Licht und Schatten

In allem Dunkel liegt ein Sehnen,
darin die Herzen klopfend schlagen.
und Schlag um Schlag ein stilles Nehmen,
und ein Verlangen und ein Fragen:
Wo sind die hohen hellen Stätten,
die uns die Führer einst verhießen,
wo wir die Leiber sicher betten,
wo sie des Nachts die Tore schließen?

Doch fällt ein Schatten all der Lasten,
die an mir haften Nacht für Nacht,
die stumm nach meinem Herzschlag tasten,
und mich berühren zart und sacht,
in jenen Grund, der ohne Gründe,
die Welt aus Dunkelheiten wirkt,
wo jeder Schatten, jede Sünde,
das Licht des Geistes in sich birgt.

In der Geburt der lichten Sphären,
in der Erkenntnis meines Grundes,
dort wird sich Licht von Licht ernähren
wo es berührt vom Saum des Mundes,
dessen, der vollbringt und der vollbracht.
Und Finsternisse werden fallen,
und was gebeugt von dunkler Macht,
wird aufrecht stehn in lichten Hallen.

Dresden 4. 9. 2020

Zum Taufverständnis Jesu

Der Auffassung Jesu nach, muss der Begriff der Taufe viel weiter gefasst werden, als wir ihn aus dem gängigen kirchengeschichtlichen Rahmen kennen.

Über die Bedeutung des menschlichen Scheiterns und Unterliegens und die Wiederauferstehung zeitloser Werte im Sinnbild der christlichen Taufe.

In den Urtexten des Neuen Testaments lautet das altgriechische Wort für “taufen”  baptízein (βαπτίζειν) und das für „Taufe“ baptein. Die Bedeutung des Begriffs reicht von “ein- oder  untertauchen“ bis hin zu „tränken und färben”.

In der ersten germanischen Bibelübersetzung, der gotischen Bibel von Wulfila aus dem 4. Jahrhundert, wird baptizein mit daupjan übersetzt, das ebenso wie das griechische Wort „tauchen“, „eintauchen“ bedeutet. Wie das gotische Wort daupjan gehen das altnordische deypa, das altenglische dyppan (s. a. dippen) und das althochdeutsche toufen, auf ein Wort zurück,  das im Neuhochdeutschen mit „tief“ wiedergegeben wird.  Quelle Wikipedia

Nun war die Muttersprache Jesu aber nicht das Altgriechische, sondern das Aramäische, denn er lehrte das Volk in der damaligen Landessprache. Im Aramäischen lautet das Wort für Taufe mamodita, das sich vom hebräischen amad ableitet und “aufstehen” bedeutet. Die Wurzeln des Verbs amad wiederum gehen zurück auf den hebräischen Begriff amuda = Pfeiler. Vor diesem Hintergrund ist Taufe eher als ein Untergangs- bzw. Auferstehungsritual aufzufassen. Das heißt, neben dem Aspekt des Reinwerdens geht es auch um die innere Bereitschaft zu unterliegen (zu fallen und zu sterben) um danach erneut aufzustehen – um wieder aufgerichtet zu werden.

Damit wird deutlich, dass der Begriff der Taufe viel weiter gefasst werden muss, als wir ihn aus dem kirchlichen Rahmen kennen. Man vermutet heute, dass die große jüdische Täuferbewegung zur Zeit Jesu auf die Essener zurückgeht, die damals neben den Gruppierungen der Pharisäer und Sadduzäer eine besondere Form des Judentums vertrat. Stark für diese Vermutung sprechen die großen Wasserbecken mit Treppenanlagen zu beiden Seiten, wie sie bei den archäologischen Ausgrabungen des essenischen Wüstenklosters am Toten Meer zum Vorschein kamen. Hier war erstmals ein Untertauchen des ganzen Körpers möglich. Hinsichtlich des vollständigen Untertauchens unterschied sich dieser Ritus von den religiösen Waschungen des alten Testaments. Es ist anzunehmen, dass auch Johannes der Täufer in der Tradition der  Essener stand, später aber eigene Wege ging.  So setzte er gegenüber der Essenertaufe weitere, neue Akzente: das Untertauchen in “lebendigem” Wasser und die öffentliche Taufe für jedermann – d. h. sein Taufbegriff war frei vom essenischen Elitegedanken. Der Begriff Lebendiges Wasser hat in der Sprache des Neuen Testaments eine doppelte Bedeutung. So bezeichnete man fließende (frische) Gewässer allgemein als lebendiges Wasser.  Wohl aus diesem Grund taufte Johannes die Menschen, die zu ihm kamen, auch in  einem Fluss, dem  Jordan. Auch Jesus verwendet den Begriff lebendiges Wasser jedoch bereits in einem übertragenen Sinne, wie aus dem Dialog mit der Samaritanerin hervorgeht, die den Begriff im herkömmlichen Sinne als fließendes bzw. frisches Wasser (im Gegensatz zu stehendem, abgestandenem Wasser) auffasst:

Dort war ein Brunnen, der Jakobsbrunnen, an den sich Jesus setzte, ermüdet von der langen Wanderung. Es war gegen 12 Uhr. Da kam eine samarische Frau zum Wasserschöpfen. Jesus sagte zu ihr: „Hast du auch etwas zu trinken für mich?“ Seine Jünger waren ins Dorf gegangen um etwas zu essen zu kaufen. Die samarische Frau sagte: „ Wie kannst du als Jude mich, die Samaritanerin, um etwas zu trinken bitten?“ (Die Juden halten sich nämlich von Samaritanern fern) Jesus antwortete ihr:  Wenn du wüsstest was Gott gibt und wer ich bin, dann hättest du mich um lebendiges Wasser gebeten, und ich hätte es dir gereicht.  Die Frau entgegnete: „Herr, du hast kein Schöpfgefäß und der Brunnen ist tief. Woher willst du das lebendige Wasser nehmen? Kannst du etwa mehr als Jakob unser Vater? Er hat uns nämlich den Brunnen geschenkt und selbst daraus getrunken, wie auch seine Kinder und seine Herde“ Jesus erwiderte: „ Jeder der von diesem Wasser trinkt, wird danach doch wieder durstig werden. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, der wird nie mehr Durst haben. Vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm selbst zu einer Quelle werden, die bis in das ewige Leben sprudelt.“ Da sagte die Frau: „Herr gib mir von diesem Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen…                           Johannes 4,6-15

