzenloser Integration dem Ungerechten und Leidvollen gegenüber, macht Jesus Gott zum Urheber von Schuld, Unrecht, Leid und Tod.  Da aber in Gott weder Leid noch Unrecht existieren können, überwindet Gott in Jesus Christus diese Bereiche, indem er in diese Geschehnissen gewissermaßen Geist und Sinn hineinträgt. Was Sinn gefunden hat, das ist zu einem Teil Gottes geworden. Was aber ein Teil Gottes geworden ist, das ist auch lebendig geworden. Auf dieser Ursächlichkeit beruht das „Gesetz“ der Auferstehung Jesu.

    Einwilligung in alle Geschehnisse – die Universalität des Geistes

    Es ist dieses bewusste Einwilligen in das Geistlose und Böse, wodurch Christus die dunkle Wirklichkeit des Menschseins mit solcher Vehemenz auf Gott (den Urheber jeglicher Wirklichkeit) zurückwirft, dass dieser zum Schöpfer einer neuen, hellen und guten Wirklichkeit werden muss – einer Wirklichkeit, die über alles Vordergründige und Vergängliche hinausgeht. Ich sage, dass Gott zum Schöpfer werden muss, weil innerhalb Gottes weder Leid noch Tod existieren können. Die bewusste Hingabe an eine böse und feindliche Wirklichkeit, ist die Ursache für die Auferstehung Jesu, die als eine Auferstehung zeitloser und unvergänglicher Sphären verstanden werden muss. So hat uns Christus in seiner Passion einen Weg zu einem neuen, transzendenten Lebensverständnis aufgezeigt. Eben diese Ursächlichkeit verdeutlicht er vor seiner Gefangennahme seinen Jüngern mit den Worten:

    Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wieder nehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es freiwillig. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wieder zu nehmen. Dieses Gesetz habe ich empfangen von meinem Vater.

    Joh 10, 17

    Erlösung durch Vergebung und Vergebung durch Sinnfindung

    Einen weiteren, grundlegenden Gedanken, der aus dieser Geisteshaltung Jesu folgt und den er im Zusammenhang mit seiner Passion lehrte, ist, dass durch seine Hingabe am Kreuz den Menschen Erlösung zuteil und Schuld vergeben wird:

    Wer der Vornehmste unter euch sein will, der sei euer Knecht, gleichwie des Menschen Sohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern dass er diene und sein Leben gebe zu einer Erlösung für viele.

    Mt 20, 27-28

    Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinkt alle daraus; das ist mein Blut des neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.

    Mt 26, 27-28

    Allmacht in äußerster Ohnmacht

    Um eine zusammenhängende Betrachtung dieser beiden Gedanken geht es hier: so die bereitwillige Hinnahme von Leid und Tod auf der einen und die Vergebung von Schuld auf der anderen Seite, mit anderen Worten: Macht inmitten äußerster Ohnmacht und Schuldlosigkeit angesichts größter Verfehlung gegenüber der Wahrheit.

    Der Zusammenhang dieser beiden Aspekte scheint nicht ohne weiteres erkennbar, und doch ist er folgerichtig und insofern grundlegend für die Botschaft Jesu. Im erstgenannten Gedanken vermittelt Jesus, dass er durch seine vertrauensvolle Hingabe an die ungerechte und leidvolle Wirklichkeit dieser Welt die Macht hat, sein hingegebenes Leben wieder zu nehmen.

    Gott liebt jede Hingabe an die Wahrheit, insbesondere aber an jene, die uns wie das Ende oder das Gegenteil der Wahrheit erscheinen – eben weil Gott darin zum Schöpfer neuer Kreaturen und Welten werden kann. Denn dem Verständnis Jesu nach, wird uns jede harte Lebensgrenze, an die wir zuversichtlich und vertrauensvoll rühren, neue ungeahnte Lebensräume eröffnen:

    Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.…

    Mat 7,7-8

    Die Immunität Gottes

    Aber welche Gesetzmäßigkeit bzw. welches „Gesetz“ könnte dem zugrunde liegen, wie Jesus es hier darlegt?  Die Voraussetzung für das Verständnis dieses Gedankens, liegt in der Fähigkeit zu erkennen, dass Gott die Ursache jedweder Wirklichkeit ist und dass alle Wirklichkeit, die Gott wirkt, immer nur einem Zweck dient, nämlich unaufhörlich neues Leben hervorzubringen.

    Das Wesen Gottes besteht in einem Hervorbringen seiner selbst, und was Gott hervorbringt, das kann nicht zum Schaden seiner selbst sein, sonst wäre er nicht Gott. Und da Gott ohnehin niemals irgendeinen Schaden erleiden kann, müssen ihm alle Geschehnisse zur Hervorbringung und zur Förderung seiner selbst dienen, selbst ungerechte, beschwerliche und leidvolle – also auch Geschehnisse, die wir Menschen mit dem Gegenteil von Wahrheit, Leben, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit verbinden. Dieses geistige Prinzip hat uns Jesus in seiner Passion verdeutlicht. In eben dieser Gewissheit handelte er, als er sein Leben für uns hingab. Am Kreuz vermittelt er eine Geisteshaltung, in welcherBestrafung, Vergeltung, Unrecht, Erniedrigung, Leid und Tod – keine Existenzberechtigung mehr haben, da in dieser Geisteshaltung alle Geschehnisse nun einer neuen Schöpfung dienen: dem der auf dieses universelle Gesetz vertraut. Der Auferstandene Christus, ist ein Bild der Unzerstörbarkeit der Wahrheit, eine völlig neue Kreatur – das erste neue Geschöpf einer gänzlich neuen Schöpfung, so wie es der Apostel Paulus beschreibt:

    Darum, ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden!

    2. Kor 5,17

    Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt, als Erstling derer die entschlafen sind.

    1. Kor 15,20

    Denn welche er zuvor erwählt hat, die hat er auch dazu bestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Ebenbild seines Sohnes, auf dass derselbe der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. 

    Röm 8, 29

    Das christliche Prinzip der Transzendenz des Bösen

    Deshalb: Fassen wir unser eigenes Leid so auf, wie Jesus sein Leid auffasste, so leiden wir nicht mehr um unserer selbst willen, sondern wir leiden um Gottes, also um der Wahrheit willen. Leiden wir aber um der Wahrheit willen, so ist eben dieses Leid der Grund und Anlass für eine neue Schöpfung, da in Gott kein Leid existieren kann. Gott überwindet Leid, in dem Moment, wo er davon „berührt“ wird. Jesus Christus erreicht am Kreuz die Berührung Gottes mit dem Leid der Welt, da er es im Glauben an einen tiefen Sinn (Geist) auf sich nahm und trug. Gott kann nur von jenem Leid berührt werden, das als sinnstiftend erkannt und angenommen wird, eben darum, weil in Gott allen Geschehnissen Sinnstiftendes zukommt. Deshalb bat Jesus angesichts seiner Passion:

    Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.

    Mat 26,39

    Schöpfung bedeutet, dass allem unter Begrenzung Leidenden, neuer unbegrenzter Lebensraum zuteil wird. Allein das Vertrauen in dieses universelle Gesetz, verändert alle Wirklichkeit grundlegend. Leiden wir um Gottes willen, so erhält unser Leid eine Bedeutung und einen Sinn, da Gott ein Synonym für Geist und Sinn ist. Und so wie Jesus einen Sinn in seinem eigenen Leid erkannte, und es deshalb auf sich nahm und dadurch gedanklich überwand, so wird auch unser eigenes Leid einen Sinn erfahren können, wenn wir es im Geist Jesu auf uns nehmen und tragen.

    Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, so sie daran lügen. Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel wohl belohnt werden. Denn also haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.

    Mt 5, 11-12

    Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen:Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.  

    Mk 8, 34-35

    Der Sinn, den Jesus in seinem eigenen Kreuz sah, war -für ihn- die Erlösung des Menschen und die Vergebung von Schuld, und eben diese Einsicht machte seine Passion sinnvoll. Eine Erlösung, die all jenen zuteilwerden sollte, die seinem Beispiel gedanklich folgen wollen.

    Damit berühre ich den zweiten Gedanken, der die Frage aufwirft: Wie kann das Leid eines Menschen für andere Menschen Erlösung sein, und wie ist es möglich, dass Schuld dort vergeben wird, wo Menschen einem unschuldigen Menschen Leid zufügen? Ein Widerspruch in sich, wie es scheint.

    Die erste Antwort auf diese Frage findet sich bereits in dem oben Gesagten, dass alle Geschehnisse dem dienen, der Gott bedingungslos vertraut, so wie es der Apostel Paulus im Römerbrief beschreibt: 

    Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.

    Röm 8,28

    Selbsterkenntnis – die Grundlage echter Vergebung

    Eine weitere Antwort, die konsequent an diesen Gedanken anknüpft, findet sich in der Aufforderung Jesu – Einsicht in die eigene Schuld und Schwäche zu üben, um dadurch gnädig und barmherzig mit den Schwächen anderer zu verfahren. Denn wenn uns jetzt tatsächlich alle Dinge zum Besten dienen, wie Paulus sagt, dann konsequenterweise auch Schwäche, Schuld, Leid und Tod. Und dabei ist es völlig unerheblich, woher diese Mangelhaftigkeit rührt, ob von uns selbst, von unserem Nächsten oder von widrigen Lebensumständen.


    Darum vermittelt uns Jesus die Einsicht, dass wir durch Betrachtung unserer menschlichen Schwäche und Mangelhaftigkeit frei werden können von einer Verurteilung unseres Nächsten. Mit anderen Worten, das was bisher Sünde war, das ist in dieser neuen Betrachtungsweise überwunden, denn es ist in dieser Geisteshaltung gut geworden. Derart frei geworden vom Gedanken der Vergeltung, erreichen wir vor Gott „Nichtverurteilbarkeit“. Denn Gott (die Wahrheit) wird uns nur soweit verurteilen können, solange uns Gedanken von Schuld und Vergeltung anhaften. Daher gilt es, frei zu werden von einer Verurteilung anderer, wozu uns wiederum die Einsicht in die eigene menschliche Schwäche dienen und helfen soll. Wir sehen – eben dadurch erhält unsere menschliche Schwäche und Fehlbarkeit (Sünde) eine tiefe Bedeutung, indem sie uns dazu verhilft, uns selbst in unserer Mangelhaftigkeit zu erkennen:

    Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit dem Maßstab, den ihr bei anderen anlegt, werdet ihr selbst gemessen werden. Warum starrst du auf den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken! Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!

    Mt 7, 1-5

    Das Jüngstes Gericht – Ende allen Widerspruchs

    Am jüngsten Tag wird Gott jegliche Verurteilung verurteilen, denn Gott wird dort allem Widerspruch ein Ende setzen. Eben darum, dass in Gott alles dient, ist in ihm kein Raum für Widerspruch und Verurteilung. Deshalb sollen wir bereits hier und jetzt alles daran setzen, frei zu werden von jeglicher Verurteilung. Bei allem was am Tag des Jüngsten Gerichts an Gedanken der Verurteilung gefunden wird, das wird verurteilt werden, um der Verurteilung willen, die ihm anhaftet. Denn nach dem Gesetz der Gnade Gottes, muss eines Tages alle Verurteilung ein Ende finden.

    Dieser Ursächlichkeit nach sind alle Aussagen Jesu zu verstehen, in denen er darlegt, dass durch seine Hingabe am Kreuz vielen Menschen ihre Schuld vergeben werden wird, nämlich all denen, die seiner Botschaft Glauben schenken und die seinem Beispiel der Vergebung inhaltlich folgen wollen:

    Ein Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr tut, wie ich euch getan habe.

    Joh. 13, 15

    Wir sehen, im Kreuzestod Jesu liegt kein Automatismus. Die Hingabe Jesu ist gewissermaßen eine Tür, eine enge Pforte, die uns gewiesen wurde; hindurchgehen kann nur jeder einzelne selbst.

    Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der hinab zur Verurteilung führt; und es sind viele, die darauf gehen. Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind es, die ihn finden.

    Mat 7, 13-14

    Amen, Amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.

    Joh 5, 24

    Vergebung durch Wissen – Nur der Wissende kann vergeben

    Die Auffassung, mir sei meine Schuld vergeben, weil ja Jesus am Kreuz für mich gestorben sei, ist nicht vollständig, solange wir Sinn und Bedeutung – solange wir den Beweggrund für seine Hingabe am Kreuz nicht erkennen und verstehen wollen. Denn glauben wir den Worten Jesu, so endet Schuld dort, wo wir selbst aktiv vergeben, so wie Jesus seinen Feinden am Kreuz vergeben hat:

    Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun! Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los um sein Gewand.

    Luk 23,34

    Erst wenn wir den Worten Jesu Glauben schenken, nämlich dass in allen Geschehnissen ein tiefer Sinn und eine Bedeutung verborgen liegt und wir seinem Beispiel folgen, werden wir die Welt (den Gedanken der Schuld und Vergeltung) grundlegend überwinden können. Nehmen wir diese Geisteshaltung Jesu nicht an, so bewirkt auch sein Tod am Kreuz für uns nichts. Das Bild vom Opfertod, wonach Gott durch das Sühneopfer seines Sohnes mit der Menschheit versöhnt wurde, kann daher nicht losgelöst von der Bereitschaft zur eigenen inneren Auseinandersetzung mit der Welt – der Sinnsuche und der Sinnfindung allen Geschehnissen gegenüber – verstanden werden.

    Überwindung des Bösen durch Vertrauen in den Sinn (Gott)

    In seiner Hingabe am Kreuz verdeutlichte Jesus die Notwendigkeit der menschlichen Schwäche: Was wir das Böse nennen, wird – in seinem Geist getragen – aufhören, unser Schaden zu sein – ausnahmslos dient nun alles, auch die Sünde und das Böse. Jesus lehrte und verkörperte durch sein Beispiel den einzig möglichen Weg, durch den objektive Vergebung, also Vergebung durch Gott möglich ist. Denn das, was Jesus Glaube nannte, ist jenes tiefe Vertrauen, dass demjenigen alle Dinge zum Besten dienen, welcher Gott bedingungslos vertraut. Wer dem Leben (Gott) misstraut, bleibt sterblich, denn der Tod ist nichts anderes als unser Misstrauen gegenüber dem Leben, das immer Förderung erfährt, selbst wenn es augenscheinlich scheitert und unterliegt. Also hat Jesus in seiner Geisteshaltung verdeutlicht, dass wir – so wie er – durch vertrauensvolle Preisgabe unserer menschlichen Existenz, neues, unvergängliches Leben annehmen werden.

    Missverständnis und Bedeutung des Opfertodes Jesu

    Damit uns diese Botschaft erreicht, dafür hat Jesus sein Leben am Kreuz hingegeben. Jede andere, von dieser Botschaft losgelöste Kreuzestheologie, geht am Geist und damit am Inhalt der Botschaft Jesu vorbei. Insbesondere betrifft dies verkürzte Lesarten wie: „Gott hätte nach einem Opfer für den einstigen Sündenfall verlangt.“ – Gott hätte die Menschen strafen wollen.“ und „Jesus habe durch Erduldung seiner grausamen Hinrichtung am Kreuz – Gott eine Genugtuung bereitet.“ Sündenvergebung meint jedoch, dass Sinn- und Geistloses unverhofft Sinn erfährt. Wer die tiefe Bedeutung dieser Lehre nicht versteht, dem wird das als zu wenig erscheinen, denn er meint, das Kreuzesopfer Jesu müsse die Vergebung von Schuld ganz unabhängig von uns leisten. Sündenvergebung durch die Hingabe Jesu besagt aber eben genau das, nämlich dass Sinn- und Geistloses (Sünde) unverhofft Sinn erfährt, sobald wir es wie er – im Vertrauen auf seinen Sinn – auf uns nehmen und tragen.

    Es ist auch nicht so, dass Gott einer Laune folgt, dass er durch irgendein menschliches Tun oder Handeln um- oder milde gestimmt werden könnte. Gott ist die Gnade selbst, und dort wo er Gnade findet, da findet er sich selbst. Findet nun Gott sich selbst in uns, so macht er uns sich gleich. Das heißt er erkennt sich in uns und uns in sich. Das ist das Prinzip der Gnade, gegen welches Gott nicht handeln kann. Das heißt, Gott kann nicht anders, als demjenigen Gnade erweisen, der die Gnade schätzt, sucht, lebt und übt. Gott kann nicht gegen sich selbst handeln. Dort wo wir gnädig und barmherzig handeln, dort handelt Gott selbst durch, mit und in uns.

    Sündenvergebung bedeutet, dass Jesus das Unrecht, das man ihm antat, aus der Hand Gottes entgegennahm. Indem er dieses Geschehen als einen Dienst an uns und als Anlass zu einer neuen Schöpfung auffasste, hat er das Böse durch das Gute (Geist und Sinn) überwunden.

    Dieser Beitrag ist auch erschienen auf: ZEITENGEIST -Magazin für Kultur, Gesellschaft und Bewusstsein

  • Geburt aus Wasser und Geist

    Geburt aus Wasser und Geist

    Durch vertrauensvolles Eintauchen in das Spannungsfeld der Dualität dieser Welt geschieht unsere neue Geburt aus Wasser und Geist

    Die tiefsinnigsten Reden Jesu finden sich zweifellos im Johannesevangelium. Eine davon in Form eines Zwiegesprächs, das Jesus dort mit dem jüdischen Geistlichen Nikodemus führt, einem Pharisäer. Nikodemus war offensichtlich ein heimlicher Bewunderer Jesu, doch öffentlich zu ihm bekennen wollte er sich nicht. Nikodemus kommt wohl aus diesem Grund in der Dunkelheit der Nacht zu Jesus und sucht das Gespräch mit ihm. Doch Jesus gibt sich distanziert. Auf die Äußerungen und Fragen des Geistlichen antwortete er ausschließlich in Sinnbildern, die um das Thema Geburt aus Wasser und Geist kreisen. Die Antworten, die Nikodemus sich von Jesus erhoffte, erhält er definitiv nicht und bleibt am Ende verwirrt zurück.

    Ein Wort vorab

    Im Folgenden werde ich auf den Sinngehalt der Antworten Jesu eingehen. Dazu gebe ich den Text aus dem Johannesevangelium abschnittsweise wieder. Nach jedem Abschnitt folgt zunächst ein kurzer Hinweis auf Besonderheiten zum Urtext und danach die entsprechende Auslegung.
    Vorab sei noch darauf hingewiesen, dass der Symbolgehalt von Sinnbildern nie vollkommen und endgültig ausgeschöpft werden kann, da sie immer einen Bedeutungsüberschuss aufweisen. Dies betrifft im besonderen Maße sämtliche Sinnbilder und Gleichnisse, die Jesus verwendete, und das ist beabsichtigt. Seine Bilder und Gleichnisse sind gewissermaßen „Zeitkapseln“, die seine Botschaft unverändert durch die Zeiten hindurch transportieren. Durch jede, auf das jeweilige Zeitgeschehen bezugnehmende Interpretation, erwachen diese Sinnbilder zu neuem Leben und eröffnen uns ein Stück weit die zeitlosen Inhalte der Botschaft Jesu. 

    „Ein Pharisäer namens Nikodemus, der zur jüdischen Führungsschicht gehörte, kam eines Nachts zu Jesus und bekannte: „Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, der von Gott kommt. Denn wer solche Wunder wirkt wie du, der muss schon mit Gott zu tun haben.
    “Jesus antwortete: „Amen, amen, ich sage dir: Nur einer der noch einmal von oben her geboren wird, kann Gottes Reich sehen.“

    Johannes 3, 1-3

    Hinweis zum Urtext:
    Das griechische Adverb ἄνωθεν, ánothen  („von neuem“) fasst Nikodemus nicht als „von oben her“ auf, obwohl das dem Wort nach möglich wäre, sondern er versteht es als erneute bzw. nochmalige Geburt, wie der nachfolgende Vers deutlich macht, da Nikodemus von der erneuten Rückkehr eines Menschen in den Mutterleib spricht. Aufgrund dieser Mehrdeutigkeit habe ich das Adverb im Text nach seinem doppelten Sinn wiedergegeben.

