War Jesus politisch? Nein. Jesus von Nazareth war kein politischer Aktivist. Er war auch kein Sozialreformer. Und er wollte die Welt nicht verbessern.
In den Evangelien steht nirgendwo, dass er zum Widerstand gegen die Obrigkeit aufrief. Er forderte auch nicht, gesellschaftliche Strukturen zu bekämpfen. Oder eine gerechtere Ordnung aufzubauen.
Auf die Fangfrage nach der Steuer antwortete er klar: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ Matthäus 22,21
Damit zog er eine klare Grenze. Die Systeme dieser Welt sind vergänglich. Das Reich Gottes ist ewig.
Vor Pontius Pilatus sagte er es noch deutlicher: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Johannes 18,36
Die Botschaft gilt dem Einzelnen
Jesus spricht nicht zu Staaten. Er spricht nicht zu Parteien. Und er spricht nicht zu gesellschaftlichen Gremien.
Seine Botschaft richtet sich an das Gewissen des einzelnen Menschen. Erlösung lässt sich nicht verordnen. Barmherzigkeit lässt sich nicht wählen. Vergebung entsteht nicht durch politische Beschlüsse.
Eine gute Tat im Sinne Jesu kommt nicht aus einer Verordnung. Sie entsteht in der persönlichen Begegnung von Mensch zu Mensch. Aus freier Entscheidung, in eine Begegnung einzuwilligen.
Sein zentraler Aufruf lautet Metanoia: Ändert grundlegend euren Sinn. Das bedeutet ehrliche Einsicht in die eigene Unvollkommenheit. Aus dieser Einsicht soll die Bereitschaft resultieren, dem Nächsten ohne Verurteilung Vergebung, Gnade und Barmherzigkeit zu erweisen.
Wenn Kirchen politisch werden
Manche Kirchen treten heute als moralische Erzieher der Gesellschaft auf. Sie kommentieren Gesetze. Sie erteilen politische Weisungen. Und sie maßregeln Mitmenschen.
Damit verfehlen sie die Lehre Jesu im Kern. Sie verwandeln das Evangelium in einen Gesetzeskatalog. Aus der Botschaft Christi wird eine weltliche Ideologie. Und ein Instrument der Anpassung.
Jesus hat weltliche Macht für seine Nachfolger ausdrücklich abgelehnt:
„Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener.“ Matthäus 20,25–26
Der Balken im eigenen Auge
Besonders problematisch wird dieser Erziehungsanspruch vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte. Die Kirche hat über Jahrhunderte Andersdenkende ausgegrenzt und verfolgt. In ihren eigenen Reihen kam es zu schwersten Verfehlungen an Schutzbefohlenen.
Eine Institution mit dieser Vergangenheit verliert den Anspruch auf moralische Vormundschaft über die Gesellschaft. Anstatt über die Politik zu richten, wäre die Kirche im Sinne Jesu aufgerufen, den „Balken im eigenen Auge“ wahrzunehmen (Matthäus 7,3).
Wahre Autorität im Sinne Christi beruht nicht auf Ämtern oder Titeln. Sie beruht nicht auf politischem Einfluss. Sie beruht auf der ehrlichen Einsicht in die eigene Fehlbarkeit. Und auf der Bereitschaft zur Umkehr.
Die Jesaja 53 Sühnopfer Exegese stellt eine der entscheidenden Fragen der christlichen Philosophie: Wie kann der physische Tod eines Einzelnen schuldbezogene Vergebung und Erlösung bewirken?
Die kirchliche Dogmatik hat aus diesem heilsamen Geschehen ein juristisches Tauschgeschäft gemacht. Sie behauptet, Gott sei ein erzürnter Richter, der das blutige Sühnopfer seines unschuldigen Sohnes forderte, um seine verletzte Ehre zu besänftigen. Dieses Gottesbild verwandelt den Schöpfer in einen rachsüchtigen Buchhalter. Es widerspricht der Lehre Jesu zutiefst, der unmissverständlich verkündete: „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer“ (Mt 9,13; Hos 6,6). Eine schlüssige Antwort eröffnet sich, wenn wir den alttestamentlichen Text frei von dogmatischen Schablonen betrachten.
1. Der Missetäter-Irrtum in der Jesaja 53 Exegese
In der Prophezeiung des Jesaja 53,4–5 heißt es:
„Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen.“
Die juristische Dogmatik liest diese Zeilen als Strafgericht Gottes. Sie behauptet, Gott habe Seinen Sohn an unserer Statt exekutiert. Das ist eine verdinglichte Fehlinterpretation.
Der Prophetentext selbst entlarvt diesen Irrtum in einem entscheidenden Halbsatz: „Wir aber hielten ihn für den, der von Gott geschlagen wäre.“
Der Text beschreibt das Missverständnis der Beobachter. Die Menschen irrten sich! Sie hielten das Leiden fälschlicherweise für eine strafende Tat Gottes.
Jesus hat dieses falsche Denken in Seiner Passion endgültig durchbrochen. Sein Sterben war keine abbezahlte Strafe vor einem zornigen Gott. Es war der vorgelebte Ausweg aus dem Richtgeist und der Anklage.
2. Das Sühnopfer und das Lösegeld (Antilytron) als Befreiungszeichen
Wenn Jesus im Evangelium von Seinem Leben als „Lösegeld für viele“ (Mt 20,28; Mk 10,45) spricht, bedient er sich eines orientalischen Sinnbildes. Dieses Lösegeld (Antilytron) ist keine Geldzahlung an Gott oder den Teufel. Gott hält den Menschen nicht in Geiselhaft, um ein blutiges Pfand zu verlangen.
In dieser gründlichen Jesaja 53 Sühnopfer Exegese zeigt sich: Das Lösegeld steht für das notwendige und verleiblichte Zeichen der Befreiung. Es befreit den Menschen von der verhängnisvollen Angst vor Schwäche, Unrecht, Leid und Tod.
Jesus hat am eigenen Leib bewiesen, dass uns selbst im schwersten Leid kein böser Zufall und kein feindlicher Gott begegnet. Wer vertraut, erkennt auch im Unrecht die unteilbare Allwirksamkeit des Vaters.
3. Wahre Stellvertretung: Der Menschensohn leidet für alle Leidenden im Rahmen der Jesaja 53 Sühnopfer Exegese
Stellvertretung bedeutet keineswegs, dass der Mensch ein passiver Zuschauer einer fremden Strafabwicklung wäre.
Als Menschensohn litt und starb Jesus stellvertretend für alle Menschen, die in dieser Welt Unrecht, Schmerz, Ohnmacht und den Tod erfahren. Er nahm das gesamte menschliche Elend in seiner eigenen Person stellvertretend auf sich, um es stellvertretend für alle Leidenden im unerschütterlichen Vertrauen auf den Vater zu durchtragen und zu wandeln.
Gott hat in Christus das getan, wozu kein Mensch aus eigener Kraft fähig war: Er hat das Unrecht, die Ablehnung und den physischen Tod im Vertrauen auf den Allwirksamen angenommen. Im Gethsemane-Gebet willigte Jesus bedingungslos ein: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe“ (Mt 26,39).
Indem Jesus als Stellvertreter der gesamten Menschheit das erlittene Unrecht auf Gott als dessen alleinigen Urheber zurückwarf, geschah die Verwandlung: Das vormals Sinnlose, Geplante und Geistlose aller menschlichen Leidenserfahrungen wurde mit ewigem Geist und Sinn geflutet. Da in Gott kein Widerspruch und kein Leid von Bestand sein können, verliert das Böse am Kreuz seine zerstörerische Macht.
4. Die Kausalität der Vergebung und die Überwindung der Sühnopfer-Dogmatik (Lk 23,34)
Erlösung geschieht nicht durch einen magischen oder bürokratischen Heilsautomatismus im Himmel. Sie beruht auf einem konkreten geistigen Vollzug am Kreuz.
Sterbend betete Jesus für Seine Henker: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Unwissend handelten die Täter aus Befangenheit und Urtäuschung. Doch genau durch ihr verblendetes Tun erfüllten sie unwissend den göttlichen Willen zur Erlösung der Welt.
Die Kausalität der Vergebung ist eindeutig: Weil das unschuldige Opfer im Wissen um den göttlichen Gesamtzusammenhang Seinen Peinigern vergab, erlosch jede Anklage vor Gott endgültig. Wo das Opfer vergibt, hört jede Schuld auf zu bestehen.
5. Das Aufwachen zur unteilbaren Wirklichkeit (Echad)
Gottes Wesen ist ungeteilte, zeitlose Barmherzigkeit. Nach dem Bekenntnis zum Echad (Dtn 6,4; Mk 12,29) und den Worten des Paulus („In ihm leben, weben und sind wir“, Apg 17,28) gibt es keinen gottfremden Bereich und keine autonome Gegenmacht.
Die vermeintliche Trennung zwischen Gott und Mensch ist kein dauerhafter ontologischer Abgrund. Sie ist lediglich das Dunkel unseres eigenen Irrtums und unserer Unwissenheit.
Wir werden dieser Erlösung nicht durch das bloße Fürwahrhalten dogmatischer Lehrsätze teilhaftig, sondern durch die Wandlung des eigenen Sinnes (Metanoia).
Indem wir die Gesinnung Christi annehmen, unseren Eigensinn verleugnen und dem Mitmenschen von Herzen vergeben, löst sich die Illusion der Getrenntheit auf. Der Mensch erwacht zur ewigen, unzerstörbaren Wirklichkeit des Vaters.
Dieses Wort aus der Bergpredigt gehört zu den bekanntesten Bildern Jesu. Viele verstehen es nur als Aufruf zu gutem Verhalten. Wer dabei stehen bleibt, verpasst die tiefere Botschaft. Jesus spricht von einem Weg, mitten im Leid Sinn zu finden.
Das verborgene Salz im Dunkel der Erde
Jesus unterscheidet das Salz der Erde bewusst vom Salz des Meeres. Das Meersalz liegt offen da. Das Salz der Erde liegt verborgen. Es ruht tief im Boden, unsichtbar und unscheinbar. Dieses Bild beantwortet eine grundlegende Frage: Wer sind wir wirklich? Die äußere Hülle, der Körper, entspricht der Erde. Das Eigentliche und Unvergängliche ist das Salz – der Geist. Um ihn zu entdecken, müssen wir in die Tiefe gehen. Wir müssen graben und schürfen. Nur so finden wir das Unentbehrliche mitten im Entbehrlichen.
Dem Geschmacklosen Geschmack verleihen
Salz hat eine klare Aufgabe. Es gibt der faden Speise Geschmack und Bedeutung. Ohne Salz bleibt alles fade und ungenießbar.
Genau das tut der Geist im Leben. Er verleiht den geistlosen, schweren und schmerzhaften Ereignissen Sinn. Krankheit, Misserfolg, Feindschaft oder Tod erscheinen uns oft als Zumutung. Solange wir sie nur äußerlich betrachten, weisen wir sie zurück. Folgen wir Jesu Beispiel und führen sie auf Gott zurück, verändert sich alles. Das Salz des Geistes löst die starren Formen unseres Widerstands auf. Wir können das Schwere annehmen, weil es eine tiefere Bedeutung erhält.
Psychologisch entspricht das der Auflösung einer festen Kristallstruktur. Nur wenn die starre Form sich löst, kann das Salz verkostet werden und Leben spenden.
Die Tragödie des kraftlosen Salzes
„Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nützlich, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.“ Matthäus 5,13
Zertretenwerden ist keine Strafe, sondern Konsequenz. Es ist die Folge, wenn der Geist seine Kraft nicht entfaltet. Wer das Leben als sinnlosen Zufall abwertet, macht das eigene Salz kraftlos. Wer nur die äußere Form sieht und den inneren Inhalt verachtet, verliert die Lebensgrundlage. Er bleibt an den vergänglichen Äußerlichkeiten kleben. Nur die Wertschätzung des Geistes vermehrt seine Kraft in uns.
Die Feuerprobe: Jedes Opfer muss mit Salz gesalzen werden
Jesus verbindet das Bild mit dem alten Opferdienst: „Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden, so wie jedes Opfer mit Salz gesalzen wird“ Markus 9,49-50.
Im Tempel wurde jedes Opfer mit Salz geweiht. Ähnlich begegnet jeder Mensch den brennenden Seiten des Lebens. Diese Feuerprobe ist unvermeidlich.
Die entscheidende Frage lautet: Haben wir Salz bei uns? Wenn wir im Schweren auf den übergeordneten Sinn vertrauen, würzen wir unser Opfer mit Geist. Das Leid geschieht nicht mehr vergeblich. Es wird zu einem heiligen und notwendigen Opfer. Genau so wurde Jesu Tod am Kreuz durch sein Vertrauen zum Werkzeug der Erlösung.
Habt Salz bei euch!
Jesu letzte Mahnung ist klar: „Habt Salz bei euch und habt Frieden untereinander!“ Mk 9,50
Sich selbst als Salz zu verstehen, heißt, die Illusion des bedeutungslosen Lebens aufzugeben. Es bedeutet, die starren Sichtweisen des Verstandes aufzulösen und sich dem Willen Gottes einzufügen. In dieser Haltung finden wir unsere wahre Identität im Geist. Er gibt allen Geschehnissen Sinn.
Lassen wir das kraftlose Klagen hinter uns. Schürfen wir nach dem verborgenen Salz in unserem Herzen. Verwandeln wir jede bittere Zumutung in eine Begegnung mit Gott.
Psychologische Entsprechung: die Auflösung der starren Form (Kristall), um verkostet zu werden und Leben spenden zu können.
„Der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben.“ Markus 10,45
Was „Lösegeld“ ursprünglich bedeutete
Lösegeld „antilytron“, war in der Antike der Preis, zu dem ein Sklave freigekauft werden konnte. Im Sinne des Gleichnisses, hat Jesus in seiner Passion den Preis für die Freiheit des Menschen „bezahlt“.
Kein buchstäblicher Preis für Gott oder Satan
Das Sinnbild vom Lösegeld darf hier also keineswegs im Sinne eines buchstäblichen, monetären oder juristischen Tauschgeschäfts verstanden werden. Es ist nicht so zu verstehen, dass ein zorniger Gott durch das Blut seines Sohnes befriedigt ist. Auch wird hier niemand im juristischen Sinne freigekauft oder dem Sklavenhalter (Gott oder Satan) eine Zahlung geleistet. Gott hält uns nicht in Geiselhaft.
Der Begriff „Lösegeld“ ist vielmehr ein tiefgründiges Gleichnis dafür, dass Jesus der ungeteilten und unabänderlichen Wirklichkeit Tribut gezollt hat. Diese Wirklichkeit ist Gott. Mit anderen Worten: Jesus hat das Erforderliche und Notwendige getan, um uns aus der Knechtschaft der Angst und der Illusion des Getrenntseins von Gott (Leben) zu befreien.
Warum das leibliche Opfer notwendig war
Kein Mensch besaß aus eigener Kraft die geistige Stärke, inmitten von Folter, Hass und Tod den sinnstiftenden Willen des Vaters zu erkennen. Deshalb musste Gott in der Gestalt Jesu diese äußerste Ohnmacht betreten, um uns ein unmissverständliches Zeichen zu geben. Indem Jesus Seine Passion willig annahm und selbst im grausamen Tun Seiner Peiniger den Willen des Vaters erkannte, brachte er das leidvolle Geschehen mit Gott in Berührung. Da Gott das ungeteilte Leben selbst ist, musste dieses scheinbar Gottlose einen radikalen Bedeutungswandel erfahren und im Geist zu etwas Notwendigem und Gutem gewandelt werden.
Das Unabänderliche als Wille Gottes annehmen
Hierin liegt die universelle Grundwahrheit des Opfers Jesu: Dort, wo Gott als die einzige Ursache aller Geschehnisse – auch der ungerechten und leidvollen – verstanden wird, hören diese auf, sinnlos oder umsonst zu geschehen.
Wenn Sinnlosigkeit sich in Geist und Sinn verwandelt
Solange wir das Leid auf Schicksal, Zufall oder die Bosheit unserer Feinde zurückführen, bleiben wir ohnmächtige Opfer der Umstände. Sobald wir jedoch das Unabänderliche – wie Jesus in Gethsemane – vertrauensvoll als den Willen Gottes annehmen, werfen wir es auf ihn zurück. Unser Vertrauen nötigt Gott, sich mit unserem Schmerz zu identifizieren, ihn mit seinem Geist zu erfüllen und das Sinnlose in eine neue, lebendige Schöpfung zu verwandeln.
Nichts kann mehr von der Liebe Gottes trennen
Darauf bezieht sich das Wort des Apostels Paulus: „Dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“ (Röm 8,28). Gott lieben bedeutet hier, ihn als die ungeteilte Ursache aller Wirklichkeit – also auch des Feindes und des erlittenen Leids – anzuerkennen und vertrauensvoll in das Unabänderliche einzuwilligen.
Wer das Leben in dieser Haltung auffasst, den kann nichts mehr von der Liebe Gottes trennen, weil er überall seinem Wirken begegnet und das Böse im Geist ein für alle Mal überwunden ist.
„Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ Römer 8, 38-39
Im Sinne der Lehre Jesu existiert kein „freier Wille“ im herkömmlichen, rein menschlichen Sinne einer Entscheidungs- und Handlungsfreiheit, die unabhängig von Gott existiert. Der menschliche Eigenwille ist von Natur aus unfrei, befangen, abhängig, ängstlich und durch irdische Vorstellungen konditioniert.
Wahrer freier Wille beruht paradoxerweise auf der Einsicht, keinen eigenen freien Willen zu besitzen.
Freiheit bedeutet in Jesu Botschaft nicht, willkürlich tun und lassen zu können, was man will, sondern das wollen zu können, was unabänderlich geschieht und insofern von Gott gewollt ist. Da der freie Wille untrennbar an Gott gebunden ist und Gott die einzige Wirklichkeit darstellt, ist ein Wille nur dann wirklich frei, wenn er eins ist mit der Wahrheit, die keine Alternative hat.
Der Mensch will dann nichts anderes mehr als das, was Gott will. Diese Fähigkeit zur Einwilligung in das Unabänderliche ist jedoch keine menschliche Leistung, sondern eine reine Gnadengabe Gottes, der uns zu sich zieht und das Gute in uns wirkt:
„Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, dass der Vater ihn zieht.“ Johannes 6,44
2. Die Absurdität der „freien Wahl“ als Versuchung
Die weitverbreitete theologische Vorstellung, Gott habe dem Menschen einen freien Willen gegeben, damit dieser sich autonom „für oder gegen“ ihn entscheiden könne, ist im Licht des Evangeliums in sich widersprüchlich und insofern unhaltbar.
Gott hat keine Alternative:
Gott ist die unteilbare, einzig existierende Wahrheit und das Leben selbst. Da es gegenüber Gott, der die Wahrheit ist, keinen realen Gegenspieler gibt, existiert auch kein eigenständiger Bereich außerhalb seiner Allwirksamkeit. Die Unwahrheit ist keine echte Wahlalternative gegenüber der Wahrheit, sondern schlichte Nichtexistenz und Illusion.
Die Illusion des eigenen Verdienstes:
Hinge die Entscheidung für Gott vom autonomen Willen ab, so käme dem Menschen ein Verdienst an seiner Erlösung zu. Dies widerspricht allerdings dem urchristlichen Prinzip, dass wir allein aus Gnade gerechtfertigt werden. Zudem schließt ein von Gott unabhängiger Wille einen allmächtigen Gott logisch aus. Denn entweder Gott wirkt ausnahmslos alles, oder er ist nicht allmächtig.
Wahlmöglichkeit ist Versuchung:
Die vermeintliche Freiheit, sich für oder gegen Gott entscheiden zu können, ist daher keine echte Freiheit, sondern vielmehr ein Zustand der Versuchung. Sie verleitet den Menschen zu dem Irrtum, zu glauben, es existiere eine Alternative zu Gott und Wahrheit. Wer dieser Täuschung erliegt, verbleibt in der Unfreiheit. Warum? Weil er versucht wird, Gottes Heil unabhängig von Gott aus eigener menschlicher Entscheidung wählen zu können. In Wahrheit jedoch wirkt Gott beides, unseren Willen zur Wahrheit ebenso, wie das Vollbringen gottgefälliger Werke.
„Denn Gott ist’s, der beides in euch wirkt, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“ Phil 2,13
3. Einwilligung in den Willen Gottes (Gethsemane)
Der freie Wille besteht darin, den eigenen vordergründigen Willen aufzugeben und in den einzigen, ungeteilten Willen Gottes einzuwilligen. In diesem Sinne lehrte Jesus:
„Wenn jemand mein Jünger sein will, dann muss er sich selbst verleugnen, er muss sein Kreuz aufnehmen und mir folgen.“ (Mt 16,24)
In diesem Sinne hat uns Jesus ein Vorbild gegeben:
„Denn ich bin nicht vom Himmel herabgekommen, um zu tun, was ich will, sondern um den Willen des Vaters zu erfüllen, der mich gesandt hat.“ (Joh 6,38)
Diese Haltung hat Jesus im Garten Gethsemane bis zur letzten Konsequenz vorgelebt. Angesichts seiner bevorstehenden Hinrichtung betete er: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!“
In dieser bedingungslosen Hingabe legte Jesus sein menschliches Wollen und seine Todesangst ab. Er willigt ohne tätlichen Widerstand in das Unrecht ein, weil er den Willen Gottes darin zu erkennen vermochte. Und indem er vertrauensvoll in seine Passion einwilligte, machte er Gott zur unmittelbaren Ursache dieses schrecklichen Geschehens.
Gott aber ist das reine, ungeteilte Leben. In ihm haben kein Mangel, kein Leid und kein Tod Bestand. Das Sinnlose erfährt in der unmittelbaren Berührung mit dem göttlichen Geist einen grundlegenden Bedeutungswandel. Das Sinnlose und Geistlose wird mit Geist und Sinn erfüllt. Es verliert seinen Charakter als Übel und wird zu etwas Notwendigem und Gutem verwandelt.
Die radikale Änderung der Sichtweise (Metanoia) macht das Unabänderliche zu etwas Notwendigem und Gutem.
Der Beweis für die Gültigkeit dieser Lehre liegt darin, dass die Passion Jesu auch nach zweitausend Jahren ungebrochen Gegenstand menschlichen Nachdenkens geblieben ist. Damals wurden tausende gekreuzigt, deren Namen niemand kennt. Jesu Name aber ist geblieben, wie er es geglaubt und vorausgesehen hat.
Wahrer freier Wille ist der vollkommene Einklang mit der unteilbaren Wirklichkeit Gottes. Wer fähig wird, das zu wollen, was Gott will, weicht der Wahrheit nicht länger aus. Er wird mit Gott geeint und nimmt seine unsterbliche, unvergängliche Natur an.
Das sprachliche Missverständnis und das wahre Zeichen
Die etablierte kirchliche Dogmatik klammert sich seit Jahrhunderten an die Vorstellung einer biologischen Jungfrauengeburt als unumstößliches Wunder, um die Göttlichkeit Jesu zu beweisen. Doch wer das Geschehen auf ein rein physisches Mirakel reduziert, übersieht die revolutionäre und tiefgründige Weisheit, die diesem Sinnbild in Wahrheit innewohnt.
Der theologische Irrtum beginnt bereits bei der Übersetzung der alttestamentlichen Verheißung in Jesaja 7,14. Im hebräischen Urtext ist keineswegs von einer Jungfrau im biologischen Sinne die Rede, sondern von einer „almâh“ (עַלְמָה). Als solche bezeichnete man im Hebräischen eine junge Frau bis zur Geburt ihres ersten Kindes – unabhängig von ihrer sexuellen Unberührtheit. Erst in der späteren griechischen Übersetzung wurde daraus das Wort für „Jungfrau“.
Das Zeichen im Schatten
Wenn Gott ein Zeichen ankündigt, dann besteht dieses Zeichen nicht in einem biologischen Ausnahmefall. Das wahre Zeichen liegt im gesellschaftlichen Makel einer unehelichen Schwangerschaft. Der Vater des Kindes wird in der Prophezeiung bewusst nicht erwähnt. In einer Kultur, in der schwangere Ledige von der Steinigung bedroht waren und unter extremer gesellschaftlicher Ächtung standen, bedeutete diese Schwangerschaft für eine unverheiratete junge Frau den sozialen Ruin und Lebensgefahr. „Der Geist Gottes wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten …“ Luk 1,35
Marias Magnificat: Würde im Unwürdigen
Erst vor diesem Hintergrund wird das Magnificat Marias (Lukas 1,46) in seiner existenziellen Tiefe verständlich: „Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut“. Marias Freude über ihre Rettung war kein Triumph biologischer Reinheit, sondern der Ausdruck eines unerschütterlichen Glaubens, der sie gedanklich über den gesellschaftlichen Makel ihrer unehelichen Schwangerschaft emporhob.
Dass Maria „vom Heiligen Geist“ schwanger war, ist im tiefsten Sinne geistig zu verstehen: Sie glaubte der Verheißung Gottes und schämte sich nicht für eine Schwangerschaft, die für die Welt bzw. gesellschaftlich eine Schande war. Ihre Würde lag darin, dass sie mitten im Unwürdigen an ihre göttliche Würde glaubte. In ihrer Bereitschaft, die Schande und die Lebensgefahr auf sich zu nehmen („Mir geschehe nach deinem Wort“), vollzog sie jenen radikalen Willensverzicht, der später zum Kern der Lehre ihres Sohnes Jesus werden sollte, der als gesellschaftlich Geächteter, die Würdelosigkeit seiner Hinrichtung auf sich nahm.
Würdelos ist nicht derjenige, der Würdeloses erduldet, sondern nur derjenige, der das Erlittene selbst für würdelos erklärt.
Die Ächtung der Welt als Bestätigung durch Gott
Dieses Prinzip zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Neue Testament: Gott kommt in das Niedere, Unwerte und Verachtete, um ihm Ansehen und Ehre zu verschaffen. Die göttliche Allmacht offenbart sich nicht im glanzvollen Triumph weltlicher Perfektion, sondern paradoxerweise im Zustand äußerster Ohnmacht, Schwäche und gesellschaftlicher Verachtung.
Wie der Apostel Paulus in 1. Korinther 1,28–29 schreibt:
„Was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt…“.
Das in der Prophezeiung angekündigte Zeichen Gottes beruht auf der gesellschaftlichen Ächtung und Geringschätzung dessen, was vor Gott heilig ist.
Durch den Glauben erkennen wir Gottes Wirken exakt in dieser Ächtung durch die Mitmenschen. Jede gesellschaftliche Ausgrenzung, die wir durch eine aufrechte, wahrhaftige Geisteshaltung erleiden, ist keine Strafe, sondern die negative Form der Bestätigung durch Gott. „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euch beschimpfen und euch in Verruf bringen um des Menschensohnes willen. Freut euch und jubelt an jenem Tag; euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den Propheten gemacht.“ Luk 6,20
Wie Simone Weil treffend schrieb, macht das erlittene Böse uns nicht minderwertig, sondern offenbart erst unseren wahren, unzerstörbaren Rang vor Gott. Wer mitten in der ungerechtfertigten Erniedrigung inneren Frieden findet, der erfährt, dass das Unschöne und Unabänderliche durch die vertrauensvolle Einwilligung in den ewigen Geist, Sinn und unzerstörbaren Trost verwandelt wird.
Fazit Das Dogma der biologischen Jungfrauengeburt ist eine nachträgliche, rein physische Verengung der Kirche, die der revolutionären Botschaft die Spitze abbricht. Das Evangelium verkündet keinen unnatürlichen Zauber, sondern einen radikalen Perspektivwechsel (Metanoia): Das Vollkommene kommt in das Unvollkommene, das Edle in das Unwerte und das Reine in die Schande, damit das Niedere im unerschütterlichen Vertrauen auf Gott zu neuer, unvergänglicher Herrlichkeit auferweckt werde.
Das Schma-Israel („Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger Gott“, 5. Mose 6,4) bildet nicht nur das fundamentale Glaubensbekenntnis des Judentums, sondern ist zugleich das unabdingbare Fundament, auf dem das gesamte Gottesbild Jesu ruht. Wenn Jesus dieses Gebot im Markusevangelium (Mk 12,29) als das vornehmste aller Gebote hervorhebt, begründet er damit eine radikale, ungeteilte Sicht auf die Wirklichkeit. Das hebräische Wort für „einig“ oder „eins“ in diesem Vers ist „echad“ – es bezeichnet im Kern eine vollkommen unteilbare, einzigartige und verbundene Einheit.
Aus dieser absoluten Einheit Gottes folgt eine logische und existenzielle Konsequenz, die für das Verständnis der Lehre Jesu unerlässlich ist:
1. Die Aufhebung des dualistischen Weltbildes (Kein Außerhalb Gottes)
In der ungeteilten Wirklichkeit des Schma-Israel existiert schlichtweg kein „Außerhalb“ Gottes. Gäbe es einen Bereich, eine Kraft oder eine geschöpfliche Autonomie unabhängig von seinem Wirken, so wäre Gott nicht allmächtig und damit nicht Gott. In diesem Sinne beschreibt die christliche Philosophie Jesus als den konsequentesten und radikalsten Pantheisten: Jesus setzte das Sinnbild des „Vaters“ mit einem allumfassenden, widerspruchsfreien Gottesbegriff gleich, in dem es keinen eigenständigen Gegenspieler (wie den Satan oder das Böse als eigenständige Macht) geben kann. Dieses Gottesbild verdeutlicht auch der Propheten Jesaja.
Die All-Einheit Gottes bei Jesaja
„Ich bin der JHWH, und sonst keiner mehr, kein Gott ist außer mir. Ich habe dich gerüstet, obgleich du mich nicht kanntest, damit man erfahre in Ost und West, dass außer mir nichts ist.“ Jesaja 45, 5–6
כִּי־אֶפֶס בִּלְעָדָי → „dass außer mir nichts ist“
Das entscheidende Wort für „nichts“ ist hier אֶפֶס (efes / ephes). אֶפֶס – Nichts und Null. Das hebräische „ephes“ meint nicht bloß „keine anderen Götter“, sondern eine umfassendere Aussage: Außer JHWH gibt es letztlich nichts.
Gott ist das reine Leben und die Existenz selbst („ICH BIN“). Das Böse und der Tod besitzen keine eigene ontologische Substanz, sondern sind zeitliche Erscheinungen und Ausdruck eines Mangels an Erkenntnis – eine Nichtexistenz, die in der Berührung mit dem ungeteilten Geist Gottes weichen muss.
2. Gott als allwirksame Ursache aller Geschehnisse
Wenn Gott unteilbar eins ist, dann muss er folgerichtig auch die allwirksame Ursache ausnahmslos aller Geschehnisse sein – der angenehmen wie der leidvollen, der gerechten wie der ungerechten. Wer Gott aus dem Übel, der Schuld oder dem Leid ausklammert, spaltet die Wirklichkeit in einen göttlichen und einen gottlosen Bereich und beraubt das Kreuz Christi seines gesamten Erlösungssinns.
Aus dieser monistischen Prämisse entfalten sich die Kernthesen der Lehre Jesu:
Metanoia (Die Sinnesänderung): Jesu erster Aufruf zur Metanoia („Ändert euren Sinn!“) fordert uns auf, unsere Einstellung gegenüber der Wirklichkeit grundlegend zu ändern. Soweit wir fähig sind, Gottes Wirken und Gegenwart auch im Unabänderlichen – in eigener Schwäche, im Leid und im Tod – zu suchen und vertrauensvoll anzunehmen, wird das vormals Sinnlose im Geist mit Sinn und Leben geflutet.
Gethsemane als Vollzug der Einheit: Jesu Gebet in Gethsemane („Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“) war kein Gehorsamsakt unter fortbestehender Differenz zwischen menschlichem und göttlichem Willen. Es war die vollkommene Selbstverleugnung des befangenen menschlichen Eigenwillens, um unteilbar eins mit dem allwirksamen Willen des Vaters zu werden. „Wenn jemand mein Jünger sein will, dann muss er sich selbst verleugnen, er muss sein Kreuz aufnehmen und mir folgen.“ Mt 16,24 Wer glaubt, ein Wille, der verleugnet werden soll, stelle weiterhin eigene alternative Größe gegenüber dem Willen Gottes dar, irrt.
Die Kausalität der unbedingten Vergebung: Weil Gott ungeteilt eins ist, existieren in ihm keine Anklage, kein Gericht und keine Schuld. Jesu Vergebungsbitte am Kreuz („Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“) ist die einzig schlüssige Konsequenz dieser Allwirksamkeit. Da die Täter unwissend den notwendigen Heilsplan zur Erlösung der Welt vollstreckten, handelten sie in Übereinstimmung mit Gottes ewigem Willen und sind vor Gott objektiv frei von Schuld und Anklage.
Fazit : Das Schma-Israel ist der Schlüssel, der das Evangelium aus den Fesseln einer moralisierenden Gesetzesreligion befreit. Nur wer Gott als das ungeteilte Ganze begreift, versteht, dass uns in ausnahmslos jeder Erscheinung – auch in unserem Feind – Gott selbst begegnet. Soweit wir die ungeteilte Wahrheit über uns selbst in aufrichtiger Selbsterkenntnis annehmen, erkennt Gott sich selbst in uns, wodurch Gott und Mensch in vollkommener Herrlichkeit eins werden.
Dass der Mensch stirbt, ist kein unvorhergesehenes Strafgericht eines zornigen Schöpfers, sondern es ist die unmittelbare Konsequenz jener Erkenntnisfähigkeit der Gegensätze, die der Mensch im Paradies erworben hat, so wie es in der Geschichte vom Sündenfall beschrieben wird.
Durch das Essen vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse wurden dem Menschen die Augen geöffnet und er erkannte Dinge, die er ohne diese Fähigkeit nicht wahrgenommen hätte, so wie Gott es angekündigt hatte. Gegensätze wie gut und böse, Tod und Leben, verborgen und offenbar, nackt und bekleidet, werden dort bereits erwähnt.
Der Zustand vor dem Sündenfall: Die erkenntnislose Einheit
Es ist ein weitverbreiteter Irrtum zu glauben, vor dem Sündenfall habe es in der Natur kein biologisches Sterben gegeben. Die Wahrheit ist eine andere: Aus der Sicht des erkenntnislosen Ur-Menschen existierte der Tod schlichtweg nicht, weil er mangels einer entwickelten Erkenntnisfähigkeit den Tod gar nicht als einen Gegensatz zum Leben wahrnehmen konnte. Das heißt, er ruhte in einer unbewussten, paradiesischen Einheit.
Der Sündenfall: der Erwerb der Erkenntnis der Gegensätze
Erst durch den symbolischen Akt des Essens vom Baum der Erkenntnis wurde dem Menschen die Welt der Gegensätze bewusst: Gut und Böse, Licht und Finsternis, Freude und Leid und eben auch Leben und Tod. Diese Dinge bedingen einander; das eine kann ohne das andere für uns im Alltagsverstand nicht mehr gedacht werden.
Doch die Art und Weise, wie wir im Paradies zu dieser Erkenntnis gelangten, hat uns von Gott – der das reine, ungeteilte Leben selbst ist – entfremdet und uns sterblich gemacht. Warum? Weil die Schlange das Sinnbild der Endlichkeit der Dinge ist. Die Erkenntnis, die wir durch sie erwarben, konnte folglich nur das Endliche, das Temporäre, das Unvollkommene und das Sterbliche sichtbar machen. In Christus erkennen wir nun das Unsichtbare:
„Uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“ 2. Kor 4,18
Die Sünde: Irrtum über die Bedeutung des Todes
Hierin liegt der eigentliche Irrtum (die Sünde) und die Täuschung: Wir bewerten unser Dasein fälschlicherweise als endlich bzw. als begrenzt und vergänglich, da wir noch immer unter der Erkenntnis der Schlange stehen, die sich nur auf das Sichtbare beschränkt. Weil wir glauben, das Leben erschöpfe sich in unserer zeitgebundenen, fleischlichen Hülle, entsteht die lähmende Todesangst. Diese Angst macht den Menschen korrumpierbar und führt zu einer profanen und geistlosen Existenz.
Unter Sünde ist somit weniger eine moralische Verfehlung zu verstehen, als vielmehr das Handeln aus diesem Irrtum der Trennung und der Endlichkeit (der Schlange) heraus. Die schöpferische Notwendigkeit (Felix Culpa) Obwohl uns der Sündenfall sterblich machte, war er dennoch ein „Glücksfall“ (felix culpa), wenn wir ihn im Geist der Botschaft Jesu betrachten. Denn ohne diese im Paradies erworbene Erkenntnisfähigkeit der Gegensätze wäre der Mensch gar nicht in der Lage, die erlösende Botschaft Jesu überhaupt auf- und anzunehmen. Nur ein erkennendes Wesen kann Gott suchen und das Ewige vom Vergänglichen unterscheiden.
Die Überwindung des Todes in Christus
Jesus Christus bringt uns nun die vollständige Erkenntnis des Vaters, die über die unvollständige Erkenntnis der Schlange hinausgeht. Er lehrt uns den wahren Umgang mit unserer Erkenntnisfähigkeit, nämlich die Erkenntnis der Wahrheit:
„Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.“ Joh 17,3 „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Joh 8,32
„Gott will, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ 1. Tim 2,4
Indem wir nun selbst – so, wie Jesus in Seiner Passion – das Unabänderliche unseres Schicksals, das persönliche Kreuz unserer Mangelhaftigkeit und Sterblichkeit, willig und vertrauensvoll aus der Hand Gottes annehmen, werfen wir es auf Ihn als die allwirksame Ursache zurück. Gott ist das reine, ungeteilte Leben, in dem kein Widerspruch und keine Trennung existieren können.
Das Begrenzte und der Tod sind zeitliche Phänomene, die in der Berührung mit dem Geist einen radikalen Bedeutungswandel erfahren. Was vertrauensvoll in Gott hineingetragen wird, nimmt Seine unsterbliche Natur an. In dieser vollkommenen Einheit mit Gott existiert kein trennender Gegensatz mehr – und wo alle Trennung aufgehoben ist, da ist auch der Tod als ultimative Teilung ein für alle Mal überwunden.
Der biologische Tod bleibt eine reale Grenze unseres irdischen Körpers, doch im Geist Jesu erkennen wir unser wahres Wesen als von Ewigkeit her ungeboren und unsterblich in Gott geborgen.
In der traditionellen Dogmatik wird die Sünde primär als moralischer Verstoß gegen die Gebote Gottes, als juristische Schuld und als Erbsünde verstanden. Nach dieser Sicht wird der Mensch als von Natur aus gottloses, schuldhaftes Wesen geboren, dessen Verfehlungen eine verletzte Ehre Gottes darstellen und folglich unerbittlich bestraft werden müssen.
Im Kontext der Lehre Jesu sind Sünde und Irrtum (Täuschung) Synonyme.
Kein Mensch kommt von Natur aus gottlos zur Welt; die Geburt an sich ist bereits ein reines Zeichen der unverdienten Gnade Gottes, was Jesus beispielhaft am Wesen der Kinder verdeutlicht hat. Die „Sünde“ besteht vielmehr in der Illusion des Getrenntseins von Gott (der das reine Leben und der allumfassende Geist ist). Aus diesem fundamentalen Irrtum heraus misstraut der Mensch dem Leben, fürchtet das Unabänderliche – wie Schwäche, Leid und Tod – und versucht, diese Mangelhaftigkeit im egoistischen Selbsterhaltungsdrang abzuwehren. Sünde ist daher nicht die böse Tat an sich, sondern die irrtümliche, ängstliche Rechtfertigung des Bösen.
Das Paradoxon der Sünde (Felix Culpa):
Die menschliche Mangelhaftigkeit ist jedoch kein Fehler im System, sondern eine schöpferische Notwendigkeit (felix culpa bzw. „glückliche Schuld“). Gott hat uns als Sünder geschaffen, damit wir an den eigenen Grenzen die Notwendigkeit von Barmherzigkeit und Gnade erfahren. Erst das ungeschminkte Eingeständnis unseres eigenen Unvermögens bricht unseren stolzen Eigenwillen und befähigt uns, dem Nächsten von Herzen zu vergeben – wodurch uns die Sünde letztlich als Triebfeder dient, um eins mit Gott zu werden.
Der Stellvertretertod Jesu
Konservative Kirchenlehre: Die traditionelle Rechtfertigungslehre deutet das Kreuz oft als ein magisches, juristisches Tauschgeschäft (Satisfaktionslehre). Ein zorniger Gott fordert demnach den grausamen Blutstod Seines unschuldigen Sohnes als Sühneopfer, um Seinen Zorn zu besänftigen und die Strafe stellvertretend abzugelten. Der Mensch bleibt dabei ein passiver, unbeteiligter Zuschauer eines historischen Heilsautomatismus.
Jesu verwirft die Vorstellung eines strafenden Rachegottes und eines mechanischen Opferhandels gänzlich, indem er auf die Wechselwirkung von Vergebung und Barmherzigkeit verweist. Wahre Stellvertretung bedeutet, dass Gott in Christus das für uns getan hat, wozu kein Mensch aus eigener Kraft fähig war: Er besaß die enorme geistige Kraft, selbst im grausamsten Unrecht Seiner eigenen Hinrichtung den sinnstiftenden Willen Gottes zu erkennen und bedingungslos in Seinen Leidensweg einzuwilligen.
Die Wandlung des Bösen am Kreuz: Indem Jesus am Kreuz Seinen eigenen menschlichen Willen völlig entäußerte („nicht wie ich will, sondern wie du willst“) und Seinen Peinigern vergab, führte Er Seine Passion auf Gott als die Ursache ausnahmslos aller Geschehnisse zurück. Weil Gott jedoch das Leben selbst ist und in Ihm weder Leid, noch Schuld, noch Tod Bestand haben können, erfährt das absolut Sinnlose und Böse in der Berührung mit dem Geist einen radikalen Bedeutungswandel. Am Kreuz wurde das Sinnlose mit ewigem Geist und Sinn erfüllt und dadurch in etwas Notwendiges und Gutes gewandelt – die Sünden der Welt wurden am Kreuz buchstäblich „gut“ gemacht und die anklagende Welt der Schuld überwunden.
Kein Automatismus, sondern aktive Nachfolge: Das Kreuz rettet uns nicht an uns vorbei. Jesus hat das stellvertretende Vorbild geliefert, damit wir Seine Geisteshaltung (Metanoia) verinnerlichen. Erlösung und Sühne werden in uns erst dann zur Wirklichkeit, wenn wir ebenfalls bereit sind, unser unabänderliches Schicksal vertrauensvoll aus Gottes Hand anzunehmen und selbst aktiv, bedingungslose Vergebung und Barmherzigkeit an unseren Mitmenschen zu üben.
Was schriftlich oft in Ruhe wächst, wird im Gespräch unmittelbarer: Fragen, Einwände, Gedanken im Austausch. Auf dieser Seite finden Sie Interviews, in denen ich die geistigen Impulse aus der Botschaft Jesu im Gespräch entfalte.
Sind die Interviews kirchlich oder konfessionell gebunden?
Nein. Der Ansatz ist überkonfessionell. Maßstab sind die Worte und der Weg Jesu, nicht das Regelwerk einer Institution.
Brauche ich theologisches Vorwissen?
Nein. Voraussetzung ist Bereitschaft, zuzuhören und mitzudenken. Wo Bibelstellen vorkommen, werden sie im Zusammenhang der Lehre Jesu erklärt und ausgelegt.
Wo beginne ich, wenn ich nur ein Gespräch wählen kann?
Beim Interview zum Buch Essenzen, wenn Sie den Gesamtzugang suchen. Beim Gespräch mit Florian Schilling, wenn Sie vor allem die Frage nach Leid und Mission Jesu bewegt.
Christophilos bleibt auch im Bewegtbild dasselbe: keine Vereinnahmung durch eine Glaubensgruppe, sondern eine freie Auseinandersetzung mit dem Kern der Lehre Jesu.
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Interview am 25. August 2026 mit Raik Schirmer zum Buch Essenzen
Inhaltlich im Gespräch – worum geht es?
Raik Schirmer spricht mit Elmar Wieland Vogel über zentrale Aussagen der Botschaft Jesu – ausgehend vom Buch Essenzen, ohne konfessionelle Vorgabe.
Den Einstieg bildet Joh 14,6: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Im Gespräch wird die Stelle nicht als Ausschlussformel im kirchlichen Sinn gelesen, sondern als Hinweis auf eine Geisteshaltung: Zugang zum Vater durch die Wahrheit, die Jesus lehrte und die er in seiner Passion selbst konsequent lebte. Daraus folgt die Frage, ob auch ein Mensch außerhalb der Kirche – etwa ein Buddhist – zum Vater kommen kann.
Weiter geht es um das Erkennen Gottes im Nächsten („Wenn du deinen Bruder siehst, erblickst du deinen Gott“), um Feindesliebe nach Matthäus 5 und um das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht: Vergebung ist keine gönnerhafte Geste, sondern die Bereitschaft, anderen denselben Raum zu geben, den man selbst empfangen hat.
Praktisch wird das an alltäglichen Begegnungen durchgespielt – auch dort, wo einem jemand zutiefst unsympathisch ist.
Gegen Ende weitet sich der Blick: das Doppelgebot der Liebe im Zusammenhang der Bergpredigt, die Frage, ob Gott teilbar und das Böse von ihm abgetrennt sei, und wie die Schrift als Einheit gelesen werden kann, ohne sie in Lager und Lehrsätze zu zerlegen. Das Gespräch bleibt dabei, worauf Christophilos zielt: die Botschaft Jesu als folgerichtige Weisheitslehre, prüfbar im Denken und im Umgang mit dem Nächsten.
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Interview mit Florian Schilling über die Bedeutung der Mission Jesu
Worum geht es inhaltlich?
Im Gespräch vom 11. September 2026 treffen Florian Schilling (Transition Tribe) und Elmar Wieland Vogel aufeinander – und drehen die klassische Frage nach Jesu Mission um.