Obwohl Johannes der Täufer eine neue, populärere Form der Taufe schuf, ahnte er doch, dass die Taufe als reines Wasserritual noch nicht zu ihrer eigentlichen Bedeutung gefunden hatte. So erklärt er freimütig:

Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber einer, der ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen.                    Lukas 3,16

Tatsächlich interpretiert Jesus den Taufbegriff für sich selbst bereits nicht mehr im Sinne Johannes des Täufers, sondern vielmehr im ursprünglichen Sinne des Wortes mamodita.  Und wie von Johannes dem Täufer angekündigt, kommt bei Jesus ein neuer transzendenter Aspekt hinzu: Taufe als bewusste Einwilligung in die leidvolle Konfrontation mit dieser Welt und damit als Akt der geistigen Überwindung von Leid und Tod. So bezieht Jesus den Begriff Taufe ganz konkret auf seine eigene Verurteilung und  Hinrichtung am Kreuz, wie in folgenden Aussagen deutlich wird:

Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?   Markus 10,38

Aber ich muss mich zuvor taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollbracht ist! Lukas 12,50

Dennoch bleibt die eigentliche und ursprüngliche Symbolik des Untertauchens im hintergründigen Sinne erhalten. Das heißt, Taufe ist in den Augen Jesu Sinnbild für ein temporäres Untergehen, Scheitern, Unterliegen, Leiden und Sterben, damit das zeitlose Element (der Geist) umso kraftvoller wieder auferstehen kann. Hier ist es nun das Bild vom aufgerichteten Kreuzespfeiler (Pfeiler = amuda), das mit dem ursprünglichen Taufbegriff zusammen geht, das Jesus für sich so interpretiert:

Und  wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.        Johannes 3,14

Hier bezieht er sich auf ein Geschehen aus dem 4. Buch Mose, das er als Hinweis auf die transzendente Bedeutung seiner eigenen Kreuzigung und insofern als Erfüllung der Schrift versteht:

Da sprach der JHWH zu Mose: Mache dir eine eiserne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. 4. Mose 21, 8

Auch wenn in den Evangelien davon die Rede ist, dass Jesus getauft wurde, und dass er taufte, so erfahren wir in einem Nebensatz des Evangelisten Johannes, dass er selbst nicht taufte, dass es vielmehr seine Jünger waren,  die den johannäischen Ritus weiter pflegten, worin Jesus sie gewähren ließ:

Als nun Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war, dass er mehr zu Jüngern machte und taufte als Johannes – obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger –  verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa.    Johannes 4,1-3

Derselbe Evangelist Johannes schildert noch eine weitere Begebenheit, die uns das transzendente Taufverständnis Jesu verdeutlicht. Es ist der Bericht von der sog. Fußwaschung, am Vorabend seiner Verhaftung und Hinrichtung:

da stand er vom Abendessen auf, legte sein Obergewand ab, nahm eine Schürze und band sie sich um. Danach goss er Wasser in ein Becken und fing an den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, den er sich umgebunden hatte. Da kam die Reihe an Simon Petrus; der jedoch sprach zu ihm: Herr, du willst mir die Füße waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber zu einem späteren Zeitpunkt  erfahren. Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, dann nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle.  Johannes 13,4-17

Dass es Jesus hier weniger um körperliche Reinheit ging, wird aus dem Kontext deutlich. Und Jesus präzisiert seinen Begriff der Reinheit schon wenige Sätze später in seinem Gleichnis vom Weinstock:

Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.       Johannes 15,3

Doch selbst der Jünger Petrus missdeutet die Handlung Jesu und betrachtet sie als eine besondere Form der Wassertaufe, daher seine Bitte, Jesus möge ihm auch den Kopf und die Hände waschen.

Somit ist Taufe entsprechend dem Verständnis Jesu der Beginn einer  vertrauensvollen Haltung, in der wir jedes Scheitern, Unterliegen, selbst das eigene Sterben, tragen und somit dem Leid, verursacht durch eigenes Versagen oder durch höhere Gewalt, eine neue Qualität verleihen. Alles Leid, alle Ächtung oder Strafe, die wir in der Geisteshaltung Jesu tragen, hat aufgehört, Strafe Gottes zu sein. Im Geist Jesu wird alles Unterliegen und Scheitern zum Auftakt einer neuen Schöpfung. Hierin finden wir zu jener geistigen Taufe, in der Jesus sein eigenes Leid begriff. In einer Haltung, die nichts für sich selbst will, weil sie sich ihres unvergänglichen Wertes bewusst geworden ist, gibt es kein wirkliches Unterliegen. Unterliegen wird nur das, was seinen wahren Wert nicht gefunden hat, und deshalb irrtümlicherweise für wertlos erachtet wurde. Was seinen zeitlos-gültigen Wert erkannt hat, kann nicht endgültig zu Grunde gehen. Hier ist die Grundlage des Auferstehungsgedankens: Eben, weil Jesus die Konsequenz dieses Gedankens in seiner ganzen Tiefe erkannt hatte, war er bereit, das Äußerste auf sich zu nehmen und sein Leben hinzugeben. Diese Form der Hingabe ist die eigentliche Taufe im Sinne Jesu. Was heißt das? Die Preisgabe unserer selbst, d. h. das Opfer der äußeren Form ist sinnbildlich gesprochen, ein Untertauchen in das Luftlose – ein Hinabsteigen in die geistlosen Bereiche dieser Welt.  Weil das göttliche Element weder behindert noch ausgelöscht werden kann, wird es alles Geist- und Sinnlose mit Geist erfüllen und wird in einer neuen kraftvollen Form wiederkehren.