    Vordergründiges und hintergründiges Sehen

    Die Erklärung Jesu auf das freimütige Bekenntnis des Nikodemus wirkt im ersten Moment deplatziert, da dieser ihn ja gar nicht nach dem Reich Gottes gefragt hatte, doch das ist sie nicht. Nikodemus erklärt Jesus, man würde ihn wegen seiner Wunder, die er in der Öffentlichkeit wirkt, als von Gott gesandt anerkennen. Doch Jesus gibt ihm zu verstehen, dass das, was er gesehen hat (nämlich die Wunder), nicht das ist, was er gekommen ist offenbar zu machen. Er sei gekommen, um das Reich Gottes auf Erden sichtbar zu machen. Die Heilungen sind äußerliche Zeichen. Wer die Mission Jesu am äußerlich Sichtbaren festmacht, bleibt blind für das Eigentliche und hintergründige seiner Mission, das in seiner Botschaft vom Reich Gottes liegt. Insofern ist die Antwort Jesu auch Ausdruck einer gewissen Enttäuschung darüber, dass Nikodemus sein Bekenntnis an äußeren Erscheinungen festmacht – dass ein führender geistlicher Lehrer sich mehr von Wundertaten, als von den Worten seiner Lehre beeindruckt zeigt. Jesus war gekommen, eine Botschaft zu vermitteln, durch die der Mensch ein geistig Sehender wird, um das Reich Gottes in allen Geschehnissen sehen zu können. Die Enttäuschung darüber, dass die Aufmerksamkeit der Menschen auf das Vordergründige fixiert ist, bringt Jesus aber auch gegenüber seinen Jüngern unmissverständlich zum Ausdruck:

    „Habt ihr denn keine Augen, um zu sehen und keine Ohren, um zu hören?“  Markus 8, 18

    Daraufhin fragte Nikodemus: „Und wie kann jemand geboren werden, wenn er schon älter ist? Kann er etwa wieder in den Mutterleib zurückkehren und noch einmal geboren werden?“
    Jesus antwortete: „Amen, amen, ich sage dir: Nur wer aus Wasser und Geist geboren wird, kann in das Reich Gottes hineingelangen. Fleischgeborene bringen Fleischgeborene hervor und Geist gebiert Geist. Sei nicht verwundert darüber, dass ich dir gesagt habe, ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Rauschen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wo er hingeht. So ergeht es jedem, der aus dem Geist geboren ist. Nikodemus antwortete und sagte zu ihm: Wie ist so etwas möglich? 

    Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist der Lehrer des Volkes Israel und weißt das nicht? Amen, amen ich sage dir: Was (Johannes) der Täufer und ich wissen, das verkünden wir, und wir bezeugen, was wir geschaut haben. Ihr aber wollt unser Zeugnis nicht hören. Wenn ihr schon nicht glaubt, was ich über Irdisches sage, wieviel weniger werden ihr dann glauben, wenn ich euch vom Himmel sage.

    Johannes 3, 4-12

    Hinweis zum Urtext:
    Das griechische Wort für „Geist“ und „Wind“ ist identisch: πνεῦμα, pneuma. Ebenso das hebräische und aramäische Wort רוח ruach bzw. ruch, das neben Wind auch Atem oder Hauch bedeuten kann. Der Begriff „Heiliger Geist“ beispielsweise, kann im Hebräischen auch als „Heiliger Atem“ oder „Atem Gottes“ gelesen werden.

    Menschliche und göttliche Geburt

    Auf die Frage von Nikodemus, was es mit dieser neuen Geburt von oben auf sich hat und ob der Begriff Geburt hier im wörtlichen Sinne zu verstehen sei, erklärt Jesus zunächst, welche Voraussetzung erfüllt sein muss, um in das Reich Gottes gelangen zu können. Damit lenkt er die Aufmerksamkeit von Nikodemus nochmals vom vordergründigen auf das hintergründige Geschehen um das Reich Gottes. Danach folgt der Hinweis Jesu auf zweierlei Geburten, unterschiedlicher Art, nämlich einer fleischlichen und einer geistigen.

    Doch wenden wir uns zunächst der Bedingung zu, die Jesus nennt, ohne die kein Eingang in das Reich Gottes möglich ist – der Geburt aus Wasser und Geist. Bedenkt man allein die Mehrdeutigkeit und die Bedeutungsvielfalt des Begriffs Geist im Urtext, so drängt sich ein Sinngehalt sofort auf, und dieser liegt in der Gegensätzlichkeit der beiden Begriffe:

    Auf der einen Seite ist da der Geist als Element der Luft, des Windes, des Atems und auf der anderen Seite das Wasser, als das geistlose bzw. das luftlose Element. Zugleich ist aber der Wind (Geist) auch ein Element des Himmels – der Höhe, das von oben kommt und dort wirkt. Sein Gegensatz ist das Wasser, das niedere, irdische und dunkle Element, das mit dem Abgründigen, also mit dem Begriff der Tiefe in Verbindung gebracht wird. Damit lässt sich nicht von ungefähr eine direkte Parallele zum alttestamentlichen Schöpfungsmythos ziehen, wo es heißt:

    „Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. 1. Mose 1,2

    Vom Wesen der Geistgeborenen

    Die erneute Geburt, von der Jesus hier spricht, beschreibt insofern einen neuen Schöpfungsakt. Es geht um die Geburt neuer Geschöpfe, die in eine neue Welt hineingeboren werden, nämlich in das Reich Gottes. Aus dem Element Wasser sind alle Menschen bereits geboren, entsprechend ihres fleischlichen Ursprungs von „unten“. Doch auch das Potential der hohen, geistigen Geburt ist in allen Menschen angelegt, die bereits „hören“, dass etwas Hintergründiges in dieser Welt vor sich geht. Diese Menschen sind jene, die „Ohren haben, um zu hören.“ Jesus verdeutlicht dieses Phänomen in dem Satz:

    „Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Rauschen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wo er hingeht. So ergeht es jedem, der aus dem Geist geboren ist.“

    Was heißt das?  Es besagt, dass all jene aus dem Geist Geborene sind, die nach dem Woher und dem Wohin des menschlichen Daseins fragen und suchen, die innerlich von der Frage bewegt werden; woher kommen wir, und wohin gehen wir? Diese Menschen sind es, die das Raunen des Geistes schon vernehmen, aber es nicht deuten können. Wegen dieser Menschen ist Jesus gekommen, um ihnen den Weg in das Reich Gottes zu weisen. Denn Christus ist jener, der von sich sagen kann:

    „Ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe; ihr aber wisst nicht, woher ich komme und wohin ich gehe.“ Johannes 8,14

    Hier sind die beiden Beschaffenheiten, die notwendig sind und die uns fähig machen, in das Reich Gottes zu gelangen. Doch damit ist die Deutung der Sinnbilder „Wasser und Geist“ keineswegs ausgeschöpft. Bisher haben wir beide Sinnbilder getrennt betrachtet und gedeutet.  Von viel  grundlegenderer Bedeutung ist aber ihre Bedingtheit und Abhängigkeit zu einander. Jesus sagt ja nicht, dass man zuerst aus Wasser und danach aus Geist geboren werden müsse, um in das Reich Gottes zu gelangen, sondern er sagt:

    „Nur wer aus Wasser und Geist geboren wird, kann in das Reich Gottes gelangen.“

    Das Sinnbild der Geburt

    Um den tiefen Sinn, der in dieser Metaphorik liegt, zu verstehen, müssen wir uns zunächst dem Sinnbild der Geburt zuwenden und es deuten, damit sich uns die Bedeutung der Gegensätzlichkeit der Begriffe, Wasser und Geist erschließt. Was also ist in diesem Zusammenhang bezeichnend für den Vorgang der Geburt? Geburt ist ein schmerzvoller Akt und steht damit auch für einen Zustand der Ausweglosigkeit, der, wenn er zu einem guten Ende kommen soll, nur einen Ausgang kennt, nämlich das Geborenwerden eines neuen Menschen. Geburt wird von dem, der geboren werden muss, als lebensbedrohliche Einengung empfunden, wie es die sinkende Herzfrequenz des Kindes während einer Wehe bezeugt. Jesus verwendet eben dieses Sinnbild von der Geburt als beängstigenden und schmerzvollen Vorgang noch einmal an einer anderen Stelle:

    „Wenn eine Frau gebiert, so hat sie Traurigkeit, weil ihre Stunde gekommen ist; wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst, um der Freude willen, dass ein Mensch in die Welt geboren ist.“  Johannes 16, 21

    Aus der Dualität zur Einheit des Geistes

    Das Leben in dieser Welt gleicht einem Sinnbild des Untergangs im luftlosen, geistlosen Element, dem Wasser. Die Sehnsucht nach Geist treibt uns nach oben. Man muss hinauf gelangen, die Oberfläche durchbrechen, um neuen Atem – um Geist zu schöpfen. Was heißt das? Im Spannungsfeld der Dualität dieser Welt geschieht jene neue Geburt aus Wasser und Geist, und in diesem Sinne müssen wir von neuem, d. h. von oben geboren werden. Unten im Alten, Vergänglichen ist für uns Geistgeborene kein Raum mehr. Für uns ist das Alte bereits vergangen, weil es als vergänglich erkannt wurde und aus geistiger Sicht nicht mehr erhaltbar ist. Das Neue, Unvergängliche und Zeitlose ist noch nicht offenbar, aber wir wissen darum und indem wir auf die Macht des Geistes vertrauen, werden wir aus den Tiefen des Wassers nach oben gezogen. Doch der Weg dorthin ist bedrohlich, beängstigend und nimmt uns den Atem. Das bedeutet, jede Einengung, jede Beschwerlichkeit, die wir in dieser Welt erfahren gleicht einer Wehe, die uns in das Reich Gottes hinein gebären will.

    Geburt aus Wasser und Geist

    Jede Erfahrung und Konfrontation mit Krankheit, Hass, Ungerechtigkeit, Schwäche (eigener wie fremder), Leid und Tod, gleicht unserem Untergang in abgründigen Tiefen dunkler Wasser.

    Das Wasser als ein Symbol des luft- und geistlosen Elements versinnbildlicht jede Erfahrung in dieser Welt, die uns geistlos, sinnlos, böse und bedeutungslos erscheint.
    Doch der Geist verharrt nicht in diesem Zustand, er strebt nach oben zu sich selbst: Geist sucht seinesgleichen – Geist gebiert Geist. Die Sehnsucht nach dem Geist, nach dem Atem, zieht uns nach oben. Und jedes Mal, wenn wir die Oberfläche – das Oberflächliche – durchbrechen, schöpfen wir neuen Atem, den Geist Gottes, der uns erkennend und zu neuen Kreaturen macht. Jede Überwindung durch den Geist ist ein Hindurchdringen vom Tod zum Leben, im Geist der Botschaft Jesu. Jedes neue Auftauchen aus dem Wasser und Aufnehmen von Geist – ist eine Geburt aus Wasser und Geist.

    Geburt aus Wasser und Geist, ist insofern kein einmaliger oder ultimativer Akt, sondern ein immer wieder erneutes Handeln in einer bestimmten Geisteshaltung. Jener Geisteshaltung, in der auch Jesus Christus seine eigene Passion auf sich genommen hat. Indem er sie im Vertrauen auf den Geist auf sich genommen hat, hat er sie bedeutsam gemacht. Denn allein der Geist vermag das Sinnlose mit Sinn zu erfüllen, wodurch es gewandelt und überwunden ist.

    „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getröstet, denn ich habe die Welt überwunden.“ Johannes 16, 33

  • Von der Würde des Glaubens

    Von der Würde des Glaubens

    Der letzte, ultimative Vorstoß, um den Verkünder einer unerwünschten Lehrmeinung, zum Einlenken zu bewegen, für unglaubwürdig zu erklären oder ganz zum Schweigen zu bringen, geschieht durch Bedrohung seiner körperlichen Existenz. Über die menschliche Schwäche und körperliche Verletzbarkeit meint man selbst gültige Überzeugungen jederzeit schwächen, verletzen oder vernichten zu können.

    Entwürdigung, oder: Die Schaffung von Unglaubwürdigkeit durch Entzug der Würde

    Als man Jesus ans Kreuz schlug und er dort einen würdelosen Verbrechertod starb, schien damit für viele der Beweis erbracht, dass dieser Mensch ein Hochstapler gewesen sein muss. Kurz zuvor hatte sich eben dieser Jesus noch als König feiern lassen und war in der Vollmacht des Gottessohnes aufgetreten. Hier am Kreuz zeigte sich nun, dass er doch nur ein gewöhnlicher Sterblicher war. In welch offensichtlichem Widerspruch stand sein Privileg der Gotteskindschaft nun zu seinem kläglichen Scheitern am Kreuz? Insofern war die Kreuzigung für die Feinde Jesu die Stunde der Wahrheit. Hier zeigte sich für sie, was seine Lehre und sein Anspruch, mit dem er aufgetreten war wert waren. Dementsprechend waren auch die Kommentare der Pharisäer und der Schriftgelehrten während der Hinrichtung:

    Anderen hat er geholfen, aber sich selber kann er offenbar nicht helfen. Wenn er wirklich der König Israels wäre, so könnte er doch vom Kreuz heruntersteigen, und wir würden ihm glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er wirklich Interesse an ihm hat; denn er hat ja selbst gesagt: Ich bin Gottes Sohn … 

    Matthäus 27,42

    Warum führe ich diese Geschichte an? Weil sie als Beispiel für eine heuchlerische Beweisführung steht. Heuchlerisch deshalb, weil hier der Wahrheitsgehalt einer Aussage an Äußerlichkeiten und an menschlichen Schwächen einer Person gemessen wird. Als Beweis für die Unglaubwürdigkeit einer Überzeugung genügt dann der Entzug der Würde und der Hinweis auf das menschliche Scheitern. Unterliegt ein Mensch äußerlich, so wird dies auch als schlüssiger Beweis für die Haltlosigkeit seiner inneren Überzeugung verstanden.

    Die Unveränderbarkeit des Wahren und Guten

    Folgt man dieser Argumentation konsequent, so dürfte kein Mensch jemals irgendetwas Wahres äußern können, da kein Mensch frei ist von menschlichen Schwächen. Tatsächlich verhält es sich so, dass jeder Mensch – ganz unabhängig von seinen Schwächen –  in der Lage ist, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden. Mit anderen Worten, Wahrheit wird nicht zur Unwahrheit, indem eine Person, die sie ausspricht, offiziell zum Lügner oder Übeltäter erklärt wird, und Wahrheit endet auch nicht durch Bestrafung oder Vernichtung ihres Überbringers. Ein Gleichnis aus dem Philippus-Evangelium verdeutlicht diesen Sachverhalt bildhaft:

    Wenn die Perle in den Schmutz hinabgeworfen wird, wird sie dadurch nicht minderwertiger, noch wird sie wertvoller, wenn man sie mit Balsam salbt, vielmehr behält sie immer den gleichen Wert bei ihrem Besitzer.

    Philippus-Evangelium Spruch 48

    Die Unerfüllbarkeit geistiger Ideale

    Wie wir aus den Evangelienberichten wissen, verkündete Jesus kein System weltlicher Stärke oder äußerer Überlegenheit, sondern die Achtung und Wertschätzung geistiger Ideale. Gleichzeitig machte er deutlich, dass all jene, die ihm darin nachfolgen, in dieser Welt nicht siegen oder triumphieren werden, sondern scheitern und unterliegen. Der Sieg der Wahrheit stand für ihn im Gegensatz zum Sieg der Welt. Der Sieg der Welt ist ein scheinbarer, zeitgebundener und vergänglicher. Der Sieg der Wahrheit jedoch ist ein grundlegender, ideeller und zeitloser.

    Wahrheit ist eine Größe, die unabhängig von unserer vergänglichen Existenz besteht. Dennoch ist jemand, der geistige Werte vertritt, nicht verloren in dieser Welt, nur weil er unterliegt. Der Trost, den Jesus seinen Nachfolgern vermittelt, beruht auf der Gewissheit, dass unsere innere Unversehrtheit grundlegend und von zeitloser Qualität ist, da Wahrheit als ein innerer und ideeller Wert unvergänglich ist.

    Sterben wir um der Wahrheit willen, so werden wir auch leben um der Wahrheit willen.

    Die äußere Unversehrtheit hingegen, ist scheinbar, zeitgebunden und vergänglich, wie Jesus verdeutlicht:

    Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

    Mt 16, 25-26

    Leben wir um der Äußerlichkeit willen, so werden wir auch sterben um der Äußerlichkeit willen.

    Dennoch sind die Ansprüche, die Jesus an seine Jünger stellt so hoch, dass ihnen niemand vollkommen gerecht werden kann. Das bedeutet aber nicht, dass seine Lehre deshalb weltfremd oder lebensfern wäre. Im Gegenteil, die Kraft der christlichen Lehre besteht eben gerade in der Einsicht in die eigene menschliche Schwäche. Das mag paradox klingen, ist es aber nicht, wie im Beitrag „Schuld und Vergebung“ ausführlich dargelegt. Da wir als Menschen der Vergänglichkeit unterworfen und unseren menschlichen Schwächen ausgeliefert sind, können wir der Lehre Jesu zwar nicht in allen äußeren Handlungen gerecht werden, aber auf eine innere Weise können wir sie erfüllen. Sie auf innere Weise erfüllen bedeutet, dass wir unsere Distanz zu ihr (der Lehre Jesu) erkennen, und diesen Zustand innerlich bedauern. Einerseits werden wir uns also immer wieder eingestehen müssen, dass wir an der Umsetzung der christlichen Ideale scheitern. Andererseits können wir die Inhalte dieser Botschaft dennoch für richtig und für wahr anerkennen, können sie wertschätzen und lieben. Diese innere „Wertschätzung“ bildet das Herz der christlichen Glaubenslehre.

    Die Wertschätzung der christlichen Ideale ist das, was Jesus als den Begriff „Glaube“ vermittelt, der lebendig und gerecht macht.

    Sind wir im Zustand dieser inneren Wertschätzung, kann uns die Entfernung zu unseren Idealen nicht hindern, an ihnen teilzuhaben. Ja mehr noch, durch diese innere Wertschätzung werden wir eins mit den Idealen, die wir lieben. In dieser Gesinnung sind wir bereits dort, wo wir uns innerlich hingezogen fühlen.

    Der christliche Glaube – was ist das?

    Zu glauben bedeutet, die Botschaft Jesu für wahr halten – es bedeutet, den Worten Jesu zu vertrauen. Ich werde mich im Rahmen dieses Beitrags lediglich auf solche Worte Jesu beschränken, die unsere äußere Existenz betreffen: Jesus lehrte beispielsweise, darauf zu vertrauen, dass Gott weiß, was wir zum täglichen Leben benötigen, noch bevor wir ihn darum bitten. (Mt 6,8) Er lehrte auch, dass wir uns nicht sorgen sollen um Essen, Trinken, Kleidung. (Mt 6,25), auch nicht um unsere Zukunft – nicht einmal um den morgigen Tag sollen wir uns sorgen. (Mt 6, 34) Und selbst wenn man uns verkauft und ausliefert wie Sperlinge, so sind wir vor Gott dennoch nicht verloren. (Mt 10,29) Auch sollen wir uns gewiss sein, dass selbst unsere Haare auf dem Kopf alle gezählt sind. (Mt 10, 30). Und hätten wir nur so viel Glauben wie ein Senfkorn, so könnten wir Berge versetzen. ( Lk 17, 20) Doch selbst wenn ich davon überzeugt bin, dass ich im Vertrauen auf die Worte Jesu niemals sterben kann, auch wenn man mich tötet, (Mt 10, 28 und Joh 11,25-26), so bleibe ich dennoch ein Mensch mit all meinen menschlichen Schwächen – ein kleingläubiger Mensch, der an dieser Botschaft doch immer wieder zweifelt.

    Das Paradoxon: Obwohl ich einerseits den Worten Jesu glaube, ja ihnen sogar zutiefst vertraue, wird mein Glaube doch immer wieder erschüttert werden: Komme ich in eine Notsituation, so handle ich aus menschlicher Angst und Vertrauenslosigkeit. In meiner Befangenheit suche ich dann nach menschlichen Sicherheiten. Geht es um die Erfüllung meiner Ideale, klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander: So verleugnete Petrus seinen Meister aus Angst vor der eigenen Verhaftung dreimal in derselben Nacht und weinte danach bitterlich über seine menschliche Schwäche. Doch eben diese Einsicht, dieses Bedauern der eigenen menschlichen Schwäche, ist ein wesentlicher und grundlegender Aspekt der Botschaft Jesu. Denn das, was ich als meine Schwäche erkannt habe, das versuche ich nicht vor mir selbst zu rechtfertigen und werde mich deshalb innerlich davon distanzieren. Nun könnte man hier einwenden: Ja, aber Jesus hatte doch keine menschlichen Schwächen, zumindest nicht in den Augen gläubiger Christen! Aber das stimmt nicht, im Gegenteil, die Verurteilung und Hinrichtung Jesu, zeigen uns ein sehr menschliches Bild von ihm. Er war schwach, verletzlich und sterblich, wie jeder andere Mensch auch. Stark war er in seiner Bereitschaft, die grausamen Konsequenzen seiner Geisteshaltung auf sich zu nehmen. Schwach war er als geborener Mensch. Ungeachtet seiner körperlichen Schwäche hat er an seinen Idealen festgehalten und war bereit, dafür die Schmach des äußersten menschlichen Scheiterns auf sich zu nehmen.