Nicht Rettung von außen, nicht Institution, nicht Dogma. Sondern eine radikale innere Haltung gegenüber dem, was uns am meisten zusetzt: Leid, Ungerechtigkeit, Schwäche, Tod. Jesus kam, um zu zeigen, dass all das „Ungeordnete“ nicht äußerlich heilbar ist. Es wird nur dort überwunden, wo man es bewusst in Gott hineinträgt – und ihm so eine neue Bedeutung gibt.
Gott wirkt alles, auch das Schmerzliche. Deshalb die Zumutung der Feindesliebe: Die Sonne scheint über Gerechte und Ungerechte. Wer nur die liebt, die ihn lieben, bleibt im Alten. Wer das Beschwerliche suchend und vertrauensvoll annimmt, verwandelt Grenzen in Türen. Genau das hat Jesus nicht nur gelehrt, sondern in seiner Passion selbst durchgehalten – Verrat, Demütigung und Sterben als das, was die Wahrheit nicht zerstört, sondern offenbart.
Das Interview bleibt überkonfessionell und prüfbar: Die Botschaft Jesu als Weisheitslehre für den Umgang mit dem Nächsten und mit dem eigenen Leid. Wer das Video sieht, bekommt keine fromme Beruhigung, sondern eine Herausforderung – und vielleicht einen neuen Blick darauf, warum das Schwere uns überhaupt begegnet.
In diesem Beitrag möchte ich bewusst zurückgehen zu den Worten Jesu selbst und zeigen, wie der Begriff „Glaube“ laut seinen Aussagen zu verstehen ist. Ohne dogmatische Brille, einfach und direkt.
Grundsätzliches zum Glaubensbegriff
Glauben heißt, nicht wissen. Stimmt das?
Tatsächlich wird der Begriff Glaube im Deutschen auf zweierlei Weise verwendet:
Als Mutmaßung: „Ich glaube, dass morgen schönes Wetter wird.“
Als Vertrauensbekundung: „Dem Zeugen, der mir den Hergang geschildert hat, glaube ich.“
Betrachtet man den Zusammenhang, in welchem Jesus vom Glauben spricht, so ist der christliche Glaubensbegriff der zweiten Kategorie zuzuordnen. Insofern verfehlt der Spruch „Glauben heißt nicht wissen“ die Bedeutung des christlichen Glaubensbegriffs. Jesus sieht sich selbst und jene, die um die geistige Dimension dieses Daseins wissen, als Teilhaber einer übergeordneten Wirklichkeit. Was sie dort „gesehen“ haben, macht sie zu unmittelbaren Zeugen dieser Wirklichkeit. Einer Wirklichkeit, die über das Vordergründige hinausweist.
Amen, amen, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben, und ihr nehmt unser Zeugnis nicht an. ( Joh 3,11)
Glaube bedeutet: die Lehre Jesu für wahr halten
Eine erste, ganz klare Definition des Glaubens lautet schlicht: Glaube bedeutet, die Lehre Jesu für wahr zu halten. Diese Bestimmung ist so grundlegend, dass sie von fast allen Christen – unabhängig von der Konfession – akzeptiert wird. Und sie folgt unmissverständlich aus den Worten Jesu selbst:
„Wenn ihr an meinen Worten festhaltet, dann seid ihr wirklich meine Jünger. Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen!“ (Joh 8,31)
Doch was genau folgt aus diesen Worten Jesu? Tatsächlich ist die Lehre, die sich unmittelbar aus seinen Worten ergibt, sehr einfach und schlicht. Sie lässt sich in wenigen Hauptpunkten zusammenfassen.
Glaube ist Liebe zu Gott
Das klingt auf den ersten Blick banal und für viele abgedroschen. Um zu verstehen, was Jesus wirklich meint, müssen wir zuerst klären, was er überhaupt unter „Gott“ versteht. Auf die Frage eines Pharisäers nach dem höchsten Gebot antwortet Jesus:
„Höre Israel, unser Gott ist ein einiger Gott.“ „Höre Israel, unser Gott ist nur einer.“ „Höre, Israel, unser Gott ist ein einziger.“
Alle diese Lesarten sind hier möglich. Und weiter:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und erste Gebot.“ (Mk 12,29 bzw. 5. Mose 6,4)
Diese Aussage über Gott stimmt mit anderen biblischen Gotteserklärungen überein:
„Ich bin der JHWH, und sonst keiner mehr, kein Gott ist außer mir.“ (Jes 45,5 „Ich bin der JHWH, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ (2. Mose 20,2-3)
Glaube bezeichnet insofern Liebe zu einem Gottesbild, in dem weder Teilung, noch Trennung noch Widerspruch, noch Konkurrenz noch ein Gegenpart oder Gegenspieler zu Gott existieren.
Glaube an Gott ist Glaube an die Wahrheit
Für Jesus war „Gott“ aber auch ein anderes Wort für den Begriff der Wahrheit und das Leben selbst. Das wird besonders deutlich in seiner Aussage vor Pilatus:
„Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“ (Joh 18,37
Jesus hätte hier genauso gut sagen können: „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich von Gott Zeugnis ablege. Wer aus Gott ist, der hört meine Stimme.“ Der Inhalt wäre identisch. Doch hätte er „Gott“ gesagt, so hätte Pilatus vermutlich gefragt: „Von welchem der vielen Götter sprichst du?“ Jesus vermeidet diese Relativierung bewusst. Sein Gottesverständnis ist ja universal: Gott und Wahrheit sind für ihn Synonyme.
Inwiefern gleichen sich Gott und Wahrheit?
Die Aussage, dass Gott und Wahrheit Synonyme sind, schließt nahtlos an die vorherige Definition an, nämlich dass Gott einzig, eins, ungeteilt und unteilbar ist. Ebenso trifft das auch auf die Wahrheit zu. Wahrheit ist definitionsgemäß das Gegenteil von Unwahrheit. Unwahrheit stellt aber keine echte Alternative oder Bedrohung für die Wahrheit dar. Die Wahrheit lässt sich durch Widerspruch nicht schwächen, verletzen oder vernichten. Genau das gilt auch für Gott. In diesem Sinn schreibt der Apostel Paulus:
„Denn wir können nichts gegen die Wahrheit, sondern (nur) für die Wahrheit.“ (2. Kor 13,8)
Glaube bedeutet demnach: Liebe zur Wahrheit, worin die Liebe zu Gott eingeschlossen ist, wie wir oben gesehen haben.
Glaube ist Liebe zur Wahrheit – und zu unserem Nächsten
Gottes- und Nächstenliebe sind für Jesus nicht zwei getrennte Dinge, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Auf die Frage nach dem höchsten Gebot antwortet er:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt 22,37–40)
Glaube ist Liebe zu unserem Nächsten – ob Freund oder Feind.
Die Aufforderung, Gott und den Nächsten zu lieben, bedeutet nichts anderes als die radikale Annahme unserer gesamten, ungeteilten Wirklichkeit. Also auch jener Bereiche, die nicht nur Angenehmes und Freudvolles für uns bereithalten, sondern ebenso Leidvolles, Beschwerliches und Bedrohliches.
Wenn Jesus uns auffordert, auch das zu lieben, was uns hasst, dann meint er damit nichts Geringeres, als anzuerkennen, dass Gott alle Geschehnisse ins Dasein ruft – die „guten“ wie die „schlechten“. Das zeigt sich besonders klar in der Bergpredigt:
„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.‘ Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für diejenigen, die euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel; denn er lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. … Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ (Mt 5,43-48)
Genau hier liegt wohl die zentralste Aussage der Lehre Jesu:
Ganzheit und Vollkommenheit entstehen durch die Annahme der Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit.
Warum? Weil Gott und Wirklichkeit unteilbar sind.
Glaube ist das Vertrauen, dass Gott uns in ausnahmslos allen Geschehnissen begegnet, und das heißt, dass Gott auch in unseren Feinden, in Ungerechtigkeit, Leid und Tod gegenwärtig ist, soweit wir fähig sind, das zu fassen. Dieser Glaube ist es, der die Welt allein dadurch verändert, dass wir unsere Sichtweise den Dingen gegenüber grundlegend ändern.
Der Glaube an die Erlösungstat Jesu
Dass Jesus für unsere Sünden am Kreuz gestorben ist, wird in allen christlichen Kirchen gleichermaßen als Glaubensgrundlage gelehrt, aber was genau soll man darunter verstehen?
Der Glaube an die Erlösungstat Jesu folgt konsequent und schlüssig aus dem oben Gesagten. Er folgt sowohl aus dem, was Jesus lehrte, als auch aus dem, wie Jesus angesichts von Unrecht, Leid und Tod handelt.
Gemäß dem Gottesbild Jesu, das ein unteilbares, einiges, einziges und widerspruchsfreies ist, folgt, dass außer Gott nichts existiert. Hieraus wiederum folgt, dass Gott allmächtig ist und ihm absolut nichts widerstehen, bedrohen, verletzen oder vernichten kann. In dieser Glaubensgewissheit willigt Jesus in seine Passion ein, und er bezeichnet diese Einwilligung in seine Passion als das Einswerden mit Gott.
„Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, dass sie eins seien, gleichwie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen ineins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, gleichwie du mich liebst.“ (Joh 17,22–23)
Glauben heißt, eins werden mit Gott
Die Ursächlichkeit von Schuld und Vergebung beruht auf einer der tiefgründigsten und konsequentesten geistigen Gesetzmäßigkeiten in der Lehre Jesu. Um vor Gott gerecht zu werden, bedarf es keiner äußeren Tadellosigkeit oder der rigiden Erfüllung eines Gesetzeskatalogs. Wahre Gerechtigkeit entspringt paradoxerweise gerade der schonungslosen Einsicht in unsere eigene Unvollkommenheit.
Unsere menschliche Schwäche, unsere Fehlbarkeit und unsere Schuld sind keine bloßen Betriebsunfälle der Schöpfung, sondern sie besitzen einen tiefen, transzendenten Sinn.
Gott hat uns als Sünder geschaffen, damit wir durch unsere eigene Unvollkommenheit Barmherzigkeit lernen.
Erst die aufrichtige Selbsterkenntnis, dass wir selbst bedürftig, schwach und auf Gnade angewiesen sind, befähigt uns dazu, die Schwächen und Irrtümer unseres Mitmenschen nicht unbarmherzig zu verurteilen, sondern ihm zu vergeben.
Hierin offenbart sich die zwingende Ursächlichkeit der göttlichen Vergebung: Der objektive Wille Gottes zur Vergebung liegt unmittelbar in der subjektiven Vergebungsbereitschaft des Menschen begründet. Jesus bringt dies im Vaterunser unmissverständlich zum Ausdruck:
„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“
Gottes Vergebung ist vollkommen abhängig von der Vergebung, die wir selbst bereit sind zu üben. Vergeben wir unserem Nächsten aus der Einsicht unserer eigenen Mangelhaftigkeit heraus, so muss Gott uns vergeben – er kann nicht anders, da wir in diesem Akt der Barmherzigkeit das Wesen Gottes angenommen haben und Gott selbst in uns und durch uns handelt.
Durch die geübte Vergebung verliert die eigene Schuld ihren schädlichen Charakter; sie hat uns dazu gedient, barmherzig zu werden, und ist damit im Geist überwunden.
Genau in dieser Einsicht und inneren Wandlung (Metanoia) wird der Mensch vor Gott gerecht.
Inwiefern korrespondiert diese Auffassung mit dem Begriff „Glaube“? Glaube im Sinne Jesu ist kein blindes Abnicken kirchlicher Dogmen oder ein unreflektierter Gehorsam gegenüber Institutionen. Was ist der Glaube anderes, als die Liebe zur Wahrheit?
Christlicher Glaube ist das unerschütterliche Vertrauen darauf, dass Gott ausnahmslos alle Dinge wirkt und dass uns selbst das Ungerechte, Leidvolle und unsere eigene Sündhaftigkeit zum Besten dienen, wenn wir bereit sind, den Willen Gottes darin zu suchen und zu erkennen.
Zu glauben bedeutet, darauf zu vertrauen, dass durch unsere innere Einwilligung und unsere Bereitschaft zur Vergebung das scheinbar Sinnlose und Böse unverhofft Geist und Sinn erfährt.
Der Glaube ist somit die innere Gewissheit, dass in dem Moment, in dem wir die Geisteshaltung Jesu annehmen und auf Verurteilung verzichten, die Welt überwunden ist. Wer auf diese geistige Gesetzmäßigkeit vertraut und danach handelt, übt wahren Glauben aus und findet darin seine Erlösung.
Der Glaube an die Auferstehung
Wenn wir das Wunder der Auferstehung Jesu betrachten, suchen viele Menschen nach historischen Beweisen, nach leeren Gräbern oder Augenzeugenberichten. Doch der wahre christliche Glaube an die Auferstehung bedarf solcher äußerer, zeitgebundener Krücken nicht. Er beruht vielmehr auf einer tiefen geistigen Folgerichtigkeit – auf der Erkenntnis, dass die Wahrheit, welche sich in aller Wirklichkeit ausdrückt, zeitlos und ewig ist.
Wie lässt sich dieses Prinzip der Auferstehung schlüssig und plausibel jenseits von kirchlichen Dogmen erklären? Der Schlüssel liegt im Verständnis der Passion. Jesus willigte in seinem Leiden vollkommen in die Wirklichkeit ein, selbst in ihre zutiefst ungerechten, beschwerlichen und leidvollen Aspekte. Er nahm dieses Schicksal im unerschütterlichen Vertrauen auf Gott an und fand den göttlichen Willen genau dort, wo der menschliche Verstand nur Sinnlosigkeit und Grausamkeit vermutet. Und genau hier geschieht das Wesentliche:
Weil Jesus durch seine bereitwillige Einwilligung eins wurde mit aller Wirklichkeit, wurde er eins mit Gott, der die Ursache aller Wirklichkeit ist und der alle Dinge wirkt.
Daraus ergibt sich für den Erkennenden die unabänderliche geistige Konsequenz: Wer auf diese Weise eins mit Gott geworden ist, kann im eigentlichen Sinne nicht sterben.
Alles, was dem göttlichen Willen vollkommen unterliegt und worin Gottes Wirken erkannt wird, erfährt einen tiefen, unzerstörbaren Sinn. Wer so eins geworden ist mit Gott, dessen scheinbarer Niedergang wird zu einem Teil der Wirklichkeit, die Gott selbst ist. Und da Gott reines Leben und reiner Geist ist, muss dieser Niedergang zwingend zum Auftakt neuen Lebens werden.
Darauf beruht das Prinzip der Schöpfung aller zeitlosen Wirklichkeit. Die Wirklichkeit selbst überdauert alle Zeit. Wäre es anders – wäre die Wirklichkeit gegen sich selbst gerichtet –, so könnte so etwas wie die Wirklichkeit weder fortdauern noch überhaupt existieren. Aber Gott und Wirklichkeit sind unteilbar eins, das heißt, Gott steht nicht im Widerspruch zu sich selbst. Die Auferstehung ist demnach kein unbegreiflicher magischer Akt, sondern die vollkommene, geistige Logik der bedingungslosen Hingabe. Was einen derart tiefen Sinn gefunden hat, ist lebendig geworden und bleibt es in Ewigkeit.
Wer diese geistige Gesetzmäßigkeit begreift, der hat das Prinzip der Auferstehung nicht nur verstanden, sondern er fängt an, selbst daran teilzuhaben:
„Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.“ Joh 5, 24
Fazit
Christlicher Glaube nach Jesus ist keine komplizierte Dogmatik und kein kirchliches Bekenntnis. Er ist die einfache, mutige Entscheidung, die Wahrheit zu lieben – auch dort, wo sie wehtut. Er ist die Bereitschaft, die ganze unabänderliche Wirklichkeit anzunehmen, um darin Gott selbst zu erkennen und Barmherzigkeit üben zu können. Wer so glaubt, wird frei. Nicht weil das Leben plötzlich leicht wird, sondern weil er inmitten aller Widersprüche in der einen, unteilbaren Wahrheit ruht.
manchmal braucht die tiefste Wahrheit nicht nur das geschriebene Wort, sondern die lebendige Stimme. Deshalb habe ich begonnen, ausgewählte Beiträge und neue Gedanken als Audiodateien mittels Notebook LM aufzubereiten.
Tauche ein in die geistige Welt der Botschaft Jesu – hörbar gemacht. Auf dieser Seite findest du Podcast-Folgen des Blogs. Überkonfessionell, philosophisch und nah am Leben.
Ob beim Spaziergang, auf der Fahrt oder in der stillen Morgenstunde: Lass die Weisheit Jesu zu dir sprechen.
Podcasts zum Buch und zum Blog
Essenzen-Die Botschaft Jesu
Die Bergpredigt als Quantenphysik deiner Realität
Jesus als Spiegel menschlicher Psychologie
Gedankliche Einstimmung zu den Blogbeiträgen
Podcasts zu Diskussionen auf X
Diskussion über die Verurteilung einer These von Meister Eckhart
Warum Gottes Herrlichkeit auch im Bösen erstrahlt
Diskussion über die Bedeutung des Verrats durch Judas
Warum Judas Iskariot Jesus verratenn musste
Podcasts zu den einzelnen Beiträgen
Die Taufe – Sinnbild des Untergehens und Auferstehens
Zum Taufverständnis Jesu
Willensfreiheit und christlicher Glaube
Warum Jesus keinen freien Willen predigte
Warum Jesus kein politischer Revolutionär war
War Jesus politisch?
Von dort wird er kommen
In Gott existieren weder Schuld noch Strafe
Vogel kontert die Kirchenbehörde mit Luther
Vom Missverständnis der inneren Erlösung
Warum Krisen in Wahrheit Geburtswehen sind
Geburt aus Wasser und Geist
Wahrheit braucht keine perfekten Menschen
Von der Würde des Glaubens
Die philosophische Dimension der Botschaft Jesu
Glauben ohne Dogma
Warum Wahlfreiheit uns zu Sklaven macht
Freiheit in Christus – was ist das?
Wahre Vergebung beginnt beim eigenen Versagen
Die Dimension der Vergebung
Gott als den Sinn im Sinnlosen suchen
Für uns gestorben
Der Sündenfall als notwendiges Update
Die Sünde und der Sündenfall
Marias Schande als Handbuch gegen Cancel Culture
Die Jungfrauengeburt als Auftakt zur Botschaft Jesu
Heute erleben wir eine massive Vereinnahmung der Person Jesu und seiner Lehre für ganz unterschiedliche – oft gegensätzliche – politische Ziele. Das geschieht in verschiedenen Kirchen und Konfessionen gleichermaßen. Eine detaillierte Aufzählung spare ich mir, denn das Phänomen ist allgemein bekannt. Unbestritten ist: Jesu Lehre stand im Widerspruch zu den Vorstellungen weltlicher Machthaber. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
Jesus war kein Weltverbesserer
Nirgends in den Evangelien fordert Jesus zu aktivem politischem Widerstand gegen die Machthaber oder zu einem Kampf gegen soziale Ungerechtigkeiten auf. Er gehörte nicht den Zeloten an, die einen bewaffneten Aufstand gegen die römische Besatzungsmacht organisierten. Seine Botschaft war auch keine Anleitung zur Schaffung einer sozial gerechteren Gesellschaftsordnung. Was Jesus verkündete und selbst lebte, war von vollkommen anderer Art, wie es bei näherer Betrachtung seiner Aussagen deutlich wird.
Die Frage nach der Steuer
Die gängige Interpretation
Eine weitverbreitete Lesart sieht in Jesu Antwort auf die Fangfrage seiner Gegner – „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuern zu zahlen, oder nicht?“ – eine politische Positionierung. Dabei besteht ein weitverbreitetes Missverständnis darin, dass Jesus mit seiner Antwort „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ (Mt 22,21) das Erbringen einer Christenpflicht gegenüber dem Staat gemeint habe. Wäre dies der Fall, so hätte er die Frage ohne Umschweife mit einem „Ja“ beantworten können. Das hat er aber nicht getan.
Jesu Antwort im Detail
Jesu unmittelbare Reaktion auf die Frage der Pharisäer ist allerdings eine Gegenfrage seinerseits: „Ihr Heuchler, warum versucht ihr mich?“ Nachdem er verdeutlicht hatte, wie er die Frage seiner Gegner einordnete, lässt er sich eine Steuermünze zeigen und fragt, wer darauf abgebildet sei. Auf die Erklärung, dass es der Kopf des Kaisers sei, antwortet Jesus, dass dem Kaiser zu geben sei, was er als das Seine betrachte und beanspruche – dass man jedoch Gott geben soll, was das Seine sei.
Die ausbleibende Nachfrage der Pharisäer
Was aber beansprucht Gott denn als das Seine? Diese Frage hätte von den Pharisäern eigentlich unmittelbar folgen müssen, wenn es ihnen tatsächlich um die Sache Gottes gegangen wäre, wie sie nach außen hin vorgaben. Doch sie ließen Jesus stehen und gingen, da ihr Plan gescheitert war, Jesus als Rebell gegen Rom denunzieren zu können.
Die Unvereinbarkeit zweier Prinzipien
Jesus lehrt in seinen Worten: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ (Mt 22,21) eine klare Trennung und Unterscheidung zwischen zwei grundlegend verschiedenen Bereichen des Lebens: dem äußeren, zeitlichen und vergänglichen einerseits und dem inneren, ideellen und ewigen andererseits. Diese beiden Prinzipien sind unvereinbar – man kann nicht gleichzeitig beiden voll dienen.
Gott und Mammon – die unmögliche Doppelherrschaft
Jesus bringt dies auf den Punkt:
„Kein Knecht kann zwei Herren gleichzeitig dienen: Entweder er wird den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird an dem einen hängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Lk 16,13)
Äußere, politische oder materielle Interessen stehen im direkten Widerspruch zu inneren, geistigen und ideellen Werten. Wer versucht, beide gleichermaßen zu bedienen, scheitert letztlich an beiden.
Die richtige Priorität: Zuerst das Reich Gottes
In verschiedenen Gleichnissen und Aussagen betont Jesus immer wieder, dass dem Geistigen absolute Priorität zukommt. Wer das Geistige vernachlässigt, verliert am Ende beides – die zeitliche Existenz und die ewige Bestimmung. Wer hingegen das Geistige in den Vordergrund stellt, dem fällt alles äußerlich Notwendige von selbst zu.
„Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allem trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet vielmehr zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen. Darum sorgt nicht für den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es genügt, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ Matthäus 6,31–34
Schätze auf Erden oder im Himmel?
Die Konsequenz dieser Priorität zeigt sich besonders deutlich in der Frage, wo wir unsere „Schätze“ sammeln:
„Sammelt euch nicht Schätze auf Erden, wo Motten und Rost sie zerfressen und wo Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie zerfressen und wo Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein.“ Matthäus 6,19–21
Wer sein Herz an politische, vergängliche, äußere Werte hängt, wird in der Begrenztheit und Vergänglichkeit des irdischen Lebens untergehen. Nur die Sammlung geistiger, zeitloser, ewiger Werte verleiht dem Leben Inhalt und kann den Menschen erfüllen.
Der Preis der Nachfolge: Leben verlieren, um es zu gewinnen
Die radikale Konsequenz dieser Lehre formuliert Jesus in der Aufforderung zur Nachfolge:
„Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz täglich auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird es erhalten. Denn was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden nimmt an seiner Seele? Oder was kann der Mensch als Lösegeld für seine Seele geben?“ Markus 8,34–37
Jesus stellt hier eine klare Entscheidung: Wer am vergänglichen Leben festhalten will, verliert das wahre, ewige Leben. Nur wer bereit ist, das Äußere loszulassen, gewinnt alles.
Fazit: Die Botschaft ist eindeutig:
Die Orientierung am Zeitlichen und Vergänglichen, wozu auch das Politische zählt, steht in unüberbrückbarem Gegensatz zur Orientierung am Geistigen und Ewigen. Wer jedoch das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit an die erste Stelle setzt, dem wird alles andere von selbst zufallen.
Jesus und die Tempelreinigung
Eine weitere häufige Fehlinterpretation unterstellt Jesus politische oder revolutionäre Absichten und bezieht sich dabei auf sein vehementes Auftreten im Tempel, das von allen vier Evangelien überliefert wird. Es lohnt sich, die jeweiligen Schilderungen genau zu vergleichen.
Die vier Berichte
„Und Jesus ging in den Tempel und trieb alle hinaus, die im Tempel verkauften und kauften, und die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenverkäufer stieß er um, und er sagt zu ihnen: Es steht geschrieben: Mein Haus soll Haus des Gebets heißen, ihr aber macht es zu einer Räuberhöhle.“ Matthäus 21,12–13
„Und sie kommen nach Jerusalem. Und als er in den Tempel hineinging, begann er, alle hinauszutreiben, die im Tempel verkauften und kauften. Die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenverkäufer stieß er um und ließ nicht zu, dass man irgendetwas über den Tempelplatz trug. Und er lehrte sie und sprach: Steht nicht geschrieben: Mein Haus soll Haus des Gebets heißen für alle Völker? Ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht!“ Markus 11,15–17
„Und er ging in den Tempel und begann, die Händler hinauszutreiben, und sagte zu ihnen: Es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Haus des Gebets sein, ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht.“ Lukas 19,45–46
„Und das Passafest der Juden war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Und er fand im Tempel die Händler, die Rinder, Schafe und Tauben verkauften, und die Wechsler, die da saßen. Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern, schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um und sprach zu denen, die die Tauben verkauften: Tragt das weg und macht nicht meines Vaters Haus zur Markthalle!“ Johannes 2,13–16
Die eigentliche Bedeutung der Tempelreinigung
Bei der Tempelreinigung ging es Jesus nicht um die Anprangerung sozialer Missstände oder um eine Kritik am Handel an sich, sondern um einen grundlegenden geistlichen Irrtum: die Vorstellung, man könne Gott durch Opfer oder Zahlungen zu einer Gegenleistung verpflichten. Gott ist kein Händler, mit dem man einen „Deal“ abschließen könnte. Dieser Irrtum verwandelt das Haus Gottes in ein Kaufhaus (so Johannes: „macht nicht meines Vaters Haus zur Markthalle!“) oder in eine Räuberhöhle (so die Synoptiker: „ihr aber macht es zu einer Räuberhöhle“).
Die Räuberhöhle-Metapher verdeutlicht besonders scharf, dass wohlhabendere Menschen glaubten, durch teure Opfer Gott etwas „abzwingen“ zu können. Eine solche Haltung verkehrt das Verhältnis zu Gott in sein Gegenteil: Statt alles als Gnadengeschenk zu erbitten, versucht man, es sich zu erkaufen. Jesus betont stattdessen das Gebet als einzige angemessene Haltung: „Mein Haus soll ein Haus des Gebets sein.“
Geistige statt äußerliche Werte
Der Sinn der Handlung Jesu erschließt sich ausschließlich aus seinen eigenen Worten und dem Kontext des Tempels. Es geht ihm um die unzulässige Vermischung von innerem (geistlichem) und äußerem (materiellem) Bereich. Geistige Werte lassen sich nicht durch äußere Gaben erwerben oder erzwingen. Die beiden Sphären – Gott und Mammon – sind unvereinbar:
„Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Matthäus 6,24
„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Markus 12,17
Jesus richtet sich eben nicht gegen Wucher, Profitstreben oder den Handel auf einem Markt, sondern gegen die Vorstellung, Gott im Tempel wie einen Geschäftspartner zu behandeln. Die Intention entscheidet über die Qualität einer Handlung. Eine fromme Tat mit falscher Motivation (dem Wunsch, Gott zu „kaufen“) wird zur verderblichen Handlung. In diesem Zusammenhang erinnert die Szene unwillkürlich an den Ablasshandel des Mittelalters, gegen den Martin Luther 1517 antrat.
Auch hier ging es nicht primär um moralisches Fehlverhalten, sondern um einen grundlegenden theologischen Irrtum über das Wesen der Gnade Gottes. Jesus war kein Moralapostel, der äußeres Verhalten regulieren wollte, sondern er richtete den Blick stets auf den Geist, in dem eine Handlung geschieht. Die Tempelreinigung ist daher ein leidenschaftlicher Protest gegen jeden Versuch, die Beziehung zu Gott zu kommerzialisieren.
Verhalten gegenüber Unrecht und Gewalt
Eine weitere häufige Fehlinterpretation der Lehre Jesu betrifft seine Haltung gegenüber Unrecht und Gewalt. Manche behaupten, aus christlicher Sicht sei es erlaubt oder sogar geboten, in Notwehr zu handeln und erfahrener Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Jesus lehrte jedoch unmissverständlich das Gegenteil:
„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ›Auge um Auge, Zahn um Zahn.‹ Ich aber sage euch, dass ihr dem Bösen nicht widerstreben sollt, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.“ Matthäus 5,38–42
Jesus bleibt nicht bei einer bloßen Weisung stehen, die er von anderen fordert, ohne sie selbst zu leben. Als er selbst zu Unrecht angeklagt, gefesselt, ausgeliefert, verurteilt und hingerichtet wird, erhebt er keinen Einspruch. Im Verhör vor dem römischen Statthalter Pontius Pilatus erklärt er ausdrücklich, dass seine Anhänger nicht um ihn kämpfen werden, da sein Reich nicht von dieser Welt sei (vgl. Johannes 18,36).
Jesus setzt damit kompromisslos und konsequent um, was er zuvor gelehrt hat.
Das Schwert – Sinnbild des notwendigen Übels
Manche Christen wenden ein, Jesus habe seinen Jüngern kurz vor seiner Verhaftung doch aufgetragen, ein Schwert mitzunehmen – daraus könne man schließen, dass Selbstverteidigung und Notwehr gerechtfertigt seien. Betrachtet man jedoch den Kontext, lässt sich diese Deutung nicht halten:
„Und er sprach zu ihnen: So oft ich euch ausgesandt habe ohne Beutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr auch je Mangel gehabt? Sie sprachen: Niemals. Da sprach er zu ihnen: Aber nun, wer einen Beutel hat, der nehme ihn, desgleichen auch die Tasche; wer aber nichts hat, verkaufe sein Kleid und kaufe ein Schwert. Denn ich sage euch: Es muss auch das noch vollendet werden an mir, was geschrieben steht: ›Er ist unter die Übeltäter gerechnet worden.‹ Denn was von mir geschrieben ist, das hat ein Ende. Sie sprachen aber: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter. Er aber sprach zu ihnen: Es ist genug.“ Lukas 22,35–38
Aus dem Zusammenhang wird klar, dass Jesus dem Schwert eine negative Bedeutung zuschreibt: Das Mitführen eines Schwertes dient als Kennzeichen eines Übeltäters. Jesus sagt im Wesentlichen: „Nun wird man mich wie einen Übeltäter behandeln – und dafür soll der Schein gewahrt werden.“ Wenige Augenblicke später unterstreicht er diese negative Sicht erneut, als Petrus ihn mit dem Schwert verteidigen will:
„Da sagte Jesus zu ihm: Steck dein Schwert wieder dahin, wohin es gehört! Denn alle, die zum Schwert greifen, werden auch durch das Schwert umkommen!“ Matthäus 26,52
Das Schwert als Sinnbild der Teilung und Trennung
In einem anderen Zusammenhang verwendet Jesus das Schwert als Metapher für die Trennung und Spaltung, die seine Botschaft unvermeidlich unter den Menschen auslöst:
„Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.“ Matthäus 10, 34–36
Die „Zwei-Schwerter-Lehre“
Einige Kleriker beziehen sich bis heute auf die zwei Schwerter, die die Jünger bei der Verhaftung Jesu mitführten, und sehen darin eine Grundlage für die mittelalterliche Zwei-Schwerter-Lehre (formuliert u. a. im 5. Jahrhundert und später ausgebaut). Diese Lehre deutet die beiden Schwerter positiv: Das geistliche Schwert stehe für die Kirche, das weltliche Schwert für die staatliche Obrigkeit, das der Papst dem Kaiser zur Ausübung übergebe. Diese Interpretation übersieht jedoch zweierlei:
Die ursprünglich negative Bedeutung des Schwertes im Kontext Jesu: Es dient als Kennzeichen des Übeltäters und als Symbol der Trennung.
Die klare Aussage Jesu, dass alle, die zum Schwert greifen, durch das Schwert umkommen werden. Damit würde die Zwei-Schwerter-Lehre letztlich besagen, dass sowohl kirchliche als auch weltliche Obrigkeiten ihren eigenen Untergang heraufbeschwören.
Jesu Kritik an den Herrschenden
Dass Jesus die Handlungsweise der Machthaber und Herrscher dieser Welt missbilligte, ist unbestritten. Aus dieser Kritik lässt sich jedoch kein Aufruf zu politischem Handeln oder gar zu einem gewaltsamen Eingreifen ableiten. Ein zentraler Beleg dafür findet sich im Matthäusevangelium:
„In jener Zeit rief Jesus seine Jünger zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ Mt 20,25–28:
Jesus zieht das Verhalten der weltlichen Mächtigen hier bewusst als Negativbeispiel heran. Seine Botschaft lautet:
Nehmt zur Kenntnis, wie die Herrscher ihre Macht zur Unterdrückung missbrauchen.
Bei euch soll es genau umgekehrt sein.
Wo immer ihr Einfluss auf andere habt, sollt ihr diesen nicht zur eigenen Erhöhung, sondern zum Dienst am Nächsten nutzen. Dieser Dienst zielt letztlich darauf ab, dem Mitmenschen zu seiner wahren geistigen Größe in Gott zu verhelfen. Jesus selbst lebt dieses Prinzip vor: Als Herr macht er sich zum Diener und gibt sein Leben hin, damit die Menschen zu Gott finden. Ebenso sollen seine Jünger zu Dienern werden – und gerade dadurch wahre Größe vor Gott erlangen.
Das Paradoxon: Herrschen durch Dienen
Dieses scheinbare Paradoxon – Größe durch Erniedrigung, Herrschaft durch Dienst – findet seinen stärksten symbolischen Ausdruck in der Kreuzigung Jesu. Der sich bis zum Äußersten erniedrigen lässt, wird gerade am Kreuz erhöht. Jesus deutet dies im Johannesevangelium selbst an:
„Da sprach Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin und ich nichts von mir selbst aus tue, sondern wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich.“ Johannes 8,28
Die Erhöhung am Kreuz ist somit nicht nur Leid, sondern Offenbarung: Sie zeigt, dass wahre Herrschaft im Reich Gottes durch radikalen Dienst und Hingabe an unseren Nächsten geschieht – keinesfalls durch Machtausübung nach weltlichem Muster.
Warum Jesus kein politischer Revoluzzer war
Podcast zu diesem Beitrag zum freien Herunterladen.
War Jesus politisch?
Titelbild: Jesus und die Steuermünze: Midjourney-Art/Generiert und nachbearbeitet durch den Autor Podcast: Generiert mittels NotebookLM
Herr es ist Zeit, der Knüppelsteg, an dessen Schwelle wir jetzt stehen, von dem schon alle Zeichen künden, wird bald in ungekannte Sklaverei und Unterdrückung münden. Und wie bei einer die gebärt, Weh‘ um Wehe regelmäßig wiederkehrt, so wird die Welt durch ungezählte Wehen gehen.
Und Menschen werden Menschen zwingen, wie es war zu allen Zeiten, so wird es wieder gehen. Mächtige wird man dann sehen, die gegen Kinder streiten und sie mit gnadenloser Härte niederringen. Ja, alles Wache, Schwache werden sie zu Grunde richten, und es in grenzenloser Wut vernichten.
An jenem Ort, an dem die Welt gedachte zu gesunden, wird dann ein scharfer Eisenbesen fegen und schwere Bürden wird man binden dort und wird sie allen, allen auferlegen. Was schön und stark war und was aufrecht stand wird tief gebeugt - gebeugt, gebrochen und geschunden.
Das hohe Haus* verkündet seine absolute Religion, und sie wird alles übertreffen, was jemals so genannt denn abertausend bilden dessen rechte Hand - und sind Legion, um zu ersticken allen Widerstand und aufrecht zu erhalten eine lange, harte Fron.
Ohnmächtig werden dann die unterjochten Massen stehn, und sehen wie die Mächtigen die Welt zerfetzen, wie sie sich hetzen, um die Güter aller eilends zu verprassen. Und wer es wagt die Stimme zu erheben, bezahlt mit Ächtung, Leib und Leben.
Die Wachen wird man lassen, wird sie trennen von den Müden und den Satten - sie koscher machen, und wird sie achten wie die Ratten. Doch diese werden einen neuen Geist entfachen. Und die Großen oben, werden toben und das Helle und das Klare hassen, denn das Dunkel kann das Licht nicht fassen.
11. Februar 2021
Text gedanklich angelehnt an die Endzeitreden Jesu Illustration: Generiert durch Midjourney-Art * Anspielung auf das Wort „Pharao“ = Großes Haus
Der folgende Beitrag ist eine Antwort auf die Rezension der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen – kurz: EZW-Berlin. Die EZW hat meine Publikation „Essenzen – Die Botschaft Jesu“ schon vor geraumer Zeit gelesen und fachlich abschließend beurteilt. Die komplette Rezension ist online abrufbar. Eine inhaltliche Beurteilung meines Buches erfolgte durch den Theologen Markus Schmidt. Er lehrt heute als Professor für praktische Theologie und Diakoniewissenschaft an der Fachhochschule Bielefeld.
In meiner Antwort gehe ich konkret auf die einzelnen Kritikpunkte ein. Den Kritikpunkten, auf die ich mich dabei beziehe, ist jeweils das Kürzel EZW-Berlin vorangestellt.
Die EZW stuft „Essenzen“ als christlich-gnostische Esoterik ein
EZW-Berlin: Der Verfasser hat ein Exempel zeitgenössischer christlich-gnostischer Esoterik vorgelegt, das widerspiegelt, wie nach dem Wiedererwachen der Gnosis im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts heute eine christlich kultivierte, esoterische Erkenntnislehre auftreten kann.
Die EZW ordnet meine Auslegungen gleich zu Beginn unbedenklich der Gnostik und der Esoterik zu. Dabei geht sie fälschlicherweise davon aus, diese beiden Begriffe seien allgemein verständlich und bedürften keiner weiteren Erklärung – als wäre völlig klar, was genau unter „Gnosis“ und was unter „Esoterik“ zu verstehen ist. Diese Einordnung ist jedoch nicht nur sachlich falsch, sondern auch grob irreführend, wie im Verlauf dieser Antwort deutlich werden wird. Zum einen erweckt die EZW den irrigen Eindruck, die frühchristlichen gnostischen Schriften enthielten durchweg Irrlehren. Zum anderen suggeriert sie, Esoterik sei nichts weiter als eine Form von Aberglauben. Doch beides trifft nachweislich nicht zu.
Gnosis und Esoterik – missverstandene Begriffe
Zur Einordnung der Gnosis und der Nag-Hammadi-Texte
Bezüglich der Gnostik übergeht die EZW den Sachverhalt, dass eine Vielzahl von Texten und Aussagen, die gnostischen Ursprungs sind, mit den kanonischen Evangelientexten nicht nur vom Wortlaut her, sondern auch inhaltlich vollkommen übereinstimmen. Was die inhaltlichen Parallelen betrifft, liefern uns insbesondere die Schriften von Nag Hammadi eine wertvolle Facette der Theologie des Urchristentums, zu welchem die Gnosis zweifelsfrei zählte. Explizit auf solche Parallelen beziehe ich mich, indem ich in meinen Ausführungen dann auf die entsprechenden inhaltlichen Übereinstimmungen mit den kanonischen Evangelien verweise.
Klärung des Esoterik-Begriffs + Bibelstellen zu den Geheimnissen des Gottesreiches
Bei der Verwendung des Begriffs „Esoterik“ greift die EZW auf die heute weitverbreitete, jedoch unpräzise und abwertende Definition zurück. Dies zeigt sich deutlich, wenn sie meine Ausführungen letztlich herablassend als „interessantes esoterisches Konglomerat“ bezeichnet.
Tatsächlich erhielt der Begriff „Esoterik“ seine negative Konnotation erst durch die New-Age-Bewegung. Ursprünglich und etymologisch bedeutet er schlicht „zum inneren Kreis gehörend“ und wurde noch im 19. und 20. Jahrhundert in genau diesem neutralen Sinne verwendet.
Esoterische Lehren sind demnach solche, deren Inhalte bewusst nur einem bestimmten, vorbereiteten Personenkreis zugänglich gemacht werden, während sie Außenstehenden verborgen bleiben. In genau diesem Sinn lässt sich auch die Botschaft Jesu als esoterisch verstehen – wie die Evangelien übereinstimmend belegen:
Und die Jünger traten zu ihm und sprachen: Warum redest du zu ihnen durch Gleichnisse? Er antwortete und sprach: Euch ist es gegeben, dass ihr das Geheimnis des Himmelreichs verstehet; diesen aber ist es nicht gegeben. Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch das genommen, was er hat. Darum rede ich zu ihnen durch Gleichnisse. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht, und mit hörenden Ohren hören sie nicht; denn sie verstehen es nicht. Matthäus 13, 10–13
Da traten die Jünger an Jesus heran und fragten ihn: »Warum redest du in Gleichnissen zu ihnen?« Er antwortete: »Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu erkennen, jenen aber ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.« Mk 4, 10–13
Seine Jünger fragten ihn, was das Gleichnis bedeute. Da sagte er: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen. Zu den anderen aber wird in Gleichnissen geredet; denn sie sollen sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen. Lk 8,9-10
Judas – nicht der Judas Iskariot – fragte ihn: Herr, warum willst du dich nur uns offenbaren und nicht der Welt? Jesus antwortete ihm: Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen. Wer mich nicht liebt, hält an meinen Worten nicht fest.Joh 14,22–24
Wissenschaftlichkeit durch Zitate? Eine unhaltbare Unterstellung
EZW-Berlin: Unterstützt wird die beanspruchte Wissenschaftlichkeit durch eine Fülle von Zitaten, die in einer Konvergenz von Wahrheit Plausibilität erzeugen sollen.
Der Vorwurf der EZW, Wissenschaftlichkeit und Plausibilität würden in meinem Werk lediglich behauptet oder durch bloße Zitate vorgetäuscht, bleibt völlig unbegründet und damit nichts als eine unbelegte Behauptung. Ob ausgerechnet die Kritik des Rezensenten selbst jenen wissenschaftlichen Standard erfüllt, den er so selbstgewiss einfordert, möge der Leser nach Abschluss dieser Lektüre selbst beurteilen.
Nag Hammadi: Opfer kirchlicher Polemik oder legitime Parallelen?
EZW-Berlin: Dabei wird der unkritische Umgang mit den Nag-Hammadi-Texten zum Problem, da diese nicht historisch eingeordnet, sondern als Opfer altkirchlicher Polemik legitimiert werden.
Die EZW unterstellt mir, die Nag-Hammadi-Texte allein dadurch zu legitimieren, dass sie Opfer altkirchlicher Polemik geworden seien. Eine solche Argumentation findet sich bei mir jedoch nirgends – sie wird vielmehr in meine Ausführungen hineingelesen. Wo immer ich aus diesen Schriften zitiere, dient dies einzig dem Nachweis inhaltlicher Parallelen und Übereinstimmungen mit den kanonischen Evangelien.
Die EZW scheint der Überzeugung zu sein, jede inhaltliche Auseinandersetzung mit neutestamentlichen Schriften müsse zwingend einer historisch-kritischen Einordnung untergeordnet werden; ohne diese sei sie illegitim. Diese Hierarchie lehne ich entschieden ab. Bei wesentlichen geistigen Aussagen zählt allein ihre innere Wahrheit und zeitlose Relevanz – nicht das Jahrhundert, in dem sie zu Papier gebracht wurden.
Jesus als Vertreter des Vaters – kein Widerspruch
Kritik an der vermeintlichen Entpersonalisierung Jesu
EZW-Berlin: Interessanterweise übernimmt Elmar Vogel die komplette biblische Terminologie (Vater, Sohn, Kreuz, Opfer, Messias etc.) und zitiert neben der Bergpredigt viele christologische Kernverse. Allerdings bezieht sich das theologische Anliegen des Verfassers „nicht primär auf die Person Jesu“, sondern vielmehr auf „ein geistiges Prinzip“, „das sie vertritt“ (98).
Die EZW sieht offenbar einen Widerspruch darin, dass ich die gesamte biblische Terminologie übernehme und zugleich sage, es gehe mir „nicht primär um die Person Jesu“, sondern um das geistige Prinzip, das er vertritt. Genau das sagt aber Jesus selbst – und zwar wiederholt und unmissverständlich:
„Ich bin nicht gekommen, meinen eigenen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“ Joh 6,38
„Ich bin in dem Namen meines Vaters gekommen.“ Joh 5,43
„Wer aus sich selbst redet, sucht seine eigene Ehre; wer aber die Ehre dessen sucht, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig.“ Joh 7,18
„Wer solch ein Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat. “ Markus 9
Jesus beschreibt sich also selbst primär als der Gesandte, als der Offenbarer, als der, in dem der Vater spricht und wirkt – nicht als jemand, der aus eigener menschlicher Autorität heraus handelt oder verehrt werden will. Wenn ich diese Selbstaussagen Jesu ernst nehme und folglich das „geistige Prinzip“ (den Willen, die Wahrheit und das Wesen des Vaters) in den Vordergrund stelle, das Jesus verkörpert und offenbart, dann entferne ich mich nicht von Jesus – ich folge seiner eigenen Weisung. Der vermeintliche Gegensatz existiert nur in der Brille der EZW, nicht im Text der Evangelien.
Warum eine christuszentrierte Theologie des Kreuzes plötzlich „gnostisch“ sein soll
EZW-Berlin: Die auffällige christologische Zentrierung des Buches lässt schnell erkennen, dass eine esoterisch-gnostische Christologie leitend ist, was sich gerade in Themen wie Opfer, Kreuz, Leid und Tod manifestiert.
Die EZW behauptet einfach, eine Christologie, die sich auf Opfer, Kreuz, Leid und Tod konzentriert, könne nur „esoterisch-gnostisch“ sein. Eine Begründung, warum gerade die zentralsten Themen des Neuen Testaments plötzlich ein Indiz für Gnosis und Esoterik sein sollen, liefert sie nicht – keine Zeile.
