Kategorie: Theologie

  • Schuld  und Vergebung

    Schuld und Vergebung

    Tatsächlich kultivieren fast alle gesellschaftlichen Systeme den Narrativ von Schuld und Strafe – also das Schuldigwerden und die Sanktionierung von Schuld. Kein Mittel scheint geeigneter, um Menschen willfährig und abhängig zu machen, oder sie einfach zur Kasse zu bitten.

    Der schuldige Untertan

    Künstliche Schuldkonstrukte waren von jeher ein Mittel, um bestimmte Gruppen zu stigmatisieren, auszugrenzen oder schlicht zu Sündenböcken zu erklären. Letztlich geht es bei dieser Praxis immer darum, weltliche Machtstrukturen zu etablieren, sie zu festigen und zu erweitern.
    Um die Unterschiede und die Unvereinbarkeit einer künstlich geschaffenen Schuld gegenüber dem Schuld- und Sühneverständnis Jesu zu verdeutlichen, möchte ich im Folgenden die spezifischen Inhalte seiner Botschaft näher betrachten.

    Das Verhältnis von Schuld und Macht

    Wer die neutestamentlichen Reden Jesu über Schuld und Sühne liest wird unschwer feststellen, dass es diesem Lehrmeister nicht um die Errichtung einer Gesellschaftsordnung und damit verbundener Machtansprüche ging. Tatsächlich kehrt Jesus jedes menschliche Hierarchiedenken komplett um, wenn er lehrt, dass derjenige in der geistigen Hierarchie am höchsten steht, der sich als ein Diener seines Mitmenschen versteht. Diesen Grundsatz äußerte er klar und unmissverständlich:

    Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so soll es bei euch nicht sein; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

    Markus 10, 43-45

    Der Dienst, den Jesus den Menschen selbst erweist, klingt im letzten Satz seiner Rede bereits an. Dieser Dienst besteht – im weiteren Kontext – in einer konkreten geistigen Hilfe, durch die wir die Bedeutung der beschwerlichen und leidvollen Seiten unseres Daseins erkennen und verstehen lernen, um unser Leben in einer neuen, vertrauensvollen Betrachtungsweise zu meistern, wodurch das Böse überwunden wird.

    Überwindung bedeutet im Sinne Jesu, dass das, was wir bisher für sinnlos gehalten haben, einen individuellen Sinn erfährt.

    Will man daher von einem Machtanspruch Jesu reden, so muss man auf dieser gedanklichen Ebene noch einen Schritt weitergehen. Allmacht ist in den Augen Jesu ein Potential, das in der völligen Ohnmacht des Menschen begründet liegt. Das mag paradox klingen, doch folgen wir der Definition Jesu, dann liegt tatsächlich in der Ohnmacht des Menschen die Allmacht Gottes verborgen. Also dort, wo die Macht des Menschen aufhört, eben dort beginnt die Macht Gottes.  Um diese Kernaussage seiner Lehre zu verdeutlichen und diesen Gedanken weiter zu vertiefen, möchte ich ein eindrückliches Zitat aus dem Johannesevangelium anführen. Wahrscheinlich handelt es sich bei dieser Äußerung Jesu um eine Erklärung, die er angesichts seiner bevorstehenden Verhaftung äußerte.

    Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand nimmt es gegen meinen Willen, sondern ich gebe es freiwillig hin. Ich habe die Macht, es hinzugeben, und ich habe die Macht, es wieder zu nehmen. Das ist das Gesetz, das ich von meinem Vater empfangen habe.

    Johannes. 10, 18

    Soviel wird hier deutlich; da will einer nichts für sich und daher ist seine Definition von Macht auch nicht mit weltlichen Machtansprüchen vergleichbar und sie sind insofern auch nicht korrumpierbar.

    Schuld – Chance zur Selbsterkenntnis

    Eine Begebenheit, die uns die Unvereinbarkeit von weltlichem und christlichem Schuldverständnis verdeutlicht, schildert uns der Bericht von Jesus und jener Ehebrecherin, die öffentlich gesteinigt werden soll.

    Um die Brisanz der Situation zu verstehen, in die Jesus da hineingeraten ist, muss man wissen, dass es den jüdischen Behörden zur Zeit Jesu untersagt war, selbstständig Todesurteile zu verhängen. Die Gerichtsbarkeit lag in solchen Fällen bei den römischen Behörden.

    Frühmorgens aber kam Jesus wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Rabbi, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu?  Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.  Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.  Als sie das hörten, gingen sie hinaus, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.  Da richtete Jesus sich auf und sprach zu ihr: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

    Johannes 8, 3-11

    In dieser, für die Ankläger völlig unerwarteten, Reaktion Jesu auf die provozierende und hinterlistige Frage, wie denn die angezeigte Schuld nun rechtmäßig zu bestrafen sei, wird die christliche Haltung bezüglich menschlicher Schuld und Sühne exemplarisch deutlich. Denn in der Antwort, die Jesus gibt, löst er die Gruppe der Ankläger auf, indem er jeden Einzelnen auf sich selbst zurückwirft – indem er ihn ganz persönlich mit dessen eigener menschlicher Unvollkommenheit konfrontiert. Diese Haltung ist bezeichnend und grundlegend für die Botschaft Jesu und tatsächlich ruht die gesamte christliche Lehre auf dieser gedanklichen Basis. Immer gründet sie sich auf der Frage nach dem Sinn und der Bedeutung des menschlichen Daseins mit seinen Schwächen und Unzulänglichkeiten: Scheitern, Schwäche, Krankheit, Irrtum, Täuschung, Ungerechtigkeit, Leid oder Tod – explizit diese Bereiche des Menschseins stehen im Fokus der Theologie Jesu.

    Man könnte jetzt noch weitere ähnliche Aussagen Jesu anführen. Ich beschränke mich auf den folgenden Text der ebenso exemplarisch für die Lösung der Schuldfrage steht:

    Richtet niemanden, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr selbst gerichtet werden und nach dem Maß, mit dem ihr messt, werdet ihr gemessen werden. Warum starrst du auf den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken! Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!

    Matthäus 7, 1-5

    In diesem Gleichnis erfahren wir einen weiteren elementaren Grundgedanken der Lehre Jesu, nämlich die Ursächlichkeit von Schuld. Aus der Sicht Jesu liegt die Ursache unserer Schuld nicht nur in einem Unrecht, das wir vorsätzlich begangen haben, sondern auch dort, wo wir einen Makel unseres Mitmenschen aufzeigen, um diesen durch einen Eingriff korrigieren zu wollen.

    Immer müssen wir bedenken, dass jede Korrektur, die wir an unserem Mitmenschen vornehmen wollen, vor dem Hintergrund unserer eigenen menschlichen Fehlbarkeit bestehen können muss.

    Tut sie das nicht, so handeln wir unrecht, weil wir uns der Heuchelei also der Unaufrichtigkeit, der Befangenheit und damit der Amtsanmaßung schuldig machen. Die Aufforderung Jesu, zuerst den Balken aus dem eigenen Auge zu ziehen, zeigt die fast unmögliche Aufgabe schonungslos geübter Selbstkritik. Nur derjenige, der sich in solcher Selbstkritik übt, der sich die eigene Schwäche und Befangenheit stets vor Augen hält, ist authentisch, und nur der authentische Mensch ist fähig, angemessen Kritik zu üben. Und noch etwas: Werden wir durch freiwillige Einsicht in uns selbst frei von Verurteilung anderer, so existiert keine Grundlage mehr, die uns schuldig sprechen kann. Dies ist eine Folgerichtigkeit, die sich aus der christlichen Vergebungstheologie ergibt.

    In dem Gebet, das Jesus lehrte vermittelt er diese Ursächlichkeit und Folgerichtigkeit von Schuld und Vergebung :

    Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben denen, die sich an uns schuldig gemacht haben.

    Matthäus 6, 9

    Damit zeigt Jesus die einzige Möglichkeit auf, durch die Schuld objektiv vergeben werden kann, und zwar durch subjektiv geübte Vergebung desjenigen, dem ein Unrecht widerfahren ist, gegenüber demjenigen, der es an ihm begangen hat.

    Der objektive Wille – also Gott – liegt somit in der subjektiven Vergebungsbereitschaft des Menschen begründet.

    Aber noch etwas Grundlegendes wird hier deutlich: Jede Vergebung, die wir in dieser Überzeugung üben, ist gleichbedeutend mit der Vergebung, die wir durch Gott erfahren. Ja mehr noch; Gottes Vergebung ist vollkommen abhängig von der Vergebung, die wir selbst bereit sind zu üben. Mit anderen Worten: Vergeben wir nicht, so kann auch Gott nicht vergeben.
    Vergeben wir im Sinne Jesu, so muss Gott vergeben – er kann nicht anders.

    An keinem Ort der Welt – als allein in uns selbst – findet sich jene Instanz, die eine objektive Vergebung bewirkt.