    Der belächelte, kindliche Glaube

    Nun gibt es Menschen, die ungeachtet ihrer menschlichen Zweifel und Schwächen, dennoch zuversichtlich in die Botschaft Jesu vertrauen. Auf geradezu kindliche Weise halten sie daran fest, dass ihnen nichts geschehen kann, was nicht im Willen Gottes liegt. Diese Menschen glauben unerschütterlich, dass Jesus Christus der Heiland ist, der alle Krankheit der Welt zu heilen vermag. Sie glauben, dass dieser Jesus der Christus ist, der durch seine Auferstehung selbst den Tod überwunden hat. Solche Menschen sind sogar bereit, für ihren „kindlichen“ Glauben Anfeindung, Hass und Ausgrenzung auf sich zu nehmen.

    Auf der anderen Seite melden sich aktuell Kirchenvertreter zu Wort, die solch ein „naives Glaubensverständnis“ für falsch, verantwortungslos ja sogar für allgemeingefährlich halten. Sie verkünden Kraft ihres Amtes, dass diese oder jene Krankheit so gefährlich sei, dass hier weder Jesus, noch Gott und auch kein Beten helfen kann. Sie erklären daher, dass gerade Christen sich den offiziell verordneten Maßnahmen zu unterziehen hätten. Täten sie das nicht, so seien sie gar keine wirklichen Christen. Sie sind der Auffassung, dass selbst Jesus diese Maßnahmen befürworten würde – dass er sich ihnen selbstverständlich selbst unterzogen hätte, würde er heute leben.
    Halten die kindlich Glaubenden hier dagegen, dass sie kein Vertrauen in die verordneten Maßnahmen haben und dass sie in dieser Sache lieber auf Gott vertrauen wollen, dann geben solche Kirchenvertreter ihnen zu verstehen, dass solch ein Verständnis von christlichem Glauben falsch, unhaltbar ja absurd sei.

    Die Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit

    Der letzte und ultimative Angriff, eine unliebsame Überzeugung zu diskreditieren, richtet sich immer gegen die Unversehrtheit des Körpers. Über die äußerliche Verletzbarkeit eines Menschen meint man auch die Wertlosigkeit seiner christlichen Überzeugung beweisen zu können. So scheint der Nachweis für die Absurdität einer Glaubensauffassung auch dann erbracht, wenn der Glaubende bei körperlichen Gebrechen einen Arzt aufsucht und nicht etwa auf Gott vertraut. Dann hält man ihm vor: „Siehst du, damit hast du dich als gewöhnlicher Mensch erwiesen. Das ist der Beweis dafür wie weltfremd, falsch und absurd deine Glaubensvorstellungen doch sind.“ Doch die so reden sind im Irrtum. Sie unterschlagen die Grundlage des christlichen Glaubens als eine aufrichtige, innere Wertschätzung von Idealen, unabhängig davon ob man diesen gerecht wird oder nicht.

    Man kann Ideale glauben und wertschätzen, obwohl man ihnen als Mensch nicht gerecht zu werden vermag.

    Fazit: Der aus tiefer innerer Überzeugung Glaubende wird den Ansprüchen dieser Welt nicht gerecht werden: Bleibt er standhaft, bleibt er seiner Überzeugung treu, so riskiert er Verfolgung, Ausgrenzung und Sanktionierung. Durch öffentlichen Entzug seiner Würde scheint der Beweis seines Irrtums erbracht.
    Zeigt er sich hingegen menschlich, furchtsam und schwach, lenkt er aus Angst vor leidvollen Konsequenzen ein, so wird man seine Glaubensüberzeugung eben deshalb für abwegig und irrig erklären.

    „Das Böse ist immer die Zerstörung sinnlicher Dinge, in denen das Gute wirklich gegenwärtig ist. Das Böse wird von denen verübt, die von dieser wirklichen Gegenwart keine Kenntnis haben.“

    Simone Weil – Schwerkraft und Gnade

  • Blogbeiträge zur christlichen Philosophie

    Aktuelle Beiträge

    Hier finden Sie die bisher auf Christophilos erschienenen Blogbeiträge zur christlichen Philosophie in deutscher Sprache. Einige Beiträge sind auch in englischer Sprache abrufbar. Sie finden Sie auf der Seite: English Version.

    Ist das von Ihnen gesuchte Thema nicht dabei oder suchen Sie etwas zu einer ganz bestimmte Thematik, dann teilen Sie es mir hier im Kommentarfeld einfach mit. Gerne nehme ich Ihre Anregung auf!

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    Bilder und Illustrationen

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  • Als Bethlehem im Dunkel lag

    Als Bethlehem im Dunkel lag

    Als Bethlehem im Dunkel lag
    und Hirten hielten stille Wacht,
    da ward es plötzlich heller Tag;
    ein Licht erstrahlt in tiefster Nacht.
    Und Klarheit, hoch von oben her,
    verklärt nun Trauer, Leid und Tod;
    Was ungeliebt und hart und schwer
    – notwendig wird nun alle Not.

    Als Dunkelheit die Welt umfing
    und Blindheit alle Augen schlug
    als Gottes Sohn am Kreuzstab hing,
    den er hinauf zum Richtplatz trug.
    Da hat erhellt den dunklen Sinn,
    der uns in Not und Angst gebracht,
    sein Wort, das schon vor Anbeginn,
    durchdrungen hat die finstre Nacht.

    So hat der Sohn uns kundgetan,
    wie alles Leben ewig währt,
    nahm auf sich Tadel, Schuld und Scham,
    hat neu zu sterben uns gelehrt.
    So nehmt, in seinem Geist und Sinn,
    das eigene Kreuz nun täglich auf,
    Denn Gottes Sohn ist der ICHBIN*,
    der führt die Welt zum Licht hinauf.

    So lasst uns ohne Sorgen sein,
    und nehmen was uns zugedacht.
    Es lässt der Sohn uns nicht allein,
    hat uns gegeben seine Macht,
    dass sterben wir in seinem Geist,
    der über allen Zeiten steht
    denn Christus der Gesalbte weist
    den Ort, da Gottes Atem weht.

    *2. Mose 3,14 bzw. Joh. 8,24

    ©Text und Komposition: Elmar Wieland Vogel
    2. Dezember 2020 / 4. Vers 12. 12. 2022

    Gesangsarrangement generiert durch AI-Suno und nachbearbeitet mit Wavepad:

    Klavierauszug

  • Der Verlust der Transzendenz

    Der Verlust der Transzendenz

    Ist das christliche Verständnis von der Transzendenz unseres menschlichen Daseins noch Grundlage kirchlichen Glaubens?

    Wenn Kirchenvertreter dazu aufrufen, Menschen auszugrenzen, religiöse Gemeinschaft nur noch für „Sichere“ zu gestatten oder wenn sie Mitmenschen, die in der öffentlichen Meinung nicht als integer gelten, offen als Feinde bezeichnen, dann ist höchste Wachsamkeit geboten. Der Grund für solche Forderungen mag zum einen auf Opportunismus und Abhängigkeitsverhältnisse zurückzuführen sein, zum anderen aber ist es schlicht Angst – die allzu menschliche Angst vor dem Unwägbaren unserer menschlichen Existenz, vor Krankheit, Leid und Tod. Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich mir die Frage nach der Bedeutung der Transzendenz, die dem christlichen Glauben doch zugrunde liegen sollte. Konkret: Ist der christliche Gedanke von der Transzendenz unseres Daseins für die Kirchen überhaupt noch von Bedeutung?

    Ein Freund der Kranken und Ausgestoßenen

    Aus den Evangelienberichten wissen wir, dass Jesus von Nazareth, auf den die Kirchen sich berufen, ganz bewusst Gemeinschaft pflegte mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft standen, mit Prostituierten und Steuereintreibern. Selbst einem Feind Israels – einem Römer, verweigerte er seine Bitte nicht. Er kam zu den Kranken und sogar zu den Aussätzigen, und diese zu ihm, und er rief den Menschen zu:

    Wer zu mir kommt den werde ich nicht abweisen.

    Johannes. 6,37.

    Nun haben wir es hier, verglichen mit der Situation Jesu, nicht mit wirklich Kranken zu tun, sondern mit Gesunden, die für „potentiell“ krank erklärt wurden. Aber ist dies nun tatsächlich eine Ausnahmesituation im Sinne einer Pestilenz? Keineswegs, denn der Mensch, als potentiell Kranker und Totgeweihter ist so alt ist wie die Menschheit selbst und keine Arznei der Welt kann ihn vor dieser Realität schützen oder bewahren.

    Krankheit, Leid und Tod sind notwendige Begleiter unseres Daseins, die uns zu dem machen, was wir sind: Menschen.


    Insofern bewirken die Forderungen nach Ausgrenzung vor allem eines; dass sich Menschen gedanklich entzweien, dass ein Klima des Misstrauens entsteht und dass Gemeinschaften zerbrechen. Doch was haben diese Forderungen mit dem Vorbild gemein, das Jesus den Menschen gegeben hat? Nicht das Geringste! Sowohl die Forderung nach Ausgrenzung, als auch das Verbot der Gemeinschaft, zeigt die Unvereinbarkeit mit der Lehre Jesu: Seiner Lehre nach, ist weder unsere menschliche Existenz noch unsere Gesundheit unser menschliches Verdienst, sondern Gnade. Wer den Menschen im Namen Jesu sagt, dass die Berechtigung ihrer Existenz von einer bestimmten Kur oder einer Arznei abhängig sei, hat den Bezug zur christlichen Gnadenlehre grundlegend verloren. Die Folge einer solchen Ideologie wird ein System der Gnadenlosigkeit sein.

    Der Gedanke der Transzendenz

    Der Gedanke der Transzendenz „des Übersteigens oder Hindurchdringens“ geht von der Möglichkeit der gedanklichen Durchdringung unserer endlichen Erfahrungswelt aus, hin zu einem übergeordneten, immateriellen und geistigen Grund von zeitloser Gültigkeit. Auf diesen Gedanken gründet sich der christliche Glaube. Es ist ein Glaube an unsere eigentliche und ewige Existenz, die in Gott begründet ist.

    Der Gedanke der Transzendenz unseres Lebens bildet gewissermaßen die Grundlage der Botschaft Jesu, denn seiner Lehre nach liegt unsere eigentliche und grundlegende Existenz in Gott. Das heißt, sie besteht auf einer geistigen Ebene. Diese Existenz ist zeitlos und insofern unsterblich. Sie ist es jedoch nur in dem Maße, wie wir uns dieser Wahrheit nähern wollen, d. h. soweit wir diese Wirklichkeit suchen, ersehnen und wünschen, dass sie uns bewusst werde. Suchen und ersehnen wir unsere Existenz in Gott nicht, so haben wir auch keinen Anteil an ihr. Erkennen wir jedoch unsere Existenz in Gott als unsere eigentliche, so wird sie dadurch zu unserer neuen und unvergänglichen Wirklichkeit. In dieser Erkenntnis werden wir auch unser Dasein neu verstehen lernen. Das eine ist jedoch nicht möglich ohne das andere:

    Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird dem einen anhängen und den andern hintergehen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. 

    Matthäus 6, 24

    Jesus Christus ist gekommen, damit wir uns unserer transzendenten, d. h. unserer geistigen Existenz bewusst werden; und dazu war er bereit, seine eigene zeitliche Existenz hinzugeben.

    In seiner Passion hat er deutlich gemacht, dass unsere geistige Existenz über der stofflichen steht. Er hat ferner aufgezeigt, dass die geistige Existenz die Grundlage jeglicher Existenz ist und wir daher alle unsere Kräfte aufwenden sollen, uns unsere geistige Existenz zu bewahren, selbst wenn unsere äußere Existenz dadurch Schaden nehmen sollte. 

    Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?    

    Matthäus 16,25-26

    Profanierung des Menschen – der Ausverkauf der Seele

    Nicht nur in seiner Botschaft, auch durch die bewusste Einwilligung in seine Passion vermittelte Jesus, dass uns nur der Glaube an unsere ewige und zeitlose Existenz in Gott frei machen kann. Frei von einem Dasein, dessen Handlungen von Angst und Befangenheit bestimmt sind. Sei es die Angst vor Krankheit, vor Ausgrenzung, vor Ächtung, vor Ungerechtigkeit, vor Leid oder vor dem Tod. Wo immer solche Ängste unser Tun und Handeln bestimmen, und wir der Illusion erliegen, Leid und Tod entgehen oder ausschließen zu können, sind wir getäuscht und korrumpierbar – das heißt wir sind käuflich. Als „Gekaufte“ werden wir auch bereit sein, all das zu verkaufen und zu verraten, was geistig-ideellen Wert besitzt. Man nennt das den Ausverkauf der Seele. Denn was wir auf diese Weise verraten und preisgegeben haben, darauf haben wir auch willentlich jeden Anspruch aufgegeben. Von daher führt jede Schwächung des Geistes unweigerlich zu einer profanen und sinnentleerten Existenz – einem geistlosen Lebensverständnis, das in letzter Konsequenz hinausgeschüttet und zertreten werden wird, wie es Jesus in seinem Gleichnis von der Wirkkraft des Salzes verdeutlichte: 

    Ihr seid das Salz der Erde. Wo nun das Salz kraftlos wird, womit soll man’s salzen? Es ist hinfort zu nichts nütze, als dass man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten.

    Matthäus 5, 13

    Ein profaniertes Lebensverständnis, bedeutet die Reduktion des Menschen auf seine reine Äußerlichkeit, die nun um jeden Preis erhalten werden muss.

    Der Preis, der dafür bezahlt werden muss scheint für viele schon akzeptiert: Trennung, Ausgrenzung, Entrechtung, Wut und Hass gegenüber unserem Nächsten, der unser korrumpiertes Lebensverständnis nicht teilt. Doch da solche Sanktionen gegen unseren Mitmenschen offiziell und ideologisch begründet werden – dürfen und sollen sie ausdrücklich geübt werden. Da selbst korrumpiert, fördern solche „Seelsorger“ ein Milieu der Angst, des Misstrauens, der Unversöhnlichkeit und der Feindseligkeit. Dabei wären Sie in Namen Jesu aufgerufen das Gegenteil zu tun, nämlich Frieden zu stiften:

    Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Töchter und Söhne Gottes genannt werden.

    Matthäus 5,9

    Den Feind hassen heißt, ihm berechtigt Nachteile zu wünschen 

    Das Liebesgebot bildet zweifellos das Kernstück der Botschaft Jesu. Seine Aufforderung, auch den Feind zu lieben, erscheint dabei selbst manchen „Christen“ unzumutbar, oder zumindest kaum praktikabel. Umso dringender stellt sich gerade in unserer aktuellen Situation die Frage, was es mit diesem außerordentlichen Liebesgebot auf sich hat.

    Warum sollen wir unsere Feinde lieben, ihnen Gutes tun, für sie beten usw. wie es Jesus fordert? Die Antwort ist einfach und erschütternd zugleich: Wir sollen unsere Feinde lieben, weil diese ein wesentlicher Teil unseres Daseins sind. Weil, dem Verständnis Jesu nach, uns kein Mensch von ungefähr begegnet. Auch unser Feind ist unser Nächster, der uns nach dem Willen Gottes begegnen muss und den wir darum ebenso lieben sollen wie uns selbst. So hat Jesus auch den Menschen vergeben, die hinterhältig und ungerecht an ihm gehandelt haben. Und heute bemühen Theologen seinen Namen, um Menschen ohne böse Absichten auszugrenzen und zu sanktionieren.

    Und selbst wenn es so wäre, dass jemand Feindliches gegen uns im Schilde führen würde. Auftrag unseres Glaubens wäre es dann, auch unsere Feinde zu lieben, da uns Gott auch in ihnen begegnet. In der Annahme seiner Passion zeigt Jesus diese Grundwahrheit auf. Hier vermittelt er uns jene Geisteshaltung, in der wir Gottes Willen selbst in solchen Geschehnissen vertrauensvoll suchen und finden sollen, die Unrecht, Leid und Tod bedeuten. Und dort, wo wir den Willen Gottes finden, dient uns alles zu unserem Besten, wie es der Apostel Paulus schrieb:

    Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Vorsatz berufen sind.

    Römer 8, 28

    Auch sollten wir uns dringend davor hüten, jemanden deshalb für unseren Feind zu halten, weil dieser von Obrigkeiten öffentlich und offiziell zum Feind erklärt wurde. In diesem Zusammenhang sollten wir uns die Hintergründe vor Augen halten, die zur Verurteilung und Hinrichtung Jesu führten: Jesus konnte nur verleumdet, angeklagt, verurteilt und hingerichtet werden, weil Obrigkeiten ihn zuvor zu einer öffentlichen Gefahr, zum Feind und zum Straftäter erklärt hatten.

    Das Leben in seiner Gänze annehmen

    Unsere Vorstellung von dem, was wir „Leben“ nennen, kann nur vollständig sein, wenn auch Leid und Tod darin inbegriffen sind. Das heißt, unsere menschliche Existenz kann nur ganz und heil werden, wenn wir auch die herbe Erfahrung der Ablehnung, der Ausgrenzung und der Ungerechtigkeit, in unser Leben mit einschließen. Erst in der Liebe gegenüber unserem Feind und all dem was dieser über uns verhängen mag, wird unser Leben vollständig. Nur das Vollständige ist das Ungeteilte und das Göttliche, dem Unsterblichkeit und Zeitlosigkeit zukommt.

    Dabei geht es keineswegs darum, ob unser Feind sich im Unrecht befindet und wir im Recht oder umgekehrt. Nein, der Botschaft Jesu nach beruht jeder Gedanke der Feindschaft und des Hasses, den wir gegenüber unseren Nächsten hegen, auf einem folgenschweren Irrtum.

    Jeglicher Hass beruht auf dem Irrglauben, dass die Welt gegen den Willen unseres Mitmenschen gebessert werden könne und müsse.

    Menschlicher Hass beruht aber auch auf dem Irrtum, dass eine geteilte Welt am Ende immer noch eine bessere, da eine sicherere Welt sei. Doch das Gegenteil davon ist wahr. Was im Streit mit sich selbst liegt, kann nicht dauerhaft Bestand haben. Was geteilt ist, hat seine „Ganzheit“ bereits verloren und muss zu Grunde gehen. Darum ist es notwendig, dass wir auch in unserem Feind und in dessen Handlungen gegen uns, den Willen Gottes erkennen.

    Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, kann nicht bestehen.

    Matthäus 12. 25

    Unser Weltbild kann nur von Bestand sein und bleiben, wenn wir unser Leben in seiner Gänze annehmen. Eben darin war uns Jesus Christus Vorbild, indem er auch das Beschwerliche, die Widerstände, ja sogar Leid und Tod aus der Hand Gottes bereitwillig angenommen hat.

    Die größte menschliche Befangenheit rührt aus der Angst vor dem Tod, dem aber doch niemand entgehen kann.

    So, wie die Angst vor dem Tod uns befangen macht, macht sie uns auch verführbar und bereit, jedes nur erdenkliche Verbrechen gegenüber unseren Mitmenschen zu rechtfertigen oder es sogar selbst zu verüben. Dieser Grundwahrheit sollten wir uns angesichts der aktuellen Entwicklung vor Augen halten, um auch den Menschen verzeihen zu können, die solchen Ängsten bedingungslos erliegen.

    Der Feind, das ist der Andersdenkende

    Die absurdeste Form des Feindbildes rührt aus dem Glauben, dass der andere mein Leben gefährdet, ohne etwas konkret böses getan zu haben. Allein durch seine, Gott gegebene Existenz, bedroht er die Existenz anderer. Wir kennen dieses Szenario aus der Geschichte: Ob die Christen im alten Rom, die Juden, die über Jahrhunderte hinweg die Schuldigen waren, ob die Ketzer, die eine andere Meinung vertraten als die Amtskirche, die Hexen und Hexer, die schuld waren an Missernten usw., die Protestanten, die Hugenotten und all die Glaubensflüchtlinge und Exulanten des 30-jährigen Krieges. Es genügte, wenn man Teil einer Gruppe war, die hochoffiziell zu Gefährdern erklärt wurde, um zum Feind der übrigen Gesellschaft zu werden. War man einmal offiziell als Feind des Systems benannt worden, dann war es auch erlaubt oder sogar heilige Pflicht, diesen Menschen zu verfolgen, auszugrenzen, zu entrechten, zu schädigen oder gar zu töten.

    Unsere Geborgenheit in Gott 

    Der Angst vor dem Feind, der unser Leben bedroht, setzt Jesus das Vertrauen in Gott entgegen. Gott, der alle Geschehnisse wirkt und der all jene Menschen in ihrer Not bedenkt und aufrichtet, die in seine Allmacht vertrauen. Selbst wenn man uns „verkauft“ oder ausliefert, wie man es ja mit Jesus gemacht hat, so sind wir von Gott doch nicht vergessen.