Patti Smith und die Dogmatik

Neulich fiel mir ein Zeitungsartikel über ein Rockkonzert in die Hand, in dem die  Unverständlichkeit einer Aussage Jesu thematisiert wurde. In dem Bericht  ging es um die Ansichten der Popmusikerin Patti Smith,  die in einem streng gläubigen Elternhaus (Zeugen Jehovas) aufgewachsen ist und die den christlichen Grundgedanken, dass Jesus für  unsere Sünden gestorben sei, mit folgenden Worten in Frage stellt: „ Jesus ist für unsere Sünden gestorben, aber nicht für meine!“

Über die negative Wirkung starrer und unreflektierter Glaubensformeln.

Dabei kam mir der  Gedanke, dass Jesus die Menschen ohne Dogmatik von seiner Sicht der  Dinge, zu überzeugen versuchte. Das zeigt schon allein die Vielzahl und die Unterschiedlichkeit seiner Gleichnisse. Vertrauen sollte auf  einer Überzeugung des Für-wahr-haltens seiner Botschaft beruhen. Die  Gleichnisse waren Interpretationsversuche einer grundlegenden, hintergründigen Wahrheit, die Jesus erkannt und geschaut hatte. Die Gleichnisse sind insofern Zeugnisse seines inneren Ringens, um seinen Zuhörern die Hintergründe seines Wirklichkeitsverständnisses verständlich zu machen, damit das, was Relevanz hat, für wahr erkannt werden kann. Erkennen und Vertrauen bedingen hier einander. Viele  christliche Religionsgemeinschaften tun aber genau das Gegenteil. Sie verlangen das sture Anerkennen von Glaubenssätzen,  die nicht hinterfragt werden dürfen. Mit der Forderung, dass bestimmte  biblische Aussagen, ohne dass sie verinnerlicht oder verstanden werden, einfach geglaubt werden müssen, haben sich viele  christliche Religionsgemeinschaften einen Bärendienst erwiesen. Insofern ist es den Skeptikern nicht zu verdenken, keinen Sinn in solchen Aussage Jesu zu sehen. Eigentümlich finde ich aber doch,  dass die aufgeklärten Zweifler sich den Texten nicht selbstständig  nähern, sondern, dass sie das Programm ihrer kirchlichen Prägung als ein Dogma annehmen, das keine andere Interpretation  zulässt, um es dann getrost in das Land der Märchen zu verbannen.  Während also Jesus versuchte, seine Sicht auf die hintergründige  Wirklichkeit (Reich Gottes) seinen Zuhörern möglichst transparent zu  machen, ziehen die Dogmatiker ihren undurchsichtigen Vorhang davor.   Da kommt mir unwillkürlich der Gedanke vom zerrissenen  Vorhang im Tempel in den Sinn… Derart von den inhaltlichen Grundlagen  getrennt, konnten Kreuzestod und Abendmahl als magische Handlungen missverstanden bzw. umgedeutet werden. Weshalb der ursächliche Zusammenhang von Kreuzestod und Sündenvergebung nicht gesehen bzw. vermittelt wird, bleibt für mich rätselhaft.  Die Vergebung von Schuld beruht nach dem Verständnis Jesu eben nicht auf  einer magischen Heilshandlung, sondern ausschließlich auf der Annahme  der Geisteshaltung Jesu, der die Ungerechtigkeit, die man ihm angetan hatte, als eine höhere Art der Gerechtigkeit neu  interpretierte. Auf diese Weise wurde das alte Verständnis von Anklage und Schuld, in welchem Jesus als ein Opfer der Böswilligkeit seiner Feinde verstanden werden konnte, durch ein  neues Wirklichkeitsverständnis überwunden. Kraft dieser Erkenntnis  opfert sich Jesus also einem neuen, universellen Lebensverständnis, in welchem nun allem was uns wiederfährt, eine Relevanz und Notwendigkeit zukommt. Innerhalb eines solchen Verständnisses ist kein  Platz mehr für Anklage und Schuld, da hier auch derjenige, der an     mir schuldig wird, zu einem Teil des göttlichen Willens wird. Die  Ursache für die Vergebung von Schuld liegt dabei in der persönlichen und individuellen Einwilligung in das bisher „Ungerechte“,  wie Jesus es selbst verstand als er sagte: „Vater wenn es möglich ist, dann lass diesen Kelch an mir vorübergehen, jedoch nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Indem  Jesus sein eigenes Leiden und Sterben zum Willen Gottes machte, wurde  dieser notgedrungen zur Ursache von Schuld, Leid und Tod.  Weil aber in Gott weder Schuld noch Leid noch Tod existieren, müssen  alle Klagen und Anklagen aufhören. Hieraus folgt auch der Gedanke, dass  derjenige der diesem Verständnis Jesu Christus folgt zum Glücksfall für seine Feinde wird….

Zu meiner Person

Elmar Wieland Vogel

Steinmetzmeister, Bildhauer, Steintechniker
Autor des Buches: ESSENZEN – Die Botschaft Jesu

Portaitfoto Elmar  Wieland Vogel
Elmar Wieland Vogel

Geboren und aufgewachsen im mittelfränkischen Ansbach. Vater: Bildhauer, Mutter: Zirkusartistin. Kindheit und Jugend waren geprägt durch ein unkonventionelles, kreatives und weltoffenes Elternhaus. Bereits in meiner Kindheit entwickelte ich ein großes Interesse für die biblischen Geschichten, besonders für die Gestalt Jesus Christus. Fasziniert von seinen Aussagen und später von den Inhalten seiner Botschaft, die ich zunehmend als universell verstand und auch heute für mich so deute.

Interesse an der Botschaft Jesu

Mit siebzehn erfuhr ich beim Lesen der “Guten Nachricht” einen neuen, intuitiven und undogmatischen Zugang zum Verständnis der Botschaft Jesu. Durch die spätere berufliche Auseinandersetzung mit Kunstgeschichte, Bildsprache und Symbolik – durch freie bildkünstlerische Arbeiten für den sakralen Bereich, durch individuelle und personenbezogene Grabmalgestaltung, aber auch durch die tägliche, berufsbedingte Konfrontation mit der Thematik Trauer und Tod gewannen für mich ethische und philosophische Themen und die Frage nach den letzten Dingen zunehmend an Bedeutung.