Leiblichkeit, Kreuz und Abendmahl: alles andere als bedeutungslos
EZW-Berlin: Der Bedeutungslosigkeit des Leiblichen (was sich auch an einem rein symbolischen Abendmahlsverständnis i. S. v. Geisteshaltung, Identität [88] zeigen lässt) wird nur insofern widersprochen, dass diesem noch eine Bedeutung beigemessen werden kann. Dies „zeigt unmissverständlich auf, dass die Welt ausschließlich gedanklich, also auf geistig-emotionaler Basis, überwunden werden kann“ (28).
Die EZW unterstellt mir eine „Bedeutungslosigkeit des Leiblichen“ und ein rein symbolisches Abendmahlsverständnis. Das ist schlicht falsch – und das Gegenteil dessen, was ich schreibe. Genau das leibliche Opfer Jesu steht im Zentrum meiner Exegese. Der menschliche Leib wird nicht verachtet, sondern gerade durch die bewusste, liebende Hingabe Jesu verwandelt und zum Träger höchster Bedeutung erhoben:
„Indem Jesus so der äußeren Gestalt einen ideellen Wert verlieh, erfuhr auch sein körperliches Opfer eine Bedeutung. […] Jeder Versuch, das Flüchtige und Sterbliche auf andere Weise bedeutsam zu machen oder es erhalten zu wollen, ist Illusion.“ Aus ESSENZEN – Die Botschaft Jesu, Seite 85
„Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“ Mt 16,25
„Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, (ich gebe es hin) für das Leben der Welt.“ Joh 6,52, „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bringt es keine Frucht.„ Joh 12,24
Ebenso ist das Abendmahl bei mir alles andere als „rein symbolisch“: Das gebrochene Brot ist genauso real wie der wirkliche Leib Jesu, der gebrochen wurde. Brot und Wein verweisen nicht auf eine abstrakte Idee, sondern auf die unumgängliche leibliche Wirklichkeit des Opfers – und auf den Weg, den Jesus uns damit eröffnet hat.
Das Reich Gottes ist inwendig in euch – die eigentliche Kontroverse
Herzstück der Auseinandersetzung um Rechtfertigung und Immanenz
EZW-Berlin: Das extra nos der Rechtfertigung Gottes wird zum monistischen intra des Menschen. Dieses intra spricht, im Gegensatz z. B. zu den paulinischen Immanenzformeln („Christus in mir“) von einer praktischen Erlösungstat des Menschen. In diesem Sinne stellt der Autor das von Jesus verkündigte Gottesreich als inneren Erkenntnisraum, als neuen Horizont vor (67, 97 u. a.), in dem die wahre Bedeutung von Leben, Leid etc. vermittelt wird.
Die EZW unterstellt mir eine monistische Selbsterlösung: Das „extra nos“ der göttlichen Rechtfertigung werde bei mir zu einem „intra me“, das der Mensch selbst aktiv herstelle – im Gegensatz zu Paulus, der von „Christus in mir“ spreche. Diese Gegenüberstellung ist künstlich und hält einer Prüfung der Jesusworte nicht stand. Jesus selbst sagt unmissverständlich: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ – „Das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Lk 17,21
Er gebraucht dabei das Präsens: Es „ist“ bereits da – nicht etwas, das erst von außen hinzukommen müsste. Überall im Evangelium betont er die Gegenwart des Heils:
„Heute ist diesem Hause Heil widerfahren.“ Lk 19,9
„Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Lk 23,43
„Wenn ihr in meinem Wort bleibt … werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Joh 8,31–32
Das Heil wird also nicht durch eigene Werke erarbeitet, sondern durch Erkenntnis ergriffen – eine Erkenntnis, die der Geist Christi in uns wirkt. Genau deshalb bleibt sie reine Gnade: Wir empfangen sie, statt sie zu produzieren.
„Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ Mt 5,8
Wer diese innere Schau Gottes als „Selbsterlösung“ brandmarkt, der streitet nicht mit mir, sondern mit der klaren Botschaft Jesu selbst.
Selbsterlösung oder Gnade durch Erkenntnis?
EZW-Berlin: Die Einsicht des Menschen, nicht frei zu sein, bedeutet in ihrer Annahme Erlösung. Sünde als Negation von Geist und Sinn (66) kann zur Einsicht in Geist und Sinn gewandelt werden, wenn allem Negativen die wahre Bedeutung beigemessen wird (183). „Insbesondere das vormals Böse wird durch den Glauben (Vertrauen in die Bedeutung) überwunden“ (44). Apotheose und Überforderung des Menschen liegen hier eng beieinander.
Die EZW beschreibt hier meine Auslegung zunächst wie folgt:
Der Mensch erkennt: Ich bin unfrei, worin der Schlüssel zu seiner Freiheit liegt. Sünde kann Geist und Sinn nicht erkennen. Sie wird aber zum Ja, wo man zur Bedeutung der Sünde und des Bösen findet. Somit wird das Böse durch Vertrauen in dessen Bedeutung besiegt.
Der Kritikpunkt der EZW lautet diesbezüglich: Dieser Vorstellung nach wird der Mensch in seiner Fähigkeit überschätzt bzw. überhöht und dabei gleichzeitig überfordert.
Die EZW hätte recht, wenn es um eine menschliche Fähigkeit ginge, die ich hier beschreibe. Das ist aber nicht der Fall, denn jegliche Erkenntnis, durch die wir die Welt überwinden, wird uns allein durch Jesus Christus zuteil. In Christus endet die Überforderung des Menschen, da es nicht mehr der Mensch, sondern Gott selbst ist, der alle Dinge zum Guten wirkt. Gott selbst ist es, der das, was dem Menschen unmöglich ist, durch Christus möglich macht.
Jesus selbst sagt es unmissverständlich: „Bei den Menschen ist’s unmöglich; aber bei Gott sind alle Dinge möglich.“ Mt 19,26
Und Paulus präzisiert: „Alle, die vom Fleisch bestimmt sind, trachten nach dem, was dem Fleisch entspricht; alle, die vom Geist bestimmt sind, trachten nach dem, was dem Geist entspricht.“ Röm 8,5
Die Wandlung des Bösen geschieht also nicht durch menschliche Bedeutungszumessung, sondern durch göttliche – sie geschieht, indem unsere Bewertung der Wirklichkeit vom Geist Gottes bestimmt wird.
Der Vorwurf der Apotheose und Überforderung des Menschen trifft deshalb ins Leere – er verkennt, dass ich genau das Gegenteil beschreibe: die völlige Entlastung des Menschen durch die allein wirksame Gnade Gottes in Christus.
Immanente Kontingenzbewältigung oder das Wirken des Geistes von innen?
EZW-Berlin: Elmar Vogel entwirft ein typisches Konzept einer rein esoterisch-anthropologischen, d. h. immanenten Kontingenzbewältigung. Wer es nicht fassen kann, geht zugrunde.
Die EZW verwendet wieder das abwertende Etikett „rein esoterisch-anthropologische, immanente Kontingenzbewältigung“und suggeriert damit: Bei mir bewältige der Mensch sein Leben ausschließlich mit inneren, systemeigenen Mitteln – ohne echten transzendenten Gott. Das ist grundfalsch.
Das Wirken des Geistes Gottes ist von Anfang an innerlich. Transzendenz bedeutet bei Jesus und Paulus gerade nicht „von draußen hereinkommen“, sondern „von innen her aufbrechen“. Martin Luther formuliert es klassisch:
„Nach der Seele wird er [der Christenmensch] ein geistlicher, neuer, innerlicher Mensch genannt […] So ist es offensichtlich, dass ihn kein äußerliches Ding frei, noch gut machen kann […] seine Güte und Freiheit […] sind weder leiblich noch äußerlich.“ Auszug aus Von der Freiheit eines Christenmenschen 1520
Wer also innere Umkehr und geistige Einsicht als „rein immanent“ diffamiert, streitet mit Luther – und mit der gesamten reformatorischen Theologie.
Dass derjenige, der das Licht nicht ergreift, in der Finsternis bleibt, ist keine Erfindung von mir, sondern Kern der Botschaft Jesu selbst:
„Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.“ Joh 1,5
Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen endet mit der geschlossenen Tür und dem Satz: „Ich kenne euch nicht.“ Mt 25,12
Da befahl der König seinen Knechten: „Fesselt ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die tiefste Finsternis …“ Mt 22, 13
Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. Joh 8,12
Wer diese Konsequenz heute als unchristlich empfindet, muss sich mit Jesus und nicht mit mir auseinandersetzen.
In Christus fällt jeder Gegensatz zwischen „Gottes Handeln“ und „menschlichem Erkennen“ weg. Jesus betet:
„Vater […] nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Lk 22,42
Was der Rezensent als „Selbstheilung“ denunziert, ist genau diese christuszentrierte Einheit: Gott selbst bewirkt in uns die Einsicht, die uns heil macht. Diese Einsicht ist nicht unser Werk, sondern Gottes Werk in uns. Dabei sind aufrichtige Selbsteinsicht und innere Umkehr nicht menschliche Leistung – sie sind das Wirken Gottes selbst in uns. In Christus gibt es keinen Unterschied mehr zwischen „Gottes Handeln“ und „unserem Erkennen“, zwischen „mein Wille“ und „dein Wille“. Hier ist alles eins – und genau darin besteht das Heil.
Selbst wenn man von einem „extra nos“ sprechen will – in Christus ist dieses „Außen“ das Allerinnerste: unser wahres, von Ewigkeit her in Gott begründetes Sein. Kurzum: Der Rezensent konstruiert einen Dualismus, den Jesus und Paulus längst aufgelöst haben. Er kritisiert nicht mein Buch, sondern die konsequente Botschaft des Neuen Testaments selbst.
Undogmatisch und lebensrelevant – ist das ein Vorwurf?
EZW-Berlin: Diese Prämissen eines gnostisch-esoterischen, christologisch formulierten Gottes- und Weltverständnisses kommen auch in den praxisorientierten Perspektiven des Buches zum Tragen, die den Anspruch haben, einen ethischen (d. h. undogmatischen, lebensrelevanten) Zugang zur Botschaft Jesu zu eröffnen.
Die EZW setzt „undogmatisch und lebensrelevant“ in Klammern, als wäre das ein besonders hinterhältiges Manko oder ein heimlicher Beweis für „gnostisch-esoterisch“. Wenn sie darin tatsächlich einen Mangel sähe, hätte sie erklären können, warum ein lebensnaher, praxisorientierter Zugang zur Botschaft Jesu etwas Verwerfliches sein soll – und warum Dogmatik für sie offenbar wichtiger ist als die Frage, ob Menschen durch das Evangelium heute wirklich frei und heil werden können. Das tut sie nicht. Die bloße Andeutung bleibt stehen wie ein erhobener Zeigefinger ohne Begründung.
Kurz gesagt: „Undogmatisch und lebensrelevant“ ist für mich kein Makel, sondern das eigentliche Ziel. Wer das als Vorwurf meint, muss erklären, warum er die Botschaft Jesu lieber dogmatisch und lebensfern halten will.
Wo bleibt die Anfechtung? Genau dort, wo Jesus sie überwunden hat
EZW-Berlin: Authentisches Handeln geschieht aus Erkenntnis von Sinn, wozu Wahrnehmungsfähigkeit, Achtsamkeit bzw. Wertschätzung als Haltung gegenüber dem Leid, dem Feindlichen und dem Feind entscheidend sind. „Selig wird darum der genannt, der sich in der Lage sieht, das Wesen der ,weichen‘ Elemente anzunehmen, wodurch er fähig ist, sich klaglos äußerlich verdrängen zu lassen“ (83).
Allerdings sind noch einige Fragen offen: Wo bleibt die Kategorie der Anfechtung (durch Schuld, Feind, Gesetz etc.), die sich stets auch in Kampf und Klage als legitimen Ausdrücken eines Gottesverhältnisses artikuliert?
Der Rezensent fragt am Ende vorwurfsvoll: „Wo bleibt die Kategorie der Anfechtung?“ – als hätte ich sie einfach wegretuschiert. Das Gegenteil ist der Fall. Das gesamte Buch kreist um genau eine Frage: Wie gehen wir mit Anfechtung, Schuld, Feind, Unrecht, Leid und Tod so um, dass sie uns nicht mehr zerbrechen – sondern heil machen? Die Antwort lautet nicht: Wir verleugnen die Anfechtung. Die Antwort lautet: Wir gehen mit ihr so um, wie Jesus es vorgelebt hat – bis hinein in die äußerste Gottverlassenheit am Kreuz. Jesus hat die Anfechtung nicht ausgeklammert. Er hat sie durchlitten, durchtragen und besiegt – und dadurch in ihr Gegenteil verwandelt.
Wer wie Jesus unbeirrt den Willen Gottes sucht, auch wenn alles dagegen spricht, der erfährt genau das, was Paulus formuliert hat: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ Röm 8,28
„Weder Tod noch Leben … noch irgendeine andere Kreatur kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist.“ Röm 8,38–39
Die Anfechtung verschwindet also nicht – sie verliert ihre letzte Macht. Sie wird zum Durchgang, nicht zum Endpunkt, wie es der Hebräerbrief auf den Punkt bringt:
„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“Hebräer 13,14
Wer das als „Verharmlosung“ liest, hat nicht verstanden, was Kreuz und Auferstehung eigentlich bedeuten.
Das rettende Eingreifen Gottes ab extra? Es ist urinnerlich in Christus
EZW-Berlin: Und wiederum diese Frage: Wo bleibt das rettende Eingreifen Gottes ab extra als Befreiung (von Schuld, Feind, Gesetz etc.)?
Der Rezensent fragt erneut: „Wo bleibt das rettende Eingreifen Gottes ab extra?“ Die Antwort steht im Zentrum des Buches – und im Zentrum des Evangeliums: Gott greift nicht von einem fernen „Außen“ ein. Er greift ein, indem er selbst in Jesus Christus in die tiefste Ferne geht – in Schuld, Feindschaft, Unrecht, Leid und Tod –, um genau dort die Dualität zu durchbrechen und alles mit sich zu versöhnen.
Dieses „ab extra“ ist deshalb kein externes Hinzukommen, sondern das Allerinnerlichste: der in uns geborene Christus, der Geist, der die Welt von innen her besiegt. „Wer Ohren hat zu hören, der höre.“ Und wer wirklich hört, dem wird genau dieses Heil – das von Gott kommt und doch mitten im Menschen anbricht – in Jesus Christus zuteil. Das rettende „von außen“ ist in Christus das urinnerliche „ich in euch“. Alles andere wäre ein zu kleiner Gott.
Synkretismus oder die universelle Wahrheit der Botschaft Jesu?
EZW-Berlin: Elmar Vogels „Essenzen“ seiner Interpretation der Botschaft Jesu zeigen ein interessantes esoterisches Konglomerat (um mit dem Verlagsnamen zu sprechen: „Synthesia“; oder orthodox: Synkretismus) christlicher, gnostischer und vielfach fernöstlicher Weltverständnisse.
Die EZW sieht in der Begegnung christlicher, gnostischer und fernöstlicher Elemente sofort „Synkretismus“ oder ein „esoterisches Konglomerat“ – als wäre jede Synthese grundsätzlich verdächtig. Das ist sie nicht. Synthese bedeutet nicht beliebige Vermischung, sondern die Aufhebung von These und Antithese in einer höheren Einheit – das Prinzip der Trinität.
Genau diese Synthese vollbringt Jesus Christus in seiner Passion wodurch er alles Getrennte vereint: Freund und Feind, Himmel und Erde, Gott und Mensch, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Freude und Leid, Leben und Tod, Zeit und Ewigkeit – alles wird durch ihn in Gott geeint, indem es unverhofft Sinn findet.
Der Wahrheitsbegriff Jesu, den ich in meinem Buch darlege, ist daher das genaue Gegenteil eines Konglomerats. Er gleicht einem Hologramm: Selbst im kleinsten, unscheinbarsten Bruchstück – etwa in Weisheiten aus anderen Kulturen – lässt sich das Ganze und Große erkennen. Wer solche Bruchstücke gefunden hat und würdigt, wird gerade dadurch zu Christus hingeführt und gelangt in ihm zur vollkommenen Wahrheit:
„Wer es nun hört vom Vater und lernt es, der kommt zu mir. Nicht dass jemand den Vater gesehen hätte, außer dem, der vom Vater ist; der hat den Vater gesehen.“ Joh 6,45
Nichts anderes verdeutlicht der Apostel Paulus indem er feststellt:
„Denn wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur aus tun, was das Gesetz fordert, so sind sie, obwohl sie das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. Sie beweisen damit, dass des Gesetzes Werk in ihr Herz geschrieben ist; ihr Gewissen bezeugt es ihnen, dazu auch die Gedanken, die einander anklagen oder auch entschuldigen …“ Römer 2, 14-16
Wer wollte also bestreiten, dass gültige Wahrheitserkenntnisse zu allen Zeiten und in allen Kulturen formuliert wurden und werden? Der christliche Wahrheitsbegriff ist in sich stimmig, schlüssig, folgerichtig und widerspruchsfrei. Genau das hat Jesus uns in seiner Passion auf erschütternde Weise vor Augen geführt. Das Herausragende und Einzigartige an seiner Botschaft und seinem Werk besteht darin, dass er das, was wir bisher als das unabänderlich Feindliche, das Böse und das Sündhafte ansahen, vertrauensvoll als etwas Bedeutsames und Notwendiges erkannte, es auf sich nahm und in das Heilsgeschehen einbezog. Nur dadurch konnte das gut werden, was vor und ohne Jesus Christus nicht gut gewesen war.
Die EZW scheint nicht verinnerlicht zu haben, dass Wahrheit keine exklusive Verfügungsmasse des Christentums oder der Kirchen darstellt. So ordnet sich Jesus selbst seinem Verständnis von Wahrheit (Gott) bedingungslos unter, indem er bereitwillig über sich verfügen lässt. Warum handelte er wohl so?
Jesus ist nicht Besitzer, sondern Offenbarung der einen, universellen Wahrheit, und überall dort, wo sie aufleuchtet, wird sie von ihm bezeugt, selbst in Unrecht, Schwäche, Scheitern, Leid und Tod. Wer also zeitlos gültige Wahrheitserkenntnisse – wo immer sie auftauchen – als „synkretistisch“ verwirft, der stellt letztlich die universelle Reichweite der Botschaft Jesu selbst in Abrede. Kurz: Nicht ich betreibe Synkretismus. Christus ist die Synthese.
Warum die Kritik der EZW die Botschaft Jesu verfehlt
EZW-Berlin: Gerade für weltanschauliche Forschung erweist sich diese ausdrücklich christliche Esoterik als Beispiel mit Gegenwartsbezug. Für Theologie und kirchliche Praxis wäre besonders diese Einsicht als Unterscheidungskriterium zu formulieren: Eine Rede von Sinnsuche bzw. Sinnfindung kann nur in Bezug und Beziehung zur Personalität Gottes bzw. seiner Trinität Gestalt gewinnen, aus welcher die gnadenhaft-freie Rechtfertigung durch Inkarnation, Kreuz und Auferstehung Jesu extra nos entspringen.
Die EZB erklärt am Ende, meine Rede von Sinnfindung sei theologisch illegitim, weil sie nicht strikt genug an der „Personalität Gottes“, der Trinität und dem „extra nos“ der Rechtfertigung durch Inkarnation, Kreuz und Auferstehung orientiert sei. Nur: Genau diese Punkte stehen bei mir im Zentrum – nicht nebenbei, sondern als tragende Säulen:
die persönliche Gottesbeziehung,
die gnadenhafte, freie Rechtfertigung,
Inkarnation, Kreuz und Auferstehung Jesu als das entscheidende Heilsgeschehen,
und dass dieses Heil nicht unsere Leistung ist, sondern uns allein durch Jesus Christus geschenkt und ermöglicht wird.
Die EZW formuliert also ein Unterscheidungskriterium und wendet es auf eine Position an, die dieses Kriterium bereits erfüllt. Sie kritisiert nicht mein Buch – sie kritisiert ein Phantom, das sie sich selbst gebaut hat. Damit verfehlt ihre Rezension nicht nur mein Werk, sondern vor allem die Weite und Tiefe der Botschaft Jesu selbst.
Elmar Wieland Vogel kontert die EZW mit Martin Luther
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Hardly any other religion or philosophy attaches as much importance to the power of forgiveness as the teachings of Jesus. It calls us to grace, mercy, and even to love our enemies. This is impressively demonstrated in the life of Jesus: despite betrayal, slander, and cruel execution, He says on the cross, ‘Father, forgive them, for they do not know what they do.’ But why is forgiveness so central, and why is it often so difficult for us when we experience injustice? This article highlights the universal dimension of forgiveness, which signifies our unity with God—that is, with everything that is.
Self-knowledge—the foundation of genuine and fundamental forgiveness
The idea that genuine forgiveness and true mercy are linked to sincerely practiced self-knowledge is one that receives little attention today—yet it is central. In the Sermon on the Mount, Jesus links this idea directly to mercy:
Blessed are the merciful, for they shall obtain mercy. Blessed are the pure in heart, for they shall see God.
Matthew 5:7-8
What does a ‘pure heart’ mean in this context? Contrary to popular belief, this is not about inner perfection or flawlessness. Rather, Jesus describes the ability to become aware of one’s own human weaknesses, mistakes, and errors—in other words, to see oneself as one truly is. And Jesus equates this contemplation of the truth (about ourselves) with the contemplation of God. The Jewish philosopher, Simone Weil, succinctly formulated this idea:
Purity is the ability to contemplate one’s own defilement. Simone Weil: ‘Gravity and Grace’
Purity does not consist in the absence of faults but in the courageous willingness to acknowledge one’s own imperfection. But how does this self-knowledge lead to seeing God? In Jesus‘ message, God stands for truth. As He explains during his interrogation before Pilate:
I was born and came into the world to bear witness to the truth. Whoever is from the truth hears my voice. John 18:37
Through honest self-examination, we recognize our weaknesses and thus the divine truth about ourselves. Contemplating the truth about ourselves is therefore equivalent to ‘seeing’ God. And so it is also the unvarnished insight into ourselves that creates the basis for the Christian idea of forgiveness.
Guilt as a path to forgiveness
Our guilt as a door to grace
Jesus taught us that our guilt is not only a burden but also an opportunity to practice forgiveness and mercy. This idea may seem surprising at first, but it contains a joyful message: our human weaknesses should bring us closer to God and our fellow human beings. This article is about how Jesus redefines the concept of sin and uses parables to show us how we can learn grace, forgiveness, and mercy through insight into our human fallibility.
Sin as meaning: recognizing God’s work
When our guilt leads us to forgiveness, it becomes a necessity and thus even something good. This means that when we understand sin in this way, it gains a deep meaning as part of our human nature. God gives meaning and significance to everything, even to the weak and seemingly meaningless, because He is the spirit that permeates all things.
Jesus instructed us that insight into our guilt should enable us to practice grace and forgiveness.
God created us as sinners so that we might learn mercy through our imperfection.
Meister Eckhart’s view: sin and true repentance
Meister Eckhart also pointed to this fundamental truth. It was a view that his contemporaries found incomprehensible:
‘The good man should conform his will to the divine will in such a way that he himself wants everything that God wants: because God in a certain sense wants me to have sinned, I did not want to have committed any sins, and that is true repentance.’„
After considering the meaning of sin as an opportunity for forgiveness, Jesus illustrates this idea vividly in a parable: the parable of the unforgiving servant. It is about a servant whose large debt is forgiven but is not willing to forgive a smaller debt owed to him by one of his fellow servants.
The kingdom of heaven is like a king who wanted to settle accounts with his servants. One owed him an enormous sum—ten thousand talents. Since he could not pay, the king ordered that he, his family, and all his possessions be sold. The servant fell to his knees and begged, ‘Give me time; I will pay you back everything!’ The king took pity on him, released him, and forgave the entire debt. But when this servant met a fellow servant who owed him only a hundred denarii, he grabbed him, choked him, and demanded, ‘Pay me what you owe me!’ The fellow servant begged for patience, but the servant remained hard-hearted and had him thrown into prison until the debt was paid. When the other servants saw this, they reported it to the king. He called the servant to him and said, ‘You ungrateful servant! I forgave your huge debt because you begged me. Shouldn’t you have forgiven your fellow servant as I forgave you?’ Angry, the king handed him over to the guards until he had paid back everything. Jesus concluded, ‘So will my heavenly Father do to you if you do not forgive from your heart.’ (cf. Matthew 18:23-35)
This parable shows that those who experience God’s forgiveness are called to forgive themselves. Our own guilt should teach us grace and humility, not harshness and unforgiveness.
Accepting the cross: healing through weakness
In this way, our weakness becomes a meaningful and necessary burden that we are to bear, just as Jesus took up and carried His cross. The healing of guilt comes through the realization that in God, even weakness and suffering have meaning and ultimately serve us:
Then He said to them all, “If anyone wants to follow me, let him deny himself and take up his cross daily and follow me. For whoever wants to save his life will lose it, but whoever loses his life for my sake will save it. Luke 9:23–24
The splinter and the beam: self-examination first
Another parable of Jesus deepens this message by calling us to self-reflection, through which we are to be freed from the thought of condemnation:
“Do not judge, so that you will not be judged. For as you judge, so you will be judged; and with the measure you use, it will be measured to you. Why do you see the splinter in your brother’s eye, but do not notice the beam in your own eye? How can you say, ‘Let me take the splinter out of your eye,’ when there is a beam in your own eye? You hypocrite, first take the plank out of your own eye, and then you will see clearly to remove the speck from your brother’s eye.“ Matthew 7:1-5
This image illustrates that only when we recognize our own mistakes can we treat others with understanding and grace. Instead of judging, we should examine ourselves and show compassion.
Forgiveness as a path to healing
Our human weakness is not an obstacle, but a path:
Through insight into our weaknesses, we learn that we ourselves need the forgiveness that God grants us so that we can pass it on.
In this way, forgiveness leads to healing—for us and for those around us.
A life in grace
Jesus‘ message is clear: our weaknesses are not obstacles, but paths to greater compassion and forgiveness. By accepting our fallibility, we learn not to judge others but to treat them with mercy. This insight frees us from the burden of guilt and opens us to God’s truth, in which neither guilt nor accusation can exist.
How can we live this message in our daily lives? Perhaps by forgiving someone today who has upset or hurt us. In this way, we become one with God, to whom everything—even weakness—serves to bring about good.
Recognising the good in evil
How can something good come out of something evil? This question preoccupies many people, especially in difficult times. Jesus‘ teaching shows us a way: evil remains evil as long as we do not recognize God’s will in it. Only through this insight and our trust can it become good. In his Passion, Jesus shows how He lived this out and what we can learn from it.
Evil and the will of God
Evil is not inherently good. Suffering, injustice, and failure must remain wrong and evil so long as we do not see a deeper meaning in them. Jesus teaches us that evil can become good if we recognize God’s will in it. However, this insight does not come automatically—it is individual and depends on our trust in Jesus‘ words. It would therefore be wrong to say to someone, ‘Your suffering is good because it is God’s will.’ Such words can come across as cynical. Good only comes about when the person affected, like Jesus Christ, recognizes God’s work in their suffering and trustingly consents to it. However, each person must walk this path entirely for themselves:
‘Strive to enter through the narrow gate; for many, I tell you, will seek to enter and will not be able.’ Luke 13:24
The Passion of Jesus as an example
Jesus Himself exemplified this path. In His Passion—His suffering, His defeat, and His death on the cross—He recognized the will of God. Despite His pain, He trusted that God would bring good out of it.
Facing His impending suffering, He prayed:
“My Father, if it is possible, let this cup pass from me; yet not as I will, but as you will.” Matthew 26:39
Through this trust, Jesus transformed evil into something good. He knew that even in His greatest misfortune there was also happiness. Happiness is based on the trust that where God’s will is recognized, it must lead to good. Jesus shows that those who trust in God’s work will find hope, even in the darkest moments. Why? Because God cannot disappoint hope that is placed in Him. If He did, God would be acting against Himself and would cease to be God.
Hope through trust
Jesus said to His disciples, ‘It is good for you that I am going away. For if I do not go away, the Comforter will not come to you. But if I go, I will send Him to you.’ John 16:5-7
At first, these words sound paradoxical. How could it be ‘good’ that Jesus was crucified? But He knew that His departure was part of God’s plan, which would bring forth a spirit of comfort. Jesus trusted that God’s will always and exclusively brings about good—even if it initially appears to be a loss.
Where God’s will is done: forgiveness, healing, and the overcoming of evil
Jesus‘ forgiveness on the cross
The forgiveness that Jesus grants His enemies on the cross is of universal significance. As He dies, He mouths the words:
‘Father, forgive them, for they do not know what they do.’ Luke 23:34
This request shows the depth of His sacrifice: Jesus forgives His enemies because He recognizes and accepts God’s will in His passion. Where God’s will is done, guilt and accusation come to an end. This thought forms the basis for the redemption of the world and the forgiveness that Jesus makes possible.
Ignorance and the necessity of evil
Jesus‘ enemies acted in ignorance, as He Himself emphasizes. This ignorance exonerates them in a deeper sense:
Those who are ignorant are not criminally responsible.
Had they known what they were doing, they would have acted differently.
But without their actions, the world would not have been redeemed.
Their ignorance was therefore necessary for the redemption through Jesus‘ Passion to be realized. It follows that
what happens in accordance with God’s will cannot be blamed, for it is God’s work.
Jesus‘ request for forgiveness is a logical consequence of this reasoning.
The power of divine forgiveness
One possible objection could be that Jesus does not forgive Himself but asks God to forgive His enemies. But which forgiveness weighs more: that of a human being or that of God?
The forgiveness that Jesus asks for is divine, all-encompassing, and therefore objective. It removes guilt and leads to healing. Jesus recognizes God’s will in all events and asks for the highest forgiveness for His enemies. And He shares with us this glory that was given to Him by the Father:
‘And I have given them the glory that you gave me, that they may be one, as we are one, I in them and you in me.’ John 17:22-23
Through this gift, we too are enabled to pray for those who wrong us and thus obtain objective forgiveness from God.
Love for one’s enemies
Jesus calls us to go beyond human standards:
“Love your enemies, bless those who curse you, do good to those who hate you, and pray for those who spitefully deal with you.” Matthew 5:44-45
This commandment is rooted in the knowledge that even “evil” people unknowingly accomplish God’s work—indeed, they must accomplish it. In this sense, the Apostle Paul makes it clear to us:
‘And we know that all things work together for the good of those who love God.’ Romans 8:28
Jesus took injustice, suffering, and death upon Himself because he knew that God’s will was at work in them. Through this, suffering and death took on a new meaning for Him, through which the world could be overcome. Thus, in Christ, the righteous became sinner so that the sinner could become righteous:
For God made Him who knew no sin to be sin for us, so that we might become the righteousness of God in Him. 2 Corinthians 5:21
The mindset of Jesus: suffering as the path to resurrection
Jesus gives us a new perspective on injustice, suffering, and death. He shows us that everything God wants is good and will turn out well. His faith was based on the belief that everything subject to God’s will is immortal and must be resurrected as soon as His will is recognized in it. Why? Because what God wants cannot die. God is life itself. His will and His actions inevitably lead to life.
Through Jesus‘ consent to God’s will, injustice, suffering, and death became something necessary, true, and good. By trusting in this, we too can adopt this attitude:
Through trusting surrender to God’s will, we find healing.
In this attitude, we cannot perish, because God’s nature and will is life itself.
Forgiveness as the path to salvation
The Passion of Jesus reveals that even evil is determined in God and serves us, provided we trust in it. Through His forgiveness on the cross, Jesus shows how suffering is transformed into healing, injustice into justice, and death into life. By accepting His Spirit and consenting to God’s will, we become bearers of this forgiveness and sharers in His glory. Thus, guilt and accusation end where God’s good will is done.
Obtaining all-encompassing forgiveness
The indivisible unity of God
From what has been said so far, it is clear that in God there can be no accusation, no guilt, no contradiction, no opposite, and no adversary. Why is this so? Because God—who is truth itself—is indivisible. Therefore, the highest commandment in Judaism begins with the words:
‘Hear, O Israel: The Lord our God is one God.’ Deuteronomy 6:4
From the indivisible unity of God, it follows that God does not punish or judge anyone. For if that were possible, God would also punish or judge Himself. This, in turn, is impossible, since there is nothing but God, and He would thereby cease to be a single and indivisible God.
Divine judgment through the Son
In accordance with this fundamental truth, Jesus made it clear that God Himself does not judge anyone:
‘For the Father judges no one but has committed all judgment to the Son, that all may honour the Son just as they honour the Father.’ John 5:22
But how are we to understand that the Father has given all judgment to the Son? In His Passion, Jesus shows the nature of the divine judgment that has come through the Son and is carried out through Him.
Forgiveness as judgment on the cross
The judgment proclaimed by the Son on the cross means forgiveness for the enemies of God, which makes them necessary.
This may sound paradoxical, even absurd, but by granting forgiveness to His enemies from the cross, Jesus undoubtedly obtains their objective forgiveness through God, in whom all things are necessary and become.
Principles of divine truth
In order to grasp the dimension of this unheard-of thought, we must once again internalize the following:
God is without division, separation, or contradiction.
In God there is neither evil nor guilt nor accusation.
God punishes and judges no one.
God cannot be hindered by anything.
All events serve God without exception.
Nothing can oppose the will of God.
Becoming one with God
Jesus taught us that the salvation and glory of man are based on our becoming completely one with God. Just as the Son was one with the Father, so we too are to become one with God, whereby we become sons and God becomes our Father:
I do not pray for them alone, but also for those who will believe in Me through their word, that they may all be one, just as You, Father, are in Me, and I in You, that they also may be in Us, so that the world may believe that You sent Me. And I have given them the glory that You gave Me, that they may be one, just as we are one, I in them and You in Me, that they may be perfectly one, so that the world may know that You sent Me and loved them even as You loved Me.John 17:20-23
It follows that the judgment entrusted to the Son arises from a difference from God. The Son came to remove this difference.
The Son is not different from the Father, for it is the Son’s characteristic to know and do the Father’s will in all things.
The Son and the will of the Father
Just as all things serve God, so all things serve the Son of God without distinction. Even persecution, betrayal, slander, condemnation, and execution on the cross. The Son is able to recognize the will of the Father in all events. And so our salvation can only lie in accepting the mindset of Jesus. In this sense, Meister Eckhart said:
‘If you want to know God, you must not only be like the Son, but you must be the Son Himself.’Meister Eckhart
That is why the Son forgave His enemies, because He is completely equal to the Father, whom all things serve. By granting forgiveness to His enemies, the Son proclaims that even the deeds of His enemies serve the good, since they, too, are subject to the will of the Father, from whom nothing can escape.
By forgiving, the Son honours the Father, because He proclaims the essence of the Father, whom all things serve.
The power of sacrifice
Omnipotence in powerlessness
The judgment that came in the form of the Son means forgiveness for the perpetrators who receive the forgiveness that Jesus Christ Himself taught and practiced against His enemies. What kind of forgiveness is this? It is the forgiveness that comes from the knowledge that God’s will is done wherever we recognize it and consent to it, even in injustice, suffering, and death. For where God’s will is done, all things must lead to good, since God is life itself and only good, only life, spirit, and meaning flow from Him. In this sense, Jesus explained:
„For this reason my Father loves me, because I lay down my life in order to take it up again. No one takes it from me, but I lay it down of my own accord. I have power to lay it down, and I have power to take it up again. This command I have received from my father.“ John 10:17
The reconciliation of the perpetrators
If the victim is able to forgive because they recognize God’s will even in the injustice they have experienced, then the perpetrators are atoned for before God. Why? Because they acted unknowingly according to God’s will, which only the victim knows here.
When everything temporal comes to an end on the last day, the perpetrators will also experience this, and they will be stunned. It will then be like in the days of Joseph, whom his brothers hated because he was their father’s favorite son, whom they declared dead, whom they sold into slavery, and who in the end forgave them from his heart because he recognized God’s will in his fate:
„And he said, ‚I am Joseph, your brother, whom you sold into Egypt. Now do not be distressed or angry with yourselves because you sold me here, for God sent me before you to preserve life. 1. Genesis 45:1
Judgment: The diminution of goodness
Jesus Christ came to proclaim the will of God, and this will is that in the Son all guilt ceases, because God is merciful and no guilt can exist in him. Those who are redeemed are those who, through the Son, are freed from accusation, guilt, and thoughts of retribution, just as the Son was free from accusation, guilt, and punishment.
Whoever believes in the Son and forgives as the Son has forgiven will himself become a son and will be free and will live.
Where accusation, guilt, punishment, and retribution cling to us, we will one day be confronted with them. To the extent that we were victims, we will receive comfort. To the extent that we were perpetrators, we will be measured by the measure we applied to others. We will receive what we believe in and what we hold fast to in our minds: either forgiveness or retribution. If we hold fast to forgiveness, we will become one with God, and we will live. If we hold fast to retribution, we will be divided from God. Why? Because we cannot receive what we do not value, desire, and want, namely forgiveness, grace, and mercy.
And so every separation from God causes a diminution of goodness, and that is judgment. That is why Jesus speaks in His parables of a hierarchy, of an experienced lowering or raising, and of the great and the small in the kingdom of God. In this context, separation from God is synonymous with separation from our neighbour.
Final thought
Forgiveness is therefore not a sign of weakness but an act of strength that unites us with God. By forgiving, we share in His greatness and overcome guilt, accusation, and retribution.
This becoming one with God, as Jesus taught us and lived in his Passion, leads to salvation—to a life of boundless grace, free from condemnation and full of mercy. Let us be encouraged to follow this path in our daily lives: let us forgive where we have been hurt and trust that God works good even in the greatest human weaknesses. In this way, we become bearers of His all-encompassing love and hope in a world that so desperately needs forgiveness, grace, and mercy.
Nachruf auf meine Mutter Sabina Vogel, geborene Heppenheimer
Geboren am 8. Februar 1930 in Lichtentanne, verstorben am 4. August 2025 in Ansbach
Liebe Freunde, liebe Verwandte, liebe Bekannte,
herzlichen Dank, dass ihr heute hier seid, um unserer Mutter Sabina Vogel die letzte Ehre zu erweisen. Lasst uns gemeinsam an sie erinnern – an die Frau, die sie war, an die Spuren, die sie in unseren Herzen hinterlassen hat, und an die Art, wie sie jeden von uns auf ihre einzigartige Weise berührt und geprägt hat. Den folgenden Nachruf auf Sabina, werde ich auch auf meinem Blog veröffentlichen und mit entsprechenden Fotos illustrieren. So bleibt er allen Interessierten zugänglich. Denn es war immer der Wunsch meiner Mutter, ihre interessante und bewegte Lebensgeschichte publik zu machen. „Das könnt ihr alles mal nach meinem Tod veröffentlichen.“ Leider ist es ihrerseits bei unveröffentlichten Textfragmenten geblieben.
Eine musikalische Erinnerung
Das Musikstück, das wir gerade gehört haben, war „Song of India“ (hier auf: Spotify), basierend auf einem Thema aus Rimski-Korsakows Oper Sadko. Durch Tim Dorseys Big-Band-Arrangement wurde es ab 1937 als Popsong weltberühmt. Meine Mutter liebte dieses Stück. In den 40er und 50er Jahren trat sie zu dieser Musik gemeinsam mit ihrer Schwester Sybilla als Artistin in Varietés auf.
Ein Leben voller Farben und Kontraste
Sabina Vogel, geborene Heppenheimer, kam am 8. Februar 1930 in Lichtentanne bei Zwickau zur Welt – nicht weil ihre Familie dort lebte, sondern weil der Zirkus Heppenheimer gerade dort gastierte. Erst nach der Wiedervereinigung besuchte sie diesen Ort erneut und konnte ihren Geburts- und Taufeintrag im Kirchenbuch selbst sehen.
Eine ganz besondere Mischung
Unsere Mutter pflegte manchmal zu sagen: „Wir sind eine ganz besondere Mischung.“ Um zu verstehen, was damit gemeint war, ein kleiner Blick in die Familienverhältnisse von Sabina: Sabinas Mutter, Hedwig Heppenheimer, geborene Balke, stammte aus einer Lehrer- und Beamtenfamilie, die in Calau, Niederlausitz, ansässig war. Hugo Balke, der Großvater meiner Mutter, hatte dort das Amt des Obersteuerinspektors inne.
Rechts im Bild: Die drei Geschwister im Jahr 2005
Dass meine Mutter ihre Großeltern mütterlicherseits (Henriette und Hugo Balke) allerdings nie kennengelernt hat, hängt damit zusammen, dass ihre Mutter Hedwig mit ihren Eltern aufgrund der Strenge, die sie in ihrem Elternhaus erfuhr, gebrochen hatte. Auslöser war wohl letztlich ein Scherz, den sich Sabinas Mutter als Internatsschülerin einer höheren Töchterschule gegenüber einer Ordensschwester leistete. Mit einer Sicherheitsnadel heftete sie den Rock der Ordensfrau hinter deren Rücken nach oben, sodass zur Belustigung aller deren Unterwäsche zu sehen war.
Die Bestrafung, die daraufhin folgte, war dann wohl der Anlass für Sabinas Mutter, mit ihrem Elternhaus zu brechen. So schloss sie sich zunächst als junge Frau einer Artistentruppe an, erlernte Drahtseilakrobatik und ungarischen Tanz, nannte sich Hedy Hasson und heiratete schließlich …
… den Sohn eines Zirkusbesitzers, den Kunstreiter Karl Heppenheimer, meinen Großvater, geboren 1882 in Temeš der heutigen Slowakei. So prallten in Sabina bürgerliche Wurzeln und Zirkusleben aufeinander – eine Mischung, die sie prägte.
Kindheit im Zirkus
Sabinas Kindheit verlief unkonventionell. Die Familie zog mit einem eigenen kleinen Zirkus im Wohnwagen, dem „Futschinellkasten“, wie sie ihn liebevoll nannte, durchs Land, gezogen von einem Brennabor-Pkw. Sie erzählte von ihrem Leben mit dem Affen „Mungo“, der als Entfesselungskünstler arbeitete und gerne Bier trank, von akrobatischen Auftritten mit ihrem Vater auf öffentlichen Plätzen, Jahrmärkten, Volksfesten oder in Biergärten – dem sogenannten „Ständeln“– und davon, wie glücklich sie trotz einfachster Verhältnisse waren.
Sabina mit ihrem Vater beim „Ständeln“Akrobatischer AktHier musste ich mich immer ganz steif machen.Drehung in der Luft. Mein Vater fing mich auf.Erste akrobatische Auftritte„Mungo“ der Entfesslungskünstler trank gerne BierDas Schwesternduo Sibylla und Sabina im Herrenspagat
Solche Auftritte waren im Dritten Reich als Kinderarbeit verboten, weshalb die Kinder vorsichtig sein mussten. Statt „Hunger“ mussten sie „Butlak“ sagen, und bei Gefahr hieß es: „Der Gritsch natscht, schnell vergibrachen.“
Bildung und Selbstbewusstsein
Schulbesuche erfolgten für Sabina und ihre Schwester Sybilla eher sporadisch, doch ihre Mutter förderte ihre Liebe zum Lesen. Sabina begeisterte sich in ihrer Jugend für Friedrich den Großen und las alles, was sie über ihn finden konnte. Einmal verblüffte sie einen Lehrer in Prizwalk mit ihrem Wissen – trotz ihres sonst eher ungewöhnlichen Auftretens. Ihre laute, selbstbewusste Art, geprägt vom Zirkus, machte sie in der Schule zu einer Exotin. Belustigt erzählte sie, wie sie dem Lehrer einmal immer wieder zurief: „Jetzt passen Sie mal auf, Herr Lehrer!“, worauf er schließlich entgegnete: „Wer ist denn hier der Schüler, der aufpassen soll, du oder ich?“ Oder wie sie ihren Mitschülerinnen weismachte, Zarah Leander sei ihre Mutter.
Herausforderungen im Krieg
Anfang der Vierzigerjahre erhielt Sabinas Vater dann eine letzte Anstellung als Pferdwirt im Tattersall in Leipzig. Das war ein Unternehmen zur Pflege fremder Pferde sowie zur Vermietung und zum Verkauf von Pferden. Wenig später verstarb Karl Heppenheimer am 22. Oktober 1942.
Mutige Mutter in schwierigen Zeiten
Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, nahm Hedwig Heppenheimer nach dem Tod ihres Mannes eine Stelle in einem Leipziger Verlag an. Dabei kam es eines Tages zu folgender Situation: Sie betrat das Verlagshaus mit den Worten „Guten Morgen“ und wurde zurechtgewiesen, dass sie mit dem deutschen Gruß „Heil Hitler“ hereinzukommen habe, worauf sie wohl antwortete: „Der Hitler, der kann mich mal …“ Es folgte ein Strafprozess, in dem Hedwig Heppenheimer zu einer neunmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde.
Pflegefamilien und Trennung
Die Töchter wurden während Hedwigs Inhaftierung in Pflegefamilien untergebracht. Der Bruder Karli kam zur Familie Heppenheimer, bei der er dann auch verblieb. Sabina wurde bei Familie Devrient aufgenommen, die in Leipzig seit 1882 eine typografische Anstalt betrieb (Gieseke & Devrient). Ein Unternehmen, das übrigens bis heute Banknoten druckt. Auf diese Weise kam Sabina nach Tilsit in Ostpreußen, wo die Familie ihren Urlaub verbrachte. Eine Zeit, die für sie prägend war und die sie in positiver Erinnerung behielt. Die Pflegefamilie von Sibylla bat Hedwig Heppenheimer nach der Entlassung aus dem Gefängnis dringend darum, Sibylla bei ihnen zu lassen, da sie schulisch hochbegabt sei und entsprechend gefördert werden sollte. Hedwig überließ diese Entscheidung jedoch ihrer damals 16-jährigen Tochter, die sich schließlich für einen Verbleib bei ihrer Mutter und ihren Geschwistern entschied.