    Schuld macht Sinn

    Aber warum sollte ein Unrecht überhaupt vergeben werden? Mit der Beantwortung dieser Frage kommen wir zum Sinn und zur Bedeutung der menschlichen Schuld . Alle Formen von menschlicher Schwäche, Irrtum und Schuld sind der Botschaft Jesu nach, nicht etwa entbehrlich oder überflüssig – ganz im Gegenteil, sie sind unabdingbare und notwendige Begleiter unseres menschlichen Daseins, denn ohne Schuld keine Vergebung, ohne Vergebung keine Gnade und insofern auch keine Barmherzigkeit. Jesus fasst diesen Gedanken in folgendem Kernsatz zusammen.

    Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen zu rufen die Sünder zur Buße, und nicht die Gerechten.

    Lukas 5, 31-32

    Unsere menschliche Schwäche und das Eingeständnis der eigenen Unvollkommenheit sind die Grundlage und die Voraussetzung für unsere Heilung und Erlösung, ja mehr noch, sie sind unabdingbar notwendig, um über unseren temporären und mangelhaften Zustand hinauszugelangen, um diese Welt zu transzendieren. Insofern ist jede Form von menschlichem Versagen, Schwäche und Schuld unser größtes Potential überhaupt, sofern wir es im Sinne Jesu auffassen und annehmen.

    Während in weltlichen Gesellschaftssystemen, Schwäche und Schuld als ein Instrument zur Demütigung oder Unterdrückung der Menschen dient, verhält es sich in der Botschaft Jesu – in der geistigen Sphäre – anders. 

    Je mehr der Mensch sich in seiner Schwäche selbst erkennt, desto mehr Wahrhaftigkeit kann er daraus gewinnen.

    Ein heute geläufigeres Wort für Wahrhaftigkeit ist Authentizität. Soviel Authentizität wir erlangen, so viel Göttlichkeit haftet uns an. Und in diesem Sinne lehrt Jesus:

    Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.

    Matthäus 5, 8

    Auch dieser Lehrsatz wurde und wird immer wieder dahingehend missdeutet, dass ein guter Christ frei sein müsse von „unreinen“ Gedanken. Doch das ist zu kurz gegriffen, der Mensch soll die Unreinheit seiner Gedanken genau betrachten. Reinheit des Herzens ist ein Sinnbild dafür, dass wir uns in unserem Innersten (Herzen) genau so sehen, wie wir in Wahrheit sind: überheblich, unvollkommen, schwach, irrend, zweifelnd, fehlbar und sterblich. Die ungeschminkte und reine Einsicht in uns selbst ist jene Schau Gottes in unserem Herzen. Denn sehen wir uns so, wie wir in Wahrheit sind, so sehen wir nichts anderes als die Wahrheit, die wiederum Gott selbst ist. Und nur diese innere Einsicht kann uns nun dazu befähigen, die Schwäche und Unvollkommenheit unseres Mitmenschen zu verstehen und diese zu vergeben. Hierin liegt übrigens die einzig sinnvolle und geistvolle Konsequenz, die wir aus unserer menschlichen Schwäche überhaupt ziehen können, nämlich Angesichts eigener Unvollkommenheit, die Unvollkommenheit unserer Mitmenschen zu verzeihen. Auf diese Weise kann das Kranke, das Falsche, das Schwache und das Sterbliche eine neue Bedeutung erfahren, wodurch allein es grundlegend überwunden wird.

    Hat unsere menschliche Unvollkommenheit und Schwäche auf diese Weise eine Notwendigkeit und eine grundlegende Bedeutung erfahren, so kann uns nichts mehr anklagen. Daher beinhaltet der christliche Vergebungsgedanke das Ende jeglicher Anklage und Verurteilung.  Zur Vertiefung dieses Gedankens eine weitere Darlegung Jesu:

    Da kam Petrus auf ihn zu und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Darum gleicht das Himmelreich einem König, der mit seinen Knechten abrechnen woll­te. Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig. Da er’s nun nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und seine Kin­der und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen. Da fiel ihm der Knecht zu Füßen und flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s alles bezahlen. Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei, und die Schuld erließ er ihm auch. Da ging dieser Knecht hinaus und traf einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Silbergroschen schuldig; und er packte und würgte ihn und sprach: Bezahle, was du mir schuldig bist! Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s bezahlen. Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war. Als aber seine Mitknechte das sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten bei ihrem Herrn alles vor, was sich begeben hatte. Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast; hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? Und sein Herr wurde zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war. So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder.

    Matthäus 18,21-35

    Der schachernde Gott

    Hinsichtlich der Ursächlichkeit von Schuld und Vergebung trifft man in manchen christlichen Kreisen auch immer wieder den Gedanken des sogenannten Sühneopfers an. Dabei wird der Kreuzestod Jesu als eine Art Automatismus oder als ein Handel mit Gott verstanden, wodurch sein Zorn besänftigt wurde und nun jeder Mensch, der an diesen Handel glaubt, auf wundersame Weise erlöst sei. Oft wird ein Gottesbild gezeichnet, das nach einem grausamen Opfer des eigenen Sohnes verlangte, wodurch dieser Gott schließlich besänftigt werden konnte.
    Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Dieses Narrativ an sich ist nicht grundlegend falsch, wohl aber ist es die verkürzte Darstellung. Tatsächlich ist der Erlösungsgedanke in der Lehre Jesu kein undurchsichtiges Mysterium, sondern er beruht auf einer geistigen Folgerichtigkeit und diese Folgerichtigkeit, besteht auf Grundlage einer bestimmten gedanklichen Konsequenz.

    Die Überwindung der Schuld

    Anknüpfend an die Bedeutung der beschwerlichen, peinlichen und leidvollen Seiten unseres menschlichen Daseins, wie ich sie oben bereits ausgeführt habe, ergibt sich als gedankliche Konsequenz, dass ausnahmslos allen Erscheinungen in unserem Dasein eine Bedeutung innewohnt – ein tiefer Sinn, der von uns gesucht und gefunden werden will, wie es Jesus mehrfach postuliert:

    Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

    Lukas 11, 9-10

    Würden wir ausschließlich den positiven, förderlichen und angenehmen Seiten unseres Daseins eine Bedeutung beimessen und alles andere verwerfen, so handelten wir auch hier wieder aus menschlicher Befangenheit heraus. Denn blicken wir zeitlich zurück, so waren es oft gerade die beschwerlichen und schicksalhaften Geschehnisse, die uns viel grundlegender geformt und geprägt haben als die oberflächlichen und leichten.


    Ein Mensch, der die Geisteshaltung Jesu annimmt, wird ein universeller und neuer Mensch sein, einer der nichts verwirft, was ihm begegnet – ferner ein Geschöpf, das aus der Gewissheit lebt, dass ihm nichts Bedeutungsloses widerfährt, dass ihm in allen Dingen niemand anderer begegnet als Gott selbst. Und dies insbesondere in den schicksalhaften, leidvollen und beschwerlichen Geschehnissen. Auf dieser inneren Einsicht beruht sowohl der Vergebungs- als auch der Erlösungsgedanke der Botschaft Jesu.

    Werfen wir noch einmal einen Blick auf zwei elementare Aussagen, die den Erlösungsgedanken Jesu thematisieren. Angesichts seiner bevorstehenden Hinrichtung äußert sich Jesus mehrfach in dieser und ähnlicher Weise:

    … und wer da will der Vornehmste sein, der sei euer Knecht, gleichwie des Menschen Sohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“  

    Matthäus 20, 27-28


     … das ist mein Blut des neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.

    Matthäus 26, 28

    Im ersten Moment scheinen diese Aussagen wenig schlüssig. Wie kann das Leid oder das vergossene Blut eines Einzelnen bei anderen Menschen irgend etwas Positives bewirken? Wie kann es den Menschen Vergebung oder gar Erlösung bringen?  Betrachtet man jedoch diese Aussagen auf Basis der oben ausgeführten Gedanken so ergibt sich folgende, ungeheure gedankliche Konsequenz: Jesus sah sich in der Lage in allen Geschehnissen, die ihm begegneten eine Bedeutung zu finden. Nicht nur seine Anhänger und Freunde waren ihm lieb und teuer, sondern eben auch seine Feinde. Nicht nur das Gute, das man ihm tat, war für ihn bedeutungsvoll, sondern auch das Böse, das die Menschen an ihm verübten. Daher auch seine kompromisslose Aufforderung zur Feindesliebe:

    „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr nur liebt, die auch euch lieben, welchen Lohn erwartet ihr dafür? Tun nicht dasselbe auch die Steuereintreiber? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Gottlosen? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist. Matthäus 5, 43-48