    Verkauft man nicht fünf Sperlinge um zwei Pfennige? Dennoch ist vor Gott nicht einer vergessen. Aber selbst die Haare auf eurem Haupt sind alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.

    Lukas 12, 6-7

    Auch Jesus wurde offiziell einem Feindbild zugeordnet, weil seine Ansichten sich nicht mit dem „offiziellen“ Religionsverständnis deckten und weil er zudem dessen Missstände offen und vehement anprangerte. Auch bei seiner Verurteilung spielte die menschliche Angst vor einer drohenden Gefahr – dem militärischen Eingreifen Roms – eine entscheidende Rolle. Selbst wenn diese „Gefahr“ letztlich nur ein politischer Vorwand war und Jesus ein willkommenes Bauernopfer:

    Einer aber unter ihnen, Kaiphas, der in jenem Jahre Hoherpriester war, meldete sich zu Wort und sprach: Ihr habt ja keine Ahnung, ihr bedenkt die Konsequenzen nicht; es ist immer noch besser wenn ein einzelner Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht.

    Johannes 11, 49-50

    Und doch war Jesus gekommen, um den Irrtum jeglichen Hasses aufzudecken, und dafür war er bereit, selbst zum Objekt des Hasses zu werden. Sein Ruf am Kreuz; „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ ( Lukas 23, 34)  zeigt, dass er seiner Botschaft bis zum Ende treu geblieben ist, indem er sterbend noch für seine Feinde bat. In dieser Geisteshaltung wird die Transzendenz seiner Botschaft deutlich, die uns folgende geistige Wahrheit vermittelt:

    Soweit wir das Böse, das uns unser Feind antut, im Vertrauen auf uns nehmen, dass uns in allen Geschehnissen Gott selbst begegnet und wir insofern auch unseren Feind von Schuld freisprechen müssen, soweit stellen wir uns unter den Willen Gottes, der ausnahmslos alle Dinge wirkt. Doch Gott wirkt diese Dinge nicht umsonst.

    Alles was Gott wirkt, das wirkt er, um das Leben zu fördern, dessen Ursprung er selbst ist.

    Darum, sind wir in Gott, so kann uns nichts hindern. Sind wir nicht in Gott, so hindert uns alles. In diesem Sinne schrieb Meister Eckhart:

    Wir selbst sind die Ursache aller unserer Hindernisse. Hüte dich vor dir selbst und du hast wohl gehütet.

    Meister Eckhart

    Und der Apostel Paulus schrieb:

    Wenn Gott für uns ist, wer will dann gegen uns sein?

    Römerbrief 8,31 

    An den Früchten erkennt man den Baum

    Wo wir im Vertrauen auf Gott anfangen, auch unseren Feind zu lieben, rufen wir Gott herbei und ermächtigen ihn, alle Dinge zu unserem Besten zu wenden. Durch unser Vertrauen, dass Gott alles in allem ist und dass da nichts ist, wo Gott nicht wirken könnte, rufen wir Gott ins Ungerechte, in das Böse ja, selbst in unseren Tod und allein durch unser Vertrauen, wird Gott es wandeln, sodass aus Tod Leben und aus Trauer Freude werden wird. 

    Dadurch wird jeder Mensch, der in die Botschaft Jesu vertraut, auch in seinem Feind und in dessen böswilligen Handlungen den Willen Gottes finden können, weil er auf den Sinn und die Bedeutung aller Geschehnisse vertraut, die ihm begegnen. So wie Jesus Christus, der in der Anfeindung, im Hass und schließlich in Leid und Tod, das man ihm antat, den Willen Gottes erkannte. In unerschütterlichem Vertrauen hat er damit Gott zum Vater aller Geschehnisse gemacht und hat alle, die ihm gedanklich darin folgen wollen, frei gemacht vom Gedanken der Vergeltung. Das ist der gute Baum, der gute Frucht hervor bringt.

    Wer nicht in die Botschaft Jesu vertraut, wird diese Lehre für absurd und unsinnig halten. Und so wird er „triftige“ Gründe finden Ausgrenzung, Entrechtung, Wut und Hass gegenüber seinem Nächsten zu rechtfertigen. Der Vertrauenslose wird seinen Nächsten zum rechtmäßigen Feind erklären, der kein Erbarmen verdient. Das ist der faule Baum, der schlechte Frucht hervorbringt.

    Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben ernten von den Dornen oder etwa Feigen von den Disteln? Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte.…

    Matthäus 7, 15-17

    Eine kritische Zuschrift hierzu und meine Antwort darauf finden Sie auf Poeten.de

  • Geistige Impulse

    Geistige Impulse

    Kurzbeitträge zum Nach- und Weiterdenken

    Geistige Impulse sind kurze Blogbeiträge, verfasst als komprimierte Auseinandersetzungen mit zentralen Aussagen des Neuen Testaments. Jeder Impuls orientiert sich unmittelbar an der Lehre Jesu und lässt sich aus ihr inhaltlich schlüssig und folgerichtig ableiten.

    Sprachkürze schafft Denkweite

    Die unten aufgelisteten Kurztexte stammen überwiegend von X (ehemals Twitter). Darunter finden sich auch Diskussionsbeiträge, Ausschnitte eigener Kommentare auf Christophilos sowie Auszüge aus Essenzen – Die Botschaft Jesu.

    Manche Texte sind reine Gedankensplitter zu bestimmten Themen. Sie dienen als Sammlung und Grundlage für spätere, ausführlichere Blogbeiträge.

    Alle Impulse laden zum Weiterdenken ein – in der Hoffnung, dass die Kürze den Blick weitet.

    Jesus politisch? Warum seine Botschaft nicht politisch ist
    Manche Kirchen treten heute als moralische Erzieher der Gesellschaft auf. Sie kommentieren Gesetze. Sie erteilen politische Weisungen. Und sie maßregeln Mitmenschen. Damit verfehlen sie die Lehre Jesu im Kern. Sie verwandeln das Evangelium in einen Gesetzeskatalog. Aus der Botschaft Christi …
    Jesaja 53: Vom Missetäter-Irrtum zur Wandlung des Leidens
    Die Frage nach dem Sinn des Kreuzes beschäftigt die Menschheit seit zweitausend Jahren. Wie kann der physische Tod eines Einzelnen schuldbezogene Vergebung und Erlösung bewirken? …
    Warum sterben wir?
    Erst durch den symbolischen Akt des Essens vom Baum der Erkenntnis wurde dem Menschen die Welt der Gegensätze bewusst: Gut und Böse, Licht und Finsternis, Freude und Leid und eben auch Leben und Tod …
    Würde im Unwürdigen
    Das Dogma der biologischen Jungfrauengeburt ist eine nachträgliche, rein physische Verengung der Kirche, die der revolutionären Botschaft die Spitze abbricht. Das Evangelium verkündet keinen unnatürlichen Zauber, sondern einen radikalen Perspektivwechsel (Metanoia) …
    Das Jüngste Gericht
    Das Gericht ist keine Willkür einer göttlichen Richterperson. Der Richter ist das Wort – der Logos. Die zeitlose, geistige Gesetzmäßigkeit des Seins selbst. Es ist zutiefst folgerichtig. Der Mensch wird mit der eigenen Härte und Unbarmherzigkeit konfrontiert. Wer in Trennung, …
    Jesu freier Wille
    Wahrer freier Wille ist der vollkommene Einklang mit der unteilbaren Wirklichkeit Gottes. Wer fähig wird, das zu wollen, was Gott will, weicht der Wahrheit nicht länger aus. Er wird mit Gott geeint und nimmt seine unsterbliche, unvergängliche Natur an …
    Salz, Salt, Sel
    Erlösung durch Auflösung der starren Form „Ihr seid das Salz der Erde.“ Matthäus 5,13Dieses Wort aus der Bergpredigt gehört zu den bekanntesten Bildern Jesu. Viele verstehen es nur als Aufruf zu gutem Verhalten. Wer dabei stehen bleibt, verpasst die tiefere …
    Das Gottesbild Jesu
    In der ungeteilten Wirklichkeit des Schma-Israel existiert schlichtweg kein „Außerhalb“ Gottes. Gäbe es einen Bereich, eine Kraft oder eine geschöpfliche Autonomie unabhängig von seinem Wirken, so wäre Gott nicht allmächtig und damit nicht Gott …
    Das Sinnbild vom Lösegeld
    „Der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben.“ Markus 10,45 Was „Lösegeld“ ursprünglich bedeutete Lösegeld „antilytron“, war in der Antike der Preis, zu dem ein Sklave …
    Schuld und Sühne
    Kein Mensch kommt von Natur aus gottlos zur Welt; die Geburt an sich ist bereits ein reines Zeichen der unverdienten Gnade Gottes, was Jesus beispielhaft am Wesen der Kinder verdeutlicht hat. Die „Sünde“ besteht in der Illusion des Getrenntseins von …

    Aphorismen


    Inhalt:

    Deutung des Gleichnisses vom Salz, das nicht mehr salzt
    Der Sabbat – Die Ruhe vor der neuen Schöpfung
    Inwiefern sorgt Gott für etwas?
    Jungfrauengeburt
    Alle Ursache liegt in Gott
    Bedeutung des Sühnetodes Jesu

    Zum Bilde Gottes schuf er ihn …
    Was ist Sühne?
    Gut und Böse
    Rettung und Vergebung
    Tod und Sterben
    Freier Wille
    Kreativität und Schöpfung
    Äußere und innere Wahrheit
    Wesen des Abendmahls
    Überwindung des Bösen durch das Gute
    Jüngstes Gericht

    Schuld und Sühne
    Feindesliebe

    Heilung
    Unentschuldbares
    Lüge – Ursache des Todes
    Der Fall in die Bedeutungslosigkeit
    Vergebung
    Universeller Anspruch
    Göttliche Gnade vs. weltliche Gnadenlosigkeit
    Liebe und Hass
    Gotteskindschaft

    Deutung des Gleichnisses vom Salz

    „Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen?“ Mt 5, 13

    Die Kraft, den irdischen Belangen Inhalte zu verleihen, liegt in uns: Es ist die Kraft des Geistes. Werden wir uns dieser Kraft nicht bewusst, müssen wir an leidvollen Geschehnissen zerbrechen, da wir sie nur für inhaltslos, sinnlos und bedeutungslos halten können.

    Nutzen wir die Kraft des Geistes nicht, um dort Inhalte zu finden, wo keine sind, so schwächen wir den Geist, der es vermag, aus nichts etwas zu erschaffen. Ein kraftloser Geist wird an inhaltlosen, leidvollen, ungerechten und beschwerlichen Geschehnissen zerbrechen. Die Folge wird sein, dass wir uns weggeschüttet und zertreten fühlen.

    „Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.“ Mt 5,13

    Sich weggeschüttet und zertreten zu fühlen, ist keine Strafe im menschlichen Sinn, sondern der einzig mögliche Nutzen. Warum? Weil diese Situation wiederum unsere Sehnsucht nach Geist und Sinn nährt.

    24. 11. 2025

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    Der Sabbat – Die Ruhe vor der neuen Schöpfung
    Das Pessach – Der Übergang zu Neuem

    Jesus war nicht tot. Es war Gott selbst, der am Sabbat ruhte, dem jüdischen Pessach .

    Am siebten Tag ruhte Gott von seiner Arbeit. Der Sabbat ist ein Sinnbild der Untätigkeit Gottes. Die Mission Jesu findet ihre Vollendung am Kreuz. Der Tod Jesu am darauffolgendem Sabbattag ist Sinnbild der Ruhe Gottes am Pessach, was „Vorübergehen“ oder „Überschreitung“ bedeutet. In Christus „überschreitet“ Gott die alte Welt am Sabbattag in Ruhe und Untätigkeit. Der Ruhe Gottes folgt in Christus die Auferstehung zu neuem Leben. In Jesus Christus hat sich Gott von seinem Ruhestatt erhoben, um erneut Schöpfer zu sein- um neues Leben zu geben. Nun gibt er jedem, der insistiert, bittet, sucht, anklopft:

    „Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote;  denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann,  und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf. Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ Luk 11, 5-10

     

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    „Sorgt“ Gott für etwas?

    Sorgt Gott dafür, dass dieses oder jenes geschieht oder nicht geschieht?

    Dieser Gedanke wäre eine Vermenschlichung Gottes. Gott „sorgt“ für nichts im menschlichen Sinne. Gott ist die Wahrheit und Wahres entsteht als Konsequenz einer Folgerichtigkeit. Wahrheit ist auch keine Auswahl unter verschiedenen Möglichkeiten. Wahrheit geschieht unausweichlich, wir können nur einwilligen in sie. In unserer Einwilligung werden wir eins mit ihr – werden wir eins mit Gott. Und ausschließlich in dieser Einheit erfahren wir alles Gute: Trost, Gnade, Liebe, Vergebung, Barmherzigkeit, Leben etc. Von dieser Art ist die „Sorge“ Gottes. Gott sorgt nicht wie ein Mensch für etwas sorgt. Der Gekreuzigte ist jener, der fähig war in alle Wahrheit einzuwilligen. Eben auch in jene Wahrheit, die sein Scheitern und seinen sicheren Tod bedeutete. Hier und nur hier kann Gott für etwas „sorgen“. Warum? Weil im Einswerden des Menschen mit Gott sich alles Notwendige unausweichlich finden muss. Das Notwendige aber ist die Liebe und das Leben selbst. Deshalb musste Jesus auferstehen. Seine Auferstehung war die Konsequenz seiner Einheit mit Gott. Damit hat er verdeutlicht, dass Einheit mit Gott, selbst im Tod Leben hervorbringen muss. Wäre es anders, so wäre Gott nicht Gott.

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    Jungfrauengeburt

    Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie Immanu-El nennen, das heißt Gott-mit-uns.

    Jesaja 7,14

    Tatsächlich ist in diesem alttestamentlichen Text, der als Prophezeiung für die Geburt des Messias herangezogen wird, nicht von einer Jungfrau im Wortsinn die Rede, sondern von einer עַלְמָה = almâh. Als „almâh“ bezeichnete man im Hebräischen eine junge Frau im heiratsfähigen Alter bis zur Geburt ihres ersten Kindes. Erst durch die spätere Übersetzung ins Griechische wurde aus der „almâh“ dann eine Jungfrau.

    Ausserdem existierte im Hebräischen auch eine explizite Bezeichnung für eine sexuell noch unberührte Frau im Sinne des deutschen Begriffs Jungfrau und diese lautete: betula בתולה

    Wegen der semantischen Unsicherheit musste im Hebräische bei dem Ausdruck בתולה („junge Frau“) zusätzlich sichergestellt werden, wenn die betreffende Person sexuell tatsächlich noch unberührt war. Diese Näherbestimmung erfolgt im Alten Testament mit präzisierenden Formulierungen wie: … ein Mann hatte noch nicht mit ihr geschlafen Gen 24,16 … die noch keinem Mann gehört hatte Lev 21,3 … die noch mit keinem Mann geschlafen hatte. Ri 21,12

    Das „Zeichen“ , das Gott hier geben sollte war demnach, dass der Messias von einer unverheirateten Frau, ausserehelich empfangen sein sollte, was das neue Testament ja zweifelsfrei belegt. Somit lag der Geburt des Messias ein menschlicher Makel zugrunde. In diesem Kontext wird auch der Ausruf Marias verständlich:

    Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

    Luk 1,46

    Die Freude über Ihre Rettung aus der Niedrigkeit war Ausdruck ihres Glaubens, den Messias zur Welt zu bringen. Dieser Glaube hob sie gedanklich über den gesellschaftlichen Makel ihrer unehelichen Schwangerschaft.

    Bezeichnend für die Botschaft Jesu wird später sein, dass das Niedrige und Unwerte eine unerhoffte Wertschätzung erfährt; von der Geburt im Stall bis zur Passion am Kreuz. Dieser Gedanke wird grundlegend für das gesamte Neue Testament:

    Was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme.

    1. Korinther 1, 28-29

    27. 11. 2023

    Alle Ursache liegt in Gott

    Die Passion Jesu wird oft dahingehend missdeutet, dass er am Kreuz die Strafe für einen Fehltritt des Menschen verbüßte. Doch bereits der Jesajatext weist auf diese Fehlwahrnehmung hin:

    Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber dachten, diese Leiden seien Gottes gerechte Strafe für ihn. Wir glaubten, dass Gott ihn schlug und leiden ließ, weil er es verdient hatte.

    Jesaja 53,4

    Wenn es daher heißt, dass Jesus die „Krankheit“ des Menschen auf sich genommen hat, so ist damit gemeint, dass Jesus die Verantwortung für alles Leid der Welt auf sich genommen hat. Denn derjenige, der die Verantwortung für einen Umstand auf sich nimmt und trägt, hat sich als dessen Verursacher zu erkennen gegeben. Am Kreuz hat Jesus Gott zur Ursache menschlicher „Krankheit“ gemacht. Jesus wusste: Erst wenn uns Gott zur Ursache dessen geworden ist, woran wir kranken und leiden, können wir davon erlöst werden.

    25.7. 2023

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    Zur Bedeutung des Sinnbildes vom „Sühnetod“

    Die Vergebung menschlicher Schuld durch Jesus Christus beruht auf einer äußerst schlichten Wahrheit: Jesus war es gegeben, Gott als Ursache aller Erscheinungen zu erkennen. Kraft dieser Erkenntnis war er fähig, selbst in Feindschaft, Unrecht, Schwäche, Leid und Tod, Gottes Willen zu finden. In diesem außerordentlichen geistigen Bewusstsein sah er sich in der Lage, das Leid der Welt auf sich nehmen. Warum? Jesus wusste, dass alles, was ein Mensch aus der Hand Gottes annimmt, nur gut sein kann, da aus Gott immer nur Gutes (Leben und Geist) fließt, selbst wenn es gegenteilig erscheint. Hierauf beruht der Stellvertretergedanke, nämlich, dass Jesus eine geistige Fähigkeit besaß, die kein Mensch aus eigener Kraft hätte erreichen können. Und durch sein Vorbild können nun auch wir fähig werden, das Beschwerliche aus Gott zu empfangen, ohne daran zu zerbrechen. Gut wird Böses, indem es Geist und Sinn erfährt, denn das Böse ist immer das Sinnlose und Geistlose. Jesus wusste um den Sinn seiner Passion. Indem wir diese Geisteshaltung Jesu annehmen wird alle menschliche Schuld und Schwäche, alles Unrecht, alles Leid, ja, selbst unser Tod Sinn finden. Was so Sinn gefunden hat, das hat aufgehört „Sünde“ zu sein, denn es hat Notwendigkeit gewonnen.

    Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele

    Matthäus 20, 28

    Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet und reichte ihn den Jüngern mit den Worten: Trinkt alle daraus; das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.

    Matthäus 26, 27-28

    Ihr seid von untenher, ich bin von obenher; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt. Deshalb habe ich euch gesagt, dass ihr sterben werdet in euren Sünden; denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, so werdet ihr sterben in euren Sünden.

    Johannes 8, 23-24

    In »Sünden« sterben bedeutet, in einem Zustand innerer Anklage, Schuldzuweisung oder Schuld zu sterben. Es bedeutet, nicht einwilligen zu können in den ewigen Willen, der alle Dinge wirkt. In der Einwilligung mit allen Geschehnissen werden wir eins mit Gott. Was eins geworden ist mit Gott, das ist ohne Schuld, denn in Gott existiert keine Schuld. Lebendig ist nur das, was Gott gleich ist und eben das (Gott) ist ohne Schuld.

    Sühne bedeutet Wiedergutmachung. Durch den Tod Jesu wurde das Böse wieder gut. Die Sühne beruht darauf, dass Gott (Geist) allem bisher Gottlosen (Geistlosen) sich selbst verleiht, es also mit Sinn erfüllt. Im Geist Jesu findet alles bisher Sinnlose unverhofft Sinn. Darauf beruht die Erlösung durch das Opfer Jesu.

    1. 6. 2023

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    Zum Bilde Gottes schuf er ihn…

    Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn…

    1. Mose 9,6

    Der Schöpfungsbericht ist eine Metapher, denn Gott selbst ist ohne Bild. Zum Bild, und das heißt zum Wesen und Prinzip Gottes gehört die Fähigkeit, sich verloren geben zu können, um sich neu wieder zu finden. Dieses Gottesbild vermittelt Jesus angesichts seiner Passion. Deshalb musste Gott auch den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse wachsen lassen. Hätte er das nicht getan, so wäre der Mensch nicht nach dem Bilde Gottes geschaffen gewesen.
    Durch das Essen vom Baum der Erkenntnis ging der Mensch verloren, d. h. er starb, so wie es Gott gewollt hatte nämlich so, wie er es immer auch für sich selbst wollte und will.
    In Jesus Christus – in seiner Passion, zeigt Gott nun selbst auf „wie“ – also auf welche Weise – ein Gott verloren geht, um neu gefunden zu werden. Durch Jesus Christus erhält der Sündenfall eine tiefe Bedeutung und Notwendigkeit. Seiner Botschaft nach, gingen wir im Paradies verloren, „um“ neu gefunden zu werden: Das Prinzip der Auferstehung aller Wahrheit.

