Was ist freier Wille

Wahrer freier Wille ist der vollkommene Einklang mit der unteilbaren Wirklichkeit Gottes. Wer fähig wird, das zu wollen, was Gott will, weicht der Wahrheit nicht länger aus. Er wird mit Gott geeint und nimmt seine unsterbliche, unvergängliche Natur an.

Jesu freier Wille

1. Freier Wille im Sinne der Lehre Jesu

Im Sinne der Lehre Jesu existiert kein „freier Wille“ im herkömmlichen, rein menschlichen Sinne einer Entscheidungs- und Handlungsfreiheit, die unabhängig von Gott existiert. Der menschliche Eigenwille ist von Natur aus unfrei, befangen, abhängig, ängstlich und durch irdische Vorstellungen konditioniert.

Wahrer freier Wille beruht paradoxerweise auf der Einsicht, keinen eigenen freien Willen zu besitzen.

Freiheit bedeutet in Jesu Botschaft nicht, willkürlich tun und lassen zu können, was man will, sondern das wollen zu können, was unabänderlich geschieht und insofern von Gott gewollt ist. Da der freie Wille untrennbar an Gott gebunden ist und Gott die einzige Wirklichkeit darstellt, ist ein Wille nur dann wirklich frei, wenn er eins ist mit der Wahrheit, die keine Alternative hat.

Der Mensch will dann nichts anderes mehr als das, was Gott will. Diese Fähigkeit zur Einwilligung in das Unabänderliche ist jedoch keine menschliche Leistung, sondern eine reine Gnadengabe Gottes, der uns zu sich zieht und das Gute in uns wirkt:

„Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, dass der Vater ihn zieht.“ Johannes 6,44

2. Die Absurdität der „freien Wahl“ als Versuchung

Die weitverbreitete theologische Vorstellung, Gott habe dem Menschen einen freien Willen gegeben, damit dieser sich autonom „für oder gegen“ ihn entscheiden könne, ist im Licht des Evangeliums in sich widersprüchlich und insofern unhaltbar.

  • Gott hat keine Alternative:

    Gott ist die unteilbare, einzig existierende Wahrheit und das Leben selbst. Da es gegenüber Gott, der die Wahrheit ist, keinen realen Gegenspieler gibt, existiert auch kein eigenständiger Bereich außerhalb seiner Allwirksamkeit. Die Unwahrheit ist keine echte Wahlalternative gegenüber der Wahrheit, sondern schlichte Nichtexistenz und Illusion.
  • Die Illusion des eigenen Verdienstes:

    Hinge die Entscheidung für Gott vom autonomen Willen ab, so käme dem Menschen ein Verdienst an seiner Erlösung zu. Dies widerspricht allerdings dem urchristlichen Prinzip, dass wir allein aus Gnade gerechtfertigt werden. Zudem schließt ein von Gott unabhängiger Wille einen allmächtigen Gott logisch aus. Denn entweder Gott wirkt ausnahmslos alles, oder er ist nicht allmächtig.
  • Wahlmöglichkeit ist Versuchung:

    Die vermeintliche Freiheit, sich für oder gegen Gott entscheiden zu können, ist daher keine echte Freiheit, sondern vielmehr ein Zustand der Versuchung. Sie verleitet den Menschen zu dem Irrtum, zu glauben, es existiere eine Alternative zu Gott und Wahrheit. Wer dieser Täuschung erliegt, verbleibt in der Unfreiheit. Warum? Weil er versucht wird, Gottes Heil unabhängig von Gott aus eigener menschlicher Entscheidung wählen zu können. In Wahrheit jedoch wirkt Gott beides, unseren Willen zur Wahrheit ebenso, wie das Vollbringen gottgefälliger Werke.

    „Denn Gott ist’s, der beides in euch wirkt, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“ Phil 2,13

3. Einwilligung in den Willen Gottes (Gethsemane)

Der freie Wille besteht darin, den eigenen vordergründigen Willen aufzugeben und in den einzigen, ungeteilten Willen Gottes einzuwilligen. In diesem Sinne lehrte Jesus:

„Wenn jemand mein Jünger sein will, dann muss er sich selbst verleugnen, er muss sein Kreuz aufnehmen und mir folgen.“ (Mt 16,24)

In diesem Sinne hat uns Jesus ein Vorbild gegeben:

„Denn ich bin nicht vom Himmel herabgekommen, um zu tun, was ich will, sondern um den Willen des Vaters zu erfüllen, der mich gesandt hat.“ (Joh 6,38)

Diese Haltung hat Jesus im Garten Gethsemane bis zur letzten Konsequenz vorgelebt. Angesichts seiner bevorstehenden Hinrichtung betete er:

„Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!“

In dieser bedingungslosen Hingabe legte Jesus sein menschliches Wollen und seine Todesangst ab. Er willigt ohne tätlichen Widerstand in das Unrecht ein, weil er den Willen Gottes darin zu erkennen vermochte. Und indem er vertrauensvoll in seine Passion einwilligte, machte er Gott zur unmittelbaren Ursache dieses schrecklichen Geschehens.

Gott aber ist das reine, ungeteilte Leben. In ihm haben kein Mangel, kein Leid und kein Tod Bestand. Das Sinnlose erfährt in der unmittelbaren Berührung mit dem göttlichen Geist einen grundlegenden Bedeutungswandel. Das Sinnlose und Geistlose wird mit Geist und Sinn erfüllt. Es verliert seinen Charakter als Übel und wird zu etwas Notwendigem und Gutem verwandelt.

Die radikale Änderung der Sichtweise (Metanoia) macht das Unabänderliche zu etwas Notwendigem und Gutem.

Der Beweis für die Gültigkeit dieser Lehre liegt darin, dass die Passion Jesu auch nach zweitausend Jahren ungebrochen Gegenstand menschlichen Nachdenkens geblieben ist. Damals wurden tausende gekreuzigt, deren Namen niemand kennt. Jesu Name aber ist geblieben, wie er es geglaubt und vorausgesehen hat.

Wahrer freier Wille ist der vollkommene Einklang mit der unteilbaren Wirklichkeit Gottes. Wer fähig wird, das zu wollen, was Gott will, weicht der Wahrheit nicht länger aus. Er wird mit Gott geeint und nimmt seine unsterbliche, unvergängliche Natur an.

Zur Vertiefung dieses Aspekts lesen Sie auch den Blogbeitrag: Freiheit in Christus – was ist das?

Elmar Wieland Vogel
Elmar Vogel

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