Das Gottesbild Jesu

In der ungeteilten Wirklichkeit des Schma-Israel existiert schlichtweg kein „Außerhalb“ Gottes. Gäbe es einen Bereich, eine Kraft oder eine geschöpfliche Autonomie unabhängig von seinem Wirken, so wäre Gott nicht allmächtig und damit nicht Gott.

Warum Gott unteilbar ist

Das Schma-Israel („Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger Gott“, 5. Mose 6,4) bildet nicht nur das fundamentale Glaubensbekenntnis des Judentums, sondern ist zugleich das unabdingbare Fundament, auf dem das gesamte Gottesbild Jesu ruht. Wenn Jesus dieses Gebot im Markusevangelium (Mk 12,29) als das vornehmste aller Gebote hervorhebt, begründet er damit eine radikale, ungeteilte Sicht auf die Wirklichkeit. Das hebräische Wort für „einig“ oder „eins“ in diesem Vers ist „echad“ – es bezeichnet im Kern eine vollkommen unteilbare, einzigartige und verbundene Einheit.

Aus dieser absoluten Einheit Gottes folgt eine logische und existenzielle Konsequenz, die für das Verständnis der Lehre Jesu unerlässlich ist:

1. Die Aufhebung des dualistischen Weltbildes (Kein Außerhalb Gottes)

In der ungeteilten Wirklichkeit des Schma-Israel existiert schlichtweg kein „Außerhalb“ Gottes. Gäbe es einen Bereich, eine Kraft oder eine geschöpfliche Autonomie unabhängig von seinem Wirken, so wäre Gott nicht allmächtig und damit nicht Gott. In diesem Sinne beschreibt die christliche Philosophie Jesus als den konsequentesten und radikalsten Pantheisten: Jesus setzte das Sinnbild des „Vaters“ mit einem allumfassenden, widerspruchsfreien Gottesbegriff gleich, in dem es keinen eigenständigen Gegenspieler (wie den Satan oder das Böse als eigenständige Macht) geben kann. Dieses Gottesbild verdeutlicht auch der Propheten Jesaja.

Die All-Einheit Gottes bei Jesaja

„Ich bin der JHWH, und sonst keiner mehr, kein Gott ist außer mir. Ich habe dich gerüstet, obgleich du mich nicht kanntest, damit man erfahre in Ost und West, dass außer mir nichts ist.“ Jesaja 45, 5–6

כִּי־אֶפֶס בִּלְעָדָי → „dass außer mir nichts ist“

Das entscheidende Wort für „nichts“ ist hier אֶפֶס (efes / ephes). אֶפֶס – Nichts und Null. Das hebräische „ephes“ meint nicht bloß „keine anderen Götter“, sondern eine umfassendere Aussage: Außer JHWH gibt es letztlich nichts.

Gott ist das reine Leben und die Existenz selbst („ICH BIN“). Das Böse und der Tod besitzen keine eigene ontologische Substanz, sondern sind zeitliche Erscheinungen und Ausdruck eines Mangels an Erkenntnis – eine Nichtexistenz, die in der Berührung mit dem ungeteilten Geist Gottes weichen muss.

2. Gott als allwirksame Ursache aller Geschehnisse

Wenn Gott unteilbar eins ist, dann muss er folgerichtig auch die allwirksame Ursache ausnahmslos aller Geschehnisse sein – der angenehmen wie der leidvollen, der gerechten wie der ungerechten. Wer Gott aus dem Übel, der Schuld oder dem Leid ausklammert, spaltet die Wirklichkeit in einen göttlichen und einen gottlosen Bereich und beraubt das Kreuz Christi seines gesamten Erlösungssinns.

Aus dieser monistischen Prämisse entfalten sich die Kernthesen der Lehre Jesu:

  • Metanoia (Die Sinnesänderung): Jesu erster Aufruf zur Metanoia („Ändert euren Sinn!“) fordert uns auf, unsere Einstellung gegenüber der Wirklichkeit grundlegend zu ändern. Soweit wir fähig sind, Gottes Wirken und Gegenwart auch im Unabänderlichen – in eigener Schwäche, im Leid und im Tod – zu suchen und vertrauensvoll anzunehmen, wird das vormals Sinnlose im Geist mit Sinn und Leben geflutet.
  • Gethsemane als Vollzug der Einheit: Jesu Gebet in Gethsemane („Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“) war kein Gehorsamsakt unter fortbestehender Differenz zwischen menschlichem und göttlichem Willen. Es war die vollkommene Selbstverleugnung des befangenen menschlichen Eigenwillens, um unteilbar eins mit dem allwirksamen Willen des Vaters zu werden. „Wenn jemand mein Jünger sein will, dann muss er sich selbst verleugnen, er muss sein Kreuz aufnehmen und mir folgen.“ Mt 16,24 Wer glaubt, ein Wille, der verleugnet werden soll, stelle weiterhin eigene alternative Größe gegenüber dem Willen Gottes dar, irrt.
  • Die Kausalität der unbedingten Vergebung: Weil Gott ungeteilt eins ist, existieren in ihm keine Anklage, kein Gericht und keine Schuld. Jesu Vergebungsbitte am Kreuz („Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“) ist die einzig schlüssige Konsequenz dieser Allwirksamkeit. Da die Täter unwissend den notwendigen Heilsplan zur Erlösung der Welt vollstreckten, handelten sie in Übereinstimmung mit Gottes ewigem Willen und sind vor Gott objektiv frei von Schuld und Anklage.

Fazit :
Das Schma-Israel ist der Schlüssel, der das Evangelium aus den Fesseln einer moralisierenden Gesetzesreligion befreit. Nur wer Gott als das ungeteilte Ganze begreift, versteht, dass uns in ausnahmslos jeder Erscheinung – auch in unserem Feind – Gott selbst begegnet. Soweit wir die ungeteilte Wahrheit über uns selbst in aufrichtiger Selbsterkenntnis annehmen, erkennt Gott sich selbst in uns, wodurch Gott und Mensch in vollkommener Herrlichkeit eins werden.

Elmar Wieland Vogel
Elmar Vogel

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