    3. 11. 2022

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    Was ist Sühne?

    Sühne bedeutet Wiedergutmachung. Durch den Tod Jesu wurde das Böse wieder gut. Die Sühne beruht darauf, dass Gott (Geist) allem bisher Gottlosen (Geistlosen) sich selbst verleiht, es also mit Geist und Sinn erfüllt. Im Geist Jesu findet alles bisher Sinnlose unverhofft Sinn. Darauf beruht die Erlösung.
    Sühne = Sinnfindung. Um zu Gott zurückzufinden müssen wir zurückfinden zu Geist und Sinn – zu einem Gottesbild, das Ursache aller Dinge ist, so wie es Jesus gelehrt hat: Liebet eure Feinde! Indem wir beginnen ausnahmslos auch beschwerliche und leidvolle Erscheinungen zu lieben, wie Feindschaft, Unrecht, Leid und Tod , werden diese überwunden, da in Gott weder Feindschaft, noch Unrecht, noch Leid und Tod existieren können -da Gott alles dient.

    1. 4. 2023

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    Gut und Böse

    Das Gute ist authentisch, folgerichtig und selbstverständlich und kann daher nicht verneint werden. Das Böse ist beliebig, mutwillig und künstlich konstruiert. Eben weil es verneint werden kann, muss es mit Gewalt durchgesetzt werden.

    Das Gute bedingt aller Erscheinungen auch der des Bösen, um sie zu transzendieren. Das Gute schließt das Böse ein. Das Böse hingegen bedingt des Guten nicht, sondern verfolgt und hasst es – versucht es auszuschließen: Grund und Ursache aller Lüge.

    Das Gute ist das durch Wirklichkeit Belastbare und Substantielle. Das Böse ist substanzlos – es zerfällt unmittelbar bei der Belastung durch die Wirklichkeit.

    Das Böse befiehlt den Vollzug der äußeren Handlung es besitzt weder Tiefe noch Transzendenz. Das Gute handelt aus innerer Notwendigkeit ohne fremde Anordnung oder einen Befehl von außen.

    22. 10.2021

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    Rettung und Vergebung

    Manche Menschen meinen sie seien gerettet, wenn sie nur eine bestimmte Gebetsformel sprechen und ihre Schuld sei vergeben wenn sie nur fest glauben, dass Jesus für ihre Sünden gestorben sei. Doch Rettung und Vergebung beruhen darauf, dass wir jene Geisteshaltung annehmen, die Jesus lehrte und lebte.

    22. 9. 2022

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    Tod und Sterben

    In der Sterblichkeit unseres Lebens liegt ein Sinn verborgen: Der Tod und mit ihm alles Mangelhafte ist unser Potential, um Tiefe und Bedeutung zu gewinnen, sofern wir diese Bereiche im Geist der Botschaft Jesu bedenken. Die Verdrängung menschlicher Schwäche, Leid u. Tod, ist die Verdrängung der Wahrheit über uns selbst. Dadurch wird das Leben seicht und bedeutungslos – werden wir vom Tod ereilt.

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    Freier Wille

    Der Glaube an eine freie Willensentscheidung, macht den Gedanken der Verantwortung und der Schuld erst möglich. Nun aber nimmt Jesus Christus alle Schuld und Verantwortung auf sich. Was heißt das? Es bedeutet, dass durch ihn Gott wieder zum Urheber aller Geschehnisse wurde und wird, was dem eigentlichen und wahren Wesen Gottes entspricht.

    29. 8. 2022

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    Kreativität und Schöpfung

    Kreativität ist nie Relativierung oder Beliebigkeit, sondern sie ist eine authentische und glaubwürdige Interpretation der Wahrheit. Die höchste und vollkommenste Interpretation der Wahrheit ist ihre Erschaffung – ist Schöpfung. In Jesus Christus (in seiner Passion ) wird Gott zum Schöpfer neuer Wahrheit.

    9. 7. 2022

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    Äußere und innere Wahrheit

    Mathematik und Naturwissenschaft sind nur Sinnbilder der Wahrheit – sie sind es hinsichtlich der Unumstößlichkeit ihrer Logik und ihrer Erkenntnisse. Doch Begriffe wie Gnade, Liebe, und Barmherzigkeit sind ihnen fremd. Dabei sind das jene Größen die unserer menschliche Existenz viel grundlegender ausmachen, da sie unser ideelles Menschsein betreffen und uns durch Christus im Innersten berühren wollen.

    27. 4. 2022

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    Das Wesen des Abendmahls

    Das Brot nehmen und essen ist Wertschätzung und Andenken – ist das Wissen um die Notwendigkeit der Hingabe des Äußeren für das Innere. Den Leib essen ist äußeres Teilhabenwollen und ist Einwilligung in den Tod Jesu. Das Brot essen ist auch ein Sinnbild für das Annehmen der „Gestalt“ Jesu und seiner Geisteshaltung, es ist insofern Ausdruck der eigenen Hingabebereitschaft für die Sache Jesu.

    Den Kelch nehmen und trinken ist Andenken und ist Einwilligung und Teilhabe am Leiden Jesu, und seiner Hingabebereitschaft, in der auch alles eigene Leiden verstanden sein soll. Der Inhalt (Wein bzw. Geist ) des Leides (Kelch) ist Wandlung des Leidvollen durch den Geist (Blut) dessen, der von königlich-himmlischem Geblüt. Wein ist ein Sinnbild geistiger Nahrung, die uns selbst und unsere Wahrnehmung verändert. Denn so wie der Wein ein Getränk ist, das eine Wandlung erfahren hat, wir auch der in seiner Wahrnehmung verwandelt, der ihn trinkt.

    9. 5. 2022

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    Überwindung des Bösen durch das Gute

    Das Böse an sich existiert in Christus nicht mehr, da es in seinem Geist überwunden wurde. Was wir sehen sind zwei Formen dessen, was wir als das Böse wahrnehmen, nämlich Erkanntes (Benanntes) und Unerkanntes (Namenloses). Was uns als Widerpart des Guten erscheint, ist in Wahrheit (nur) das noch unerkannte und das noch namenlose Gute. Alles Böse, das wir im Geist Jesu betrachten, muss erkannt werden. Indem es erkannt ist verliert es seine Namenlosigkeit, und eben darin ist es überwunden.

    25. 3. 2022

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    Jüngstes Gericht

    Die Welt ist im Geist Jesu überwunden, der Dunkles erhellt und Böses gewandelt hat. Ohne Geist muss alles sinnlos bleiben, denn Sinnlosigkeit ist Geistlosigkeit. Gericht ist die Verkennung Gottes, der Sinnloses geschehen lässt, um es zu überwinden, wodurch neuer, größerer Sinn geboren werden kann.


    18. 3. 2022

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    Schuld und Sühne

    Zwei universelle Wege zur Überwindung von Unrecht, ohne Vergeltung zu üben: Vergebung zu üben, und Einsicht in die Notwendigkeit aller Erscheinungen. Christus hat beide Wege vereint.

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    Feindesliebe

    „Liebet eure Feinde!“ Gott als Ursache aller Dinge erkennen. Das Leben als ungeteiltes Ganzes verstehen u. annehmen: Nichts ausklammern, nichts verwerfen, alles bedingungslos aus der Hand Gottes entgegennehmen, wodurch alle Dinge gewandelt werden u. dienen können – ja, dienen müssen.

    5. 3. 2022

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    Heilung

    Christus konnte die Menschen nur heilen, weil er das Heil selbst war. Um uns vor der Ursache aller Krankheit zu heilen, musste er sich mit uns gleichsetzen – musste selbst Krankheit tragen. Darum setzte er sich selbst Hass, Erniedrigung, Leid und Tod aus. Er, der es vermochte alle Krankheit zu heilen, hat durch seine Passion aufgezeigt, dass er vollkommen heil war. Nur der vollkommen heile, der Heiland konnte einen Sinn finden in Leid und Tod und dieser Sinn war für ihn unsere Heilung.

    24. 2. 2022

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    Unentschuldbares

    Das eigentliche Vergehen des Judas bestand nicht darin, dass er seinen Meister verriet (auch Petrus verleugnete Jesus). Sein wahres Vergehen bestand darin, dass er seine Tat für unentschuldbar hielt und sich deshalb das Leben nahm. Nicht der Fehltritt an sich, sondern die eigene Hoffnungslosigkeit ist es, durch die wir Handlungen vor uns selbst unentschuldbar machen.

    18. Juli 2023

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    Lüge – Ursache des Todes

    „Alles, was die Zeit bedroht, sondert Lüge ab, um nicht zu sterben, und zwar je mehr, je größer die Todesgefahr ist. Deshalb gibt es keine Liebe zur Wahrheit ohne vorbehaltlose Bereitschaft zum Tode. Das Kreuz Christi ist die einzige Pforte zur Erkenntnis.“ Simone Weil

    5. 8. 2022

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    Der Fall in die Bedeutungslosigkeit

    Das Gute sucht nach der Bedeutung des Bösen – transzendiert es durch Geist und Sinn. Das Böse hingegen sucht das Gute bedeutungslos zu machen. Weder kennt es seine eigene wirkliche Bedeutung noch will es die Bedeutung des Guten wahrhaben.

    18. 2. 2022

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    Vergebung

    Erst dort, wo wir (wie Jesus Christus) erkennen, dass uns nichts widerfährt, was nicht in Gott beschlossen ist, werden wir bedingungslos vergeben können.

    26. 1. 2022

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    Universeller Anspruch

    Der universelle Anspruch der Botschaft Jesu ist ein individueller, denn er beruht auf der subjektiven Annahme jeder Erscheinung meines Daseins als Notwendigkeit. Nicht durch Widerstand oder Gewalt, sondern im vertrauensvollen Annehmen erfahren die Dinge grundlegende Wandlung.


    5. 2. 2022

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    Göttliche Gnade vs. weltliche Gnadenlosigkeit

    17. 11. 2021

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    Liebe und Hass

    Liebe gewinnen wir aus der Gewissheit, dass in allen Geschehnissen, insbesondere in den beschwerlichen und leidvollen, ein verborgener Sinn liegt, der von uns gesucht und gefunden werden will – dieser Sinn ist Gott selbst.: „Suchet so werdet ihr finden, …denn wer da sucht, findet.“ Lukas 11, 9-10

    Hass entspringt dem menschlichen Irrtum, dass die Welt gewaltsam, gegen den Willen unseres Mitmenschen verbessert werden könnte. Christus ist gekommen, diesen Irrtum aufzudecken. Dafür war er bereit, selbst zum Objekt des Hasses zu werden. Hass existiert, um als Irrtum erkannt zu werden, wodurch allein er überwunden wird.

    4. 11. 2021

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    Gotteskindschaft

    Würden wir uns als Kinder erkennen, so wären wir frei von Schuld, denn Kinder sind nicht strafmündig. In unserer menschlichen Überheblichkeit frei, mündig und verantwortlich zu handeln, werden wir verantwortlich und schuldig: “Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder…” Matthäus 18, 3

    29. September 2021

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  • Schuld  und Vergebung

    Schuld und Vergebung

    Tatsächlich kultivieren fast alle gesellschaftlichen Systeme den Narrativ von Schuld und Strafe – also das Schuldigwerden und die Sanktionierung von Schuld. Kein Mittel scheint geeigneter, um Menschen willfährig und abhängig zu machen, oder sie einfach zur Kasse zu bitten.

    Der schuldige Untertan

    Künstliche Schuldkonstrukte waren von jeher ein Mittel, um bestimmte Gruppen zu stigmatisieren, auszugrenzen oder schlicht zu Sündenböcken zu erklären. Letztlich geht es bei dieser Praxis immer darum, weltliche Machtstrukturen zu etablieren, sie zu festigen und zu erweitern.
    Um die Unterschiede und die Unvereinbarkeit einer künstlich geschaffenen Schuld gegenüber dem Schuld- und Sühneverständnis Jesu zu verdeutlichen, möchte ich im Folgenden die spezifischen Inhalte seiner Botschaft näher betrachten.

    Das Verhältnis von Schuld und Macht

    Wer die neutestamentlichen Reden Jesu über Schuld und Sühne liest wird unschwer feststellen, dass es diesem Lehrmeister nicht um die Errichtung einer Gesellschaftsordnung und damit verbundener Machtansprüche ging. Tatsächlich kehrt Jesus jedes menschliche Hierarchiedenken komplett um, wenn er lehrt, dass derjenige in der geistigen Hierarchie am höchsten steht, der sich als ein Diener seines Mitmenschen versteht. Diesen Grundsatz äußerte er klar und unmissverständlich:

    Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so soll es bei euch nicht sein; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

    Markus 10, 43-45

    Der Dienst, den Jesus den Menschen selbst erweist, klingt im letzten Satz seiner Rede bereits an. Dieser Dienst besteht – im weiteren Kontext – in einer konkreten geistigen Hilfe, durch die wir die Bedeutung der beschwerlichen und leidvollen Seiten unseres Daseins erkennen und verstehen lernen, um unser Leben in einer neuen, vertrauensvollen Betrachtungsweise zu meistern, wodurch das Böse überwunden wird.

    Überwindung bedeutet im Sinne Jesu, dass das, was wir bisher für sinnlos gehalten haben, einen individuellen Sinn erfährt.

    Will man daher von einem Machtanspruch Jesu reden, so muss man auf dieser gedanklichen Ebene noch einen Schritt weitergehen. Allmacht ist in den Augen Jesu ein Potential, das in der völligen Ohnmacht des Menschen begründet liegt. Das mag paradox klingen, doch folgen wir der Definition Jesu, dann liegt tatsächlich in der Ohnmacht des Menschen die Allmacht Gottes verborgen. Also dort, wo die Macht des Menschen aufhört, eben dort beginnt die Macht Gottes.  Um diese Kernaussage seiner Lehre zu verdeutlichen und diesen Gedanken weiter zu vertiefen, möchte ich ein eindrückliches Zitat aus dem Johannesevangelium anführen. Wahrscheinlich handelt es sich bei dieser Äußerung Jesu um eine Erklärung, die er angesichts seiner bevorstehenden Verhaftung äußerte.

    Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand nimmt es gegen meinen Willen, sondern ich gebe es freiwillig hin. Ich habe die Macht, es hinzugeben, und ich habe die Macht, es wieder zu nehmen. Das ist das Gesetz, das ich von meinem Vater empfangen habe.

    Johannes. 10, 18

    Soviel wird hier deutlich; da will einer nichts für sich und daher ist seine Definition von Macht auch nicht mit weltlichen Machtansprüchen vergleichbar und sie sind insofern auch nicht korrumpierbar.

    Schuld – Chance zur Selbsterkenntnis

    Eine Begebenheit, die uns die Unvereinbarkeit von weltlichem und christlichem Schuldverständnis verdeutlicht, schildert uns der Bericht von Jesus und jener Ehebrecherin, die öffentlich gesteinigt werden soll.

    Um die Brisanz der Situation zu verstehen, in die Jesus da hineingeraten ist, muss man wissen, dass es den jüdischen Behörden zur Zeit Jesu untersagt war, selbstständig Todesurteile zu verhängen. Die Gerichtsbarkeit lag in solchen Fällen bei den römischen Behörden.

    Frühmorgens aber kam Jesus wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Rabbi, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu?  Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.  Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.  Als sie das hörten, gingen sie hinaus, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.  Da richtete Jesus sich auf und sprach zu ihr: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

    Johannes 8, 3-11

    In dieser, für die Ankläger völlig unerwarteten, Reaktion Jesu auf die provozierende und hinterlistige Frage, wie denn die angezeigte Schuld nun rechtmäßig zu bestrafen sei, wird die christliche Haltung bezüglich menschlicher Schuld und Sühne exemplarisch deutlich. Denn in der Antwort, die Jesus gibt, löst er die Gruppe der Ankläger auf, indem er jeden Einzelnen auf sich selbst zurückwirft – indem er ihn ganz persönlich mit dessen eigener menschlicher Unvollkommenheit konfrontiert. Diese Haltung ist bezeichnend und grundlegend für die Botschaft Jesu und tatsächlich ruht die gesamte christliche Lehre auf dieser gedanklichen Basis. Immer gründet sie sich auf der Frage nach dem Sinn und der Bedeutung des menschlichen Daseins mit seinen Schwächen und Unzulänglichkeiten: Scheitern, Schwäche, Krankheit, Irrtum, Täuschung, Ungerechtigkeit, Leid oder Tod – explizit diese Bereiche des Menschseins stehen im Fokus der Theologie Jesu.

    Man könnte jetzt noch weitere ähnliche Aussagen Jesu anführen. Ich beschränke mich auf den folgenden Text der ebenso exemplarisch für die Lösung der Schuldfrage steht:

    Richtet niemanden, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr selbst gerichtet werden und nach dem Maß, mit dem ihr messt, werdet ihr gemessen werden. Warum starrst du auf den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken! Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!

    Matthäus 7, 1-5

    In diesem Gleichnis erfahren wir einen weiteren elementaren Grundgedanken der Lehre Jesu, nämlich die Ursächlichkeit von Schuld. Aus der Sicht Jesu liegt die Ursache unserer Schuld nicht nur in einem Unrecht, das wir vorsätzlich begangen haben, sondern auch dort, wo wir einen Makel unseres Mitmenschen aufzeigen, um diesen durch einen Eingriff korrigieren zu wollen.

    Immer müssen wir bedenken, dass jede Korrektur, die wir an unserem Mitmenschen vornehmen wollen, vor dem Hintergrund unserer eigenen menschlichen Fehlbarkeit bestehen können muss.

    Tut sie das nicht, so handeln wir unrecht, weil wir uns der Heuchelei also der Unaufrichtigkeit, der Befangenheit und damit der Amtsanmaßung schuldig machen. Die Aufforderung Jesu, zuerst den Balken aus dem eigenen Auge zu ziehen, zeigt die fast unmögliche Aufgabe schonungslos geübter Selbstkritik. Nur derjenige, der sich in solcher Selbstkritik übt, der sich die eigene Schwäche und Befangenheit stets vor Augen hält, ist authentisch, und nur der authentische Mensch ist fähig, angemessen Kritik zu üben. Und noch etwas: Werden wir durch freiwillige Einsicht in uns selbst frei von Verurteilung anderer, so existiert keine Grundlage mehr, die uns schuldig sprechen kann. Dies ist eine Folgerichtigkeit, die sich aus der christlichen Vergebungstheologie ergibt.

    In dem Gebet, das Jesus lehrte vermittelt er diese Ursächlichkeit und Folgerichtigkeit von Schuld und Vergebung :

    Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben denen, die sich an uns schuldig gemacht haben.

    Matthäus 6, 9

    Damit zeigt Jesus die einzige Möglichkeit auf, durch die Schuld objektiv vergeben werden kann, und zwar durch subjektiv geübte Vergebung desjenigen, dem ein Unrecht widerfahren ist, gegenüber demjenigen, der es an ihm begangen hat.

    Der objektive Wille – also Gott – liegt somit in der subjektiven Vergebungsbereitschaft des Menschen begründet.

    Aber noch etwas Grundlegendes wird hier deutlich: Jede Vergebung, die wir in dieser Überzeugung üben, ist gleichbedeutend mit der Vergebung, die wir durch Gott erfahren. Ja mehr noch; Gottes Vergebung ist vollkommen abhängig von der Vergebung, die wir selbst bereit sind zu üben. Mit anderen Worten: Vergeben wir nicht, so kann auch Gott nicht vergeben.
    Vergeben wir im Sinne Jesu, so muss Gott vergeben – er kann nicht anders.

    An keinem Ort der Welt – als allein in uns selbst – findet sich jene Instanz, die eine objektive Vergebung bewirkt.

    Schuld macht Sinn

    Aber warum sollte ein Unrecht überhaupt vergeben werden? Mit der Beantwortung dieser Frage kommen wir zum Sinn und zur Bedeutung der menschlichen Schuld . Alle Formen von menschlicher Schwäche, Irrtum und Schuld sind der Botschaft Jesu nach, nicht etwa entbehrlich oder überflüssig – ganz im Gegenteil, sie sind unabdingbare und notwendige Begleiter unseres menschlichen Daseins, denn ohne Schuld keine Vergebung, ohne Vergebung keine Gnade und insofern auch keine Barmherzigkeit. Jesus fasst diesen Gedanken in folgendem Kernsatz zusammen.

    Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen zu rufen die Sünder zur Buße, und nicht die Gerechten.