Theologisches Verständnis und Prägung

Neben dem Studium Neutestamentlicher Literatur wurde mein theologisches Verständnis unter anderem geprägt durch Schriften von: Lao-Tse, Meister Eckhart, Johannes Tauler, Martin Luther, die Theologia Deutsch, Baruch de Spinoza, Simone Weil , Viktor Frankl , Humberto Maturana und Francisco Varela.

Aktuelle Situation

Gemeinsam mit meinem Bruder führe ich einen kleinen Handwerksbetrieb an den Standorten Ansbach und Dresden in der siebenten Generation. Näheres dazu unter: vogel-bildhauer.de . Neben meiner beruflichen Tätigkeit bin ich aktives Mitglied der Freimaurerloge “Zum goldenen Apfel” in Dresden. Ich mache Musik, schreibe eigene Lieder, die ich teilweise auch hier oder bei Youtube veröffentliche. Hier blogge ich und verfasse hin und wieder lyrische Texte wobei mich vor allem das Denken im Metaphern bewegt.

Lebensstationen:

1977 Schulabschluss
1977-1979 Ausbildung zum Steinmetz und Steinbildhauer bei Roland E. Vogel
1979 Arbeitsaufenthalt in den USA bei Harold C. Vogel
1981 Volontariat bei dem Bildhauer Reinhart Fuchs
1982 Praktikum in einer Kunstgießerei in Aschaffenburg
1983Kriegsdienstverweigerung in II. Instanz
1984Zivildienst im Internat des Windsbacher Knabenchores
1986 Weiterbildung zum Steinmetz- und Steinbildhauermeister und staatl. gepr. Steintechniker an einer staatlichen Fachschule
1987Auszeichnung bzw. Preis der Benno und Therese Danner’schen Stiftung
1988 Heirat – Geburt meines Sohnes
1989 Eintritt in die Freimaurerloge Alexander zu den drei Sternen
1990 Arbeitsaufenthalt in der Schweiz/Basel
1991Geburt meiner Tochter
1992Wechsel nach Dresden. Übernahme der Dombauhütte der Kathedrale-Dresden und Mitwirkung am Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche
2006Vorstandsmitglied der Freimaurerstiftung Dresden
2009Buchveröffentlichung: ESSENZEN – Die Botschaft Jesu
2011 erschienen bei Kamphausen-Media
2019CHRISTOPHILOS Beiträge zur christlichen Philosophie


Jesus von Nazareth – Philosoph, Gelehrter, Künder, Genius, Christus, Menschensohn

Was war der Sinn der Mission Jesu? Was sind die Inhalte seiner Weisheitslehre? Ist die Lehre Jesu eine Philosophie? Was ist christlicher Glaube? Warum betrachtete Jesus seine Hingabe am Kreuz als notwendig? Welche geistigen Impulse kann uns die christliche Botschaft heute geben?

Jesus von Nazareth - Zeffirelli 1977
Jesus liest aus dem Tenach – Szene aus Jesus von Nazareth. Zeffirelli 1977

Diesen Fragen spüre ich hier auf meine eigene Weise nach. Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik führt mich in die Geschichte, die Literatur, die bildende Kunst, die Lyrik, die Musik, die Philosophie. Sie führt mich aber auch in das Alltägliche, das Profane, das Absurde und Banale, kurzum alles, was unser Menschsein berührt und ausmacht. Dabei halte ich die Botschaft Jesu für inhaltlich so “stark” – ihre Aussage für so universell, dass sie den ausserbiblischen Vergleich nicht zu scheuen braucht.

Eine Suche nach zeitgemäßem Ausdruck

Bei meiner Suche nach adäquatem Ausdruck, geht es mir nicht um bestimmte christliche Glaubensformen oder Bekenntnisse im konfessionellen Sinne. Vielmehr bediene ich mich der alten, urchristlichen Tradition des freien Nachdenkens und Philosophierens über die Worte Jesu im besten Sinne des Wortes: “Philos-Sophia”, nämlich als Freundschaft zur Weisheit. Eine Praxis, wie sie bereits in den ersten Briefen des neuen Testaments, den sog. Episteln, lebendig bezeugt wird:

“In Christus verborgen liegen alle Schätze, der Weisheit und der Erkenntnis.”

Kolosser 2,1–5

Christliche Philosophie oder die Weisheitslehre Jesu

Christliche Philosophie verstehe ich als einen offenen Diskurs, der frei ist von engstirniger Dogmatik, ohne erhobenen Zeigefinger gegenüber Kritikern, Zweiflern, Skeptikern oder sogenannten “Ungläubigen”.

Eine christliche Philosophie sucht nicht das Trennende, vielmehr sie sucht bewußt das Gespräch, den Dialog. Jedwede Ausgrenzung oder Sanktionierung Andersdenkender oder die Forderung: “Das musst du glauben!” ist einer christlichen Philosophie fremd.
Damit steht christliche Philosophie auf der Grundlage der Botschaft Jesu: Jesus selbst war immer bemüht auf ernst gemeinte Fragen, umfassende und tiefgründige Antworten zu geben.

Die Botschaft Jesu ist frei von Hierarchie- oder Elitedenken das heißt sie hat nichts Knechtisches und nimmt in diesem Sinne Bezug auf die Abschiedsworte Jesu:

” Ein Knecht weiß nicht was sein Herr tut…//… Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid…//… Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben lässt für seine Freunde.”

Johannes 25,5-13 (Altgriechisch: Philos=Freund)

Ein idealistisches Projekt

Christophilos ist kein kommerzielles Projekt. Als rein private Initiative wird es von keiner Gruppierung oder religiösen Gemeinschaft unterstützt, vereinnahmt oder getragen. Es ist individueller Ausdruck eines aufrichtigen, inneren Interesses an einer freien und geistig-kreativen Auseinandersetzung mit den Inhalten der Botschaft Jesu.