Kriegserlebnisse und Flucht
Die letzten Kriegsjahre erlebte Sabina in Leipzig-Connewitz direkt an der Pleiße im Wohnwagen. In diese Zeit fällt die Geschichte von einem entlaufenen Armeepferd, das ihre Mutter Hedwig einfing und bei einem Bauern für einen halben Liter Milch eintauschte. Kurz vor Kriegsende führte der Weg mit dem Wohnwagen zunächst nach Pritzwalk bei Berlin. Dort erlebten sie am 15. April 1945 die Detonation von V2-Sprengkörpern, durch die auch der Wohnwagen in Mitleidenschaft gezogen wurde und aussah, als wäre er „schwanger“ geworden. Bei dieser Explosion starben mehrere Hundert Menschen, unter anderem war ein voll besetzter Kinosaal am Bahnhof betroffen.
Foto rechts: Sabina 1945 in Prizwalk
Vor der herannahenden Roten Armee flüchteten sie zunächst nach Westen bis zur Elbe. Dort gab es eine Art Grenze. Die Amerikaner setzten die Flüchtlinge mit Booten ans andere Ufer über, doch Gepäck durfte nicht mitgenommen werden. Als sie an der Reihe waren, hieß es, nur die beiden jungen Mädchen dürften übersetzen, nicht jedoch die alte Frau. Das Angebot wurde abgelehnt. Am Ufer lagen massenhaft Koffer, aus denen unter anderem ein teurer Leopardenmantel mitgenommen wurde, bevor sie sich auf den Rückweg machten.
Geistesgegenwart in der Gefahr
Um zu verdeutlichen, wie wichtig geistesgegenwärtiges Handeln in Gefahrensituationen ist, erzählte uns Sabina einmal ein eindrückliches Erlebnis aus dieser Zeit. Auf der Flucht kamen sie in einen Ort und wollten dort übernachten. Sie wurden in ein Haus einquartiert, in dem auch befreite niederländische Kriegsgefangene untergebracht waren. Kurz nach ihrer Einquartierung trafen plötzlich auch russische Soldaten ein. Um die Frauen vor Übergriffen zu schützen, wurden sie schnell versteckt: Die Schwester Sibylla in einem Mehlkasten, Sabina zwischen zwei niederländischen Kriegsgefangenen, die das Mädchen unter einer Decke versteckten. Die Niederländer rieten ihnen, möglichst früh aufzubrechen und den Ort zu verlassen, solange die Soldaten noch betrunken seien, was auch geschah. Als die Gruppe das Haus verließ, stand plötzlich ein russischer Soldat mit einem Pferd vor ihnen und machte ein böses Gesicht. In dieser Situation ging Sabina auf das Pferd zu, streichelte es und sagte auf Russisch: „Ein gutes Pferd“, worauf der russische Soldat lächelte und sie ziehen ließ.
Artistin und Akrobatin
Anfang der 40er Jahre wurden meine Mutter und ihre Schwester zu Akrobatinnen ausgebildet. Sabina lernte damals in Konstanz Jonglieren, Drahtseilakt, Kugellaufen sowie Boden- und Tischakrobatik. Danach traten die beiden Schwestern regelmäßig in Varietés auf.
Nachkriegszeit und künstlerische Karriere
Nach Kriegsende lebte Sabina mit ihrer Schwester und ihrer Mutter in Berlin, wo das Duo gemeinsam regelmäßig Auftritte in den Varietés der Alliierten und der Sowjets hatte. Von dieser Zeit erzählte sie immer mit großer Begeisterung und sagte: „Da herrschte Aufbruchstimmung, überall war etwas los.“ Auf unseren Einwand, dass Berlin 1945 doch vollkommen zerbombt gewesen sei, antwortete sie: „Kann sein, aber das haben wir nicht gesehen.“ Dort lernte Sabina erstmals ihre Verwandten mütterlicherseits kennen: Cousine Gisela Glaser sowie die Tanten Annemarie und Margarete. Letztere pflegten mit uns eine lebenslange, herzliche Verbindung. Tante Grete, wie wir sie liebevoll nannten, schickte uns während der DDR-Zeit (sie wohnte in Frankfurt/Oder) regelmäßig Kinder-, Jugend- und Märchenbücher, die wir alle mit großer Begeisterung lasen.
Tournee in den Nahen Osten
Anfang der 50er Jahre erhielten die beiden Artistinnen von einer Künstleragentur das Angebot, an einer organisierten Tournee mit verschiedenen Varietékünstlern im Nahen Osten teilzunehmen. Diese Tournee führten Sabina und Sibylla zunächst in die Türkei. Sie hatten Auftritte in Istanbul, Ankara, Adana, Izmir, Mersin und Beirut. Das Duo trat unter dem Künstlernamen Tanagra Sisters auch später in Deutschland, Belgien und Luxemburg auf.
Tanagra Sisters – Eleganter gymnastischer AktSabina auf dem DrahtseilDrahtseilaktSibylla und SabinaAuftritt in Freiburg/Breisgau
Die erste große Liebe
Es muss über eine Verbindung zum Kammersänger Hopf in München gewesen sein, bei dem Sibylla angestellt war, wodurch Sabina auf ihre erste große Liebe traf: den norwegischen Opernsänger Jon Otnes, der damals auch in der Filmbranche aktiv war. „Die ganze Welt singt nur Amore“ ist eines seiner Filmzeugnisse, in dem er auf YouTube zu sehen ist. Aus dieser Verbindung, die für Sabina allerdings leider nicht von Dauer war, ging ihr erster Sohn Sigurd hervor, zu dem wir als unseren großen Bruder wegen seiner Eloquenz, seiner Belesenheit, seiner originellen Einfälle, seines Allgemeinwissens und seiner Sangeskunst aufschauten.
Ein neuer Weg an der Kunstakademie
Nachdem Sibylla geheiratet hatte, lebte Sabina mit ihrer Mutter und ihrem Sohn Sigurd in München in einem Wohnwagen. In unmittelbarer Nähe wohnte eine Professorin, die an der Akademie der Bildenden Künste unterrichtete. Sie sprach meine Mutter darauf an, ob sie nicht als Aktmodell an der Akademie arbeiten wolle, da ihre Figur prädestiniert sei und dies angemessen bezahlt werde. Als meine Mutter von den Bedingungen hörte, lehnte sie zunächst brüsk ab. Die Professorin konnte sie jedoch überzeugen und erklärte, dass es nichts Anrüchiges sei und es hier ausschließlich um Kunst gehe. Nach reiflicher Überlegung entschloss sich meine Mutter zunächst zu Einzelsitzungen bei Meisterschülern.
Familiengründung in Ansbach
Während ihrer Zeit an der Kunstakademie lernte meine Mutter dort dann den jungen Studenten Roland Ernst Vogel aus Ansbach kennen. Die beiden heirateten 1959, gründeten in Ansbach eine Familie und führten von 1968 bis 1989 gemeinsam das Steinmetzgeschäft.
Heilung durch Christus
Bis zu ihrem 47. Lebensjahr litt meine Mutter unter wiederkehrenden schweren Depressionen, von denen sie sich schließlich durch eine Szene aus dem Film Jesus von Nazareth (Franco Zeffirelli, 1977) endgültig geheilt fühlte. In dieser Zeit wandte sie sich dem Neuen Testament zu. Durch Gespräche mit ihr aus jener Zeit begann auch ich, mich zunehmend für die Inhalte der Lehre Jesu zu interessieren.
Ein neues Kapitel mit Walter
Nach der Trennung meiner Eltern im Jahr 1990 fand Sabina in Walter Treffer einen liebenswerten Lebensgefährten, mit dem sie sich viele alte Wünsche erfüllen konnte. Dazu gehörten gemeinsame Bahnfahrten in der 1. Klasse nach München, Nürnberg und Dresden mit dem Foxterrier „Maxl“ sowie Besuche von Opern und Varietéveranstaltungen. Walter starb leider viel zu früh, bereits im Jahr 2005.
Eine unkonventionelle Mutter
Soviel in aller Kürze zum Leben Sabinas, die wir Kinder als eine gute, lebenskluge, geradlinige, resolute, lebenslustige, kreative, vielseitige und unkonventionelle Mutter erlebt haben. Eine Mutter, der klare Verhältnisse wichtig waren und bei der nichts unausgesprochen im Raum stehen durfte. „Wir wollen keine unnötigen Spannungen in der Familie“, war dann ihr Credo. Eine Mutter, die mit Apfelsinen und Schneebällen jonglierte und uns in Diskussionen herausforderte. Waren unsere Argumente zu schwach, gab es Punktabzug, wie sie es nannte.
Improvisation statt Konvention
Wenn wir uns darüber beklagten, dass wir nicht wie andere Familien in Urlaub fuhren oder zum Skifahren, oder nicht die gewünschte Kleidung hatten, sagte sie: „Wir sind aber nicht die anderen!“ Was wir nicht hatten, wurde improvisiert. Unsere Sommerurlaube bestanden aus Badeausflügen an den Dambacher Weiher. Autofahrten waren Zeiten zum gemeinsamen Singen und Teekesselraten. Da meine Mutter keinen großen Wert auf schulische Leistungen legte, verbrachten wir als Kinder viel Zeit im Wald, töpferten, batikten, modellierten oder bastelten. War jemand unzufrieden mit seiner Lebenssituation, so sagte Sabina: „Man braucht immer eine gute Lebensphilosophie.“
Philosophische Gedanken
Ich glaube, dieser kurze Rückblick auf Sabinas Leben zeigt deutlich, vor welchen schicksalhaften Erlebnissen und Einflüssen sie stand – und vor welchen letztlich auch jeder von uns steht. Meist sind es die unbeabsichtigten, unfreiwilligen, beschwerlichen und leidvollen Prägungen, denen wir uns nicht entziehen können, an denen wir menschlich jedoch oft mehr wachsen als an den erfreulichen und angenehmen – sofern wir diesen Gedanken zulassen. Rückblickend sollten wir idealerweise sagen können: Es war eine problematische Erfahrung, die wir im Nachhinein aber doch nicht missen möchten.
Die Notwendigkeit des Unabänderlichen
So sind wir alle den unabänderlichen Geschehnissen dieser Welt gleichermaßen ausgeliefert. Auch unser Tod ist ein solches unabänderliches Ereignis, dem sich niemand entziehen kann. Betrachtet man es genau, ist jedes Aufbegehren gegen das Unabänderliche letztlich ein Aufbegehren gegen die Wirklichkeit – ein Nichtwahrhabenwollen unserer menschlichen Realität. Wenden wir uns gegen die Realität, leben wir in einer Illusion.
Einerseits wissen wir, dass in der Natur ohne Sterben kein Leben möglich ist; andererseits stellen wir uns gegen dieses universelle Prinzip. Deshalb glaube ich, dass wir hier sind, um zu verstehen, dass der Tod eine grundlegende Erneuerung ermöglicht. Kosmisch betrachtet wissen wir, dass ohne das Prinzip des Werdens und Vergehens unsere Welt nicht entstanden wäre.
Die Bausteine unseres Körpers stammen aus Asche verbrannter Sonnen, wir selbst sind aus Sternenstaub geworden. So ist das, was wir Wirklichkeit nennen, das Ergebnis von Folgerichtigkeiten. Allen Prozessen im Universum liegt eine Folgerichtigkeit zugrunde, der eine unabänderliche Notwendigkeit innewohnt.
Der christliche Gedanke der Einwilligung
Es ist der christliche Gedanke, der uns wie kein anderer die Notwendigkeit des menschlichen Scheiterns und Sterbens als Folgerichtigkeit deutlich macht. Entweder steckt in allen unabänderlichen Geschehnissen ein verborgener Sinn, oder aber alles Geschehen im Universum ist beliebig, willkürlich und sinnlos – was ich persönlich nicht glaube.
Aus unserer menschlichen Angst und Befangenheit neigen wir dazu, Hinderliches, Beschwerliches und Leidvolles als willkürlich, sinnlos und beliebig zu betrachten. Doch dieses Urteil ist nicht objektiv – es entspringt unserer Angst und Befangenheit. Deshalb benennen wir erfahrene Ungerechtigkeit, Scheitern, Sterben und Tod oft als böse, während Gerechtigkeit, Freude, Gesundheit, Erfolg und Ehre als gut gelten. Und doch wissen wir, dass diese Dinge einander bedingen und das eine ohne das andere nicht existieren könnte.
Jesu Lehre der Annahme
In diesem philosophischen Sinn lehrte Jesus die vertrauensvolle Einwilligung in alles Unabänderliche unserer menschlichen Wirklichkeit und bezeichnete dieses Einwilligen als Einswerden mit der gesamten Wirklichkeit, unter der wir Gott verstehen sollen, wodurch wir vollkommen werden. Diese Einwilligung in das Ungerechte, Hinderliche und Leidvolle ist der einzige gangbare Weg, durch den Böses überhaupt gut werden kann – nämlich durch die Einsicht, dass allem Unabänderlichen Notwendigkeit zukommt, sobald wir es für uns so erkennen und darin einwilligen können. In diesem Sinne lehrte er:
„Liebt eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen, segnet die, die euch verfluchen. Was tut ihr denn Außergewöhnliches, wenn ihr nur diejenigen liebt, die auch euch lieben? Das ist nichts Besonderes, denn dasselbe tun auch gemeine und ungerechte Menschen. Vielmehr müsst ihr so vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. Denn er lässt seine Sonne auf Gerechte und Ungerechte scheinen, er lässt es regnen über gute und böse Menschen. Vergebt, so wird euch vergeben. „Seid barmherzig und ihr werdet Barmherzigkeit finden.“
Eben diese Haltung lehrte Jesus und lebte sie selbst konsequent, als man ihn anklagte, zum Tod verurteilte und am Kreuz hinrichtete. Aber er empfängt dieses Urteil eben nicht nach dem Willen seiner Feinde, sondern erkennt auch in dieser Folgerichtigkeit den Willen Gottes darin, wissend, dass dort, wo immer der Wille Gottes geschieht, eben weil er als solcher erkannt wurde, nur Gutes geschehen kann. So wie es auch der Apostel Paulus im Römerbrief schrieb:
„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ (Röm 8, 28)
Eine stoische Perspektive
Allein durch seine Einwilligung in erfahrenes Unrecht, in Leid und in Tod ändert sich für ihn die Bedeutung dieser Dinge grundlegend. In dieser Geisteshaltung entspricht Jesus jenem selbstlosen und universellen Gedanken, wie wir ihn auch bei den Stoikern finden:
„Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen, die wir von den Dingen haben.“ (Epiktetos)
Ein Wunsch für uns alle
In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir fähig werden, in das Unabänderliche einzuwilligen und es zu akzeptieren, ehe es geschieht, damit wir innerlich nicht daran zerbrechen müssen, wenn es geschieht.
Dank an Reinhard
Abschließend möchte ich meinem Bruder Reinhard von ganzem Herzen danken. Er war es, der die größte Bürde der Aufsicht und Pflege meiner Mutter über Jahre hinweg in einem Akt der Mitmenschlichkeit getragen hat, und Sabina in den letzten acht Wochen intensiv begleitete und pflegte, als sie ans Bett gefesselt war. Hätte er als Zivildienstleistender nicht zufällig eine Ausbildung in der Altenpflege absolviert, wäre er dazu nicht in der Lage gewesen. Aber Zufälle gibt es meines Erachtens nicht. Ein weiterer Dank geht an meine Schwiegereltern Dietger und Herta Hartmann, die Sabina regelmäßig zu sich einluden, um Reinhard zu entlasten, und nicht zuletzt an unseren Tilman, der Sabina regelmäßig Gesellschaft leistete und viele Fahrdienste bereitwillig übernommen hat.
Die Toten leben in uns fort in vielerlei Gebärde und manch gesagtem Wort. Auch in des Ackers Erde, fällt sinnlos nichts hinab. In dem Vertrauen lassen, dass aus dem dunklen Grab, wir neues Leben fassen.
Rolands Nachruf anlässlich der Trauerfeier am 22.8.2025 in Ansbach
Obwohl ich mich nach ca. 30 Jahren trennte, so ist doch diese Zeit mit Sabina für mich eine große Lebensbereicherung gewesen. Ich schätzte ihre souveräne, unkonventionelle Art, ihre Lebensklugheit und Kritikfähigkeit. Oft sagte sie: „Wer keine Kritik verträgt, ist nicht entwicklungsfähig …“ Mit ihrer direkten Art machte sie sich natürlich bei manchen „Privatleuten“ (so nennen die Zirkusleute alle, die nicht vom Zirkus sind) nicht immer Freunde! Doch gerade diese Art war es, die mich als junger Mensch besonders anzog! Eine diesbezügliche kleine Anekdote möchte ich noch erwähnen: Sie erzählte z. B., wenn Ehefrauen oft ihre spät heimkommenden Männer vorwurfsvoll und verächtlich beschimpfen – dann stellte sie den Vergleich mit Familienhunden her …—diese zeigen sich ja immer, zu welcher Zeit ein Familienmitglied auch heimkommt, mit freudigem Entgegenkommen – (ein Tipp für manche, dies ebenso umzusetzen!) Für die guten Ansichten und Gene, die sie weitergab, möchte ich hiermit meine Dankbarkeit und Hochachtung ausdrücken. Roland Ernst
Das Musikstück, das wir am Schluss hören werden, hat meine Mutter gerne gehört, wenn sie Briefe schrieb. „Das hat so etwas Meditatives – da kann man wunderbar nachdenken.“„Suzanne“ von Leonard Cohen (hier auf Spotify)
Podcast über die Notwendigkeit der Sünde und des Sünders:
Warum unsere Fehler ein Glücksfall sind
Kaum eine Religion oder Philosophie legt so großen Wert auf die Kraft der Vergebung wie die Lehre Jesu. Sie ruft uns zur Gnade, Barmherzigkeit und sogar dazu auf, unsere Feinde zu lieben. Das zeigt sich eindrucksvoll im Leben Jesu: Trotz Verrat, Verleumdung und grausamer Hinrichtung spricht er am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Doch warum ist Vergebung so zentral, und warum fällt sie uns oft so schwer, wenn wir Unrecht erfahren? Dieser Beitrag zeigt die universelle Dimension der Vergebung auf, die unsere Einheit mit Gott – also mit allem, was ist – bedeutet.
Selbsterkenntnis – Grundlage echter und grundlegender Vergebung
Dass echte Vergebung und wirkliche Barmherzigkeit mit aufrichtig geübter Selbsterkenntnis zusammenhängen, ist ein Gedanke, der heute wenig Beachtung findet – dabei ist er zentral. In der Bergpredigt verknüpft Jesus diesen Gedanken unmittelbar mit der Barmherzigkeit:
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind die, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen. Mt 5,7-8
Was bedeutet ein „reines Herz“ in diesem Zusammenhang? Entgegen einer häufigen Annahme geht es hier nicht um innere Perfektion oder Tadellosigkeit. Vielmehr beschreibt Jesus die Fähigkeit, sich der eigenen menschlichen Schwächen, Fehler und Irrtümer bewusst zu werden – sich also so zu sehen, wie man in Wahrheit ist. Und diese Betrachtung der Wahrheit (über uns selbst) setzt Jesus mit der Betrachtung Gottes gleich. Die jüdische Philosophin Simone Weil formulierte diesen Gedanken prägnant:
Reinheit ist die Fähigkeit, die eigene Befleckung zu betrachten. Simone Weil : „Schwerkraft und Gnade“
Reinheit besteht also nicht in der Abwesenheit von Fehlern, sondern in der mutigen Bereitschaft, die eigene Unvollkommenheit anzuerkennen. Doch wie führt diese Selbsterkenntnis dazu, Gott zu schauen? In der Botschaft Jesu steht Gott für die Wahrheit. So erklärt er während seines Verhörs vor Pilatus:
Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Joh 18,37
Durch die ehrliche Auseinandersetzung mit uns selbst erkennen wir unsere Schwächen und damit die göttliche Wahrheit über uns selbst. Die Betrachtung der Wahrheit über uns selbst ist daher gleichbedeutend mit dem „Schauen“ Gottes. Und so ist es auch die ungeschönte Einsicht in uns selbst, welche die Grundlage für den christlichen Vergebungsgedanken schafft.
Schuld als Weg zur Vergebung
Unsere Schuld als Tür zur Gnade
Jesus lehrte, dass unsere Schuld nicht nur eine Bürde ist, sondern eine Gelegenheit, Vergebung und Barmherzigkeit zu üben. Dieser Gedanke mag zunächst überraschen, doch er birgt eine frohe Botschaft: Unsere menschlichen Schwächen sollen uns näher zu Gott und unseren Mitmenschen bringen. In diesem Beitrag geht es darum, wie Jesus den Begriff Sünde neu definiert und uns durch Gleichnisse aufzeigt, wie wir durch die Einsicht in unsere menschliche Fehlbarkeit Gnade, Vergebung und Barmherzigkeit lernen können.
Sünde als Sinn: Gottes Wirken erkennen
Wenn unsere Schuld uns zur Vergebung veranlasst, wird sie zu einer Notwendigkeit und dadurch sogar zu etwas Gutem. Das heißt, wenn wir Sünde so verstehen, gewinnt sie – als Teil unserer menschlichen Natur – einen tiefen Sinn. Gott verleiht allem, auch dem Schwachen und scheinbar Sinnlosen, Sinn und Bedeutung, denn er ist der Geist, der alle Dinge durchdringt.
Jesus lehrte, dass uns die Einsicht in unsere Schuld dazu befähigen soll, Gnade und Vergebung zu üben.
Gott hat uns als Sünder geschaffen, damit wir durch unsere Unvollkommenheit Barmherzigkeit lernen.
Meister Eckharts Blick: Sünde und wahre Buße
Auf diese Grundwahrheit wies auch Meister Eckhart hin. Eine Auffassung, der seine Zeitgenossen verständnislos gegenüberstanden:
„Der gute Mensch soll seinen Willen so dem göttlichen Willen angleichen, dass er selber alles will, was Gott will: Weil nun Gott in gewisser Weise will, dass ich gesündigt habe, so wollte ich nicht, dass ich keine Sünden begangen hätte, und das ist wahre Buße.“
Nachdem wir die Bedeutung der Sünde als Chance zur Vergebung betrachtet haben, illustriert Jesus diesen Gedanken anschaulich in einem Gleichnis: dem Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht. Es handelt von einem Diener, der eine große Schuld erlassen bekommt, aber selbst nicht bereit ist, seinem Mitknecht eine kleinere Schuld zu vergeben.
Das Himmelreich ist vergleichbar mit einem König, der mit seinen Dienern abrechnen wollte. Einer schuldete ihm eine enorme Summe – zehntausend Talente. Da er nicht zahlen konnte, befahl der König, ihn, seine Familie und all seinen Besitz zu verkaufen. Der Diener fiel auf die Knie und flehte: „Gib mir Zeit, ich zahle alles zurück!“ Der König hatte Mitleid, ließ ihn frei und erließ ihm die gesamte Schuld. Doch als dieser Diener einen Mitknecht traf, der ihm nur hundert Denare schuldete, packte er ihn, würgte ihn und verlangte: „Bezahle, was du mir schuldest!“ Der Mitknecht bat um Geduld, doch der Diener blieb hart und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis die Schuld beglichen war. Als die anderen Diener das sahen, berichteten sie es dem König. Dieser rief den Diener zu sich und sprach: „Du undankbarer Diener! Ich habe dir deine riesige Schuld erlassen, weil du mich batest. „Hättest du nicht auch deinem Mitknecht vergeben sollen, wie ich dir vergeben habe?“ Zornig übergab der König ihn den Wächtern, bis er alles zurückgezahlt hatte. Jesus schloss: „So wird mein himmlischer Vater mit euch verfahren, wenn ihr nicht von Herzen vergebt.“ (vgl. Matthäus 18:23-35)
Dieses Gleichnis zeigt: Wer Gottes Vergebung erfährt, ist aufgerufen, selbst zu vergeben. Unsere eigene Schuld sollte uns Gnade und Demut lehren, nicht Härte und Unerbittlichkeit.
Das Kreuz annehmen: Heilung durch Schwäche
Auf diese Weise wird unsere Schwäche zu einer sinnvollen und notwendigen Bürde, die wir so tragen sollen, wie Jesus sein Kreuz auf sich nahm und trug. Die Heilung von Schuld geschieht durch die Erkenntnis, dass in Gott auch das Schwache und Leidvolle einen Sinn erfährt und uns letztlich dient:
Da sprach er zu ihnen allen: Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz täglich auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es erhalten. Luk 9, 23–24
Der Splitter und der Balken: Selbstprüfung zuerst
Ein weiteres Gleichnis Jesu vertieft diese Botschaft, indem es uns zur Selbstreflexion auffordert, wodurch wir frei werden sollen vom Gedanken der Verurteilung:
„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet; und mit dem Maß, das ihr bei anderen anlegt, wird man euch messen. Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? Wie kannst du sagen: ‚Lass mich den Splitter aus deinem Auge ziehen‘, wenn ein Balken in deinem Auge steckt? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann siehst du klar, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu entfernen.“ Matthäus 7, 1-5
Dieses Bild verdeutlicht: Nur wenn wir unsere eigenen Fehler erkennen, können wir anderen mit Verständnis und Gnade begegnen. Anstatt zu verurteilen, sollen wir uns selbst prüfen und Mitgefühl zeigen.
Vergebung als Heilungsweg
Unsere menschliche Schwäche ist kein Hindernis, sondern ein Weg:
Durch Einsicht in unsere Schwächen lernen wir, dass wir selbst der Vergebung bedürfen, die Gott uns gewährt, damit wir sie weitergeben.
Auf diese Weise führt Vergebung zur Heilung – für uns und unsere Mitmenschen.
Ein Leben in der Gnade
Jesu Botschaft ist klar: Unsere Schwächen sind keine Hindernisse, sondern Wege zu mehr Mitgefühl und Vergebung. Indem wir unsere Fehlbarkeit annehmen, lernen wir, andere nicht zu verurteilen, sondern ihnen mit Barmherzigkeit zu begegnen. Diese Einsicht befreit uns von der Last der Schuld und öffnet uns für Gottes Wahrheit, in der weder Schuld noch Anklage bestehen können.
Wie können wir diese Botschaft im Alltag leben? Vielleicht indem wir heute jemandem vergeben, der uns verärgert oder verletzt hat. So werden wir eins mit Gott, dem alles – auch das Schwache – dazu dient, das Gute hervorzubringen.
Das Gute im Bösen erkennen
Wie kann aus etwas Bösem etwas Gutes entstehen? Diese Frage beschäftigt viele Menschen, besonders in schweren Zeiten. Die Lehre Jesu zeigt uns einen Weg: Das Böse bleibt böse, solange wir nicht Gottes Willen darin erkennen. Nur durch diese Einsicht und unser Vertrauen kann es gut werden. In seiner Passion zeigt Jesus, wie er dies vorgelebt hat und was wir daraus lernen können.
Das Böse und der Wille Gottes
Das Böse ist nicht von Natur aus gut. Leid, Ungerechtigkeit oder Scheitern müssen falsch und verkehrt bleiben, solange wir keinen tieferen Sinn darin sehen. Jesus lehrt uns, dass das Böse gut werden kann, wenn wir Gottes Willen darin erkennen. Diese Einsicht ist jedoch nicht automatisch da – sie ist individuell und hängt von unserem Vertrauen in die Worte Jesu ab. So wäre es auch falsch, jemandem zu sagen: „Dein Leid ist gut, weil es Gottes Wille ist.“ Solche Worte können zynisch wirken. Das Gute entsteht nur, wenn der Betroffene, wie Jesus Christus, Gottes Wirken in seinem Leid erkennt und darin vertrauensvoll einwilligt. Allerdings muss jeder Mensch diesen Weg ganz für sich selbst gehen:
„Ringt darum, dass ihr durch die enge Pforte hindurchgeht; denn viele werden, das sage ich euch, danach trachten, wie sie hineinkommen, und es wird ihnen nicht gelingen.“ Lukas 13, 24
Die Passion Jesu als Vorbild
Jesus selbst hat diesen Weg vorgelebt. In seiner Passion – seinem Leiden, seiner Niederlage und seinem Tod am Kreuz – erkannte er den Willen Gottes. Trotz seines Schmerzes vertraute er darauf, dass Gott Gutes daraus schaffen würde. Angesichts seines bevorstehenden Leides betete er:
„Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!“ Matthäus 26,39
Durch dieses Vertrauen verwandelte Jesus das Böse in etwas Gutes. Er wusste, dass in seinem größten Unglück auch Glück liegt. Das Glück beruht auf dem Vertrauen, dass dort, wo Gottes Wille erkannt wird, es zum Guten führen muss. Jesus zeigt damit auf, dass derjenige, der auf Gottes Wirken vertraut, auch in dunkelsten Momenten Hoffnung finden wird. Warum? Weil Gott eine Hoffnung, die auf ihn gerichtet ist, nicht enttäuschen kann. Würde er das tun, so würde Gott gegen sich selbst handeln und damit würde er aufhören, Gott zu sein.
Hoffnung durch Vertrauen
Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.“ Johannes 16,5-7
Diese Worte klingen zunächst paradox. Wie konnte es „gut“ sein, dass Jesus am Kreuz hingerichtet wurde? Doch er wusste: Sein Weggang war Teil des göttlichen Wirkens, welches einen Geist des Trostes hervorbringen würde. Jesus vertraute darauf, dass Gottes Wille immer und ausschließlich Gutes bewirkt – auch wenn es zunächst wie ein Verlust aussieht.
Wo der Wille Gottes geschieht: Vergebung, Heilung und die Überwindung des Bösen
Die Vergebung Jesu am Kreuz
Die Vergebung, die Jesus seinen Feinden am Kreuz zuspricht, ist von universeller Bedeutung. Sterbend spricht er die Worte:
„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Lukas 23,34
Diese Bitte zeigt die Tiefe seines Opfers: Jesus vergibt seinen Feinden, weil er den Willen Gottes in seiner Passion erkennt und annimmt. Dort, wo Gottes Wille geschieht, enden Schuld und Anklage. Dieser Gedanke bildet die Grundlage für die Erlösung der Welt und die Vergebung, die Jesus ermöglicht.
Unwissenheit und die Notwendigkeit des Bösen
Die Feinde Jesu handelten in Unwissenheit, wie er selbst betont. Diese Unwissenheit entlastet sie in einem tieferen Sinn:
Unwissende sind nicht strafmündig.
Hätten sie gewusst, was sie taten, hätten sie anders gehandelt.
Doch ohne ihr Handeln wäre die Welt nicht erlöst worden.
Ihre Unwissenheit war somit notwendig, wodurch die Erlösung durch die Passion Jesu verwirklicht werden konnte. Daraus folgt:
Was in Übereinstimmung mit Gottes Willen geschieht, kann nicht getadelt werden, denn es ist ein Werk Gottes.
Aus dieser Folgerichtigkeit ergibt sich die Vergebungsbitte Jesu als logische Konsequenz.
Die Kraft göttlicher Vergebung
Ein möglicher Einwand könnte sein, dass Jesus nicht selbst vergibt, sondern Gott darum bittet, seinen Feinden zu vergeben. Doch welche Vergebung wiegt mehr: die eines Menschen oder die Gottes?
Die Vergebung, die Jesus erbittet, ist göttlich, allumfassend und damit objektiv. Sie hebt Schuld auf und führt zur Heilung. Jesus erkennt den Willen Gottes in allen Geschehnissen und bittet um höchste Vergebung für seine Feinde. Und diese Herrlichkeit, die ihm vom Vater gegeben wurde, teilt er mit uns:
„Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir.“ Johannes 17, 22-23
Durch diese Gabe werden auch wir befähigt, für die zu bitten, die uns Unrecht tun, und so objektive Vergebung bei Gott zu bewirken.
Die Liebe zu den Feinden
Jesus fordert uns auf, über menschliche Maßstäbe hinauszugehen:
„Liebt eure Feinde, segnet die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen.“ Matthäus 5, 44-45
Dieser Auftrag wurzelt in der Erkenntnis, dass selbst der „böse“ Mensch unwissentlich Gottes Werk vollbringt – ja vollbringen muss. In diesem Sinn verdeutlicht uns der Apostel Paulus:
„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ Römerbrief 8, 28
Jesus nahm Unrecht, Leid und Tod auf sich, weil er wusste, dass auch darin Gottes Wille wirkt. Dadurch erhielten für ihn Leid und Tod jenen neuen Sinn, durch den die Welt überwunden werden konnte. So wurde in Christus der Gerechte zum Sünder gemacht, damit der Sünder gerecht werden konnte:
Denn Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm zur Gerechtigkeit finden würden, die vor Gott gilt. 2. Korintherbrief 5, 21
Die Geisteshaltung Jesu: Leid als Weg zur Auferstehung
Jesus vermittelt uns eine neue Sicht auf Unrecht, Leid und Tod. Er zeigt, dass alles, was Gott will, gut ist und gut wird. Sein Glaube beruhte darauf, dass alles, was dem Willen Gottes unterliegt, unsterblich ist und auferstehen muss, sobald sein Wille darin erkannt wird. Warum? Weil das, was Gott will, nicht sterben kann. Gott ist das Leben selbst. Sein Wollen und Wirken führen unausweichlich zum Leben.
Durch Jesu Einwilligung in den Willen Gottes wurde aus Unrecht, Leid und Tod etwas Notwendiges, Wahres und Gutes. Indem wir darauf vertrauen, können auch wir diese Geisteshaltung annehmen:
Durch vertrauensvolle Hingabe an den Willen Gottes finden wir Heilung.
In dieser Haltung können wir nicht zugrunde gehen, denn Gottes Wesen und Wille ist das Leben selbst.
Vergebung als Weg zur Erlösung
Die Passion Jesu offenbart, dass selbst das Böse in Gott beschlossen liegt und uns dient, sofern wir darauf vertrauen. Durch seine Vergebung am Kreuz zeigt Jesus, wie Leid in Heilung, Unrecht in Gerechtigkeit und Tod in Leben verwandelt werden. Indem wir seinen Geist annehmen und in den Willen Gottes einwilligen, werden wir zu Trägern dieser Vergebung und Teilhabern an seiner Herrlichkeit. So enden Schuld und Anklage dort, wo Gottes guter Wille geschieht.
Allumfassende Vergebung erwirken
Die unteilbare Einigkeit Gottes
Aus dem bisher Dargelegten geht hervor, dass in Gott keine Anklage, keine Schuld, kein Widerspruch noch ein Gegenteil oder ein Widersacher Gottes bestehen kann. Warum ist das so? Weil Gott – der die Wahrheit selbst ist – unteilbar ist. Daher beginnt das höchste Gebot im Judentum mit den Worten:
„Höre Israel, unser Gott ist ein einiger Gott.“ 5. Mose 6,4
Aus der unteilbaren Einigkeit Gottes folgt, dass Gott niemanden straft oder richtet. Denn wäre das möglich, so würde Gott damit auch sich selbst strafen oder richten. Das wiederum ist unmöglich, da außer Gott nichts ist und er damit aufhören würde, ein einiger und ein unteilbarer Gott zu sein.
Das göttliche Gericht durch den Sohn
Entsprechend dieser Grundwahrheit verdeutlichte Jesus, dass Gott selbst niemanden richtet:
„Denn der Vater richtet niemand, sondern er hat alles Gericht dem Sohn übergeben, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren.“ Johannes 5,22
Aber wie ist es zu verstehen, dass der Vater alles Gericht dem Sohn übergeben hat? In seiner Passion zeigt Jesus auf, von welcher Art das göttliche Gericht ist, das durch den Sohn gekommen ist und das durch ihn erfolgt.
Vergebung als Gericht am Kreuz
Das Gericht, das der Sohn am Kreuz verkündet, bedeutet Vergebung für die Feinde Gottes, wodurch diese notwendig werden.
Das mag paradox, ja absurd klingen, doch indem Jesus seinen Feinden vom Kreuz herab Vergebung zuspricht, erwirkt er zweifellos deren objektive Vergebung durch Gott, in dem alle Dinge notwendig sind und werden.
Grundsätze der göttlichen Wahrheit
Um die Dimension dieses unerhörten Gedankens zu erfassen, müssen wir uns nochmals Folgendes verinnerlichen:
Gott ist ohne Teilung, Trennung oder Widerspruch.
In Gott bestehen weder das Böse noch Schuld noch Anklage.
Gott straft und richtet niemanden.
Gott kann durch nichts behindert werden
Gott dienen ausnahmslos alle Geschehnisse
Dem Willen Gottes kann sich nichts widersetzen.
Das Einswerden mit Gott
Übereinstimmend lehrte Jesus, dass das Heil und die Herrlichkeit des Menschen auf unserem vollkommenen Einswerden mit Gott beruhen. So wie der Sohn eins war mit dem Vater, sollen auch wir eins werden mit Gott, wodurch wir zu Söhnen werden und Gott unser Vater wird:
Ich bitte aber nicht nur für sie, sondern auch für diejenigen, die durch ihr Wort an mich glauben werden, auf dass sie alle eins seien, so wie du, Vater, in mir und ich in dir; dass auch sie in uns eins seien, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, dass sie eins seien, gleichwie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen in eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie so liebst, wie du mich liebst.
Johannes 17, 20-23
Daraus folgt, dass das Gericht, das dem Sohn übertragen ist, aus einer Verschiedenheit zu Gott rührt. Diese Verschiedenheit aufzuheben ist der Sohn gekommen.
Der Sohn ist nicht verschieden vom Vater, denn Kennzeichen des Sohnes ist es, den Willen des Vaters in allen Dingen zu erkennen und zu tun.
Der Sohn und der Wille des Vaters
So, wie Gott alle Dinge dienen, so dienen auch dem Sohn Gottes alle Dinge ohne Unterschied. Selbst Verfolgung, Verrat, Verleumdung, Verurteilung und Hinrichtung am Kreuz. Der Sohn vermag in allen Geschehnissen den Willen des Vaters zu erkennen. Und so kann unser Heil nur darin liegen, dass wir die Geisteshaltung Jesu annehmen. In diesem Sinne lehrte Meister Eckhart:
„Wollt ihr Gott erkennen, so müsst ihr dem Sohne nicht nur gleich sein, sondern ihr müsst der Sohn selber sein.“Meister Eckhart
Darum hat der Sohn seinen Feinden vergeben, weil er dem Vater, dem alle Dinge dienen, vollkommen gleich ist. Indem der Sohn seinen Feinden Vergebung zuspricht, verkündet er, dass auch die Taten seiner Feinde zum Guten dienen, da auch sie dem Willen des Vaters unterliegen, dem sich nichts entziehen kann.
Indem der Sohn vergibt, ehrt er den Vater, weil er das Wesen des Vaters verkündet, dem alle Dinge dienen.
Die Macht des Opfers
Allmacht in Ohnmacht
Das Gericht, das in der Gestalt des Sohnes gekommen ist, bedeutet Vergebung für die Täter, die jene Vergebung empfangen, die Jesus Christus gelehrt und die er selbst gegen seine Feinde geübt hat. Welche Vergebung ist das? Es ist die Vergebung, die aus der Erkenntnis rührt, dass Gottes Wille überall dort geschieht, wo wir ihn erkennen und darin einwilligen, selbst in Ungerechtigkeit, Leid und Tod. Denn da, wo Gottes Wille geschieht, müssen alle Dinge zum Guten führen, da Gott das Leben selbst ist und aus ihm nur Gutes, nur Leben, Geist und Sinn fließen. In diesem Sinne erklärte Jesus:
„Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, auf dass ich es wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wiederzunehmen. Solches Gebot habe ich empfangen von meinem Vater.“ Johannes 10, 17
Die Versöhnung der Täter
Vermag das Opfer zu vergeben, weil es auch im erfahrenen Unrecht den Willen Gottes erkennt, so sind die Täter vor Gott gesühnt. Warum? Weil sie unwissentlich nach dem Willen Gottes handelten, was hier nur das Opfer weiß.
Wenn am jüngsten Tag alles zeitliche endet, werden es auch die Täter erfahren und sie werden fassungslos sein. Es wird dann sein wie in den Zeiten Josephs, den seine Brüder hassten, weil er der Lieblingssohn des Vaters war, den sie für tot erklärten, den sie als Sklaven verkauften und der ihnen am Ende doch von Herzen vergeben hat, weil er Gottes Willen in seinem Schicksal erkannt hatte:
„Und er sprach: Ich bin Joseph, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Und jetzt bekümmert euch nicht und denkt nicht, dass ich euch deshalb böse bin, weil ihr mich hierher verkauft habt; denn um eures Lebens willen hat mich Gott vor euch her gesandt.“ 1. Mose 45,1
Das Gericht: Die Verminderung des Guten
Jesus Christus ist gekommen, den Willen Gottes zu verkünden, und dieser Wille besagt, dass im Sohn alle Schuld aufhört, da Gott gnädig ist und in ihm keine Schuld bestehen kann. Erlöst ist, wer durch den Sohn frei wird von Anklage, Schuld und Vergeltungsdenken, so wie der Sohn frei war von Anklage, Schuld und Strafe. Wer dem Sohn glaubt und so vergibt, so wie der Sohn vergeben hat, wird selbst Sohn und wird frei und wird leben.
Dort, wo uns Anklage, Schuld, Strafe und Vergeltung anhaften, werden wir eines Tages damit konfrontiert. Soweit wir Opfer waren, werden wir Trost empfangen. Soweit wir Täter waren, werden wir mit dem Maß gemessen, das wir bei anderen angelegt haben. Wir werden empfangen, woran wir glauben und woran wir gedanklich festhalten: Entweder Vergebung oder Vergeltung. Halten wir an der Vergebung fest, werden wir eins mit Gott und werden leben. Halten wir an der Vergeltung fest, werden wir mit Gott entzweit. Warum? Weil wir nicht empfangen können, was wir nicht wertschätzen, wünschen und wollen, nämlich Vergebung, Gnade und Barmherzigkeit.
Und so bewirkt jede Entzweiung mit Gott eine Verminderung des Guten, und das ist das Gericht. Daher spricht Jesus in seinen Gleichnissen von einer Rangfolge, von einer erfahrenen Herabsetzung oder Erhöhung sowie von Großen und Kleinen im Reich Gottes. Dabei ist die Entzweiung mit Gott gleichbedeutend mit der Entzweiung mit unserem Nächsten.
Schlussgedanke
Vergebung ist somit kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Akt der Stärke, der uns mit Gott eint. Indem wir vergeben, haben wir Anteil an seiner Größe und überwinden Schuld, Anklage und Vergeltung. Dieses Einswerden mit Gott, wie Jesus es uns lehrte und in seiner Passion lebte, führt zur Erlösung – zu einem Leben in grenzenloser Gnade, das frei von Verurteilung und voll von Barmherzigkeit ist. Lassen wir uns dazu ermutigen, diesen Weg im Alltag zu gehen: Vergeben wir, wo wir verletzt wurden, und vertrauen wir darauf, dass Gott auch in den größten menschlichen Schwächen Gutes wirkt. So werden wir Träger seiner allumfassenden Liebe und Hoffnung in einer Welt, die Vergebung, Gnade und Barmherzigkeit so dringend braucht.
Der lateinische Begriff Evangelium stammt ursprünglich aus dem Altgriechischen und lautet „εὐαγγέλιον“ = euangelion. Evangelium bezeichnet eine gute, freudige Nachricht oder eine frohmachende Botschaft. Aber was konkret ist eigentlich frohmachend und gut an der Botschaft Jesu? Diese Frage stellt sich schon deshalb, weil der Ausgang der Geschichte um den jüdischen Heiler und Wanderprediger Jesus aus Nazareth alles andere als gut erscheint. Auf Betreiben seiner Feinde angeklagt, verurteilt, gefoltert und am Kreuz hingerichtet, stirbt er einen schmählichen Verbrechertod. Somit lässt sich die Mission Jesu wohl eher als gescheitert betrachten. Was dennoch froh machend, gut und tröstlich ist an dem, was Jesus lehrte und was er selbst konsequent lebte, darum geht es in diesem Beitrag.
Jesu Mission im Kontext des Alten Testaments
Die Erfüllung der Schrift in Nazareth
Aus der Zeit, als Jesus anfing, als Heiler und Lehrer zu wirken, findet sich im Lukasevangelium eine bemerkenswerte Erzählung. An ihr wird deutlich, dass Jesus seine Mission nicht nur im Kontext des Alten Testaments verstand, sondern von Beginn an den tröstenden, aufrichtenden und froh machenden Charakter seines Evangeliums herausstellte:
Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging seiner Gewohnheit nach am Sabbat in die Schule (Synagoge), und er stand auf und meldete sich zur Lesung. Da wurde ihm die Schriftrolle des Propheten Jesaja gereicht. Und als er die Buchrolle öffnete, fand er die Stelle, wo geschrieben steht: „Der Geist des JHWH ist bei mir, darum, dass er mich gesalbt hat; er hat mich gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu heilen die zerstoßenen Herzen, zu predigen den Gefangenen, dass sie los sein sollten, und den Blinden das Gesicht und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, und zu verkündigen das angenehme Jahr des HERRN.“ Daraufhin schloss er die Buchrolle, gab sie dem Diener zurück und setzte sich wieder. Und alle Augen, in der Schule, waren auf ihn gerichtet. Und er fing an, das Schriftwort auszulegen und sprach zu ihnen: Heute hat sich dieses Schriftwort vor euren Ohren erfüllt. Und sie waren sich alle einig, dass sie ihn doch kannten und wunderten sich wegen dieser unerhörten Worte, die er da sagte, und sie sprachen: »Ist das nicht Josephs Sohn?« Luk 4, 16-22
Freude durch Annahme der Botschaft
Auch in seinen Deutungen, Gleichnissen und Erklärungen kehrt Jesus immer wieder zu der Grundaussage zurück, dass seine Botschaft Anlass zur Freude gibt, für den, der sie aufnimmt, verinnerlicht und glaubt.