    Die vollkommene Liebe schließt niemanden und nichts aus, und in der Annahme aller Geschehnisse, auch jener leidvollen, die unsere Feinde über uns verhängen mögen, wirkt Gott, jedoch nur in demjenigen, der bereit ist, diesen Gedanken zu fassen. Diese Wirkung universeller Liebe ist wechselseitig. Was heißt das? Sehen wir uns in der Lage auch in den unschönen, beschwerlichen und leidvollen Geschehnissen eine Bedeutung zu finden, so tragen wir – eben durch diese Zuversicht – Sinn und Bedeutung in solche Geschehnisse hinein. Mit anderen Worten, wir selbst sind es, die wir in der Geisteshaltung Jesu Sinn ins Sinnlose tragen. Denn keine Frage: Nüchtern betrachtet, war die Hinrichtung Jesu ein sinnloser, barbarischer und menschenverachtender Akt. Für Jesus selbst hingegen, der an die Bedeutung seines schicksalhaften Scheiterns am Kreuz glaubte, war es der Sinn und Zweck seiner Mission. Allein seine veränderte Betrachtungsweise – den leidvollen und beschwerlichen Geschehnissen gegenüber – änderte für ihn das Geschehen am Kreuz, und in dieser geistigen Haltung wollte und will er ein Beispiel und Vorbild für alle Menschen sein. Doch worin liegt nun der Unterschied? Ein Leid, dessen Sinn und Bedeutung wir erkennen und einsehen, wird dadurch tragbar. Aber mehr noch, jedes Leid, das wir im Vertrauen auf seine Sinnhaftigkeit auf uns nehmen, das nimmt eben dadurch erst neuen Sinn an, und indem es neuen Sinn annimmt nimmt es Gott an, und indem es Gott annimmt, nimmt sich Gott selbst des Leid’s an.
    Nimmt sich aber Gott des menschlichen Leid’s an, so kann es überwunden werden. Mit anderen Worten, tragen wir unser Leid – wie Jesus – in der Gewissheit seiner Bedeutung, so trägt es Gott selbst, da Gott die Bedeutung selbst ist.  Trägt aber Gott unser Leid, so muss es überwunden werden, da in Gott kein Leid bleiben kann. Durch unerschütterliches Vertrauen in den Sinn des vermeintlich Sinnlosen überwindet der Geist das Geistlose, überwindet der Sinn das bis dahin Sinnlose. Eine andere Möglichkeit zur Überwindung des Sinnlosen existiert nicht, daher sagte Jesus:

    „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Johannes 14,6

    Durch mich, heißt hier, durch meine Geisteshaltung. Durch seine Geisteshaltung am Kreuz zeigte Jesus der Welt den einzig möglichen Weg, wie Böses gut, Ungerechtes gerecht, Sinnloses sinnvoll und Totes wieder lebendig werden kann. Das Geheimnis des Glaubens besteht in einer Wechselwirkung, die wir allein durch unsere geänderte geistige Haltung bewirken: Sehen wir uns angesichts des Bösen in der Lage, die Geisteshaltung Jesu anzunehmen, so übt sie auch Gott an uns: Vergeben wir, so vergibt Gott, lieben wir, so liebt Gott. Das Eine ist Inbegriff des anderen. Tatsächlich können wir diese Kausalität auch umkehren: Weil Gott uns bereits vergeben hat, sollen auch wir vergeben. Weil er durch seine Liebe alles erlöst hat, sollen auch wir durch unsere Liebe alles erlösen, denn erlösen bedeutet, innerlich frei zu werden von aller äußeren Anhaftung.

    Der Missbrauch des Schuldkomplexes

    Ganz anders verhält es sich dagegen bei weltlich auferlegter Schuld, sie kann nur durch entsprechende Sanktionierung oder Strafe getilgt werden.
    Während der christliche Geist uns zur Einsicht in die eigenen menschlichen Schwächen aufruft, mit dem Ziel, dass wir dadurch bewegt werden, Schuld ohne Gegenleistung zu tilgen, geht es bei weltlichen Schuldrechnungen um ein ständig neues Erschaffen von Schuld mit dem Ziel, Abhängigkeiten zu erzeugen. Diese Form der Schulderzeugung ist willkürlich, ihre perfideste Form ist jene, die Menschen allein durch ihre Geburt und Existenz, also ohne ein Verbrechen begangen zu haben, zu Schuldigen macht. Wer hier das eine vom anderen nicht unterscheiden kann, steht diesem Schuldvorwurf hilflos gegenüber, da sich Schuld hier nicht mehr auf ein Verhalten sondern auf die Existenz bezieht. Das Mittel zur Sühne halten jene parat, die diese künstliche Schuld erdachten: Die Veränderung der Existenz gegen den Willen. Die Welt bedient sich von jeher des Werkzeugs der Schuld, um Abhängigkeiten, Hierarchien und Machtgefälle zu erzeugen oder um bestimmten Gruppen die Existenzberechtigung abzusprechen, indem man sie zur Bedrohung oder zur öffentlichen Gefahr erklärt. Das christliche Schuldverständnis hingegen dient dem konsequenten und grundlegenden Freiwerden von Schuld. Es ist frei vom Gedanken der Gegenleistung, der Vergeltung oder der Verurteilung.

    Ich schließe mit einem Wort des Apostels Paulus, in dem er die positive Bedeutung aller Geschehnisse wie folgt zusammenfasst:

    Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Willen berufen sind. /… / daß sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohnes, auf daß derselbe (Christus) der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Römer 8, 28-29

  • Die Heilung durch den Geist

    Die Heilung durch den Geist

    Über den Wert und die Bedeutung der Heilhandlungen Jesu

    „Die wissenschaftliche Medizin betrachtet den Kranken und seine Krankheit als Objekt und weist ihm beinahe verächtlich die Rolle absoluter Passivität zu; er hat nichts zu fragen und nichts zu sagen, nichts zu tun, als den Anordnungen des Arztes gehorsam und sogar gedankenlos zu folgen und sich selbst möglichst aus der Behandlung auszuschalten. In diesem Wort >>Behandlung<< liegt der Schlüssel. Denn während in der wissenschaftlichen Medizin der Kranke als Objekt >>behandelt<< wird, verlangt die seelische Heilkur vom Kranken vor allem, dass er selbst seelisch handle, dass er als Subjekt, als Träger und Hauptvollbringer der Kur, die höchste ihm mögliche Aktivität gegen die Krankheit entfalte. In diesem Aufruf an den Kranken, sich selbst seelisch aufzuraffen, sich zur Willenseinheit zusammenzufassen und diese Ganzheit seines Wesens der Ganzheit der Krankheit entgegenzuwerfen, besteht das eigentliche und einzige Medikament aller psychischen Kuren, und meist beschränkt sich der Hilfsakt ihrer Meister auf nichts anderes als auf das gesprochene Wort.“

    Stefan Zweig


    Dieser Text aus Stefan Zweigs Schrift „Die Heilung durch den Geist“ scheint heute aktueller denn je und ist mir so aus dem Herzen gesprochen, dass ich hier die Personen, die er in seinem Buch exemplarisch als geistige Heiler porträtiert, um eine Person erweitern möchte: Jesus Christus.

    Privileg des Krankseins

    Die Gesundheit ist für uns Menschen das Gute und das Richtige, Krankheit hingegen das Falsche und Schlechte. Der Lehre Jesu nach, kommt aber gerade der Krankheit eine wichtige Bedeutung zu. Ist es doch gerade die Krankheit, die es vermag, uns innehalten zu lassen, die wir als stumme Aufforderung verstehen können, unsere bisherige Lebensweise zu hinterfragen, und die uns so ein transzendentes Denken ermöglichen kann.

    Ich sage ganz bewusst „kann“, weil eben dieses Potenzial, das im Zustand der Krankheit liegt, oft nicht als solches erkannt wird. Tatsächlich wurde Jesus von der Mehrheit seiner Zeitgenossen eher als Arzt betrachtet und weniger als spiritueller Lehrer. Das zeigt u. a. die Kritik von jüdischer Seite, er würde den Sabbat missachten, weil er am Feiertag seiner Arbeit nachgehe bzw. Menschen am Sabbat gesundmache.

    Jesus selbst verwendet den Begriff Krankheit aber immer im doppelten Sinne, nämlich als körperliches und als seelisches Gebrechen. So antwortet er auf den Vorwurf, er würde mit Sündern und Volksverrätern Umgang pflegen:

    „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken!“ Markus 2,1:17

    Dabei versuchte er deutlich zu machen, dass die geistige Gesundheit an erster Stelle stehen muss.

    Steht der Mensch in seiner geistigen Gesundheit, so überwindet er jede Mangelsituation und alle menschlichen Gebrechen – durch den Geist überwindet er die Krankheit der Welt.

    Glaube macht Krankheit


    Jesus zeigte auf, dass das, was wir für krank bzw. schlecht oder für gesund bzw. gut halten, seinen Ursprung in unserem persönlichen Urteil den Dingen und den Geschehnissen gegenüber hat. Von Natur aus sind jedoch die Dinge weder gut noch schlecht. Daher liegt nicht in den Dingen oder Geschehnissen selbst, sondern in unserem persönlichen Urteil, unserer Einschätzung den Geschehnissen gegenüber, die Ursache für unser Heil oder Unheil. Was uns ungerecht, leidvoll und beschwerlich erscheint, betrachten wir gewöhnlich als schlecht, das Stärkende, Fördernde und Angenehme hingegen als gut. Jesus aber verleiht den Dingen eine völlig neue Bedeutung: Der Reiche, Wohlhabende und Mächtige ist in die vielen Dinge dieser Welt verstrickt, und so warnt er:

    „Eher geht ein Ankertau durch ein Nadelöhr als ein Reicher in Gottes neue Welt.“

    Hingegen aus der Gruppe der Armen, Schwachen und Kranken, derer, denen Unrecht widerfahren ist, die am Rande der Gesellschaft stehen, die nichts zu verlieren haben, erwächst die Sehnsucht nach Heilung, nach Erleichterung und nach ausgleichender Gerechtigkeit. Und weil eben diese Sehnsucht genau dem entspricht, was Jesus zu geben hat, verkündet er:

    „So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.“

    Die Heilung, die Jesus an den Menschen vollbringt, ist immer eine geistige, auch wenn er „nur“ ihre körperlichen Gebrechen heilt. Immer wieder erklärt er den Geheilten, dass ihr Glaube und ihre feste Überzeugung, er (Jesus) könne ihre Gebrechen heilen, ihre Gesundung letztlich bewirkt hat:

    „Dein Glaube hat dir geholfen“ – „Dein Glaube hat dich gerettet“ – „Dein Glaube hat dich gesund gemacht“, sind dann seine Worte.

