
Dass der Mensch stirbt, ist kein unvorhergesehenes Strafgericht eines zornigen Schöpfers, sondern es ist die unmittelbare Konsequenz jener Erkenntnisfähigkeit der Gegensätze, die der Mensch im Paradies erworben hat, so wie es in der Geschichte vom Sündenfall beschrieben wird.
Durch das Essen vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse wurden dem Menschen die Augen geöffnet und er erkannte Dinge, die er ohne diese Fähigkeit nicht wahrgenommen hätte, so wie Gott es angekündigt hatte. Gegensätze wie gut und böse, Tod und Leben, verborgen und offenbar, nackt und bekleidet, werden dort bereits erwähnt.
Der Zustand vor dem Sündenfall: Die erkenntnislose Einheit
Es ist ein weitverbreiteter Irrtum zu glauben, vor dem Sündenfall habe es in der Natur kein biologisches Sterben gegeben. Die Wahrheit ist eine andere: Aus der Sicht des erkenntnislosen Ur-Menschen existierte der Tod schlichtweg nicht, weil er mangels einer entwickelten Erkenntnisfähigkeit den Tod gar nicht als einen Gegensatz zum Leben wahrnehmen konnte. Das heißt, er ruhte in einer unbewussten, paradiesischen Einheit.
Der Sündenfall: der Erwerb der Erkenntnis der Gegensätze
Erst durch den symbolischen Akt des Essens vom Baum der Erkenntnis wurde dem Menschen die Welt der Gegensätze bewusst: Gut und Böse, Licht und Finsternis, Freude und Leid und eben auch Leben und Tod. Diese Dinge bedingen einander; das eine kann ohne das andere für uns im Alltagsverstand nicht mehr gedacht werden.
Doch die Art und Weise, wie wir im Paradies zu dieser Erkenntnis gelangten, hat uns von Gott – der das reine, ungeteilte Leben selbst ist – entfremdet und uns sterblich gemacht. Warum? Weil die Schlange das Sinnbild der Endlichkeit der Dinge ist. Die Erkenntnis, die wir durch sie erwarben, konnte folglich nur das Endliche, das Temporäre, das Unvollkommene und das Sterbliche sichtbar machen. In Christus erkennen wir nun das Unsichtbare:
„Uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“ 2. Kor 4,18
Die Sünde: Irrtum über die Bedeutung des Todes
Hierin liegt der eigentliche Irrtum (die Sünde) und die Täuschung: Wir bewerten unser Dasein fälschlicherweise als endlich bzw. als begrenzt und vergänglich, da wir noch immer unter der Erkenntnis der Schlange stehen, die sich nur auf das Sichtbare beschränkt. Weil wir glauben, das Leben erschöpfe sich in unserer zeitgebundenen, fleischlichen Hülle, entsteht die lähmende Todesangst. Diese Angst macht den Menschen korrumpierbar und führt zu einer profanen und geistlosen Existenz.
Unter Sünde ist somit weniger eine moralische Verfehlung zu verstehen, als vielmehr das Handeln aus diesem Irrtum der Trennung und der Endlichkeit (der Schlange) heraus. Die schöpferische Notwendigkeit (Felix Culpa) Obwohl uns der Sündenfall sterblich machte, war er dennoch ein „Glücksfall“ (felix culpa), wenn wir ihn im Geist der Botschaft Jesu betrachten. Denn ohne diese im Paradies erworbene Erkenntnisfähigkeit der Gegensätze wäre der Mensch gar nicht in der Lage, die erlösende Botschaft Jesu überhaupt auf- und anzunehmen. Nur ein erkennendes Wesen kann Gott suchen und das Ewige vom Vergänglichen unterscheiden.
Die Überwindung des Todes in Christus
Jesus Christus bringt uns nun die vollständige Erkenntnis des Vaters, die über die unvollständige Erkenntnis der Schlange hinausgeht. Er lehrt uns den wahren Umgang mit unserer Erkenntnisfähigkeit, nämlich die Erkenntnis der Wahrheit:
„Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.“ Joh 17,3 „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Joh 8,32
„Gott will, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ 1. Tim 2,4
Indem wir nun selbst – so, wie Jesus in Seiner Passion – das Unabänderliche unseres Schicksals, das persönliche Kreuz unserer Mangelhaftigkeit und Sterblichkeit, willig und vertrauensvoll aus der Hand Gottes annehmen, werfen wir es auf Ihn als die allwirksame Ursache zurück. Gott ist das reine, ungeteilte Leben, in dem kein Widerspruch und keine Trennung existieren können.
Das Begrenzte und der Tod sind zeitliche Phänomene, die in der Berührung mit dem Geist einen radikalen Bedeutungswandel erfahren. Was vertrauensvoll in Gott hineingetragen wird, nimmt Seine unsterbliche Natur an. In dieser vollkommenen Einheit mit Gott existiert kein trennender Gegensatz mehr – und wo alle Trennung aufgehoben ist, da ist auch der Tod als ultimative Teilung ein für alle Mal überwunden.
Der biologische Tod bleibt eine reale Grenze unseres irdischen Körpers, doch im Geist Jesu erkennen wir unser wahres Wesen als von Ewigkeit her ungeboren und unsterblich in Gott geborgen.




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