Trost im Leid durch Sinnfindung
Seligpreisung der Leidenden
In der Bergpredigt, einer inhaltlichen Zusammenfassung seiner Lehre, stellt Jesus den tröstlichen Aspekt seiner Botschaft heraus:
Selig sind jene, die Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Mt 5,4
Alternative Übersetzung:
Selig sind die Trauernden, denn sie sollen getröstet werden. Mt 5,4
Doch wie sieht dieser Trost konkret aus? Um den tröstenden und tröstlichen Gedanken seiner Botschaft zu verstehen, bedarf es einer grundlegenden Einsicht, die da lautet:
In Gott liegt die Ursache unserer gesamten Wirklichkeit verborgen, denn Gott wirkt ausnahmslos alle Dinge.
Es kann insofern nichts geschehen, was nicht in Gott beschlossen sein kann, da sich dem Willen Gottes, wie gesagt, nichts entziehen oder widersetzen kann.
Die Kraft der Geisteshaltung
Insofern liegt es nicht an den Dingen selbst, die uns beunruhigen, missfallen, bedrohen, schaden oder kränken, sondern es liegt an unserer Bewertung, diesen Dingen gegenüber, ob sie sinnlos und vergebens an uns geschehen oder ob sie durch eine veränderte Geisteshaltung als bedeutsam erkannt werden, wodurch sie es werden.
Johannes des Täufers und Jesu erster Aufruf lautete: Metanoia! Was so viel bedeutet wie: „Ändert euren Sinn!“ Das Evangelium – die gute Nachricht ist, dass sich allein durch unsere Sinnesänderung die beschwerlichen und leidvollen Dinge für uns grundlegend zum Guten ändern. Nicht also durch gewaltsames Vorgehen gegen das Böse oder dem gegenüber, was uns missfällt, sondern durch Einwilligung in das Unabänderliche wird die Welt im Sinne Jesu überwunden.
Ihr habt gehört, dass da gesagt ist: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Ich aber sage euch, dass ihr dem Bösen gegenüber keinen Widerstand leisten sollt, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin. Mt 5, 38-39
Vertrauen in den göttlichen Willen
Dass selbst die kleinste Kleinigkeit, ein scheinbarer Willkürakt, unsere Ohnmacht oder unser Ausgeliefertsein innerhalb des göttlichen Willens ist, sofern wir auf dieses Gesetz vertrauen, veranschaulichte Jesus in dem folgenden Gleichnis:
Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne den Willen eures Vaters. Nun aber sind selbst eure Haare auf dem Kopf alle gezählt. So fürchtet euch also nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge. Mt 10, 29–31
Zugegeben, wird uns diese Einsicht wenig helfen, wenn wir unmittelbar von einem Unglück betroffen sind und darüber erschrecken. Auch nützt sie uns nichts, wenn wir keinen Ausweg aus unserem Unglück sehen. Sind wir mit Schwäche, Krankheit, Ungerechtigkeit, Schicksalhaftem, Leid oder Tod konfrontiert, werden wir kaum Trost in dem Gedanken finden, dass Gott alle diese Dinge wirkt. Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein, und wir empfinden Gott dann als grausam und ungerecht. Der Trost, den Jesus den Leidenden zuspricht, wird nur denjenigen erreichen können, der darauf vertrauen kann, dass selbst in leidvollen und ungerechten Geschehnissen eine Bedeutung verborgen liegt, die von uns gesucht und gefunden werden will:
Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Mt 7, 7-9
Gott als Sinngeber
Sinn durch Erkenntnis Gottes
Diese gefundene Bedeutung liegt in Gott. Das ist das Evangelium, dass allen Dingen, die auf diese Weise ihre Ursache in Gott gefunden haben, Leben und Geist innewohnt.
Insofern beruht der Trost, den die frohe Botschaft Jesu zu geben vermag, auf einer weiteren grundlegenden Erkenntnis, und diese besagt:
Aller Wirklichkeit, deren Ursache wir in Gott erkennen, liegt kraft dieser Erkenntnis ein tiefer Sinn zugrunde.
Warum ist das so? Weil der Begriff Gott ein Synonym für Geist und Sinn ist und weil eine Wirklichkeit, deren Ursache in Gott erkannt wurde, nur Gutes an uns bewirken kann und wird.
Soweit wir auch in den sinnlosen Geschehnissen, die uns unmittelbar betreffen, Gott als Ursache erkennen, werden diese Dinge Sinn erfahren können – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Insofern hängt das Gute, das uns im Bösen geschieht, ausschließlich davon ab, inwieweit wir fähig sind, Gott auch in den ungerechten, bösen und leidvollen Geschehnissen erkennen zu können. Damit wir Gottes Wirken auch in den beschwerlichen, ungerechten und leidvollen Geschehnissen erkennen können, war Jesus bereit, Unrecht, Leid und Tod auf sich zu nehmen. Er tat es in dem Bewusstsein, dass allein diese Geisteshaltung Unsterblichkeit bedeutet und verleiht.
Warum ist das so? Weil Gott sich den Dingen, als deren Ursache er erkannt wird, nicht entziehen kann und will, sondern sich darin als deren Ursache zu erkennen geben muss. Das heißt, all das, worin wir Gott zu erkennen vermögen, nimmt Gottes Natur an und wird dadurch lebendig. In diesem Sinne lehrte Jesus:
„Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.“ Joh 17,3
Jesu Opfer für die Erkenntnis Gottes
Die Überwindung der Welt
Nun verhält es sich zwar so, dass Gott auch dann alle Wirklichkeit hervorbringt, wenn er von uns nicht als deren Ursache erkannt wird. Doch ohne die Erkenntnis, dass Gott alle Dinge zum Guten wirkt, muss das Beschwerliche, Ungerechte und Leidvolle sinnlos für uns bleiben. Mit anderen Worten:
Gott wirkt auch ohne unser Erkennen alle Dinge, aber er wirkt jene Dinge, in denen wir keinen Sinn erkennen, an uns vorbei.
Denn wenn wir in die leidvollen Geschehnisse innerlich nicht einwilligen können, müssen wir daran anklagend zugrunde gehen. Anklagen können nur dort erhoben werden, wo eine Welt der Schuld existiert. Das ist das Evangelium Jesu – die frohe Botschaft Jesu, dass in Gott keine Schuld existiert.
Die Überwindung der Schuld
Soweit für uns eine Welt der Schuld existiert, werden wir Schuldige suchen, und indem wir nach Schuld und Schuldigen suchen, müssen auch wir für schuldig befunden werden, da kein Mensch frei von Schuld ist.
In der Sphäre des Geistes (Gottes) jedoch ist der Gedanke der Schuld endgültig überwunden, da dort alle Geschehnisse einen tiefen Sinn finden. Dies besagt nichts anderes, als dass in Gott keine Schuld existieren kann. Die Welt der Schuld ist die Welt der Trennung, des Widerspruchs und der Sünde. Eine solche Welt findet keinen Eingang in Gott. Wo das Prinzip der Sünde, d. h. das Prinzip der Anklage und der Vergeltung, herrscht, herrschen Tod und Sterben. In diesem Sinne lehrte Jesus:
Darum habe ich euch gesagt, dass ihr in euren Sünden sterben werdet; denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, so werdet ihr in euren Sünden sterben. Joh 8, 24
Damit wir an Geschehnissen, die wir als ungerecht, leidvoll und beschwerlich empfinden, nicht anklagend zugrunde gehen müssen, dafür ist Jesus Christus in diese Welt gekommen. Eben darum hat er für uns bereitwillig Unrecht, Leid und Tod auf sich genommen. In seiner Passion hat er aufgezeigt, dass Gott dort ausnahmslos alle Dinge zum Besten wirkt, wo er als solcher wirkend erkannt wird. Auf dieser Erkenntnis beruht das Evangelium Jesu.
Die Kraft des Salzes
Das Gesetz, wonach alles Schwache, Beschwerliche, Ungerechte, Kranke und Leidvolle allein durch die Kraft des Geistes überwunden wird, hat Jesus im Gleichnis vom Salz der Erde verdeutlicht:
Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nützlich, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. Mt 5, 13
Was heißt das? „Ihr seid das Salz der Erde“, bedeutet, dass unsere wahre Identität und Existenz im Geist liegen. Es bedeutet ferner, dass unsere wahre Identität eine verborgene ist. Warum? Weil das Salz der Erde im Gegensatz zum Salz des Meeres im Dunkel der Erde verborgen liegt. In dieser Hinsicht ist das Salz der Erde ein Sinnbild des Geistes, der im Irdischen verborgen liegt.
So wie das Salz den faden Speisen Geschmack und Inhalt verleiht, vermag der Geist den geistlosen Dingen Sinn und Bedeutung zu verleihen, wodurch diese „Speisen“ uns „schmecken“ können. Und das, was auf diese Weise Inhalt und Geschmack gefunden hat, werden wir bereit sein zu essen. Das heißt, wir werden es annehmen, aufnehmen und verinnerlichen können, da es für uns Sinn und Bedeutung gefunden hat, auch wenn es uns vorher fad und als eine Zumutung erschien.
Mit anderen Worten: Alle menschlichen Anhaftungen und Geschehnisse, deren Bedeutung sich uns gedanklich nicht erschließt, da sie uns hinderlich, krank, leidvoll, peinlich, ungerecht, sinnlos, geistlos oder böse erscheinen, machen diese für uns unannehmbar.
Dem Geschmacklosen Geschmack verleihen
Durch die Kraft des Geistes werden nun ausnahmslos alle Anhaftungen und Geschehnisse Sinn und Bedeutung erfahren können. Das ist das Evangelium; das ist die frohe Botschaft, die Jesus verkündete:
Die Kraft des Geistes vermag ausnahmslos allen Dingen, die wir nach menschlichem Ermessen für sinnlos oder geistlos halten, Sinn und Geist zu geben, indem sie sie auf Gott als ihren Urheber zurückführt.
Denn alle Dinge, die Gott zum Urheber haben, müssen gut sein und werden. Leben wir aus dieser Gewissheit und Erkenntnis, so hat uns das Evangelium Jesu erreicht.
Allmacht in Ohnmacht
Sinnfindung im Leid
Sinn und Bedeutung erhalten die Dinge durch die Gewissheit, dass selbst im Peinlichen, Beschwerlichen, Ungerechten, Willkürlichen und Leidvollen Gottes Wille an uns geschieht und dass sein Wille zu unserem Besten geschieht, sobald wir auf das Gesetz des Geistes vertrauen. Warum? Weil aus Gott nur Gutes, nur Leben und Geist fließen. Selbst Schmähung, Verfolgung, Gemeinheit, Lüge oder Ungerechtigkeit, alle diese Dinge, erfahren in dieser Geisteshaltung eine grundlegende Wandlung, da sie in dieser Überzeugung Sinn und Bedeutung finden.
„Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie dabei lügen. Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel wohl belohnt werden. Denn genauso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch gewesen sind.“ Mt 5,11
Im Moment der Einsicht, dass uns selbst solche Geschehnisse nicht aus Zufall begegnen, sondern dass uns in allen Dingen Gott selbst begegnet, werden wir froh und getröstet. Dadurch werden wir auch solchen Geschehnissen getrost entgegensehen können, an denen wir nach menschlichem Ermessen zerbrechen müssten. Doch alles das, was wir nach dem Willen Gottes auf uns nehmen, kann nicht mehr zu unserem Schaden geschehen. Denn durch unsere Einwilligung in den Willen Gottes werden wir mit Gott geeint. Werden wir aber mit Gott geeint, so nehmen wir auch jene Eigenschaften an, die Gott besitzt: Leben, Liebe, Geist und Unvergänglichkeit.
Die Passion Jesu – der unverhoffte Glücksfall
Beispielhaft steht Jesus in seiner Passion selbst für diese Geisteshaltung, indem er Hass, Anfeindung, Verrat, Verleumdung, Anklage, Verurteilung, Leid und Tod nach dem Willen Gottes auf sich nimmt und trägt – wissend, dass Gott ausnahmslos alle Dinge wirkt, in denen er erkannt wird. Jesus tat es in der Gewissheit, die er zuvor lehrte. Es ist die innere Gewissheit, dass dem, der auch das Geistlose, Sinnlose, Ungerechte und Böse (die Sünde) nach dem Willen Gottes auf sich nimmt und trägt, nichts schaden und verletzen kann. Warum ist das so? Weil der Geist sich selbst nicht auslöschen kann. All das, worin der Geist wirkend erkannt wird, das wirkt er zu seinem und zu unserem Besten. Das ist das Evangelium Jesu – die frohe Botschaft.
Es ist der Geist, der uns allen innewohnt, der es vermag, allen Geschehnissen Inhalt zu verleihen. Diesen Geist sollen wir entsprechend seiner Kraft nutzen. Nutzen wir die Kraft des Geistes nicht, so wird er kraftlos. Ein kraftloser Geist wird nicht in der Lage sein, beschwerlichen und leidvollen Geschehnissen Sinn und Bedeutung zu verleihen. Und so werden wir an solchen Geschehnissen zerbrechen müssen.
Im Gleichnis ist es das kraftlose Salz, das am Ende weggeschüttet wird, um von den Leuten zertreten zu werden. Das Gefühl, weggeworfen und zertreten zu werden, ist keine Strafe im menschlichen Sinn, sondern es ist die Konsequenz eines Geistes, dessen Fähigkeit nicht genutzt wurde – es ist die Folge eines Salzes, das seine Kraft verloren hat.
Eine Kraft und Fähigkeit, die wir nicht entsprechend ihrer Eigenart nutzen, werden wir eben dadurch schwächen und verlieren.
Soweit wir die Fähigkeit des Geistes wertschätzen und nutzen, werden wir sie erhalten und vermehren. Und indem wir den Geist wertschätzen, vermehren und stärken, wird der Geist wiederum uns wertschätzen und vermehren und stärken. Warum ist das so? Weil der Geist sich selbst nicht auslöscht. Das ist das Evangelium – die frohe Botschaft Jesu, dass der Geist sich selbst, d. h. dass er das Seine erkennt.
Die Feuerprobe
Vorbereitung auf das Leid
Niemand kann sich den schicksalhaften Seiten des Lebens entziehen. Jeder Mensch wird mit den beschwerlichen und leidvollen Seiten des Lebens konfrontiert. Diese Konfrontation gleicht einer Berührung mit dem Feuer, nämlich der Berührung mit den schmerzhaften Seiten des Geistes. Hier zieht Jesus eine Analogie zum antiken jüdischen Opferkult:
Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden, so wie jedes Opfer mit Salz gesalzen wird. Mk 9,49-50
So wie man die Tiere im Tempel mit Salz für das Opfer vorbereitete, sollen auch wir auf die Opfer vorbereitet sein, die das Leben von uns verlangt. Haben wir Salz bei uns, werden unsere Opfer Geist, Sinn und Bedeutung finden können. Denn Gott kann und wird einen Geist nicht zerbrechen lassen, der auf den Geist (Gott) vertraut. Der Geist löscht sich selbst nicht aus. Und in gleicher Weise wie das Opfer, das Jesus am Kreuz brachte, für ihn selbst ein geistvolles, sinnvolles und notwendiges Opfer war, werden auch unsere Opfer aufhören, vergebens zu geschehen, sondern sich als notwendig erweisen können.
Alle Dinge zum Besten
Ich schließe mit einem Wort des Apostels Paulus. Hier verdeutlichte er nochmals den Gedanken, dass uns in der Geisteshaltung, die uns Jesus in seiner Passion lehrte, ausnahmslos alle Geschehnisse dienen werden, wodurch wir inneren Trost finden.
Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seiner Absicht berufen sind. Röm 8,28
Fassen wir alle Dinge, die uns anhaften oder begegnen, in diesem Geist auf, so kann uns nichts mehr begegnen, was uns von der Ursache des Lebens trennt, die in jenem Geist liegt, den Jesus Christus lehrte und konsequent lebte. Das ist das Evangelium, die frohe Botschaft Jesu, dass uns nichts trennen kann von Gott, aus dem alles Leben fließt, wenn wir unser Dasein in dem Sinn auffassen, wie Jesus sein eigenes Dasein auffasste und verstand.
„Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns trennen kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus, unserm Herrn erschienen ist.“ Röm 8, 38.39
Soweit ihr euch an meinen Worten orientiert, seid ihr wirklich meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Johannes 8, 31-32
Was verstand Jesus unter Freiheit?
Was Jesus unter dem Begriff Freiheit verstand, ist eigentlich nicht schwer zu verstehen. Und obwohl das Freiheitsverständnis Jesu so unmissverständlich und klar aus seiner Lehre, seiner Handlungsweise und aus seiner Passion hervorgeht, wird der christliche Freiheitsbegriff heute ganz unterschiedlich und sogar oftmals widersprüchlich vermittelt. So meinen manche Glaubensgemeinschaften, über die Lebensweise ihrer Mitglieder streng wachen oder bestimmen zu müssen. Auch ein politischer Freiheitsbegriff, wonach die christliche Freiheit militärisch, also notfalls auch mit Gewalt verteidigt werden dürfe, ist in kirchlichen Kreisen weitverbreitet. Welchen Freiheitsbegriff Jesus hatte und was er unter der Freiheit des Willens verstand, ist Gegenstand des folgenden Beitrags.
Gott – der Inbegriff von Freiheit
Der Lehre Jesu nach ist Gott, als unser Vater und Ursprung, der Inbegriff von Freiheit, und dies in einem übergeordneten und zeitlosen Sinn. Das bedeutet, dass der Freiheitsbegriff Jesu über das Vordergründige und Zeitgebundene hinausgeht.
Freiheit im Sinne Jesu bedeutet nicht nur frei zu werden von innerer und äußerer Abhängigkeit, sondern auch frei von Zeit und Vergänglichkeit.
Der Lehre Jesu nach soll uns dieses Leben dazu dienen, diese Art von Freiheit zu ersehnen, zu erkennen, um sie eben dadurch zu gewinnen. Der Freiheitsbegriff Jesu beruht auf der Erkenntnis, dass Gott ausnahmslos alle Dinge wirkt. Das heißt, alles, worin wir Gottes unmittelbares Wirken erkennen, wird in diesem Sinne frei sein. Warum ist das so? Weil jedes Werk und jede Erscheinung Rückschlüsse auf dessen Ursache zulässt. Hieraus folgt, dass Dinge, die Gott nicht unmittelbar wirkt, auch nicht frei sein können.
Der vermeintliche Widerspruch – Freiheit in Unfreiheit
Die These, dass Gott einerseits alle Dinge wirkt, andererseits aber Dinge existieren, die Gott nicht wirkt, scheint zunächst widersprüchlich. Denn wie kann es sein, dass Dinge existieren, die nicht frei sind, wenn Gott doch die Freiheit selbst ist und er zugleich Ursache aller Dinge ist? Um diesen Widerspruch aufzulösen, muss auch unserer Unfreiheit eine grundlegende Bedeutung zukommen und der Lehre Jesu nach tut sie das auch. Meister Eckhart hat auf diesen Gedanken wie folgt hingewiesen:
„Der gute Mensch soll seinen Willen so dem göttlichen Willen angleichen, dass er selber alles will, was Gott will: Weil nun Gott in gewisser Weise will, dass ich gesündigt habe, so wollte ich nicht, dass ich keine Sünden begangen hätte, und das ist wahre Buße.“ Meister Eckhart 1260-1327
Unsere Unfreiheit – Was ist das?
Was wir als Behinderung und Einschränkung empfinden, das betrachten wir als unsere Unfreiheit. Dabei hängen die Begriffe Freiheit und Unfreiheit ausschließlich an unserer persönlichen Empfindung und Bewertung. Dies betrifft jegliche Form von Abhängigkeit, Ohnmacht und Befangenheit, der wir uns in dieser Welt ausgeliefert sehen oder fühlen. Ob Krankheit, Schwäche, Fehlbarkeit, Irrtum, Täuschung, Ungerechtigkeit, schicksalhafte Ereignisse oder der Tod. So unterschiedlich uns die Ursachen unserer Hindernisse auch erscheinen mögen, die Wirkung ist doch immer dieselbe: Entweder wir empfinden uns eingeschränkt und begrenzt und sind darüber unglücklich oder aber wir halten unsere äußerlichen Abhängigkeiten irrtümlicherweise für Freiheit, wodurch wir ebenfalls unfrei sind, da wir damit einer Täuschung erliegen. Dabei ist es unerheblich, durch wen oder was unsere Unfreiheit ausgelöst wird – ob wir sie selbst verschuldet haben oder nicht. Konkret wird unsere Unfreiheit in dem Moment, wo wir sie als solche empfinden und darunter leiden. Ebendieses Leiden ist Grundlage und Voraussetzung dafür, dass wir an der universellen Freiheit, die Jesus lehrte, überhaupt teilhaben können.
Die Ursache unserer Unfreiheit
Was die Ursache für unsere Unfreiheit betrifft, werden der Lehre Jesu nach zwei scheinbar widersprüchliche Antworten gegeben:
1. Das Böse ist die Ursache für unsere Unfreiheit. 2. Das Gute, nämlich Gott selbst, ist die Ursache unserer Unfreiheit.
Je nachdem, wie wir unsere Unfreiheit persönlich verstehen und bewerten, wird eine dieser beiden Antworten zutreffen. Doch solange wir glauben, dass die Ursache der Dinge, die uns einschränken oder behindern, böse ist, kann Gott nicht dessen Urheber sein. Warum ist das so? Weil unser Glaube dies verhindert. Erkennen wir aber in dem, was uns einschränkt und behindert, den Willen Gottes, so wird Gott dadurch zum Urheber dessen, was uns bisher eingeschränkt und behindert hat. Auf ebendiesem Glauben beruht unsere Freiheit in Christus. Denn alles, was seine Ursache in Gott findet, kann weder eingeschränkt noch behindert werden. Warum ist das so? Weil Gott die Freiheit selbst ist, in welchem alle Behinderung und Einschränkung aufhören. Auf dieser Ursächlichkeit beruht der Sinn und die Bedeutung der Passion Jesu, die als äußerste Form der Einschränkung und Behinderung in seiner Auferstehung ihre grundlegende Wandlung und Freiheit erfährt.
Das Böse als Ursache unserer Unfreiheit
Dass die Ursache für unsere Unfreiheit das Böse, der Satan oder der Teufel ist, ist in der Hinsicht zu verstehen, dass wir oft dem Schein der Dinge zu erliegen drohen, nämlich der Versuchung. Das Böse, der Satan oder der Teufel sind insofern Sinnbilder der Täuschung und der Illusion, die wir irrtümlicherweise für unsere Wirklichkeit halten und daraus irrtümliche Schlüsse ziehen. Dort, wo uns Unrecht, Beschwerliches oder Leidvolles trifft und wir dies dem Bösen zuordnen, ist es folglich auch das Böse, das uns betrifft. Dies bezieht sich insbesondere auf solche Situationen, in welchen die Täuschung so stark auf uns einwirkt, dass wir geneigt sind, ihr zu erliegen. Böse ist insofern auch das, was wir irrtümlich und wider besseres Wissen für gut halten. Meist, weil es uns gut erscheint, da es uns äußere Vorteile bringt, wobei wir jedoch unsere geistigen Ideale hintergehen und verraten, wie aus der folgenden Reaktion Jesu zu erfahren ist:
„Von der Zeit an fing Jesus an, gegenüber seinen Jüngern davon zu sprechen, dass er nach Jerusalem gehen müsse und dort viel Leid ertragen müsse von den Ältesten, Hohenpriestern und Schriftgelehrten und dass er getötet werden müsse und am dritten Tage auferstehen. Und Petrus nahm ihn zu sich, und redete ihm ins Gewissen und sprach: Herr, schone dich selbst; lass nicht zu, dass das geschieht! Aber er wandte sich um und sprach zu Petrus: Hebe dich von mir, Satan! Du bist mir ärgerlich; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.“ Matthäus 16, 21-23
In diesem Dialog zwischen Jesus und dem Jünger Petrus wird das scheinbar zweiseitige Freiheitsverständnis Jesu deutlich. Sagt Jesus hier ja nichts anderes, als dass sein Freiheitsbegriff, nicht mit dem menschlichen Verständnis von Freiheit identisch ist, sondern sogar das genaue Gegenteil bedeuten kann.
Gott, das Gute als Ursache unserer Unfreiheit
Ob also etwas frei ist oder unfrei, ob es gut ist oder böse, hängt von unserer persönlichen Bewertung und Einwilligung ab: So wie das Böse ohne unsere Bewertung und Einwilligung nicht böse sein kann, kann auch das Gute ohne unsere Bewertung und Einwilligung nicht gut sein. Wenn nun Gutes wie Böses, Freiheit wie Unfreiheit von unserer Bewertung und Einwilligung abhängen, so wird damit deutlich, dass wir selbst es sind, die wir durch unsere Bewertung und Einwilligung ein Geschehen für gut oder schlecht erklären. Insofern liegt in unserer persönlichen Ablehnung wie in unserer Einwilligung in ein Geschehen die Ursache des Guten wie auch des Bösen begründet. Was wir für gut halten, davon glauben wir, dass es uns hebt und fördert. Was wir für böse halten, davon glauben wir, dass es uns schadet oder behindert. Ebenso verhält es sich mit unseren Vorstellungen von Freiheit und Unfreiheit.
Die Wandlung – aus Unfreiheit zur Freiheit
Wenn wir verstehen, dass die Ursache aller Geschehnisse in Gott liegt, so folgt daraus, dass alle Dinge gut sein müssen. Warum? Weil das, was wir unabänderliche Wirklichkeit nennen, nichts anderes ist als das, was notwendigerweise geschieht. Und weil das, was notwendigerweise geschieht, das ist, was wir unser Leben d. h. unsere Wirklichkeit nennen. Dass dabei auch solches geschieht, was wir negativ bewerten, weil es uns einschränkt, bedroht oder behindert, zeigt, dass wir nicht fähig sind, alle Geschehnisse mit dem Begriff „Leben“ in Verbindung zu bringen. Doch ebendiese Fähigkeit hatte Jesus und durch ihn sollen auch wir sie erwerben, da das Leben ein ungeteiltes und unteilbares Ganze ist. Jesus Christus vermittelt uns in seiner Lehre und in seiner Passion die Erlösung aus unserem Elend. Aber was heißt das konkret? Die Erlösung beruht darauf, dass wir in allen Geschehnissen die Hand Gottes zu erkennen vermögen. Doch erst in dem Moment, wo wir darauf vertrauen, dass Gott auch in leidvollen und beschwerlichen Situationen an uns wirkt, können uns diese Dinge zum Guten dienen. Warum? Weil alles, worin wir Gott als Ursache erkennen, unserem Leben dienen muss.
Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind. Römer 8,28
Damit hat Jesus Christus in seiner Lehre und Passion den Begriff der Freiheit vollkommen neu erklärt. Frei sind wir in Christus nun trotz und entgegen aller äußeren Unfreiheit und dies in einem universellen, das heißt in einem zeitlos ewigen Sinn.
Der Freiheitsbegriff Jesu in seiner Passion
Die Lehre, die Jesus uns in seiner Passion vermittelt, ist, dass Gott die Ursache aller Erscheinungen ist, worin er von uns gesucht und gefunden wird.
Alle Dinge werden uns notwendig, und zwar unmittelbar im Moment unserer Einsicht, dass niemand anderer als Gott selbst sie wirkt.
Und in der Erkenntnis, dass in Gott alle Dinge zu unserem Besten dienen, dienen sie uns zum Guten und damit zu unserer Freiheit. Ohne diese Erkenntnis und Einsicht – ohne unsere Einwilligung in das Unabänderliche, kann es uns nicht dienen. Jesus erkennt den Willen Gottes in der Unabänderlichkeit seiner Passion und willigt vertrauensvoll in diese ein. Daran besteht kein Zweifel, denn er betet vor seiner Verhaftung:
Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst! Matthäus 26,39
und
„Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“ Johannes 12,24
Und Kraft dieser Erkenntnis verkündet Jesus das Gute inmitten des Bösen, den Gewinn im Verlust, Freude in höchster Trauer, das Größte im Geringsten, göttlichen Trost in menschlichem Leid:
„Ihr habt gehört, dass ich euch gesagt habe: Ich gehe hin und komme wieder zu euch. Hättet ihr mich lieb, so würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe; denn der Vater ist größer als ich.“ Johannes 14,28
„Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.“Johannes 16,7
Unfreiheit und Freiheit des Willens
Auch die Vorstellung, Gott hätte dem Menschen einen freien Willen gegeben, damit dieser sich für oder gegen ihn entscheiden könne, ist in kirchlichen Kreisen weitverbreitet. Der Lehre Jesu nach ist diese Auffassung jedoch nicht haltbar. Bereits der Gedanke, es existiere eine Auswahl zwischen Gott und dessen Gegenteil, ist nicht Freiheit, sondern Versuchung. Warum? Weil Gott ohne Gegenteil ist. Gott ist auch ein anderer Begriff für die Wahrheit. Die Wahrheit aber ist unteilbar, einzig, widerspruchsfrei und ohne Konkurrenz. Damit wird deutlich, dass ein Gegenteil von Wahrheit gar keine Existenzgrundlage hat. Das Gegenteil von Wahrheit ist Unwahrheit, Irrtum, Illusion, Täuschung, Lüge etc. Diese aber sind keine Konkurrenten zur Wahrheit. Vielmehr werden Irrtum, Täuschung und Lüge angesichts der Wahrheit gegenstandslos. Auf dieser Erkenntnis beruht der Gottes- und der Wahrheitsbegriff Jesu. Eine Auswahl zwischen Gott und dessen Gegenteil existiert also in Wahrheit nicht.
Unsere Unfreiheit beruht auf dem Irrtum, wir hätten eine freie Wahlmöglichkeit, zwischen Gott und dessen Gegenteil entscheiden zu können. Das aber ist nicht möglich, da Gott ohne Gegenteil ist.
Unsere Freiheit beruht auf der Einsicht, dass nur ein Wille existiert, nämlich der göttliche. Und durch Einwilligung in diesen Willen werden wir frei. Auf diese Grundwahrheit wies bereits der Apostel Paulus hin, als er ausführte:
„Denn wir können nichts wider die Wahrheit, sondern für die Wahrheit.“ 2. Korinther 13,8
Freier Wille und Gottes Gnade
Bestünde eine Wahlmöglichkeit, nach welcher wir uns für oder gegen Gott entscheiden könnten, so folgt daraus eine weitere Unvereinbarkeit mit der Lehre Jesu; nämlich die Unmöglichkeit der Gnade Gottes, welche die Grundlage der christlichen Lehre ist. Hinge die Entscheidung „für“ Gott von uns ab, so hinge sie nicht von Gott ab, der doch ausnahmslos alle guten Dinge wirkt. Hängt sie aber nicht von Gott ab, so wäre Gott uns nicht gnädig. Denn wenn wir es sind, die wir uns, unabhängig von Gott, für ihn entscheiden könnten, so wäre diese Entscheidung unser eigener Verdienst. Daher, dass wir das Gute wollen können, wirkt niemand anderer als Gott allein und er wirkt es aus unverdienter Gnade an uns. Warum ist das so? Weil das Leben nicht verdient werden kann und will. Auch das ist eine Grundaussage der Lehre Jesu, auf die bereits der Apostel Paulus hinwies:
Denn er spricht zu Mose 2. Mose 33,19 : »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.« So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. Römer 9, 15–16
Und so resümiert Paulus:
So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will. Römer 9,18
Dass wir das Gute, das Gott will, erkennen und wollen können, ist Gnade. Daher antwortete Jesus denen, die ihre Missbilligung gegen ihn und seine Lehre äußerten:
„Ärgert euch nicht darüber. Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, dass ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat …“ Johannes 6, 44
Der Wille Gottes – der Wille zur Freiheit
Aus dem bisher Dargelegten geht hervor, dass kein anderer Wille existiert als allein der Wille Gottes, in dem allein unsere Freiheit liegt.
Es besteht für uns keine andere Möglichkeit zur Freiheit, als in den Willen Gottes einzuwilligen, da kein anderer Wille existiert.
Gottes Wille ist das einzige Mögliche, Wahre und Gültige, das von uns erkannt und gewollt werden kann. Alles andere ist Irrtum, Täuschung und Illusion. Und soweit wir fähig sind, in den Willen Gottes einzuwilligen, stehen wir in seiner Gnade. Stehen wir aber in der Gnade Gottes, so sehen wir keine Wahlmöglichkeit mehr. Nicht also in einer vermeintlichen Wahlmöglichkeit liegt unsere Freiheit, sondern in der Erkenntnis, dass nur eine Wirklichkeit existiert, in welcher unsere Freiheit liegt, wenn wir in diese einwilligen.
Tatsächlich ist die Welt der Wahlmöglichkeiten nicht die Welt der Freiheit, sondern die Welt der Versuchung, da wir versucht sind zu glauben, es existiere eine Alternative zu Gott.
Erkennen wir diese Wahlmöglichkeit nicht als Freiheit, sondern als Versuchung, so werden wir fähig, unser eigenes Wollen zu verleugnen. Stehen wir in dieser Erkenntnis, so wollen wir nur noch das, was Gott will. In diesem Sinne sagte Jesus:
„Denn ich bin nicht vom Himmel herabgekommen, um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“ Johannes 6,38
„Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten.“ Luk 9, 23-24
Was aber der Wille Gottes ist und woran wir diesen zweifelsfrei erkennen, das vermittelte uns Jesus auf erschütternde Weise in seiner Passion.
Worin unterscheidet sich das Freiheitsverständnis Jesu von der katholischen Dogmatik?
Dazu hier eine kurze Zusammenfassung durch Notebook LM:
Die Validität von Elmar Wieland Vogels These zum freien Willen besticht durch eine bemerkenswerte innere logische Geschlossenheit, sofern man seine theologische Grundannahme akzeptiert. Seine Argumentation ist aus zwei zentralen Perspektiven heraus sehr konsequent und valide aufgebaut:
Zum einen definiert er Gott als die absolute Wahrheit, die unteilbar und ohne Alternative ist. Aus dieser Logik heraus folgert er: Wenn die Wahrheit konkurrenzlos ist, kann die Entscheidung für die Unwahrheit (das Böse) niemals das Resultat einer echten Freiheit sein, sondern sie ist immer die Folge von Irrtum, Täuschung und Befangenheit. Zum anderen argumentiert Vogel zwingend aus dem Prinzip der Gnade heraus: Wenn der Mensch aus eigener, autonomer Kraft die freie Wahl hätte, sich für Gott zu entscheiden, dann käme ihm für diese Entscheidung ein eigener Verdienst zu. Ein solcher Eigenverdienst würde jedoch das christliche Konzept der unverdienten Gnade Gottes und der Allmacht Gottes aufheben. Daher ist seine Schlussfolgerung, dass der freie Wille lediglich in der Einwilligung in das Unabänderliche (den Willen Gottes) besteht und auch dieses Wollen reine Gnade ist, in seinem System lückenlos schlüssig.
Trotz dieser inneren Folgerichtigkeit steht Vogels Darstellung in radikalem Widerspruch zur katholischen Lehrmeinung. Er benennt und kritisiert diesen Widerspruch auch offen, indem er Theologen wie Thomas von Aquin und Karl Rahner vorwirft, die Botschaft Jesu in diesem Punkt nicht verstanden zu haben. Die Diskrepanzen zur katholischen Lehre zeigen sich an folgenden Kernpunkten:
1. Die Möglichkeit der Wahl zwischen Gut und Böse Die katholische Lehre, wie sie im Katechismus formuliert ist, definiert Freiheit als die in Vernunft und Wille verwurzelte Macht, zu handeln oder nicht zu handeln und so selbstverantwortliche Entscheidungen zu treffen. Sie geht ausdrücklich davon aus, dass die Freiheit die Möglichkeit einschließt, zwischen Gut und Böse zu wählen und dadurch zu wachsen oder eben zu sündigen. Vogel verurteilt diese Auffassung als unchristlichen Irrtum. Für ihn ist die Wahlmöglichkeit zwischen Gott und seinem Gegenteil keine Freiheit, sondern eine Versuchung und Illusion, da außerhalb Gottes nichts gut sein kann.
2. Eigenverantwortung, Verdienst und Mitwirkung Die katholische Lehrmeinung geht davon aus, dass die menschliche Freiheit die Grundlage für Lob oder Tadel sowie für Verdienst oder Vorwurf bildet. Dem Menschen wird also eine echte Eigenverantwortung bei der Gestaltung seines Lebens und seiner Erlösung zugesprochen. Vogel lehnt dies vehement ab und stützt sich dabei auf Bibelstellen wie Römer 9,16 („So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen“) und Johannes 6,44. Er argumentiert in Anlehnung an Martin Luther, dass der Mensch aus sich selbst heraus keinen freien Willen habe und höchstens „frei zum Bösen“ sei. Würden tatsächlich wahrhaft freie, eigenverantwortliche Handlungen des Menschen existieren, so hätte Jesus nach Vogels Ansicht seine Passion vergeblich auf sich genommen.
3. Lehrautorität vs. Unmittelbarkeit Dieser theologische Konflikt spiegelt auch den systematischen Unterschied wider, der in den Diskussionen zwischen Vogel und dem katholischen Theologen Prof. Kraschl auf X deutlich wird. Während die katholische Kirche ihre Positionen – wie den freien Willen – auf die gesamte Tradition, die Lehrautorität und die Dogmen der Kirche stützt, lehnt Vogel diese institutionellen Filter ab. Er fordert, theologische Kernbegriffe von menschlichen Dogmen zu befreien und sie ausschließlich auf die unmittelbaren Worte und Handlungen Jesu zurückzuführen.
Ist christlicher Glaube ohne Dogma möglich? Kann die Lehre Jesu an den Gesetzen der Folgerichtigkeit und Schlüssigkeit gemessen werden? Oder ist sie als Dogma aufzufassen, das nicht hinterfragt werden darf, sondern einfach geglaubt werden muss?
Das Christentum hat ganz unterschiedliche und vielfältige Formen christlicher Gemeinschaften hervorgebracht, doch in einer Forderung scheinen sie doch alle übereinzustimmen: „Am Ende musst du es glauben, auch wenn du es nicht verstehst.“ Aber ist das die Glaubenslehre, die Jesus verkündete? Verstand er unter Glaube wirklich ein kritikloses Abnicken einer zum Dogma erhobenen Glaubenswahrheit, die nicht zu hinterfragen sei?
Im folgenden Beitrag möchte ich deutlich machen, warum letztere Auffassung unzutreffend ist. Ferner zeige ich auf, in welchem Sinne die Lehre Jesu eine in sich stimmige Weisheitslehre ist, die nahtlos an die antiken Philosophien anknüpft und diese schlüssig fortschreibt. Denn nicht verstanden zu werden, bedeutet nicht, nicht verstanden werden zu wollen oder nicht verstanden werden zu können. Dass Jesus aber verstanden werden wollte, das steht ganz außer Frage. So sind seine vielen Gleichnisse, in denen er förmlich darum ringt, seine Lehre für die Menschen anschaulich und verständlich zu machen, ein lebendiges Zeugnis seiner Bemühung:
Wem ist das Reich Gottes ähnlich, womit soll ich es vergleichen?
Lukas 13,18
Glauben heißt, nicht wissen. Stimmt das?
Tatsächlich wird der Begriff Glaube im Deutschen auf zweierlei Weise verwendet:
Als Mutmaßung: „Ich glaube, dass morgen schönes Wetter wird.“
Als Vertrauensbekundung: „Dem Zeugen, der mir den Hergang geschildert hat, glaube ich.“
Betrachtet man den Zusammenhang, in welchem Jesus vom Glauben spricht, so ist der christliche Glaubensbegriff der zweiten Kategorie zuzuordnen. Insofern verfehlt der Spruch: „Glauben heißt nicht wissen.“, die Bedeutung des christlichen Glaubensbegriffs. Jesus sieht sich selbst und jene, die um die geistige Dimension dieses Daseins wissen, als Teilhaber einer übergeordneten Wirklichkeit. Was sie dort „gesehen“ haben, macht sie zu unmittelbaren Zeugen dieser Wirklichkeit. Einer Wirklichkeit, die über das Vordergründige hinausweist. Doch was diese Zeugen geschaut haben, was sie wissen und worüber sie Auskunft geben, findet kein Gehör bei den Menschen. Dieses Dilemma beschreibt Jesus gegenüber dem Pharisäer Nikodemus:
Amen, amen, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben; ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an.
Johannes 3,11
Warum versteht ihr denn meine Sprache nicht? Denn meine Worte finden bei euch kein Gehör.
Johannes 8,43
Somit scheint Unverstandensein, ein Merkmal und Kennzeichen geistiger Lehrer zu sein. Und dies trifft in besonderem Maße auf die Lehre Jesu zu.
Kann Unverstandenem überhaupt Glaubwürdigkeit zukommen?
Während die meisten Philosophen zumindest von ihren engsten Schülern verstanden wurden, kann dies bei Jesus mit Sicherheit verneint werden. Ein Großteil dessen, was er lehrte, löste bei seinen Zuhörern Verwunderung oder Sprachlosigkeit aus. So waren es in erster Linie seine Heilungen, die ihm zu großer Popularität verhalfen, weshalb er von vielen eher als Arzt angesehen wurde.
Die Richtigkeit und der Wahrheitsgehalt seiner Botschaft konnten selbst von seinen Jüngern in letzter Konsequenz nur erahnt und insofern nur geglaubt werden. In diesem Punkt nimmt die Lehre Jesu tatsächlich eine Sonderstellung unter den Weisheitslehren ein. Dabei ist Glaube etwas durchaus Legitimes, denn selbstverständlich können und müssen wir oft auch solche Aussagen für glaubwürdig halten, die wir selbst gedanklich nicht durchdrungen haben. So verlässt man sich ja auch ohne Weiteres auf Aussagen von Vertrauenspersonen. Ob Bergführer, Trainer, Ärzte, Fachhandwerker, Ingenieure etc. Man vertraut den Aussagen dieser Personen, auch wenn man sie in fachlichen Details nicht immer vollkommen nachvollziehen kann. Warum? Weil man sie schlicht für kompetent und ihre Aussagen für glaubwürdig hält.
Kompetenz und Glaubwürdigkeit durch Selbstlosigkeit
Das Kennzeichen wirklicher Kompetenz ist Selbstlosigkeit. Denn das, was jemand als eine allgemeine Wahrheit verkündet, muss sich auch ohne den Einfluss seiner Person bewahrheiten können – wird sich trotz Ablehnung seiner Person als wahr erweisen. In diesem Sinne beweist Jesus seine Kompetenz paradoxerweise in seiner Passion; so wurde er in seiner größten Erniedrigung erhöht. In seiner Niederlage beweist sich die Wahrheit seiner Lehre, für die er sich vollkommen selbstlos hingibt:
Da sprach Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin und nichts von mir aus tue, sondern, wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich.
Johannes 8.28
Diese selbstlose und bedingungslose Hingabe an seine Mission kann insofern gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dennoch vertreten zunehmend Theologen die Auffassung, dass mit der Passion Jesu nichts Gutes geschehen sein kann. Damit steht die Passion Jesu als ein Beispiel dafür, dass Unverständliches und Unverstandenes vorschnell für sinnlos oder absurd erklärt wird. Das ist meist dann der Fall, wenn Menschen an die Grenzen ihrer Verständnis- und Erkenntnisfähigkeit gelangen und ihre abschließende Meinung zum Maßstab der Vernunft machen. Dabei liegt das zu Erkennende doch von jeher jenseits dessen, was wir im Moment erkennen und verstehen. Menschliches Erkennen ist nie etwas Abgeschlossenes oder Endgültiges.
Wenn Jesus in seiner Passion einen Sinn und eine Bedeutung sah, sollten wir dies zunächst immerhin so stehen lassen können, auch wenn wir es inhaltlich nicht sofort verstehen.
Es zeugt von Selbstüberschätzung und Ignoranz wenn eine Aussage verworfen wird, weil sie inhaltlich nicht verstanden wurde.
Wahrheit siegt, indem sie sich bewahrheitet
Insbesondere in seiner Passion hat Jesus aufgezeigt, dass das Wahre sich in jeder Situation als wahr erweisen kann, unabhängig davon, ob dessen Verkünder auf Wohlwollen trifft oder ob man ihn bekämpft, verletzt oder gar beseitigt, wie im Falle Jesu. Eben darin, dass Jesus bereit war, als Mensch zu unterliegen und zu scheitern, zeigte sich die Größe und die Vollkommenheit seines Wahrheitsbegriffs. Damit steht er für ein Wirklichkeitsverständnis, das sich auch ohne Bestätigung und ohne Wohlwollen von Menschen oder Umständen als wahr erweisen kann: das Reich Gottes.
Der Wahrheitsbegriff Jesu war so allumfassend, dass darin selbst das böswillige Tun und Handeln seiner Feinde eingeschlossen war.
Der Wahrheitsbegriff Jesu kann insofern als allumfassend und universell gelten, als er diesen über sein persönliches Wohlergehen setzte, wie er es selbst wiederholt erklärt:
Denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.
Johannes 6,38
Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.
Matthäus 20,28
Um Unsterblichkeit zu gewinnen, gilt es daher im Sinne Jesu „für“ die Wahrheit zu sterben, da einzig die Wahrheit unsterblich ist. In diesem Sinne lautet sein Aufruf:
Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren; und wer sein Leben verliert um mich und um meiner Worte willen, der wird es behalten.
Markus 8,35
Gott, ein Synonym für die Wahrheit
Jesus selbst verwendet den Begriff Gott als ein Synonym für die Wahrheit. So sagt er während seines Verhörs zu Pilatus nicht, dass er gekommen sei, um Zeugnis von Gott abzulegen, sondern er sagt:
Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen; wer aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme.