    Auch hier steht die feste innere Überzeugung – nämlich die geistige Stärke, über den Zustand der Krankheit hinauszudenken – über der Krankheit selbst. Nur diese eine Einsicht, nämlich, dass alle äußere und sichtbare Welt auf einer geistigen Grundlage besteht, wird den Glauben an eine Heilung durch den Geist rechtfertigen können. Oder wie Aristoteles sagte:

    „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.„ Aristoteles

    Besteht aber unsere äußere Erscheinungswelt auf Grundlage des Geistes, so liegt in allen äußeren Erscheinungen auch ein tiefer Sinn und eine Bedeutung verborgen. Dass sich uns Sinn und Bedeutung des Leidvollen, des Beschwerlichen und des Umstandes, dass wir sterben müssen, erschließen, dass wir den Grund aller Dinge, die uns widerfahren, erkennen und verstehen, will ersehnt, gesucht und gefunden werden. Denn der Begriff „Geist“ ist ein Synonym für eine Sinnhaftigkeit, die über die rein äußere Erscheinung der Dinge hinausgeht. Somit ist die Suche nach dem Sinn, ist die Suche nach Geist, ist die Suche nach Gott, letztlich die Suche nach unserer heilen, eigentlichen und zeitlosen Existenz. Unsere Sehnsucht nach dem Geist ist dabei die Grundlage dieser Heilung:

    „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan …“ Lukas 11,9

    Die Heilung durch den Geist vermag viel mehr, als „nur“ die Heilung von körperlichen Gebrechen, denn sie fußt auf der Erkenntnis, dass jede Heilung, alles Gute, ja dass das Leben selbst auf einer geistigen Basis ruht. Kraft dieser Erkenntnis, betreten wir diese Basis und vermögen damit alles, was auch der Geist vermag, der Ursprung und Ursache aller äußeren Erscheinungen ist. In dieser Erkenntnis sehen wir uns aber auch in der Lage, alle äußeren Dinge zu entbehren, da wir die Grundlage des Lebens auf seiner geistigen Basis erkannt und gefunden haben. Dieser Fund macht uns zu Teilhabern des Geistes, der uns wiederum mit allem notwendig Äußeren bedenkt.

    Eine weitere, grundlegende Aussage, die uns insbesondere die Passion Jesu lehrt, ist diese: Alle Krankheit, alles Beschwerliche, ja selbst erlittenes Unrecht, Leid und Tod werden einen persönlichen und individuellen Sinn erfahren, wenn wir beginnen, ihren Ursprung im Geist, also in Gott, zu suchen. Weil alle Erscheinungen ihren Ursprung im Geist haben, müssen ihnen auch Sinn und Bedeutung innewohnen. Doch dieser Sinn ist uns in dem Moment, wo wir erschrecken, dunkel und verborgen, er will aber von uns gesucht und gefunden werden, denn dieser Sinn ist Gott selbst. Daher das immer wiederkehrende Postulat Jesu:  „Suchet, so werdet ihr finden…“

    Ohne Sehnsucht keine Heilung

    Die Überwindung des Leidvollen und vermeintlich Sinnlosen durch den Sinn geschieht, indem wir das Beschwerliche in der Geisteshaltung Jesu vertrauensvoll auf uns nehmen, so wie auch er bewusst Unrecht, Leid und Tod auf sich genommen und getragen hat, in der Gewissheit, dass auch in diesen Bereichen Gott wirken wird, sofern er von uns darin gesucht wird. Wer auf diese Weise Gott in allen Erscheinungen sucht, der wird ihn in allen Dingen finden – selbst im eigenen Tod. Unser unerschütterliches, kindliches Vertrauen in den Geist veranlasst Gott zur Sinnschöpfung über das Starre und Leblose hinaus, denn alle Schöpfung Gottes ist die Kreation von Geist und Sinn alles bis dahin Geist- und Sinnlosen. Insofern liegt bereits ein grundlegender Sinn in unseren äußeren Gebrechen, denn sie fördern unsere Sehnsucht nach Geist. Die Heilung durch den Geist geschieht dabei in jeder gewonnenen Einsicht, in der wir uns der grundlegenden Bedeutung der Botschaft Jesu bewusst werden. Erst wenn wir nichts anderes mehr wünschen und begehren, als die Hinwendung zu den geistigen Belangen unseres Daseins, jenen, welche die Grundlage unserer inneren Vollkommenheit und insofern auch die unserer äußeren Unversehrtheit sind, können und werden wir die grundlegendste aller Heilungen überhaupt erfahren: die Heilung vor dem Tod.


    Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt. Und wer da lebt und an mich glaubt, wird unsterblich. Johannes. 11,25

    Wer die geistigen Belange über alles Äußere stellt, gewinnt dadurch die Grundlage allen Lebens und somit alle äußerlich notwendige Unversehrtheit hinzu.

    Überwindung der Geistlosigkeit – die grundlegendste Krankheit der Welt


    „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen.“ Matthäus 6,33

    Jesus ist gekommen, damit wir durch diese Botschaft auf unserer geistigen, d. h. auf einer zeitlosen Basis Heilung erfahren, also jener, die alles äußerlich Notwendige in sich einschließt. Unsere innere Heilung, durch die wir zu unserer zeitlosen Existenz finden, ist die eigentliche Heilung im Sinne Jesu. Durch die Heilung von körperlichen Gebrechen hat Jesus die Kraft des Geistes für uns nur sichtbar gemacht, denn eine Heilung von körperlichen Krankheiten, muss nicht zwingend die geistige Heilung des Menschen einschließen.

    Jesus Christus ist gekommen, damit wir Zugang zu grundlegender Heilung und Unversehrtheit finden können, und diese liegt im Gewinn unserer zeitlosen Existenz, die in Gott liegt. In unserer zeitlosen Existenz sind wir unsterblich. In unserer zeitlosen Unversehrtheit, der des Geistes, werden wir fähig, alles Äußere zu entbehren, so wie Jesus in der Lage war, alle Dinge zu entbehren, sei es Anerkennung, Gesundheit, Freiheit, Ehre oder Leben. Durch sein Vorbild und Beispiel wollte er aufzeigen, dass all das, was wir in seiner Geisteshaltung willig preisgeben und verlieren, in Gott wiedergefunden werden muss, da es hierin einen tiefen Sinn erfährt. Wird uns im Geiste Jesu die äußere Unversehrtheit genommen, so werden wir auch in das Schicksalhafte und das Leidvolle einwilligen können, ohne daran zu zerbrechen.

    Somit liegt die grundlegendste Heilung aller unserer Gebrechen im Bewusstwerden unserer zeitlosen Existenz.

    In unserer geistigen Existenz sind wir zeitlos, unverwundbar und unzerstörbar. In unserer zeitlosen Existenz sind wir ewige Geschöpfe, und das bedeutet, wir waren bereits, bevor wir hier in diesem Leben wurden. Diese Grundwahrheit versuchte Jesus den Menschen zu verdeutlichen – oft vergebens:

    Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hält, der wird den Tod nicht sehen in Ewigkeit. Da sprachen die Juden zu ihm: Jetzt erkennen wir, dass du verrückt bist. Abraham ist gestorben und die Propheten, und du sagst: Wer mein Wort hält, der wird den Tod nicht schmecken in Ewigkeit. Bist du etwa mehr als unser Vater Abraham, der gestorben ist? Und selbst die Propheten sind gestorben. Was machst du hier aus dir selbst? Jesus antwortete: Wenn ich mich selbst ehre, so ist meine Ehre nichts. Es ist aber mein Vater, der mich ehrt, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott. Und ihr kennt ihn nicht, ich aber kenne ihn. Und wenn ich sagen würde: Ich kenne ihn nicht, wäre ich ein Lügner wie ihr. Aber ich kenne ihn und halte sein Wort. Abraham, euer Vater, wurde froh, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich. Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht einmal fünfzig Jahre alt und willst Abraham gesehen haben? Jesus sprach zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ehe Abraham wurde, bin ich. Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen. Aber Jesus verbarg sich und ging zum Tempel hinaus.