Wer mir auf Facebook oder Twitter folgen möchte, findet mich dort jeweils unter meinem Namen. 

Geistige Verwandtschaft

Geistige Verwandtschaft

Es ging aber eine große Menge mit ihm; und er wandte sich um und sprach zu ihnen: Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein. Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. Lukas 14,25-27

Die Situation selbst hat etwas Gleichnishaftes. Der Evangelist fängt die Stimmung um den wandernden Christus ein, indem er eine scheinbare Nebensächlichkeit schildert:

 “…und er wandte sich um und sprach zu ihnen”. 

Hier wird auch deutlich, wie sehr das Volk die Nähe zu diesem außergewöhnlichen Menschen  suchte, wie es seine Ausstrahlung auffing – ihm regelrecht hinterherlief. Christus knüpft hier also nicht von ungefähr an das menschliche Bedürfnis nach Nähe, nach Gemeinschaft, nach menschlichen Bindungen und Abhängigkeiten an, als er seine Rede beginnt.

Es hat den Anschein, als ob er aufgreift, was situationsbedingt in der Luft liegt. So erklärt er seinen Zuhörern, dass jemand, der zu ihm kommt, ihm damit nicht unweigerlich auch “nahe steht”. Äußerliche Nähe oder menschliche Bindungen sind nicht der Schlüssel zu echter Nähe bzw. Gemeinschaft, vielmehr entsteht erst durch innere und geistige Verbundenheit wirkliche Nähe.

Nicht derjenige, der Jesus Christus buchstäblich hinterherläuft, sondern vielmehr jener, der sich nach einer geistigen Verbindung zu seiner Botschaft sehnt, kann sich Nachfolger oder Jünger Jesu nennen. Diese geistige Form von menschlicher Bindung beinhaltet ein vollkommen neues Lebensverständnis, in welchem jede menschliche Begegnung nun gleich wertvoll wird.

Und je höher das Ideal, desto weniger Raum für menschlich–vordergründige Bindung. In der ernsthaften Suche nach so einer geistigen Verbindung zur Person Jesu und zu seiner Betrachtung der Welt wird man sich der Enge rein menschlicher Bindungen und Konventionen bewusst.

Das heißt, menschlich-verwandtschaftliche Verhältnisse, die in Konkurrenz zu diesem allumfassenden Lebensverständnis stehen, werden als Einengung und Behinderung empfunden, weil in der Geisteshaltung Jesu eine gänzlich neue, eine universelle Art von Verwandtschaft mehr und mehr an Bedeutung gewinnt, und diese Art von Verwandtschaft steht über jeder rein menschlichen oder familiären Bindung.

Die Forderung Jesu steht insofern nicht im Widerspruch zum Gebot der Nächstenliebe, sondern sie steht geradezu exemplarisch für die vorbehaltlose Öffnung gegenüber jedem Mitmenschen. Die Worte Jesu sind so auch eine konsequente Fortführung und eine Bestätigung seiner Forderung nach Nächsten- und Feindesliebe.

Man denke in diesem Zusammenhang z. B. an den zwölfjährigen Jesus im Tempel, der seinen Vaterbegriff für sich bereits neu definiert hatte und seinen aufgebrachten Eltern entgegnet:

“Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich nur in dem sein konnte, was meines Vaters ist?” Lukas 9,42

Oder als während einer öffentlichen Rede jemand auf ihn zukommt und ihm die Nachricht überbringt, dass draußen seine Mutter und seine Brüder auf ihn warten und dass sie dringend mit ihm sprechen möchten; da reagiert Jesus ganz ähnlich:

“Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?” Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: “Siehe da, das ist meine Mutter, und das sind meine Brüder! Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.”                 Markus. 3,31-35;

Wir wissen durch die Evangelienberichte auch, dass die leiblichen Verwandten Jesu versuchten, ihn zur Rückkehr in sein altes familiäres Umfeld zu bewegen, wie es uns der Evangelist Markus berichtet:

“Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn festhalten; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.”     Markus 3, 21

So hat Jesus auf seine Weise ein völlig neues, universelles Lebensverständnis vermittelt; indem er all die Menschen als Verwandte bezeichnet, die sich innerlich zu ihm (seiner Weisheitslehre) hingezogen fühlen, – die seine geistige Gemeinschaft suchen.

Durch diese völlig neue Art von Verwandtschaftsdenken betritt der Mensch sozusagen eine neue Begegnungsebene, eine Ebene, auf der nun alle Menschen gleichermaßen eingeschlossen sind.

„….alle Menschen werden Brüder, wo Dein sanfter Flügel weilt“                       Schillers Ode an die Freude

Erst in dieser neuen (christlichen) Lebensauffassung kann ausnahmslos und vorbehaltlos jeder Mensch als Verwandter, als Bruder, als der Nächste erkannt und geachtet werden.

Das althergebrachte rein verwandtschaftliche Denken wird innerhalb solch einer Auffassung notwendigerweise als unzulänglich und überholt empfunden. Das Thomasevangelium gibt diesen radikalen Anspruch Jesu ganz in diesem Sinne und damit in nachvollziehbarer Weise wieder:

Wer nicht hasst seinen Vater und seine Mutter wie ich, wird mir nicht Schüler werden können. Und wer nicht liebt seinen Vater und seine Mutter wie ich, wird mir nicht Schüler werden können.    Thomasevangelium Spruch 101

Mit „hassen“ wäre demnach nicht der Hass gegen den Menschen an sich gemeint, vielmehr richtet sich der Hass gegen die konventionellen und übernommenen menschlichen Festlegungen, Einteilungen und Bewertungen – also gegen die kleinlichen Kategorien, in die wir den Menschen und dazu uns selbst packen.

Der Hass, den Jesus hier fordert, richtet sich also gegen unser Denken in althergebrachten familiären Dimensionen. Seine Aufzählung Vater, Mutter Frau, Kinder, Schwester und Bruder ist eine Infragestellung jeder rein blutsverwandtschaftlichen Bindung.