Johannes 18,37
Ging es Jesus in seiner Botschaft aber um Wahrheit, so können seine Lehren auch an den Aussagen anderer großer Philosophen gemessen werden. Mit einem Unterschied: Die Wahrheit, die Jesus lehrte, ist nicht in allen Teilen sofort erkennbar, vielmehr erschließt sie sich erst in einer vertrauensvollen Auseinandersetzung mit seiner Lehre. Der Grund dafür ist, dass seine Lehre den menschlichen Erkenntnisrahmen übersteigt. Denn wie schon erwähnt; was wir als wahr erkennen können, ist nie das Ganze und Vollkommene, sondern jegliches Erkennen ist immer nur Stückwerk, wie auch der Apostel Paulus verdeutlichte:
Denn unser Erkennen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. // Wir sehen jetzt durch einen trüben Spiegel in einem dunklen Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich es stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.
1. Korinther 13, 9+12
Ein Kennzeichen der Wahrheit ist, dass sie grenzenlos, zeitlos und ohne Anfang und Ende ist, weshalb wir in unserer menschlichen Begrenztheit immer nur einen Teil der Wahrheit gedanklich erfassen werden. Dennoch wünscht das zu Erkennende (Gott) von uns vollkommen erkannt zu werden, und zwar in dem gleichen Maß wie wir selbst wünschen es erkennen zu wollen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Unser Vertrauen in die Lehre Jesu bildet gewissermaßen die Grundlage, das Unerkannte und Unverstandene seiner Botschaft erkennen zu können.
Unser Vertrauen in das noch Unerkannte ist das, was Jesus „Glaube“ nennt.
Soweit wir vertrauen, werden wir glauben und erkennen können. Doch warum sollten wir Jesus vertrauen? Weil Jesus nichts für sich wollte, sondern ein Gottes- und Wahrheitsbild in vollkommener Selbstlosigkeit vermittelte.
So waren selbst die Jünger fassungslos, als Jesu nach all den Drohungen und Anfeindungen, die er durch die Pharisäer in Judäa erfahren hatte, dennoch entschlossen war, zurück nach Jerusalem zu gehen, um dort hingerichtet zu werden. Ein Szenario, das er ihnen vorher explizit ankündigte und erklärte. Hierin liegt der göttliche und transzendente Aspekt seiner Botschaft, dass vieles, was Jesus lehrte und tat, sich für uns Menschen nicht unmittelbar erschließt. In der Weisheitslehre Jesu ist das zu Erkennende stets größer als das, was sich heute, hier und jetzt als wahr erkennen lässt. Oder wie es ein Gedanke des Zenbuddhismus ausdrückt: „Erkenntnis kennt keine Grenzen.“
Christlicher Glaube und die Philosophie der Stoa
Tatsächlich unterscheidet sich die Lehre Jesu inhaltlich von den großen Philosophien der Antike nicht. Das Inhaltliche, das er vermittelt, geht wie bei den Philosophen über das Vordergründige hinaus. So finden wir insbesondere bei den Stoikern nahezu deckungsgleiche Aussagen. Wenn es beispielsweise um das Hinnehmen von Unerwünschtem, von Unrecht und Gewalt geht. Hierin sind sich Sokrates, Epiktet und Jesus völlig einig:
Unrecht zu leiden ist besser, als Unrecht zu tun.
Sokrates
Verlange nicht, dass die Dinge gehen, wie du es wünschest, sondern wünsche sie so, wie sie gehen.
Epiktet
Ich aber sage euch, dass ihr dem Bösen nicht widerstehen sollt, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.
Matthäus 5,39
Weh euch, wenn euch alle Menschen loben; denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht. Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln.
Lukas 6, 26,28
Sokrates und Jesus haben diese Lehren nicht nur verkündet, sondern sie haben sie auch konsequent gelebt. Beide haben sich nicht zur Wehr gesetzt gegenüber dem Unrecht, das sie durch ihre Feinde erfuhren. Im Gegenteil, Sokrates schaffte es in seinem Prozess, die Mehrzahl der Richter, die ihm anfangs gewogen waren, gegen sich aufzubringen. Und Jesus geht seinen Feinden sogar noch entgegen, als er nach Jerusalem kommt, um sich ihnen zu stellen. Beide haben ihr Urteil bereitwillig auf sich genommen, als man sie zum Tod wegen Gotteslästerung verurteilte und hinrichten ließ. Sokrates durch den Giftbecher, Jesus durch Kreuzigung.
Worin unterscheidet sich die Lehre Jesu von der Weisheitslehre der Philosophen?
Zwar sprechen auch viele Philosophen von den Göttern und von Gott, aber die Rolle Gottes in Bezug auf den Menschen ist nicht so konkret, wie Jesus es herausstellt. So ist seiner Lehre nach die Wahrheit, die Gott selbst ist, nicht unbeteiligt oder gleichgültig, gegenüber den Emotionen und dem Befinden des Menschen. Diese Auffassung widerspricht zwar dem Gottesbild der Pantheisten aber sie ist dennoch folgerichtig. Denn wenn Gott die Ursache aller Dinge ist, wie z. B. Spinoza sagt, dann muss er auch als Ursache unserer geistigen Regungen und Emotionen gelten können.
Die Immunität Gottes
Einerseits können zwar Leid, Tod, Schmerz und Trauer Gott „an sich“ nicht berühren, denn damit wäre Gott ja angreifbar und verletzlich, womit er aufhören würde Gott zu sein. Wohl aber existiert ein „Zustand“, der es Gott „ermöglicht“ menschliches Leid und Elend „wahrzunehmen“. Welcher Zustand ist das? Es ist jener Zustand, in dem ein Mensch sich in der Lage sieht, selbst in seinem Elend den Willen Gottes zu erkennen wodurch er es auf Gott zurückwirft, dem Urheber aller Dinge. Das ist es, was Jesus lehrte und konsequent lebte. In der Annahme seiner Passion lebte er die vollkommene Annahme von Schwäche, Feindschaft und Elend nach dem Willen Gottes. Denn in dem Moment, wo ein Mensch aufhört das Schwache und Böse, dem er in dieser Welt ausgeliefert ist, seinen Feinden oder einem bösen Schicksal, sondern Gott zuzuschreiben ändert sich seine Wirklichkeit grundlegend. Warum sollte das so sein? Einerseits weil das Elend, das ein Mensch nach dem Willen Gottes auf sich nimmt, nicht länger er selbst trägt, sondern Gott trägt es, den es nun unmittelbar betrifft und der es ja so will. Andererseits weil Gott, der Inbegriff von Wahrheit und Leben ist, nicht sterben kann und weil alles was aus Gott fließt göttlich und somit gut sein muss. Kraft dieser Erkenntnis muss alles, was dem Willen der Wahrheit (Gottes) unterliegt, Geist und Sinn finden.
Das ist es, was Jesus uns in seiner Passion verdeutlicht hat, dass wir unser Elend nach dem Willen Gottes auf uns nehmen sollen, wodurch allein es Sinn und Bedeutung finden wird.
Denn indem Jesus in seinem Leid und Elend den Willen Gottes erkannte, warf er es auf Gott und machte diesen zu dessen Urheber. All das aber, was dem Willen Gottes unterliegt das muss gut werden.
Gott, die Entsprechung unserer Sehnsucht nach Geist und Sinn
Für Jesus ist Gott, der die Wahrheit selbst ist, Urheber aller Dinge auch der leidvollen, die er kraft unserer Sehnsucht nach Wahrheit durch den Geist überwindet. Dabei ist unsere Sehnsucht von grundlegender Bedeutung: Unsere Sehnsucht nach einem Ende von Leid und Tod, ist für Gott Grund und Anlass, diese Bereiche zu überwinden und zwar dort, wo unsere Sehnsucht auf Gott gerichtet ist, der ja alle Dinge wirkt. Denn all das, was für Gott zum Grund und Anlass wird, das wird dadurch bedeutungsvoll. Ferner muss alles, was in Gott einen Grund sucht und findet, aufhören grundlos zu geschehen. Was aber seinen Grund in Gott gefunden hat, der die Wahrheit selbst ist, das wird dadurch auch Sinn und Bedeutung finden.
Die Überwindung des Bösen durch das Gute beruht darauf, dass Sinn- und Geistloses von Geist und Sinn durchdrungen und erfüllt wird, damit es notwendig und gut werden kann.
Jesus bezeichnet diese Sehnsucht, dieses Verlangen metaphorisch als „Hunger“ und „Durst“ nach Gerechtigkeit, weil wir uns hier nach Lebensnotwendigem sehnen:
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Matthäus 5,6
Selbsterkenntnis – Der Weg zur Einheit mit Gott
Nun könnte man hier einwenden, dass eine derartige Interaktion zwischen Gott und Mensch, wie Jesus es vermittelt, bei den großen Philosophen nicht vorkommt und insofern nicht philosophisch sein kann. Doch auch hier ist zu beachten, was eingangs gesagt wurde, nämlich dass Gott „nur“ ein anderes Wort für die Wahrheit ist. Der Lehre Jesu nach ist die Wahrheitssuche, die sich auf Gott bezieht etwas Wechselseitiges. Diese Auffassung folgt aus der Erkenntnis, dass die Wahrheit unteilbar ist und insofern auch nicht geteilt gedacht werden kann. In jeder Interaktion mit der Wahrheit werden wir mit der Wahrheit geeint, die Gott selbst ist. Und aus dem Gesetz der Einheit mit Gott resultiert die folgende Erkenntnis: Soweit wir nach der Wahrheit suchen und diese erkennen wollen, soweit sucht die Wahrheit auch nach uns und will uns erkennen. Meister Eckhart drückt diese Wechselseitigkeit und Einheit der Wahrheits- und Gotteserkenntnis metaphorisch im Gleichnis vom Auge aus:
Das Auge, in dem ich Gott sehe, das ist dasselbe Auge, darin mich Gott sieht; mein Auge und Gottes Auge, das ist ein Auge, und ein Sehen und ein Erkennen und ein Lieben.
Wer zum höchsten Adel seines Wesens gelangen will und zur Anschauung des höchsten Gutes, das Gott selber ist, der muss ein Erkennen seiner selbst haben,
Meister Eckhart
Und so wie Selbsterkenntnis die Basis der christlichen Wahrheits- und Gottessuche bildet, war sie von jeher auch Grundlage jeglicher Weisheitslehre und Philosophie. So stand der Überlieferung nach über dem Eingang des Tempels in Delphi der Satz:
Erkenne dich selbst und du wirst Gott erkennen.
Tempel in Delphi
Lao Tse lehrte äquivalent:
Wer andere erkennt, ist gelehrt. Wer sich selbst erkennt, ist weise.
Lao-Tse
Übereinstimmend lehrte Jesus:
Selig sind die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.
Matthäus5,8
Selbsterkenntnis im Sinne Jesu meint aufrichtig geübte Einsicht in sich selbst und das Eingeständnis eigener menschlicher Schwäche und Fehlbarkeit. Diese Einsicht in uns selbst schafft ein reines Herz, denn sie offenbart uns unsere wirkliche „Gestalt“. Und die Betrachtung unserer wahren „Gestalt“ ist gleichbedeutend mit der Betrachtung Gottes.
Ersetzt man auch hier das Wort Gott durch Wahrheit und versteht man unter der Reinheit des Herzens, jene aufrichtig geübte Einsicht in sich selbst, so wird die Wechselseitigkeit deutlich, die ein Kennzeichen aller echten Wahrheitssuche ist. Soweit wir uns unserer eignen Schwächen und Fehler bewusst werden, sehen wir uns so, wie wir in Wahrheit sind – sehen wir uns so, wie Gott uns sieht.
Damit beruht das Schauen Gottes in uns auf einer ungeschönten Betrachtung unserer selbst. In diesem Sinne kann die obige Aussage Jesu wie folgt verstanden werden:
Selig, die sich im Innersten so betrachten wie sie sind, denn damit werden sie die Wahrheit über sich selbst sehen, das Antlitz Gottes.
In zwei Gleichnissen, bei denen es ums Suchen und Finden geht, verdeutlicht Jesus das philosophische Prinzip der Wechselseitigkeit aller Wahrheitssuche. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn ist es der Sohn, der den Vater sucht und dem der Vater entgegengeht, als er ihn von Ferne kommen sieht – als er in dessen Blickfeld gerät:
Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
Lukas 15, 32
Im Gleichnis vom verlorenen bzw. vom verirrten Schaf ist es der gute Hirte, der alles zurücklässt, um sich auf die Suche nach dem verlorenen Schaf zu machen. Und als er es gefunden hat, nimmt er es auf seine Schultern und trägt es nach Hause.
Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude.
Lukas 15, 7
Einswerden mit der Wahrheit – Die Einheit mit Gott
Wie oben gezeigt, sind der Lehre Jesu nach Gott und Wahrheit dasselbe. Und so setzt Jesus das Einswerden mit der Wahrheit gleich, mit dem Einswerden des Menschen mit Gott. Im Einswerden des Menschen mit einer leidvollen Wirklichkeit wird Gott verherrlicht. Warum ist das so? Zum einen, weil sich die Kraft der Wahrheit darin beweist, dass sie sich in Selbstlosigkeit jederzeit bewahrheiten kann und will. Zum anderen, weil Gott alle Wirklichkeit wandelt, die als Widerspruch zu den Prinzipien Leben und Geist empfunden wird, als dessen Urheber er erkannt wird. Unsere Empfindung von Trauer, Leid und Tod steht im Widerspruch zu einer Einheit mit Gott, mit Leben und Geist. An Gott, der die Wahrheit und das Leben selbst ist, rühren weder Leid noch Tod. In diesem Sinne sagte Jesus angesichts seiner Passion:
Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, auf dass ich es wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selber. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wiederzunehmen. Solches Gebot habe ich von meinem Vater empfangen.
Johannes 10, 17-18
Und am Vorabend seiner Verhaftung bittet er:
Ich heilige mich selbst für sie, auf dass auch sie geheiligt seien in der Wahrheit. Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden, auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; dass auch sie in uns eins seien, auf dass die Welt glaube, du habest mich gesandt. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, dass sie eins seien, gleichwie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen seien in eins und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und liebest sie, gleichwie du mich liebst. Gleichwie du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt.
Johannes 17, 19-23
Meister Eckhart schrieb in diesem Kontext:
Wo der Mensch in wahrem Gehorsam aus seinem Ich herausgeht und sich des Seinen entschlägt (d. h. eigenes Wollen aufgibt), ebenda muss Gott notgedrungen hinwiederum eingehen; denn wenn einer für sich selbst nichts will, für den muss Gott in gleicher Weise wollen wie für sich selbst. Wenn ich mich meines Willens entäußert habe in die Hand meines Oberen und für mich selbst nichts will, so muss Gott darum für mich wollen, und versäumt er etwas für mich darin, so versäumt er es zugleich für sich selbst. So steht’s in allen Dingen: Wo ich nichts für mich will, da will Gott für mich. Nun gib acht! Was will er denn für mich, wenn ich nichts für mich will? Darin, wo ich von meinem Ich lasse, da muss er für mich notwendig alles das wollen, was er für sich selbst will, nicht weniger noch mehr, und in derselben Weise, mit der er für sich will. Und täte Gott das nicht, – bei der Wahrheit, die Gott ist, so wäre Gott nicht gerecht, noch wäre er Gott, was (doch) sein natürliches Sein ist.
“Reden der Unterweisung” Meister Eckhart 1260-1327
Jesus und Sokrates
Bei Jesus wie bei Sokrates, besteht dieses Einssein mit der Wahrheit in der Annahme ihrer Verurteilung durch ihre Feinde. Beide sahen ihre Verurteilung als Konsequenz ihrer Lehre und Geisteshaltung, der sie bedingungslos treu blieben. Sokrates lehrte, dass es besser sei, Unrecht zu erleiden als Unrecht zu tun. Andernfalls würde die Seele einen Schaden nehmen, der in keinem Verhältnis zum erlittenen Unrecht stünde.
Sokrates stirbt wie Jesus als Konsequenz seiner unerschütterlichen Überzeugung, von der er nicht abrückt. Aber der Tod des Sokrates ändert nichts an der Sinnlosigkeit und der Unwiderruflichkeit des Unrechts, das an ihm verübt wurde. Anders verhält es sich bei Jesus: Die Ungerechtigkeit, die an Jesus verübt wurde, ist in seinen Augen weder unwiderruflich noch bleibt sie ungerecht. Sterbend am Kreuz widerruft Jesus das Unrecht, das seine Feinde an ihm verüben, indem er ihnen Vergebung zuspricht. Und der Sinnlosigkeit seiner Hinrichtung setzt er, die von ihm erkannte und verkündete Notwendigkeit seiner Passion entgegen, wodurch aus der Sünde des Menschen jene Gerechtigkeit werden kann, die vor Gott gilt, wie es der Apostel Paulus erklärt:
Denn Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
2. Korinther 6, 19-21
Worin aber das konkrete Heil und der Lohn für die Seele besteht, das denjenigen erreicht, der entsprechend dieser Lehre sein Leben hingibt, das wird bei Jesus konkret: Sind wir bereit unsere Wirklichkeit in ihrer Gänze und Vollständigkeit anzunehmen, so werden wir darin eins mit der Wahrheit, die Gott selbst ist. Sind wir aber eins mit der Wahrheit, so sind wir in Gott und Gott ist in uns. Was aber in Gott ist, das empfängt auch die Immunität Gottes. Doch auf welche Weise können wir in Gott – können wir in die Wahrheit gelangen?
Der Weg zur Wahrheit
Der Weg, um in die Wahrheit zu gelangen, geschieht so, wie es die großen Philosophien von jeher sahen und wie es Jesus gelehrt und konsequent gelebt hat, nämlich durch Selbsterkenntnis.
Der Lehre Jesu nach bedeutet Selbsterkenntnis etwas ganz Konkretes, nämlich aufrichtig geübte Einsicht in die Schwäche und Mangelhaftigkeit unseres menschlichen Daseins.
Ferner durch geübte Vergebung und Barmherzigkeit gegenüber den Schwächen und Fehlern und Irrtümern unserer Mitmenschen, da wir dieser selbst bedürfen. Und in letzter Konsequenz, durch Selbstlosigkeit und Selbstverleugnung. Ausschließlich in dieser Geisteshaltung werden wir eins mit der Wahrheit – nur auf diese Weise gelangen wir zu Gott. Und in diesem selbstlosen Sinn ist der Anspruch, Jesus zu verstehen:
Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.
Johannes 14,6
»Durch mich« bedeutet hier, durch die bereitwillige Annahme ausnahmslos aller Wirklichkeit, selbst der ungerechten, leidvollen und bösen, ganz so, wie Jesus es uns vorgelebt hat:
Da sprach er zu ihnen allen: Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten.
Lukas 9, 23-24
Dort, wo wir uns Krankheit, Verfolgung oder Feindseligkeiten ausgeliefert sehen und diese Dinge auf uns nehmen, da wir sie als eine Folge der Geisteshaltung Jesu erkennen, dort nehmen wir unser Kreuz im Sinne Jesu auf uns. Mit anderen Worten: Wir sollen das Elend unserer menschlichen Wirklichkeit um der Wahrheit willen wollen – um jener Wahrheit willen, die alle Dinge wirkt, um die Welt zu überwinden. Und diese Wahrheit ist Gott selbst. Ja, selbst wenn es zu unserem äußeren Nachteil oder Schaden sein sollte, sollen wir es dennoch wollen und lieben. In diesem Sinne schrieb die jüdische Philosophin Simone Weil:
Einzig der Widerspruch lässt uns erfahren, dass wir nicht alles sind. Der Widerspruch ist unser Elend, und das Gefühl für unser Elend ist das Gefühl für die Wirklichkeit. Denn unser Elend stellen wir nicht her. Es ist wahr. Deshalb muss man es lieben. Alles andere ist imaginär.
Aus “Schwerkraft und Gnade” Simone Weil
Warum ist alles andere imaginär? Weil jenes Elend, das wir bereit sind nach dem Willen Gottes auf uns zu nehmen, uns mit Gott eint. In seiner Passion lehrt uns Jesus, dass alles Elend, das ein Mensch nach dem Willen Gottes auf sich nimmt, in seinem Geist überwunden wird. Denn wer selbst in Unrecht, Leid und Tod eins wird mit Gott, der hat auch Anteil an allem was Gott in Jesus Christus vermag und was aus ihm fließt: Trost, Überwindung, Liebe, Leben, Geist und Sinn.
Sind wir eins mit der Wahrheit, die Gott selbst ist, so werden wir dadurch auch zu Teilhabern Gottes, der alles um seiner selbst willen wirkt. Und außerhalb Gottes existiert nichts und wirkt nichts.
Aber dort, wo wir um der Wahrheit willen Krankheit, Spott und Schaden erleiden, leiden wir nicht mehr um unsertwillen, sondern um Gottes Willen. Leiden wir aber um Gottes Willen, so leiden nicht wir, sondern Gott selbst leidet Krankheit, Spott und Schaden. Da aber Gott weder Krankheit, Spott noch Schaden leiden kann, muss er Krankheit, Spott und Schaden in Heil, in Ehre und in Freude verwandeln:
Amen, amen ich sage euch: ihr werdet weinen und wehklagen, die Welt aber wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit wird in Freude verwandelt werden.
Johannes 16,20
In Jesus Christus hat er das getan und sein Geist tut dies auch in uns. Auf diesem geistigen Prinzip beruht die Überwindung der Welt, die Jesus in seiner Weisheitslehre verkündet und konsequent gelebt hat.
Wie konnte durch den Tod Jesu vor 2000 Jahren unsere Schuld vergeben sein?
Während der letzten beiden Jahrtausende begnügten sich Christen mit der Feststellung, dass Jesus für unsere Sünden am Kreuz gestorben ist. Man betrachtete diese Aussage als Glaubenswahrheit. Das heißt, man sah darin eine Aussage mit dogmatischem Anspruch, die nicht zu hinterfragen sei, sondern einfach geglaubt werden müsse. Und da diese Aussage ja Grundbestandteil des christlichen Glaubens ist, könne und müsse sie inhaltlich auch gar nicht verstanden werden. Daher genügte es den allermeisten Christen, dass diese Aussage, dort, wo sie geglaubt würde, heilbringend wirke und die eigene Schuld tilge. Aber ist das so? Liegt dem christlichen Glauben solch ein Automatismus zugrunde?
Die biblischen Quellen
Ich möchte an dieser Stelle nicht sagen, dass solcher Glaube an sich falsch ist – im Gegenteil, ich halte ihn für formal richtig. Allerdings ruft diese Aussage heute nach einer schlüssigen Erklärung – einer Deutung, die der Mensch von heute gedanklich nachvollziehen kann, sofern er Interesse an dieser Thematik mitbringt. Tatsächlich hat Jesus selbst, seinen Tod in diesem Sinn gedeutet. Das heißt, die bewusste Hingabe seines Lebens, zur Erlösung für viele oder zur Vergebung der Sünden ist biblisch klar belegt:
Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.
Matthäus 20, 28
Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinkt alle daraus; das ist mein Blut des neuen Testaments, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.
Matthäus 26, 27-28
Das Gottesbild Jesu
Um die Bedeutung dieser Aussagen Jesu gedanklich und inhaltlich nachvollziehen zu können, müssen wir zunächst das Gottesbild Jesu verstehen:
Für Jesus ist Gott allmächtig, er ist der Urheber aller Dinge, alles fließt aus Gott und nichts kann seinem Willen widerstehen.
Auch ist Gott ein einziger und ein einiger Gott, denn alles Geteilte oder Uneinige ist nicht von Bestand, ist nicht Gott. Bestand hat nur das in sich Einige und das Einzige, welches Gott selbst ist. Das heißt in Gott existiert kein Widerspruch, kein Gegenpart, keine Alternative, kein Außerhalb seiner selbst. Mit anderen Worten, außer Gott existiert nichts, als nur das Nichts.
Jesus aber antwortete ihm: Das vornehmste Gebot vor allen Geboten ist das: „Höre Israel, der JHWH, unser Gott, ist ein einiger Gott …“
Markus 12,29
Wenn ein Reich mit sich selbst uneins wird, kann es nicht bestehen. Und wenn ein Haus mit sich selbst uneins wird, kann es nicht bestehen …
Markus 3, 24-25
Der Wille Gottes – die Ursache aller Dinge
Vor diesem gedanklichen Hintergrund, dass Gottes Willen nichts widerstehen kann und er alle Dinge nach seinem Willen wirkt, kommt einer Aussage Jesu eine ganz besondere Bedeutung zu. Er lehrt sie im Vaterunser, sie lautet:
Dein Reich komme, dein Wille geschehe …
Matthäus 6,10
Die innere Bereitschaft, das zu wollen, was Gott will, legte er aber nicht nur seinen Zuhörern ans Herz. Diese Haltung zeigt er auch selbst unmittelbar vor seiner Verhaftung, als er darum bittet, dass, wenn es möglich sei, ihm seine Passion erspart bliebe.
Jesus ging ein paar Schritte, warf sich nieder und betete: »Mein Vater, wenn es möglich ist, dann lass diesen Kelch an mir vorübergehen und erspare mir dieses Leiden! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst, soll geschehen.«
Matthäus 26,39
In dieser Bereitschaft, der bedingungslosen Einwilligung in den Willen Gottes liegt für uns der Schlüssel zum Gottesverständnis und zum Selbstverständnis Jesu: »… nicht was ich will, sondern was du willst, soll geschehen.« Jesus glaubte, ja er wusste, dass Gott ausnahmslos alle Dinge wirkt, und seinem Willen nichts widerstehen kann. Daher wollte er nur eines; die vollkommene Einheit mit dem Willen Gottes, auch wenn dieser Wille für ihn Unrecht, Leid und Tod bedeuten sollte. In dieser selbstlosen Einwilligung in den Willen Gottes verkündet Jesus sein Evangelium, das da lautet: Gott ist das Leben selbst und ausnahmslos alle Dinge fließen aus Gott, nicht nur schöne, angenehme und förderliche, sondern auch hässliche, leidvolle und hinderliche.
Gott wirkt unentwegt neues Leben
Doch alle Dinge, die Gott wirkt, die wirkt er nur aus einem einzigen Grund. Er wirkt sie, um sich selbst, nämlich, um unentwegt neues Leben hervorzubringen.
Soweit wir also eins werden mit dem Willen Gottes, werden wir eins mit Gott selbst. Werden wir aber eins mit Gott, so werden wir um seinetwillen auch leben.
Selbst wenn der Wille Gottes unseren eigenen Tod bedeuten würde, muss Gott uns doch neues Leben wiedergeben. Warum? Weil alles, was dem Willen Gottes unterliegt, notwendigerweise zum Leben kommt, da Gott das Leben selbst ist. Das ist das Gebot, das Jesus von seinem Vater empfangen hatte, wie er es selbst erklärte:
… auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; dass auch sie in uns eins seien, auf dass die Welt glaube, du hast mich gesandt. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, dass sie eins seien, gleichwie wir eins sind, …
Johannes 17,21-22
Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, auf dass ich es wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selber. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen.
Johannes 10,17-18
Zur Erlösung für viele
Worin besteht nun die Erlösung, die uns Jesus durch seinen Tod brachte? Die Erlösung beruht darauf, die Gesinnung Jesu anzunehmen, der die göttliche Kraft des Geistes besaß, selbst in Unrecht, Leid und Tod Gottes Willen zu erkennen. Denn in allen Geschehnissen, worin wir Gottes Willen suchen, dort wird sich Gott von uns finden lassen. Und dort, wo wir Gott finden, da finden wir notwendigerweise das Leben selbst.
Nun könnte man dagegenhalten, dass das aber keine gute Nachricht ist, wenn Gott will, dass wir leiden und sterben. Die gute Nachricht, das Evangelium, ist, dass durch diese Gesinnung unser Leiden und Sterben, dem ja ohnehin niemand entgehen kann, einen tiefen Sinn erfährt, wodurch wir Trost empfangen. Warum? Weil Jesus uns in seiner Passion beispielhaft aufgezeigt hat, dass sein eigenes Leiden und Sterben einen tiefen Sinn hatte und dieser Sinn lag für ihn in Gott. Soweit wir nun seine Lehre annehmen und unser eigenes Leben so auffassen, wie Jesus sein Leben aufgefasst hat, wird auch unser eigenes Leiden und Sterben jenen tiefen Sinn erfahren können, der in Gott begründet liegt.
Gott – Geist im Geistlosen
Darauf beruht unsere Erlösung, dass demjenigen nichts Sinnloses widerfährt, der das Unabänderliche nach dem Willen Gottes an- und auf sich nimmt. Vielmehr dient dem alles zum Besten, der Gottes Willen vertrauensvoll in allen Geschehnissen sucht, insbesondere aber in den leidvollen, ungerechten und beschwerlichen.
Der Sinn, um den Jesus in seinem eigenen Leiden und Sterben wusste, lag für ihn in der Gewissheit, dass es gut für uns ist, wenn er sein Leben hingeben würde. Ja, er äußert seinen Jüngern gegenüber sogar, dass diese sich darüber freuen sollten, wenn er sein Leben für sie hingibt.
Ihr habt gehört, dass ich euch gesagt habe: Ich gehe hin und komme wieder zu euch. Hättet ihr mich lieb, so würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe; denn der Vater ist größer als ich.
Johannes 14,28
Gott ist Geist und Sinn. Er allein vermag aus Geistlosem Geistvolles zu machen – er vermag aus Sinnlosem Sinnvolles zu machen. Gott ist der gesuchte und gefundene Sinn im Sinnlosen. Durch unsere Einwilligung in seinen Willen, wird Gott so an uns handeln können und wollen, wie er an Jesus Christus gehandelt hat. Da ist kein Unterschied. Aber ohne unsere Einwilligung in den Willen Gottes, muss für uns alles Leiden und Sterben sinnlos bleiben.
Zur Vergebung der Sünden
Inwiefern aber kann unsere Schuld vergeben sein, durch das Opfer Jesu? Auch die Vergebung unserer Schuld beruht der Lehre Jesu nach darauf, dass unsere menschlichen Schwächen einen tiefen Sinn erfahren.
Das ist das Evangelium, dass alles menschlich Schwache und Böse in Christus aufhört, schlecht und böse zu sein.
Aber wie ist das konkret möglich? Die einzige Schwäche, die Jesus anhaftete, war die Schwachheit seines menschlichen Leibes, und diese Schwäche nahm er bereitwillig als sein Kreuz auf sich. In dieser Schwachheit lieferte er sich seinen Feinden aus, die es einzig auf diese Schwäche abgesehen hatten, da sie seiner geistigen Stärke nichts entgegensetzen konnten. So lebt Jesus in seiner Passion das, was er zuvor eindringlich lehrte:
Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel; denn er lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
Matthäus 5,44
Gottes Sohn war Jesus deshalb, weil er in allen Dingen, die ihm begegneten, den Willen Gottes erkannte. In der Schwäche wie in der Stärke. Im Freund wie im Feind. In der Liebe wie im Hass, in der Ehrung wie in der Beleidigung, in der Nachfolge wie in der Verfolgung, im Leben wie im Tod. Diese Erkenntnis machte ihn zum Abkömmling des Höchsten – zum Sohn Gottes.
Gotteskindschaft
Indem wir diese Gesinnung Jesu annehmen, können nun auch wir selbst zu Gottessöhnen – zu Kindern Gottes werden und Gott wird zu unserem Vater. In seinem Aufruf zur Feindesliebe zeigt Jesus, dass Gott eben auch die Ursache für unsere Feinde ist. Was aber dem Willen Gottes unterliegt, das sollen wir lieben, wodurch es uns dienen kann. Erst in einem solch allumfassenden und universellen Lebensverständnis, wie es Jesus lehrte und selbst lebte, kann jeder Gedanke der Schuld, Strafe und Vergeltung endlich enden. Nur in diesem Glauben sind wir in der Lage, wirklich grundlegend zu vergeben. Warum? Eben, weil Gott ausnahmslos alle Dinge wirkt. Und dem, der darauf vertraut, für den wirkt Gott alle Dinge so, dass sie ihm zum Guten dienen.
Erkennen wir Gottes Willen und wirken selbst in unseren Feinden, selbst im Unrecht, im Leiden und im Sterben, so existiert kein Grund mehr, jemanden zu verurteilen.
Allein durch unsere Einwilligung in den Willen Gottes ist alle menschliche Schuld getilgt. Denn dass Jesus in seiner Passion den Willen Gottes erkannte und befolgte, das ist unbestritten. Seine Einwilligung in das Ungerechte, Beschwerliche und Leidvolle ist gemeint, wenn von Jesu Gehorsam gegenüber Gott die Rede ist.
Als Lösegeld für viele
Die anfangs zitierte Aussage Jesu, kann allerdings auch anders übersetzt werden, dann lautet sie:
Der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben.
Markus 10, 45
Dort, wo der Begriff „Lösegeld“ wortwörtlich verstanden wurde, hat er für viel Verwirrung und für berechtigtes Kopfschütteln gesorgt. Es ist eben nicht so, dass Gott von uns Menschen einen Tribut fordert, damit er im Gegenzug gnädig und barmherzig sein kann. Schon gar nicht von seinem Sohn. Dieser Gedanke wäre auch absurd. Denn da Gott der Ursprung aller Dinge ist, kann er nichts anderes fordern, als das, was er selbst in der Lage ist, zu erfüllen.
Insofern ist der Begriff Lösegeld in dem Sinne zu deuten, dass Jesus jenes Werk vollbrachte, das vonseiten Gottes „erforderlich“ war, damit der Mensch mit Gott (dem Leben) wieder geeint würde und zu Gott zurückfindet. Erforderlich war ein Zeichen, durch das der Mensch sehen und erkennen konnte, dass Gott der Urheber aller Dinge ist und alle Dinge dem dienen, der auf ihn vertraut. Um uns dieses Zeichen zu geben und uns diese Erkenntnis zu vermitteln, war Jesus gekommen.
Voraussetzung und Bedingung, dass diese Botschaft uns Menschen erreichen konnte, war, dass ein Mensch in der Lage sein sollte, selbst im Bösen und Ungerechten den Willen zu erkennen und diese Bürde auf sich zu nehmen. Aber das war keinem Menschen möglich. Nur Gott selbst konnte es tun. Deshalb wurde er in der Gestalt Jesu Mensch und hat sich für uns hingegeben.
Damit uns die Botschaft erreicht, dass Gott in allen Geschehnissen wirkt, darin er vertrauensvoll gesucht und gefunden wird, dafür hat Jesus sein Leben hingegeben.
Zusammenfassung:
Jesus lehrte, dass uns göttliche Vergebung zuteil würde, soweit wir selbst bereit wären zu vergeben. Und entsprechend dieser Lehre handelte er selbst, als er denen Vergebung zusprach, die ihn hinrichten ließen.
Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen sie wissen nicht, was sie tun!
Lukas 23,34
Jesus konnte so vergeben, weil er in seinen Feinden und in seiner Passion den Willen Gottes erkannte. Jesus wusste, alles, worin der Mensch den Willen Gottes findet, darin findet er immer auch das Leben, selbst wenn dies den sicheren Tod bedeutet.
Ich bin die Auferstehung, und ich bin das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt.
Johannes 11,25
Warum ist das so? Weil Gott ausnahmslos alle Dinge wirkt und weil aus Gott nichts anderes als Leben und Geist fließen kann.
Soweit wir nun wie Jesus alle Dinge, die uns begegnen oder anhaften, nach dem Willen Gottes auf uns nehmen, sei es Krankheit, Schwäche, Unrecht, Leid und Tod, machen wir Gott (wie Jesus) zum Grund unserer eigenen Passion. Wo aber Gott so zum Grund unserer Passion wird, dort existiert kein Feind mehr, und kein böser Umstand und auch kein Unglück, das uns hindert. Vielmehr dient uns alles zum Leben. Erst dort, wo der Grund meiner Schwachheit, meiner Krankheit, meines Leidens und Sterbens nicht mehr in dieser Welt liegt, sondern in Gott, dort werde ich selbst frei von Schuldzuweisung und Vergeltung. Werde ich aber frei von Anklage, so werde ich ebenso allumfassend vergeben können, wie Jesus vergeben hat.
Damit uns diese Botschaft erreicht, war Jesus bereit seine Passion auf sich zu nehmen, damit wir, wie er frei würden von Anklage und Vergeltung, wodurch wir eins werden können mit Gott, der ausnahmslos alle Passion nur deshalb wirkt, um neues Leben zu schaffen.
Erst dort, wo wir, wie Jesus, darauf vertrauen, dass uns ausnahmslos alle Dinge zum besten dienen, sind wir erlöst.
Dieses Vorbild der Überwindung war Jesus bereit für uns zu geben. Und in diesem Sinn ist das Jesuswort zu verstehen:
Das ist mein Blut des neuen Bundes, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.
Matthäus 26,28
Gott als Sinn im Sinnlosen finden
Podcast zu diesem Blogbeitrag zum freien Herunterladen:
Was unter dem biblischen Begriff der Sünde und dem sogenannten Sündenfall genau zu verstehen ist, dazu gibt es sehr unterschiedliche und teilweise auch widersprüchliche Meinungen innerhalb der Kirchen und Konfessionen. Aber ohne eine klare Vorstellung vom Begriff der Sünde, des Sündigens und des Sünders, können sich uns Sinn und Bedeutung der Botschaft Jesu nicht erschließen, da die Sünde und der Sünder darin eine ganz zentrale Rolle einnehmen.
Die Geschichte des Sündenfalls
Der älteste biblische Bezug zu dem, was die jüdisch-christlichen Religionen als Sünde bezeichnen, findet sich in der alttestamentlichen Erzählung vom sogenannten „Sündenfall“ in dem Adam und Eva unerlaubterweise vom Baum der Erkenntnis von gut und böse essen. Auch wenn Jesus selbst den Begriff „Sündenfall“ so weder gekannt noch verwendet hat, ist er doch im Laufe der Religionsgeschichte für Juden und Christen gleichermaßen zu einer festen Vorstellung geworden.
Der alttestamentliche Mythos vom Sündenfall schildert die Folgen, die das Essen vom Baum der Erkenntnis für den Menschen hatte. Doch diese Folgen waren nicht ausschließlich negativ. Die Schlange versprach Eva, sie würden wie Gott sein und erkennen, was gut und böse ist, wenn sie die Frucht vom Baum essen würden. Ebendiese verlockende Aussicht ließ Eva die Frucht als schön und genießbar erscheinen.
Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte.
Genesis 3,6
Und dieses Versprechen der Schlange erfüllte sich dann auch tatsächlich, wie Gott am Ende selbst bestätigend feststellte:
Und Gott der JHWH sprach: Siehe, der Mensch ist nun geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist.
Genesis 3,22
Doch auch die negative Seite, die Gott zuvor warnend angekündigt hatte, welche die Schlange jedoch in Abrede stellte, erfüllte sich: Der Mensch wurde sterblich.
Von allen Bäumen im Garten kannst du nach Belieben essen; aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, wirst du des Todes sterben.
Genesis 2,17
Die zwei Aspekte des Sündenfalls
Versteht man die Sünde als Ungehorsam gegenüber dem göttlichen Gebot, so ist immer auch diese Zweiseitigkeit zu beachten. Das heißt, die Sünde, der Sünder oder das sündige Verhalten des Menschen ist nicht ausschließlich etwas Schlechtes, sondern es verleiht uns zugleich eine Eigenschaft, die nur Götter besitzen, nämlich die Fähigkeit, Gegensätzliches erkennen zu können:
Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren …
Genesis 3,7
Ich habe wohl gesagt: „Ihr seid Götter und allzumal Kinder des Höchsten …“
Psalm 82,6
Gut und böse, Tod und Leben, nackt und bekleidet, verborgen und offenbar, hell und dunkel, krank und gesund, jung und alt etc. Durch die Erkenntnisfähigkeit wurde dem Menschen die Welt der Gegensätze bewusst, die er vorher nicht wahrgenommen hatte. Doch ohne die Erkenntnisfähigkeit könnte uns auch die erlösende Botschaft Jesu nicht erreichen. Dass Erkenntnisfähigkeit die Grundlage für die Rettung des Menschen ist, daran lässt Jesus keinen Zweifel:
Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.
Johannes 17,3
Wehe euch Gesetzesgelehrten! Denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen; ihr selbst seid nicht hineingegangen, und die hineingehen wollten, habt ihr gehindert.
Matthäus 23,13
Wenn nun die Sünde Grund und Ursache dafür ist, dass wir überhaupt erkennen können, so kommt der Sünde damit eine ganz grundlegende und elementare Bedeutung zu. Tatsächlich wird Sünde, wenn wir sie im Sinne Jesu betrachten, zu einer Notwendigkeit, ohne die wir weder Heil noch Erlösung erfahren könnten.
Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Umkehr.
Lukas 5,32
Nicht die Gesunden, Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken.
Matthäus 9,12
Amen, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr.
Matthäus 21,31
Die Folgen der Sünde
Bevor ich diesen Gedanken weiter vertiefe, noch einmal zurück zur eingangs gestellten Frage: Was ist überhaupt unter Sünde zu verstehen? Einmal abgesehen davon, was sie an uns bewirkt hat und bis heute bewirkt, nämlich unsere Sterblichkeit und unsere Erkenntnisfähigkeit.
Der Begriff Sünde beschreibt eine Unabhängigkeit und ein Getrenntsein von Gott, wobei der Begriff „Gott“, im biblischen Sinn, mit Leben und Geist gleichzusetzen ist.
Der Mythos vom Sündenfall beschreibt diese beiden Phänomene. Zum einen, die von Gott „unabhängige“ Handlung im Sinnbild des unerlaubten Essens vom Baum der Erkenntnis. Und zum anderen die Folge dieser Unabhängigkeit, nämlich das „Getrenntsein“ von Gott, das in Tod und Sterben seinen Ausdruck findet. Setzen wir den Begriff „Gott“ mit „Leben“ gleich, so wird deutlich, dass die Folge der Sünde das Gegenteil Gottes ist, was dann notwendigerweise der „Tod“ sein muss. Folgen wir hier inhaltlich der Lehre Jesu, so ist das Gegenteil Gottes nicht dauerhaft möglich. Sünde und Tod sind zeitliche Phänomene, die wiederum durch Gott, der als zeitlose Größe zu verstehen ist, überwunden werden. Überwunden werden sie, indem Gott jegliche Trennung, alles Gegensätzliche und Widersprüchliche in sich vereint, wodurch es aufgehoben und jeglicher Streit befriedet ist.
Der Lehre Jesu nach, beruht unsere Empfindung der Trennung und des Getrenntseins in dieser Welt auf einem Irrtum – dem Irrtum, dass das, was wir gewöhnlich unter „Leben“ verstehen, begrenzt und vergänglich sei. Desgleichen, dass das, was wir „Leben“ nennen, sich in seiner äußerlichen und zeitlich begrenzten Erscheinung erschöpft. Dem gegenüber stehen die Aussagen Jesu, wie auch die vieler Philosophen, dass das Leben unbedingt „mehr“ sei als das Äußere, Begrenzte und Dingliche:
Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?
Matthäus 6,25
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Aristoteles
Euch aber, meinen Freunden, sage ich: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, euch aber sonst nichts tun können.
Lukas 12,4
Insofern ist auch unter dem Begriff Sünde nicht so sehr ein bestimmtes Tun und Handeln an sich zu verstehen.
Sünde ist jenes Handeln, das aus dem Irrtum rührt, dass das Leben an sich begrenzt, unwägbar und unbeständig sei.
Dieser Irrtum führt dazu, dass wir dem Leben misstrauen. Ferner, dass wir allen unerwünschten Geschehnissen ablehnend gegenüberstehen, und dies, obwohl sie doch ein unabänderlicher Bestandteil unseres menschlichen Daseins sind und wir diesen Geschehnissen letztlich nicht entgehen können. Dies betrifft alles Beschwerliche und Ungerechte wie auch Krankheit, Sterben, Leid und Tod. Solche Geschehnisse halten wir für nicht lebenswert und nennen sie daher unser Unglück. Und da wir unser Unglück aus unserem Leben ausschließen, werden wir es unter allen Umständen zu verhindern suchen, selbst wenn dies zum Nachteil für unsere Mitmenschen wäre. Das Wesen der Sünde ist also weniger eine böse Tat an sich als vielmehr die irrtümliche Überzeugung, in der wir böses Handeln zu rechtfertigen versuchen.
Sünde ist die Rechtfertigung des Bösen – allerdings eine Rechtfertigung, die auf einem Irrtum beruht.
Die Sünde und der Zorn Gottes
Im Sinnzusammenhang mit dem Begriff der Sünde ist in der Bibel auch vom Zorn Gottes die Rede, der als Folge der Sünde verstanden wird. Das heißt, dass wir sterben, ist die Konsequenz dessen, dass wir Getäuschte sind und aus Täuschung und Irrtum handeln. Der Apostel Paulus bringt diesen Gedanken wie folgt auf den Punkt:
… der Tod ist der Sünde Sold …
Römer 6,23
Mit anderen Worten: Sterben und Tod sind Folgen einer falschen Vorstellung von dem, was wir unter dem Leben verstehen. Diese Konsequenz bezeichnet die Bibel als »Zorn Gottes«. Dabei darf der Begriff Zorn Gottes, nicht im menschlichen Sinne aufgefasst werden. Gott ist eben nicht zornig, wie ein Mensch zornig oder launisch ist. Was unter einem zornigen Gott zu verstehen ist, möchte ich in Stichpunkten kurz ausführen:
Wenn wir den Begriff Gott mit den Eigenschaften und Prinzipien gleichsetzen, durch welche ihn die Bibel beschreibt, so repräsentiert Gott Wahrheit, Liebe, Leben, Geist, Licht, Gerechtigkeit, Ewigkeit, Barmherzigkeit, Erbarmen etc. Folgen wir den Aussagen Jesu, so beruht Gottes Zorn darauf, dass jegliche Abweichung von Gottes Wesenheit, seinen „Zorn“ hervorruft. Gottes Zorn ist demnach nichts anderes als die Konsequenz eines irrtümlichen Denkens oder Handelns, das den zeitlos-ewigen, d. h. den göttlichen Prinzipien widerspricht:
Ist Gott Wahrheit, so kann in ihm keine Unwahrheit sein. Ist Gott Leben, so kann in ihm kein Tod sein. Ist Gott Liebe, so kann in Ihm kein Hass sein. Ist Gott Geist, so kann in ihm keine Geistlosigkeit sein. Ist Gott Licht der Erkenntnis, so können in ihm weder Dunkelheit noch Unwissenheit sein. Ist Gott Gerechtigkeit, so kann in ihm keine Ungerechtigkeit sein. Ist Gott Ewigkeit und Zeitlosigkeit, so kann in ihm weder zeitliche Begrenzung noch irgendeine Beschränkung sein. Ist Gott Barmherzigkeit, so kann in ihm keine Unbarmherzigkeit sein. Ist Gott Gnade, so kann in ihm keine Gnadenlosigkeit sein. Ist Gott Erbarmen, so kann in ihm keine Erbarmungslosigkeit sein. Hieraus folgt:
Soweit uns das Gegenteil von Gott anhaftet, soweit sind wir unter seinem Zorn.