    Johannes. 8, 52-58

    Eine Vertiefung dieser Aussage Jesu findet sich bei Meister Eckhart:

    In jenem Sein Gottes nämlich, wo Gott über allem Sein und über aller Unterschiedenheit ist, dort war ich selber, da wollte ich mich selber und erkannte mich selber, (willens) diesen Menschen zu schaffen. Und darum bin ich Ursache meiner selbst, meinem Sein nach, das ewig ist, nicht aber meinem Werden nach, das zeitlich ist. Und darum bin ich ungeboren, und nach der Weise meiner Ungeborenheit kann ich niemals sterben. Nach der Weise meiner Ungeborenheit bin ich ewig gewesen und bin ich jetzt und werde ich ewiglich bleiben. Was ich nach meiner hiesigen Geborenheit nach bin, das wird sterben und zunichte werden, denn es ist sterblich; darum muss es (zusammen) mit der Zeit verderben. In meiner (ewigen) Geburt aber wurden alle Dinge geboren, und ich war die Ursache meiner selbst und aller Dinge, und hätte ich gewollt, so wäre weder ich noch wären alle Dinge, wäre aber ich nicht, so wäre auch Gott nicht: Dass Gott, Gott ist, dafür bin ich die Ursache; wäre ich nicht, so wäre Gott nicht Gott.                Meister Eckhart  Predigt 52

  • Zum Taufverständnis Jesu

    Zum Taufverständnis Jesu


    Podcast über das Taufverständnis Jesu

    Die Taufe aus der Sicht Jesu

    Folgen wir dem Taufverständnis Jesu, so muss der Begriff der Taufe viel weiter gefasst werden, als wir ihn aus dem kirchengeschichtlichen Rahmen kennen. Es geht um die Bedeutung des menschlichen Scheiterns und Unterliegens sowie um die Wiederauferstehung zeitloser Werte – im Sinnbild der christlichen Taufe.

    Etymologische Wurzeln des Taufbegriffs

    In den Urtexten des Neuen Testaments lautet das altgriechische Wort für „taufen“ baptízein (βαπτίζειν) und das für „Taufe“ baptisma. Die Bedeutung reicht von „ein- oder untertauchen“ bis hin zu „tränken und färben“.In der ersten germanischen Bibelübersetzung, der gotischen Bibel von Wulfila aus dem 4. Jahrhundert, wird baptizein mit daupjan übersetzt. Dieses Wort bedeutet ebenso wie das griechische Original „tauchen“ oder „eintauchen“. Ähnlich wie daupjan gehen das altnordische deypa, das altenglische dyppan (vergleiche neuenglisch dippen) und das althochdeutsche toufen auf eine Wurzel zurück, die im Neuhochdeutschen mit „tief“ wiedergegeben wird (Quelle: Wikipedia). Die Muttersprache Jesu war jedoch nicht Altgriechisch, sondern Aramäisch, da er das Volk in der damaligen Landessprache lehrte. Im Aramäischen heißt Taufe mamodita, abgeleitet vom hebräischen amad („aufstehen“). Die Wurzeln von amad gehen auf den hebräischen Begriff amuda (Pfeiler) zurück. Vor diesem Hintergrund erscheint die Taufe als Untergangs- und Auferstehungsritual: Neben der Reinigung geht es um die innere Bereitschaft, zu unterliegen, zu fallen und zu sterben – nur um danach erneut aufzustehen und aufgerichtet zu werden.

    Historischer Kontext: Die Essener und Johannes der Täufer

    Man vermutet heute, dass die große jüdische Täuferbewegung zur Zeit Jesu auf die Essener zurückgeht. Diese Gruppe vertrat neben Pharisäern und Sadduzäern eine besondere Form des Judentums. Stark für diese Annahme sprechen archäologische Funde: große Wasserbecken mit Treppenanlagen zu beiden Seiten, wie sie bei Ausgrabungen des essenischen Wüstenklosters am Toten Meer entdeckt wurden. Hier praktizierte man – ähnlich wie bei Johannes dem Täufer – ein vollständiges Untertauchen des Körpers. Dieser Ritus unterschied sich von den rituellen Waschungen des Alten Testaments. Es ist anzunehmen, dass Johannes der Täufer in der Tradition der Essener stand, später jedoch eigene Wege ging. Er setzte neue Akzente: Untertauchen in „lebendigem“ Wasser und die öffentliche Taufe für jedermann – frei vom elitären Essenergedanken. Der Begriff „lebendiges Wasser“ hat im Neuen Testament eine doppelte Bedeutung. Er bezeichnet einerseits fließende, frische Gewässer (im Gegensatz zu stehendem Wasser). Deshalb taufte Johannes im Jordan. Jesus verwendet den Ausdruck jedoch im übertragenen Sinn, wie im Dialog mit der Samaritanerin deutlich wird. Sie versteht ihn zunächst wörtlich als frisches Wasser:

    Dort war ein Brunnen, der Jakobsbrunnen, an den sich Jesus setzte, ermüdet von der langen Wanderung. Es war gegen 12 Uhr. Da kam eine samarische Frau zum Wasserschöpfen. Jesus sagte zu ihr: „Hast du auch etwas zu trinken für mich?“ Seine Jünger waren ins Dorf gegangen, um etwas zu essen zu kaufen. Die samarische Frau sagte: „Wie kannst du als Jude mich, die Samaritanerin, um etwas zu trinken bitten?“ (Die Juden halten sich nämlich von Samaritanern fern.) Jesus antwortete ihr: „Wenn du wüsstest, was Gott gibt und wer ich bin, dann hättest du mich um lebendiges Wasser gebeten, und ich hätte es dir gereicht.“ Die Frau entgegnete: „Herr, du hast kein Schöpfgefäß und der Brunnen ist tief. Woher willst du das lebendige Wasser nehmen? Kannst du etwa mehr als Jakob unser Vater? Er hat uns nämlich den Brunnen geschenkt und selbst daraus getrunken, wie auch seine Kinder und seine Herde.“ Jesus erwiderte: „Jeder, der von diesem Wasser trinkt, wird danach doch wieder durstig werden. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, der wird nie mehr Durst haben. Vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm selbst zu einer Quelle werden, die bis in das ewige Leben sprudelt.“ Da sagte die Frau: „Herr, gib mir von diesem Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierherkommen muss, um Wasser zu schöpfen…“
    (Johannes 4,6-15)

    Die Weiterentwicklung durch Johannes und Jesus

    Obwohl Johannes eine populärere Form der Taufe schuf, ahnte er, dass das reine Wasserritual noch nicht seine volle Bedeutung erreicht hatte. Er erklärt offen:

    Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber einer, der ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.
    (Lukas 3,16)

    Jesus interpretiert den Taufbegriff nicht mehr wie Johannes, sondern im ursprünglichen Sinne von mamodita. Hinzu kommt ein transzendenter Aspekt: Taufe als bewusste Einwilligung in die leidvolle Konfrontation mit der Welt – als Akt der geistigen Überwindung von Leid und Tod. Jesus bezieht sie konkret auf seine eigene Hinrichtung:

    Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen, mit der Taufe, mit der ich getauft werde?
    (Markus 10,38)

    Aber ich muss mich zuvor mit einer Taufe taufen lassen, und wie ist mir so bange, bis sie vollbracht ist!
    (Lukas 12,50)

    Die Symbolik des Untertauchens bleibt erhalten: Taufe als temporäres Untergehen, Scheitern, Leiden und Sterben, damit der Geist kraftvoller aufersteht. Hier verbindet sich das Bild vom aufgerichteten Kreuzespfeiler (amuda) mit dem Taufbegriff. Jesus deutet es so:

    Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.
    (Johannes 3,14)

    Er bezieht sich auf das Alte Testament:

    Da sprach der JHWH zu Mose: Mache dir eine eiserne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sie ansieht, der soll leben.
    (4. Mose 21,8)

    Jesu Praxis und die Fußwaschung

    In den Evangelien heißt es, Jesus sei getauft worden und habe getauft. Doch Johannes der Evangelist präzisiert: Jesus taufte nicht selbst, sondern ließ es seine Jünger tun:

    Als nun Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war, dass er mehr zu Jüngern machte und taufte als Johannes – obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger – verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa. (Johannes 4,1-3)

    Eine weitere Szene verdeutlicht Jesu transzendentes Verständnis: die Fußwaschung am Vorabend seiner Verhaftung:

    …da stand er vom Abendessen auf, legte sein Obergewand ab, nahm eine Schürze und band sie sich um. Danach goss er Wasser in ein Becken und fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, den er sich umgebunden hatte. Da kam die Reihe an Simon Petrus; der jedoch sprach zu ihm: Herr, du willst mir die Füße waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber zu einem späteren Zeitpunkt erfahren. Da sprach Petrus zu ihm: Ich werde mir von dir niemals die Füße waschen lassen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, dann nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und den Kopf. Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. (Johannes 13,4-17)

    Es geht nicht um körperliche Reinheit, wie Jesus später klärt:

    Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.
    (Johannes 15,3)

    Petrus missdeutet es als Wassertaufe und bittet um mehr. Jesus zeigt: Wahre Reinheit ist geistig zu verstehen.