    Lukas 5, 31-32

    Unsere menschliche Schwäche und das Eingeständnis der eigenen Unvollkommenheit sind die Grundlage und die Voraussetzung für unsere Heilung und Erlösung, ja mehr noch, sie sind unabdingbar notwendig, um über unseren temporären und mangelhaften Zustand hinauszugelangen, um diese Welt zu transzendieren. Insofern ist jede Form von menschlichem Versagen, Schwäche und Schuld unser größtes Potential überhaupt, sofern wir es im Sinne Jesu auffassen und annehmen.

    Während in weltlichen Gesellschaftssystemen, Schwäche und Schuld als ein Instrument zur Demütigung oder Unterdrückung der Menschen dient, verhält es sich in der Botschaft Jesu – in der geistigen Sphäre – anders. 

    Je mehr der Mensch sich in seiner Schwäche selbst erkennt, desto mehr Wahrhaftigkeit kann er daraus gewinnen.

    Ein heute geläufigeres Wort für Wahrhaftigkeit ist Authentizität. Soviel Authentizität wir erlangen, so viel Göttlichkeit haftet uns an. Und in diesem Sinne lehrt Jesus:

    Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.

    Matthäus 5, 8

    Auch dieser Lehrsatz wurde und wird immer wieder dahingehend missdeutet, dass ein guter Christ frei sein müsse von „unreinen“ Gedanken. Doch das ist zu kurz gegriffen, der Mensch soll die Unreinheit seiner Gedanken genau betrachten. Reinheit des Herzens ist ein Sinnbild dafür, dass wir uns in unserem Innersten (Herzen) genau so sehen, wie wir in Wahrheit sind: überheblich, unvollkommen, schwach, irrend, zweifelnd, fehlbar und sterblich. Die ungeschminkte und reine Einsicht in uns selbst ist jene Schau Gottes in unserem Herzen. Denn sehen wir uns so, wie wir in Wahrheit sind, so sehen wir nichts anderes als die Wahrheit, die wiederum Gott selbst ist. Und nur diese innere Einsicht kann uns nun dazu befähigen, die Schwäche und Unvollkommenheit unseres Mitmenschen zu verstehen und diese zu vergeben. Hierin liegt übrigens die einzig sinnvolle und geistvolle Konsequenz, die wir aus unserer menschlichen Schwäche überhaupt ziehen können, nämlich Angesichts eigener Unvollkommenheit, die Unvollkommenheit unserer Mitmenschen zu verzeihen. Auf diese Weise kann das Kranke, das Falsche, das Schwache und das Sterbliche eine neue Bedeutung erfahren, wodurch allein es grundlegend überwunden wird.

    Hat unsere menschliche Unvollkommenheit und Schwäche auf diese Weise eine Notwendigkeit und eine grundlegende Bedeutung erfahren, so kann uns nichts mehr anklagen. Daher beinhaltet der christliche Vergebungsgedanke das Ende jeglicher Anklage und Verurteilung.  Zur Vertiefung dieses Gedankens eine weitere Darlegung Jesu:

    Da kam Petrus auf ihn zu und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Darum gleicht das Himmelreich einem König, der mit seinen Knechten abrechnen woll­te. Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig. Da er’s nun nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und seine Kin­der und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen. Da fiel ihm der Knecht zu Füßen und flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s alles bezahlen. Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei, und die Schuld erließ er ihm auch. Da ging dieser Knecht hinaus und traf einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Silbergroschen schuldig; und er packte und würgte ihn und sprach: Bezahle, was du mir schuldig bist! Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s bezahlen. Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war. Als aber seine Mitknechte das sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten bei ihrem Herrn alles vor, was sich begeben hatte. Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast; hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? Und sein Herr wurde zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war. So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder.

    Matthäus 18,21-35

    Der schachernde Gott

    Hinsichtlich der Ursächlichkeit von Schuld und Vergebung trifft man in manchen christlichen Kreisen auch immer wieder den Gedanken des sogenannten Sühneopfers an. Dabei wird der Kreuzestod Jesu als eine Art Automatismus oder als ein Handel mit Gott verstanden, wodurch sein Zorn besänftigt wurde und nun jeder Mensch, der an diesen Handel glaubt, auf wundersame Weise erlöst sei. Oft wird ein Gottesbild gezeichnet, das nach einem grausamen Opfer des eigenen Sohnes verlangte, wodurch dieser Gott schließlich besänftigt werden konnte.
    Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Dieses Narrativ an sich ist nicht grundlegend falsch, wohl aber ist es die verkürzte Darstellung. Tatsächlich ist der Erlösungsgedanke in der Lehre Jesu kein undurchsichtiges Mysterium, sondern er beruht auf einer geistigen Folgerichtigkeit und diese Folgerichtigkeit, besteht auf Grundlage einer bestimmten gedanklichen Konsequenz.

    Die Überwindung der Schuld

    Anknüpfend an die Bedeutung der beschwerlichen, peinlichen und leidvollen Seiten unseres menschlichen Daseins, wie ich sie oben bereits ausgeführt habe, ergibt sich als gedankliche Konsequenz, dass ausnahmslos allen Erscheinungen in unserem Dasein eine Bedeutung innewohnt – ein tiefer Sinn, der von uns gesucht und gefunden werden will, wie es Jesus mehrfach postuliert:

    Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

    Lukas 11, 9-10

    Würden wir ausschließlich den positiven, förderlichen und angenehmen Seiten unseres Daseins eine Bedeutung beimessen und alles andere verwerfen, so handelten wir auch hier wieder aus menschlicher Befangenheit heraus. Denn blicken wir zeitlich zurück, so waren es oft gerade die beschwerlichen und schicksalhaften Geschehnisse, die uns viel grundlegender geformt und geprägt haben als die oberflächlichen und leichten.


    Ein Mensch, der die Geisteshaltung Jesu annimmt, wird ein universeller und neuer Mensch sein, einer der nichts verwirft, was ihm begegnet – ferner ein Geschöpf, das aus der Gewissheit lebt, dass ihm nichts Bedeutungsloses widerfährt, dass ihm in allen Dingen niemand anderer begegnet als Gott selbst. Und dies insbesondere in den schicksalhaften, leidvollen und beschwerlichen Geschehnissen. Auf dieser inneren Einsicht beruht sowohl der Vergebungs- als auch der Erlösungsgedanke der Botschaft Jesu.

    Werfen wir noch einmal einen Blick auf zwei elementare Aussagen, die den Erlösungsgedanken Jesu thematisieren. Angesichts seiner bevorstehenden Hinrichtung äußert sich Jesus mehrfach in dieser und ähnlicher Weise:

    … und wer da will der Vornehmste sein, der sei euer Knecht, gleichwie des Menschen Sohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“  

    Matthäus 20, 27-28


     … das ist mein Blut des neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.

    Matthäus 26, 28

    Im ersten Moment scheinen diese Aussagen wenig schlüssig. Wie kann das Leid oder das vergossene Blut eines Einzelnen bei anderen Menschen irgend etwas Positives bewirken? Wie kann es den Menschen Vergebung oder gar Erlösung bringen?  Betrachtet man jedoch diese Aussagen auf Basis der oben ausgeführten Gedanken so ergibt sich folgende, ungeheure gedankliche Konsequenz: Jesus sah sich in der Lage in allen Geschehnissen, die ihm begegneten eine Bedeutung zu finden. Nicht nur seine Anhänger und Freunde waren ihm lieb und teuer, sondern eben auch seine Feinde. Nicht nur das Gute, das man ihm tat, war für ihn bedeutungsvoll, sondern auch das Böse, das die Menschen an ihm verübten. Daher auch seine kompromisslose Aufforderung zur Feindesliebe:

    „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr nur liebt, die auch euch lieben, welchen Lohn erwartet ihr dafür? Tun nicht dasselbe auch die Steuereintreiber? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Gottlosen? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist. Matthäus 5, 43-48

    Die vollkommene Liebe schließt niemanden und nichts aus, und in der Annahme aller Geschehnisse, auch jener leidvollen, die unsere Feinde über uns verhängen mögen, wirkt Gott, jedoch nur in demjenigen, der bereit ist, diesen Gedanken zu fassen. Diese Wirkung universeller Liebe ist wechselseitig. Was heißt das? Sehen wir uns in der Lage auch in den unschönen, beschwerlichen und leidvollen Geschehnissen eine Bedeutung zu finden, so tragen wir – eben durch diese Zuversicht – Sinn und Bedeutung in solche Geschehnisse hinein. Mit anderen Worten, wir selbst sind es, die wir in der Geisteshaltung Jesu Sinn ins Sinnlose tragen. Denn keine Frage: Nüchtern betrachtet, war die Hinrichtung Jesu ein sinnloser, barbarischer und menschenverachtender Akt. Für Jesus selbst hingegen, der an die Bedeutung seines schicksalhaften Scheiterns am Kreuz glaubte, war es der Sinn und Zweck seiner Mission. Allein seine veränderte Betrachtungsweise – den leidvollen und beschwerlichen Geschehnissen gegenüber – änderte für ihn das Geschehen am Kreuz, und in dieser geistigen Haltung wollte und will er ein Beispiel und Vorbild für alle Menschen sein. Doch worin liegt nun der Unterschied? Ein Leid, dessen Sinn und Bedeutung wir erkennen und einsehen, wird dadurch tragbar. Aber mehr noch, jedes Leid, das wir im Vertrauen auf seine Sinnhaftigkeit auf uns nehmen, das nimmt eben dadurch erst neuen Sinn an, und indem es neuen Sinn annimmt nimmt es Gott an, und indem es Gott annimmt, nimmt sich Gott selbst des Leid’s an.
    Nimmt sich aber Gott des menschlichen Leid’s an, so kann es überwunden werden. Mit anderen Worten, tragen wir unser Leid – wie Jesus – in der Gewissheit seiner Bedeutung, so trägt es Gott selbst, da Gott die Bedeutung selbst ist.  Trägt aber Gott unser Leid, so muss es überwunden werden, da in Gott kein Leid bleiben kann. Durch unerschütterliches Vertrauen in den Sinn des vermeintlich Sinnlosen überwindet der Geist das Geistlose, überwindet der Sinn das bis dahin Sinnlose. Eine andere Möglichkeit zur Überwindung des Sinnlosen existiert nicht, daher sagte Jesus:

    „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Johannes 14,6

    Durch mich, heißt hier, durch meine Geisteshaltung. Durch seine Geisteshaltung am Kreuz zeigte Jesus der Welt den einzig möglichen Weg, wie Böses gut, Ungerechtes gerecht, Sinnloses sinnvoll und Totes wieder lebendig werden kann. Das Geheimnis des Glaubens besteht in einer Wechselwirkung, die wir allein durch unsere geänderte geistige Haltung bewirken: Sehen wir uns angesichts des Bösen in der Lage, die Geisteshaltung Jesu anzunehmen, so übt sie auch Gott an uns: Vergeben wir, so vergibt Gott, lieben wir, so liebt Gott. Das Eine ist Inbegriff des anderen. Tatsächlich können wir diese Kausalität auch umkehren: Weil Gott uns bereits vergeben hat, sollen auch wir vergeben. Weil er durch seine Liebe alles erlöst hat, sollen auch wir durch unsere Liebe alles erlösen, denn erlösen bedeutet, innerlich frei zu werden von aller äußeren Anhaftung.

    Der Missbrauch des Schuldkomplexes

    Ganz anders verhält es sich dagegen bei weltlich auferlegter Schuld, sie kann nur durch entsprechende Sanktionierung oder Strafe getilgt werden.
    Während der christliche Geist uns zur Einsicht in die eigenen menschlichen Schwächen aufruft, mit dem Ziel, dass wir dadurch bewegt werden, Schuld ohne Gegenleistung zu tilgen, geht es bei weltlichen Schuldrechnungen um ein ständig neues Erschaffen von Schuld mit dem Ziel, Abhängigkeiten zu erzeugen. Diese Form der Schulderzeugung ist willkürlich, ihre perfideste Form ist jene, die Menschen allein durch ihre Geburt und Existenz, also ohne ein Verbrechen begangen zu haben, zu Schuldigen macht. Wer hier das eine vom anderen nicht unterscheiden kann, steht diesem Schuldvorwurf hilflos gegenüber, da sich Schuld hier nicht mehr auf ein Verhalten sondern auf die Existenz bezieht. Das Mittel zur Sühne halten jene parat, die diese künstliche Schuld erdachten: Die Veränderung der Existenz gegen den Willen. Die Welt bedient sich von jeher des Werkzeugs der Schuld, um Abhängigkeiten, Hierarchien und Machtgefälle zu erzeugen oder um bestimmten Gruppen die Existenzberechtigung abzusprechen, indem man sie zur Bedrohung oder zur öffentlichen Gefahr erklärt. Das christliche Schuldverständnis hingegen dient dem konsequenten und grundlegenden Freiwerden von Schuld. Es ist frei vom Gedanken der Gegenleistung, der Vergeltung oder der Verurteilung.

    Ich schließe mit einem Wort des Apostels Paulus, in dem er die positive Bedeutung aller Geschehnisse wie folgt zusammenfasst:

    Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Willen berufen sind. /… / daß sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohnes, auf daß derselbe (Christus) der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Römer 8, 28-29

  • Die Heilung durch den Geist

    Die Heilung durch den Geist

    Über den Wert und die Bedeutung der Heilhandlungen Jesu

    „Die wissenschaftliche Medizin betrachtet den Kranken und seine Krankheit als Objekt und weist ihm beinahe verächtlich die Rolle absoluter Passivität zu; er hat nichts zu fragen und nichts zu sagen, nichts zu tun, als den Anordnungen des Arztes gehorsam und sogar gedankenlos zu folgen und sich selbst möglichst aus der Behandlung auszuschalten. In diesem Wort >>Behandlung<< liegt der Schlüssel. Denn während in der wissenschaftlichen Medizin der Kranke als Objekt >>behandelt<< wird, verlangt die seelische Heilkur vom Kranken vor allem, dass er selbst seelisch handle, dass er als Subjekt, als Träger und Hauptvollbringer der Kur, die höchste ihm mögliche Aktivität gegen die Krankheit entfalte. In diesem Aufruf an den Kranken, sich selbst seelisch aufzuraffen, sich zur Willenseinheit zusammenzufassen und diese Ganzheit seines Wesens der Ganzheit der Krankheit entgegenzuwerfen, besteht das eigentliche und einzige Medikament aller psychischen Kuren, und meist beschränkt sich der Hilfsakt ihrer Meister auf nichts anderes als auf das gesprochene Wort.“

    Stefan Zweig


    Dieser Text aus Stefan Zweigs Schrift „Die Heilung durch den Geist“ scheint heute aktueller denn je und ist mir so aus dem Herzen gesprochen, dass ich hier die Personen, die er in seinem Buch exemplarisch als geistige Heiler porträtiert, um eine Person erweitern möchte: Jesus Christus.

    Privileg des Krankseins

    Die Gesundheit ist für uns Menschen das Gute und das Richtige, Krankheit hingegen das Falsche und Schlechte. Der Lehre Jesu nach, kommt aber gerade der Krankheit eine wichtige Bedeutung zu. Ist es doch gerade die Krankheit, die es vermag, uns innehalten zu lassen, die wir als stumme Aufforderung verstehen können, unsere bisherige Lebensweise zu hinterfragen, und die uns so ein transzendentes Denken ermöglichen kann.

    Ich sage ganz bewusst „kann“, weil eben dieses Potenzial, das im Zustand der Krankheit liegt, oft nicht als solches erkannt wird. Tatsächlich wurde Jesus von der Mehrheit seiner Zeitgenossen eher als Arzt betrachtet und weniger als spiritueller Lehrer. Das zeigt u. a. die Kritik von jüdischer Seite, er würde den Sabbat missachten, weil er am Feiertag seiner Arbeit nachgehe bzw. Menschen am Sabbat gesundmache.

    Jesus selbst verwendet den Begriff Krankheit aber immer im doppelten Sinne, nämlich als körperliches und als seelisches Gebrechen. So antwortet er auf den Vorwurf, er würde mit Sündern und Volksverrätern Umgang pflegen:

    „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken!“ Markus 2,1:17

    Dabei versuchte er deutlich zu machen, dass die geistige Gesundheit an erster Stelle stehen muss.

    Steht der Mensch in seiner geistigen Gesundheit, so überwindet er jede Mangelsituation und alle menschlichen Gebrechen – durch den Geist überwindet er die Krankheit der Welt.

    Glaube macht Krankheit


    Jesus zeigte auf, dass das, was wir für krank bzw. schlecht oder für gesund bzw. gut halten, seinen Ursprung in unserem persönlichen Urteil den Dingen und den Geschehnissen gegenüber hat. Von Natur aus sind jedoch die Dinge weder gut noch schlecht. Daher liegt nicht in den Dingen oder Geschehnissen selbst, sondern in unserem persönlichen Urteil, unserer Einschätzung den Geschehnissen gegenüber, die Ursache für unser Heil oder Unheil. Was uns ungerecht, leidvoll und beschwerlich erscheint, betrachten wir gewöhnlich als schlecht, das Stärkende, Fördernde und Angenehme hingegen als gut. Jesus aber verleiht den Dingen eine völlig neue Bedeutung: Der Reiche, Wohlhabende und Mächtige ist in die vielen Dinge dieser Welt verstrickt, und so warnt er:

    „Eher geht ein Ankertau durch ein Nadelöhr als ein Reicher in Gottes neue Welt.“

    Hingegen aus der Gruppe der Armen, Schwachen und Kranken, derer, denen Unrecht widerfahren ist, die am Rande der Gesellschaft stehen, die nichts zu verlieren haben, erwächst die Sehnsucht nach Heilung, nach Erleichterung und nach ausgleichender Gerechtigkeit. Und weil eben diese Sehnsucht genau dem entspricht, was Jesus zu geben hat, verkündet er:

    „So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.“

    Die Heilung, die Jesus an den Menschen vollbringt, ist immer eine geistige, auch wenn er „nur“ ihre körperlichen Gebrechen heilt. Immer wieder erklärt er den Geheilten, dass ihr Glaube und ihre feste Überzeugung, er (Jesus) könne ihre Gebrechen heilen, ihre Gesundung letztlich bewirkt hat:

    „Dein Glaube hat dir geholfen“ – „Dein Glaube hat dich gerettet“ – „Dein Glaube hat dich gesund gemacht“, sind dann seine Worte.

    Auch hier steht die feste innere Überzeugung – nämlich die geistige Stärke, über den Zustand der Krankheit hinauszudenken – über der Krankheit selbst. Nur diese eine Einsicht, nämlich, dass alle äußere und sichtbare Welt auf einer geistigen Grundlage besteht, wird den Glauben an eine Heilung durch den Geist rechtfertigen können. Oder wie Aristoteles sagte:

    „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.„ Aristoteles

    Besteht aber unsere äußere Erscheinungswelt auf Grundlage des Geistes, so liegt in allen äußeren Erscheinungen auch ein tiefer Sinn und eine Bedeutung verborgen. Dass sich uns Sinn und Bedeutung des Leidvollen, des Beschwerlichen und des Umstandes, dass wir sterben müssen, erschließen, dass wir den Grund aller Dinge, die uns widerfahren, erkennen und verstehen, will ersehnt, gesucht und gefunden werden. Denn der Begriff „Geist“ ist ein Synonym für eine Sinnhaftigkeit, die über die rein äußere Erscheinung der Dinge hinausgeht. Somit ist die Suche nach dem Sinn, ist die Suche nach Geist, ist die Suche nach Gott, letztlich die Suche nach unserer heilen, eigentlichen und zeitlosen Existenz. Unsere Sehnsucht nach dem Geist ist dabei die Grundlage dieser Heilung:

    „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan …“ Lukas 11,9

    Die Heilung durch den Geist vermag viel mehr, als „nur“ die Heilung von körperlichen Gebrechen, denn sie fußt auf der Erkenntnis, dass jede Heilung, alles Gute, ja dass das Leben selbst auf einer geistigen Basis ruht. Kraft dieser Erkenntnis, betreten wir diese Basis und vermögen damit alles, was auch der Geist vermag, der Ursprung und Ursache aller äußeren Erscheinungen ist. In dieser Erkenntnis sehen wir uns aber auch in der Lage, alle äußeren Dinge zu entbehren, da wir die Grundlage des Lebens auf seiner geistigen Basis erkannt und gefunden haben. Dieser Fund macht uns zu Teilhabern des Geistes, der uns wiederum mit allem notwendig Äußeren bedenkt.