Der Mensch ist eben keinesfalls nur das, wofür er sich seiner Geburt, seiner Abstammung oder seinem äußeren Anschein nach hält. Daraus folgt: Uns  kann nur dann eine „höhere“ Rolle bzw. ein “tieferes” Verständnis in dieses Leben zuteil werden, wenn wir gewillt sind, unser bisheriges bzw. unser rein menschliches Rollen- und Werteverständnis bedingungslos zu hinterfragen.

“Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht……” ist auch nicht die konkrete Aufforderung sich von heute auf morgen von seiner Familie zu trennen, vielmehr geht es um das ehrliche – innere Eingeständnis, dass jeder Einzelne ein Befangener und ein Gefangener seiner selbst bzw. seines kleinlichen menschlichen Selbstverständnisses ist.

Mit „hassen“ meint Christus, dass man sich diesen bedauerlichen Zustand vor Augen halte, dass man sich des Dilemmas menschlicher Abhängigkeiten schonungslos bewusst werde und dass man angesichts dieser Tatsache innerlich betroffen und angerührt sei. Nur echte Betroffenheit schafft die notwendige Tugend der Demut in uns.

In dem geforderten Selbsthass liegt aber auch das Eingeständnis, dass man aus eigener Kraft nicht in der Lage ist, konsequent nach wahrer, geistiger Verwandtschaft zu suchen. Denn diese Art von Hass beinhaltet den sehnlichen Wunsch, von allen vordergründigen Abhängigkeiten frei zu werden.

Letztlich ist dieser Gedanke der Kern des ganzen Erlösungsmysteriums, und er kehrt wieder in der Vergebungsbitte des “Vaterunsers”.

„und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ 

Das ehrliche und aufrichtige Eingeständnis der eigenen Befangenheit und der innere Wunsch nach Ungebundenheit und Freiheit -jenseits menschlicher Konventionen- sind die Grundlage für eine tief greifende innere Wandlung des Menschen. Die viel gerühmte äußerliche Wandlung entzieht sich – in Wahrheit – jeder menschlichen Beurteilung. Denn jede authentisch äußere Wandlung ist eine Frage individueller Reife und wird das unweigerliche Produkt einer aufrichtig inneren Auseinandersetzung sein.

“Nehmt einen guten Baum, so wird auch seine Frucht gut sein”
Matthäus 12,33

Äußere Wandlung vollzieht sich ohne unser Zutun. Nicht wir sind es, die wir uns willentlich verwandeln, sondern wir werden verwandelt werden, dort wo wir die Geisteshaltung Jesu annehmen.

Es geht hier überhaupt  nicht darum, dass wir unser menschliches Dilemma durch einen einmaligen Akt der Umkehr ein für alle Mal abstellen oder endgültig beenden könnten, sondern, uns der eigenen misslichen Lage immer und immer wieder bewusst zu werden – sie täglich zu tragen und zu ertragen. Daher auch der Nachsatz Jesu: “Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.” Jesus fordert also (entgegen manch dogmatischer Darstellung) dazu auf, dass man gerade das Unangenehme und das Unselige berühren, anfassen, auf sich nehmen muss, um ihm wirklich “nahe” zu sein.

Das Kreuz steht insofern als ein Sinnbild für alle peinlichen Hindernisse, durch die wir uns täglich unserer eigenen Schwerfälligkeit und Ohnmacht bewusst werden. Tragen und Nachfolgen meint das schonungslose Eingeständnis und die innere Bereitschaft, die äußerst unangenehme Bürde der Befangenheit und Peinlichkeit dieses Menschseins auf sich selbst zu beziehen und diese bereitwillig auf sich zu nehmen.

Dieser Gedanke Jesu ist in der Tat beispiellos und essentiell zugleich:

Wer die eigene Schuld in vollem Bewusstsein und mit innerem Bedauern trägt, wird dadurch in die Lage versetzt, sich von sich selbst zu distanzieren. Wer sich von seiner Schattenseite distanziert, indem er sich diese täglich mit innerem Bedauern eingesteht (was im ersten Moment als ein Widerspruch erscheint) und deshalb seinem Nächsten gegenüber großzügig handelt, wird eben durch diese Geisteshaltung frei von Schuld.

Insofern liegt in jeder Großzügigkeit gegenüber unserem Nächsten die Großzügigkeit des Lebens bzw. die Barmherzigkeit Gottes gegen uns selbst begründet. Daraus folgt: Wollen wir, dass das Leben uns gnädig begegnet, so müssen wir anfangen, selbst Gnade zu üben.  Hierin liegt das Geheimnis des göttlichen Privilegs und des Auserwähltseins. In der Annahme dieser Geisteshaltung werden wir zu Söhnen und Töchtern  des Geistes (Gottes), werden wir erst zu wirklichen Geschöpfen unseres menschlichen Daseins.

Aus dem schonungslosen Eingeständnis der eigenen Befangenheit und Unvollkommenheit (äußerlich und innerlich) und aus der Erkenntnis unseres menschlichen Unvermögens resultiert aber auch, dass vordergründige Festlegung oder minutiöse Planung unseres Lebens fragwürdig werden. Sind wir ehrlich zu uns selbst, so vermögen wir nicht das Geringste! So werden wir paradoxerweise im Eingeständnis unserer Unfreiheit und Ohnmacht mächtig und frei.

Im anschließenden Gleichnis vom Turmbau zeigt Jesus auf, welch ungeheure Konsequenz in dem Gedanken liegt, dass jede vordergründig- menschliche Festlegung, jede menschliche Sicherheit, jedes menschliche Wollen und Planen im Grunde genommen nichts weiter ist als eine Trotzgebärde gegen die herrschende Wirklichkeit,  eine kleinliche menschliche Illusion, die in ihrem Streben nach äußerer Perfektion die inneren Belange  unterdrückt. Doch wenn das Innere Unterdrückung erfährt, wie sollte das Äußerliche dann erhalten werden?