    Die tiefere Bedeutung: Scheitern als Auferstehung

    Taufe im Sinne Jesu ist der Beginn einer vertrauensvollen Haltung. Wir werden fähig, Scheitern, Unrecht, Leid und sogar den Tod auf uns zu nehmen – und verleihen dem eigenen Untergang damit eine neue Qualität. In Jesu Geisteshaltung hört alles Leid auf, Strafe Gottes zu sein. Es wird zum Auftakt einer neuen Schöpfung. Hier finden wir die geistige Taufe, in der Jesus sein Leid begriff. In einer Haltung, die nichts für sich will, weil sie ihren unvergänglichen Wert kennt, gibt es kein wirkliches Unterliegen. Nur wer seinen wahren Wert nicht erkennt, geht unter. Wer ihn erkannt hat, kann nicht vergehen – Grundlage des Auferstehungsgedankens. Deshalb war Jesus bereit, alles hinzugeben.

    Diese Hingabe ist die eigentliche Taufe: die Preisgabe der äußeren Form, ein Untergehen ins Luftlose, ein Hinabsteigen in geistlose Bereiche. Das göttliche Element füllt alles mit Geist und kehrt in neuer Kraft nach oben zurück.

    Glossar:

    • Baptízein (βαπτίζειν): griechischer Begriff für „taufen“
    • Baptein: griechischer Begriff für „Taufe“
    • Mamodita: aramäischer Begriff im Kontext der Taufe
    • Amad: Hebräische Wurzel mit der Bedeutung „aufstehen“, im Kontext der Taufe
    • Essener: Eine jüdische Sekte, die für ihren asketischen Lebensstil während der Zeit des zweiten Tempels bekannt war
    • Lebendiges Wasser: Begriff, der im Neuen Testament sowohl wörtlich als auch metaphorisch verwendet wird.

  • Patti Smith und die Dogmatik

    Patti Smith und die Dogmatik

    Über die negative Wirkung starrer und unreflektierter Glaubensformeln.

    Dabei kam mir der  Gedanke, dass Jesus die Menschen ohne Dogmatik von seiner Sicht der  Dinge, zu überzeugen versuchte. Das zeigt schon allein die Vielzahl und die Unterschiedlichkeit seiner Gleichnisse. Vertrauen sollte auf  einer Überzeugung des Für-wahr-haltens seiner Botschaft beruhen. Die  Gleichnisse waren Interpretationsversuche einer grundlegenden, hintergründigen Wahrheit, die Jesus erkannt und geschaut hatte. Die Gleichnisse sind insofern Zeugnisse seines inneren Ringens, um seinen Zuhörern die Hintergründe seines Wirklichkeitsverständnisses verständlich zu machen, damit das, was Relevanz hat, für wahr erkannt werden kann. Erkennen und Vertrauen bedingen hier einander. Viele  christliche Religionsgemeinschaften tun aber genau das Gegenteil. Sie verlangen das sture Anerkennen von Glaubenssätzen,  die nicht hinterfragt werden dürfen. Mit der Forderung, dass bestimmte  biblische Aussagen, ohne dass sie verinnerlicht oder verstanden werden, einfach geglaubt werden müssen, haben sich viele  christliche Religionsgemeinschaften einen Bärendienst erwiesen. Insofern ist es den Skeptikern nicht zu verdenken, keinen Sinn in solchen Aussage Jesu zu sehen. Eigentümlich finde ich aber doch,  dass die aufgeklärten Zweifler sich den Texten nicht selbstständig  nähern, sondern, dass sie das Programm ihrer kirchlichen Prägung als ein Dogma annehmen, das keine andere Interpretation  zulässt, um es dann getrost in das Land der Märchen zu verbannen.  Während also Jesus versuchte, seine Sicht auf die hintergründige  Wirklichkeit (Reich Gottes) seinen Zuhörern möglichst transparent zu  machen, ziehen die Dogmatiker ihren undurchsichtigen Vorhang davor.   Da kommt mir unwillkürlich der Gedanke vom zerrissenen  Vorhang im Tempel in den Sinn… Derart von den inhaltlichen Grundlagen  getrennt, konnten Kreuzestod und Abendmahl als magische Handlungen missverstanden bzw. umgedeutet werden. Weshalb der ursächliche Zusammenhang von Kreuzestod und Sündenvergebung nicht gesehen bzw. vermittelt wird, bleibt für mich rätselhaft.  Die Vergebung von Schuld beruht nach dem Verständnis Jesu eben nicht auf  einer magischen Heilshandlung, sondern ausschließlich auf der Annahme  der Geisteshaltung Jesu, der die Ungerechtigkeit, die man ihm angetan hatte, als eine höhere Art der Gerechtigkeit neu  interpretierte. Auf diese Weise wurde das alte Verständnis von Anklage und Schuld, in welchem Jesus als ein Opfer der Böswilligkeit seiner Feinde verstanden werden konnte, durch ein  neues Wirklichkeitsverständnis überwunden. Kraft dieser Erkenntnis  opfert sich Jesus also einem neuen, universellen Lebensverständnis, in welchem nun allem was uns wiederfährt, eine Relevanz und Notwendigkeit zukommt. Innerhalb eines solchen Verständnisses ist kein  Platz mehr für Anklage und Schuld, da hier auch derjenige, der an     mir schuldig wird, zu einem Teil des göttlichen Willens wird. Die  Ursache für die Vergebung von Schuld liegt dabei in der persönlichen und individuellen Einwilligung in das bisher „Ungerechte“,  wie Jesus es selbst verstand als er sagte: „Vater wenn es möglich ist, dann lass diesen Kelch an mir vorübergehen, jedoch nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Indem  Jesus sein eigenes Leiden und Sterben zum Willen Gottes machte, wurde  dieser notgedrungen zur Ursache von Schuld, Leid und Tod.  Weil aber in Gott weder Schuld noch Leid noch Tod existieren, müssen  alle Klagen und Anklagen aufhören. Hieraus folgt auch der Gedanke, dass  derjenige der diesem Verständnis Jesu Christus folgt zum Glücksfall für seine Feinde wird….

  • Zu meiner Person

    Elmar Wieland Vogel

    Steinmetzmeister, Bildhauer, Steintechniker, Autor, Lyriker, Liedermacher

    Elmar Wieland Vogel

    Geboren und aufgewachsen im mittelfränkischen Ansbach, prägte mich ein unkonventionelles, kreatives und weltoffenes Elternhaus – der Vater Bildhauer, die Mutter Zirkusartistin. Neben vielfältigen musischen Interessen und Neigungen entwickelte ich bereits in der Kindheit ein tiefes Interesse an den biblischen Geschichten, besonders an der Gestalt Jesu. Von jeher faszinierten mich sein Anspruch, seine Worte und die Inhalte seiner Botschaft, die ich zunehmend als universell verstand und bis heute so deute.

    Die Faszination der Botschaft Jesu

    Als Jugendlicher erfuhr ich beim Lesen der „Guten Nachricht“ ein unerwartet neues, intuitives und undogmatisches Verständnis der Lehre Jesu. Parallel dazu gewann durch die berufliche Auseinandersetzung mit Kunstgeschichte, Bildsprache und Symbolik – durch freie bildkünstlerische Arbeiten für den sakralen Bereich, durch individuelle und personenbezogene Grabmalgestaltung sowie durch die tägliche Konfrontation mit Trauer und Tod – die Beschäftigung mit ethischen und philosophischen Themen und der Frage nach den letzten Dingen für mich zunehmend an Bedeutung.

    Theologisches Verständnis und Prägung

    Neben dem Studium der biblischen Schriften des Alten und Neuen Testaments wurde mein theologisches Verständnis unter anderem geprägt und bestätigt durch Schriften von: Lao-Tse, Meister Eckhart, Johannes Tauler, Martin Luther, die Theologia Deutsch, Baruch de Spinoza, Simone Weil , Viktor Frankl , Humberto Maturana und Francisco Varela.

    Berufliches

    Gemeinsam mit meinem Bruder führe ich einen kleinen Handwerksbetrieb an den Standorten Ansbach und Dresden in der siebenten Generation. Näheres dazu unter: vogel-bildhauer.de. Neben meiner beruflichen Tätigkeit bin ich aktives Mitglied der Freimaurerloge „Zum goldenen Apfel“ in Dresden. Ich mache Musik, schreibe eigene Lieder, die ich teilweise hier oder bei Youtube veröffentliche. Hier blogge ich und verfasse lyrische Texte, wobei mich vor allem das Denken in Metaphern bewegt.


    Beitrag im Magazin: Discover Germany November 2025

    The Creative Minds of the German-speaking Book Scene
    Kreative Köpfe der deutschsprachigen Buchszene


    Beitrag aus dem Magazin: Leben in der Frauenkirche Dresden Januar- April 2023

    Zur Vergrößerung des Textes auf das + Zeichen drücken.