    Eine weitere, grundlegende Aussage, die uns insbesondere die Passion Jesu lehrt, ist diese: Alle Krankheit, alles Beschwerliche, ja selbst erlittenes Unrecht, Leid und Tod werden einen persönlichen und individuellen Sinn erfahren, wenn wir beginnen, ihren Ursprung im Geist, also in Gott, zu suchen. Weil alle Erscheinungen ihren Ursprung im Geist haben, müssen ihnen auch Sinn und Bedeutung innewohnen. Doch dieser Sinn ist uns in dem Moment, wo wir erschrecken, dunkel und verborgen, er will aber von uns gesucht und gefunden werden, denn dieser Sinn ist Gott selbst. Daher das immer wiederkehrende Postulat Jesu:  „Suchet, so werdet ihr finden…“

    Ohne Sehnsucht keine Heilung

    Die Überwindung des Leidvollen und vermeintlich Sinnlosen durch den Sinn geschieht, indem wir das Beschwerliche in der Geisteshaltung Jesu vertrauensvoll auf uns nehmen, so wie auch er bewusst Unrecht, Leid und Tod auf sich genommen und getragen hat, in der Gewissheit, dass auch in diesen Bereichen Gott wirken wird, sofern er von uns darin gesucht wird. Wer auf diese Weise Gott in allen Erscheinungen sucht, der wird ihn in allen Dingen finden – selbst im eigenen Tod. Unser unerschütterliches, kindliches Vertrauen in den Geist veranlasst Gott zur Sinnschöpfung über das Starre und Leblose hinaus, denn alle Schöpfung Gottes ist die Kreation von Geist und Sinn alles bis dahin Geist- und Sinnlosen. Insofern liegt bereits ein grundlegender Sinn in unseren äußeren Gebrechen, denn sie fördern unsere Sehnsucht nach Geist. Die Heilung durch den Geist geschieht dabei in jeder gewonnenen Einsicht, in der wir uns der grundlegenden Bedeutung der Botschaft Jesu bewusst werden. Erst wenn wir nichts anderes mehr wünschen und begehren, als die Hinwendung zu den geistigen Belangen unseres Daseins, jenen, welche die Grundlage unserer inneren Vollkommenheit und insofern auch die unserer äußeren Unversehrtheit sind, können und werden wir die grundlegendste aller Heilungen überhaupt erfahren: die Heilung vor dem Tod.


    Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt. Und wer da lebt und an mich glaubt, wird unsterblich. Johannes. 11,25

    Wer die geistigen Belange über alles Äußere stellt, gewinnt dadurch die Grundlage allen Lebens und somit alle äußerlich notwendige Unversehrtheit hinzu.

    Überwindung der Geistlosigkeit – die grundlegendste Krankheit der Welt


    „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen.“ Matthäus 6,33

    Jesus ist gekommen, damit wir durch diese Botschaft auf unserer geistigen, d. h. auf einer zeitlosen Basis Heilung erfahren, also jener, die alles äußerlich Notwendige in sich einschließt. Unsere innere Heilung, durch die wir zu unserer zeitlosen Existenz finden, ist die eigentliche Heilung im Sinne Jesu. Durch die Heilung von körperlichen Gebrechen hat Jesus die Kraft des Geistes für uns nur sichtbar gemacht, denn eine Heilung von körperlichen Krankheiten, muss nicht zwingend die geistige Heilung des Menschen einschließen.

    Jesus Christus ist gekommen, damit wir Zugang zu grundlegender Heilung und Unversehrtheit finden können, und diese liegt im Gewinn unserer zeitlosen Existenz, die in Gott liegt. In unserer zeitlosen Existenz sind wir unsterblich. In unserer zeitlosen Unversehrtheit, der des Geistes, werden wir fähig, alles Äußere zu entbehren, so wie Jesus in der Lage war, alle Dinge zu entbehren, sei es Anerkennung, Gesundheit, Freiheit, Ehre oder Leben. Durch sein Vorbild und Beispiel wollte er aufzeigen, dass all das, was wir in seiner Geisteshaltung willig preisgeben und verlieren, in Gott wiedergefunden werden muss, da es hierin einen tiefen Sinn erfährt. Wird uns im Geiste Jesu die äußere Unversehrtheit genommen, so werden wir auch in das Schicksalhafte und das Leidvolle einwilligen können, ohne daran zu zerbrechen.

    Somit liegt die grundlegendste Heilung aller unserer Gebrechen im Bewusstwerden unserer zeitlosen Existenz.

    In unserer geistigen Existenz sind wir zeitlos, unverwundbar und unzerstörbar. In unserer zeitlosen Existenz sind wir ewige Geschöpfe, und das bedeutet, wir waren bereits, bevor wir hier in diesem Leben wurden. Diese Grundwahrheit versuchte Jesus den Menschen zu verdeutlichen – oft vergebens:

    Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hält, der wird den Tod nicht sehen in Ewigkeit. Da sprachen die Juden zu ihm: Jetzt erkennen wir, dass du verrückt bist. Abraham ist gestorben und die Propheten, und du sagst: Wer mein Wort hält, der wird den Tod nicht schmecken in Ewigkeit. Bist du etwa mehr als unser Vater Abraham, der gestorben ist? Und selbst die Propheten sind gestorben. Was machst du hier aus dir selbst? Jesus antwortete: Wenn ich mich selbst ehre, so ist meine Ehre nichts. Es ist aber mein Vater, der mich ehrt, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott. Und ihr kennt ihn nicht, ich aber kenne ihn. Und wenn ich sagen würde: Ich kenne ihn nicht, wäre ich ein Lügner wie ihr. Aber ich kenne ihn und halte sein Wort. Abraham, euer Vater, wurde froh, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich. Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht einmal fünfzig Jahre alt und willst Abraham gesehen haben? Jesus sprach zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ehe Abraham wurde, bin ich. Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen. Aber Jesus verbarg sich und ging zum Tempel hinaus.

    Johannes. 8, 52-58

    Eine Vertiefung dieser Aussage Jesu findet sich bei Meister Eckhart:

    In jenem Sein Gottes nämlich, wo Gott über allem Sein und über aller Unterschiedenheit ist, dort war ich selber, da wollte ich mich selber und erkannte mich selber, (willens) diesen Menschen zu schaffen. Und darum bin ich Ursache meiner selbst, meinem Sein nach, das ewig ist, nicht aber meinem Werden nach, das zeitlich ist. Und darum bin ich ungeboren, und nach der Weise meiner Ungeborenheit kann ich niemals sterben. Nach der Weise meiner Ungeborenheit bin ich ewig gewesen und bin ich jetzt und werde ich ewiglich bleiben. Was ich nach meiner hiesigen Geborenheit nach bin, das wird sterben und zunichte werden, denn es ist sterblich; darum muss es (zusammen) mit der Zeit verderben. In meiner (ewigen) Geburt aber wurden alle Dinge geboren, und ich war die Ursache meiner selbst und aller Dinge, und hätte ich gewollt, so wäre weder ich noch wären alle Dinge, wäre aber ich nicht, so wäre auch Gott nicht: Dass Gott, Gott ist, dafür bin ich die Ursache; wäre ich nicht, so wäre Gott nicht Gott.                Meister Eckhart  Predigt 52

  • Zum Taufverständnis Jesu

    Zum Taufverständnis Jesu


    Podcast über das Taufverständnis Jesu

    Die Taufe aus der Sicht Jesu

    Folgen wir dem Taufverständnis Jesu, so muss der Begriff der Taufe viel weiter gefasst werden, als wir ihn aus dem kirchengeschichtlichen Rahmen kennen. Es geht um die Bedeutung des menschlichen Scheiterns und Unterliegens sowie um die Wiederauferstehung zeitloser Werte – im Sinnbild der christlichen Taufe.

    Etymologische Wurzeln des Taufbegriffs

    In den Urtexten des Neuen Testaments lautet das altgriechische Wort für „taufen“ baptízein (βαπτίζειν) und das für „Taufe“ baptisma. Die Bedeutung reicht von „ein- oder untertauchen“ bis hin zu „tränken und färben“.In der ersten germanischen Bibelübersetzung, der gotischen Bibel von Wulfila aus dem 4. Jahrhundert, wird baptizein mit daupjan übersetzt. Dieses Wort bedeutet ebenso wie das griechische Original „tauchen“ oder „eintauchen“. Ähnlich wie daupjan gehen das altnordische deypa, das altenglische dyppan (vergleiche neuenglisch dippen) und das althochdeutsche toufen auf eine Wurzel zurück, die im Neuhochdeutschen mit „tief“ wiedergegeben wird (Quelle: Wikipedia). Die Muttersprache Jesu war jedoch nicht Altgriechisch, sondern Aramäisch, da er das Volk in der damaligen Landessprache lehrte. Im Aramäischen heißt Taufe mamodita, abgeleitet vom hebräischen amad („aufstehen“). Die Wurzeln von amad gehen auf den hebräischen Begriff amuda (Pfeiler) zurück. Vor diesem Hintergrund erscheint die Taufe als Untergangs- und Auferstehungsritual: Neben der Reinigung geht es um die innere Bereitschaft, zu unterliegen, zu fallen und zu sterben – nur um danach erneut aufzustehen und aufgerichtet zu werden.

    Historischer Kontext: Die Essener und Johannes der Täufer

    Man vermutet heute, dass die große jüdische Täuferbewegung zur Zeit Jesu auf die Essener zurückgeht. Diese Gruppe vertrat neben Pharisäern und Sadduzäern eine besondere Form des Judentums. Stark für diese Annahme sprechen archäologische Funde: große Wasserbecken mit Treppenanlagen zu beiden Seiten, wie sie bei Ausgrabungen des essenischen Wüstenklosters am Toten Meer entdeckt wurden. Hier praktizierte man – ähnlich wie bei Johannes dem Täufer – ein vollständiges Untertauchen des Körpers. Dieser Ritus unterschied sich von den rituellen Waschungen des Alten Testaments. Es ist anzunehmen, dass Johannes der Täufer in der Tradition der Essener stand, später jedoch eigene Wege ging. Er setzte neue Akzente: Untertauchen in „lebendigem“ Wasser und die öffentliche Taufe für jedermann – frei vom elitären Essenergedanken. Der Begriff „lebendiges Wasser“ hat im Neuen Testament eine doppelte Bedeutung. Er bezeichnet einerseits fließende, frische Gewässer (im Gegensatz zu stehendem Wasser). Deshalb taufte Johannes im Jordan. Jesus verwendet den Ausdruck jedoch im übertragenen Sinn, wie im Dialog mit der Samaritanerin deutlich wird. Sie versteht ihn zunächst wörtlich als frisches Wasser:

    Dort war ein Brunnen, der Jakobsbrunnen, an den sich Jesus setzte, ermüdet von der langen Wanderung. Es war gegen 12 Uhr. Da kam eine samarische Frau zum Wasserschöpfen. Jesus sagte zu ihr: „Hast du auch etwas zu trinken für mich?“ Seine Jünger waren ins Dorf gegangen, um etwas zu essen zu kaufen. Die samarische Frau sagte: „Wie kannst du als Jude mich, die Samaritanerin, um etwas zu trinken bitten?“ (Die Juden halten sich nämlich von Samaritanern fern.) Jesus antwortete ihr: „Wenn du wüsstest, was Gott gibt und wer ich bin, dann hättest du mich um lebendiges Wasser gebeten, und ich hätte es dir gereicht.“ Die Frau entgegnete: „Herr, du hast kein Schöpfgefäß und der Brunnen ist tief. Woher willst du das lebendige Wasser nehmen? Kannst du etwa mehr als Jakob unser Vater? Er hat uns nämlich den Brunnen geschenkt und selbst daraus getrunken, wie auch seine Kinder und seine Herde.“ Jesus erwiderte: „Jeder, der von diesem Wasser trinkt, wird danach doch wieder durstig werden. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, der wird nie mehr Durst haben. Vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm selbst zu einer Quelle werden, die bis in das ewige Leben sprudelt.“ Da sagte die Frau: „Herr, gib mir von diesem Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierherkommen muss, um Wasser zu schöpfen…“
    (Johannes 4,6-15)

    Die Weiterentwicklung durch Johannes und Jesus

    Obwohl Johannes eine populärere Form der Taufe schuf, ahnte er, dass das reine Wasserritual noch nicht seine volle Bedeutung erreicht hatte. Er erklärt offen:

    Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber einer, der ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.
    (Lukas 3,16)

    Jesus interpretiert den Taufbegriff nicht mehr wie Johannes, sondern im ursprünglichen Sinne von mamodita. Hinzu kommt ein transzendenter Aspekt: Taufe als bewusste Einwilligung in die leidvolle Konfrontation mit der Welt – als Akt der geistigen Überwindung von Leid und Tod. Jesus bezieht sie konkret auf seine eigene Hinrichtung:

    Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen, mit der Taufe, mit der ich getauft werde?
    (Markus 10,38)

    Aber ich muss mich zuvor mit einer Taufe taufen lassen, und wie ist mir so bange, bis sie vollbracht ist!
    (Lukas 12,50)

    Die Symbolik des Untertauchens bleibt erhalten: Taufe als temporäres Untergehen, Scheitern, Leiden und Sterben, damit der Geist kraftvoller aufersteht. Hier verbindet sich das Bild vom aufgerichteten Kreuzespfeiler (amuda) mit dem Taufbegriff. Jesus deutet es so:

    Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.
    (Johannes 3,14)

    Er bezieht sich auf das Alte Testament:

    Da sprach der JHWH zu Mose: Mache dir eine eiserne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sie ansieht, der soll leben.
    (4. Mose 21,8)

    Jesu Praxis und die Fußwaschung

    In den Evangelien heißt es, Jesus sei getauft worden und habe getauft. Doch Johannes der Evangelist präzisiert: Jesus taufte nicht selbst, sondern ließ es seine Jünger tun:

    Als nun Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war, dass er mehr zu Jüngern machte und taufte als Johannes – obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger – verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa. (Johannes 4,1-3)

    Eine weitere Szene verdeutlicht Jesu transzendentes Verständnis: die Fußwaschung am Vorabend seiner Verhaftung:

    …da stand er vom Abendessen auf, legte sein Obergewand ab, nahm eine Schürze und band sie sich um. Danach goss er Wasser in ein Becken und fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, den er sich umgebunden hatte. Da kam die Reihe an Simon Petrus; der jedoch sprach zu ihm: Herr, du willst mir die Füße waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber zu einem späteren Zeitpunkt erfahren. Da sprach Petrus zu ihm: Ich werde mir von dir niemals die Füße waschen lassen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, dann nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und den Kopf. Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. (Johannes 13,4-17)

    Es geht nicht um körperliche Reinheit, wie Jesus später klärt:

    Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.
    (Johannes 15,3)

    Petrus missdeutet es als Wassertaufe und bittet um mehr. Jesus zeigt: Wahre Reinheit ist geistig zu verstehen.

    Die tiefere Bedeutung: Scheitern als Auferstehung

    Taufe im Sinne Jesu ist der Beginn einer vertrauensvollen Haltung. Wir werden fähig, Scheitern, Unrecht, Leid und sogar den Tod auf uns zu nehmen – und verleihen dem eigenen Untergang damit eine neue Qualität. In Jesu Geisteshaltung hört alles Leid auf, Strafe Gottes zu sein. Es wird zum Auftakt einer neuen Schöpfung. Hier finden wir die geistige Taufe, in der Jesus sein Leid begriff. In einer Haltung, die nichts für sich will, weil sie ihren unvergänglichen Wert kennt, gibt es kein wirkliches Unterliegen. Nur wer seinen wahren Wert nicht erkennt, geht unter. Wer ihn erkannt hat, kann nicht vergehen – Grundlage des Auferstehungsgedankens. Deshalb war Jesus bereit, alles hinzugeben.

    Diese Hingabe ist die eigentliche Taufe: die Preisgabe der äußeren Form, ein Untergehen ins Luftlose, ein Hinabsteigen in geistlose Bereiche. Das göttliche Element füllt alles mit Geist und kehrt in neuer Kraft nach oben zurück.

    Glossar:

    • Baptízein (βαπτίζειν): griechischer Begriff für „taufen“
    • Baptein: griechischer Begriff für „Taufe“
    • Mamodita: aramäischer Begriff im Kontext der Taufe
    • Amad: Hebräische Wurzel mit der Bedeutung „aufstehen“, im Kontext der Taufe
    • Essener: Eine jüdische Sekte, die für ihren asketischen Lebensstil während der Zeit des zweiten Tempels bekannt war
    • Lebendiges Wasser: Begriff, der im Neuen Testament sowohl wörtlich als auch metaphorisch verwendet wird.

  • Patti Smith und die Dogmatik

    Patti Smith und die Dogmatik

    Über die negative Wirkung starrer und unreflektierter Glaubensformeln.

    Dabei kam mir der  Gedanke, dass Jesus die Menschen ohne Dogmatik von seiner Sicht der  Dinge, zu überzeugen versuchte. Das zeigt schon allein die Vielzahl und die Unterschiedlichkeit seiner Gleichnisse. Vertrauen sollte auf  einer Überzeugung des Für-wahr-haltens seiner Botschaft beruhen. Die  Gleichnisse waren Interpretationsversuche einer grundlegenden, hintergründigen Wahrheit, die Jesus erkannt und geschaut hatte. Die Gleichnisse sind insofern Zeugnisse seines inneren Ringens, um seinen Zuhörern die Hintergründe seines Wirklichkeitsverständnisses verständlich zu machen, damit das, was Relevanz hat, für wahr erkannt werden kann. Erkennen und Vertrauen bedingen hier einander. Viele  christliche Religionsgemeinschaften tun aber genau das Gegenteil. Sie verlangen das sture Anerkennen von Glaubenssätzen,  die nicht hinterfragt werden dürfen. Mit der Forderung, dass bestimmte  biblische Aussagen, ohne dass sie verinnerlicht oder verstanden werden, einfach geglaubt werden müssen, haben sich viele  christliche Religionsgemeinschaften einen Bärendienst erwiesen. Insofern ist es den Skeptikern nicht zu verdenken, keinen Sinn in solchen Aussage Jesu zu sehen. Eigentümlich finde ich aber doch,  dass die aufgeklärten Zweifler sich den Texten nicht selbstständig  nähern, sondern, dass sie das Programm ihrer kirchlichen Prägung als ein Dogma annehmen, das keine andere Interpretation  zulässt, um es dann getrost in das Land der Märchen zu verbannen.  Während also Jesus versuchte, seine Sicht auf die hintergründige  Wirklichkeit (Reich Gottes) seinen Zuhörern möglichst transparent zu  machen, ziehen die Dogmatiker ihren undurchsichtigen Vorhang davor.   Da kommt mir unwillkürlich der Gedanke vom zerrissenen  Vorhang im Tempel in den Sinn… Derart von den inhaltlichen Grundlagen  getrennt, konnten Kreuzestod und Abendmahl als magische Handlungen missverstanden bzw. umgedeutet werden. Weshalb der ursächliche Zusammenhang von Kreuzestod und Sündenvergebung nicht gesehen bzw. vermittelt wird, bleibt für mich rätselhaft.  Die Vergebung von Schuld beruht nach dem Verständnis Jesu eben nicht auf  einer magischen Heilshandlung, sondern ausschließlich auf der Annahme  der Geisteshaltung Jesu, der die Ungerechtigkeit, die man ihm angetan hatte, als eine höhere Art der Gerechtigkeit neu  interpretierte. Auf diese Weise wurde das alte Verständnis von Anklage und Schuld, in welchem Jesus als ein Opfer der Böswilligkeit seiner Feinde verstanden werden konnte, durch ein  neues Wirklichkeitsverständnis überwunden. Kraft dieser Erkenntnis  opfert sich Jesus also einem neuen, universellen Lebensverständnis, in welchem nun allem was uns wiederfährt, eine Relevanz und Notwendigkeit zukommt. Innerhalb eines solchen Verständnisses ist kein  Platz mehr für Anklage und Schuld, da hier auch derjenige, der an     mir schuldig wird, zu einem Teil des göttlichen Willens wird. Die  Ursache für die Vergebung von Schuld liegt dabei in der persönlichen und individuellen Einwilligung in das bisher „Ungerechte“,  wie Jesus es selbst verstand als er sagte: „Vater wenn es möglich ist, dann lass diesen Kelch an mir vorübergehen, jedoch nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Indem  Jesus sein eigenes Leiden und Sterben zum Willen Gottes machte, wurde  dieser notgedrungen zur Ursache von Schuld, Leid und Tod.  Weil aber in Gott weder Schuld noch Leid noch Tod existieren, müssen  alle Klagen und Anklagen aufhören. Hieraus folgt auch der Gedanke, dass  derjenige der diesem Verständnis Jesu Christus folgt zum Glücksfall für seine Feinde wird….