Krieg und Frieden

Aus Angst vor den Unwägbarkeiten des Daseins, meinen wir das Leben (be)zwingen zu müssen. Doch führen wir damit einen Krieg gegen einen Gegner, der uns immer überlegen sein wird.

Welcher König will sich auf einen Krieg einlassen gegen einen andern König und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob er mit Zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit Zwanzigtausend? Wenn nicht, so schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden. So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.  Lukas 14,31-33

Jesus sah seine Mission vor allem darin, dass der Mensch ein neues, freundschaftliches Verhältnis zu seinem Leben finden könnte, doch dazu muss er sich von allem vermeintlich Sicheren distanzieren. Der christliche Erlösungsgedanke besteht darin, dass der Mensch in einem neuen Bewusstsein den erbitterten und aussichtslosen Kampf gegen das „ungerechte“ Leben nicht mehr zu kämpfen braucht. Denn dort wo wir uns nicht in der Lage sehen, auch in den Unannehmlichkeiten des Lebens Sinn und Bedeutung zu finden, wo wir uns also entschieden abwenden von den Schattenseiten unseres Daseins, wo wir das Unliebsame nicht sehen wollen, leben wir nicht im Einklang mit unserem Dasein.
Indem wir nur einen bestimmten Teil unseres Lebens akzeptieren und den anderen für unbrauchbar erklären, liegen wir im Krieg mit dem entscheidenden Bereich unseres Daseins, und es bleibt nur abzuwarten, wann der Zeitpunkt erreicht ist und das Leben mit allem verdrängten Leid anklopft und über uns hereinbricht.
Jesus hält uns hier eine ungewohnte Realität vor Augen und hinterfragt in diesem Gleichnis jenes Realitätsverständnis, das wir im Laufe unseres Lebens irgendwann einmal übernommen haben. So geht es ihm darum, den Krieg gegen das eigene Leben wieder ins menschliche Bewusstsein zu rufen. Rat halten, bedeutet hier abwägen, das heißt, man soll sich selbst ehrlich befragen, ob man sich tatsächlich gegen alle Unannehmlichkeiten – die das Leben uns entgegenhält – absichern oder sie wirkungsvoll ausschließen kann. Wenn wir uns diese Frage stellen, können wir sie letztlich nur mit „Nein“ beantworten. Das Leben ist uns übermächtig; es behält in seiner scheinbaren Teilnahmslosigkeit die Oberhand. Gerade dann, wenn man meint, man hätte alle Dinge für sich geregelt, wirft uns igendetwas plötzlich und unerwartet zurück. Gegen diese Übermacht antreten, heißt, seine Chancen in diesem Kampf nicht realistisch abgeschätzt zu haben. Sieht man solche Übermacht auf sich zukommen, bleibt im Grunde genommen gar keine andere Wahl, als den Kontakt mit dem Gegner zu suchen und um Frieden zu bitten. Tut man das, so wird man nun seine ganze Kraft darauf verwenden, mit dem vermeintlichen Feind Frieden zu schließen.
Konsequent ist daher auch hier der Nachsatz Jesu:  “So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.” (Lukas 14, 33) Damit gibt er zu bedenken, dass uns die Bürde des Menschseins durch Vordergründiges und Kurzlebiges nicht genommen werden kann. Der einzig gangbare Weg kann nur in einer Akzeptanz der ganzen Wahrheit liegen – also nicht im Ausweichen und durch Flucht in eine konstruierte Wirklichkeit. Erst auf Basis dieses Bewusstseins und Eingeständnisses gelingt uns das Annehmen aller Unannehmlichkeiten wie:  Schwäche, Unvermögen, Verlust, Krankheit, Verrat, Ungerechtigkeit und Tod.

Nun geht es darum, nichts, aber auch absolut gar nichts, auszuklammern, sondern alles „Schwere“ in das Denken und Handeln mit einzubeziehen. Exakt in dem Moment, in dem wir beginnen, nach Sinn und Bedeutung der Lebenssituationen zu suchen, die uns so sehr widerstreben, stehen wir in einer fruchtbaren Verhandlung mit dem vermeintlichen Gegner. Dieses Vertrauen in den bisherigen Feind führt dazu, dass uns das Leben in völlig neuer und freundschaftlicher Weise begegnen wird. Allem Unschönen, Peinlichem und allem Leid entgegenzugehen, um Frieden darin und damit zu finden, heißt im Grunde ja nichts anderes, als Selbsterkenntnis zu üben, da diese Dinge mit niemand anderem als mit uns selbst zu tun haben.

Das Gleichnis vom Turmbau

Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen, – damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann’s nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten, und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann’s nicht ausführen?    Lukas 14, 28-30

Ausdruck des Lebens ist das Streben nach “oben”. Im Streben nach oben versuchen wir uns “Freiräume” zu verschaffen, in denen uns nichts “Niedriges” mehr berühren kann. Mit dem Gleichnis vom Turmbau, drückt Jesus das menschliche Verlangen nach Erhabenheit aus, den Wunsch, sich über die beschwerlichen und feindlichen Seiten dieses Daseins zu erheben.

Einen Turm bauen wollen, bedeutet im Sinne des Gleichnisses, die Dinge von einer höheren Warte aus – die Welt mit Distanz betrachten zu wollen. Damit steht der Turm als ein Gleichnis für Erhabenheit, für den Wunsch nach Ruhe, Sicherheit, Unerreichbarkeit und Unberührbarkeit. So ist jeder auf seine eigene Weise bemüht, sich einen Ort zu schaffen, an dem ihm das Leid dieser Welt nichts mehr anhaben kann.

So symbolisiert der Turmbau unser Streben nach Individualität und Erhabenheit, aber auch nach Entzug und Rückzug. Der Wunsch nach Erhabenheit ist nichts Schlechtes an sich, er wird jedoch auf ganz unterschiedliche Weise umgesetzt: Aus rein menschlicher und vordergründiger Sicht läuft es meist darauf hinaus, sich den Status des “Turmes” durch Äußerlichkeiten zu verschaffen – beispielsweise durch Familienbande, durch Beziehungen, durch Geld, durch Besitz, durch den gesunden oder den schönen Körper, durch materielle Absicherung, durch persönlichen Erfolg, durch gesellschaftliche Anerkennung, durch Machtausübung, durch Unterdrückung anderer, aber auch durch Drogenkonsum und durch Todessehnsucht.