    Lebensstationen:

    1977-1979Ausbildung zum Steinmetz und Steinbildhauer bei Roland E. Vogel
    1979Arbeitsaufenthalt in den USA bei Harold C. Vogel + 2011
    1981Volontariat bei dem Bildhauer Reinhart Fuchs in Georgensgmünd + 2009
    1982Praktikum in einer Kunstgießerei in Aschaffenburg und Tätigkeit als Steinmetz- und Bildhauergeselle in Dinkelsbühl
    1983Kriegsdienstverweigerung in II. Instanz
    1984-86Zivildienst im Internat des Windsbacher Knabenchores
    1986-88 Weiterbildung zum Steinmetz- und Steinbildhauermeister und staatl. gepr. Steintechniker an einer staatlichen Fachschule
    1987Auszeichnung bzw. Preis der Benno und Therese Danner’schen Stiftung
    1988Heirat – Geburt meines Sohnes
    1989 Eintritt in die Freimaurerloge Alexander zu den drei Sternen
    1990Arbeitsaufenthalt als Steinbildhauer in Basel/CH
    1991Geburt meiner Tochter
    1992Wechsel nach Dresden. Übernahme der Dombauhütte der Kathedrale-Dresden und Mitwirkung am Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche
    2006Mitglied der Freimaurerloge Zum Goldenenen Apfel in Dresden – gegründet 1776
    2009Buchveröffentlichung: ESSENZEN – Die Botschaft Jesu
    2019 CHRISTOPHILOS Beiträge zur christlichen Philosophie


  • Das überkonfessionelle Blog mit geistigen Impulsen aus der Botschaft Jesu

    Das überkonfessionelle Blog mit geistigen Impulsen aus der Botschaft Jesu

    Die Botschaft Jesu als Weisheitslehre

    Über das Projekt Christophilos

    Was wäre, wenn die Lehre Jesu kein kirchlicher Gesetzeskatalog wäre – sondern eine radikale Weisheitslehre, die sich vernünftig begründen lässt?

    Christophilos liest die Botschaft Jesu überkonfessionell: nicht als dogmatischen Besitz einer Institution, sondern als existenziellen Kern, der Christen, Suchende und Zweifler gleichermaßen angeht. Der einzige Maßstab sind die Worte und der konkrete Weg, den Jesus ging.

    Im Tiefsten ist diese Botschaft eine Erkenntnislehre und eine Lehre der Vernunft: Sie argumentiert, statt zu verordnen. Sie stiftet Versöhnung, weil sie nicht auf menschlicher Willkür beruht. Wäre sie beliebig, ließe sich in ihrem Sinne weder schlüssig denken noch argumentieren. Deshalb bleibt dieser Ansatz konsequent undogmatisch – und offen für jede ehrliche Frage.

    Das ist keine neue Erfindung, sondern die Rückkehr zur ursprünglichen Übung der Philos-Sophia: der leidenschaftlichen Freundschaft zur Weisheit. Wie Paulus undogmatisch schreibt:

    „In Gott liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen.“ (Kolosser 2,3)

    Geistige Autorität entsteht hier nicht durch Amt oder Tradition. Jesus selbst befreit aus der Knechtschaft und beruft zur Freundschaft:

    „Ich nenne euch nicht mehr Knechte … sondern Freunde habe ich euch genannt.“ (Johannes 15,15)

    Christophilos ist eine unabhängige, private Initiative – frei von institutioneller Vereinnahmung. Es ist der Versuch, die ursprüngliche Radikalität der Botschaft Jesu so freizulegen, dass man ihr im Geiste folgen – oder ihr begründet widersprechen – kann. Denn beides gehört zu einem lebendigen Erkenntnisweg.

    Soziale Netzwerke

    Wer mir auf Facebook oder Twitter folgen möchte, findet mich dort:

  • Geistige Verwandtschaft

    Geistige Verwandtschaft

    Eine Betrachtung zu Lukas 14,25–27

    Es ging aber eine große Menge mit ihm; und er wandte sich um und sprach zu ihnen:
    „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein. Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“ (Lukas 14,25–27)

    Die Szene – ein Gleichnis in sich

    Die kurze Notiz des Evangelisten ist von einer stillen Schönheit:

    „…und er wandte sich um und sprach zu ihnen.“

    Man spürt die Menschenmenge, die Jesus hinterherläuft, die seine Ausstrahlung förmlich aufsaugt, die Nähe sucht – körperlich, emotional, fast greifbar. Genau an diesem Punkt setzt Jesus an. Er greift das tief menschliche Bedürfnis nach Nähe, nach Bindung, nach Zugehörigkeit, nach Familie und Gemeinschaft auf und dreht es radikal um.

    Äußerliche Nähe ist nicht echte Nähe. Wer Jesus buchstäblich hinterherläuft, steht ihm deshalb noch lange nicht nahe. Die vielen, die ihm folgten, waren physisch ganz dicht bei ihm – und doch warnt er sie: Wer nicht bereit ist, alles zu „hassen“, was ihn bisher ausgemacht hat, der kann sein Jünger nicht sein. Damit sagt er: Echte Nachfolge entsteht nicht durch räumliche oder familiäre Nähe, sondern allein durch innere, geistige Verbundenheit mit seiner Botschaft. Erst diese Verbundenheit schafft die wahre Gemeinschaft, die er meint.

    Eine neue, universelle Verwandtschaft

    Je ernsthafter jemand diese geistige Verbindung zu Jesus und seiner Sicht der Welt sucht, desto enger erscheinen plötzlich alle rein menschlichen, familiären oder konventionellen Bindungen. Sie werden als einengend empfunden, weil eine ganz neue Art von Verwandtschaft entsteht – eine universelle Geschwisterlichkeit, die keine Blutsbande mehr kennt und deshalb über jede bisherige Grenze hinausreicht. Diese neue Verwandtschaft steht nicht im Widerspruch zur Nächstenliebe – im Gegenteil: Sie ist deren radikale Erfüllung. Nur wer sich von der Enge familiärer oder gruppenbezogener Vorlieben löst, kann jeden Menschen vorbehaltlos als Bruder, als Schwester, als Nächsten erkennen und lieben.

    Jesus und seine leibliche Familie

    Die Evangelien zeigen immer wieder, wie Jesus selbst diese Grenze zieht:

    • Mit zwölf Jahren im Tempel:

      „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Lukas 2,49
    • Als man ihm meldet, seine Mutter und Brüder warteten draußen:

      „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? … Wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“ Markus 3,33–35
    • Sogar seine Verwandten hielten ihn für verrückt und wollten ihn nach Hause zurückholen:

      „Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen.“  Markus 3,21.

    Jesus lebt vor, was er fordert: Die geistige, hintergründige Bindung steht über der familiären, leiblichen und vordergründigen.

    Hass als Befreiung von alten Kategorien

    Das Thomasevangelium formuliert den Gedanken noch schärfer:

    „Wer nicht seinen Vater und seine Mutter hasst wie ich, der kann mir nicht Schüler sein. Und wer nicht seinen Vater und seine Mutter liebt wie ich, der kann mir nicht Schüler sein.“ (Spruch 101)

    „Hassen“ bedeutet hier nicht Gefühlshass gegen Personen, sondern die kompromisslose Ablehnung aller kleinlichen, übernommenen Kategorien und Bewertungen – aller Schubladen, in die wir Menschen (und uns selbst uns) stecken. Es ist der Hass auf das alte, enge Denken in „meine“ und „fremde“ Menschen. Jesus stellt mit seiner Aufzählung (Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern … und sich selbst!) jede Form blutsverwandtschaftlicher oder egozentrischer Festlegung radikal in Frage.

    Selbsthass als Weg zur Demut

    Der Satz endet mit dem Schockierendsten: „…und dazu sich selbst“. Hier wird klar: Wir sind nicht nur Gefangene unserer Familienrollen und gesellschaftlichen Erwartungen, sondern vor allem Gefangene unseres eigenen kleinen Ichs. „Sich selbst hassen“ heißt deshalb: sich die eigene Befangenheit, die menschliche Kleinkariertheit und Ohnmacht schonungslos einzugestehen. Nur diese ehrliche Betroffenheit schafft echte Demut – und nur Demut öffnet den Raum für eine tiefere Wandlung. Gleichzeitig birgt dieser „Selbsthass“ eine große Sehnsucht: frei zu werden von allen vordergründigen Abhängigkeiten, frei für die universale Liebe.

    Das Kreuz täglich tragen.

    Deshalb der zweite Satz:
    „Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“

    Das Kreuz ist hier nicht primär das Leiden um des Leidens willen, sondern das tägliche Berühren und Tragen all dessen, was uns peinlich, unangenehm und beschämend ist – unsere Schwerfälligkeit, die Einsicht unserer Unfreiheit, unsere Befangenheit, Fehlbarkeit und Schuld. Wer das nicht aushält und auf sich nimmt, bleibt in der Illusion eigener menschlicher Größe stecken.