  • Zu meiner Person

    Elmar Wieland Vogel

    Steinmetzmeister, Bildhauer, Steintechniker, Autor, Lyriker, Liedermacher

    Elmar Wieland Vogel

    Geboren und aufgewachsen im mittelfränkischen Ansbach, prägte mich ein unkonventionelles, kreatives und weltoffenes Elternhaus – der Vater Bildhauer, die Mutter Zirkusartistin. Neben vielfältigen musischen Interessen und Neigungen entwickelte ich bereits in der Kindheit ein tiefes Interesse an den biblischen Geschichten, besonders an der Gestalt Jesu. Von jeher faszinierten mich sein Anspruch, seine Worte und die Inhalte seiner Botschaft, die ich zunehmend als universell verstand und bis heute so deute.

    Die Faszination der Botschaft Jesu

    Als Jugendlicher erfuhr ich beim Lesen der „Guten Nachricht“ ein unerwartet neues, intuitives und undogmatisches Verständnis der Lehre Jesu. Parallel dazu gewann durch die berufliche Auseinandersetzung mit Kunstgeschichte, Bildsprache und Symbolik – durch freie bildkünstlerische Arbeiten für den sakralen Bereich, durch individuelle und personenbezogene Grabmalgestaltung sowie durch die tägliche Konfrontation mit Trauer und Tod – die Beschäftigung mit ethischen und philosophischen Themen und der Frage nach den letzten Dingen für mich zunehmend an Bedeutung.

    Theologisches Verständnis und Prägung

    Neben dem Studium der biblischen Schriften des Alten und Neuen Testaments wurde mein theologisches Verständnis unter anderem geprägt und bestätigt durch Schriften von: Lao-Tse, Meister Eckhart, Johannes Tauler, Martin Luther, die Theologia Deutsch, Baruch de Spinoza, Simone Weil , Viktor Frankl , Humberto Maturana und Francisco Varela.

    Berufliches

    Gemeinsam mit meinem Bruder führe ich einen kleinen Handwerksbetrieb an den Standorten Ansbach und Dresden in der siebenten Generation. Näheres dazu unter: vogel-bildhauer.de. Neben meiner beruflichen Tätigkeit bin ich aktives Mitglied der Freimaurerloge „Zum goldenen Apfel“ in Dresden. Ich mache Musik, schreibe eigene Lieder, die ich teilweise hier oder bei Youtube veröffentliche. Hier blogge ich und verfasse lyrische Texte, wobei mich vor allem das Denken in Metaphern bewegt.


    Beitrag im Magazin: Discover Germany November 2025

    The Creative Minds of the German-speaking Book Scene
    Kreative Köpfe der deutschsprachigen Buchszene


    Beitrag aus dem Magazin: Leben in der Frauenkirche Dresden Januar- April 2023

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    Lebensstationen:

    1977-1979Ausbildung zum Steinmetz und Steinbildhauer bei Roland E. Vogel
    1979Arbeitsaufenthalt in den USA bei Harold C. Vogel + 2011
    1981Volontariat bei dem Bildhauer Reinhart Fuchs in Georgensgmünd + 2009
    1982Praktikum in einer Kunstgießerei in Aschaffenburg und Tätigkeit als Steinmetz- und Bildhauergeselle in Dinkelsbühl
    1983Kriegsdienstverweigerung in II. Instanz
    1984-86Zivildienst im Internat des Windsbacher Knabenchores
    1986-88 Weiterbildung zum Steinmetz- und Steinbildhauermeister und staatl. gepr. Steintechniker an einer staatlichen Fachschule
    1987Auszeichnung bzw. Preis der Benno und Therese Danner’schen Stiftung
    1988Heirat – Geburt meines Sohnes
    1989 Eintritt in die Freimaurerloge Alexander zu den drei Sternen
    1990Arbeitsaufenthalt als Steinbildhauer in Basel/CH
    1991Geburt meiner Tochter
    1992Wechsel nach Dresden. Übernahme der Dombauhütte der Kathedrale-Dresden und Mitwirkung am Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche
    2006Mitglied der Freimaurerloge Zum Goldenenen Apfel in Dresden – gegründet 1776
    2009Buchveröffentlichung: ESSENZEN – Die Botschaft Jesu
    2019 CHRISTOPHILOS Beiträge zur christlichen Philosophie


  • Das überkonfessionelle Blog mit geistigen Impulsen aus der Botschaft Jesu

    Das überkonfessionelle Blog mit geistigen Impulsen aus der Botschaft Jesu

    Die Botschaft Jesu als Weisheitslehre

    Über das Projekt Christophilos

    Was wäre, wenn die Lehre Jesu kein kirchlicher Gesetzeskatalog wäre – sondern eine radikale Weisheitslehre, die sich vernünftig begründen lässt?

    Christophilos liest die Botschaft Jesu überkonfessionell: nicht als dogmatischen Besitz einer Institution, sondern als existenziellen Kern, der Christen, Suchende und Zweifler gleichermaßen angeht. Der einzige Maßstab sind die Worte und der konkrete Weg, den Jesus ging.

    Im Tiefsten ist diese Botschaft eine Erkenntnislehre und eine Lehre der Vernunft: Sie argumentiert, statt zu verordnen. Sie stiftet Versöhnung, weil sie nicht auf menschlicher Willkür beruht. Wäre sie beliebig, ließe sich in ihrem Sinne weder schlüssig denken noch argumentieren. Deshalb bleibt dieser Ansatz konsequent undogmatisch – und offen für jede ehrliche Frage.

    Das ist keine neue Erfindung, sondern die Rückkehr zur ursprünglichen Übung der Philos-Sophia: der leidenschaftlichen Freundschaft zur Weisheit. Wie Paulus undogmatisch schreibt:

    „In Gott liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen.“ (Kolosser 2,3)

    Geistige Autorität entsteht hier nicht durch Amt oder Tradition. Jesus selbst befreit aus der Knechtschaft und beruft zur Freundschaft:

    „Ich nenne euch nicht mehr Knechte … sondern Freunde habe ich euch genannt.“ (Johannes 15,15)

    Christophilos ist eine unabhängige, private Initiative – frei von institutioneller Vereinnahmung. Es ist der Versuch, die ursprüngliche Radikalität der Botschaft Jesu so freizulegen, dass man ihr im Geiste folgen – oder ihr begründet widersprechen – kann. Denn beides gehört zu einem lebendigen Erkenntnisweg.

    Soziale Netzwerke

    Wer mir auf Facebook oder Twitter folgen möchte, findet mich dort:

  • Geistige Verwandtschaft

    Geistige Verwandtschaft

    Eine Betrachtung zu Lukas 14,25–27

    Es ging aber eine große Menge mit ihm; und er wandte sich um und sprach zu ihnen:
    „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein. Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“ (Lukas 14,25–27)

    Die Szene – ein Gleichnis in sich

    Die kurze Notiz des Evangelisten ist von einer stillen Schönheit:

    „…und er wandte sich um und sprach zu ihnen.“

    Man spürt die Menschenmenge, die Jesus hinterherläuft, die seine Ausstrahlung förmlich aufsaugt, die Nähe sucht – körperlich, emotional, fast greifbar. Genau an diesem Punkt setzt Jesus an. Er greift das tief menschliche Bedürfnis nach Nähe, nach Bindung, nach Zugehörigkeit, nach Familie und Gemeinschaft auf und dreht es radikal um.

    Äußerliche Nähe ist nicht echte Nähe. Wer Jesus buchstäblich hinterherläuft, steht ihm deshalb noch lange nicht nahe. Die vielen, die ihm folgten, waren physisch ganz dicht bei ihm – und doch warnt er sie: Wer nicht bereit ist, alles zu „hassen“, was ihn bisher ausgemacht hat, der kann sein Jünger nicht sein. Damit sagt er: Echte Nachfolge entsteht nicht durch räumliche oder familiäre Nähe, sondern allein durch innere, geistige Verbundenheit mit seiner Botschaft. Erst diese Verbundenheit schafft die wahre Gemeinschaft, die er meint.

    Eine neue, universelle Verwandtschaft

    Je ernsthafter jemand diese geistige Verbindung zu Jesus und seiner Sicht der Welt sucht, desto enger erscheinen plötzlich alle rein menschlichen, familiären oder konventionellen Bindungen. Sie werden als einengend empfunden, weil eine ganz neue Art von Verwandtschaft entsteht – eine universelle Geschwisterlichkeit, die keine Blutsbande mehr kennt und deshalb über jede bisherige Grenze hinausreicht. Diese neue Verwandtschaft steht nicht im Widerspruch zur Nächstenliebe – im Gegenteil: Sie ist deren radikale Erfüllung. Nur wer sich von der Enge familiärer oder gruppenbezogener Vorlieben löst, kann jeden Menschen vorbehaltlos als Bruder, als Schwester, als Nächsten erkennen und lieben.

    Jesus und seine leibliche Familie

    Die Evangelien zeigen immer wieder, wie Jesus selbst diese Grenze zieht:

    • Mit zwölf Jahren im Tempel:

      „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Lukas 2,49
    • Als man ihm meldet, seine Mutter und Brüder warteten draußen:

      „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? … Wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“ Markus 3,33–35
    • Sogar seine Verwandten hielten ihn für verrückt und wollten ihn nach Hause zurückholen:

      „Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen.“  Markus 3,21.

    Jesus lebt vor, was er fordert: Die geistige, hintergründige Bindung steht über der familiären, leiblichen und vordergründigen.

    Hass als Befreiung von alten Kategorien

    Das Thomasevangelium formuliert den Gedanken noch schärfer:

    „Wer nicht seinen Vater und seine Mutter hasst wie ich, der kann mir nicht Schüler sein. Und wer nicht seinen Vater und seine Mutter liebt wie ich, der kann mir nicht Schüler sein.“ (Spruch 101)

    „Hassen“ bedeutet hier nicht Gefühlshass gegen Personen, sondern die kompromisslose Ablehnung aller kleinlichen, übernommenen Kategorien und Bewertungen – aller Schubladen, in die wir Menschen (und uns selbst uns) stecken. Es ist der Hass auf das alte, enge Denken in „meine“ und „fremde“ Menschen. Jesus stellt mit seiner Aufzählung (Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern … und sich selbst!) jede Form blutsverwandtschaftlicher oder egozentrischer Festlegung radikal in Frage.

    Selbsthass als Weg zur Demut

    Der Satz endet mit dem Schockierendsten: „…und dazu sich selbst“. Hier wird klar: Wir sind nicht nur Gefangene unserer Familienrollen und gesellschaftlichen Erwartungen, sondern vor allem Gefangene unseres eigenen kleinen Ichs. „Sich selbst hassen“ heißt deshalb: sich die eigene Befangenheit, die menschliche Kleinkariertheit und Ohnmacht schonungslos einzugestehen. Nur diese ehrliche Betroffenheit schafft echte Demut – und nur Demut öffnet den Raum für eine tiefere Wandlung. Gleichzeitig birgt dieser „Selbsthass“ eine große Sehnsucht: frei zu werden von allen vordergründigen Abhängigkeiten, frei für die universale Liebe.

    Das Kreuz täglich tragen.

    Deshalb der zweite Satz:
    „Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“

    Das Kreuz ist hier nicht primär das Leiden um des Leidens willen, sondern das tägliche Berühren und Tragen all dessen, was uns peinlich, unangenehm und beschämend ist – unsere Schwerfälligkeit, die Einsicht unserer Unfreiheit, unsere Befangenheit, Fehlbarkeit und Schuld. Wer das nicht aushält und auf sich nimmt, bleibt in der Illusion eigener menschlicher Größe stecken.

    Freiheit durch das Eingeständnis der Ohnmacht

    Wer jedoch seine menschliche Begrenztheit mit innerem Bedauern und dem Glauben an deren Sinnhaftigkeit auf sich nimmt und trägt, gewinnt paradoxerweise Distanz zu sich selbst. Diese Distanz macht frei. Und genau in dieser Freiheit wird Großzügigkeit gegenüber anderen möglich – und damit die Erfahrung von Gottes Barmherzigkeit uns selbst gegenüber. Willst du, dass das Leben dir gnädig begegnet, so übe selbst Gnade:

    „Selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Matthäus 5,7

    Das Geheimnis der Wandlung

    Äußere Veränderung kann man nicht machen – sie geschieht oder geschieht nicht. Echte Wandlung ist immer Frucht einer inneren Auseinandersetzung:

    „Nehmt einen guten Baum, so wird auch seine Frucht gut sein.“ Matthäus 12,33

    Wir verwandeln uns nicht selbst durch Willenskraft. Wir werden verwandelt – dort, wo wir die Geisteshaltung Jesu annehmen und unser Kreuz (unsere Wahrheit über uns selbst) täglich tragen.

    Vom Turmbau und der Illusion menschlicher Planung

    Im anschließenden Gleichnis vom Turmbau und vom König, der in den Krieg zieht, zeigt Jesus, wie lächerlich jede rein menschliche Sicherheits- und Perfektionsstrategie wird, wenn wir ehrlich sind und unserer menschlichen Realität ins Auge sehen. Jede noch so durchdachte Lebensplanung ist im Grunde eine Trotzgebärde gegen die Wirklichkeit unserer Ohnmacht. Wer das erkennt, hört auf, sein Leben krampfhaft kontrollieren zu wollen – und gewinnt gerade dadurch jene Freiheit, die Jesus meint.

    Fazit: Die Geburt der wahren Geschwisterlichkeit

    Erst wenn wir bereit sind, unsere alten Bindungen und unser altes Selbstbild loszulassen – nicht durch äußere Trennung, sondern durch inneres „Hassen“ der Enge – entsteht Raum für die eine, universale Familie:

    „…alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.“ Friedrich Schiller – Ode an die Freude

    In dieser Geisteshaltung werden wir wirklich frei – und erkennen unsere wahre Verwandtschaft in Christus.

  • Krieg und Frieden

    Krieg und Frieden

    Aus Angst vor den Unwägbarkeiten des Daseins, meinen wir das Leben (be)zwingen zu müssen. Doch führen wir damit einen Krieg gegen einen Gegner, der uns immer überlegen sein wird.

    Welcher König will sich auf einen Krieg einlassen gegen einen andern König und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob er mit Zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit Zwanzigtausend? Wenn nicht, so schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden. So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.  Lukas 14,31-33

    Jesus sah seine Mission vor allem darin, dass der Mensch ein neues, freundschaftliches Verhältnis zu seinem Leben finden könnte, doch dazu muss er sich von allem vermeintlich Sicheren distanzieren. Der christliche Erlösungsgedanke besteht darin, dass der Mensch in einem neuen Bewusstsein den erbitterten und aussichtslosen Kampf gegen das „ungerechte“ Leben nicht mehr zu kämpfen braucht. Denn dort wo wir uns nicht in der Lage sehen, auch in den Unannehmlichkeiten des Lebens Sinn und Bedeutung zu finden, wo wir uns also entschieden abwenden von den Schattenseiten unseres Daseins, wo wir das Unliebsame nicht sehen wollen, leben wir nicht im Einklang mit unserem Dasein.
    Indem wir nur einen bestimmten Teil unseres Lebens akzeptieren und den anderen für unbrauchbar erklären, liegen wir im Krieg mit dem entscheidenden Bereich unseres Daseins, und es bleibt nur abzuwarten, wann der Zeitpunkt erreicht ist und das Leben mit allem verdrängten Leid anklopft und über uns hereinbricht.
    Jesus hält uns hier eine ungewohnte Realität vor Augen und hinterfragt in diesem Gleichnis jenes Realitätsverständnis, das wir im Laufe unseres Lebens irgendwann einmal übernommen haben. So geht es ihm darum, den Krieg gegen das eigene Leben wieder ins menschliche Bewusstsein zu rufen. Rat halten, bedeutet hier abwägen, das heißt, man soll sich selbst ehrlich befragen, ob man sich tatsächlich gegen alle Unannehmlichkeiten – die das Leben uns entgegenhält – absichern oder sie wirkungsvoll ausschließen kann. Wenn wir uns diese Frage stellen, können wir sie letztlich nur mit „Nein“ beantworten. Das Leben ist uns übermächtig; es behält in seiner scheinbaren Teilnahmslosigkeit die Oberhand. Gerade dann, wenn man meint, man hätte alle Dinge für sich geregelt, wirft uns igendetwas plötzlich und unerwartet zurück. Gegen diese Übermacht antreten, heißt, seine Chancen in diesem Kampf nicht realistisch abgeschätzt zu haben. Sieht man solche Übermacht auf sich zukommen, bleibt im Grunde genommen gar keine andere Wahl, als den Kontakt mit dem Gegner zu suchen und um Frieden zu bitten. Tut man das, so wird man nun seine ganze Kraft darauf verwenden, mit dem vermeintlichen Feind Frieden zu schließen.
    Konsequent ist daher auch hier der Nachsatz Jesu:  „So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.“ (Lukas 14, 33) Damit gibt er zu bedenken, dass uns die Bürde des Menschseins durch Vordergründiges und Kurzlebiges nicht genommen werden kann. Der einzig gangbare Weg kann nur in einer Akzeptanz der ganzen Wahrheit liegen – also nicht im Ausweichen und durch Flucht in eine konstruierte Wirklichkeit. Erst auf Basis dieses Bewusstseins und Eingeständnisses gelingt uns das Annehmen aller Unannehmlichkeiten wie:  Schwäche, Unvermögen, Verlust, Krankheit, Verrat, Ungerechtigkeit und Tod.

    Nun geht es darum, nichts, aber auch absolut gar nichts, auszuklammern, sondern alles „Schwere“ in das Denken und Handeln mit einzubeziehen. Exakt in dem Moment, in dem wir beginnen, nach Sinn und Bedeutung der Lebenssituationen zu suchen, die uns so sehr widerstreben, stehen wir in einer fruchtbaren Verhandlung mit dem vermeintlichen Gegner. Dieses Vertrauen in den bisherigen Feind führt dazu, dass uns das Leben in völlig neuer und freundschaftlicher Weise begegnen wird. Allem Unschönen, Peinlichem und allem Leid entgegenzugehen, um Frieden darin und damit zu finden, heißt im Grunde ja nichts anderes, als Selbsterkenntnis zu üben, da diese Dinge mit niemand anderem als mit uns selbst zu tun haben.

  • Das Gleichnis vom Turmbau

    Das Gleichnis vom Turmbau

    Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen, – damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann’s nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten, und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann’s nicht ausführen?    Lukas 14, 28-30

    Ausdruck des Lebens ist das Streben nach „oben“. Im Streben nach oben versuchen wir uns „Freiräume“ zu verschaffen, in denen uns nichts „Niedriges“ mehr berühren kann. Mit dem Gleichnis vom Turmbau, drückt Jesus das menschliche Verlangen nach Erhabenheit aus, den Wunsch, sich über die beschwerlichen und feindlichen Seiten dieses Daseins zu erheben.

    Einen Turm bauen wollen, bedeutet im Sinne des Gleichnisses, die Dinge von einer höheren Warte aus – die Welt mit Distanz betrachten zu wollen. Damit steht der Turm als ein Gleichnis für Erhabenheit, für den Wunsch nach Ruhe, Sicherheit, Unerreichbarkeit und Unberührbarkeit. So ist jeder auf seine eigene Weise bemüht, sich einen Ort zu schaffen, an dem ihm das Leid dieser Welt nichts mehr anhaben kann.

    So symbolisiert der Turmbau unser Streben nach Individualität und Erhabenheit, aber auch nach Entzug und Rückzug. Der Wunsch nach Erhabenheit ist nichts Schlechtes an sich, er wird jedoch auf ganz unterschiedliche Weise umgesetzt: Aus rein menschlicher und vordergründiger Sicht läuft es meist darauf hinaus, sich den Status des „Turmes“ durch Äußerlichkeiten zu verschaffen – beispielsweise durch Familienbande, durch Beziehungen, durch Geld, durch Besitz, durch den gesunden oder den schönen Körper, durch materielle Absicherung, durch persönlichen Erfolg, durch gesellschaftliche Anerkennung, durch Machtausübung, durch Unterdrückung anderer, aber auch durch Drogenkonsum und durch Todessehnsucht.

    Wie auch immer, man möchte unerreichbar und unberührbar sein gegenüber dem Leid der Welt, möchte in „Sicherheit“ leben und über das Unkalkulierbare herrschen.  Im Gleichnis vom Turmbau gibt Jesus zu bedenken, dass alle Versuche, das Unkalkulierbare und Unangenehme abzuwenden, immer unzureichend sein werden, solange sie auf irgendwelche Äußerlichkeiten d. h. solange sie auf Vordergründigem basieren, denn alles Äußerliche – wie es auch heißen mag – unterliegt der Schwächung, dem Verfall, und in allem Hiesigen liegt bereits der Niedergang. Das Unkalkulierbare jedoch ist das Unabwendbare. Es ist Leid, Tod, Niederlage, Schmach, Verrat und Verlust. Diese Dinge nicht in seine Lebensplanung einzukalkulieren, bedeutet, sich zu verkalkulieren.