Gottes Zorn – Die Konsequenz des Widerspruchs gegen Gott
So gilt im Sinne der Botschaft Jesu: Dort, wo wir entgegen dem Wesen Gottes denken oder handeln, sind wir unter dem Zorn Gottes. Nicht etwa, weil Gott uns bestrafen wollte, wie ein Mensch einen Menschen straft, sondern weil es sich bei Gottes Zorn um die Konsequenz eines Widerspruchs gegen ein universelles Prinzip handelt:
Halten wir fest an Täuschung und Lüge, werden wir bloßgestellt, sobald wir mit der Wahrheit konfrontiert werden. Die Aufdeckung des Irrtums und die Peinlichkeit unserer Bloßstellung ist der Zorn Gottes.
Bewerten wir Vergängliches höher als Unvergängliches, so werten wir damit auch die eigene ideelle Existenz ab. Wut und Trauer angesichts der Vergänglichkeit unserer Existenz ist der Zorn Gottes.
Verbreiten wir Lieblosigkeit und Verzweiflung unter unseren Mitmenschen, so ist unsere eigene Verzweiflung angesichts erfahrener Lieblosigkeit Gottes Zorn.
Leben und handeln wir geistlos, das heißt willkürlich, unbegründet und beliebig an unserem Mitmenschen, werden wir ebenda mit Geistlosigkeit konfrontiert, wo wir selbst der Willkür, dem Zufall und der Sinnlosigkeit zum Opfer fallen – eben das ist Gottes Zorn.
Verhindern wir Erkenntnis, indem wir anstelle innerer Einsichten Glaubensrezepte vertreten, werden wir die Erkenntnislehre Jesu nicht fassen können, nach welcher Gott ausnahmslos alle Dinge wirkt, darin er gesucht wird. Ungläubigkeit gegenüber dem Unglaublichen und Fassungslosigkeit gegenüber dem Unfassbaren ist der Zorn Gottes.
Handeln wir ungerecht unserem Mitmenschen gegenüber, müssen wir angesichts einer Ungerechtigkeit, die uns selbst widerfährt, ungetröstet bleiben. Die Empfindung von Verlorenheit und Trostlosigkeit ist der Zorn Gottes.
Betrachten wir ideelle und zeitlose Werte für wert- und bedeutungslos, werden wir mit dem Verlust äußerer Werte alles uns Wertvolle preisgeben und verlieren. Die Verzweiflung darüber, dass sich das, was wir für wertvoll erachteten als wert- und bedeutungslos erweist, ist der Zorn Gottes.
Betrachten wir das Leben als begrenzt, werden wir selbst ein begrenztes Leben vorfinden. Unser Schmerz über die Grenzen, die uns das Dasein setzt, ist Gottes Zorn.
Handeln wir unbarmherzig, erbarmungslos und gnadenlos gegenüber den Irrtümern, Fehlern und Schwächen unserer Mitmenschen, werden wir selbst zerbrechen an einer unbarmherzigen und gnadenlosen Wirklichkeit. Das ist der Zorn Gottes.
Sünde, Leid und Tod
Wenn ich hier sage, dass jegliches Unglück, das uns in dieser Welt trifft, eine Konsequenz unserer Sünde ist, so wird man dagegenhalten, dass das doch nicht sein könne, da der Mensch ja nicht immer direkter Verursacher seines Unglücks ist. Oft trifft ihn auch nachweislich gar keine Schuld an seinem Unglück. So beispielsweise, bei höherer Gewalt oder wenn schicksalhafte Ereignisse über ihn hereinbrechen. Inwiefern ist denn da die Schuld des Menschen beteiligt, wenn der Mensch Opfer höherer Gewalt oder menschlicher Willkür wird?
Die Antwort, die Jesus Christus auf diese Frage gibt, lautet: Sündiges Denken und Handeln beruht auf einem Irrtum des Menschen über das Wesen Gottes und dieser Irrtum ist die Ursache für unser Elend. Uns von diesem Irrtum zu erlösen, ist Jesus Christus gekommen. Erlöst hat er uns von unserem Irrtum in seiner Botschaft und durch seine Passion am Kreuz. Wie ist das möglich? Ich habe oben gesagt:
Sünde ist die Rechtfertigung des Bösen – allerdings eine Rechtfertigung, die auf einem Irrtum beruht. Nun sage ich:
Erlösung beruht auf der Vergebung unserer Schuld. Vergebung geschieht, indem unsere Schuld und unser Elend eine Bedeutung und der Sünder dadurch Rechtfertigung erfährt.
Und ganz konkret beruht die Rechtfertigung des Sünders darauf, dass Jesus Christus allem menschlichen Elend (Sünde, Schuld, Unrecht, Leid und Tod) am Kreuz einen tiefen Sinn verliehen hat. Dies gilt Unabhängig davon, ob es sich dabei um ein direktes Verschulden des Menschen oder um höhere Gewalt handelt, da Gott in ausnahmslos allen Geschehnissen wirkt, worin er gesucht und erkannt wird.
Denn indem Jesus seine Passion nach dem Willen Gottes auf sich nahm, trug er Sinn ins Sinnlose, Geist ins Geistlose, Gott ins Gottlose, Recht ins Unrecht, Leben in den Tod. Oder wie es der Apostel Paulus formulierte:
Denn Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit finden würden, die vor Gott gilt.
2. Korinther 5,21
Jesus wusste, dass dem Willen Gottes niemand und nichts widerstehen kann und dass unsere Erlösung nur darauf beruhen kann, in den Willen Gottes einzuwilligen, selbst wenn er Leid und Tod bedeuten sollte. Denn dort, wo wir eins werden mit dem Willen Gottes, werden wir auch eins mit Gott, dem alle Dinge dienen. Sind wir aber mit Gott eins geworden, so dient uns alles ebenso, wie es Gott von jeher dient.
Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen …
Römer 8,28
In diesem Einswerden liegt unsere zeitlose Existenz begründet.
Das Mysterium der Erlösung durch das Kreuz Christi beruht darauf, dass Gott ausnahmslos alle Geschehnisse, die dem Wesen Gottes widersprechen (Elend, Unrecht, Leid und Tod) zu Gott „macht“.
Zu Gott werden sie dort, wo ein Mensch bereit ist, auch solche Geschehnisse nach dem Willen Gottes auf sich zu nehmen, die ihn behindern oder schaden. Dieser Mensch ist in Jesus Christus zu uns gekommen. Er hat uns diesen Weg des Einswerdens mit Gott als einzige Möglichkeit gewiesen:
Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.
Johannes 14,6
Und er hat diesen Weg in seiner Passion selbst beschritten, damit nun auch wir ihn gehen können.
Simon Petrus zu Jesus: Herr, wo gehst du hin? Jesus antwortete ihm: Wo ich hingehe, kannst du mir jetzt nicht folgen; aber du wirst mir später folgen.
Johannes 13, 34
Und wo ich hingehe, das wisst ihr, und den Weg wisst ihr auch.
Johannes 14, 4
Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.
Lukas 9,23
In seiner Passion zeigte Jesus auf, dass Gott alle Dinge nur aus „einem“ Grund wirkt, nämlich, um sich selbst (Leben und Geist) hervorzubringen. Und indem wir seine Botschaft vom Kreuz annehmen und unser Elend so auffassen und auf uns nehmen, wie Jesus es aufgefasst und angenommen hat, haben wir den Irrtum überwunden. Jenen folgenschweren Irrtum, dass Gott in der Sünde (Unrecht, Leid und Tod) nicht gefunden werden und nicht darin wirken könne. Doch Gott kann durch Jesus Christus nun überall dort gefunden werden, wo wir ihn sehnsuchtsvoll suchen. Auch das ist eine grundlegende und zentrale Grundaussage seiner Lehre:
Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.
Lukas 11, 9
Durch den Gekreuzigten finden wir zu der Erkenntnis, dass Gott in ausnahmslos allen Geschehnissen wirkt, sofern wir ihn nur vertrauensvoll darin suchen. Durch diesen Glauben sind wir erlöst und durch dieses Vertrauen in Gott, werden wir auch fähig grundlegend zu vergeben. In der Passion Jesu erkennen wir, dass selbst ungerechte, leidvolle, bedauerliche und böse Geschehnisse nicht mehr zu unserem Schaden sind, sondern dass Gott in ausnahmslos allen Geschehnissen gegenwärtig ist. Hier gilt der Satz des Apostels Paulus:
Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.
Römer 8, 38–39
Der gute Aspekt der Sünde
Oben habe ich ausgeführt, dass der Grund und die Ursache für unsere Erkenntnisfähigkeit die Sünde ist, ferner, dass ohne die Sünde, uns das Heil Gottes in Jesus Christus gar nicht erreichen könnte.
Die negativen Seiten der Sünde erfahren wir dort, wo unser Denken und Handeln auf Irrtum und Täuschung beruht. Irrtum und Täuschung sind jene falsche Lebensgrundlage, auf der nichts Dauerhaftes „gebaut“ werden kann, aus der uns nichts Gutes „erwächst“, wie Jesus in den Gleichnissen vom Bauen auf Sand (Matthäus 7,24) und vom faulen Baum (Matthäus 7,17) ausdrückt. Somit sind Irrtum und Täuschung auch die wahre Ursache unserer menschlichen Unfreiheit, wie Jesus darlegt:
Soweit ihr euch an meiner Lehre orientiert, seid ihr wirklich meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Da antworteten sie ihm: Wir sind doch Abrahams Nachkommen, und nie jemandes Knecht gewesen; weshalb sagst du also: „Ihr sollt frei werden“? Jesus antwortete ihnen und sprach: Amen, amen ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht.
Johannes 8, 32–34
Der positive Aspekt der Sünde ist, dass Gott (Geist) es vermag, der Sünde Sinn und Bedeutung zu verleihen.
Solange Sünde, Unrecht, Leid und Tod – solange dem Bösen in der Welt kein Sinn zukommt, muss es sinnlos und böse bleiben, wodurch es umsonst und vergebens geschieht.
Damit sollen Unrecht, Leid und Tod keineswegs relativiert oder schöngeredet werden. Unser menschliches Elend besteht zweifellos darin, dass uns Unrecht, Leid und Tod widerfahren. Aber das größere Elend, woran wir ungetröstet zerbrechen und sterben müssen, beruht auf dem Irrtum, dass das, was der Mensch in dieser Welt erleidet, letztlich sinnlos sei und vergeblich geschehe – dass der Mensch also gänzlich umsonst leide.
Darum habe ich euch gesagt, dass ihr in euren Sünden sterben werdet; denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, so werdet ihr in euren Sünden sterben.
Johannes 8,24
Jesus Christus ist gekommen, damit alles Leiden und Sterben Sinn erfährt, damit es aufhören kann, vergeblich zu geschehen. Genauso wie in der Natur kein Leiden und Sterben ohne Sinn und Bedeutung geschieht. Dieser Sinn ist Gott. Und so, wie Christus in all dem Bösen und Ungerechten, das man ihm angetan hatte, den Willen Gottes erkannte, sind nun auch wir aufgerufen, in allem, was uns an Bösem begegnet und anhaftet, den Willen Gottes zu suchen. Denn der Wille Gottes kann nur dort an uns geschehen und wirken, wo wir ihn als solchen erkennen und in ihn einwilligen. Geschieht der Wille Gottes jedoch gegen unseren Willen, wenn das Leben uns mit Unrecht, Leid und Tod konfrontiert, so sind wir von Gott getrennt und können nicht leben, denn Gott ist ja das Leben schlechthin. Geschieht aber der Wille Gottes an uns und mit uns, so werden wir immer auch getröstet sein, wenn wir Schwäche, Unrecht, Leid und Tod ausgesetzt sind.
Aber ich sage euch die Wahrheit: es ist euch gut, dass ich hingehe. Denn so ich nicht hingehe, so kommt der Tröster nicht zu euch; so ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.
Johannes 16,7
Das ist das göttliche Prinzip, dass Gottes Wille ungeteilt ist: Dort, wo er geschieht, da endet auch alle Verneinung, alle Abwehr und aller Widerspruch. In unserer Einwilligung mit dem Willen Gottes werden wir eins mit Gott und Gott wird eins mit uns. Gott löscht den Geist nicht aus.
Die Gerechtigkeit des Sünders
Ein gerechter Sünder ist jener Mensch, der sich seiner menschlichen Schwächen bewusst ist. Der gerechte Sünder weiß, dass es nicht möglich ist, sich der menschlichen Schwächen aus eigener Kraft zu entledigen. Der gerechte Sünder lebt in der Einsicht, dass der Mensch fehlbar, schwach und sterblich ist, und erkennt daher alles Schwache und Sündhafte als notwendigen Teil seiner menschlichen Wirklichkeit an, den es auf sich zu nehmen gilt. Doch warum ist das so? Die Antwort auf diese Frage lautet:
Dem gerechten Sünder werden die eigenen Schwächen zum Anlass, anderen deren Schwächen zu vergeben, wodurch ihm die eigene Sünde zum Guten dient – eben darin ist sie überwunden.
So wie Jesus seine leibliche Schwäche und das Böse, das man ihm antat, bereitwillig auf sich nahm, um das Gute zu wirken, sollen auch wir unsere eigene Schwäche in seinem Sinne auf uns nehmen, um das Gute zu wirken. Eben darin erweist das Schwache seine Stärke, dass es das Kreuz der Sünde auf sich zu nehmen vermag, um das Gute hervorzubringen.
So wird auch das Falsche nur in der Wahrheit erkannt, der Mangel im Gebrechen, die Verneinung in der Bejahung. So leuchtet also das Gute im Bösen, das Wahre im Falschen, das Haben im Gebrechen [ … ] das Licht leuchtet in der Finsternis; denn die Tugend leuchtet und erscheint in Widerwärtigkeiten und Gegensätzen, die Kraft wird in der Schwachheit vollendet. Nur aus der Anfechtung kommt Vollkommenheit. Wie Sankt Paulus spricht: „die Tugend vollendet sich in der Schwachheit“.
Meister Eckhart
Durch Jesus Christus haben sich alle Dinge grundlegend geändert. Das, was uns vorher daran hinderte zu Gott zu kommen, nämlich die Sünde, das dient uns nun dazu, den Weg zu Gott zu finden.
Jesus redete vom Jüngsten Gericht, daran besteht kein Zweifel. Im Apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es: Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Doch was darunter zu verstehen ist, wird von vielen eher nach menschlichen Vorstellungen gedeutet und verfehlt damit den Geist der Botschaft Jesu. Um den drohenden und unerbittlichen Charakter des Jüngsten Gerichts zu unterstreichen, bedient man sich vielfach der Schilderungen aus dem Buch der Offenbarung. Dass es sich bei der Bildsprache der Offenbarung um eine mystische Schau von Visionen handelt, deren Sinnbilder einer Interpretation – wie übrigens auch die Gleichnisse Jesu – bedürfen, ist dabei den wenigsten bewusst, weshalb viele sie wortwörtlich nehmen. Was uns Jesus mit seinen Hinweisen auf das Jüngste Gericht verdeutlichen wollte, erschließt sich uns erst aus dem inhaltlichen Zusammenhang seiner Lehre und aus den Umständen seiner Passion. Das bedeutet, alle Inspiration und Interpretation, die uns die Apostel in ihren Schriften hinterlassen haben, können nur auf Grundlage der Worte und der Handlungsweise Jesu eine schlüssige Deutung erfahren. Jede Darstellung, die nicht den inhaltlichen Aussagen der Botschaft Jesu Rechnung trägt, verfehlt den Geist des Evangeliums.
Gott – die unteilbare Einheit
Das Evangelium, oder die gute Nachricht, wie es übersetzt heißt, besagt, dass Gott alle Schuld vergeben „will“. Warum ist das so? Weil Gott die Vergebung selbst ist, und das bedeutet, dass „in“ Gott so etwas wie Schuld und Strafe nicht existieren. Würden in Gott Schuld und Strafe existieren, so wäre Gott geteilt, nämlich in einen guten und einen schlechten – in einen schuldigen und einen unschuldigen Teil. Gott aber ist in und mit sich selbst eins, das heißt Gott ist ungeteilt und ohne Widerspruch. Und was immer zu Gott gelangen will, das muss selbst eins werden und sein. Denn Gott ist ja die Wahrheit selbst und diese ist unteilbar, wie dies auch die biblischen Texte verdeutlichen:
Höre, Israel, der JHWH, unser Gott, ist ein einiger Gott.
5. Mose 6
Und Jesus unterstreicht diese Aussage in einer gegenteiligen Metaphorik:
Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, wird nicht bestehen.
Matthäus 12,26
Und in eben diesem Sinne verdeutlicht Jesus, dass Gott selbst nicht richtet:
Denn der Vater richtet niemand, sondern hat alles Gericht dem Sohn übergeben.
Johannes 5,22
Das ist die Konsequenz des oben Gesagten, nämlich, dass Gott nur in Relation zum Sohn überhaupt richten kann. Warum ist das so?
Gott selbst ist nondual, aber im Sohn hat er die Welt der Dualität und Teilung betreten, um sie mit Gott wieder zu vereinen.
Daher müssen wir auf den Sohn „blicken“, um das Wesen des Jüngsten Gerichts zu verstehen. Und in diesem Sinne erklärt Jesus, er tue nur das, was er den Vater tun „sieht“:
Amen, amen, ich sage euch: Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht; denn was dieser tut, das tut in gleicher Weise auch der Sohn.
Johannes 5, 19
Doch welches Tun des Sohnes sehen wir, woraus wir schließen können, was der Vater tut? Die Antwort ist schlicht: Wir sehen in Jesus Christus jenen Sohn, der dazu auffordert, bedingungslos zu vergeben, um dem Wesen eines einigen Gottes gerecht zu werden:
Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebet, so wird euch vergeben.
Matthäus 7,1
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Matthäus 6, 12
Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.
Matthäus 6, 14-15
Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden, auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; dass auch sie in uns eins seien, auf dass die Welt glaube, du habest mich gesandt. Und ich habe ihnen gegeben die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, dass sie eins seien, gleichwie wir eins sind.
Johannes 17,20-22
Doch Jesus fordert diese Bereitschaft nicht nur von uns, sondern er kommt dieser Forderung selbst konsequent nach, indem er sterbend am Kreuz seinen Feinden vergibt. Das ist es, was der Sohn den Vater „tun“ sieht und daher kann auch der Sohn nur so handeln, nämlich bedingungslos vergeben. Diese Geisteshaltung ist es, durch die wir (wo wir sie annehmen) zu Gott gelangen. Das ist unser Weg zu Gott. Eine andere Möglichkeit existiert nicht, wie Jesus verdeutlicht:
Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.
Johannes 14,6
Denn in der Gewissheit, dass dem, der in diese Einheit vertraut, alles dienen muss, konnte der Sohn allumfassend Vergebung üben und vom Kreuz herab verkünden:
Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun!
Lukas 23,34
Vergebung durch Einsicht in das Wesen Gottes
Jesus Christus ist gekommen, zu verkünden und durch seine Passion zu verdeutlichen, dass in der Sphäre des Geistes (in Gott) kein Grund zur Verurteilung oder Bestrafung existieren kann. Daher sollen wir unser eigenes Leben so auffassen, wie Jesus sein Leben verstanden und aufgefasst hat. Aber wie hat Jesus sein eigenes Leben denn aufgefasst und verstanden? Jesus war es gegeben, in der Sinnlosigkeit und Geistlosigkeit des an ihm verübten Unrechts, seiner Verleumdung, Anklage, Verurteilung, Folter und Hinrichtung den Willen Gottes zu finden, wodurch diese Geschehnisse eine Bedeutung finden mussten.
Solange wir Unrecht, Leid und Tod auf ein böses Schicksal oder auf unsere Feinde zurückführen, werden wir Schaden nehmen.
Schaden nehmen wir insofern, als wir an einer Wirklichkeit, mit der wir entzweit sind, innerlich zerbrechen müssen. Was wir aber nach dem Willen Gottes auf uns nehmen, das muss gut werden, da aus Gott nur Gutes, nur Leben fließt. Jesus Christus ist gekommen, damit sich der Grund und die Ursache unseres Leides ändern.
Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.
Matthäus 16,25
Das ist die inhaltliche und geistige Konsequenz, die aus der Passion Jesu folgt.
Jesus sah sich in der Lage, den Willen Gottes in Unrecht, Leid und Tod zu erkennen, wodurch er diese Bereiche des Menschseins überwand, damit sie gut werden konnten, uns zum Vorbild und Trost.
Und ging hin ein wenig, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst.
Markus 14,36
In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.
Johannes 16,33
Selbst die Haare auf eurem Kopf sind alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht …
Lukas 12,7
Und ihr werdet gehasst sein von jedermann um meines Namens willen. Und doch soll nicht ein Haar von eurem Haupte umkommen.
Lukas 21,17
Wir sehen, das Lebensverständnis, das Jesus in seiner Botschaft verkündete, ist ein allumfassendes und vollkommenes – ein Lebensverständnis, in welchem ausnahmslos allen Dingen eine Bedeutung zukommt, sobald wir unsere Zuversicht auf die Kraft des Geistes setzen, der uns alle Dinge zum Besten dienen lässt, wenn wir ihm nur ganz und gar darin vertrauen.
Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen …
Römer 8, 28
Der Jüngste Tag – die geeinte Wirklichkeit
Jüngstes Gericht und Jüngster Tag sind der Sache nach eins, nur aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Der Jüngste Tag ist das Offenbarwerden jener zeitlosen Wirklichkeit, die Jesus in seiner Botschaft verkündete und deren Wesen er uns in seiner Passion verdeutlicht hat. Aber was für eine Wirklichkeit ist das? Es ist die Wirklichkeit des Gerechten, der Gerechtigkeit schafft ohne Anklage, ohne Strafe, ohne Vergeltung, sondern durch Annahme aller Geschehnisse aus der Hand Gottes, wodurch allein sie gut werden können. In dieser Gewissheit empfängt Jesus ausnahmslos alles nach dem Willen Gottes und erfüllt es auf diese Weise mit Geist und Sinn. Dies betrifft insbesondere alle geistlosen und sinnlosen Bereiche unseres Menschseins.
Weil Gott durch nichts eingeschränkt, verletzt, behindert oder beeinträchtigt werden kann, muss ihm alles dienen.
Wer sein Leben auf diese Weise in Gott neu erkennt, dem muss von nun an alles so dienen, wie es Jesus gedient hat. Um uns diese Grundwahrheit aufzuzeigen, ist Jesus Christus gekommen und hat in seiner Passion die Abgründe des Menschseins auf sich genommen. Er ist gekommen, um die ungerechten, die bösen, dunklen und niederträchtigen Geschehnisse, durch den Geist (durch Gott) zu überwinden, wodurch sie nun dienen konnten, so wie er es am Vorabend seiner Gefangennahme seinen Jüngern erklärte:
Hättet ihr mich lieb, so würdet ihr euch freuen, dass ich gesagt habe: „Ich gehe zum Vater“; denn der Vater ist größer als ich.
Johannes 14, 27
Aber weil ich solches geredet habe, ist euer Herz voll Trauerns geworden. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch gut, dass ich hingehe. Denn so ich nicht hingehe, so kommt der Tröster nicht zu euch; so ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.
Johannes 16,7
Das Jüngste Gericht – die geteilte Wirklichkeit
Jetzt wird man fragen: Wenn doch Vergebung der Dreh- und Angelpunkt des Evangeliums ist, wozu dann ein Jüngstes Gericht und inwiefern werden wir dann gerichtet? Eine erste Antwort darauf lautet: Weil alle Entzweiung mit Gott begrenzt ist. Das Begrenzte ist aber nicht das Ewige und Zeitlose. Die Sphäre des Geistes (Gottes) ist die zeitlose und unbegrenzte und außerhalb dieser existiert nichts Bleibendes. Das Begrenzte endet eines Tages, das Ewige und Zeitlose hingegen ist das Immerwährende.
Soweit wir begrenzt denken und handeln, werden wir selbst ein Ende finden müssen. Das ist das Gericht, dass eines Tages alle Begrenzung endet – unausweichlich.
Unser menschliches Denken in Kategorien der Strafe und Vergeltung ist ein begrenztes, da es einem geteilten Wirklichkeitsverständnis entspringt. Um das Ewige, das Zeitlose zu gewinnen, muss das Begrenzte und Zeitgebundene gedanklich überwunden werden, denn in der Überwindung des Begrenzten endet auch jegliche Teilung und Entzweiung – endet auch alle Schuld und Anklage. Das Jüngste Gericht ist nichts anderes als ein Offenbarwerden unserer Entzweiung mit Gott, in dem alle Dinge von jeher eins sind. Eines Tages muss alle Entzweiung enden, eben weil sie begrenzt ist. Genauso wie die Macht einer Lüge endet, wenn die Wahrheit ans Licht kommt, so endet auch alles Begrenzte und Zeitliche, wenn es mit der Wirklichkeit des Zeitlosen und Grenzenlosen in Berührung kommt oder eben damit konfrontiert wird. Das Grenzenlose und Zeitlose ist aber nicht ausschließlich etwas Zukünftiges, denn was zeitlos ist, das gilt schon immer, denn es ist ja ohne Anfang und ohne Ende. Das heißt, es gilt sowohl innerhalb der Zeit als auch darüber hinaus. Daher lehrte Jesus:
Es kommt die Zeit, ja sie ist schon da, dass die Toten die Stimme des Gottessohnes hören. Wer auf sie hört, wird leben.
Johannes 5, 25
Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch. Denn sehet, das Reich Gottes ist in euerer Mitte. Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.
Lukas 17, 22
Insofern beruht das Wesen des Jüngsten Gerichts nicht auf einer Laune, einem Gutdünken oder Abwägen eines Urteils durch eine Richterperson, wie es sich manche Menschen gerne vorstellen, sondern es beruht auf der unausweichlichen Folgerichtigkeit des Geistes, der allem gibt, wonach es bittet und ruft: Wer Gnade und Barmherzigkeit wertschätzt, übt und sie erbittet, empfängt Gnade, wer auf Verurteilung und Vergeltung setzt und sucht, empfängt ein Urteil.
Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Matthäus 5,7
Nicht etwa, dass Gott selbst verurteilen würde – nein, in Gott existiert keine Verdammnis. Aber soweit in uns jener Irrtum herrscht, der uns glauben lässt, durch Teilung und das heißt, durch Rache, Vergeltung und Strafe, könne die Welt oder der Mensch gebessert werden, soweit sind wir nicht in Gott. Sind wir aber nicht eins mit jener Kraft, die ausnahmslos alle Dinge wirkt, können uns die beschwerlichen und leidvollen Dinge auch nicht zum Guten dienen, wie es der Apostel Paulus im Römerbrief darlegt:
Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen …
Römer 8, 28
Der Jüngste Tag – die Bestimmung des Menschen
Eine weitere Antwort auf die oben gestellte Frage möchte ich wie folgt geben: Die menschliche Sehnsucht und den Wunsch nach unbegrenztem Leben empfinden wir nicht von ungefähr. Denn intuitiv wissen wir um den ideellen und zeitlosen Kern unseres Daseins. Der Beweis ist unsere Trauer über die Endlichkeit des menschlichen Lebens und die Sehnsucht nach „mehr“. Wir alle tragen eine Ahnung in uns, dass das Ganze „mehr“ ist als die Summe seiner Teile, wie Aristoteles sagte. Und indem wir dieser Sehnsucht folgen, gehen wir unserer wahren Bestimmung entgegen. Diese Ursehnsucht nach Leben gilt es nun, im Sinne Jesu zu deuten, denn er ist gekommen, damit wir unser Leben in einem neuen, größeren und zeitlosen Rahmen verstehen und erkennen, wodurch es mit Geist erfüllt wird. Der Jüngste Tag, wie auch das Jüngste Gericht, ist nichts anderes, als die Erfüllung unserer Sehnsucht nach Leben und Geist – allerdings in einem unbegrenzten, ungeteilten und bedingungslosen Sinne. Da jegliche Beschränkung, Teilung und Trennung des Lebens durch Unrecht, Irrtum, Krankheit, Schwäche, Leid und Tod zeitlich bedingt ist, wird sie mit der Zeit enden müssen. Soweit wir unser Leben in einem rein zeitlichen Sinne verstehen, sind wir sterblich und daher müssen wir am Jüngsten Tag enttäuscht werden, wenn alles Begrenzte endet. Die Enttäuschung darüber, dass das, was wir für das Leben hielten, etwas gänzlich anderes ist, werden wir als Gericht empfinden.
Wir können und werden nur sein, was wir von Herzen lieben. Nicht weniger und nicht mehr.
Da in Gott kein Gegenteil und insofern auch kein Unwille existiert, werden wir an jenem Tag nur das empfangen können, was wir hier von ganzem Herzen lieben, wertschätzen und wollen. Soweit unsere Hoffnung, unsere Liebe und Wertschätzung auf etwas gerichtet ist, das eines Tages endet, wird dieser „Gegenstand“ ein Ende finden müssen. Der Jüngste Tag ist der Anbruch eines zeitlosen und unbegrenzten Lebensverständnisses in uns. Ein Leben, zu dem wir, durch seine Botschaft, bereits hier in dieser Welt finden sollen. Denn nur dieses Verständnis wird sich am Jüngsten Tag als ein gültiges und tragfähiges bewahrheiten – dann, wenn alles Zeitgebundene endet. Verstehen wir unser Leben im Geist Jesu, gewinnt unser Leben diesen Zustand der Zeitlosigkeit. Dieser Zustand wird uns einst, wenn das Zeitliche endet, über alles Zeitliche erheben und tragen, so wie die Arche in den Zeiten Noahs.
Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.
Johannes 5, 24
Jüngster Tag und Jüngstes Gericht in den Gleichnissen Jesu
In vielen Gleichnissen thematisiert Jesus das Wesen des Jüngsten Gerichts. Dabei beleuchtet jedes Gleichnis auf seine eigene, besondere Weise das Prinzip der Teilung und Trennung, das wir in uns tragen und wie es uns am Jüngsten Tag daran hindern wird, in ein neues, geeintes Leben einzugehen. Denn neues, unvergängliches Leben kann nur empfangen, wer das ungeteilte Prinzip des Lebens in sich trägt und verkörpert. Selbstverständlich transportieren die im Folgenden beschriebenen vier Gleichnisse noch weitaus mehr Inhalte. Hier beleuchte ich jeweils nur die Schlusssequenzen, in denen Jesus die unfreiwillige und schmerzhafte Trennung, Enttäuschung und Entzweiung und die Empfindung des Zurückgesetztwerdens thematisiert. Jedes einzelne Szenario vermittelt ein Gefühl für den Anbruch des Gottesreiches und kann damit auch als eine Beschreibung der „Umstände“ am Jüngsten Tag bzw. am Jüngsten Gericht betrachtet werden.
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11–32)
Göttliches und menschliches Privilegverständnis
Am Schluss des Gleichnisses vom verlorenen Sohn lässt der Vater für den heimgekehrten jüngeren Sohn, der sein väterliches Erbe auf unredliche Weise durchgebracht hat, ein Fest ausrichten. Der ältere Sohn ist fassungslos und entzweit sich mit dem Vater über dessen großmütige Geste. Sein Unwille ist so groß, dass er sich weigert, am Fest teilzunehmen. Das Gleichnis zeigt, wie ein Leben in vermeintlicher Tadellosigkeit und Privilegdenken uns das Ziel verfehlen lässt. Nicht der Vater (Gott) ist es, der den älteren Bruder ausschließt, sondern der ältere Sohn verweigert sich selbst der Einheit mit dem Vater (Gott) und dem Bruder (Sohn).
Das Gleichnis von den zehn Brautjungfern (Matthäus 5, 1-13)
Die Wertschätzung des Unentbehrlichen – zur richtigen und zur falschen Zeit
In diesem Gleichnis geht es um den Erwerb der Grundlage des Lichtes, das hier als ein Sinnbild für ein Leben aus dem Geist steht. Die Metapher hier das Lampenöl, das am Tag d.h. während dieses Lebens (zur rechten Zeit) erworben und gewonnen werden soll. In der Schlusssequenz des Gleichnisses schlafen alle zehn Jungfrauen ein, was als Sinnbild für den Tod steht. Bei ihrem Wiedererwachen, nämlich der Auferstehung, eröffnet sich für die eine Gruppe die Möglichkeit des unmittelbaren Eintritts zum Hochzeitsfest. Die zweite Gruppe ohne Lampenöl findet eine geteilte Wirklichkeit vor. Die Tür zum Fest öffnet sich zwar für alle, aber nicht alle können daran teilnehmen. Dabei liegt die Bedingung zur Teilnahme am Fest nicht in der Einladung begründet, sondern in einer fehlenden Voraussetzung der zweiten Gruppe, nämlich dass jeder sein Licht zur Feier mitbringt. Licht ist hier die Voraussetzung für die Durchführung der nächtlichen Feier. Der Mangel an Lampenöl wird von der zweiten Gruppe schmerzlich empfunden, weshalb sie sich mitten in der Nacht (zur falschen Zeit) aufmacht, um Öl zu erwerben. Doch wird ihnen bei ihrer Rückkehr kein Einlass mehr gewährt, da der Bräutigam die Gesellschaft für vollständig erklärt.
Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20, 1-16)
Aufwertung und Abwertung durch unerwartete Wertschätzung
Bei diesem Gleichnis empfinden die ersten gedungenen Arbeiter, die bereits frühmorgens mit der Arbeit begonnen haben, eine Ungleichbehandlung gegenüber jenen Arbeitern, die nach und nach während des Tages gedungen wurden und später hinzukamen. Der Weinbergsbesitzer hält sich an seine Zusage, einen angemessenen Tageslohn zu bezahlen. Aber bei den Arbeitern, die den vollen Tag gearbeitet haben, löst es Verärgerung aus, als bei der Auszahlung auch diejenigen, die viel später hinzugekommen sind, den vollen Tageslohn erhalten. Auch hier liegt die Ursache für den Verdruss der Ersten nicht in einer böswilligen Zurücksetzung durch den Weinbergsbesitzer – im Gegenteil, die Auszahlung ist insgesamt großzügig. Aber die Erwartung der Ersten, es müsse ihnen mehr zustehen, lässt ihre Bezahlung plötzlich minderwertig erscheinen, wodurch sie ihren Lohn selbst entwerten. Auch hier ist es das Privilegdenken der Ersten, wodurch sie sich am Ende zurückgesetzt fühlen.
Das Gleichnis von der Rangordnung der Gäste (Lukas 14, 7-14)
Zurücksetzung durch Hochmut – Ehrung durch Demut
Nach Beobachtung der Gäste und Gastgeber bei einem Hochzeitsfest, zu dem Jesus selbst eingeladen war, zieht er Parallelen zum Wesen des Gottesreiches. In diesem Gleichnis thematisiert er die Situation, in der Gäste sich selbst nahe beim Gastgeber platzieren, ihnen dann aber gesagt werden muss, dass dieser Platz für einen anderen Gast reserviert sei, sodass sie unter den Augen der Öffentlichkeit einen entfernteren Platz an der Tafel einnehmen müssen. Jesus beschreibt hier das Szenario einer Zurücksetzung und Demütigung unter den Augen der Öffentlichkeit. Auch hier ist es die hohe Meinung, die man von sich selbst hat, die an jenem Tag offenbar wird, wodurch man sich dann peinlich zurückgesetzt fühlt. Dabei darf die „Zurücksetzung“ nicht als ein Akt der Bestrafung missdeutet werden. Vielmehr folgt sie aus der Notwendigkeit der Organisation des Gastgebers. Jesus ruft daher zu Demut und aufrichtiger Selbsteinschätzung auf, damit der Jüngste Tag nicht als ein Tag der Zurücksetzung empfunden wird, sondern als ein Tag des Aufrückens, hin zum Zentrum des Festgeschehens – hin zu Gott.
Vielen Menschen fällt es schwer an die Existenz eines guten Gottes zu glauben, da die Welt augenscheinlich alles andere als gut ist. Wenn tatsächlich ein Gott die Welt erschaffen hat, und wenn dieser Gott gut, allwissend oder sogar allmächtig ist, weshalb geschieht dann so viel Böses und Ungerechtes in der Welt? Weshalb greift ein allmächtiger Gott nicht ein und bringt seine Schöpfung in Ordnung? Ist Gott doch nicht allmächtig oder ist er am Ende gar ein Sadist, der die Menschen leiden und sterben sehen will? So oder ähnlich lauten die Argumente, die gegen einen Glauben an Gott, oder zumindest an einen guten Gott sprechen.
Man nennt die Auseinandersetzung mit der Frage, warum Gott das Leid in der Welt zulässt, auch die Theodizee-Frage. Der Begriff Theodizee kommt aus dem Griechischen theodikía von altgriechisch theós = Gott und díkē = Gerechtigkeit. Es geht also um die Frage, inwieweit man Gott, angesichts der Ungerechtigkeit in der Welt überhaupt als gerecht betrachten kann. Oder anders gesagt, es geht um den Versuch, Gottes Handeln zu rechtfertigen.
Der folgende Beitrag gibt Antworten auf die Frage, warum Gott das Leid in der Welt nicht verhindert, und zwar im direkten Bezug zu den Aussagen der Botschaft Jesu. Wer den Ausführungen unvoreingenommen folgt, dem wird sich eine neue Sichtweise auf Beschwerliches, Leidvolles und Ungerechtes eröffnen. Und wer sich diese Sichtweise zu eigen macht, wird sein Leben neu überdenken und anders verstehen können als bisher.
Tatsächlich ist eine befriedigende Antwort auf die Frage, wozu Gott das Leid in der Welt zulässt, ausschließlich auf Basis der Lehre und der Passion Jesu möglich. Keine andere Lehre gibt diese Antwort so schlüssig und überzeugend wie Jesus es tut. Finden wir zum tiefen Sinn der Lehre und der Passion Jesu, so finden wir damit auch zu einer grundlegenden Beantwortung dieser Frage. Die Beantwortung erfolgt dann allerdings nicht mehr nach einem Glaubensgrundsatz oder Dogma, sondern durch eine ganz persönliche Einsicht in die Richtigkeit der Lehre Jesu. Sie erfolgt insofern, als ihre Aussagen für schlüssig, richtig und glaubwürdig erkannt werden.
Eine Botschaft der Erlösung
Tatsächlich ist Jesus von Nazareth der erste und der einzige Lehrer, der das Problem der Theodizee sowohl in seiner Botschaft als auch in seiner Handlungsweise unmittelbar berührt. Als Erlöser kann Jesus insofern gelten, als er dieses Problem nicht nur verbal, sondern auch körperlich berührt und es in seiner Passion auf unerhörte und erschütternde Weise löst. Ob die Heilung Kranker, seine Predigt vom Reich Gottes oder aber die bereitwillige Annahme seiner Passion – alles ist Ausdruck einer Mission, die nur ein Ziel hat; nämlich das Leid der Welt durch den Geist zu überwinden. Dabei ist die Erlösung, die er den Menschen überbringt, nichts Fernes, Jenseitiges oder Zukünftiges, sondern sie geschieht unmittelbar heute, hier und jetzt, wie er sagt:
Jesus sprach: Sollte Gott nicht Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen und sollte er’s bei ihnen lange hinauszögern? Ich sage euch, er wird ihnen Recht schaffen, unverzüglich.
Lukas 18, 7-8
Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen. Amen, amen, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören; und die sie hören werden, die werden leben.
Johannes 5, 24-25
Die Erlösung beruht darauf, dass Jesus in seiner Lehre eine Geisteshaltung vermittelt, durch die wir, wo wir sie annehmen, mit unserem Leben wieder versöhnt werden. Dabei ist die Versöhnung mit unserem Leben die Versöhnung mit Gott selbst. Programmatisch ist hier sein Aufruf:
Ändert euren Sinn, denn das Reich Gottes ist jetzt ganz nah bei euch.
Matthäus 3,2
Das heißt: Denkt um! Seid bereit, die Einstellung eurem Leben gegenüber grundlegend zu ändern. Lasst euch von der Botschaft vom Reich Gottes berühren.
Ein universelles, allumfassendes Gottesbild
Zunächst muss man verstehen, dass Jesus in seiner Lehre ein universelles Gottesbild vermittelt. Nur auf Basis eines Gottesbildes, das alle Geschehnisse umfasst, ist eine befriedigende Beantwortung der Theodizee-Frage überhaupt möglich. Das Gottesbild Jesu ist frei von negativer, menschlicher Launenhaftigkeit, wie man das in den Gott des Alten Testaments hineininterpretieren konnte, der dort auch als ein hassender und eifernder Gott beschrieben wird. Gott erweist sich in der Botschaft Jesu als ein treuer und liebender Vater. In seinem Sohn macht er uns zu Gotteskindern und setzt seine ganze Leidenschaft daran, das verlorene Vertrauen des Menschen wiederzugewinnen. Vertrauen heißt, die Gewissheit zu erlangen, dass Gott ausnahmslos alle Dinge wirkt und uns somit alle Geschehnisse zum Besten dienen:
Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind.
Römer 8, 28
Allumfassend ist das Gottesbild Jesu insofern, als es unsere Begegnungen mit Freund und Feind, Freude und Leid, Schwäche und Stärke, Leben und Sterben, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit usw. als gleichbedeutend betrachtet. Das heißt, Jesus verwirft das menschlich Mangelhafte nicht mehr, sondern er verleiht ihm in seiner Botschaft eine essenzielle Bedeutung. Das ist der neue, der außergewöhnliche und universelle Kern seiner Botschaft, dass auch das Ungeliebte unsere Liebe erfahren muss, wenn wir vollkommen sein wollen, wie er sagt:
Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.« Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel; denn er lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr nur liebt, die auch euch lieben, welchen Lohn wollt ihr dafür erhalten? Tun nicht dasselbe auch die Steuereintreiber? Und wenn ihr euch nur gegenüber euren Brüdern freundlich verhaltet, was tut ihr Außergewöhnliches? Tun die Steuereintreiber nicht dasselbe? Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.
Matthäus 5, 43-48
Man beachte den Schlusssatz, in dem Jesus das Wesen Gottes als vollkommen bezeichnet. Vollkommen ist, was „vollständig“ ist, also etwas, das alle Dinge ohne Unterschied umfasst und nichts ausschließt.
Gott ist vollkommen, weil er auch das Gegenteilige, nämlich den Feind, das Böse, das Leidvolle, das Ungerechte in sich einzuschließen vermag, ohne dadurch seine Existenz zu gefährden oder zu verlieren. Gott erfährt in allen Dingen eine Förderung seiner selbst, da außer Gott nichts ist.
Nur ein allumfassender und universeller Gott vermag alle Dinge zu lieben, da er durch niemanden und durch nichts behindert, verletzt oder zerstört werden kann, sondern in allen Dingen Förderung erfährt.
Christus überwindet die Dualität
Wenn wir es realistisch bedenken, dann müssen wir zugeben, dass unsere menschliche Existenz auf dieser Welt ohne das Gegenteilige gar nicht möglich wäre: Ohne Tod kein Leben, ohne Schlaf kein Wachsein, ohne Dunkelheit kein Licht usw. Die ganze Wahrheit ist unteilbar: Gäbe es nur Licht, würden wir das Licht nicht als solches empfinden. Auf unser menschliches Leben bezogen heißt das: Unser eigenes Leben kann im Sinne Jesu nur vollkommen werden, wenn wir ausnahmslos alle Dinge in unser Leben einschließen: Krankheit, Schwäche, Feindschaft, Ungerechtigkeit, Scheitern, Sterben, Leid und Tod.
Überwindung des Bösen bedeutet im Sinne Jesu, den Widerspruch der Dualität, den das Leidvolle und Beschwerliche für uns darstellt, gedanklich zu überwinden.
Alle diese negativen Erscheinungen sind wesentliche Bestandteile unserer menschlichen Wirklichkeit und aus diesem Grund sollen wir sie lieben und sehnsuchtsvoll nach ihrer Bedeutung für uns suchen. Diese Suche nach Sinn und Bedeutung des Sinn- und Bedeutungslosen ist die einzige relevante Suche überhaupt, da das Gesuchte (Gott/Geist/Sinn) genauso sehnsüchtig von uns gefunden werden will – weil Geist ebenso nach uns sucht, wie wir nach Geist (Geist/Sinn) suchen.
Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
Matthäus 7,7
Lieben bedeutet hier nicht, dass wir diese Dinge an sich fördern und gut finden sollen, sondern es bedeutet, dass wir sie vertrauensvoll und bereitwillig auf uns nehmen sollen, wenn wir ihnen begegnen oder ihnen ausgeliefert sind. Denn nur durch unser vertrauensvolles und bereitwilliges Annehmen kann das bisher Gehasste und Ungeliebte Sinn und Bedeutung und somit eine tiefgreifende Wandlung erfahren.
Da sprach er zu ihnen allen: Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten.