    Freiheit durch das Eingeständnis der Ohnmacht

    Wer jedoch seine menschliche Begrenztheit mit innerem Bedauern und dem Glauben an deren Sinnhaftigkeit auf sich nimmt und trägt, gewinnt paradoxerweise Distanz zu sich selbst. Diese Distanz macht frei. Und genau in dieser Freiheit wird Großzügigkeit gegenüber anderen möglich – und damit die Erfahrung von Gottes Barmherzigkeit uns selbst gegenüber. Willst du, dass das Leben dir gnädig begegnet, so übe selbst Gnade:

    „Selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Matthäus 5,7

    Das Geheimnis der Wandlung

    Äußere Veränderung kann man nicht machen – sie geschieht oder geschieht nicht. Echte Wandlung ist immer Frucht einer inneren Auseinandersetzung:

    „Nehmt einen guten Baum, so wird auch seine Frucht gut sein.“ Matthäus 12,33

    Wir verwandeln uns nicht selbst durch Willenskraft. Wir werden verwandelt – dort, wo wir die Geisteshaltung Jesu annehmen und unser Kreuz (unsere Wahrheit über uns selbst) täglich tragen.

    Vom Turmbau und der Illusion menschlicher Planung

    Im anschließenden Gleichnis vom Turmbau und vom König, der in den Krieg zieht, zeigt Jesus, wie lächerlich jede rein menschliche Sicherheits- und Perfektionsstrategie wird, wenn wir ehrlich sind und unserer menschlichen Realität ins Auge sehen. Jede noch so durchdachte Lebensplanung ist im Grunde eine Trotzgebärde gegen die Wirklichkeit unserer Ohnmacht. Wer das erkennt, hört auf, sein Leben krampfhaft kontrollieren zu wollen – und gewinnt gerade dadurch jene Freiheit, die Jesus meint.

    Fazit: Die Geburt der wahren Geschwisterlichkeit

    Erst wenn wir bereit sind, unsere alten Bindungen und unser altes Selbstbild loszulassen – nicht durch äußere Trennung, sondern durch inneres „Hassen“ der Enge – entsteht Raum für die eine, universale Familie:

    „…alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.“ Friedrich Schiller – Ode an die Freude

    In dieser Geisteshaltung werden wir wirklich frei – und erkennen unsere wahre Verwandtschaft in Christus.

  • Krieg und Frieden

    Krieg und Frieden

    Aus Angst vor den Unwägbarkeiten des Daseins, meinen wir das Leben (be)zwingen zu müssen. Doch führen wir damit einen Krieg gegen einen Gegner, der uns immer überlegen sein wird.

    Welcher König will sich auf einen Krieg einlassen gegen einen andern König und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob er mit Zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit Zwanzigtausend? Wenn nicht, so schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden. So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.  Lukas 14,31-33

    Jesus sah seine Mission vor allem darin, dass der Mensch ein neues, freundschaftliches Verhältnis zu seinem Leben finden könnte, doch dazu muss er sich von allem vermeintlich Sicheren distanzieren. Der christliche Erlösungsgedanke besteht darin, dass der Mensch in einem neuen Bewusstsein den erbitterten und aussichtslosen Kampf gegen das „ungerechte“ Leben nicht mehr zu kämpfen braucht. Denn dort wo wir uns nicht in der Lage sehen, auch in den Unannehmlichkeiten des Lebens Sinn und Bedeutung zu finden, wo wir uns also entschieden abwenden von den Schattenseiten unseres Daseins, wo wir das Unliebsame nicht sehen wollen, leben wir nicht im Einklang mit unserem Dasein.
    Indem wir nur einen bestimmten Teil unseres Lebens akzeptieren und den anderen für unbrauchbar erklären, liegen wir im Krieg mit dem entscheidenden Bereich unseres Daseins, und es bleibt nur abzuwarten, wann der Zeitpunkt erreicht ist und das Leben mit allem verdrängten Leid anklopft und über uns hereinbricht.
    Jesus hält uns hier eine ungewohnte Realität vor Augen und hinterfragt in diesem Gleichnis jenes Realitätsverständnis, das wir im Laufe unseres Lebens irgendwann einmal übernommen haben. So geht es ihm darum, den Krieg gegen das eigene Leben wieder ins menschliche Bewusstsein zu rufen. Rat halten, bedeutet hier abwägen, das heißt, man soll sich selbst ehrlich befragen, ob man sich tatsächlich gegen alle Unannehmlichkeiten – die das Leben uns entgegenhält – absichern oder sie wirkungsvoll ausschließen kann. Wenn wir uns diese Frage stellen, können wir sie letztlich nur mit „Nein“ beantworten. Das Leben ist uns übermächtig; es behält in seiner scheinbaren Teilnahmslosigkeit die Oberhand. Gerade dann, wenn man meint, man hätte alle Dinge für sich geregelt, wirft uns igendetwas plötzlich und unerwartet zurück. Gegen diese Übermacht antreten, heißt, seine Chancen in diesem Kampf nicht realistisch abgeschätzt zu haben. Sieht man solche Übermacht auf sich zukommen, bleibt im Grunde genommen gar keine andere Wahl, als den Kontakt mit dem Gegner zu suchen und um Frieden zu bitten. Tut man das, so wird man nun seine ganze Kraft darauf verwenden, mit dem vermeintlichen Feind Frieden zu schließen.
    Konsequent ist daher auch hier der Nachsatz Jesu:  „So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.“ (Lukas 14, 33) Damit gibt er zu bedenken, dass uns die Bürde des Menschseins durch Vordergründiges und Kurzlebiges nicht genommen werden kann. Der einzig gangbare Weg kann nur in einer Akzeptanz der ganzen Wahrheit liegen – also nicht im Ausweichen und durch Flucht in eine konstruierte Wirklichkeit. Erst auf Basis dieses Bewusstseins und Eingeständnisses gelingt uns das Annehmen aller Unannehmlichkeiten wie:  Schwäche, Unvermögen, Verlust, Krankheit, Verrat, Ungerechtigkeit und Tod.

    Nun geht es darum, nichts, aber auch absolut gar nichts, auszuklammern, sondern alles „Schwere“ in das Denken und Handeln mit einzubeziehen. Exakt in dem Moment, in dem wir beginnen, nach Sinn und Bedeutung der Lebenssituationen zu suchen, die uns so sehr widerstreben, stehen wir in einer fruchtbaren Verhandlung mit dem vermeintlichen Gegner. Dieses Vertrauen in den bisherigen Feind führt dazu, dass uns das Leben in völlig neuer und freundschaftlicher Weise begegnen wird. Allem Unschönen, Peinlichem und allem Leid entgegenzugehen, um Frieden darin und damit zu finden, heißt im Grunde ja nichts anderes, als Selbsterkenntnis zu üben, da diese Dinge mit niemand anderem als mit uns selbst zu tun haben.

  • Das Gleichnis vom Turmbau

    Das Gleichnis vom Turmbau

    Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen, – damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann’s nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten, und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann’s nicht ausführen?    Lukas 14, 28-30

    Ausdruck des Lebens ist das Streben nach „oben“. Im Streben nach oben versuchen wir uns „Freiräume“ zu verschaffen, in denen uns nichts „Niedriges“ mehr berühren kann. Mit dem Gleichnis vom Turmbau, drückt Jesus das menschliche Verlangen nach Erhabenheit aus, den Wunsch, sich über die beschwerlichen und feindlichen Seiten dieses Daseins zu erheben.

    Einen Turm bauen wollen, bedeutet im Sinne des Gleichnisses, die Dinge von einer höheren Warte aus – die Welt mit Distanz betrachten zu wollen. Damit steht der Turm als ein Gleichnis für Erhabenheit, für den Wunsch nach Ruhe, Sicherheit, Unerreichbarkeit und Unberührbarkeit. So ist jeder auf seine eigene Weise bemüht, sich einen Ort zu schaffen, an dem ihm das Leid dieser Welt nichts mehr anhaben kann.

    So symbolisiert der Turmbau unser Streben nach Individualität und Erhabenheit, aber auch nach Entzug und Rückzug. Der Wunsch nach Erhabenheit ist nichts Schlechtes an sich, er wird jedoch auf ganz unterschiedliche Weise umgesetzt: Aus rein menschlicher und vordergründiger Sicht läuft es meist darauf hinaus, sich den Status des „Turmes“ durch Äußerlichkeiten zu verschaffen – beispielsweise durch Familienbande, durch Beziehungen, durch Geld, durch Besitz, durch den gesunden oder den schönen Körper, durch materielle Absicherung, durch persönlichen Erfolg, durch gesellschaftliche Anerkennung, durch Machtausübung, durch Unterdrückung anderer, aber auch durch Drogenkonsum und durch Todessehnsucht.

    Wie auch immer, man möchte unerreichbar und unberührbar sein gegenüber dem Leid der Welt, möchte in „Sicherheit“ leben und über das Unkalkulierbare herrschen.  Im Gleichnis vom Turmbau gibt Jesus zu bedenken, dass alle Versuche, das Unkalkulierbare und Unangenehme abzuwenden, immer unzureichend sein werden, solange sie auf irgendwelche Äußerlichkeiten d. h. solange sie auf Vordergründigem basieren, denn alles Äußerliche – wie es auch heißen mag – unterliegt der Schwächung, dem Verfall, und in allem Hiesigen liegt bereits der Niedergang. Das Unkalkulierbare jedoch ist das Unabwendbare. Es ist Leid, Tod, Niederlage, Schmach, Verrat und Verlust. Diese Dinge nicht in seine Lebensplanung einzukalkulieren, bedeutet, sich zu verkalkulieren.