Wie auch immer, man möchte unerreichbar und unberührbar sein gegenüber dem Leid der Welt, möchte in „Sicherheit“ leben und über das Unkalkulierbare herrschen.  Im Gleichnis vom Turmbau gibt Jesus zu bedenken, dass alle Versuche, das Unkalkulierbare und Unangenehme abzuwenden, immer unzureichend sein werden, solange sie auf irgendwelche Äußerlichkeiten d. h. solange sie auf Vordergründigem basieren, denn alles Äußerliche – wie es auch heißen mag – unterliegt der Schwächung, dem Verfall, und in allem Hiesigen liegt bereits der Niedergang. Das Unkalkulierbare jedoch ist das Unabwendbare. Es ist Leid, Tod, Niederlage, Schmach, Verrat und Verlust. Diese Dinge nicht in seine Lebensplanung einzukalkulieren, bedeutet, sich zu verkalkulieren.

Wandlung

Wo sich das Flüchtige
bewußt verliert,
kann das Wesen
erwachen.

Tote, zerquetschte Trauben
werden zu Wein.
Ohne Zutun – ohne zu tun.

Wein ist Wandlung
vom Fleisch – zum Geist.

Werdet Getötete
werdet Gärende
werdet Geist

Elmar Vogel / 2004

Essenzen – Die Botschaft Jesu

Eine tröstliche Botschaft

Das Buch bietet eine neue und hochaktuelle Interpretation der Bergpredigt. Eine tröstliche Botschaft für die Verzweifelten, Traurigen und Entmutigten dieser Zeit – für all jene, die keinen Ausweg wissen in einer Welt höchster Fragwürdigkeit. Aber auch für jene, die auf der Suche nach Antworten sind nach dem Sinn und Zweck des menschlichen Daseins, nach der Bedeutung menschlicher Schwäche, Krankheit, und Willkür. Ihnen ist dieses Buch gewidmet.

Metanoia = Ändert euren Sinn!
Jesu tröstliche Botschaft von der Änderung unserer Sichtweise.

Den beschwerlichen und leidvollen Seiten des menschlichen Dasein setzt Jesus in seiner Bergpredigt die geistige Überwindung von Unrecht, Leid und Tod durch Annahme seiner neuen, universellen Geisteshaltung entgegen und eben darin liegt das Tröstliche Element seiner Botschaft . Dabei beruht der Trost, den diese Lehre geben kann, auf einer Sinnesänderung – auf einer neuen Betrachtung und Bewertung unseres Daseins und all dessen, was uns in diesem Leben begegnen oder widerfahren mag. Durch diese neue, vertrauensvolle und zuversichtliche Betrachtungsweise werden wir eins mit dem Urheber aller Wirklichkeit – werden wir eins mit Gott. In dieser Einheit mit Gott liegt das Privileg unseres Daseins.

Eine Botschaft frei von engstirniger Dogmatik

Buchtitel Essenzen - Die Botschaft Jesu
Link zum E-book

Undogmatisch, konfessionsunabhängig und leicht verständlich, eröffnen die Texte dem Leser eine ungewohnte und hochaktuelle Sicht auf die christlichen Grundaussagen. Während konservative christliche Gemeinschaften über verbindliche Regelwerke debattieren: Abtreibung, Rolle der Frau, Verhütung, Homosexualität, etc., verweise ich hier auf das ursprüngliche Anliegen der Bergpredigt nämlich den Akt aufrichtiger Selbsterkenntnis und Selbsteinsicht. In diesem Kontext fokussiere ich das scheinbar vergessene, jedoch zentrale Fazit Jesu: Angesichts eigener Unvollkommenheit vom Verurteilen anderer frei zu werden um so wieder zurückzufinden, zu einer toleranten und vorurteilsfreien Begegnungskultur.

Gemeinsamkeiten würdigen

Wundern Sie sich nicht, dass in diesem Buch auch Naturwissenschaftler, Künstler und andere Religionen zu Wort kommen. Dabei soll die Bedeutung der Bergpredigt nicht geschmälert werden. Vielmehr möchte ich verdeutlichen, dass die Aussagen Jesu universell sind und insofern den außerbiblischen Vergleich nicht zu scheuen brauchen. Letztlich vereint dieses Buch Weisheiten aus unterschiedlichen Kulturkreisen zu einem großen, allumfassenden Gedanken.

Tun oder Sein?

Handlungen können von außen nicht abschließend bewertet werden, denn es ist immer die persönliche innere Haltung, die die Qualität menschlichen Tun und Handelns ausmacht. In diesem Sinne ist dieses Buch vor allem ein Plädoyer für die menschliche Unvollkommenheit und ein Ruf nach weniger Schein und mehr Sein. In diesem Zusammenhang findet sich beispielsweise das Postulat der jüdisch-französischen Mystikerin Simone Weil:

„Das Handeln ist der Zeiger der Waage. Man soll nicht an den Zeiger rühren, sondern die Gewichte verändern“. Simone Weil

Dieser Aspekt ist eigentlich gar nicht neu, und doch scheint es, als sei er in den christlichen Traditionen irgendwie in Vergessenheit geraten. Immerhin wiesen schon der christliche Mystiker Meister Eckhart und auch Martin Luther diesen Gedanken als urchristlich aus. Eine Irrlehre, wie die damalige Amtskirche befand, und beide Theologen dafür offiziell abstrafte.

E-book Ausgabe beim Kamphausen Verlag erhältlich.

Die Hardcoverausgabe 360 Seiten ist derzeit nur beim Autor erhältlich. Leseproben (60 Seiten) zum kostenfreien Herunterladen unter: Leseprobe.