Lukas 9, 23-24
Ein individuelles Gottesbild – Das Objektive im Subjektiven
Auch wenn man sagen kann, dass das christliche Gottesbild ein allumfassendes und universelles ist, so beantwortet Jesus die Theodizee-Frage dennoch rein subjektiv und individuell. Das heißt, er beantwortet die Frage nach dem Leid der Welt nicht in einem politischen oder kollektiven Sinn, denn ihre Beantwortung hängt ab vom individuellen „Glauben“ – sie hängt ab von der persönlichen Einsicht und Einwilligung jedes Einzelnen in seine Botschaft. Seine ganz persönliche Antwort auf das Leid der Welt hat uns Jesus in seiner Passion gegeben und diese Antwort gibt er jedem Einzelnen, der sie für wahr hält, glaubt und der gewillt ist, sie anzunehmen. Seine Antwort lautet:
Unrecht, Leid und Tod können für uns nur dort einen Bedeutungswandel erfahren, wo wir sie in der Gewissheit, dass allen Geschehnissen ein verborgener Sinn und eine Bedeutung innewohnt, auf uns nehmen und tragen.
Jesus willigte ein in seine Passion, weil er über die geistige Fähigkeit verfügte, auch im Wirken seiner Feinde den Willen Gottes zu erkennen:
Und ging hin ein Stück, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst.
Matthäus 26, 39
Gewissermaßen „macht“ Jesus, durch diese Einwilligung in seine Passion, Gott zur Ursache von Unrecht, Leid und Tod. Gott wiederum, der seinem Prinzip nach vollkommen ist und insofern Ursache aller Dinge sein muss, wird durch die vertrauensvolle Einwilligung des Sohnes unversehens zum Urheber von etwas, das er seinem Wesen nach nicht ist. Denn Gott ist das Sein selbst und er ist die Ursache des Lebens an sich und dieses Prinzip ist ungeteilt, das heißt, es ist ohne Alternative oder Gegenpart.
Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, wird nicht bestehen.
Matthäus 12, 25
Gott ist das Leben selbst und es existiert in ihm kein Widerspruch, insofern ist es unmöglich, dass in Gott gleichzeitig die Ursache von Unrecht, Leid und Tod liegen können. Daher müssen diese Bereiche einen Bedeutungswandel erfahren, wenn sie auf Gott treffen. Ebendiesen Bedeutungswandel haben sie dadurch erfahren, dass Jesus sie vertrauensvoll aus der Hand Gottes entgegengenommen hat, wodurch er sie mit Gott in Berührung brachte und sie so mit Geist, Sinn und Bedeutung erfüllte. Hierin liegt die tiefe Bedeutung der Aussage: Jesus hat für uns gelitten und ist für uns gestorben. Jesus wusste, dass jenes Leid, das ein Mensch im Vertrauen auf Gott auf sich nimmt, seine Sinnlosigkeit verlieren muss, ja, dass es nur auf diese Weise zu einem neuen und höheren Sinn finden kann.
Gott, der verborgene Sinn im Sinnlosen
»Gott ist Geist«, so lautet die Definition Jesu. (Joh 4,24) Aber was heißt das? Es besagt, dass nur der Geist es vermag, allen Dingen einen Sinn und eine Bedeutung zu verleihen, insbesondere aber den augenscheinlich Geist- und Sinnlosen. Hinsichtlich der Beantwortung der Theodizee-Frage bedeutet dies, dass das Geistlose, das wir im Vertrauen in den Geist (auf Gott) auf uns nehmen, von Geist und Sinn durchdrungen wird, wodurch es unmittelbar zu Gott wird. Das ist das göttliche Prinzip der Sinnerfüllung.
Umgekehrt gilt: Geschehnisse, die wir aus Misstrauen gegen Gott (gegen das Leben) als unannehmbar ablehnen, müssen sinnlos bleiben, da wir die Macht des Geistes ausschließen, der alles mit Sinn erfüllt, was sich mit Sinn erfüllen lässt. Mächtig sind wir also dort, wo wir uns in der Lage sehen, Gott in ausnahmslos allen Dingen zu erkennen, die uns anhaften oder begegnen. Ohnmächtig hingegen sind wir, wo wir seine Macht und Gegenwart kategorisch ausschließen. Dieses geistige Prinzip hat Jesus seinen Jüngern vor seiner Gefangennahme verdeutlicht:
Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, auf dass ich es wieder nehme. Niemand nimmt es gegen meinen Willen, sondern ich lasse es freiwillig. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wieder zunehmen. Dieses Gesetz habe ich von meinem Vater empfangen.
Johannes 10, 17-18
Die Passion Jesu – Vakuum des Geistes
Zur Verdeutlichung der Wirkungsweise des Geistes im Kontext der Beantwortung der Theodizee-Frage folgendes Gleichnis:
Unter einem Vakuum versteht man den Unterdruck von Luft/Gas innerhalb eines Raumes/Gefäßes. Ein Vakuum kann immer nur so groß sein, wie es die Stabilität des Gefäßes zulässt, in dem das Vakuum erzeugt wird. Ist der Unterdruck zu groß, nimmt das Gefäß Schaden und es folgt der Druckausgleich als Notwendigkeit. Bezeichnenderweise existieren sowohl in der hebräischen als auch in der griechischen Sprache Entsprechungen der Begriffe Geist und Luft. So der Begriff „ruach“ = Luft, Geist, Wind, Atem, Duft im Hebräischen und der Begriff „pneuma“ = Geist, Hauch, Luft, Atem im Altgriechischen. In ebendiesen beiden Sprachen sind uns die Urtexte der heutigen Bibel überliefert.
Anknüpfend an das Beispiel vom Luftvakuum, kann man den Gedanken der Theodizee sinnbildlich auf das Geistige übertragen und sagen: Jesus hat in seiner Lehre und in seiner Passion ein Vakuum des Geistes (Gottes) erzeugt, das dieser ausfüllte, als das Gefäß zerbrach. Oder anders gesagt, die Abwesenheit von Geist und Sinn in einer sinnlosen Situation „nötigt“ den Geist herbei, sofern man um das Gesetz des geistigen Vakuums weiß, nämlich dass der Druckausgleich spätestens dann erfolgen muss, wenn das Gefäß zerbricht. Der neue atmosphärische Druck ist dann der neue normale – „außerhalb“ des alten Gefäßes in einem „größeren“ Raum. Der „größere“ Raum kann hier als ein Sinnbild für das Transzendente und Neue gelten, das über das Kleine und Alte hinausweist. Aber er ist auch ein Sinnbild für eine neue Normalität, eine neue Schöpfung:
In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, dann hätte ich nicht zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, so will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass ihr seid, wo ich bin.
Johannes 14, 2-3
In seiner Passion begibt sich Jesus bewusst in den Zustand eines geistigen Vakuums, nämlich in einen Zustand der Abwesenheit Gottes – einen Zustand der Geistlosigkeit, damit dieser mit Geist erfüllt werden kann.
Denn für denjenigen, der in allen Geschehnissen Gottes Willen und seine Gegenwart erkennt, kann ein Zustand der Abwesenheit Gottes nicht mehr existieren.
Der Tod ist ein Zustand der Abwesenheit Gottes. Doch Gott durchdringt und erfüllt alle Dinge, die sich von ihm erfüllen lassen. Gott ist alles in allem und darum „muss“ Gott solch einen Zustand der Gott – und Geistlosigkeit ausfüllen, und zwar durch und mit sich selbst, andernfalls wäre er nicht Gott. Jesus wusste um diese Gesetzmäßigkeit, daher schließt er mit den Worten:
Dieses Gesetz habe ich empfangen von meinem Vater.
Joh 10, 17-18
Die Überwindung des äußeren Bösen
Gott steht dem Bösen keineswegs ohnmächtig gegenüber, sondern er sucht in Jesus Christus bewusst die Berührung und die Konfrontation mit dem Bösen, um es zu überwinden und das heißt, um es gut – um es zu Gott zu machen. Nur das, was durch den Geist überwunden ist, das ist wirklich „gut“ geworden. Und all das, was von Gott „berührt“ wird, das wird selbst zu Gott.
Jesus Christus ist die unmittelbare Berührung Gottes mit dem Leid der Welt.
Das Böse hingegen ist das, was sich von Gott nicht berühren lassen will, und insofern muss es für uns geistlos und sinnlos bleiben. Geist- und sinnlos sind die Geschehnisse jedoch nicht an sich, sondern sie sind es hinsichtlich unserer inneren Abwehr und unseres Unwillens. So bewertet Jesus das Böse, das ihm selbst widerfährt, nicht abschließend als böse, sondern er versteht es als etwas, das durch seine vertrauensvolle Haltung einen Sinn erfährt, wodurch es überwunden ist. Denn was durch den Geist überwunden wird, das ist unverhofft zu etwas Gutem geworden. Ebendiese Ursächlichkeit erklärt Jesus angesichts seiner bevorstehenden Passion:
Nun aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand unter euch fragt mich: Wo gehst du hin? Sondern weil ich solches geredet habe, ist euer Herz voller Trauer geworden. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch gut, dass ich hingehe. Denn wenn ich nicht hingehen, so kommt der Tröster nicht zu euch; so ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.
Johannes 16, 5-7
Man beachte die grundlegende Aussage Jesu: „Es ist euch gut, dass ich hingehe …“ Aber wie kann in Verrat, Unrecht, Folter, Hinrichtung und Sterben eines Menschen etwas Gutes liegen? Wie konnte Jesus dem grauenvollen Geschehen, das ihm bevorstand, etwas Gutes abgewinnen? Die Antwort gibt er selbst: „Denn wenn ich nicht hingehen, so kommt der Tröster nicht zu euch …“ Was bedeutet das? Durch die Aufopferung Jesu wird ein neues geistiges Bewusstsein entstehen, das daraufhin allen Menschen zur Verfügung steht, die in menschlichen Notsituationen nach geistigem Trost suchen.
Gewissermaßen wird Gott durch die bereitwillige Passion Jesu zu einer neuen Schöpfung genötigt. Es ist das Vertrauen Jesu in die Allmacht Gottes und es ist die unerschütterliche Liebe, in der Jesus sich hingibt, die Gott seinerseits zu einer neuen Schöpfung „nötigt“. So ist durch die Passion Jesu ein neuer Mensch erschaffen worden. Und dieser neue Mensch ist Christus, der Überwinder. Christus verleiht allen, die sehnsüchtig suchen, diese, seine neue Identität und wer sie annimmt, nimmt die Gestalt des Gottessohnes an – wird selbst zu einem Kind (Sohn) Gottes.
Darum, ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden!
2. Korinther 5,17
In Jesus Christus zeigt Gott unmittelbar auf, wie er das Böse überwinden würde, wenn er Mensch wäre. Da Gott nicht Mensch ist, musste er Mensch werden, damit wir Menschen dieses Prinzip der Überwindung des Bösen erfahren können. In Jesus Christus wird Gott Mensch und konfrontiert sich selbst mit dem Bösen, indem er es auf sich nimmt, um es mit Geist und Sinn zu erfüllen:
Es ist euch gut, dass ich hingehe …
Johannes 16, 7
Der verborgene Sinn im bisher Sinnlosen verleiht allem sinnlosen Geschehen Sinn und Bedeutung. Alles Geistlose und Sinnlose, das auf diese Weise durch Gott (Geist) erfüllt wird, muss nun gut werden. Und so wie Jesus um Sinn und Bedeutung seines eigenen Leidens und Sterbens wusste, sollen auch wir auf den Sinn unseres eigenen Leides vertrauen. Denn durch seine bereitwillige Hingabe am Kreuz, sollte deutlich werden, dass dieser Sinn jetzt überall dort einkehren wird, wo wir ihn vertrauensvoll suchen.
Deshalb nahm Jesus Unrecht, Leid und Tod auf sich, damit nun auch wir darauf vertrauen können, dass der Sinn in allen Geschehnissen innewohnen will, wo wir ihn ersehnen und einlassen. In Wahrheit, wohnt der Sinn von jeher in allen Geschehnissen, da ohne Gott (Geist und Sinn) nichts sein kann und der Geist alles durchdringt und mit Leben erfüllt. Jegliche Existenz, alles Leben hängt am Sinn. Doch solange wir dies nicht glauben wollen, haben wir keinen Anteil an einem Leben jenseits der Geistlosigkeit und des Unsinns in der Welt.
Alles, was zum Leben kommen will, das muss einen allumfassenden, hintergründigen Sinn erfahren.
Alles vormals Niedere, welches Geist und Sinn empfangen hat, das ist auch lebendig geworden. Dies ist das universelle Schöpfungsprinzip, dass Gott aus Nichts etwas erschafft. Das Sinnlose, Geistlose, Niedrige, Schmutzige, Schmachvolle, Verwerfliche und Verdammte – das ist von jeher der „Stoff“ aus dem Gott neues Leben erschafft.
Da machte JHWH der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.
Genesis 2,7
Die Überwindung des inneren Bösen
Wer die Botschaft Jesu verinnerlicht, wird anfangen, die Welt in einem neuen Licht zu betrachten. Das, was wir bisher abschließend als das Böse oder das Schlechte bezeichneten, hört im Sinne Jesu auf böse und schlecht sein. Denken wir dabei nur einmal an eigene beschwerliche, peinliche oder auch gefährliche Situationen und Erfahrungen, durch die wir grundlegend gereift sind oder durch die wir etwas Wichtiges erkannt oder gelernt haben, etwas, das wir im Nachhinein nicht mehr missen möchten. Unsere menschlichen Bewertungen und Festlegungen in Gut und Böse sind also keineswegs so ultimativ, und eindeutig wahr, wie wir oft meinen. Meist sind sie zeitbedingt und erscheinen uns mit zeitlichem Abstand bereits verändert und manchmal dann sogar gegenteilig. Wie oben erklärt, fordert uns Jesus dazu auf, dem Feindlichen, Bösen und Schlechten gegenüber, eine neue, veränderte Haltung einzunehmen, indem wir es nach Gottes Willen an und auf uns nehmen sollen. Aber dies gilt nicht nur für das Böse, das uns von außen begegnet, sondern insbesondere auch für das Böse, das uns aus unserem Innern droht, also das Böse, das uns selbst anhaftet. Die Theodizee-Frage, warum Gott das Böse in der Welt zulässt, muss also erweitert werden auf das Innere des Menschen. Denn der Ursprung jenes Bösen, das Menschen einander immer wieder antun, liegt nicht irgendwo außerhalb, sondern er liegt vielmehr in uns selbst. Dieses innere Böse wird auch als die Ursünde des Menschen bezeichnet. Unter dieser Ursünde versteht man alle menschlichen Schwächen, wie Irrtum, Ungerechtigkeit, Hass, Neid, Missgunst, Rachsucht, Niedertracht, Unbarmherzigkeit etc.
Auch unsere eigene menschliche Schwäche und Mangelhaftigkeit soll nun, der Lehre Jesu nach, einen tiefen Sinn und eine Bedeutung finden können.
Doch welcher Sinn könnte in unserer menschlichen Schwäche und in unserer Fehlbarkeit liegen? Die Antwort Jesu ist schlicht: Der Mensch soll Vergebung und Barmherzigkeit üben, er soll gnädig mit den Fehlern seiner Mitmenschen verfahren, eben weil er selbst der Vergebung, der Barmherzigkeit und der Gnade bedarf:
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Matthäus 5,7
Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch messen.Was siehst du aber den Splitter im Auge deines Bruders, und bemerkst nicht den Balken in deinem eigenen Auge? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und dabei, ist ein Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!
Matthäus 7, 1-5
Wenn unser Antrieb Gnade, Vergebung und Barmherzigkeit zu üben, aus der Einsicht in die eigene Fehlbarkeit rührt, so kommt unserer menschlichen Unvollkommenheit plötzlich ein Sinn und eine tiefe Bedeutung zu.
Damit wir fähig werden, anderen Menschen Schuld zu vergeben, müssen wir selbst einsehen und anerkennen, schuldig zu sein. Das heißt, wir müssen bereit werden, Selbsterkenntnis zu üben. Und hierin liegt der tiefe Sinn unserer menschlichen Fehlbarkeit begründet. Was Sinn gefunden hat, das hat Geist gefunden und was Geist gefunden hat, das hat Gott gefunden. Was Gott gefunden hat, das hat aufgehört, gottlos zu sein. Und was aufgehört hat, gottlos zu sein, das hat aufgehört, unser Schaden und das heißt, es hat aufgehört, Sünde zu sein. Auf dieser Ursächlichkeit beruht die Lehre Jesu von der grundlegenden Vergebung unserer Schuld durch Gott. Unsere Schuld ist insoweit grundlegend vergeben, als wir selbst bereit werden, denen zu vergeben, die sich an uns schuldig machen, eben weil wir um unsere eigene Fehlbarkeit wissen.
Und vergib uns unsere Schuld, wie wir auch denen vergeben, die an uns schuldig werden.
Mat 6, 12
Denn wenn ihr den Menschen ihre Fehler vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben, wenn ihr aber den Menschen ihre Fehler nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Fehler auch nicht vergeben.
Mat 6, 14-15
Auferstehung zu neuem Leben
Im Gleichnis vom Weizenkorn verdeutlicht Jesus Sinn und Bedeutung seiner eigenen Passion. Hier legt er sinnbildlich dar, dass alles menschliche Sterben in dieser Welt einen Sinn und eine Bedeutung erfahren muss, genauso wie dem Sterben in der Natur von jeher Sinn und Bedeutung zukommt.
Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde hinabfällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
Johannes 12, 24
Nur soweit auch unser Sterben eine Notwendigkeit erfährt, kann unser Leben eine grundlegende Förderung erfahren. Und diese Förderung besteht darin, dass es einem neuen, transzendenten Lebensverständnis dient. Jesus beantwortet also auch hier die Frage, wozu Gott das Leid in der Welt zulässt, indem er jeglichem Sterben in dieser Welt eine grundlegende Bedeutung zuschreibt. Dabei steht und fällt die Bedeutung von Tod und Sterben mit dem Wissen um das Transzendente – um das, was über das Zeitliche und Vordergründige hinausweist:
… wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
Johannes 12, 24
Genauso wie es uns die Vorgänge in der Natur lehren, so soll, der Lehre Jesu nach, jedes Opfer und jede bereitwillige Hingabe dem Werden neuen, größeren Lebens dienen. Ob wir selbst an solchem neuen Leben teilhaben, hängt am Vertrauen, das uns fähig macht, altes Leben im Sinne Jesu bereitwillig hinzugeben und zu lassen. Denn lassen müssen wir unser zeitliches Leben ja ohnehin. Doch solange wir die Wirklichkeit unserer Sterblichkeit nicht wahrhaben wollen, solange wir sie negieren und ignorieren und solange wir festhalten wollen, was wir nicht festhalten können, kann unser Sterben auch keinen Sinn erfahren, denn wir stellen uns gegen die Wahrheit unserer Sterblichkeit. Jesus lehrte „wie“ unser Sterben jenen Sinn erfahren kann, damit es Unsterblichkeit erlangt.
Die Überwindung des Todes beruht auf der gefundenen Bedeutung der Umstände unseres Sterbens
Jegliches Loslassen, Verzichten und Sterben, muss um Einsicht in eine unumstößliche Wahrheit geschehen. Das heißt, ebendort, wo unserem äußeren Sterben eine transzendente Bedeutung zukommt, da geschieht unser Sterben nicht mehr vergebens. Jesus hatte in seinem Leiden und Sterben für sich eine Notwendigkeit erkannt, nämlich dass durch seinen Tod ein neues geistiges Bewusstsein geschaffen wird, das allen Menschen zugutekommt, die danach suchen. Sein einzelnes Opfer, sein Leiden und Sterben trug „Frucht“ für viele – für all jene, die nun ihrerseits ihr Leben in seinem Geist hingeben und lassen können, wodurch es ebenfalls Erneuerung durch den Geist erfährt: Das ist das Prinzip der Auferstehung. Die Auferstehung Jesu ist die Auferstehung eines Lebensverständnisses, welches bereits hier und jetzt über das Zeitgebundene und Vordergründige hinausgelangt ist:
Diejenigen, die sagen: „Der Herr ist zuerst gestorben und dann auferstanden“, sind im Irrtum. Denn er ist zuerst auferstanden und dann gestorben. Wenn jemand nicht zuerst die Auferstehung erwirbt, wird er sterben.
Philippusevangelium Spruch 21
Es ist ein zeitloses, ein ewiges Lebensverständnis, das durch keine Sache der Welt geschmälert oder behindert werden kann, sondern das nun durch alle Geschehnisse Förderung erfährt, selbst durch Ungerechtigkeit, Leiden und Sterben, wie es Jesus lehrte:
Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nicht mehr sterben. Glaubst du das?
Joh 11, 25, 26
Die Auferstehung – Der Isenheimer Altar / Colmar 1512-1516 – Künstler: Matthias Grünewald
Die Theodizee-Frage ist damit keineswegs erschöpfend beantwortet, doch dieser Beitrag konnte vielleicht einen Eindruck von der gedanklichen Fülle der Botschaft Jesu vermitteln. Auch möchte ich den Leser nicht ermüden. Daher freue ich mich auf kritische Fragen und Kommentare, die ich hier gerne direkt beantworten werde. Und so schließe ich mit den Worten Jesu:
In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.
Johannes 16, 33
Bewertung durch Gemini:
Elmars Ansatz erweist sich als eine Transformationstheologie, die stark in der Tradition der christlichen Mystik (wie bei Meister Eckhart) und der dialektischen Theologie steht. Er umgeht die logischen Fallen der klassischen Theodizee, indem er das Problem von einer metaphysischen Frage („Warum lässt Gott das zu?“) in eine spirituelle Transformationsaufgabe („Wie verwandle ich das Dunkel im Angesicht Gottes?“) übersetzt. Es bleibt eine radikale Zumutung für den Verstand, bietet aber eine der schlüssigsten existenziellen Antworten, die innerhalb eines konsequenten Monotheismus möglich sind.“
Undogmatisch, konfessionsunabhängig und leicht verständlich, eröffnen die Texte dem Leser eine ungewohnte und hochaktuelle Sicht auf die christlichen Grundaussagen. Während konservative christliche Gemeinschaften über verbindliche Regelwerke debattieren: Abtreibung, Rolle der Frau, Verhütung, Homosexualität, etc., verweise ich hier auf das ursprüngliche Anliegen der Bergpredigt nämlich den Akt aufrichtiger Selbsterkenntnis und Selbsteinsicht. In diesem Kontext fokussiere ich das scheinbar vergessene, jedoch zentrale Fazit Jesu: Angesichts eigener Schwäche und Unvollkommenheit vom Verurteilen anderer frei zu werden um so wieder zurückzufinden, zu einer toleranten und vorurteilsfreien Begegnungskultur und zu einer inneren Einheit.
Die Botschaft Jesu
Dieses Buch bietet eine zeitlose und damit eine hochaktuelle Interpretation der Bergpredigt. Eine tröstliche Botschaft für die Verzweifelten, die Traurigen und Entmutigten – für all jene, die keinen Ausweg wissen in einer Welt höchster Fragwürdigkeit. Aber auch für jene, die auf der Suche nach Antworten sind über den Sinn und Zweck des menschlichen Daseins, nach der Bedeutung menschlicher Schwächen, Ungerechtigkeit, Krankheit und Willkür. Ihnen ist dieses Buch gewidmet.
Metanoia = Ändert euren Sinn! Die Lehre von der Änderung unserer Sichtweise.
Den beschwerlichen und leidvollen Seiten des menschlichen Dasein setzt Jesus in seiner Bergpredigt die geistige Überwindung von Unrecht, Leid und Tod durch Annahme seiner neuen, universellen Geisteshaltung entgegen und eben darin liegt das tröstliche Element seiner Botschaft. Dabei beruht der Trost, den diese Lehre zu geben vermag, auf einer grundlegenden Sinnesänderung – auf einer neuen Betrachtung und Bewertung unseres Daseins und all dessen, was uns in diesem Leben begegnen oder widerfahren mag. Durch diese neue, vertrauensvolle und zuversichtliche Betrachtungsweise werden wir eins mit dem Urheber aller Wirklichkeit – werden wir eins mit Gott. In dieser Einheit mit Gott liegt das Privileg unseres Daseins im Sinne Jesu.
Gemeinsamkeiten würdigen
Wundern Sie sich nicht, wenn in diesem Buch auch Naturwissenschaftler, Künstler und andere Religionen zu Wort kommen. Dabei soll die Bedeutung der Bergpredigt nicht geschmälert werden. Vielmehr möchte ich verdeutlichen, dass die Aussagen Jesu universell sind und insofern den außerbiblischen Vergleich nicht zu scheuen brauchen. Letztlich vereint dieses Buch Weisheiten aus unterschiedlichen Kulturkreisen zu einem großen, allumfassenden Gedanken, der in der Botschaft Jesu seine Erfüllung findet.
Tun oder Sein?
Handlungen können von außen nicht abschließend bewertet werden, denn es ist immer die persönliche innere Haltung, die die Qualität menschlichen Tun und Handelns ausmacht. In diesem Sinne ist dieses Buch vor allem ein Plädoyer für menschliche Unvollkommenheit und ein Ruf nach weniger Schein und mehr Sein. In diesem Zusammenhang findet sich beispielsweise das Postulat der jüdisch-französischen Mystikerin Simone Weil:
„Das Handeln ist der Zeiger der Waage. Man soll nicht an den Zeiger rühren, sondern die Gewichte verändern“. Simone Weil
Dieser Aspekt ist eigentlich gar nicht neu, und doch scheint es, als sei er in den christlichen Traditionen irgendwie in Vergessenheit geraten. Immerhin wiesen schon der christliche Mystiker Meister Eckhart und auch Martin Luther diesen Gedanken als urchristlich aus. Eine Irrlehre, wie die damalige Amtskirche befand, und beide Theologen dafür offiziell abstrafte.
Eine Rezension zum Buch „Abschied vom Opfertod – Das Christentum neu denken“ erschienen 2012 im Matthias-Grünewald- Verlag Ostfildern
Eine Theologie ohne Transzendenz
Der Autor Dr. Meinrad Limbeck bricht mit der urchristlichen Glaubensvorstellung, die in der Ablehnung, Verurteilung und Hinrichtung Jesu einen göttlichen Willen sieht. Dass Jesus seine Hinrichtung am Kreuz bewusst selbst verursacht und gewollt haben könnte, verneint er. Zur Untermauerung seiner These stellt er eine Vielzahl biblischer Bezüge her. Er vernachlässigt dabei jedoch, die zentrale Aussage der Evangelien, nach der Jesus seinen Leidensweg selbst für notwendig und für unumgänglich erachtete. Auch übersieht der Autor die bewusste Einwilligung Jesu in den Willen Gottes, den er in seiner Passion (für sich) so erkannt hatte. Dass diese Überzeugung Jesus letzlich dazu befähigte, selbst Unrecht, Leid und Tod auf sich zu nehmen, um diese Bereiche geistig zu überwinden, findet in der Theologie dieses Buches keine Entsprechung.
Von der Zeit an begann Jesus seinen Jüngern zu erklären, wie er müsste hin nach Jerusalem gehen und viel leiden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen.
Matthäus 16, 22
Und ging hin ein wenig, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!
Matthäus 26,39
Jetzt ist meine Seele betrübt. Und was soll ich sagen? Vater, hilf mir aus dieser Stunde! Doch darum bin ich in die Welt gekommen.
Johannes 12, 27
Der Autor verneint, dass in der Passion Jesu ein tiefer Sinn, ja, dass in ihr überhaupt irgendetwas Gutes liegt, wobei er auch hier zentrale Aussagen der Evangelien außer Acht lässt, in denen Jesus diesen Sachverhalt seinen Jüngern explizit in diesem Sinne verdeutlicht:
Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.
Johannes 12, 24
Und wie Mose in der Wüste eine Schlange erhöht hat, also muss des Menschen Sohn erhöht werden, auf das alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Johannes 13, 14-15
Nun aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand unter euch fragt mich: Wo gehst du hin? Sondern weil ich solches geredet habe, ist euer Herz voll Trauerns geworden. Aber ich sage euch die Wahrheit: es ist euch „gut“, dass ich hingehe. Denn so ich nicht hingehe, so kommt der Tröster nicht zu euch …
Johannes 16, 5-7
Der Autor verneint den Glauben, in welchem die Vergebung menschlicher Schuld ursächlich etwas mit der Passion Jesu zu tun hat. Diese Theologie führt er als unrichtig auf den Apostel Paulus zurück. Auch diese These untermauert er durch eine Vielzahl biblischer Verweise. Doch auch hier übergeht er die zentralen Aussagen der Evangelien, in denen Jesus selbst diesen Zusammenhang in dieser Weise erklärt und darlegt:
Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.
Matthäus 20, 28
Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet und reichte ihn den Jüngern mit den Worten: Trinkt alle daraus; das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.
Matthäus 26, 27-28
Der Autor verneint die Existenz eines allmächtigen Gottes. Die Erklärung Jesu in Joh. 10, 17-18, wonach göttliche Macht selbst im Zustand äußerster menschlicher Ohnmacht ihren Ausdruck findet, thematisiert der Autor nicht. Dadurch erfährt auch das allgemeine transzendente Verständnis, in welchem Jesus seine Passion auf sich nahm und welches er auch in seinen Predigten und Erklärungen verdeutlichte, in diesem Buch keinerlei Würdigung.
Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.
Johannes 10, 17-18
Auch jenen großartigen christlichen Gedanken, nach welchem die Macht der Wahrheit, selbst im Zustand menschlicher Ohnmacht niemals geschmälert werden kann, sucht man in der Theologie des Autors vergebens. Daher fehlt dieser Theologie auch der tröstliche Aspekt der Botschaft Jesu, wonach wir selbst in ungerechten, leidvollen und beschwerlichen Geschehnissen Förderung und Bestätigung erfahren müssen, wenn wir diese im Geist Jesu auf uns nehmen und bereitwillig tragen.
Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und allerlei Böses gegen euch reden und dabei doch lügen.
Matthäus 10,22
… sehet zu und erschreckt euch nicht … Alsdann werden sie euch überantworten in Trübsal und werden euch töten. Und ihr müsst gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern.
Matthäus 24, 6 + 9-10
Die Vernachlässigung dieses doch zentralen Gedankens der Bergpredigt verwundert, ist es doch ebendieser Gedanke, der den Glauben an die Auferstehung Jesu und damit die Auferstehung aller zeitlosen Wahrheit bestätigt und rechtfertigt.
Der Autor trennt Jesu Predigt vom Reich Gottes kategorisch von seiner Passion, wodurch notwendigerweise auch der transzendente Gedanke entfällt. Insofern definiert der Autor den Begriff vom Reich Gottes auch eher diesseitig. Konkret wird diese Auffassung in seiner Aufzählung verschiedener erfolgreicher karitativer Projekte, die der Autor selbst erfahren oder begleitet hat und die, seiner Ansicht nach als eine Verwirklichung des Reiches Gottes betrachtet werden können.
Abgesehen von den oben genannten Ansichten des Autors, die ich für mich persönlich als eine Fehlinterpretation der Botschaft Jesu erachte, enthält das Buch aber auch interessante theologische Ansätze und wertvolle Informationen, sodass sich die Lektüre für mich persönlich dennoch etwas gelohnt hat.
Eine weitere, vertiefende Betrachtung zum Thema Opfertod Jesu finden Sie hier auf Christophilos auch in dem folgenden Blogbeitrag: Missverstandener Opfertod Jesu
Das Gebet, das Jesus lehrte, als seine Jünger ihn darum baten, enthält eine bemerkenswerte Bitte, die da lautet:
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Matthäus 6,13
Hier sollen wir an Gott die Bitte richten, uns nicht in Versuchung zu führen. Manche Theologen können und wollen nicht glauben, dass Gott in Versuchung führen kann. So stellen sie die durchaus berechtigte Frage: Ist es nun der Teufel, der uns in Versuchung führt, oder ist es Gott selbst? Oder anders gefragt, liegt die Versuchung des Menschen in Gottes Zuständigkeitsbereich oder liegt sie woanders?
Wie also wäre die Frage nach der Zuständigkeit der menschlichen Versuchung abschließend zu beantworten? Schlüssige Antworten zu dieser Frage findet sich im Kontext der Botschaft Jesu.
Vom anonymen Gott zum gebenden Vater
Eine grundlegende Einsicht und Erkenntnis, die wir aus der Botschaft Jesu gewinnen können, ist diese: Gott führt in Versuchung, solange wir nicht um Erlösung bitten. Ohne Bitten können wir nichts erwarten und empfangen und ohne das Böse auch keine Erlösung davon. Dabei ist es allein unsere menschliche Sehnsucht nach Erlösung, die Gott zum gebenden, die ihn für uns zum Vater werden lässt. Solange wir von Gott nicht alles erdenklich Gute und Notwendige ersehnen, um Beschwerliches und Leidvolles zu überwinden, bleibt Gott für uns eine namenlose, anonyme Größe. Bitten wir aber im Sinne Jesu: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Matthäus 6,13 So wird uns Gott, eben durch diese Bitte zum Vater und wir zu seinen Kindern.
Im Geist Jesu bitten wir um die Fähigkeit, Gott in allen Geschehnissen suchen und finden zu können, weil dies seinem Wesen entspricht. Ohne sehnsuchtsvolles Bitten können wir nichts empfangen und ohne die innere Auseinandersetzung mit den Erscheinungen des Bösen keine Erlösung.
Es ist unsere Suche und unser sehnsüchtiges Bitten, wodurch wir Gott zum gebenden und damit zu unserem Vater machen.
Ganz in diesem Sinn ist auch das folgende Jesuswort zu verstehen:
Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan …
Matthäus 7, 7-8
Worin liegt der Sinn der Versuchung?
Erst dort, wo wir im Sinne Jesu, Gott als Ursache ausnahmslos aller Geschehnisse verstehen, die uns begegnen, empfangen wir alles aus der Hand Gottes, wodurch die Dinge für uns gut werden können. Bedenken wir in diesem Zusammenhang, dass Jesus in seiner Passion selbst Unrecht, Leid und Tod aus der Hand Gottes entgegengenommen hat. Und bedenken wir weiter, dass auch Jesus versucht wurde, wie uns die Evangelien berichten. Diese Geschehnisse hatten für Jesus eine grundlegende Bedeutung, denn aus seiner Haltung gegenüber seiner Passion und seiner Versuchung, können wir wiederum geistige Erkenntnisse gewinnen, die uns andernfalls nicht erreicht hätten. Daraus folgt: Passion und Versuchung Jesu hatten einen tiefen Sinn und in gleicher Weise soll (im Geist Jesu) auch unsere eigene Versuchung einen Sinn finden, worauf allein sich unsere Erlösung vom Bösen begründet. Erlösung bedeutet, dass Geist und Sinnloses unverhofft Geist und Sinn erfährt und Sinnfindung bedeutet Gott finden. Und Gott finden ist wiederum gleichbedeutend mit unserem Gefunden-werden durch Gott.
Versuchung und Erlösung – zwei Zustände
Versuchung und Erlösung sind zwei unterschiedliche innere Zustände der Wahrnehmung unseres Daseins. Diese Zustände formen unsere inneren Überzeugung. Versuchung ist eine Minderung unserer Wirklichkeit, Erlösung hingegen deren Vermehrung.
Im Zustand der Versuchung verstehen wir unsere Existenz aus uns selbst heraus. Das heißt, hier finden wir alles Lebenswerte, das wir suchen, wünschen und ersehnen als etwas sinnlich Erfahrbares, äußerlich Verfügbares oder durch uns selbst Herstellbares. Alles für uns Lebenswichtige und Mögliche befindet sich nach diesem Verständnis in dieser Welt, nichts kommt von „außerhalb“. Versuchung ist ein Zustand, in dem der Transzendenz des menschlichen Daseins keine Bedeutung zukommt. Der Mensch ist das, als was er seiner Äußerlichkeit nach erscheint, nicht weniger und nicht mehr. Insofern ist dies ein Zustand der Geistlosigkeit, der Profanität, der Banalität und der Sinnlosigkeit des Daseins. Leben wir in dieser Überzeugung, so reduzieren wir unsere menschliche Existenz auf die irdische, zeitgebundene und vergängliche Erscheinung. In diesem Zustand können und werden wir hinderlichen, leidvollen und beschwerlichen Situationen keine Bedeutung beimessen können. Dies ist der Zustand, in dem wir „in“ Versuchung sind, da wir gedanklich eins geworden sind mit der Versuchung, denn wir nehmen alles Äußere für bare Münze.
Der Zustand der Erlösung hingegen ist ein suchender, ein bittender, ein sehnsuchtsvoller, der die Überwindung aller menschlichen Hindernisse im Geist, also in Gott erkennt. In diesem Zustand erkennen wir unseren Wesenskern als ideell, zeitlos und unvergänglich. Drei Zitate mögen diesen Gedanken verdeutlichen:
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Aristoteles
Gut ist, was Wesen und Dingen ein Mehr an Wirklichkeit verleiht, böse, was ihre Wirklichkeit mindert.
Simone Weil
Ist nicht das Leben mehr als Essen und Trinken und der Leib mehr als die Kleidung?
Matthäus 6, 25
Erlösung macht uns fähig, alle Hindernisse dieses Dasein zu transzendieren, und das bedeutet, sie gedanklich zu überwinden. In diesem Zustand verstehen wir unsere gesamte Existenz in Gott und aus Gott. In der Überzeugung, die uns dieser Zustand verleiht, erkennen wir Gott als die Ursache aller Dinge, die uns begegnen und anhaften; Versuchung wie Erlösung gleichermaßen. Wann immer wir uns in diesem Zustand befinden, erkennen wir die Notwendigkeit menschlicher Versuchungen und wir werden fähig und mächtig, Gott um etwas zu bitten, das dieser uns nicht verwehren kann. Hier ist es die konkrete Bitte, dass unsere Versuchung der Erlösung dient.
In Gott sein oder in Versuchung sein
Ist Versuchung nun notwendig, oder soll sie vermieden werden? Beides! Wenn Jesus lehrt zu bitten: „Und führe uns nicht in Versuchung“ so ist in diesem Wort „in“ das Wesentliche dieser Bitte ausgedrückt. Denn so, wie wir durch Christus „in“ Gott gelangen, um vollkommen mit ihm eins zu werden, so können wir auch „in“ Versuchung geführt werden, wodurch wir eins werden mit der Versuchung. Dieses Einswerden mit der Versuchung ist es, wovon wir um Erlösung bitten sollen, wodurch es geschieht. Wir bitten nicht darum, dass unser Leben ohne Versuchung sein soll, sondern dass wir nicht eins werden mit der Versuchung. Diesen Ausdruck des Einswerdens mit einer Sache verwendet Jesus mehrfach an anderer Stelle:
An dem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch … // … damit sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; dass auch sie in uns eins seien …
Johannes 14, 20-21
Wer aber die Wahrheit tut, der kommt an das Licht, damit seine Werke offenbar werden; denn sie sind in Gott getan.
Johannes 3, 21
Das Einswerden mit der Versuchung ist es, das Gott verhindert, sofern wir ihn darum bitten, denn erst dort, wo wir gedanklich eins werden mit der Versuchung, sind wir tatsächlich „in“ Versuchung geführt worden.
Die Distanz gegenüber sich selbst
In Versuchung geführt zu sein bedeutet, dass wir dem Schein der Dinge erliegen, dass wir Irrtum und Täuschung für Wahrheit und Wirklichkeit halten. Solange wir Versuchung als solche erkennen, sind wir der Versuchung zwar ausgesetzt, aber nicht „in“ Versuchung geführt worden, denn wir wissen um die Falschheit unserer Gedanken und Handlungen, so wie es auch der Apostel Paulus formulierte:
Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber etwas tue, was ich nicht will, so tue ich dasselbe nicht; sondern die Sünde, die in mir wohnt …
Römer 7, 19-20
Dass wir versucht werden, das ist unvermeidlich, ja es ist sogar ein wesentlicher und notwendiger Teil unserer Existenz, damit wir erkennen können und wir Sehnsucht zu Gott gewinnen.
Die Bitte um Geist
Die einzige Bitte, der sich Gott nicht verschließen kann, ist die Bitte um Geist – ist die Bitte um Gott selbst. Gott kann nur sich selbst geben, da außerhalb Gottes nichts ist, was gegeben werden könnte. Wer Gott nicht entbehrt, der wird immer das Unwesentliche, das Zeitgebundene und das Entbehrliche entbehren und vermissen. Darin liegt die Versuchung, dass wir glauben, Gott entbehren zu können. Dieser Irrtum entfremdet uns von allem Wesentlichen, wie; Leben, Liebe, Geist und Sinn. Durch diesen Irrtum werden wir selbst unwesentlich und ein Opfer der Beliebigkeit. Jedoch durch unsere Bitte und Sehnsucht, nicht in Versuchung geführt zu werden, treffen wir ins Zentrum der „Sehnsucht“ Gottes. Denn in gleicher Weise, wie wir uns nach einem Zustand sehnen, der frei ist von Täuschung und Illusion (Versuchung), sehnt Gott sich danach, uns von Täuschung und Illusion zu befreien, wodurch wir mit ihm eins werden.
Grundlegendes zum Verständnis der Lehre und der Passion Jesu
Der Sinn der Mission Jesu erschließt sich uns einerseits aus seinen überlieferten Worten (Evangelien) und andererseits in seiner Passion, das heißt, in seinem Leidensweg, den er ganz bewusst wählte. Beides sind grundlegende Aspekte seiner Botschaft, die zusammengehören. In seiner Lehre verdeutlicht Jesus, dass alle „Unordnung“ unseres menschlichen Daseins, wie Ungerechtigkeit, Schwäche, Irrtum, Täuschung, Leid und Tod „nicht“ auf äußerliche Weise in Ordnung gebracht, d. h. heil werden können. Er macht deutlich, dass das Böse nur in einer bestimmten inneren Haltung gemeistert und somit „überwunden“ werden kann, wodurch es grundlegend gut wird. Diese Geisteshaltung verbal zu vermitteln und sie gleichzeitig selbst konsequent zu leben, war er gekommen.
Welche Lebenseinstellung vermittelte Jesus konkret?
Die neue Lebenseinstellung, die Jesus in seiner Botschaft vermittelte, ist allumfassend und universell. Sie besagt, dass Gott ausnahmslos alle Geschehnisse wirkt – eben auch die leidvollen und beschwerlichen. Deshalb sollen wir eben diese Bereiche in Gott „hineintragen“ damit sie einen Bedeutungswandel erfahren können. In Gott hineingetragen werden sie, indem wir sie ganz „individuell“ für uns als bedeutungsvoll auffassen und deshalb vertrauensvoll annehmen, auch wenn sie beschwerlich, ungerecht oder leidvoll sind. Deutlich wird dieses universelle Lebensverständnis Jesu an Weisungen wie der folgenden:
Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Steuereintreiber?
Matthäus 5, 43-48
Da Gott alle Geschehnisse wirkt, geschieht uns der Lehre Jesu nach, nichts von ungefähr. Im Licht seiner Botschaft wird uns alles bedeutsam, in allen Dingen liegt ein tiefer Sinn verborgen, der von uns gesucht und gefunden werden will. Dieser Sinn ist Gott selbst – der verborgene Sinn im vermeintlich Sinnlosen. In diesem Verständnis fordert Jesus uns zu einer sehnsuchtsvollen inneren Sinn- und Gottsuche auf:
Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan.
Matthäus 7,7
Die erste Aufforderung beschreibt eine innere Sehnsucht nach Geist (Gott), ohne die uns kein neues Lebensverständnis zuteilwerden kann. Die zweite Aufforderung vermittelt uns ein tiefes Vertrauen, durch welches Gott (Geist und Sinn) sich dem aufrichtig Suchenden nicht verschließen kann, sondern sich offenbaren muss. Und die dritte Aufforderung bezieht sich auf alle harten Grenzen, die das hiesige Leben uns setzt. Leid, Tod, Unrecht, Verleumdung, Ausgrenzung, Demütigung etc. wir sollen diese Grenzen bewusst berühren, wodurch sie zu uns zu Türen werden, die uns neue Räume eröffnen. Dabei kann nur das, was wir für uns „selbst“ als bedeutsam erkennen und annehmen, aufhören sinn- und bedeutungslos zu geschehen. Es ist insofern nicht möglich, jemanden anzuweisen, wie er richtig leben und handeln soll. Richtiges Leben im Sinne Jesu kommt aus dem Vertrauen, dass alles, was uns an Beschwerlichem und Leidvollem begegnet und anhaftet, einen Sinn erfährt, wenn wir es in der Geisteshaltung Jesu tragen und auf uns nehmen. Dabei ist es unerheblich, ob die Einschränkungen in uns selbst liegen (Schwäche, Irrtum, Täuschung) oder ob wir sie durch die Hand anderer erdulden.
So sind wir im Sinn Jesu aufgefordert, unsere eigene Schwäche zum Anlass zu nehmen, Vergebung und Barmherzigkeit gegenüber unserem Mitmenschen zu üben.
Bei Jesus war es die Schwachheit und Verletzlichkeit seines menschlichen Körpers, die er zum Anlass genommen hat, diesen für uns hinzugeben.
Was ist unter der Wahrheit zu verstehen, die Jesus selbst verkörperte?
Um uns diese Geisteshaltung zu vermitteln, war Jesus gekommen, darin bestand der Sinn der Mission Jesu. Diese Lehre von der grundlegenden Änderung unserer Lebenseinstellung hat er nicht nur verkündet, sondern er hat sie in seiner Passion auch selbst konsequent gelebt. In diesem Zusammenhang bezeichnet er sich selbst als die Wahrheit:
Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben …
Johannes 14, 6
Hier geht es um ein transzendentes Verständnis von Wahrheit – also um jene Wahrheit, die über unsere sterbliche Existenz hinausreicht. Mit anderen Worten; es geht um ein zeitloses Wahrheits- und Selbstverständnis. In diesem Selbstverständnis war Jesus fähig, sich Verrat, Verleumdung, Unrecht, Demütigung, Leiden und Sterben auszusetzen. Denn eben das ist das Wesen der Wahrheit Jesu, dass sie durch keine Sanktion der Welt geschmälert oder vernichtet werden kann, sondern, dass sie immer und ausschließlich Förderung erfährt, und zwar dort, wo sie das Hinderliche aus der Hand Gottes auf sich nimmt und trägt.